"Windhauch, Windhauch": über Kohelet, den "Prediger Salomo"

Historisches_Museum_Basel_Totentanz wikipedia  (Foto: Andreas Fischer)
Das Dossier enthält die Manuskripte von Vorträgen und Predigten zu dem kleinen weisheitlichen Buch am Rand des Alten Testaments.
Andreas Fischer,
Im November letzten Jahres fand im Kirchgemeindehaus Kaiseraugst die Ausstellung eines Totentanz-Zyklus des hiesigen Künstlers » Beat Frutiger (fru) statt. fru nimmt in seinem Kommentar zum Totentanz Bezug auf Kohelet, den „Prediger Salomo“. Deshalb predigte ich beim Gottesdienst mit Vernissage der Ausstellung über dieses 12 Kapitel schmale weisheitliche Buch, das im Alten Testament steht. Seither lässt mir Kohelet keine Ruhe mehr. Es sind Manuskripte für einführende Vorträge sowie eine kleine Predigtreihe entstanden, die in diesem Dossier nachgelesen werden können.

Einführung in das Buch Kohelet

Das Buch beginnt mit der Überschrift:

„Die Worte Kohelets, des Sohnes Davids, des Königs von Jerusalem.“

Das hebräische Wort „Kohelet“ bedeutet „Versammler“. Es könnte damit auf das Sammeln von Sprichwörtern angespielt sein, aber wahrscheinlicher das Um-sich-herum-Sammeln von Menschen. Es scheint, dass er als Weisheitslehrer einen grösseren Kreis von Hörerinnen und Hörern um sich versammelt hat:

„Kohelet war nicht nur ein Weiser, sondern lehrte auch das Volk Erkenntnis.“ (12, 9)

Die Funktionsbezeichnung „Kohelet“ scheint mit der Zeit zu einem Eigennamen oder jedenfalls zu einem Nickname, einem Spitznamen geworden zu sein – dies jedenfalls, wenn man voraussetzt, das Kohelet eine real existierende Person war. Es ist aber nicht auszuschliessen, dass er eine rein literarische, fiktive Figur war.

Die Identifizierung mit dem König Salomo jedenfalls erfolgt erst nachträglich. Dass Kohelet wirklich Salomo gewesen sein soll, ist schon aus sprachlichen Gründen unmöglich:

„Wenn das Buch Kohelet altsalomonisch wäre, so gäbe es keine Geschichte der hebräischen Sprache.“ (Delitzsch, nach Lauha 7)

Es gibt eine Fülle von Hinweisen darauf, dass Kohelet in einer späteren Sprachstufe geschrieben worden ist. Ein Hinweis sei erwähnt: „Pardes“ („Paradies“) ist ein persisches Lehnwort, setzt also wohl die persische Fremdherrschaft (von 539-333 v.Chr.) voraus.

Doch vermutlich ist Kohelet noch später anzusetzen. In der Forschung wird meist die These vertreten, dass das Buch im 3. Jhr.v.Chr. geschrieben wurde. Es atmet hellenistische Atmosphäre, es sei, heisst es, „der deutlichste Ort der Begegnung Israels mit griechischer Philosophie innerhalb der Bibel“ (Lohfink). Das zeigt sich insbesondere an der grossen philosophischen Frage nach dem Glück des Menschen, die im Kohelet verhandelt wird.

Dass Kohelet nachträglich mit dem König Salomo identifiziert worden ist, hat es – wie beim Hohelied der Liebe – möglich gemacht, dass dieses merkwürdige Buch in den Kanon der hebräischen Bibel aufgenommen worden ist.

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive von Kohelet geschrieben. Es ist aber offenbar von jemandem redigiert worden. Das zeigt sich schon in der Einleitung, die in der 3. Person formuliert ist:

„Die Worte Kohelets, des Sohnes Davids, des Königs in Jerusalem.“ (1, 1)

Auch die Rahmung des ganzen Buchs mit dem Leitvers geht wohl auf einen Redaktor zurück:

„Nichtig und flüchtig, sprach Kohelet,
nichtig und flüchtig, alles ist nichtig.“

So heisst es am Anfang (1, 2), und am Schluss mit dem fast identischen Worten:

„Flüchtig und nichtig, sprach Kohelet,
alles ist flüchtig.“ (12, 8)

Ganz am Schluss, in den letzten Versen im letzten Kapitel, kommt ein Redaktor ausführlicher zur Sprache:

"12, 9 Kohelet war nicht nur ein Weiser, sondern lehrte auch das Volk Erkenntnis. Er wog ab und prüfte und berichtigte viele Sprüche. 10 Kohelet suchte gefällige Worte zu finden und wahre Worte richtig aufzuschreiben. 11 Worte von Weisen sind wie Ochsenstacheln, und wie eingeschlagene Nägel sind gesammelte Sprüche. Sie sind von einem einzigen Hirten gegeben."

Dieser Redaktor ist, vielleicht, ein Schüler von Kohelet – seine Worte äussern sich allgemein-wertschätzend über den Weisheitslehrer. Doch dann kommt – unvermittelt, überraschend – ein zweiter Anhang:

"12 Und über diese hinaus - mein Sohn, lass dich warnen! - werden viele Bücher gemacht, ohne Ende, doch das viele Studieren ermüdet den Leib. 13 Ist alles gehört, lautet der Schluss: Fürchte Gott und halte seine Gebote. Das gilt für alle Menschen. 14 Denn alles Tun bringt Gott vor ein Gericht über alles Verborgene, es sei gut oder böse."

Man hat das, was hier geschieht, in der Forschung als „dogmatische Korrektur“ bezeichnet. Am Schluss kommt eine Zusammenfassung des ganzen Buchs – „Fürchte Gott und halte seine Gebote“ –, die wahrscheinlich ungefähr das Gegenteil von dem sagt, was im Buch drin steht. Die These, gegen die Kohelet über 12 Kapitel angeschrieben hat, wird am Schluss unumstösslich hingestellt.

Der Schweizer Alttestamentler Walter Zimmerli schreibt in politischem Jargon:

„Gegen die ‚Linke‘ der Schule Kohelets, deren Bücherschreiben er verabscheut, setzt er die orthodoxe Deutung der ‚Rechten‘, unter welcher Kohelet dann auch in den Kanon gelangt sein dürfte.“ (127)

Kohelet, schreibt Zimmerli nicht ohne Humor, sei nicht gerade „der unbefangene Anwalt der normalen Gemeindefrömmigkeit“. Dass ihn zu guter Letzt ein konservativer oder cleverer Redaktor so hinstellt, hat es – neben der Pseudo-Autorschaft Salomos – wohl möglich gemacht, dass das Buch in den biblischen Kanon aufgenommen wurde, und sei es vielleicht nur als das „ganz persönliche Vermächtnis eines einsamen Grüblers“, als „skeptische Randbemerkung zur weisheitlichen Überlieferung“, die als Randbemerkung gerade noch toleriert werden konnte.

Doch eigentlich ist Kohelet eben keine unkonventionelle Variation der Schulweisheit, sondern deren Umsturz, deren Revolution. Ein Kommentar formuliert das so:

„Der Zusammenhang mit der Schulweisheit ist nur äusserlicher Art, der tiefere Inhalt seiner Lehre kontrastiert mit der konventionellen Denkweise.“ (Lauha 19)

Also wenn im Buch Kohelet vordergründig weisheitliche Sprüche formuliert werden, ist das nur der Mantel. Im Schafspelz verbirgt sich ein Wolf. Kohelet, heisst es im Kommentar weiter, weicht „bewusst und schroff nicht nur von der konventionellen Weisheit ab, sondern sogar von einigen grundlegenden israelitischen religiösen Auffassungen.“ (nach Lauha 20)

Es geht also ans Eingemachte, es wird spannend :-)

Walter Zimmerli hat die Weltsicht der „Gesprächspartner“ von Kohelet schön profiliert. Es ist die „Durchschnittshaltung der optimistischen allgemeinen Weisheit“, wie sie vor allem im Buch der Sprüche, das ja ebenfalls dem König Salomo zugeschrieben wird, zur Sprache kommt.

„Weisheit ist Lebenskunde (132)… Sie entdeckt feste Zusammenhänge, nach welchen ein Krug zum Brunnen geht, bis er bricht, Hochmut zu Fall kommt, Faulheit arm macht, Selbstbeherrschung schwierige Situation zu meistern versteht.“ Es ist eine Menschen und Welt umgreifende Ordnung, welche die Weisheit ausmacht… (nach 133)

Weisheit hat eine ausgeprägte pädagogische Tendenz, eine „starke Affinität zu ‚Lehre‘ und Erziehung“. Sie mahnt:

„Zum Fleiss, zur Ehrlichkeit, zur Menschlichkeit gegenüber dem Geringen, zur Behutsamkeit vor dem Einflussreichen, zur Furcht vor Gott. Weisheit … ist das wohl zu hütende Gut, das der Ältere dem Jüngeren mit grosser Gewissheit vortragen, wenn es sein muss, auch mit Strenge einhämmern soll. Sie ist ‚Kunde‘, die sich zutraut, durch Stürme und Gefahren des Lebens wohl zu steuern.“ (ebd.)

Weisheit beruht auf der Autorität des Evidenten und Bewährten. Doch sie ist nicht nur in sich einsichtig, sie ist zugleich Gesetz Gottes. Gott ist letztendlich die Instanz, die die Weltordnung garantiert, erhält und durchsetzt.

Soweit die Skizze dieser weisheitlichen Weltsicht, mit der sich Kohelet kritisch auseinandersetzt. Einst hatte er sie selber geteilt, doch er hat den Glauben daran verloren:

„Die Lebensrealität hat für Kohelet die einfache Theorie von der Selbstverwirklichung der Gerechtigkeit zerbrochen. Er ist zur erschütternden Feststellung gelangt, dass sich die Gerechtigkeit im Leben nicht durchhält und somit allem Geschehen der sittliche Inhalt fehlt. Gott, der die Quelle aller Gerechtigkeit sein sollte, zerbricht selbst die ethische Weltordnung. Die Beobachtung der Gleichgültigkeit des Weltgeschehens gegen die Welt-Ordnung hat die Zweifel Kohelets verursacht und ihn in einen Widerspruch zur traditionellen Anschauungsweise gebracht.“ (nach Lauha 15)

Entsprechende typische Formulierungen bei Kohelet lauten:

„Es gibt Gerechte, denen es ergeht, als hätten sie gehandelt wie Frevler, und es gibt Frevler, denen es ergeht, als hätten sie gehandelt wie Gerechte.“ (8, 14)

„Da ist Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit.“ (7, 15)

Und im Angesicht des Todes sind wir sowieso alle gleich:

„Dasselbe Geschick trifft den Gerechten und den Frevler.“ (9, 2)

In der traditionellen Auslegung heisst es, dass Kohelet aufgrund dieser Einsicht dem Pessimismus und Skeptizismus verfallen sei. Eine besonders bittere Äusserung in diesem Zusammenhang lautet:

„Ach, der Weise muss sterben genau wie der Tor! Da hasste ich das Leben, denn übel erschien mir alles Tun unter der Sonne: Alles war nichtig und ein Greifen nach Wind.“ (2, 16f.)

Kohelet preist die Toten und meint, die Glücklichsten seien jene, die gar nicht zur Welt gekommen sind:

„Da pries ich die Toten, die schon gestorben sind, glücklicher als die Lebenden, die noch da sind. Besser als beide aber hat es, wer noch nicht da war, wer das böse Tun noch nicht gesehen hat, das unter der Sonne verübt wird.“ (4, 2)

In der traditionellen Forschung wird moniert, dass Kohelet nicht nur mit der Weisheit des Alten Israel bricht, sondern in der Tiefe auch mit dem biblischen Gott:

„Letzten Endes liegt die Sackgasse Kohelets an seinem Gottesbegriff… Sein Gott ist nicht der Gott des biblischen Glaubens. Das Verhältnis des Menschen zu Gott ist bei ihm ein anderes als allgemein in der Bibel. Kohelet kennt jenen Gott nicht, der für den Menschen ein ‚Du‘ ist und mit dem man ein Gespräch haben kann. Gott ist fern. ‚Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde‘ (5, 1). Für den biblischen Glauben ist zuversichtliches Vertrauen charakteristisch. Das kennt Kohelet nicht. Er hat nur Achtung vor dem unbegreiflichen Despoten.“ (nach Lauha 16f.)

Entsprechend verändert bei Kohelet der zentrale biblische Begriff der „Gottesfurcht“ seine Bedeutung:

„Die Gottesfurcht bei Kohelet ist kein williger Gehorsam und keine persönliche Verbundenheit, sondern Angst, veranlasst durch Ungewissheit und Hilflosigkeit. Gottesfurcht ist hier das Gehen unter einem geheimnisvoll verschlossenen Himmel, nie gesichert vor der Möglichkeit, dass aus ihm jäh ein Blitz hervorzuckt und den Wanderer trifft…“ (Lauha 70, vgl. auch Zimmerli, 174 und 138)

Was bleibt in dieser Perspektive, ist „Windhauch“, Hevel auf Hebräisch, das Leitwort des Kohelet, das 38 Mal vorkommt. Es meint beides, konkret eben „Windhauch“, im übertragenen Sinn dann aber auch das Vergängliche, das Flüchtige und Nichtige. Man hat vorgeschlagen, es mit dem „Absurden“, einem zentralen Begriff der Existenzphilosophie gleichzusetzen.

Die Message von Kohelet wäre dann: „Alles ist absurd.“ Und wenn es tatsächlich so wäre, könnte man mit Zimmerli immerhin sagen, Kohelet sei eine radikale Absage an das Leistungsdenken, das meint, ich sei meines Glücks eigener Schmid und selber schuld, wenn es mir nicht gut geht. Es würde die Tür öffnen in die Abgründigkeit der menschlichen Existenz – in jene Abgründigkeit, in die Christus hinabgestiegen ist, hinabgestiegen zur Hölle, aus der er alles hineinholt ins göttliche Licht.

Allerdings, wenn es so wäre, hätte ich das Buch gelesen, gewiss: fasziniert, hingerissen – doch ich hätte es wieder weggelegt. Doch nun sind mir neue Kommentare in die Hände gekommen, die eine neue Lesart von Kohelet eröffnen. Subtiler, differenzierter, tiefer.

In welche Richtung diese neue Lesart von Kohelet geht, das deute ich an dieser Stelle nur noch an. Ich werde es zu einem späteren Zeitpunkt vertiefen – es lohnt sich!

Das Leitwort „Hevel“, „Windhauch“ (Zahlwert: S. 82!) ist in dieser Sicht keine universale Aussage. „Alles ist nichtig“ bezieht sich nicht auf den Lauf der Welt, nicht auf den Kosmos. Sondern auf das Ego.

Im langen, narrativen Abschnitt am Anfang von Kohelet, von 1, 12 bis 2, 26, versetzt sich Kohelet in die Position eines Königs. „Königstravestie“ nennt man das in der Literaturwissenschaft, der Begriff ist uns schon im Hohelied begegnet.

Kohelet ist Königssohn, er ist reich, trinkfest und ein Frauenheld. Er sagt von sich:

„Ich badete meinen Leib im Wein… Ich häufte mir Silber an und Gold. Ich verschaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Lust aller Männer: Frauen und nochmals Frauen. Ich war grösser und reicher als jeder, der vor mir in Jerusalem war.“

Es fällt auf, dass jeder dieser Sätze mit „ich“ anfängt, das entsprechende Wort in der lateinischen Übersetzung lautet: „Ego“. (S. 179).

Was Kohelet da beschreibt, ist ein gigantisches Ego-Projekt – übrigens ist auch die Weisheit ein Teil des Ego-Projekts. Es ist zum Scheitern verurteilt. Er wird dabei nicht glücklich. Sein Fazit lautet:

„So kam ich dazu, an allem zu verzweifeln… Siehe, da war alles nichtig und ein Haschen nach Wind.“ (aus Koh. 2)

Das Fazit von Kohelets Königsexperiment ist, dass er als König abtritt. Fortan lebt er als einfacher Mensch, innerhalb der Grenzen von Raum und Zeit, die unser Menschsein definieren.

An eben dieser Stelle, am Ende des grossen Königsexperiments, des Ego-Projekts im Buch Kohelet steht das Gedicht über die Zeit:

"Für alles gibt es eine Stunde,
und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel:
Zeit zum Gebären
und Zeit zum Sterben,
…"

Das Gedicht gehört zur Weltliteratur. Es besteht aus sieben Strophen mit je vier Aufzählungen. Das ist kein Zufall.

Vier ist die Zahl der Himmelsrichtungen, der Jahreszeiten, der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft; die Vier umfasst die Ganzheit der Erde.

Sieben wiederum ist die Zahl der Vollendung, die Johannesapokalypse, die Offenbarung am Ende der Bibel ist voll von Siebner-Symbolik. Der Leuchter in der jüdischen Synagoge ist siebenarmig, und der siebte Tag, das ist der Tag der Vollendung, der Schabbat, der Tag der ewigen, allumfassenden Ruhe.

Und um die Zahlensymbolik noch weiter zu treiben: Das Leitwort des Gedichts, das Wort „Zeit“ besteht im Hebräischen aus den Zahlwerten 7 und 4.

Das Gedicht ist also, allein von der Form her, Ausdruck der Vollendung, es umfasst Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit. An dieser Vollendung zerbricht das Ego des Königs. Gleich anschliessend an das Gedicht über die Zeit jammert Kohelet:

"Welchen Gewinn hat, wer etwas tut, davon, dass er sich abmüht?"

Genauer übersetzt heisst es:

"Welchen Gewinn hat DER MACHER davon, dass er sich abmüht?"

Der König Kohelet ist der Inbegriff des Machers. Er meint, er sei Herr der Zeit, verfüge über das Leben, kontrolliere das Schicksal.

Doch nun wird deutlich: Er ist der Zeit ausgeliefert wie jedes andere Menschenkind auch. Im Angesicht des Todes kommen wir in Kontakt mit einer Dimension völliger Unverfügbarkeit. Da ist nichts mehr machbar. Der Kontrollverlust ist absolut.

An diesem Punkt, im Angesicht des Todes, resigniert Kohelet.

Die Vorstellung, dass wir Menschenkinder über unbegrenzte Möglichkeiten verfügen, dass wir Könige der Schöpfung und Herren über die Zeit seien – diese Vorstellung zerbricht im Nachklang eines leisen, etwas melancholischen und poetisch perfekten Gedichts.

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Was bleibt, wenn das Ego vergeht?

Es bleibt, könnte man sagen, Gott. Gott, von dem einer der alten Kommentatoren wettert, es sei nicht der biblische Gott, nicht der personale, mit dem man auf Du und Du ist, den man bitten kann und der einem wie ein gütiger Vater, eine liebende Mutter immer Antwort gibt. Nein, der Gott von Kohelet ist ein anderer.

Ludger Schwienhorst-Schönberger räumt in seinem Kommentar ein, dass „das Koheletbuch wie kaum ein anderes Buch der Heiligen Schrift die Undurchschaubarkeit und den Geheimnischarakter göttlichen Tuns betont“. Da heisst es zum Beispiel:

„Der Mensch kann das Tun, das Gott tut,
vom Anfang bis zum Ende nicht finden.

Ich sah alles Tun Gottes:
Ja, der Mensch kann das Tun,
das unter der Sonne getan wird, nicht finden.
Selbst wenn der Mensch sich abmüht,
es zu suchen, so findet er es doch nicht.
Auch wenn der Weise behauptet, es zu kennen,
so kann er es doch nicht finden.“ (nach 94)

Die Frage ist einfach, ob man diesen Sachverhalt so negativ werten muss, wie das in den alten Kommentaren gemacht wird. Vielmehr, schreibt Schwienhorst:

„Hier werden personalistische Engführungen im Gottesbild aufgebrochen, und so bleibt der Geheimnis-Charakter Gottes gegenüber jeder Form anthropomorpher Vereinnahmungen gewahrt.“ (nach 95)

Der Geheimnis-Charakter kommt zur Sprache in dem Vers, mit dem ich mich im Silvester-Gottesdienst befassen möchte. Er folgt unmittelbar auf das berühmte Gedicht von der Zeit:

"3, 11 Alles hat Gott so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch die Ewigkeit hat er den Menschen ins Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann."

In den alten Kommentaren heisst es, dass gerade dies die menschliche Not sei: dass wir Ewigkeit in unseren Herzen tragen:

„Der Mensch muss über sein Tagesgeschäft hinaus nach dem weiten Zusammenhang der Dinge, muss nach dem Vorher und dem Nachher (der ‚Ewigkeit‘) fragen.“ (Zimmerli 134)

Und diese Frage, heisst es dann, verhallt antwortlos im All.

Doch in den neueren Kommentaren wird der Vers anders gelesen: Wir haben Anteil an der Ewigkeit, Anteil an etwas, was unendlich viel grösser ist als wir selber, Anteil an Gott. Dieses Grössere ist „von Anfang bis Ende“ von Gott umfangen. Das zentrale mystische Konzept des „not knowing“ führt hinein in ein radikales Vertrauen in diese grössere Dimension, bei gleichzeitigem Loslassen aller Konzepte und Pläne des Ego. Das Nicht-Begreifen-Können von Anfang und Ende, von Vergangenheit und Zukunft führt hinein in die Gegenwart. Schwienhorst schreibt:

„Kohelet ruft den Menschen in die Gegenwart. Dort ist der einzige Ort für menschliche Erkenntnis, der Ort, indem Vergangenheit und Zukunft zusammenfallen, somit auch der einzige Ort für Freude und Glück. Die Unerforschlichkeit Gottes führt direkt zum Carpe-diem-Motiv.“

Carpe Diem, pflück den Tag – das ist überhaupt nicht zynisch gemeint, wie die alten Kommentare meinen. Es ist das Nunc Aeternum, das ewige Jetzt, die Quelle aller Freude. Im nächsten Vers heisst es:

"12 Ich erkannte, dass sie nichts Besseres zustande bringen, als sich zu freuen und Gutes zu tun im Leben. 13 Und wenn irgendein Mensch bei all seiner Mühe isst und trinkt und Gutes geniesst, ist auch dies ein Geschenk Gottes."

In diesem Sinn: Guete Rutsch! :-)

Manuskript Zoom-Vortrag 29. Dezember 2021, "zwischen den Jahren"

"Windhauch": Vortrag über ein Leitwort von Kohelet

„Windhauch“, hebräisch „hevel“ ist Leitwort im Kohelet-Buch. Es kommt insgesamt 38mal vor. An einer Stelle wird in der Forschung vermutet, dass sie sekundär sein könnte. Bleiben 37. Das würde dem Zahlwert des Worts „hevel“ entsprechen.

Doch auch ohne solche Zahlenspielerein und -spekulationen ist der Leitwort-Charakter von „Windhauch“ deutlich. Am Anfang und am Schluss taucht das Wort in zwei fast gleichlautenden Versen auf:

Nichtig und flüchtig, sprach Kohelet,
nichtig und flüchtig, alles ist nichtig (1, 2) –

heisst es im 1. Kapitel in Vers 2 gleich nach der Überschrift, und ganz am Schluss, vor den Nachworten:

Flüchtig und nichtig, sprach Kohelet,
alles ist flüchtig. (12, 8)

Oder anders, mit dem Wort „Windhauch“ übersetzt, heisst es:

„Windhauch, Windhauch, sprach Kohelet,
Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch.“

Auf Hebräisch wird das Lautmalerische vielleicht noch hörbarer:

„Hevel havalim, …, hevel havalim, hakol hevel.“

„Hevel havalim“ ist eine Genetivverbindung – gleich dem Schir haSchirim, an das sich manche vielleicht noch erinnern, das „Lied der Lieder“, was eine Steigerung zum Superlativ bedeutet, also das „schönste aller Lieder“. Entsprechend bedeutet „Hevel havalim“ „äusserst eitel“, „in grösstem Ausmass nichtig“.

Man hat gesagt, es sei „Ausdruck eines nihilistischen Urteils über das ganze Leben und dessen Werte“ (Lauha 18). Entsprechend hielt man die Übersetzung „alles ist absurd“ für richtig und Kohelet für eine Art antiken Albert Camus.

Erst in der jüngeren Forschung – ich habe das im letzten Vortrag angedeutet – hat man zu einer anderen Einschätzung des Leitworts gefunden. Und damit zu einer neuen Interpretation des ganzen Buchs.

Der Wendepunkt in der Interpretation des „Windhauchs“ liegt darin, dass man das Windhauch-Urteil nicht als ein universales versteht. Es geht nicht darum, die Absurdität des Daseins aufzuzeigen. Sondern die Flüchtigkeit des Lebensentwurfs des Königs Kohelet.

Die Identifikation mit einem König ist fiktiv, eine sogenannte Königstravestie – auch dieses Phänomen ist uns schon im Hohelied begegnet, wo sich die Liebenden in einen König, in ein Hirtenmädchen verwandeln. Die Königstravestie findet sich in Kap. 1, 12 bis 2, 26. Darin begegnet das Windhauch-Wort auffallend oft. Es dient dazu, den Lebensentwurf des Königs Kohelet zu qualifizieren.

Manche erinnern sich: König Kohelet reizt den Konsum aus bis zum Exzess. Seinen Lifestyle u.a. mit den folgenden Worten:

„Ich badete meinen Leib im Wein. … Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge. … Ich kaufte Sklaven und Sklavinnen... Auch Herden, Rinder und Schafe hatte ich mehr als alle, die vor mir in Jerusalem waren. Auch häufte ich mir Silber an und Gold und den Besitz von Königen und Ländern. Ich verschaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Lust der Männer: Frauen und nochmals Frauen. So wurde ich grösser und reicher als jeder, der vor mir in Jerusalem war. … Was immer meine Augen begehrten, verwehrte ich ihnen nicht. Keine Freude versagte ich meinem Herzen.“ (2, 1-10 *)

Das Leben ist für Kohelet eine Konsumorgie: Alles wird konsumiert, alles verschlungen. Das Fazit ist ernüchternd:

„Siehe, alles war nichtig und ein Haschen nach Wind.“ (V. 11)

„Alles ist nichtig“, „alles ist eitel“ – oder eben modern übersetzt: Es ist alles absurd. Kohelet lebt, mit einem anderen Wort, das in der Existenzphilosophie wichtig ist, im Zustand der Entfremdung. Entfremdet von sich selber, von seinen Mitmenschen, seiner Mitwelt, von Gott.

Die wichtige Beobachtung in der neueren Exegese ist nun aber, dass dieses Windhauch-Urteil sich nicht auf das Universum bezieht, sondern auf den Lebensstil von König Kohelet. Das Ego wird diesem Urteil unterworfen, nicht das Universum. Das zeigt sich in den ersten Kapiteln daran, dass die Königstravestie von zwei Gedichten gerahmt sind: Dem Gedicht über den Kosmos und dem Gedicht über die Zeit.

„Für alles gibt es eine Stunde, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel“, heisst es am Anfang des berühmten Gedichts über die Zeit: „Zeit zum Gebären und Zeit zum Sterben. Zeit zum Pflanzen und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten“ usw…

Das andere Gedicht beschreibt die grossen Kreise der Schöpfung, den Aufgang und Untergang der Sonne, das Wehen des Winds, das Strömen der Flüsse ins Meer und wieder zurück in den Ursprung:

„Die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter
und strebt nach dem Ort, wo sie wieder aufgeht.
Es weht nach Süden und dreht nach Norden,
dreht, dreht, weht, der Wind.
Und weil er sich dreht, kommt er wieder, der Wind.
Alle Flüsse fliessen zum Meer,
und das Meer wird nicht voll.
Zum Ort, wo die Flüsse entspringen,
dorthin kehren sie zurück, um wieder zu entspringen.“ (nach 1, 5-7)

Im Pendel der Zeit, im Kreisen der Natur zeigt sich gemäss Kohelet Gott. Und in diesen beiden Gedichten taucht nirgends das Wort „Windhauch“ auf. Nein, sie sind nicht nichtig und flüchtig. Im Gegenteil: Im Anblick dieser Zyklen, die viel grösser unser Alltagsbewusstsein – darin zeigt sich gerade, wie flüchtig und nichtig ein konsumistischer Lebensentwurf ist wie jener von König Kohelet.

Das Windhauch-Urteil betrifft also nicht das Universum, sondern das Ego. Diese fundamentale Einsicht wird bestärkt durch den Fortgang der Lektüre des Kohelet-Buchs. Da zeigt sich, dass das Wort „Windhauch“ viel seltener vorkommt – und in sich subtil verändernder Bedeutung.

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Eine Perikope, in welcher das „Windhauch“-Wort vorkommt, sei im Folgenden noch vertieft betrachtet:

„4, 17 Gib acht auf deine Füsse, wenn du zum Hause Gottes gehst. Und tritt hinzu, um zu hören, und nicht, um ein Schlachtopfer zu stiften wie die Toren. Sie verstehen nicht, dass sie Schlechtes tun. 5, 1 Sei nicht vorschnell mit deinem Mund, und dein Herz übereile sich nicht, etwas vor Gott zu bringen. Denn Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde. Darum mach nicht viele Worte. 2 Denn wer viel Mühe hat, fängt an zu träumen, und wer viel spricht, fängt an, töricht zu reden. … 6 Wo Illusionen sich mehren und Nichtigkeiten und viele Worte, da fürchte Gott!“

Das Wort, das hier mit „Nichtigkeiten“ übersetzt ist, ist hebräisch eben „Hevel“ bzw. in der Mehrzahl: „Havalim“.

Das Wort umfasst hier alle Illusionen jener, die Kohelet als „Toren“ bezeichnet. Jene, die Tiere schlachten und opfern, statt zu hören. Kohelet steht in der opferkritischen Tradition, die immer wieder einmal aufscheint in der hebräischen Bibel. Etwa bei Samuel, wo es heisst:

„Hat der EWIGE an Opfern Gefallen wie am Hören auf die Stimme des EWIGEN? Ja, Hören ist besser als Schlachtopfer und Achtsamkeit besser als das Fett von Widdern.“ (1. Sam 15, 22, nach 312)

Zum Opfern gesellt sich das plappernde Gebet. Dieses war in der Antike en vogue. Auch Jesus hat sich in der Bergpredigt gegen heidnische Geschwätzigkeit ausgesprochen:

„Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; sie meinen nämlich, sie werden ihrer vielen Worte wegen erhört. Tut es ihnen nicht gleich! Euer Vater weiss, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ (Mt. 6, 7)

Und dann, anschliessend, lehrt Jesus seine Jünger:innen das „Unser Vater“.

Ein anderer Bezug ist jener zu Sokrates, dem Archetyp der griechischen Philosophie. Er sagt zu einem seiner Schüler:

„Du bist auf dem Weg zum Tempel, um zu den Göttern zu beten? … Meinst du nicht, dass es dabei grosser Vorsicht bedarf, um zu verhüten, dass man nicht ahnungslos ein grosses Unheil erfleht?“

Und dann weiter:

„Es ist nicht Art der Götter, sich durch Geschenke umstimmen zu lassen, wie ein elender Wucherer… Du siehst: es ist nicht ungefährlich, sich Gott im Gebet zu nahen. Mir scheint, es ist das Beste, du verharrst im Schweigen.“

Es heisst, jener Schüler habe sein Opfer dann verschoben :-) (nach 317)

Im Kommentar von Schwienhorst-Schönberger, dem ich all diese wunderbaren Gedanken entnommen haben, heisst es schön:

„Allem ‚religiösen Tun‘ geht das Hören voraus… Eine grosse Gefahr des homo religiosus (des religiösen Menschen) besteht darin, dass er mit seinem religiösen Tun und Reden das Sprechen Gottes übertönt. Will der Mensch wirklich Gott antworten und nicht nur sich selbst, dann muss er zunächst innehalten, schweigen und hören. Das kann lange dauern.“ (318)

Doch alles andere wäre eben: „Windhauch“, „Nichtigkeit“. Es ist kein Zufall, dass das hebräische Wort „Hevel“ ein terminus technicus, ein Spezialwort in der Götzenpolemik ist. Die Götzen sind „Havalim“. „Mit ihren nichtigen Götzen haben sie mich gereizt“, sagt Gott, der EWIGE etwa im 5. Buch Mose (32, 21; vgl. Lauha 18!). Es ist eines von vielen Beispielen.

Die Götzen sind mit magischen Praktiken manipulierbar. Ihnen gegenüber gilt es, viele Worte zu machen.

Der Gott Kohelets hingegen ist im Himmel, während unsereins auf Erden ist. So heisst es in den berühmten Worten aus Vers 5, 1:

„Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde.“

Man hat gesagt, diese unendliche Distanz zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde sei unbiblisch.

In einem Kommentar heisst es:

„Gott ist ein ferner Despot. Er hat keinen Kontakt mit den Menschen. Es ist nicht anzunehmen, dass selbst das eifrigste Gebet von der Erde her den Himmel erreicht.“ (Lauha, nach 313)

Und in einem anderen Kommentar wird gesagt:

„Ganz sicher ist, dass Kohelets Aussage über den Gott, der im Himmel thront und dem man nie begegnen kann, nicht zu vereinbaren sind mit dem, was sonst im Alten Testament über Gott gesagt wird: dass er sich offenbart hat, dass er handelnd und erwählend in die Geschichte eingegriffen hat und eben in diesem seinem erwählenden Handeln erkennbar und anzubeten ist… Nach dem Zeugnis des Alten wie des Neuen Testaments muss man von Gott anders reden.“ (D. Michel; nach 313)

Tatsächlich ist das Gottesbild von Kohelet ein anderes. Ob es deswegen unbiblisch ist, ist aber zu bezweifeln. Es ist das Gottesbild einer sogenannten „Theologia negativa“, einer negativen Theologie. Sie verneint alle anthropomorphen (vermenschlichenden) Gottesbilder.

Sie distanziert sich (im eigentlichen Sinn des Wortes!) von all diesen quasi kollegialen Bildern von Gott als meinem Kumpel und best friend (nach 314) - oder auch als Erfolgsgarant innerhalb des Kapitalismus, wie der deutsch-amerikanische Philosoph ihn mit beissender Ironie beschreibt:

„Der Glaube an Gott wird als ein Mittel empfohlen, den eigenen Erfolg noch zu vergrössern. Genauso wie moderne Psychiater dem Angestellten empfehlen, glücklich zu sein, um anziehender auf die Kundschaft zu wirken, gibt es Pfarrer, die den Rat geben, Gott zu lieben, um erfolgreicher zu werden. ‚Mache Gott zu deinem Partner‘ bedeutet, man soll Gott zu seinem Geschäftspartner machen… Gott verwandelt sich gleichsam in den Generaldirektor der Universum GmbH.“ (nach Kunst des Liebens, 118)

Auszug aus Manuskript Zoom-Vortrag 27. Januar 2022

"Gottesfurcht": Vortrag über Koh. 7, 15-18

Text:

7, 15 Beides sah ich in meinen flüchtigen Tagen: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit. 16 Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise. Warum willst du scheitern? 17 Sei nicht zu oft ungerecht, und sei kein Tor. Warum willst du sterben vor deiner Zeit? 18 Gut ist es, wenn du dich an das eine hältst und auch vom anderen nicht lässt. Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall recht verhalten.

Vortrag:

J: Den Gerechten lässt der Herr nicht hungern,
A: aber die Gier der Ungerechten stösst er weg.

J: Man gedenkt des Gerechten, um Segen zu wünschen,
A: der Name der Ungerechten aber verwest.

J: Eine Quelle des Lebens ist der Mund des Gerechten,
A: der Mund der Ungerechten aber verdeckt Gewalttat.

J: Der Lohn des Gerechten erhält ihn am Leben,
A: der Ertrag des Ungerechten verführt ihn zur Sünde.

J: Reines Silber ist die Zunge eines Gerechten,
A: das Herz der Ungerechten ist wenig wert.

(aus Sprüche 10, nach Schwienhorst 385)

Wir hören hier auf :-). Es gäbe noch Dutzend, ja Hunderte weiterer solcher Spräche, die alle in der Bibel stehen.

Die Sprüche sind alle nach demselben Muster gestrickt: Im einen Teil geht es um den Gerechten, im anderen um den Ungerechten. Der Gegensatz ist absolut, tertium non datur, ein Drittes gibt es nicht.

Das Strickmuster ist simpel: Das Leben des Gerechten gelingt, das des Ungerechten scheitert. Dazu gehört auch, dass das Leben des Gerechten lange dauert. Auch dafür gibt es eine Fülle von Belegen, z.B.:

"Gottesfurcht vermehrt die Lebenstage,
die Jahre der Ungerechten aber werden vermindert." (V. 27)

Und den folgenden Beleg will ich euch nicht vorenthalten – er ist, was man von den zuvor zitierten nicht sagen kann, immerhin mit einer Prise Humor gewürzt:

"Graues Haar ist eine prächtige Krone,
man findet sie auf dem Weg der Gerechtigkeit." (16, 31)

Kohelet nun problematisiert dieses einfache Strickmuster. Er vergleicht es mit seiner eigenen Erfahrung – und merkt: das Strickmuster funktioniert nicht. Gleich zu Beginn der heutigen Lesung sagt Kohelet:

"Beides sah ich in meinen flüchtigen Tagen: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit." (V. 15)

Die ganze Theorie, die Kohelet in der Weisheitsschule eingetrichtert worden ist, erweist sich als „Windhauch“, als Dunst und Luftgespinst, als „flüchtig und nichtig“.

Man beachte dabei die feine Ironie, mit der Kohelet seine Einsicht zur Sprache bringt: Er verwendet genau dieselbe Spruchform, in der ihm die Lehrer ihre Weisheit vermittelten, diesen sogenannten antithetischen Parallelismus, der zwei gegensätzliche Aussagen einander gegenüberstellt, also um noch ein Beispiel zu nennen:

"Dem Gerechten widerfährt kein Unheil,
aber die Ungerechten trifft das Unglück voll." (12, 21)

Sprachlich im genau gleichen Stil sagt Kohelet --- das Gegenteil!:

"Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit." (V. 15)

Auf der Basis dieser Beobachtung gibt uns Kohelet den folgenden Rat fürs Leben:

"Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise. Warum willst du scheitern?" (V. 16)

Auch in die umgekehrte Richtung empfiehlt Kohelet, es nicht zu weit zu treiben:

"Sei nicht zu oft ungerecht, und sei kein Tor. Warum willst du sterben vor deiner Zeit?" (V. 17)

Man hat in der Forschung gesagt, dass hier eine Weltordnung zusammenbricht:

Aus Sicht von Kohelet hat „die sittliche Lebensordnung versagt. Es lässt sich nicht mehr beweisen, dass Gott den Gerechten liebt und den Gottlosen verschmäht… Im Leben bewahrheitet sich die Gerechtigkeit nicht. Das Weltgeschehen hat keine ethische Grundlage und keinen tieferen Sinn.“ (Lauha, 136)

Die Ratschläge, die Kohelet im Folgenden gibt, heisst es in einem Kommentar weiter, seien ironisch gemeint und nicht wirklich ernst zu nehmen:

„Kohelet versucht, der ernsten Wirklichkeit in Ironie und schelmischem Humor zu entfliehen.“ (ebd.)

Das aber sei ein heikles Unterfangen:

„Die kühne Ironie Kohelets geht gefährlich weit. Er scheint sich gewissermassen auf Kosten der biblischen Grundbegriffe von 'Gerechtem' und 'Ungerechten' lustig zu machen: beide braucht man nicht so ernst zu nehmen, als würden sie sich gegenseitig ausschliessen.“ (nach 133)

Und dann folgt der Spitzensatz im Kommentar des bekannten finnischen Alttestamentlers und lutherischen Bischofs Aarre Lauha:

„In allem spiegelt sich der weltanschauliche Bankrott von Kohelet.“ (136)

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Diese Lesart von Kohelet, hier von Aarre Lauha repräsentiert, war früher üblich. Doch in der neueren Forschung haben sich neue Perspektiven auf den alten Prediger Salomo eröffnet. Sie werde ich im Folgenden darzulegen versuchen.

Grundsätzlich ist man Kohelet dankbar, dass er die Selbstverständlichkeit infrage stellt, mit der an vielen Stellen in der Bibel Gerechte und Ungerechte einander entgegengestellt werden. Und den einen ein gelingendes, den anderen ein scheiterndes Leben verheissen wird.

Annette Schellenberg, eine Schweizer Alttestamentlerin, die in Wien lehrt, schreibt dazu:

„Dass das Verhalten des Menschen einen Einfluss darauf hat, wie es ihm ergeht, ist eine Annahme, die bis heute eine wichtige Rolle spielt; man denke etwa an die Diskussionen … zur Wichtigkeit von Sport und zur Kraft des positiven Denkens, an psychologische Erklärungen von Krankheiten und nicht zuletzt an Sprichwörter wie ‚Lügen haben kurze Beine‘ oder ‚Gott straft sofort‘. Noch selbstverständlicher als heute sind die Menschen in der Antike davon ausgegangen, dass es zwischen dem Tun und dem Ergehen eines Menschen einen Zusammenhang gibt.“ (nach 29) „Demgegenüber weist Kohelet auf die Unberechenbarkeit des Lebens und erinnert daran, dass alle Güter (Reichtum, Ehre Erfolg, ein langes Leben) von Gott kommen.“ (nach 24)

Man ist Kohelet dankbar für seine Zweifel, nicht nur, weil die eigene Lebenserfahrung dem nicht entspricht, dass die Gerechten glücklich sind und die Frevler elend enden. Sondern auch, weil es manchmal gar nicht so klar ist, wer da eigentlich der Gerechte ist und wer der Ungerechte.

„Neben der (unbarmherzigen) These, dass es jeder Mensch selber in der Hand hat, ob es ihm gut oder schlecht geht, beinhaltet diese Weltsicht auch ein (undifferenziertes) Schwarz-Weiss-Denken… Eine solche Weltsicht ist einfach und von daher attraktiv. Kohelet aber weiss, dass sie nicht stimmt.“ (30)

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In dem Text, den wir heute genauer anschauen, spricht Kohelet von den „Übergerechten“. Er sagt nicht: „Sei nicht gerecht“, er sagt: „Sei nicht übergerecht“. Das ist etwas anderes.

Kürzlich ist das Buch „Die Erwählten – Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet“ des us-amerikanischen Literaturprofessors John McWhorter auf Deutsch erschienen. Es befasst sich, könnte man sagen, mit den Übergerechten.

McWhorter ist, wie es in einer Rezension in der Sonntagszeitung pointiert heisst, „kein abgehängter, alter weisser Mann, sondern schwarz“. Er streitet, selbstverständlich nicht ab, dass es Rassismus gibt. Aber, sagt er:

„Ich wehre mich gegen den Fundamentalismus der Anti-Rassismus-Bewegung, die doch einst angetreten sei, die Menschen freier zu machen. Ausgerechnet das, was die Anti-Rassismus-Bewegung in ihren Anfängen gefordert hatte – Menschen nicht aufgrund ihrer Ethnie zu klassifizieren –, ist nun das entscheidende Kriterium geworden. Alles dreht sich nur noch darum, wer zu welcher Ethnie gehört. Statt für mehr Gleichheit zu sorgen, ist die Bewegung eine ‚ideologische Schreckensherrschaft‘ mit ‚inquisitorischen Zügen‘ geworden, bei der alle Gefahr laufen, jederzeit des Rassismus beschuldigt zu werden.“

Rassismus, sagt McWhorter, sei „längst zum Selbstzweck verkommen, der sich darin erschöpft, überall Rassismus zu wittern und diesen lautstark anzuprangern – es dann aber meistens dabei zu belassen“:

„Jene, die wirklich darunter leiden, haben kaum etwas von dieser neuen Bewegung. Die Menschen mittleren Alters mit einem Macchiato in der Hand gefallen sich in ihrer Rolle der ‚Erwählten‘ vor allem sich selber.“ (nach Sonntagszeitung 20. Februar 2022)

Statt von „Erwählten“ könnte man auch von „Übergerechten“ sprechen. Das Buch ist mit spitzer Feder verfasst – eben so erinnert es an die Bissigkeit, mit der sich auch Jesus von Nazareth über die „Übergerechten“ geäussert hat.

Nein, für Jesus waren nicht die Sünder das Problem, nicht die Prostituierten und Zöllner. Sondern jene, die er holzschnittartig als „Pharisäer und Heuchler“ bezeichnet hat:

„Wehe euch, ihr Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel, lasst aber ausser acht, was schwerer wiegt im Gesetz: das Recht, die Barmherzigkeit und die Treue. …. Ihr blinden Führer, die ihr die Mücke aussiebt, das Kamel aber verschluckt. Wehe euch! Aussen haltet ihr Becher und Schüssel rein, inwendig aber sind sie voller Raub und Gier. … Wehe euch, ihr Heuchler! Ihr gleicht getünchten Gräbern, die von aussen schön anzusehen sind, inwendig aber sind sie voller Totengebein und Unrat. So erscheint auch ihr den Leuten von aussen als gerecht, innen aber seid ihr voller Heuchelei und Verachtung für das Gesetz. (aus Mt. 23*)

Kohelet empfiehlt – etwas entspannter, gelassener als Jesus – solcher „Übergerechtigkeit“ nicht anheimzufallen. Doch auch Ungerechtigkeit gilt es zu meiden und kein Narr zu sein, empfiehlt Kohelet.

Er ist keiner mithin jener „Spötter“, die in der Bibel auch vorkommen (vgl. Psalm 42). Die die Frommen frotzelnd fragen: „Wo ist nun dein Gott?“. Die die Tora, das Gesetz Mose, die biblischen Gebote bewusst über Bord geworfen haben, weil das aus ihrer Sicht eine Befreiung von Altlasten bedeutet (vgl. Schwienhorst 390, 423f.).

Das wären im biblischen Jargon die „Ungerechten“. Heute würde man vielleicht sagen, es seien jene, die der Chile ab em Chare gheit sind.

Auch dieses Modell ist nicht, was Kohelet meint. Man könnte Kohelets Vorschlag als „goldenen Mittelweg“ bezeichnen – und ihn, wiederum mit Lauha, als oberflächliche Ironie abwerten:

„Die Idee des ‚Gleichgewichtes‘ lebt überall, wo es um common sense geht“, schreibt er (134, nach Loretz), wobei „Common Sense“ negativ konnotiert ist.

Das entsprechende lateinische Wort klingt in unseren Ohren ebenfalls negativ, es lautet „mediocritas“ :-) Doch in der Sache meint mediocritas Bedenkenswertes:

Der grosse griechische Philosoph Aristoteles hat seine Ethik auf dem Grundgedanke der Mesotes (griech. für lat. mediocritas), des Mittel-Masses entwickelt:

„Jeder Kundige meidet das Übermass und den Mangel und sucht und wählt die Mitte… Die Tugend ist eine Mitte, da es ihr wesentlich ist, nach dem Mittleren zu zielen“ (Schwienhorst u.a. zur Stelle). „Die Tugend ist die Mitte zwischen den beiden Fehlhaltungen, die durch ein Zuviel oder durch einen Mangel abgegrenzt wird.“ (Kaiser 85)

Dass es Aristoteles aber um auf Kompromiss bedachte Mittelmässigkeit geht, ist ein Missverständnis:

„Ihrer Substanz nach ist die Tugend Mitte; insofern sie aber das Beste ist und alles gut ausführt, ist sie Äusserstes und Ende.“ (Schw., ebd.)

Auch der Buddha beschreibt seine Lehre als „Mittleren Weg“:

„Zwei Extreme sind nicht zu pflegen. Welche zwei? Bei den Sinnendingen sich dem Anhaften am Sinnenwohl hingeben, dem niederen, gemeinen, gewöhnlichen, unedlen, heillosen; und sich der Selbstqual hingeben, der schmerzlichen, unedlen, heillosen. Diese beiden Extreme vermeidend, ist der Vollendete zum mittleren Vorgehen erwacht, das sehend und wissend macht, das zur Beruhigung, zum Überblick, zur Erwachung, zum Nirvāna führt.“ (nach Wikipedia)

Weiter sei der Individuationsprozess beim Schweizer Psychiater C.G. Jung als ein „In-die-Mitte-Kommen“ erwähnt. Jung wird der folgende, im Internet vielfach kolportierte schöne Sinnspruch zumindest zugeschrieben:

„Wer zugleich seinen Schatten und sein Licht wahrnimmt sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte.“

Und schliesslich, auf dem Weg von diesem Exkurs zurück zu Kohelet, sei auf die Worte beim Eingang in den Apollontempel in Delphi hingewiesen – Delphi, dem Nabel der Welt: „Nichts zu sehr!“ und „Das Mass ist das Beste!“ (Kaiser 54f.)

Der Gedanke dabei: Der Ratsuchende soll vor Hybris bewahrt werden, vor Selbstüberhebung und Gottvergessenheit. Das Gegenteil von Hybris in biblischer Sprache ist: „Gottesfurcht“.

Und damit kommen wir zur eigentlich wesentlichen Erkenntnis von Kohelet: Im uralten Streit von Nomismus vs. Antinomismus, „Gesetzlichkeit“ vs. „Libertinismus“, „Woodstock“ vs. „Viktorianismus“, „Gerechten“ vs. „Ungerechten“, in dem es scheinbar kein „Drittes“ gibt, öffnet sich ein Zwischenraum.

Es ist, als würde Kohelet, der Weiseste aller Weisen, sich insgesamt von dem alten biblischen Bezugssystem mit „Gerechten“ und „Frevler“, „Weisen“ und „Toren“ verabschieden.

Sein Leitwort ist nicht Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit, nicht Weisheit noch Torheit, sein Leitwort ist Gottesfurcht: „Ja, wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall recht verhalten“, sagt er.

Gottesfurcht – das klingt „orthodox“. In einem der eingangs erwähnten Sprüche ist es – im Kontext des traditionellen Tun-Ergehen-Zusammenhangs – gleichgesetzt mit „Gerechtigkeit“:

„Gottesfurcht vermehrt die Lebenstage,
die Jahre der Ungerechten aber werden vermindert.“ (Spr. 10, 27)

Ähnliches gilt für den Schluss von Kohelet, der, wie im ersten Vortrag gezeigt, ein „Zusatz von orthodoxer Hand“ ist (Lauha 223):

„Ist alles gehört, lautet der Schluss:
Fürchte Gott und halte deine Gebote.“ (12, 13)

Anders als dieser Redaktor des Koheletbuchs ist für den Autoren selber „Gottesfurcht“ keineswegs identisch mit „Gerechtigkeit“, der „Gottesfürchtige“ nicht gleich dem „Gerechten“ im eingangs dargestellten dualen Modell des traditionellen Tun-Ergehen-Zusammenhangs.

Vielmehr meint Gottesfurcht für Kohelet „das Erfülltsein von Gottes Wirklichkeit“ (Romano Guardini). „Gottesfurcht“ ist das, was das Wort „Religion“ eigentlich bedeutet (vgl. Schwienhorst 98), wenn man es von lateinisch re-ligare ableitet, was festbinden, anbinden, rück-binden meint, Religion als Rückverbindung mit dem Ursprung.

Aus diesem Ursprung heraus gilt es, sein Leben zu gestalten. Dann kommt es gut, nicht in einer äusserlichen, oberflächlichen und möglicherweise sogar zwanghaften Einhaltung von vermeintlich göttlichen Geboten. Und auch nicht im Über-Bord-Werfen aller Religion, weil einem dieses ganze „Gerechtigkeits“-Dings wie ein enges, einschnürendes Korsett vorkommt.

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Das Wort „Gottesfurcht“ kommt nur ganz selten vor in Kohelet, doch an so wichtigen Stellen, dass man Kohelet auch schon als das „Hohelied der Gottesfurcht“ bezeichnet hat. Auf zwei Stellen sei abschliessend hingewiesen (eine weitere – die einzige noch verbleibende - wird Thema der » nächsten Predigt sein):

Letztes Mal haben wir im Zusammenhang mit dem Wort „Windhauch“, „Nichtigkeit“ den Abschnitt 4, 17 bis 5, 6 angeschaut. Ganz am Schluss jenes Abschnitts steht, mit sogenanntem Achtergewicht:

Wo Illusionen sich mehren und Nichtigkeiten und viele Worte, da fürchte Gott!“ (5, 6)

Vielleicht erinnert ihr euch: Gegen jeden religiösen Aktivismus, gegen das Opfern, gegen das Viele-Worte-Machen sagt Kohelet, es gelte, zu Gott hinzutreten, UM ZU HÖREN (4, 17) – DAS meint Gottesfurcht, diese Wende, die ein Diktum, das Sören Kierkegaard zu geschrieben wird, schön beschreibt:

"Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde - was womöglich ein noch grösserer Gegensatz zum Reden ist - ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloss Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heisst nicht, sich selbst reden hören, sondern beten heisst: Still werden und warten, bis der Betende Gott hört."

Kehren wir abschliessend noch weiter zurück, zur ersten Stelle im Buch Kohelet, wo von „Gottesfurcht“ die Rede ist. In 5, 6 ist es eine Aufforderung:

Wo Illusionen sich mehren und Nichtigkeiten und viele Worte, da fürchte Gott!“ (5, 6)

Zuvor aber, im ersten Beleg, 3, 14, ist nicht von einer Aufforderung die Rede, sondern davon, dass Gott selber die „Gottesfurcht“ schafft:

„Ich erkannte, dass alles, was Gott schafft, für die Ewigkeit ist. Nichts ist ihm hinzuzufügen, und nichts ist davon wegzunehmen. Gott bewirkt, dass man sich vor ihm fürchtet.“

Da ist kein Aufruf, keine Aufforderung, kein Befehl, nirgends. Bevor ich „Gott fürchte“, hat Gott selber „Gottesfurcht“ in mein Herz gelegt.

Dem ist tatsächlich „nichts hinzuzufügen“. Es sind Worte „für die Ewigkeit“.

Manuskript Zoom-Vortrag 2. März 2022

„Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus“: Predigt anlässlich des Gottesdienstes mit Eröffnung der Totentanz-Ausstellung von fru

Wieder einmal dient unser Kirchenraum derzeit als Galerie. „Totentanz“ heisst die Ausstellung, die wir heute eröffnen und die uns dann den November über begleitet.

Der November, mit Allerheiligen, Allerseelen und dem Ewigkeitssonntag, gilt als „Totenmonat“. Die Bilder, die an der Wand hängen, stammen vom Kaiseraugster Künstlers Beat Frutiger oder fru, wie er sich selber nennt. fru hat übrigens, sinnigerweise, im November Geburtstag.

Die eigentliche Vernissage findet im Anschluss an den Gottesdienst statt, mit einer kleinen Lesung und passender Musik. Doch das Thema sei jetzt schon lanciert:

Der Totentanz ist im Mittelalter aufgekommen, unter dem Einfluss der Pest, einer Pandemie, die in den Städten mehr als die Hälfte der Menschen dahinraffte.

Eine berühmte Darstellung des Totentanzes ist der „Tod von Basel“. Er war ursprünglich auf die Friedhofsmauer bei der Predigerkirche gemalt. Fragmente davon können heute im Historischen Museum besichtigt werden.

Beat Frutiger hat eine moderne Form des Totentanzes kreiert. Die Botschaft damals und heute ist ein und dieselbe:

Der Totentanz ist ein memento mori, das heisst, er erinnert uns daran, dass wir alle sterblich sind, unabhängig davon, ob ich König, Kurtisane, Kaufmann oder Kind bin. Der Tod trifft uns alle…

Soweit besteht Konsens. Doch was ist die Konsequenz? Wie ist mit dieser Realität umzugehen, dass unser Sein ein Sein zum Tode ist?

„And on that day, when my strength is failing…
Und an dem Tag, wo meine Kraft schwindet, wenn das Ende naht und meine Zeit gekommen ist, wird meine Seele weiterhin, ohne Ende dein Lob singen, zehntausend Jahre lang und in Ewigkeit“ - so heisst es in der letzten Strophe des Songs, den wir gesungen haben. Dass wir einst mit unseren in den kosmischen Lobgesang der Engel und aller Wesen einstimmen werden, das ist für mich, der ich gerne singe, eine Metaphorik, die ich als tief wahr erlebe.

Doch wer weiss schon, was einst sein wird im Änedraa?

Im Vorwort seines „Totentanz“-Buchs zitiert fru ein Lied, das in Studentenverbindungen gesungen wird:

„Gaudeamus igitur iuvenes dum sumus…
Freuen wir uns also, solange wir jung sind.
Nach fröhlicher Jugend,
nach beschwerlichem Alter
wird uns die Erde haben.“

Und dann zitiert fru ein Gedicht, das tatsächlich in der Bibel steht, im Alten Testament in einem wenig bekannten, kleinen, grossartigen Büchlein namens Kohelet, auf Deutsch „Prediger Salomo“. Dort heisst es:

„Die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen gar nichts, und sie haben keinen Lohn mehr, denn die Erinnerung an sie ist geschwunden. Ihre Liebe, ihr Hass, ihre Eifersucht sind längst dahin, und auf ewig haben sie keinen Anteil mehr an all dem, was unter der Sonne getan wird.

Auf, iss dein Brot mit Freude, und trink deinen Wein mit frohem Herzen; denn längst schon hat Gott dieses Tun gebilligt. Jederzeit seien deine Kleider weiss, und an Öl auf deinem Haupt soll es nicht fehlen. Geniesse das Leben mit einer Frau, die du liebst, all die Tage deines flüchtigen Lebens, die Gott dir gegeben hat unter der Sonne, all deine flüchtigen Tage. Das ist dein Teil im Leben, bei deiner Mühe und Arbeit unter der Sonne. Was immer du zu tun vermagst, das tu. Denn weder Tun noch Planen, weder Wissen noch Weisheit gibt es im Totenreich, dahin du gehst.“

Es spräche einiges dafür, an dieser Stelle „Ja“ und „Amen“ zu sagen. Staunend darüber, dass solche Texte in der Heiligen Schrift stehen. Wo es nicht um die Auferstehung der Toten geht, nicht um das Jüngste Gericht und nicht um den himmlischen Lobgesang.

Da wird ganz gelassen und, übrigens, auf höchstem literarischem Niveau festgestellt, dass unsere Tage hier unten auf Erden, „unter der Sonne“ begrenzt sind, flüchtig wie Windhauch. Dass all unsere Erfahrungen von Liebe, Hass und Eifersucht vergänglich sind. Verschwinden werden wie Dust in the wind.

Und weiter: Dass es gilt, diese Tage zu geniessen. Carpe Diem, sagte man dem in der Antike, pflücke den Tag. Du weisst nicht, ob dir morgen noch ein weiterer geschenkt wird.

Und dann auch: Dass Gott es gut findet, wenn du mit Freude isst, mit fröhlichem Herzen Wein trinkst. Was gibt es mehr zu sagen?

Wenn überhaupt irgendetwas, dann vielleicht dies:

In der Bibel kommen oft die „Weisen“ zu Wort, die Schriftgelehrten. Sie sind so etwas wie die Priester und Pfarrherren der Antike. Sie wissen genau, wo Gott hockt, wie wir unser Leben zu führen haben, was uns einst im Änedraa erwarten wird. Sie haben auf all die grossen Fragen unseres Lebens eine Antwort. Beziehungsweise: Sie meinen, eine Antwort darauf zu haben. An einer Stelle sagt so ein Schriftgelehrter, Elifas heisst er mit Namen:

„Siehe, das habe ich erforscht, so ist es. … Nimm auch du es an!“ (Hiob 5, 27, nach Schwienhorst)

Dieser „Weise“, „Gelehrte“ behauptet also von sich, er habe den „Grund der Dinge“ erforscht, und die anderen, die ihm zuhören, seine Schülerinnen und Schüler, sie sollen seine Weisheit von ihm annehmen, sie ihm nachbeten.

Doch Kohelet, der Prediger Salomo, der zurecht als Weiseste aller Weisen gilt, er sagt etwas anderes. Er sagt:

„Fern ist der Grund der Dinge und tief, tief – wer will ihn finden?“ (Koh. 7, 24)

Er sagt sinngemäss:

„Ich habe bei Tag und bei Nacht kein Auge zugetan. Ich nahm mir vor, Weisheit zu verstehen, das Treiben zu kapieren, das hier auf der Erde geschieht. Das einzige, was ich verstanden habe: Der Mensch kann das, was ‚unter der Sonne‘ geschieht, nicht verstehen. Auch wenn er sich abmüht, er wird die Wahrheit nicht finden. Und wenn der Weise behauptet, er habe sie gefunden – er hat trotzdem nichts verstanden!“ (nach 8, 16f.)

Kohelet ist kritisch gegenüber der Tradition. Kritisch gegenüber dem, was man glauben soll, weil Weise, Gurus und Gelehrte es behaupten.

Es gilt, sagt Kohelet, das Nicht-Wissen zuzulassen, die Fragen, den Zweifel, die Leere-Unendlichkeit, die offene Weite. Es gilt, alle Vorstellungen loszulassen, vom Leben und auch von Gott. Es gilt, zu schweigen.

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Was aus dem Schweigen heraus entsteht?

Zwei Antworten kommen mir in den Sinn, eine westliche und eine östliche, könnte man vielleicht sagen, eine christliche und eine buddhistische.

Die erste Antwort stammt von meinem Vater. Er war, wie manche wissen, Pfarrer, wenn auch in alten Tagen der Chile chli ab em Chare gheit. Als meine Eltern schon im Pflegheim waren und die dementielle Erkrankung meines Vaters schon weit fortgeschritten war, fragte ich ihn einmal, warum er eigentlich nie in die Andacht gehe. Seine Antwort lautete:

„Also das wäre mir jetzt noch nie in den Sinn gekommen. Ich habe aber von solchen gehört, die schicken ihre Frauen.“

Vieles, eigentlich alles von dem, was er in langen Jahren des Theologiestudiums gelernt hatte, verlor im Alter an Bedeutung, ging schlicht vergessen. Doch etwas blieb.

Als ich meinen Vater fragte, welcher Spruch oben auf seiner Todesanzeige stehen soll, antwortete er trotz und mit seiner Demenz deutsch und deutlich:

„Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit“

Die Worte „Alles Ding währt seine Zeit“ stammen aus Kohelelt, dem Prediger Salomo. „Gottes Lieb in Ewigkeit“ – das ist, wenn man so will, die christliche Antwort auf die Frage, was bleibt.

Die Worte stammen aus dem grössten Text des Apostels Paulus, seinem Hohelied der Liebe. An dessen Ende fragt er: „Was bleibt, wenn alles vergeht?“ Die Antwort lautet: „Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Am grössten unter ihnen ist die Liebe.“

Mein Vater ist vor drei Jahren am Chilbi-Sonntag gestorben. Heute wäre Chilbi-Sonntag, wenn die Chilbi nicht aus bekannten Gründen abgesagt wäre. Singen wir das Lied des grossen evangelischen Liederdichters Paul Gerhardt, in dem diese Zeile steht:

„Alles Ding währt seine Zeit. Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Wir singen bei Nummer 724 die ersten beiden und die letzte, die Strophen 1, 2 und 10…

Lied: „Sollt ich meinem Gott nicht singen“ (724, 1.2.10)

„Alles Ding währt seine Zeit“, sagt Kohelet, der Prediger Salomo. „Alles fliesst“, „panta rhei“ sagt der griechische Philosoph Heraklit.

Bei meinem ersten Spaziergang hier in Kaiseraugst vor sieben Jahren sah ich unten am Fluss den Buddha, der über dem Schiffsteg sitzt und gleichsam über dem Rhein wacht. Manche erinnern sich: Ich habe in meiner Antrittspredigt davon erzählt.

Der Buddha am Rhein erinnerte mich an ein Buch, das vor langer Zeit, als Jugendlicher für mich eine grosse Bedeutung hatte. Es heisst „Siddhartha“, geschrieben hat es der bekannte deutsch-schweizerische Schriftsteller und Dichter Herrmann Hesse. „Siddhartha“ ist ein anderer Name für „Buddha“.

Das Buch enthält, könnte man sagen, die östliche, „buddhistische“ Antwort auf die Frage, was bleibt, wenn alles fliesst.

Die erste Antwort, die Siddhartha gibt, lautet, „dass es gut ist, nach unten zu streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen. Der reiche und vornehme Siddhartha wird ein Ruderknecht, der gelehrte … Siddhartha wird ein Fährmann: auch dies ist dir vom Fluss gesagt worden.“

Üblicherweise bemüht man sich, nach oben zu streben. Man erklimmt die Stufen einer Karriereleiter, es soll aufwärts gehen, wirtschaftlich, finanziell und auch spirituell. Der Himmel, stellt man sich vor, ist ja oben. Doch der weise Fährmann gibt eine andere Empfehlung: Steig hinunter, sagt er, hinab in die Tiefe. Es gilt, einfach zu werden, ursprünglich, elementar.

„Der Grund der Dinge ist tief, tief“, sagt auch Kohelet, der Prediger Salomo.

Es gilt also, in der Nachfolge von Kohelet und Buddha, alles Reiche, Vornehme, Gelehrte und Weise loszulassen und ein einfacher Fährmann zu werden, der zuhören kann.

Siddhartha lebte viele Jahre am Fluss und lauschte dem Wasser. Irgendwann erfuhr er, was Hören wirklich bedeutet. Er erfuhr, dass es keine Trennung gibt, erfuhr die ursprüngliche Einheit von allem mit allem, die Einheit von Innen und Aussen, die Einheit mit dem Fluss, die Einheit mit Gott:

„Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhören vertieft… Oft schon hatte er all dies gehört, diese vielen Stimmen im Fluss, heute klang es neu. Schon konnte er die vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, … sie gehörten alle zusammen, Klage der Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Stöhnen der Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und verknüpft, tausendfach verschlungen.“

Hören wir jetzt, gleichsam im Modus des Siddhartha, ein Impromptu von Franz Schubert. Ein Impromptu ist ein „augenblicklicher Einfall“. Es geht also um den Augenblick. Dieser eine Augenblick, auch wenn wir es mit unserem Alltagsbewusstsein nicht erfassen, enthält alles, das ganze Universum, alle Zeit und die Ewigkeit. Wie es im Gedicht des Barockdichters Andreas Gryphius heisst:

„Mein sind die Jahre nicht,
die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht,
die etwa mögen kommen;
der Augenblick ist mein,
und nehm ich den in acht,
so ist der mein,
der Zeit und Ewigkeit gemacht.“

Kaiseraugst, 17. Oktober 2021

„So klopft das Schicksal an die Pforte“: Kurzpredigt anlässlich des Atelier-Gottesdienstes zum Thema „Die letzte Reise“



Was Kohelet zur Verzweiflung bringt, ist die Vergänglichkeit. Er erkennt, dass auch er sterben wird. Und mehr noch: dass er in Vergessenheit geraten wird. Das sagt er mit erschütternden Worten am Schluss unserer heutigen Lesung:

„An die Früheren erinnert man sich nicht,
und an die Späteren, die kommen werden,
auch an sie wird man sich nicht erinnern
bei denen, die danach sein werden.“

Auf Todesanzeigen steht manchmal der Satz, dass die Angehörigen den Verstorbenen in Ewigkeit in ihren Herzen tragen werden. Das klingt tröstlich, es ist, als gäbe es Unsterblichkeit in Form der Erinnerung.

Doch eigentlich ist dem nicht so. Denn auch die Nachfahren werden sterben, und nach zwei, drei Generationen später verschwindet das Gedenken langsam aber sicher.

Was bleibt, wenn die Erinnerung verlöscht?

In der Bibel heisst es, dass Gott aus dem Tod neues Leben schafft. Gott sagt: „Ich mache einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Gott sagt: „Siehe, ich mache alles neu.“

Doch hier, bei Kohelet, der auch in der Bibel steht, heisst es:

„Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“

Dass es nichts Neues gibt, sagt Kohelet, zeigt sich an Naturphänomenen, an der Sonne, am Wind, am Fluss, am Meer. Es sind Zeilen von grosser dichterischer Schönheit:

„Die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter
und strebt nach dem Ort, wo sie aufgeht.
Es weht nach Süden und dreht nach Norden,
dreht, dreht, weht, der Wind. Und weil er sich dreht, kommt er wieder, der Wind.
Alle Flüsse fliessen zum Meer, und das Meer wird nicht voll. Zum Ort, wo die Flüsse entspringen,
fliessen sie, fliessen sie wieder zurück.“

Man hat gesagt, Kohelet passe eigentlich nicht in die Bibel. Die Bibel spreche, eben, von Gott, der Neues, Wunderbares, Unvorhergesehenes schafft. Der Kirchenvater Augustin hat sogar vom heidnischen Irrwahn der ewigen Wiederkehr des Gleichen gesprochen: „Im Kreise laufen die Gottlosen herum“.

Und es sei, heisst es dann weiter, kein Wunder, dass Kohelet depressiv werde, dass er zur Einsicht kommt, die am Anfang des Buches steht:

„Nichtig und flüchtig, alles ist nichtig.“

Diese Worte, im hebräischen Urtext sind es vier Worte: Hevel havalim haKol hevel – diese vier Worte könnte man mit den vier Tönen am Anfang der Schicksalssymphonie von Beethoven zu vergleichen:

Assel spielt das Motiv auf dem Klavier :-).

Beethoven soll von diesen Tönen gesagt haben: „So pocht das Schicksal an die Pforte.“ (144)

Das Gleiche geschieht hier: Das Schicksal klopft an bei Kohelet. Und er sieht: Sein Leben ist flüchtig und nichtig. Sein Ego vergheit.

Das ist aber nicht deshalb der Fall, weil die grossen Kreisläufe der Natur sinnlos wären. Da, glaube ich, hat der Kirchenvater Augustinus, Unrecht. Vielmehr: Im Anblick dieser wunderbaren, grossen Kreisläufe der Natur erkennt Kohelet, wie lächerlich und oberflächlich sein dauerndes Kreisen um sich selbst ist.

Wir Menschenkinder existieren in viel grösseren Zusammenhängen, als es unser Alltagsbewusstsein wahrzunehmen vermag. Das zeigt sich auch in unserer Lesung, in den mythologischen Bildern von der Sonne und dem Fluss:

Die Sonne kehrt durchs Dunkel des Ozeans vom Westen zum Osten zurück, um dort neu aufzugehen. Das Wasser strömt als Nachtfluss durch die Tiefen der Erde zurück zur Quelle. Das sind keine naturwissenschaftlichen Aussagen, das sind Aussagen über unsere Seele.

Auch unsere Seele taucht ein ins Dunkel, in die Nacht, in den Schlaf, ins Unbewusste. Von dort kehrt sie wieder zurück ans Tageslicht, ins Bewusstsein.

In diesem grossen Kreisen wird auch unser christlicher Glaube an die Auferstehung von Jesus Christus aus den Toten verständlich. Der Messias steigt hinunter ins Dunkel der Seele, der Welt, hinunter ins Reich des Todes, bis in die Hölle hinunter, heisst es in den alten Glaubensbekenntnissen. Und von dort holt alles, alles hinein ins Licht der Auferstehung.

Kann sein, dass unsere letzte Reise, jene in die Ruhe, die Freude, ins ewige Licht – dass diese Reise uns in eine absolut neue, unbekannte Welt hinein führen wird. Es kann sein, aber es könnte auch anders sein. Der grosse griechische Kirchenvater Gregor von Nyssa schreibt in seinem Kommentar zu den Worten: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ das Folgende:

„Die Auferstehung ist nichts anderes als die Wiederherstellung des Ursprünglichen.“ (174)

In der Zeit, in der wir leben, wird Fortschritt positiv bewertet. Vielleicht aber wäre nicht Fortschritt das Gebot der Stunde, sondern Rückkehr zum Ursprung in einer grossen Kreisbewegung.

Ich stelle mir die letzte Reise vor als Reise zurück zum Ursprung, ins Paradies, ins Land, wo Milch und Honig fliessen. Es wird wunderbar sein dort, die Früchte süss, das Licht warm. Wir selber werden wieder strahlen, wird werden wieder eingehüllt sein in unser ursprüngliches Lichtkleid.

Auf all unseren Wegen und einst auf unserer letzten Reise: Bhüet eus, Gott! Amen.

Kaiseraugst, 7. November 2021

„Ewigkeit in ihren Herzen“: Predigt anlässlich des Silvester-Gottesdienstes 2021

„Alles zerrinnt“, „sein Werk vergeht“, „die wir im Winde treiben“, „im Fluge unsrer Zeiten“ – so heisst es in dem Lied, das wir eben gesungen haben.

Darin klingt darin das Leitmotiv von Kohelet an, des Predigers Salomo, jenes Buchs in der hebräischen Bibel an, mit dem wir uns im zu Ende gegangenen Jahr intensiv befasst haben:

„Windhauch, Windhauch“.

Oder nochmals anders übersetzt:

"Nichtig und flüchtig, sprach Kohelet,
nichtig und flüchtig, alles ist nichtig."

Kohelet stellt fest, dass unsere Tage hier unten auf Erden, „unter der Sonne“ begrenzt sind, flüchtig wie, eben, Windhauch. Dass all unsere Erfahrungen von Liebe, Hass und Eifersucht vergänglich sind. Dass sie verschwinden werden wie Dust in the wind.

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„Dust in the Wind“, also „Staub im Wind“ – so heisst der Kult-Song der us-amerikanischen Rock-Band Kansas aus den 70-er Jahren. In dem Song heisst es:

"Dasselbe alte Lied, nur ein Tropfen Wasser in einem endlosen Meer.
Alles was wir tun, zerbröselt am Boden, doch wir weigern uns, es zu sehen.
… Nichts hält für immer ausser Erde und Himmel.
Es verschwindet alles, und all dein Geld kann keine weitere Minute kaufen.
Staub im Wind, alles was wir sind, ist Staub im Wind."

Das erinnert thematisch und sprachlich bis in den Wortlaut hinein an Kohelet, den Prediger Salomo. Und vermutlich kennt Autor des Songs den Prediger Salomo ja tatsächlich auch.

Doch inspiriert hat ihn nach eigener Aussage etwas anderes, nämlich ein Buch der amerikanischen Ureinwohner, das er las.

Darin hat ihn die Zeile angesprochen: „For all we are is dust in the wind“. Und dann weiter: „Ich habe all diesen Erfolg und diese materiellen Besitztümer. Doch ich werde zurück in die Erde gehen. Und was bedeutet all mein Erfolg im Licht dieser Tatsache?“

Der Song ist ziemlich bekannt – wer mitsingen oder –summen mag, soll das gerne tun.

Song: „Dust in the Wind“ (Ad hoc-Chor)

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Kohelet ist Königssohn, er ist reich, trinkfest und ein Frauenheld. Er sagt von sich:

„Ich badete meinen Leib im Wein… Ich häufte mir Silber an und Gold. Ich verschaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Lust aller Männer: Frauen und nochmals Frauen. Ich war grösser und reicher als jeder, der vor mir in Jerusalem war.“

Es fällt auf, dass jeder dieser Sätze mit „ich“ anfängt, das entsprechende Wort in der lateinischen Übersetzung lautet: „Ego“. (S. 179).

Was Kohelet da beschreibt, ist ein gigantisches Ego-Projekt. Es ist zum Scheitern verurteilt. Er wird dabei nicht glücklich. Sein Fazit lautet:

„So kam ich dazu, an allem zu verzweifeln… Siehe, da war alles nichtig und ein Haschen nach Wind.“ (aus Koh. 2)

Das Fazit von Kohelets Königsexperiment ist, dass er als König abtritt. Fortan lebt er als einfacher Mensch, innerhalb der Grenzen von Raum und Zeit, die unser Menschsein definieren.

An eben dieser Stelle, am Ende des grossen Königsexperiments, des Ego-Projekts im Buch Kohelet steht das grosse Gedicht über die Zeit:

Es ist viel bekannter als sein Autor Kohelet bzw. das gleichnamige Buch, in dem es drin steht. Da heisst es:

3, 1 Für alles gibt es eine Stunde,
und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel:
2 Zeit zum Gebären
und Zeit zum Sterben,
Zeit zum Pflanzen
und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten,
3 Zeit zum Töten
und Zeit zum Heilen,
Zeit zum Einreissen
und Zeit zum Aufbauen,
4 Zeit zum Weinen
und Zeit zum Lachen,
Zeit des Klagens
und Zeit des Tanzens,
5 Zeit, Steine zu werfen,
und Zeit, Steine zu sammeln,
Zeit, sich zu umarmen,
und Zeit, sich aus der Umarmung zu lösen,
6 Zeit zum Suchen
und Zeit zum Verlieren,
Zeit zum Bewahren
und Zeit zum Wegwerfen,
7 Zeit zum Zerreissen
und Zeit zum Nähen,
Zeit zum Schweigen
und Zeit zum Reden,
8 Zeit zum Lieben
und Zeit zum Hassen,
Zeit des Kriegs
und Zeit des Friedens.

Das Gedicht, das lässt sich so sagen, gehört zur Weltliteratur. Es besteht aus sieben Strophen mit je vier Aufzählungen – was kein Zufall ist.

Vier ist die Zahl der Himmelsrichtungen, der Jahreszeiten, der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft; die Vier umfasst die Ganzheit der Erde.

Sieben wiederum ist die Zahl der Vollendung, die Johannesapokalypse, die Offenbarung am Ende der Bibel ist voll von Siebner-Symbolik. Der Leuchter in der jüdischen Synagoge ist siebenarmig, und der siebte Tag, das ist der Tag der Vollendung, der Schabbat, der Tag der ewigen, allumfassenden Ruhe.

Das Gedicht ist also, allein von der Form her, Ausdruck der Vollendung, es umfasst Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit.

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An dieser Vollendung zerbricht das Ego des Königs. Gleich anschliessend an das Gedicht über die Zeit jammert Kohelet:

"Welchen Gewinn hat, wer etwas tut, davon, dass er sich abmüht?"

Genauer übersetzt heisst es:

"Welchen Gewinn hat DER MACHER davon, dass er sich abmüht?"

Der König Kohelet ist der Inbegriff des Machers. Er meint, er sei Herr der Zeit, verfüge über das Leben, kontrolliere das Schicksal.

Doch nun wird deutlich: Er ist der Zeit ausgeliefert wie jedes andere Menschenkind auch. Im Angesicht des Todes kommen wir in Kontakt mit einer Dimension völliger Unverfügbarkeit. Da ist nichts mehr machbar. Der Kontrollverlust ist absolut.

Die Vorstellung, dass wir Menschenkinder über unbegrenzte Möglichkeiten verfügen, dass wir Könige der Schöpfung und Herren über die Zeit seien – diese Vorstellung zerbricht im Nachklang eines leisen, etwas melancholischen und poetisch perfekten Gedichts.

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Was bleibt, wenn das Ego zerfällt?

Was bleibt – oder mehr noch: was entsteht, / wenn das Ego vergeht, ist GOTT, ist die Ewigkeit – die Ewigkeit in meinem Herzen.

Gleich anschliessend an das Gedicht über die Zeit sagt Kohelet Folgendes:

"11 Alles hat Gott so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch die Ewigkeit hat er den Menschen ins Herz gelegt, jedoch ohne dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, von Anfang bis Ende begreifen könnte. 12 Ich erkannte: Es gibt kein Glück bei ihnen (den Menschen), als sich zu freuen und Gutes zu tun im Leben. 13 Und immer wenn ein Mensch isst und trinkt und bei all seiner Arbeit Glück erfährt, ist dies ein Geschenk Gottes. 14 Ich erkannte: Alles, was Gott schafft, ist für die Ewigkeit. Nichts ist ihm hinzuzufügen, und nichts ist davon wegzunehmen. Und Gott bewirkt, dass man sich vor ihm fürchtet. 15 Was geschah, war schon, und was geschehen wird, ist schon geschehen. Nur Gott kann das, dem man nachjagt, suchen."

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So poetisch schön das Gedicht über die Zeit, so philosophisch tief ist dieser Abschnitt, in den ich mich nun, am Ende des Jahres, hinein versenken möchte.

In den ersten beiden Kapiteln des Kohelet-Buchs kommt Gott nicht vor. König Kohelet kreist um seine Besitztümer, seine Leistungen, seine Verzweiflung und Resignation. Er kreist um sein Ego.

Das bekannte Resultat lautet: „Windhauch, Windhauch. Alles ist nichtig und flüchtig.“ Doch davon ist nun keine Rede mehr. Nun ist die Rede von der Ewigkeit, die tief in meinem Herzen liegt.

Ewigkeit als die Dimension Gottes, die all jene Zeiten umfängt, von denen vorher die Rede war, den guten und den schlechten Zeiten. Ja, die Ewigkeit umfasst auch Weinen und Klagen, Zerreissen und Hassen, den Krieg und den Tod, all jene bösen Zeiten. Auch sie sind alle in Gott geborgen.

Mit wahrhaft wirklich weisen Worten sagt Kohelet:

„Am Tag des Glücks sei guter Dinge, und am Tag des Unglücks denk daran: Auch diesen hat Gott gemacht.“ (7, 14)

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Und dann fährt er fort:

„Was künftig sein wird, kann der Mensch nicht wissen.“ (ebd.)

Es bleibt dies eine Grenze, die zu unserer Existenz hier unten auf Erden gehört: Wir können „das Werk, das Gott gemacht hat, von Anfang bis Ende nicht begreifen“.

Um die Tragweite dieser Aussage zu verstehen, gilt es, etwas auszuholen: In der Bibel kommen oft die „Weisen“ zu Wort. Sie sind so etwas wie die Priester und Pfarrherren der Antike.

Sie sind überzeugt, dass es tatsächlich möglich ist, in die Zukunft zu blicken (S. 273f.), nicht im Sinn von Wahrsagerei, aber im Sinn dessen, was man modern Karma nennt. Das gibt es tatsächlich auch in der Bibel, in der Forschung bezeichnet man es als schicksalwirkende Tatsphäre.

Das heisst, mein Verhalten wirkt sich irgendwie auf mein Dasein aus, vielleicht nicht so direkt, dass ich in die von mir gegrabene Grube falle im Sinn des biblischen Sprichworts: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“

Vielleicht nicht so direkt, aber allemal immer irgendwie entsteht aus meinem Verhalten eine Sphäre, eine Aura, die sich als mein Schicksal manifestiert:

„Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

Diese Worte, die auf x spirituellen Seiten im Web stehen und mal einem englischen Schriftsteller, mal dem jüdischen Talmud, mal der chinesischen Weisheit und dann wieder der hinduistischen Karma-Lehre zugeschrieben werden – diese Worte beschreiben auf eingängige Weise, was mit schicksalwirkender Tatsphäre gemeint ist.

Gedanken sind nicht einfach flüchtig und frei, sie sind mächtig, sie tragen in sich eine Kraft. Dies gilt in fortlaufender Steigerung für Worte, für Taten, für Gewohnheiten – es ist eine zunehmende Verdichtung, geradezu Verdinglichung der Sphäre, die sich schicksalhaft auswirkt, in einem gelingenden oder scheiternden Leben.

Das ist das weisheitliche Grundmuster, das von vielen Weisen aller Zeiten und Kulturen vermittelt wird. Nicht undenkbar, dass daran etwas Wahres ist.

Doch Kohelet, der Prediger Salomo, der zurecht als Weiseste aller Weisen gilt, er sagt etwas anderes. Er sagt:

„Fern ist der Grund der Dinge und tief, tief – wer will ihn finden?“ (Koh. 7, 24)

Er sagt sinngemäss:

„Ich habe bei Tag und bei Nacht kein Auge zugetan. Ich nahm mir vor, Weisheit zu verstehen, das Treiben zu kapieren, das hier auf der Erde geschieht. Das einzige, was ich verstanden habe: Der Mensch kann das, was ‚unter der Sonne‘ geschieht, nicht verstehen. Auch wenn er sich abmüht, er wird die Wahrheit nicht finden. Und wenn der Weise behauptet, er habe sie gefunden – er hat trotzdem nichts verstanden!“ (nach 8, 16f.)

Man hat gesagt, das sei eine resignierte Sicht der Welt. Doch das ist es gerade nicht. Es gilt, sagt Kohelet, das Nicht-Wissen zuzulassen, die Leere-Unendlichkeit, die offene Weite. Es gilt, alle Vorstellungen loszulassen, vom Leben und auch von Gott. Es gilt, unwissend aller Dinge zu werden – wie es der grosse deutsche Mönch und Mystiker des Mittelalters Meister Eckehart formuliert hat:

„Je mehr du unwissend aller Dinge wirst,
um so näher kommst du dem, der da alle Dinge ist.“ (Meister Eckehart, 70; 210)

Einst war Kohelet selber ein Weiser. Weisheit war Teil seines Ego-Projekts, ebenso wie die Häuser, die Gärten, die Frauen. Er sagte:

„Ich nahm mir vor, in Weisheit alles zu erforschen und zu erkunden, was unter dem Himmel getan wird.“ (1, 13)

Er sagte:

„Ich bin grösser und weiser als jeder, der vor mir über Jerusalem geherrscht hat, und mein Herz hat viel Weisheit und Erkenntnis gesehen.“ (1, 16)

Auch hier: Ich, ich, ich. Auch die Weisheit war Teil seines Ego-Projekts. Doch nun lernte Kohelet das, was man in biblischer Sprache Demut und Gottesfurcht nennt. In moderner Meditations-Sprache ausgedrückt: Er lernte das not knowing, das Nicht-Wissen. Den Anfänger-Geist, wie ihn einst der grosse japanische Meditationslehrer Shunryu Suzuki auf unübertrefflich Weise zur Sprache brachte:

„Im Anfänger-Geist gibt es keinen Gedanken: ‚Ich habe etwas erreicht.‘ Alle selbstbezogenen Gedanken grenzen unseren unendlich weiten Geist ein. Wenn wir nicht daran denken, etwas zu erreichen, … sind wir wahre Anfänger… Im Anfänger-Geist gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige.“ (nach 23)

Kohelet hat sich vom Experten zum Anfänger gewandelt, vom Weisen zum Nicht-Wissenden, vom Gelehrten zum Mystiker. Seine hochgelehrten Einsichten in den Lauf der Welt sind verschwunden, haben sich verflüchtigt, vom Windhauch, Windhauch verweht.

Was bleibt, ist ein Ur-Vertrauen, ein Glaube, der tiefer gründet als Wissen, tiefer als die begrenzte menschliche Erkenntnisfähigkeit: Gott ist das Geheimnis der Welt. Was Gott schafft, sagt Kohelet, ist für die Ewigkeit, man muss, darf, kann, soll nichts hinzufügen und nichts wegnehmen, es ist vollkommen. „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit“, auch die scheinbar bösen Zeiten sind in Gottes Geheimnis geborgen.

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Das Nicht-Wissen führt Kohelet ins Ur-Vertrauen. Er kommt zur Ruhe, wird gelassen. Er hört auf, dem „nachzujagen“, was war und was sein wird. So heisst es im etwas seltsamen letzten Vers unserer Lesung:

„Was geschah, war schon, und was geschehen wird, ist schon geschehen. Nur Gott kann das, dem man nachjagt, suchen.“ (V. 15)

In einer anderen Übersetzung, jener der Zürcher Bibel, heisst es:

„Gott wird suchen, was verloren ging.“

Die etwas kryptischen Worte bedeuten wohl dies: All das, was wir verloren haben, was vergessen gegangen ist, zerronnen in der Vergangenheit wie Dust in the Wind; all das, dem wir nachjagen, die Ziele der Zukunft, die Pläne, Strategien, Konzepte --- all das Verlorene, all das Unerreichte, all das ist geborgen in Gott. Zusammengehalten von liebenden Händen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfangen.

Wir Menschenkinder hingegen, wir können Vergangenheit und Zukunft nicht fassen. Die Zeit, die uns bleibt, ist die Gegenwart (S. 274). Das Jetzt. Der Augenblick.

Dieser eine Augenblick – auch wenn wir es mit unserem Alltagsbewusstsein nicht erfassen – enthält alles, das ganze Universum, alle Zeit und die Ewigkeit. Wie es im Gedicht des Barockdichters Andreas Gryphius heisst:

„Mein sind die Jahre nicht,
die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht,
die etwa mögen kommen;
der Augenblick ist mein,
und nehm ich den in acht,
so ist der mein,
der Zeit und Ewigkeit gemacht.“

Kohelet bringt diesen Fokus auf den Augenblick, die Gegenwart, das Jetzt zur Sprache im sogenannten Carpe Diem-Motiv.

Carpe Diem. Pflücke den Tag.

Immer wieder taucht dieses „Carpe Diem-Motiv“ auf bei Kohelet, in verschiedenen Variationen, auch in dem Abschnitt, den wir gehört haben. Carpe Diem. Pflücke den Tag – das ist Kohelets letzte und tiefste Erkenntnis:

„Ich erkannte: Es gibt kein Glück bei den Menschen, als sich zu freuen und Gutes zu tun im Leben. Und immer wenn ein Mensch isst und trinkt und bei all seiner Mühe Glück erfährt, ist dies ein Geschenk Gottes.“ (3, 12f.)

Das ist, finde ich, ein wunderbares Leitwort fürs neue Jahr. In dem Sinn: Guete Rutsch! Bhüet eus, Gott! Amen.

Kaiseraugst, 31. Dezember 2021

"Seine Seele Glück sehen lassen": Predigt über Glück, das zentrale Thema von Kohelet

Einleitung:

Am 13. Februar, am Vorabend des Valentinstags, planen Assel, Jutta und ich einen Abend mit Klaviermusik und Texten aus dem Essai „Die Kunst des Liebens“ des deutsch-amerikanischen Philosophen Erich Fromm – weshalb ich derzeit dieses handliche Büchlein studiere.

In Bezug auf den heutigen Gottesdienst, in dem wir gemäss Ankündigung nach Glück graben, ist mir ein Satz aufgefallen: „Heutzutage ist jeder glücklich“, schreibt Fromm, aus dem Jahrhundertroman „Brave New World“ von Aldous Huxley zitierend, mit bitterbös-beissender Ironie:

„Heutzutage ist jeder glücklich.“

Fromm kommentiert den Satz folgendermassen:

„Des Menschen Glück besteht heute darin, ‚seinen Spass zu haben‘. Und man hat seinen Spass, wenn man sich Gebrauchsgüter, Bilder, Essen, Trinken, Zigaretten, Menschen, Zeitschriften, Bücher und Filme ‚einverleibt‘, indem man alles konsumiert, alles verschlingt. Die Welt ist nur noch da zur Befriedigung unseres Appetits, sie ist ein riesiger Apfel, eine riesige Flasche, eine riesige Brust, und wir sind die Säuglinge, die ewig auf etwas warten, ewig auf etwas hoffen und ewig enttäuscht werden. Unser Charakter ist darauf eingestellt, … Dinge in Empfang zu nehmen und zu konsumieren. Alles und jedes – geistige wie materielle Dinge – werden zu Objekten … des Konsums.“ (99)

„Heutzutage ist jeder glücklich.“ Huxley hat diesen Satz 1946 geschrieben, Fromm hat ihn zehn Jahre später zitiert. Er scheint auch „heutzutage“ noch immer aktuell zu sein, 75 bzw. 65 Jahre später. Und er war schon vor ca. zweieinhalbtausend Jahren aktuell, in jener Zeit, als das biblische Buch Kohelet geschrieben wurde, der Prediger Salomo.

Manche erinnern sich: König Kohelet reizt den Konsum aus bis zum Exzess. Am Anfang des Buchs schildert er seinen Lifestyle:

„Ich badete meinen Leib im Wein. … Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge. … Ich kaufte Sklaven und Sklavinnen... Auch Herden, Rinder und Schafe hatte ich mehr als alle, die vor mir in Jerusalem waren. Auch häufte ich mir Silber an und Gold und den Besitz von Königen und Ländern. Ich verschaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Lust der Männer: Frauen und nochmals Frauen. So wurde ich grösser und reicher als jeder, der vor mir in Jerusalem war. … Was immer meine Augen begehrten, verwehrte ich ihnen nicht. Keine Freude versagte ich meinem Herzen.“ (2, 1-10 *)

Das Leben ist für Kohelet eine Konsumorgie: Alles wird ‚einverleibt‘, wie Erich Fromm sagt, alles konsumiert, alles verschlungen. Das Fazit ist ernüchternd:

„Siehe, alles war nichtig und ein Haschen nach Wind.“ (V. 11)

„Alles ist nichtig“, „alles ist eitel“ – modern übersetzt: Es ist alles absurd. Kohelet lebt im Zustand der Entfremdung. Entfremdet von sich selber, von seinen Mitmenschen, seiner Mitwelt, entfremdet von Gott.

Als ihm das bewusst wird, erwacht tief in ihm ein Sehnen, ein Durst nach Glück.

Singen wir dieses Lied: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott. Es ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst…“

Lied: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“

Predigt:


Kohelets konsumistischer Lebensentwurf ist also zusammengebrochen. Nun ist der Weg frei, um das wahre Glück zu finden. Es ist dies ein Glück – so heisst es im Lied, das wir eben gesungen haben – „wie nur DU (Gott) es gibst“.

Tatsächlich steht am Anfang der neuen Glücksuche Gott. Die Zeit des Konsums war eine Zeit ohne Gott. Gott kommt in den ersten Kapiteln von Kohelet nicht vor. Doch nun kommt er ins Spiel, zum Beispiel in den folgenden Versen im 5. Kapitel. Da sagt Kohelet:

„Siehe, was ich gesehen habe: Wahres Glück besteht darin, zu essen und zu trinken und Gutes zu sehen bei all seiner Arbeit, mit der man sich abmüht unter der Sonne in der ganzen Zeit seines Lebens, die Gott einem gegeben hat. Das steht einem jeden zu als sein Teil. Wenn Gott einem Menschen Reichtum und Vermögen gibt und ihm ermöglicht, davon zu geniessen und seinen Teil davonzutragen und sich zu freuen an dem, wofür er sich abgemüht hat, dann ist das ein Gottesgeschenk: Er denkt nicht so oft an die wenigen Tage seines Lebens, denn Gott erfreut sein Herz.“ (5, 17-19)

Gott, der in den ersten Kapiteln von Kohelet überhaupt nie vorkam, taucht hier in wenigen Zeilen gleich viermal auf.

Das ist nicht unproblematisch. Erich Fromm beschreibt einen Gott, der innerhalb des Kapitalismus als Erfolgsgarant auftritt. Er schreibt, wiederum mit beissender Ironie:

„Der Glaube an Gott wird als ein Mittel empfohlen, den eigenen Erfolg noch zu vergrössern. Genauso wie moderne Psychiater dem Angestellten empfehlen, glücklich zu sein, um anziehender auf die Kundschaft zu wirken, gibt es Pfarrer, die den Rat geben, Gott zu lieben, um erfolgreicher zu werden. ‚Mache Gott zu deinem Partner‘ bedeutet, man soll Gott zu seinem Geschäftspartner machen… Gott verwandelt sich gleichsam in den Generaldirektor der Universum GmbH.“ (nach 118)

Aber das ist nicht das Gottesbild von Kohelet. Gott ist für ihn vielmehr das „Meer ohn‘ Grund und Ende“, wie es im Lied heisst, das wir eingangs gesungen haben. Gott ist Geheimnis der Welt. Gott ist Herr der Zeiten, der guten und der schlechten Tage, beide sind in ihm geborgen. „Für alles gibt es eine Stunde, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel“, heisst es am Anfang des berühmten Gedichts über die Zeit: „Zeit zum Gebären und Zeit zum Sterben. Zeit zum Pflanzen und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten“ usw…

Und weiter: Gott taucht auf und unter in den grossen Kreisen der Schöpfung, im Aufgang und Untergang der Sonne, im Wehen des Winds, im Strömen der Flüsse ins Meer und wieder zurück in den Ursprung:

„Die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter
und strebt nach dem Ort, wo sie wieder aufgeht.
Es weht nach Süden und dreht nach Norden,
dreht, dreht, weht, der Wind.
Und weil er sich dreht, kommt er wieder, der Wind.
Alle Flüsse fliessen zum Meer,
und das Meer wird nicht voll.
Zum Ort, wo die Flüsse entspringen,
dorthin kehren sie zurück, um wieder zu entspringen.“ (nach 1, 5-7)

All diese Zyklen, die Zyklen der Zeit, die Zyklen der Natur, sind unendlich viel grösser als der Lebenszyklus eines Menschen. Sie lehren einen zu vertrauen, sich ins Ur-Vertrauen zu versenken – gleich jenem Menschen im Gleichnis von Jesus, der Samen in die Erde wirft. „Er schläft und steht auf“, heisst es von ihm, „Nacht und Tag. Und der Same sprosst und wächst empor, er weiss nicht wie.“ (Mk. 4, 26f.)

Dieses Nicht-Wissen ist für das Glücksverständnis von Kohelet entscheidend. Glück ist unverfügbar. Es ist immer Geschenk, nie Besitz.

Glück – so heisst es schön in einem Kohelet-Kommentar – „kann vom Menschen nicht besessen, sondern nur erfahren werden.“ (29)

Gestern ist der grosse vietnamesische buddhistische Mönch, Meditationslehrer und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh im Alter von 95 Jahren gestorben. Seine zentrale Lehre war, sich dem „unaufhörlichen Wandel“ anzuvertrauen:

„Wir haben Angst vor dem Tod, wir haben Angst vor der Trennung, wir haben Angst vor dem Nichts. Wenn wir aber tief schauen, erkennen wir den unaufhörlichen Wandel der Dinge und verlieren allmählich unsere Angst.“

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Glück ist, gemäss Kohelet, 1. Geschenk von Gott. Es ist 2. nie Besitz. Es kann nur erfahren werden. Erfahrung aber gibt es nur im Modus der Gegenwart. Dies ist der 3. wichtige Punkt im Glücksverständnis des Predigers Salomo: Glück gibt es nur im Jetzt. Sich bewusst zu machen, dass alle irdischen Dinge vergänglich sind, das „führt zu einer intensiveren Wahrnehmung und Wertschätzung des einzelnen Augenblicks.“ (nach 29)

Zum Teaching von Thich Nhat Hanh gehörte wesentlich seine Glocke. Mitten im Alltag erklang sie und erinnerte die Menschen an das Jetzt, an diesen einen Augenblick:

Gong!

Die Glocke von Thich Nhat Hanh erklang mitten im Alltag.

„Wenn man abwäscht, sollte man nur abwaschen, das heisst, man sollte sich dabei völlig bewusst sein, dass man abwäscht. Auf den ersten Blick mag das ein wenig albern erscheinen. Warum sollte man solches Gewicht auf eine so einfache Sache legen? Aber das ist genau der Punkt: Die Tatsache, dass ich hier stehe und diese Schalen abwasche, ist eine wunderbare Wirklichkeit.“

Die wunderbare Wirklichkeit, die aufscheint im Abwasch, führt uns zum vierten und letzten Punkt im Glücksverständnis von Kohelet:

Glück, haben wir gelernt, ist 1. Gottesgeschenk, es ist 2. unverfügbar, kein Besitz, es ist 3. gebunden ans Hier und Jetzt. „Carpe diem“, sagte man dem in der Antike, „Pflücke den Tag“. Und nun kommt also als vierter Punkt in der Quaternität des Glücks nach Kohelet dazu:

Glück ist immer und überall da, nicht nur in besonderen, ekstatischen Momenten. Sondern auch im Alltag, auch beim Abwasch. „Das Glück als Gabe Gottes ist immer da“, heisst es in einem Kommentar zu Kohelet, „der Mensch muss sich ihm nur öffnen.“ (30)

Dieser Sachverhalt hat, übrigens, gesellschaftskritisches Potenzial: Es gilt, das Glück nicht im Aussen zu suchen, nicht in der Anhäufung von Besitz, nicht in der Überbietung anderer. Dann verlieren „Ausbeutung, Unterdrückung und Konkurrenzkampf“ ihre Bedeutung (nach 31).

Ich habe Thich Nhat Hanh erwähnt, den buddhistischen Mönch, der gestern verstorben ist. Eine andere Jahrhundertgestalt ist Hans Küng, der katholische Theologe und Visionär des Weltethos – er ist letztes Jahr verstorben, auch er in biblischem Alter. Ihm, Hans Küng, soll das letzte Wort gehören:

„Ausschlaggebend für das Lebensglück ist nicht die finanzielle Situation, sondern die geistige Haltung… Tatsächlich gibt es ja so etwas wie ein – relativ – glückliches Leben: Glück verstanden nicht als Hochstimmung, sondern als Grundstimmung, die auch durch unglückliche Situationen hindurch trägt.“

Glück als Grundstimmung möge uns durch das Jahr begleiten, das angefangen hat, in allen glücklichen und unglücklichen Tagen, die da kommen mögen. „Am Tag des Glücks sei guter Dinge“, sagt Kohelet, und am Tag des Unglücks bedenke: Auch diesen wie jenen hat Gott gemacht.“ (7, 14) Bhüet eus, Gott! Amen.

Einleitung Fürbitten:

Wir beten und singen anschliessend das Lied „In dir ist Freude in allem Leide“ bei Nummer 652. Das Lied nimmt die Vorstellung von Glück bei Kohelet auf: Es gibt ein Glück, das tiefer verankert ist als in den situativen Umständen, das nicht bloss ein von äusserlichen Ereignissen abhängiges Hochgefühl meint (vgl. 30), ein Glück, das von Gott her kommt, ein Glück, das bleibt.

Das Lied gilt als „klassischer Fall einer ‚Kontrafaktur‘“, das heisst eines geistlichen Lieds, das auf eine weltliche Melodie gedichtet ist. „In dir ist Freude“ ist ursprünglich ein italienisches Tanzlied, dessen Text lautete: „Zu einem fröhlichen Leben lädt Amor uns ein“.

Statt Amor steht in dem Lied Christus, von dem es im Römerbrief heisst, dass nichts uns von seiner Liebe scheiden kann, kein Lied, nicht einmal der Tod.

Die leichte Tanzmelodie und der tiefgründige Text bilden in ihrer Spannung eine Art „Totentanz“, der Leid und Tod hineinnimmt in eine allumfassende Freude.

(vgl. Kommentar Andreas Marti)

Kaiseraugst, 23. Januar 2022

"Gott im Himmel, du auf Erden": Meditation anlässlich einer Taizéfeier

Kohelet lebt einen Lifestyle, in dem der den Konsum bis zum Exzess ausreizt. Schliesslich kommt er zur resignierten Einsicht, dass alles Windhauch sei, nichtig und flüchtig, ein Haschen nach Wind.

Fortan macht er sich auf die Suche nach dem, was das Leben wirklich erfüllt. „Gott statt Geld“, könnte man meinen, laute fortan sein Programm.

Doch so einfach ist es nicht. Auch im Bereich der Religion findet Kohelet vieles, was nichtig und flüchtig ist, zum Beispiel, zu beten mit vielen Worten. Kohelet rät:

„Überstürze dich nicht mit deinem Mund, und dein Herz übereile sich nicht, etwas vor Gott zu bringen. Denn Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde. Darum mach nicht viele Worte.“ (5, 1)

Gebete mit vielen Worten waren in der Antike durchaus üblich. Es gab lange Bitt-Litaneien und Listen mit Götternamen, die geleiert wurden. Die Absicht dieser magischen Praktiken war, die Gottheit für die eigenen Zwecke einzuspannen, dienstbar zu machen.

Demgegenüber sagt Kohelet: „Gott ist im Himmel, du auf Erden.“

Dieses berühmte Diktum meint nicht, dass Gott unnahbar und unendlich fern sei, dass er, wie der grosse Basler Theologe Karl Barth diese Sichtweise paraphrasiert hat, im Himmel hocke und dort sein „unbeteiligt amüsiertes Zuschauerlachen“ lache. „Kein Basler Lachen also!“, fährt Barth mit dem für ihn typischen Humor fort. (KD III, 3, S. 510)

Nein, das ist nicht der Sinn des Satzes: „Gott im Himmel, du auf Erden“.

Vielmehr beschreibt Kohelet mit der Metapher der unendlichen Distanz die Unverfügbarkeit Gottes: Gott ist der „ganz Andere“ in dem Sinn, dass er nie den Bildern entspricht, die ich mir von ihm mache.

Dem Loslassen der Gottesbilder entspricht das Loslassen der Vorstellungen, was Gott zu tun habe. Es geht nicht darum, die Gottheit zu beeinflussen, sondern sie in unsere Existenz einfliessen zu lassen. Nicht, sie hörig zu machen, sondern auf sie zu hören. Der mittelalterliche Mönch und Mystiker Meister Eckehart gibt die entsprechende schöne Gebetsanleitung:

„Ich will sitzen und will schweigen und will hören, was Gott in mir spricht“ (1)

Kaiseraugst, 28. Januar 2022

"Dust in the Wind": » Kein Fasnachtsgottesdienst, Dialogpredigt mit Theobald, em Pfaff sin Aff

Einleitung:

Der Gottesdienst ist ganz offensichtlich kein Fasnachtsgottesdienst. Immerhin – unsere Pianistin Assel Abilseitova und ihre Freundin und Landsfrau Margarita Mineyeva haben die Feier eröffnet mit einem Stück aus dem „Karneval der Tiere“ des französischen Komponisten Camille Saint-Saens.

Saint-Saens hat – ich erzähle die Story cum grano salis, mit einer Prise Salz, also etwas ungenau und übertrieben – das Werk für eine Fasnacht komponiert. Nachher wollte er aber nicht, dass es publiziert wird, weil er um seinen Ruf fürchtete.

Nicht nur hatte er nämlich im „Karneval der Tiere“ Tierlaute imitiert, sondern sich auch über andere Komponisten lustig gemacht, indem er sie mit Melodien zitierte, darunter grosse Namen wie Mendelssohn und Rossini. Das Werk wurde dann erst wieder postum aufgeführt, nach Saint-Saens‘ Tod, natürlich an einer Fasnacht, am 25. Februar 1922, also vor genau 100 Jahren (nach: Wikipedia).

Assel und Margarita werden gleich anschliessend noch ein weiteres Stück aus dem „Karneval der Tiere“ spielen, das Finale.

Soviel Subversivität wie dem Karneval der Tiere wünscht man auch diesem NOFAGO, diesem Nicht-Fasnachts-Gottesdienst. Doch unsere Wünsche sind Dust in the Wind, Staub im Wind. So das trübe Thema der Feier.
...

Predigt:

Triller aus dem „Finale“!!! (Assel und Margarita)


Theobald:
Ich bin Kohelet, der Sohn Davids, des Königs von Jerusalem. Meine Damen, ich bitte um Musik!


Musik: „Finale“ (Assel und Margarita)

„Ich, Kohelet, wurde König in Jerusalem.
Ich badete meinen Leib im Wein… Ich häufte mir Silber an und Gold. Ich verschaffte mir Sänger und Pianistinnen (hähä) und die Lust aller Männer: Frauen und nochmals Frauen. Ich war grösser und reicher als jeder, der vor mir in Jerusalem war.“


Pfaffe:
Uff, was für ein Auftritt, Theobald! Und jeder Satz beginnt mit „Ich“. Dein Königsgewand hat dein Ego ziemlich aufgebläht, hä?!

Hey, es ist Fasnacht, Pfaffe, da darf man schon mal ordentlich auf den Putz hauen… Naja, es wäre Fasnacht. Ich bin der einzige weit und breit, der Party feiern darf.

Weil du geimpft und geboostert bist?

Nee, weil ich ein Affe bin. Mir kann dieses Virus nichts anhaben. Oder eben doch. Ich leide an Einsamkeit. Alle verkriechen sich in ihre Höhlen, hinter ihren Masken. Und allein durch die Strassen zu tanzen, macht irgendwie keinen Spass. Geschweige denn ein Fasnachtsgottesdienst ohne meine Freunde von den Grossstadtchnulleri.

Immerhin, wir sind da. Genau fünfzig Leute, soviel wie reindürfen. Du hast also full house für deine Performance.

Stimmt. Das freut mich. Und das ist gut so. Denn ich habe euch Wichtiges zu sagen. Bekanntlich erfährt man die Wahrheit von Kindern und Narren und Affen, nicht von Pfaffen.

Also, schiess los.

Du hast schon recht, was ich da zur Einleitung vorgetragen habe, ist ein meeega Eeego-Projekt. Es steht in der Bibel, kein Witz. Am Anfang von Kohelet, einem kleinen Buch im Alten Testament, das ICH geschrieben habe, ich, Theobald alias König „Kohelet“! Solltest du mal lesen!

Okay. Und weiter?

Das Ego-Projekt mit Wein, Weib und Gesang war zum Scheitern verurteilt. Ich, Theobald alias König „Kohelet“, wurde dabei nicht glücklich. Mein Fazit kannst du in Kapitel 2, Vers 11 nachlesen:

„Siehe, da war alles nichtig und ein Haschen nach Wind“… --- Weisst du, woran mich das erinnert? An „Dust in the Wind“, „Staub im Wind“ – den Kult-Song der us-amerikanischen Rock-Band Kansas aus den 70-er Jahren. In dem Song heisst es:

„Dasselbe alte Lied, nur ein Tropfen Wasser in einem endlosen Meer. Es verschwindet alles, und all dein Geld kann keine weitere Minute kaufen. Staub im Wind, alles was wir sind, ist Staub im Wind.“

Das ist doch bis in den Wortlaut hinein ähnlich wie dein Buch „Kohelet“?

Ja, der Autor des Songs kennt mein Buch ganz sicher!

Also cum grano salis, mit einer Prise Salz könnte man sagen, eigentlich bist DU der Komponist des Welthits. Also komm, Theobald alias König Kohelet, wir singen „Dust in the Wind“ für dich…

Song: „Dust in the Wind“ (Ad hoc-Chor)

Also, du Theobald alias König Kohelet, du hast also im Wein gebadet, warst steinreich und ein Frauenschwarm. Dann hast du gemerkt, dass dieses Ego-Projekt nicht funktioniert, dass alles „Dust in the Wind“, ein Haschen nach Wind sei. Und was hast du dann gemacht?

Ha! Ich versuchte es mit Weisheit. Ich wurde ein Gelehrter und las viele Bücher!

Und das ist dir besser bekommen als das Baden im Wein?

Ehrlich gesagt, nicht wirklich.

Verstehe, es ist mit dem Bücherlesen wie mit dem Baden im Wein. Beides bereitet Kopfschmerzen. Du schreibst am Ende deines Buchs: „Mein Sohn, lass dich warnen! Es werden viele Bücher gemacht, ohne Ende, doch das viele Studieren ermüdet den Leib.“

Das auch, aber das echte Problem war ein anderes.

Ich höre.

Auch mein ganzes Bücherstudium war ein meeega Eeeego-Projekt. Vorher wollte ich der Reichste, Mächtigste, Attraktivste sein. Und jetzt halt der Weiseste. Aber es war the same old song: Ich verglich mich mit den anderen. Und ich wollte der Beste sein. The one who, the one and only.

Simply the best, better than all the rest!

Jep! Ich dachte, ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen. Die anderen waren für mich Trottel, Toren, Deppen. Lies mal, was ich da für Weisheiten von mir gegeben habe. Steht alles in der Bibel, alles von mir geschrieben!

„Der Weise hat Augen im Kopf, der Tor aber tappt im Dunkeln“, heisst es an einer Stelle (Koh. 2, 14). Und da ist die Rede von einem, der „zu töricht ist, um ein Mensch zu sein, der keinen Menschenverstand hat“ (Sprüche 30, 2), und da von einem „Narr, der keine Einsicht hat und dumm wie ein Vieh ist“ (Psalm 73, 22).

Ui ja, das sind heftige, deftige Worte. Gell, du weisst schon, dass es bei uns Menschen, jedenfalls bei den zivilisierten Menschen, ein absolutes no go ist, andere als Tiere zu beschimpfen.

Das haben die Nazis und Bolschewiken gemacht. Die haben ihre Mitmenschen als „verfluchte Missgeburt von Fuchs und Schwein“ und „Otterngezücht“ bezeichnet, die „wie räudige Hunde erschossen werden“ müssen.

Und vor dem Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 bezeichneten die Hutu die Tutsi letztere als Kakerlaken, Schlangen, Gewürm, Stechmücken, Affen etc., die es zu töten gelte. (Nach https://www.gra.ch/bildung/glossar/ungeziefer/)

Ja, hmm, auch als Affen bezeichneten sie sie… Ich bereue meine Äusserungen. Ich bereue meine Arroganz. Mea culpa, mea maxima culpa.

Was hat dich denn zu dieser Reue gebracht?

Das „Memento Mori“. Weisst du, was das ist, Pfaffe?

Ähm ja, das geht zurück auf die römischen Feldherren. Wenn einer nach gewonnener Schlacht triumphal in Rom einzog, stand hinter ihm ein Sklave und sagte ununterbrochen: „Memento Mori“, „Denk daran, dass du sterblich bist“. Ein wahrhaft tiefsinniges Ritual, das später im christlichen Mönchstum weiterlebte.

Geeenau. Aber was du nicht weisst: Dieses Memento Mori stammt ursprünglich von mir. Ich war der erste, der diese Einsicht aussprach. Lies nochmal das mit dem Weisen, der Augen im Kopf hat…

„Der Weise hat Augen im Kopf, aber der Tor tappt im Dunklen.“

Geeenau. Und jetzt lies weiter!

„Doch erkannte ich auch, dass ein und dasselbe Geschick beide trifft… Weder an den Weisen noch an den Toren wird man sich ewig erinnern: In den Tagen, die kommen, werden alle längst vergessen sein. Ach, der Weise muss sterben genau wie der Tor!“ (2, 14-16)

Geeenau. Wir sind alle sterblich, egal, wie viele Bücher wir gelesen haben. Das hat mich, ehrlich gesagt, demütig gemacht. Das Memento Mori hebt den Unterschied zwischen Weisen und Dummköpfen auf.

Sonen Seich: / Vor dem Tod sind wir alle gleich!

Ich bitte den Pfaffen: / Er lasse den Affen / in Frieden / mit seinem Verslischmieden! Aber in der Sache hast du Recht.

Und wenn man das wirklich zu Ende denkt, dann hebt das Memento Mori nicht nur den Unterschied zwischen Weisen und Dummeköpfen auf…

Sondern auch den Unterschied zwischen Menschen und Affen. Ich verstehe. Aber bitte, mach jetzt keine Propaganda für deine Primateninitiative. Wir sind hier im Aargau und nicht in Basel. Und wir sind in der Kirche, nicht an irgend so einem rot-grünen Puurezmorge-Primaten-Propaganda-Event!

(Gesungen:) Pfaffen, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht, die Orang-Utane erkämpfen Menschenrecht!

So, Theobald, fättig ezz, sonst setze ich dich in den Zug nach Baasel!

Ich will aber lieber nach Zürich. (Gesungen:) Allez, allez, FCZ, FCZ, allez, allez!

Theobald, ich weiss ja, dass du dich über den Derby-Sieg gefreut hast. Aber bitte behalte das für dich. Dominik Schmid, der Captain von GC, ist nämlich ein Ur-Chaiseraugschter. Nicht so ein dahergelaufener Parvenue wie du… Ausserdem würde ich jetzt gern zur Sache zurückkommen…

Okay, liebend gern! Was die Primateninitiative fordert, war für mich schon vor zweieinhalbtausend Jahren eine Selbstverständlichkeit: Im Anblick des Todes gibt es keine Unterschiede, nicht zwischen Weisen und Dummköpfen, und auch nicht zwischen Mensch und Tier. Lies mal hier, das habe ich, Theobald alias König Kohelet geschrieben! Wie gesagt, vor zweieinhalbtausend Jahren!

„… Das Geschick der Menschen gleicht dem Geschick der Tiere, es trifft sie dasselbe Geschick. Jene müssen sterben wie diese, beide haben denselben Lebensgeist, und nichts hat der Mensch dem Tier voraus, denn nichtig und flüchtig sind sie alle. Alle gehen an ein und denselben Ort, aus dem Staub sind alle entstanden, und alle kehren zurück zum Staub.“ (3, 18-20*)

Uff, ja, das ist starker Tobak.

Beziehungsweise Asche vom Tobak! So steht das in der Bibel: Asche zu Asche, Staub zu Staub. Ashes to Ashes, Dust to Dust. It’s all the same, dasselbe für dich und mich.

Und die uralte Vorstellung, dass unser menschlicher Geist „reiner und leichter“ ist als der von euch Viechern, dass er sich „nach oben bewegt“, wie der grosse römische Philosoph Marcus Tullius Cicero einst sagte, dessen Inschriften unser Chaiseraugschter Chefarchäologe Kari Künzli derzeit unten am Rhein ausgräbt – das alles ist also aus deiner Sicht Bullshit? (vgl. 284!)

Natürlich ist das Bullshit! Ich habe die entsprechende rhetorische Frage schon in der Bibel gestellt. Lies weiter, Pfaff!

„Wer weiss denn, ob der Lebensgeist des Menschen nach oben steigt und der Lebensgeist der Tiere hinab in die Erde?“ (V. 21)

Das heisst, es wäre denkbar, dass wir uns einst oben im Himmel wieder begegnen. Dass ich einst „oben“ nicht nur meinen Eltern und Grosseltern, sondern auch Jim Pfüdi, meinem Meersäuli, Tasso, meinem Hund, und Jacky Charlie, meiner Katze wieder begegnen werde?

Geeenau, genau das wäre denkbar. Nicht undenkbar, dass es mit uns allen obsi geht!

Ja, hmm, das wäre wirklich wünschenswert, dass es obsi geht. Eigentlich kann es ja nur noch obsi gehen nach den trüben zwei Jahren, die hinter liegen. Aber sag, Theobald, was ist deiner Ansicht nach zu tun für uns Menschenkinder?

Lies einfach weiter, Pfaffe, da folgt die Antwort!

„So sah ich, dass es nichts Besseres gibt, als dass der Mensch sich freut bei seinem Tun, denn das ist sein Teil. Wer würde ihn denn dazu bringen zu sehen, was künftig sein wird?“ (V. 22)

Oje, das klingt aber ziemlich trist, traurig, resigniert, was du da geschrieben hast, Theobald alias König Kohelet, oder???

Ja, das findet ihr Pfaffen und Gelehrten seit Jahrhunderten! Ihr meint, ich, Theobald alias König Kohelet sei so etwas wie ein Ur-Existenzialist und Nihilist, ein antiker Albert Camus, einer, der findet, alles sei sinnlos und absurd. Aber das ist nicht so! Und das weisst du genau, Pfaffe! Ich hab dir zugehört in deiner letzten Predigt. Da hast du über Glück gesprochen. Und was du da gesagt hast, das war ziemlich gut.

Aber nicht gut genug…

Jep. Man kann es besser sagen!

Wie, besser sagen?

Poetischer, persönlicher. Wie mein Freund Büne Huber halt, wenn du weisst, wen ich meine.

Ja, klar, der Kopf von Patent Ochsner. Gestern ist ein Porträt von ihm im Magazin erschienen. Super Typ. Und sein Song „Für immer uf di“ ist ein Song für die Ewigkeit.

Der hat mich tatsächlich erinnert an dein Buch, Theobald alias König Kohelet. Wie er von Gott spricht, zum Beispiel, nicht so als „Herr der Heerscharen“ und „Herrscher der Welt“, sondern nur so ganz andeutungsweise als grenzenloser Himmel und uferloses Meer. – Und dass das Glück nicht planbar ist, sondern jetzt erfahrbar, jetzt, in dem Moment, wo man das Glas erhebt und anstösst. – Ja, hmm, und das alles gilt im Anblick des Todes. Im Magazin steht:

„An jenem Tag im März 2018, als seine Mutter Elisabeth 87-jährig starb, lud Büne Huber Freunde zu sich nach Hause ein, um der Trauer ein Fest entgegenzusetzen. Er war, wie er erzählt, am nächsten Morgen ziemlich verkatert, als er sich ans Klavier setzte. Zwischen Kopfweh und Schwindel entstand ein ganz besonderes Lied, das gleichwohl typisch für seine Arbeit ist.“

Büne Huber sagte zu mir: ‚Das Lied fiel mir vor die Füsse. Ich musste es nur aufheben.‘“

Genau. Unverfügbar war es, das Lied, so wie das Leben. Wir versuchen, den Song zu singen, in einer Formation, in der gleich drei ihre Mütter vor kurzem verloren haben:

„Uf Mueters Seu wo hüt
Furt isch vo der Ärde
Uf au die schöne Ching
Wo hüt znacht gebore wärde
Uf au die Zyt wo isch vergange
Uf au die Zyt wo mir no blibt“

Prosit! Bhüet eus, Gott! Amen.

Song: „Für immer uf di“ (Patent Ochsner; Ad hoc-Chor)

Kaiseraugst, 6. Februar 2022

"Der Lebensgeist kehrt zurück": Predigt über Kohelet 12, 7 anlässlich der Auferstehungsfeier am Ostersonntagmorgen um 6 Uhr

Erinnern wir uns noch einmal: Jesus starb am Kreuz den grausamsten Tod der Antike, ein Tod, der ihn nicht nur aus der Gemeinschaft der Menschen, sondern auch aus der Gemeinschaft mit Gott hinauskatapultierte. Denn es steht geschrieben: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.“ (Gal. 3, 13)

Das Scheitern war total. Für Jesus und auch für seine Jüngerinnen und Jünger. Ihr Lebensentwurf, ihr Glaubenssystem brach zusammen, es entstand eine grosse Leere. Sinnlosigkeit und Müdigkeit machten sich breit, Resignation. Es war Karsamstag.

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Ähnliches erlebte etwa drei Jahrhunderte zuvor auch Kohelet – der Autor eines biblischen Buch am Rand des Alten Testaments, das mich und einige von uns nun schon seit Monaten begleitet.

Kohelet studierte an einer Weisheitsschule, welche eine einfache und gerechte Weltordnung lehrt. Es gibt in der Bibel, vor allem im Buch der Sprüche, eine Fülle von Belegen für diese Weltordnung. Ihr gemäss gibt es feste, unverrückbare Zusammenhänge: Hochmut kommt vor den Fall, Faulheit macht arm, und wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. (nach Zimmerli)

Doch nun, bei Kohelet, kommt diese Weltordnung ins Wanken. Er stellt fest: Es ist gar nicht so, dass es den Gerechten gut geht, dass sie gesund bleiben und lange leben --- und für die Ungerechten das Gegenteil gilt. Sondern:

„Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit.“ (7, 15)

Und weiter:

„Dasselbe Geschick trifft den Gerechten und den Ungerechten, den … Reinen und den Unreinen; den Guten wie den Sünder... Das ist schlimm…, dass alle dasselbe Geschick trifft. (9, 2f.)

Die gerechte Weltordnung zerbricht. Und nun stellt Kohelet alle, wirklich alle Sinnzusammenhänge infrage. Der Zweifel greift ungebremst um sich, der Sinnverlust ist total (3, 18-21):

„Ich dachte über die Menschen: Gott hob sie heraus und sah, dass sie doch nur Tiere sind. Das Geschick der Menschen gleicht dem Geschick der Tiere, es trifft sie dasselbe Geschick. Jene müssen sterben wie diese, beide haben denselben Lebensgeist, und nichts hat der Mensch dem Tier voraus, denn nichtig und flüchtig sind sie alle. Alle gehen an ein und denselben Ort, aus dem Staub sind alle entstanden, und alle kehren zurück zum Staub. Wer weiss denn, ob der Lebensgeist des Menschen nach oben steigt und der Lebensgeist der Tiere hinab in die Erde?“

Es geht bei Kohelet nicht wie an Karfreitag um Folter und Exekution, es fliesst kein Blut, es brechen keine Knochen, und kein Todesschrei ist zu hören.

Und doch gibt es zwischen der Situation von Kohelet und jener der Jüngerinnen und Jüngern einen Bezug: Hier wie dort bricht eine Weltordnung zusammen. Das, was Sinn und Orientierung gegeben hat, ist nicht mehr.

„Auch das ist nichtig“, „auch das ist flüchtig“, „auch das ist eitel“ – so lautet das mantraartig sich wiederholende Leitwort im Buch Kohelet. Das Buch atmet jene Müdigkeit und Resignation, die zum Karsamstag gehört. Da ist keine Perspektive, nirgends.

Oder doch?

Ganz am Schluss des Buchs steht ein Vers, der an den Silberstreifen am Horizont des Ostermorgens erinnert. Die Sonne der Gerechtigkeit strahlt noch nicht im vollen Glanz. Es sind noch keine Posaunen und Trompeten, die erschallen. Man muss genau hinhören, man muss lauschen wie der Prophet Jesaja, zu dem Gott spricht:

„Ehe es wächst, lasse ich es dich erlauschen.“ (nach Sachs 17)

Am Ende seines Buchs schreibt Kohelet den folgenden Zweizeiler:

„Der Staub kehrt zurück zur Erde, wie es gewesen ist, /
und der Lebensgeist kehrt zurück zu Gott, der ihn gegeben hat.“

Dieser Vers ändert alles. Man meint beim ersten Durchlesen, Kohelet vertrete die Lehre vom absoluten Tod. „Die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen gar nichts“, sagt er an einer Stelle, und in der Passage, die wir zuvor gehört haben, betont er, dass Mensch und Tier dasselbe Schicksal treffe:

„Beide müssen sterben, nichtig und flüchtig sind sie alle. Alle gehen an ein und denselben Ort, aus dem Staub sind alle entstanden, und alle kehren zurück zum Staub.“

Das war’s dann, denkt man, und geht folglich davon aus, dass die folgende Frage nur rhetorisch gemeint sein könne:

„Wer weiss denn, ob der Lebensgeist des Menschen nach oben steigt und der Lebensgeist der Tiere hinab in die Erde?“ (3, 18-21)

Die Antwort, denkt man, laute, der Lebensgeist der Menschen versinke im Staub, genauso wie jener der Tiere.

Doch nun, am Ende des Buchs, heisst es:

„Der Staub kehrt zurück zur Erde, wie es gewesen ist,
und der Lebensgeist kehrt zurück zu Gott, der ihn gegeben hat.“

Wenn Mensch und Tier dasselbe Schicksal trifft, wie Kohelet sagt, dann bedeutet dies nicht, dass der Mensch wie das Tier im Staub versinkt. Sondern umgekehrt: dass es mit den Tieren ebenso wie mit den Menschen obsi geht, in die Höhe, heim zu Gott. Der unheilvolle Anthropozentrismus der christlichen Tradition, diese Überzeugung, wir Menschenkinder seien die Krone der Schöpfung und der gesamte Rest sei uns untertan und könne nach Belieben benutzt, ausgebeutet, geschlachtet werden – diese Überzeugung würde endlich ein Ende nehmen.

Und auch die Überzeugung nimmt ein Ende, Kohelet sei eine Art antiker Existenzialist, ein Vordenker des Absurden, der die Ansicht vertritt dass das ganze Erdendasein sinnlos sei.

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Kohelet lehrt nicht den absoluten Tod – er lehrt aber auch keine Auferstehung von den Toten. Er bezieht sich auf die Genesis, den Anfang der Bibel. Dort wird erzählt, wie Gott den Menschen erschuf:

„Da bildete der EWIGE, Gott, den Menschen aus Staub vom Erdboden und blies Lebensatem in seine Nase. So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (Gen. 2, 7)

In präziser Umkehrung des Geschehens vollzieht sich unser Sterben:

„Der Staub kehrt zurück zur Erde, wie es gewesen ist,
und der Lebensgeist kehrt zurück zu Gott, der ihn gegeben hat.“ (Koh. 12, 7)

Unser Dasein entsteht also aus dieser Vermischung, Verbindung von Staub und Geist. Wenn diese Verbindung sich wieder löst, ist nicht davon auszugehen, dass ich als individuelles Bewusstsein weiterbestehe. Es ist nicht so, dass mein diesseitiges Leben ins Jenseits hinein verlängert wird. Und doch: Etwas geht weiter:

Da ist dieses Fluidum des Lebensgeistes, auf Hebräisch RUACH, der Atem-Geist, der zurückkehrt in Gott, die seinerseits mit demselben Wort als RUACH, als göttliche Geistkraft bezeichnet wird. Von der RUACH heisst es in einem wunderbaren Psalmvers, dass sie das Antlitz der Erde erneuere:

„Sendest du, Gott, deine RUACH, deinen Atem aus, werden die Wesen erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde.“ (Psalm 104, 30)

Besingen wir sie, diese RUACH, unseren Atem, den Lebensatem, die göttliche Geistkraft in einem jüdischen Lied…

Lied: RUACH

Auch die Jüngerinnen und Jüngern Jesu bleiben – wie Kohelet – nicht in der Resignation stecken. Es gehen ihnen die Augen auf für das Licht eines neuen Tags. Als erster Maria von Magdala. Sie ist die erste Zeugin der Auferstehung, die Apostola Apostolorum, die Apostelin der Apostel.

Im festlichen Ostergottesdienst um 10 Uhr werden wir die schönste aller Ostergeschichten hören, die Begegnung des auferstandenen Jesus Christus mit Maria von Magdala. Der Augenblick, in dem Maria Jesus erkennt, wird als „Magdalenen-Sekunde“ bezeichnet:

„Jesus sagt zu ihr: ‚Maria!‘ Da wendet sie sich um und sagt auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni! Das heisst ‚Meister‘.“ (Joh. 20, 16)

„Maria!“, „Rabbuni!“ – aus diesen beiden Worten oder Ausrufen besteht dieser kürzeste Dialog der Bibel (nach Siegroth 42). Genau besehen spricht Jesus Maria mit ihrem hebräischen oder aramäischen Namen an: Mariam. Auch die Antwort Marias, „Rabbuni“, ist hebräisch bzw. aramäisch. Das ist die Muttersprache der beiden. Es handelt sich um einen absolut intimen Moment.

Wenn irgendwo, dann hier finde ich für mich einen Anhaltspunkt, dass es eine Auferstehung von den Toten gibt, in der die Individualität von jeder und jedem BLEIBT und wir uns nicht einfach auflösen ins grosse Fluidum der RUACH, des Lebensgeistes. Diese Begegnung zwischen Jesus und der Magdalenerin lebt vom Ich und Du – und diese Begegnung, die Magdalenen-Sekunde, glaube ich, bleibt in Ewigkeit.

Der grosse zeitgenössische spirituelle Lehrer David Steindl-Rast, ein tief meditationserfahrener und theologisch hochgelehrter Benediktinermönch, hat vor Kurzem im Alter von fast hundert Jahren die folgenden berührend-naiven Zeilen geschrieben:

„Ich vertraue darauf, dass wir unsere Lieben mit jeder Sommersprosse und mit jedem Grübchen in der uns so lieben Wange ‚wiedersehen‘ werden, wenn wir ‚Gott schauen‘.“

Das Wesentliche bleibt. Es geht im Änedraa, im Jenseits der Zeit, nicht verloren. Steindl-Rast, der in Österreich und den USA lebt, schreibt:

„Erinnerungen verblassen und verlöschen. Wenn aber meine Zeit um ist, wird das Jetzt jenes Tiroler Sommermorgens, das Jetzt jenes Abends in Florida, wird jedes Jetzt meines Lebens lebendige Gegenwart sein. Nichts geht verloren… Alles Vergängliche ist unvergänglich aufgehoben im Jetzt, das nicht vergeht.“ (nach 219)

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Ob Auflösung in der RUACH, dem göttlichen Lebensatem wie bei Kohelet, ob individuelle Auferstehung als Ich und Du im Nunc Aeternum, dem Ewigen Jetzt, wie bei David Steindl-Rast… So oder so entsteht am Ostermorgen eine neue Ordnung – in ihr lässt sich atmen und leben und sich freuen hier und jetzt und heute. Darauf legt Kohelet bekanntlich alles Gewicht: „Auf, iss dein Brot mit Freude, und trink deinen Wein mit frohem Herzen“, sagt er.

Die neue Ordnung, die am Ostermorgen entsteht, gibt Grund zur Hoffnung auch in der irren Zeit, in der wir leben. Der Krieg in der Ukraine bedeutet, wie es scheint, das Ende der Welt, wie wir sie gekannt haben.

Die junge Autorin Nina Kunz, die den Fall der Berliner Mauer nur aus den Geschichtsbüchern kennt, hat kürzlich eine erschütternde Kolumne geschrieben. Darin sagt sie:

„Nukleare Bedrohung. Propaganda. Die Verlockung des Autoritären. Das alles scheint mir so unwirklich wie ein Fiebertraum. Ich habe keine Sprache für diesen Krieg. Obwohl ich nie dachte, die Zukunft werde rosig, hatte ich doch eine Art Grundvertrauen in die Gegenwart, das nun massiv erschüttert wurde.“ (Das Magazin No. 14, 9. April 2022, S. 4)

Möge Frieden werden als neue, österliche Ordnung aus dem Chaos und der Zerstörung heraus. Pax hominibus, Friede den Menschen und allen Wesen. Bhüet eus, Gott!

Kaiseraugst, 17. April 2022

"Zeit und Zufall": Meditation anlässlich einer Taizé-Feier

„Wiederum sah ich unter der Sonne: Nicht die Schnellen gewinnen den Wettlauf und nicht die Helden den Kampf, auch nicht die Weisen das Brot und nicht die Verständigen Reichtum und die Einsichtigen Gunst. Denn Zeit und Zufall treffen sie alle.“ (Koh 9, 11)

Schnell im Wettlauf, Held im Kampf, weise, verständig, einsichtig – die Aufzählung, die Kohelet da vorlegt, erinnert an das Ideal eines jungen Griechen:

Er übt sich in körperlicher und geistiger Tüchtigkeit, und das führt dann zu sportlichem Erfolg und im weiteren Verlauf der Biografie zur Gründung einer Familie, zu wachsendem Wohlstand, zu einer politischen und militärischen Karriere.

All das ist gemäss dem griechischen Erziehungskonzept eine Sache des Willens, der Einstellung, der Bildung.

Ist es nicht!, sagt demgegenüber Kohelet, jedenfalls nicht nur. Da spielt der Faktor „Zeit und Zufall“ hinein, auf völlig unverfügbare Weise.

Sehr subtil spielt Kohelet in dem Vers, den wir gehört haben, auf die Geschichte von David und Goliath an – auch Goliath wird in der Bibel als „Held im Kampf“ beschrieben.

Jene Geschichte, wo David, nur mit einer Steinschleuder bewaffnet, den schwerbewaffneten Kriegsgiganten besiegt – sie illustriert schön, was mit dem Unverfügbaren gemeint ist.

Das heisst nicht, dass es nicht gut wäre, sich körperlich und geistig fit zu halten. Und in aller Regel wird auch der körperlich Fitte den Kampf gewinnen und der Gescheite und Fleissige wird es, wie man sagt, „zu etwas bringen“. Und das ist vielleicht auch gar nicht schlecht so.

Doch gemäss Kohelet ist das kein Gesetz. Da ist immer ein Spalt offen für ein Änedraa, das eben nicht kontrollierbar, unversicherbar, unverfügbar bleibt. Die Bibel hat darauf einen ganz besonderen Fokus. Das lässt sich an vielen Beispielen zeigen – die Geschichte von David und Goliath ist eines davon.

Ein weiteres Beispiel sei angedeutet: Josef, der von seinen Brüdern in den Brunnen geworfen wird. Josef ist todgeweiht, das Schicksal scheint seinen Lauf zu nehmen. Doch dann erfolgt eine Reihe von seltsamen, „Zufällen“. Es sind nicht vorhersehbare Ereignisse, durchwegs von wegweisenden Träumen begleitet - und sie ändern alles.

Ganz am Ende der höchst kunstvoll geschriebenen Novelle lüftet sich der Vorhang. Aus dem Schicksal wird Führung. Josef sagt zu seinen Brüdern:

„Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Statt? Ich zwar habt Böses gegen mich geplant, Gott aber hat es zum Guten gewendet, um zu tun, was jetzt zutage liegt.“

Was zutage liegt ist, dass Josef eine einzigartige Karriere vom Migranten zum Ministerpräsidenten gemacht hat, dass sich seine Brüder vor ihm verneigen, wie er das einst als Jugendlicher geträumt hatte. Aber nicht nur.

Die ganze grosse Choreografie, die nun ans Licht kam, dient nicht nur der Rehabilitation des Josef, sie geht weit darüber hinaus: Es ging Gott darum, heisst es, „viele Menschen am Leben zu erhalten“ (Gen. 50, 20) – sie also vor dem Hungertod in den „sieben mageren Jahren“ zu bewahren.

Und noch ein Beispiel sei erwähnt. Es ist für uns Christinnen und Christen das wichtigste. Es ist das, was wir dieser Tage bedenken:

Jesus war in seinem Kreuzestod nach allen Massstäben dieser Welt gescheitert. Dann, am dritten Tag, heisst es, hat Gott ihn von den Toten auferweckt. Der Verurteilte wird ins Recht gesetzt, der Verachtete gewürdigt, der in der Hölle hockt, hineingeholt ins Licht.

Es ist dies das unerwartete, nicht planbare, nicht kontrollierbare Ereignis an sich.

Dass es das gibt, das Unverfügbare, das, sagt der grosse Schweizer Alttestamentler Walter Zimmerli in seinem Kommentar, das gelte es „in allem Versicherungsdrang aller Zeiten“ im Bewusstsein zu bewahren. Es gibt etwas, was tiefer geht als jede Bildung körperlicher und geistiger Art, was tiefer geht als alle Pläne, alle Massnahmen, jede Strategie – das ist das Gottesvertrauen. Es kommt zum Ausdruck in den Worten Jesu am Kreuz, die wir nun singen: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“. „In manus tuas, Pater, commendo spiritum meum.“

Lied: „In manus tuas, Pater” (30)

Freitag, 22. April 2022

Das Geheimnis der fallenden Zeit: Predigt über das Zeitgedicht Koh 3, 1-8

Einleitung:

...

Das Gedicht ist, schon allein von der Form her, Ausdruck der Vollendung, es umfasst Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit.

Im Detail aber, da wird es komplizierter. Gibt es wirklich eine "Zeit zum Töten", eine "Zeit zum Hassen", eine "Zeit des Kriegs"?

Das Zeit-Gedicht wird bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen oft gewünscht, also diesen Rites de Passage, diesen Übergangsriten, wo es um die grossen Themen unseres Daseins auf Erden geht, um das Leben, den Tod, die Liebe. Gerade auch von Menschen, die mit Kirche, Bibel und christlichem Glauben nicht so viel zu tun haben, wird das Gedicht gewünscht.

Um ehrlich zu sein, ich kürze es dann jeweils, im Wissen um den Verlust der poetischen Struktur mit der Vierer- und Siebner-Symbolik. Ich kürze das Gedicht nicht etwa, weil es zu lang wäre, sondern weil mich der Fatalismus, mit dem da, eben, von einer „Zeit zum Töten“, einer „Zeit zum Hassen“, einer „Zeit des Kriegs“ die Rede ist, befremdet.

Heute nun gibt mir die Predigt Gelegenheit, das Gedicht – anders als bei einer Taufe, Hochzeit oder Beerdigung – mit etwas Distanz anzuschauen, sachlich, nüchtern, gleichsam typisch reformiert :-).

Ich hoffe, vor allem im ersten Teil, auf euer durchaus auch kognitiv-intellektuelles Interesse. Hören wir zunächst, von Jutta gelesen, das Gedicht über das Geheimnis der fallenden Zeit.

Gedicht über die fallende Zeit: Kohelet 3, 1-8

3, 1 Für alles gibt es eine Stunde,
und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel:
2 Zeit zum Gebären
und Zeit zum Sterben,
Zeit zum Pflanzen
und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten,
3 Zeit zum Töten
und Zeit zum Heilen,
Zeit zum Einreissen
und Zeit zum Aufbauen,
4 Zeit zum Weinen
und Zeit zum Lachen,
Zeit des Klagens
und Zeit des Tanzens,
5 Zeit, Steine zu werfen,
und Zeit, Steine zu sammeln,
Zeit, sich zu umarmen,
und Zeit, sich aus der Umarmung zu lösen,
6 Zeit zum Suchen
und Zeit zum Verlieren,
Zeit zum Bewahren
und Zeit zum Wegwerfen,
7 Zeit zum Zerreissen
und Zeit zum Nähen,
Zeit zum Schweigen
und Zeit zum Reden,
8 Zeit zum Lieben
und Zeit zum Hassen,
Zeit des Kriegs
und Zeit des Friedens.

Predigt I

„Zeit“ ist das Leitwort unseres Gedichts. Genau 28 Mal steht es da, 4x7 Mal. „Zeit“ im biblischen Sinn meint nicht die messbar-quantifizierbare Zeit, sie ist keine neutrale Grösse. Vielmehr hat jede Zeit in sich ihre Qualität.

Das zeigt sich zum Beispiel im Schöpfungsbericht in Genesis 1 am Anfang der Bibel. Sechs Tage arbeitet Gott, am siebten Tag ruht er. Der siebte Tag, der Schabbat hat seine eigene, ganz andere Qualität.

Unser Gedicht bringt Qualitäten der Zeit zur Sprache in Form von Gegensatzpaaren, bei denen wir fast durchwegs das eine Element positiv, das andere negativ bewerten.

Das Gedicht Selber aber, im Gegensatz zu unseren gewohnten Denkformen und –normen, bewertet diese Qualitäten nicht. Das ist das eigentlich Besondere, Überraschende, auch Seltsame und Befremdliche an diesem Text.

---

Zeit zum Geborenwerden
und Zeit zum Sterben

Am Anfang stehen also „Geburt und Tod“: Sie sind, schreibt die Schweizer Alttestamentlerin Annette Schellenberg, „ein klassisches Beispiel“ für das, worüber „man selbst nicht verfügt“ (71). Das gilt auch dann, wenn man genau übersetzt; es heisst, genau genommen, nicht „Geborenwerden“, sondern „Gebären“. Der Geburtsprozess wird also aus der Sicht der Mutter geschildert. Auch aus dieser Sicht ist das Geschehen unverfügbar. Annette Schellenberg verweist auf viele Stellen in der Bibel, wo die Wehen die werdende Mutter plötzlich überfallen.

Die Unverfügbarkeit unseres Erdendaseins steht als Leitmotiv über dem Gedicht – es klingt nach in allem, was nun folgt:

Zeit zum Pflanzen
und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten

Damit sind nicht Säen und Ernten gemeint, sondern das Anlegen eines Gartens oder eines Weinbergs – und dann das Entwurzeln der Pflanzen, wenn ein Garten oder Weinberg aufgegeben wird. Pflanzen und Ausreissen schildern metaphorisch noch einmal das Geborenwerden und Sterben.

Am Anfang des Prophetenbuchs Jeremia steht ein Vers mit den eben den Worten, die auch in diesem Zweizeiler erscheinen. Dort spricht Gott zum Propheten:

„Sieh, am heutigen Tag setze ich dich über die Völker und über die Königreiche, um auszureissen und um zu pflanzen.“

Von diesem Gotteswort her gibt sich eine neue, spannende und fürs Verständnis unseres Gedichts wichtige Perspektive: Wenn man das Gedicht einfach so liest, geht man selbstverständlich davon aus, dass es von „Vorhaben“ von uns Menschen spricht: Wir sind es, die pflanzen und ausreissen, die töten und heilen, einreissen und aufbauen usw.

Doch das ist nicht so, jedenfalls nicht durchwegs. Dieser Zweizeiler mit „Pflanzen“ und „Ausreissen“ sowie der ganze nächste Vers, V. 3, sind aus der Perspektive Gottes geschrieben:

Zeit zum Töten
und Zeit zum Heilen
Zeit zum Einreissen
und Zeit zum Aufbauen

Es sind also nicht wir Menschen, für die es eine „Zeit zum Töten“ gibt. Für eine solche Feststellung gäbe es sonst in der Bibel kaum einen Beleg. Dass hingegen Gott tötet und heilt, das ist ein biblisch häufig belegter Gedanke. Zum Beispiel in jenem Vers am Anfang des Jeremia-Buchs, den ich vorher verkürzt zitiert habe. Vollständig heisst er so:

„Sieh, am heutigen Tag setze ich dich über die Völker und über die Königreiche, um auszureissen und niederzureissen, um zu zerstören und zu vernichten, um zu bauen und zu pflanzen.“ (Jer. 1, 10)

Da sind alle Motive enthalten, die uns auch am Anfang unseres Gedichts begegnen. Vermutlich hatte Kohelet diesen Vers vor Augen, als er den ersten Teil seines Gedichts schrieb.

All die Aussagen am Anfang des Gedichts sind also aus der Perspektive Gottes geschrieben. Sie beziehen sich auf die grossen prophetischen Worte über das göttliche Gerichts- und Heilshandeln. Diese sind nicht Ausdruck von einem willkürlichen, unberechenbaren, grausamen Gott, wie zuweilen moniert wird.

Vielmehr bezieht sich das Töten auf unser Ego – in dem Mass, wie dieses stirbt, wird mein wahres Wesen „heil“, whole, ganz. Der mittelalterliche Mönch und Mystiker Johannes Tauler, der hier in der Nähe, in Colmar und Strassburg, gelebt und gelehrt hat, bringt den Tod des Ego mit den folgenden träfen Worten zur Sprache:

„Das Ich hätte gerne etwas
und es wüsste gerne etwas
und es wollte gerne etwas.
Bis dieses dreifache ‚etwas‘ in ihm stirbt,
kommt es den Menschen gar sauer an.“ (243)

Das Ego, sein Scheitern, Zerbrechen, Zerfallen, ist das zentrale Thema von König Kohelet. Ich werde darauf zurückkommen.

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Doch gehen wir zunächst weiter im Gedicht: In Vers 4 kommt es zum Perspektivenwechsel. Nun ist nicht mehr von Gottes Handeln die Rede, sondern von unserem menschlichen Tun.

Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen gehören zu den schon erwähnten Rites de Passage, den Übergangsriten, mit denen wir Menschen das Unverfügbare, das wir von grösseren Kräften und höheren Dimensionen, was wir von „Gott“ her erfahren und nicht kontrollieren können. Es geht um Geburtsfeste, Hochzeiten, Beerdigungen.

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Die ganze erste Hälfte des Gedichts, die Verse 1-4 kreisen um das grosse Thema von Leben und Tod. Mit Lachen und Tanzen ist das andere grosse Thema unserer menschlichen Existenz angedeutet: die Liebe. Um sie geht es in den kommenden Versen – was einen überraschen mag, wenn man sie einfach so liest.

Der nächste Zweizeiler (V. 5) ist ein wahrhaftes Rätsel:

Zeit, Steine zu werfen,
und Zeit, Steine zu sammeln

Um zu verstehen, was damit gemeint ist, muss man etwas ausholen: Im alten Israel, wie in vielen antiken Kulturen, kommt der Bereich der Sexualität verhüllt zur Sprache. Wer käme darauf, dass, wenn es heisst, „er ‚erkannte‘ sie“, damit gemeint ist: „Er schlief mit ihr“? Dass „aus einer Zisterne trinken“ „Sex haben“ bedeutet? Wenn man in einem Drohwort beim Propheten Jesaja hört, dass Gott die Haare an ihren Füssen abschneiden wird, fragt man sich, ob der antike Orientale denn an den Füssen behaart gewesen sei, bis man erfährt, dass „Füsse“ eine Umschreibung der Genitalien sind. (vgl. Schwienhorst-Schönberger 252f.)

Tatsächlich, so merkwürdig das klingt, scheinen im gleichen Stil die „Steine“ ein Euphemismus, eine Umschreibung, für die männlichen Geschlechtsteile, genauer für die Hoden zu sein.

Zum Beispiel gibt im Buch Exodus der Pharao den Hebammen den heimtückischen Hinweis:

„Wenn ihr die Hebräerinnen entbindet, gebt acht auf die ‚Steine‘ (also: die Geschlechtsteile, die Hoden): Ist es ein Sohn, so tötet ihn, ist es aber eine Tochter, kann sie am Leben bleiben.“ (Ex. 1, 16)

Auch „Umarmen“ und „sich aus der Umarmung lösen“ kann in der Bibel die sexuelle Begegnung umschreiben, ist aber auch im allgemeinen Sinn Ausdruck von zwischenmenschlicher Zuneigung.

Auch der nächste Zweizeiler (V. 6) handelt von Liebe:

Zeit zum Suchen
und Zeit zum Verlieren

Das „Suchen“ ist ein zentrales Motiv des Hohelieds der Liebe, das wie Kohelet dem König Salomo zugeschrieben wird. „Ich suchte ihn, den meine Seele liebt“, heisst es darin mehrmals.

Der Gegenpol zum sehnsüchtigen Suchen ist genau besehen nicht das „Verlieren“, sondern das „Verlorengeben“. So lautet die präzise Übersetzung. „Verlorengeben“ meint, dass ich akzeptiere, dass die Sehnsucht nach dem, den meine Seele liebt, unerfüllt bleibt --- und ich die Suche beende.

Weiter heisst es:

Zeit zum Bewahren
und Zeit zum Wegwerfen

Hier ist die Situation die umgekehrte: Es geht um nicht um das Suchen des Geliebten, dieser ist gefunden – es geht darum, ob man zusammenbleibt oder sich trennt (das Wort, das hier mit „Wegwerfen“ übersetzt ist, klingt im Hebräischen wohl weniger verächtlich).

Kohelet weiss darum, dass es unerfüllte Sehnsucht und scheiternde Beziehungen gibt. Und dass insgesamt – wie im Tod, so auch in der Liebe – vieles in unserem Dasein unverfügbar bleibt, nicht machbar, nicht planbar, nicht kontrollierbar.

Das ist der immer wiederkehrende Cantus firmus, die Leitmelodie bei Kohelet.

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Auch darauf wird nun, wie in Vers 4, mit Ritualen reagiert, mit Schweigen und Zerreissen der Kleider im Scheitern, mit Reden und Nähen, etwa eines Hochzeitskleids, wenn eine Beziehung gelingt. Das meinen die Zeilen in Vers 7:

Zeit zum Zerreissen
und Zeit zum Nähen
Zeit zum Schweigen
und Zeit zum Reden

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Schliesslich kommt der letzte Vers – es ist der dunkelste, abgründigste. Die Sprache wird hier, in V. 8, noch drastischer als zuvor beim Wegwerfen:

Zeit zum Lieben
und Zeit zum Hassen
Zeit des Kriegs
und Zeit des Friedens

Der Vers nimmt noch einmal die beiden Themen des Gedichts auf, die Liebe und den Tod. Im ersten Zweizeiler geht es noch einmal um die Liebe und ihre irrationalen Abgründe.

In der Bibel, die auch die dunkelsten Seiten unseres Menschseins noch zur Sprache bringt, wird von Ammon erzählt, der seine Schwester Tamar vergewaltigt. Danach heisst es:

„Ammon empfand abgrundtiefen Hass auf sie; der Hass, den er empfand, war grösser als die Liebe, die er für sie empfunden hatte.“ (2. Sam. 13, 15)

Um für mich selber einen Zugang zu dieser „Zeit zum Hassen“ zu finden, war für mich ein Gespräch hilfreich, in dem mir jemand erzählt hat, in der Psychoanalyse gehe es zunächst darum zu akzeptieren, was ist.

Der Weg zur Akzeptanz ist je nachdem extrem schmerzlich, Selbstbilder zerbrechen, ich komme in Kontakt mit den eigenen Abgründen, mit dem Potenzial an Hass, das in mir, ja, auch in mir lauert und schwelt.

Er habe, erzählte mir den Mann, in der Zeit seiner Analyse mehrfach geträumt, er ermorde jemanden.

Erst wenn ich mir dieser Seiten in meiner Seele bewusst werde und sie als Teil von mir annehme – erst dann gewinne ich die Freiheit, den Weg zu gehen, den meine Seele wirklich meint. Es wird der Weg der Liebe sein.

Das wäre dann der Weg der Bergpredigt, wo Jesus sagt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde.“

Kohelet bildet gleichsam die Basis für den Weg Jesu: Diese bedingungslose Akzeptanz für das, was in meiner Seele vorhanden ist an Licht und an Schatten.

Wir kommen zum letzten Zweizeiler. Er ist von bedrückender Aktualität:

Zeit des Kriegs
und Zeit des Friedens

Diese Worte sind nicht aus der Perspektive des Feldherrn lesen, der über Krieg und Frieden entscheidet. Sondern aus Perspektive der Zivilbevölkerung, die dem Krieg schutzlos ausgeliefert ist. Der Krieg bricht über sie herein als unverfügbares Verhängnis.

Damit schliesslich sich der Kreis des Gedicht. Auch Geborenwerden und Sterben am Anfang sind Verhängnis von uns in die Zeit geworfenen Menschenkindern.

Am Ende des Gedichts bleibt ein „Grundgefühl des Fatalen“, wie es in einem Kommentar heisst.

All unsere Vorstellungen von Freiheit, Selbstbestimmung, Autonomie scheinen sich als Illusion zu erweisen, das Gedicht spielt – auch dies ist ein Zitat – „die Musik des Unabänderlichen“.

Das hat auch der amerikanische Folk-Musiker und Friedensaktivist Pete Seeger so empfunden. In seinem Song „Turn! Turn! Turn!“ hat er Kohelets Gedicht wortwörtlich vertont. Doch ganz am Ende, da weicht er ab. Da heisst es nicht: „Eine Zeit des Kriegs und eine Zeit des Friedens“, sondern: „Eine Zeit des Friedens – ich schwöre, es ist nicht zu spät.“

Dieses „ich schwöre“ – vielleicht ist es im Sinn einer Beschwörung zu verstehen, einer Beschwörung wessen? Des russischen Präsidenten? Gottes? Wie auch immer, möge sich das inständige Bitten und Flehen auswirken. Pax hominibus! Friede uns Menschen!

Wir singen nun den Song „Turn! Turn! Turn!“ von Pete Seeger in einem Ad hoc-Chor:

Song: "Turn! Turn! Turn!"

Predigt II:


Man hat also den Eindruck, das grosse Zeit-Gedicht von Kohelet sei aus dem „Grundgefühl des Fatalen“ herausgeschrieben. Wir sind den Ge-Zeiten des Schicksals hilflos und ohnmächtig ausgeliefert.

Dieser Eindruck ist nicht falsch, und doch: Kohelet ist kein Fatalist. Um zu verstehen, worum es ihm wirklich geht, gilt es, sich noch einmal die Geschichte des Königs Kohelet zu vergegenwärtigen, der Paläste baut, Gärten anlegt, Sängerinnen und Sänger um sich schart. Er pflegt diesen hedonistischen Lebensstil, bis er einsieht, dass all dies vergänglich ist, dass es auch für ihn „eine Zeit zum Sterben“ gibt, dass die Pflanzen in seinen Gärten einst ausgerissen werden. Nun zerbricht der Lebensentwurf des Königs Kohelet; er sagt: „Alles war nichtig und ein Haschen nach Wind.“

Sein Ego-Projekt entwickelt sich fortan in eine subtilere Richtung. Er wird zum „Übergerechten“, etwa so, wie ihn Jesus in seiner bitterbösen Parodie vom Pharisäer karikiert: Dieser stellt sich in die Mitte der Kirche und betet zu Gott: „Ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, wie Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder wie dieser Zöllner.“ Dabei zeigt er auf einen Zöllner, der in einer Kirchenbank sitzt, mit Tränen der Reue in den Augen.

Dieser Pharisäer, sagt Jesus lakonisch, ging nicht befreit aus der Kirche. (Lk. 18, 9ff.)

Seine pharisäische „Übergerechtigkeit“ ist nur die dünne Patina über den Abgründen seiner Seele, in der gehasst, zerrissen, eingerissen, getötet wird. Ja, die getünchten Gräber der Pharisäer, sagt Jesus in aller Schärfe, sind nach aussen schön anzusehen, doch innen sind sie voll Dreck und Totengebein.

Also: auch dieser Weg der „Übergerechtigkeit“, den Kohelet gegangen ist, erweist sich als Ego-Projekt, subtiler vielleicht als das Oligarchen-Gehabe zu Beginn. Doch in der Tiefe gibt es keinen Unterschied.

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Dieses und jenes Ego-Projekt scheitern – woran?

An diesem Gedicht, könnte man sagen, an ein paar leisen, poetischen Zeilen. Sie erinnern daran, „how fragil we are“, wie es in einem Song von Sting heisst, „wie zerbrechlich wir sind“. Wie wenig wir wirklich im Griff haben, wie wenig in unserer Macht steht. Die Ge-Zeiten des Universums sind viel grösser als unsere Erkenntnis- und Handlungsfähigkeit.

Diese Einsicht aber führt Kohelet nicht in die Resignation, sondern ins Gottvertrauen. Kohelet spricht – und das macht diesen Text so modern – nicht viel von Gott, in unserem Gedicht gar nirgends. Doch ganz leise deutet er an, dass im Geheimnis der fallenden Zeit Gott selber präsent ist:

Am Anfang des Gedichts heisst es: „Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel“. Das hebräische Wort, das hier mit „Vorhaben“ übersetzt ist, bedeutet auch „Freude“, „Gefallen“. Sehr subtil wird hier angedeutet, dass hinter Wechselfällen unseres Lebens eine ordnende Hand ist, die alles „gut gemacht“ hat, wie es am Anfang der Bibel heisst: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und sieh, es war sehr gut.“

Und auch Kohelet selber sagt, gleich im Anschluss an unser Gedicht, dass Gott alles „schön“ gemacht hat – auch wenn wir Menschenkinder das mit unserem begrenzten Bewusstsein nicht wahrnehmen können:

„Nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann“, sagt er – aber allemal: alles ist „gut“ und „schön“ gemacht, von Gott!

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Das Geheimnis der fallenden Zeit in unserem Gedicht hat, man kann das nicht bestreiten, die Qualität des Schicksals. Zeiten kommen und gehen, sie brechen über einen herein, entziehen sich wieder.

In den letzten Jahren scheint sich das Schicksalhafte unserer Erdenexistenz deutlicher zeigen als je zuvor, jedenfalls in der Zeitspanne meines Lebens.

Dieses Schicksalhafte der fallenden Zeit ist geeignet, all unsere Ego-Konzepte, das des weltlichen Oligarchen, das des Übergerechten und was es der Konzepte sonst noch gibt --- all unsere Ego-Konzepte zu knacken.

Doch Schicksal ist nicht das letzte. Schicksal wendet, wandelt, transformiert sich in Gott, das Es wird zum Du.

Dietrich Bonhoeffer, der grosse deutsche Theologe, befasste sich im Gestapo-Keller an der Prinz-Albrecht-Strasse in Berlin, kurz vor seiner Ermordung, in einem Brief mit dem Spannungsfeld von Schicksal und Gott.

Das Neutrum des Worts „Schicksal“, schreibt er, scheine ihm wichtig zu sein:
„Gott begegnet uns nicht nur als DU, sondern auch ‚vermummt‘ im ‚Es‘. Die Frage ist, wie wir in diesem ‚Es‘, dem Schicksal, das ‚Du‘ finden.“

In unserem Gedicht bleibt es, wie erwähnt, bei der ganz leisen Andeutung der Verwandlung des Schicksals in Gott: In den Wechselfällen der Geschichte und des Lebens ist Gott geheimnisvoll-unausgesprochen gegenwärtig.

Jetzt, in der Osterzeit, sei mir erlaubt, der bei Kohelet nur angedeuteten Spur noch etwas weiter entlangzugehen, hinein ins Osterlicht:

Die Vertonung des Zeit-Gedichts, die wir zuvor gesungen haben, dieser Song von Pete Seeger, heisst „Turn! Turn! Turn!“ Dieses Drehen könnte das sich drehende Rad des Schicksals meinen. Doch „Turn!“ bedeutet auch: „Wende dich um!“

„Wende dich um“, wie damals Maria von Magdala am Ostermorgen. Sie war die erste, die den Auferstandenen sah. Der Augenblick, in dem sie ihn erkannte, wird als „Magdalenen-Sekunde“ bezeichnet:

„Jesus sagt zu ihr: ‚Maria!‘ Da wendet sie sich um und sagt auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni! Das heisst ‚Meister‘.“ (Joh. 20, 16)

Maria „wendet sich um“, und in dieser „Sekunde“ ändert sich alles:

Aus der Resignation des Karsamstags strahlt das Licht des Ostermorgens auf.

Das unerklärlich-geheimnisvolle leere Grab (es erinnert an das unerforschliche Schicksal), das Grab, „Es“ wendet sich zum „Du“.

Maria sieht hinter den Schleier und die Verkleidung des Todes, des Tötens, Klagens, Verlierens, Wegwerfens und Hassens am Karfreitag; sie sieht insgesamt hinter die Ge-Zeiten der Zeit hinein in die Ewigkeit – in diesem Augenblick, der Magdalenen-Sekunde.

Die Predigt klingt aus in Musik des 1930 in Kiew geborenen Komponisten Valentin Silvestrov. Silvestrov hat ein im eigentlichen Sinn religiöses Verständnis künstlerischen Schaffens:

„Seiner Meinung nach ist alles schon da. Um das zu verstehen, muss man sich an GOTT erinnern. Alles ist schon einmal geschaffen worden, man muss nichts weiter tun als aufmerksam dem zu lauschen, was schon da ist, und das wieder aufrufen. Dann fängt wieder etwas an zu schwingen. Es war eigentlich die ganze Zeit schon da, aber jetzt können auch wir die Schwingungen spüren und das als Musik wahrnehmen.“ (nach Wikipedia)

Die Magdalenen-Sekunde ist immer schon da. Sie ist jetzt da. In diesem Augenblick. Ewigkeit in der Zeit. Du im Es. Gott im Schicksal.

Kaiseraugst, 24. April 2022

Das Nichtige, die Gottesfurcht und die Freude: Predigt über Kohelet 8, 10-15

Text:

Kohelet spricht:

"10 Sodann sah ich, wie Ungerechte begraben wurden und zur Ruhe eingingen; die aber Recht getan hatten, mussten von der heiligen Stätte weichen und wurden in der Stadt vergessen. Auch das ist nichtig. 11 Weil das Urteil über die böse Tat nicht sogleich vollstreckt wird, wächst in den Menschen die Lust, Böses zu tun. 12 Denn ein Sünder tut hundertmal Böses und lebt doch lange.

Ich aber weiss: Es ist gut für die Gottesfürchtigen, dass sie sich fürchten vor Gott. 13 Und es ist nicht gut für den Ungerechten, und er wird nicht länger leben als ein Schatten, wenn er sich nicht fürchtet vor Gott.

14 Es gibt Nichtiges, das auf Erden geschieht: Es gibt Gerechte, denen es ergeht, als hätten sie gehandelt wie Ungerechte, und es gibt Ungerechte, denen es ergeht, als hätten sie gehandelt wie Gerechte. Ich dachte: Auch dies ist nichtig.

15 So pries ich die Freude: Es gibt für den Menschen nichts Gutes unter der Sonne ausser zu essen und zu trinken und sich zu freuen. Das kann ihn begleiten bei seiner Mühe in der Zeit seines Lebens, die Gott ihm gegeben hat unter der Sonne." (8, 10-15)

Predigt I:

Kohelet stellt also fest: Da sind „Ungerechte“, die jede religiöse Bindung abschütteln, es zu Reichtum bringen und zuletzt ein ehrenvolles Begräbnis erhalten.

Und da sind „Gerechte“, d.h. fromme, einfache Menschen, die im Dorf keine Beachtung finden, zuletzt kein Grab auf dem Friedhof erhalten und rasch in Vergessenheit gehen.

Um das Erschütternde dieser Beobachtung des Kohelet zu verstehen, muss man wissen: Nach antikem Verständnis wurde der Verstorbene durch die Bestattung in eine Lebende und Tote umfassende Gemeinschaft hineingenommen. Kein Grab zu erhalten, bedeutete entsprechend: totalen Tod, vollkommene Auslöschung der Identität.

Der Inbegriff dessen, der „von der heiligen Stätte weichen“ musste, war Jesus von Nazaret. Jesus Christus hat „ausserhalb des Tores gelitten“, heisst es im Hebräerbrief, er ist aus der Stadt hinausgetrieben worden, hinaus nach Golgota. Sein Tod am Kreuz bedeutete Exkommunikation aus der menschlichen Gemeinschaft und auch aus der Gemeinschaft mit Gott. „Verflucht ist, wer am Holze hängt“, heisst es in der Bibel. Wer am Kreuzgalgen endet, fällt heraus aus dem Kosmos, der Ordnung der Welt, der Geborgenheit in Gott.

Bei Kohelet geht es nicht um Kreuzigung. Es ist nicht Karfreitag. Es brechen keine Knochen, kein Todesschrei ist zu hören. Doch auch hier zerfällt eine Weltordnung.

Es ist die Weltordnung der „Weisheit“. Sie kommt vor allem im Buch der Sprüche zur Sprache. Aus ihm stammen Sprichwörter und Lebensweisheiten, die wir auch heute noch verwenden: dass ein Krug zum Brunnen geht, bis er bricht, Hochmut vor den Fall kommt, Faulheit arm macht, Selbstbeherrschung schwierige Situation zu meistern versteht etc. Das Sprichwort, das diese „Weisheit“ am besten beschreibt, lautet: „Wer andern einen Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ – Die Weisheit ist eine Menschen und Welt umgreifende Ordnung (nach Zimmerli 133).

Doch nun zerbricht diese Weltordnung: „Ein Sünder tut hundertmal Böses und lebt doch lange“ (V. 12), sagt Kohelet, und weiter:

„Es gibt Gerechte, denen es ergeht, als hätten sie gehandelt wie Ungerechte, und es gibt Gerechte, denen es ergeht, als hätten sie gehandelt wie Gerechte.“ (V. 14)

Was Kohelet hier sachlich feststellt, wird an anderer Stelle in der Bibel mit anschaulichen Worten beklagt, die – jedenfalls mit ein paar Jahrhunderten Distanz – eines gewissen Humors nicht entbehren:

„Warum bleiben die Ungerechten am Leben,
werden alt, ja nehmen zu an Kraft?

Sie singen zu Trommel und Leier
und freuen sich beim Klang der Flöte.
Ihre Tage verbringen sie im Glück,
und friedlich fahren sie ins Totenreich hinab.
Und sie sagen zu Gott: Bleib uns fern,
von deinen Wegen wollen wir nichts wissen.
(Hiob 21, 7ff.)

Die Pointe liegt auf dem letzten Vers: Ein Leben ohne religiöse Bezüge, befreit von ethischen Verpflichtungen, losgelöst von „Gerechtigkeit, Friede, Bewahrung der Schöpfung“, ein Leben etsi Deus no daretur, als gäbe es Gott nicht, scheint sich nicht zum Schlechten auszuwirken in Bezug auf Vitalität, Freude und Fitness.

Und das, sagt Kohelet, sei „nichtig“ oder, anders übersetzt: „Windhauch“. Insgesamt dreimal sagt er das.

Was er damit meint?

In den älteren Kommentaren heisst es, „nichtig“ bedeute „absurd“: Kohelet weise auf den absurden Missstand hin, dass Sünder hundertfach Böses tun und doch lange leben. „Wo die göttliche Weltordnung ausser Kraft tritt, wird das ganze Leben sinnlos“, schreibt einer der älteren Kommentatoren bitter (nach Lauha 157).

Doch in den neueren Kommentaren ist die Deutung von „nichtig“ eine andere: Dass die offensichtliche Ungerechtigkeit „nichtig“ ist, bedeutet, dass sie nicht das letzte Wort hat.

Kann sein, dass es vordergründig so ausschaut, als würde der Bösewicht hundertmal Böses tun und trotzdem oder gerade deshalb grosse Jachten, teure Gemälde und junge Geliebte hat. Dass er satt und zufrieden lebt bis an sein selig Ende.

Doch, sagt Kohelet, man sollte sich von der Fassade vielleicht nicht allzu sehr beeindrucken lassen. Im Änedraa könnten manche Dinge anders ausschauen, das scheinbar lange Leben könnte sich als Schatten seiner selbst erweisen, als flüchtig und irrelevant.

Kohelet redet nicht von einem Jüngsten Gericht, in dem einst die Dinge zurechtgerückt werden. Spekulationen über irgendein Jenseits sind nicht seine Sache. Es bleibt bei ihm alles offen. Er deutet nur an, dass es irgendein Änedraa gibt. Das macht ihn so ungeheuer modern.

Er sagt, mit einem in seiner Redundanz geradezu banal klingenden Satz:

„Es ist gut für die Gottesfürchtigen, dass sie sich fürchten vor Gott.“

Man weiss nicht wirklich, warum das so sein soll. Rings um diesen Satz herum sagt Kohelet ja das Gegenteil. Doch hier, mittendrin und gleichsam senkrecht von oben, da fällt dieser Satz. Es ist ein Bekenntnis von grosser Schlichtheit und Klarheit. Es bedarf dafür keiner Beweise. Kohelet sagt einfach:

„ICH ABER WEISS: Es ist gut für die Gottesfürchtigen, dass sie sich fürchten vor Gott.“

„Gottesfurcht“ meint gemäss Kohelet nicht „Angst vor Gott“, sondern „Religiosität“, Re-connection, Rückbindung an Gott, Verbundenheit mit dem göttlichen Ursprung. „Gottesfurcht“ ist es, was sich in guten und schlechten Zeiten und vielleicht auch in Ewigkeit als tragfähig erweist.

Solche „Gottesfurcht“ trägt den Wert in sich selber, unabhängig von äusserem Erfolg, manchmal sogar wider den Augenschein:

„Es geht dem Gottesfürchtigen nicht deshalb gut, weil er durch Gottesfurcht ein (äusserlich beobachtbares) Wohlergehen erringen könnte. Vielmehr haben die, die Gott fürchten, in sich eine Dimension des Göttlichen, die ihnen eine andere Art von Wohlergehen beschert, ein Wohlergehen abseits eines äusserlich beobachtbaren Ergehens.“ (nach Schwienhorst-Schönberger und Birnbaum)

„Still“ heisst der Song, den der Gospelchor nun singt.

Darin wird der wunderbare Psalmvers zitiert: „Be still and know I am God“. „Sei still und wisse, ich bin Gott!“ Dieser Vers enthält den Sinn der „Gottesfurcht“ bei Kohelet. Sie meint „Gelassenheit“, das Loslassen meiner selbst und all meiner Vorstellungen. In diese Gelassenheit hinein führt eine Meditation über den Vers „Be still and know I am God“, die Jutta nun anleitet. Sie klingt nach im Song des Gospelchors…

Meditation: „Be still an know you are God“ (Jutta)

Song: „Still“ (Gospel-Chor)


Predigt II:

„Auch das ist nichtig“, sagt Kohelet, zweimal, und er meint damit: Die Ungerechtigkeit hat nicht das letzte Wort. Das entspricht der Botschaft von Ostern. Jesus Christus wurde von den Machthabern seiner Zeit zum Tod am Kreuzgalgen verurteilt. Doch am dritten Tag, heisst es, sei er gemäss der Schrift von den Toten auferweckt worden.

Das bedeutet: Gott hat ihn, den nach den Massstäben dieser Welt radikal Entrechteten, nachträglich ins Recht gesetzt. Jesu Zuneigung zum Verlorenen, seine Lehre von der Liebe über alle Grenzen hinweg – all dies wird von Gott letztinstanzlich für wahr erklärt.

Die Auferstehung symbolisiert also, dass Ungerechtigkeit nicht das letzte Wort hat.

Weiter: In der Auferstehung bricht die Freude durch. Risus paschalis, das Osterlachen ist eine urchristliche Tradition – sie bringt den Sieg des Lebens über den Tod zum Ausdruck.

Schliesslich: Es fällt auf, dass der Auferstandene gerne isst und trinkt: In Emmaus bricht er das Brot, am See Genezareth brät er Fisch auf einem Kohlenfeuer. Und noch zu Lebzeiten, beim letzten Abendmahl, kündete Jesus Christus an, er werde von der Frucht des Weinstocks wieder trinken in der Neuen Welt.

Freude, Essen, Trinken, und noch einmal: Freude – das ist die gleichsam österliche Schlussfolgerung des Kohelet im letzten Vers aus den tiefen Gedanken, die er zuvor angestellt hat:

„So pries ich die Freude: Es gibt für den Menschen nichts Gutes unter der Sonne ausser zu essen und zu trinken und sich zu freuen. Das kann ihn begleiten bei seiner Mühe in der Zeit seines Lebens, die Gott ihm gegeben hat unter der Sonne.“ (V. 15)

Auch hier wieder gilt: In den alten Kommentaren wird das kritisch gesehen: „Die Freude dient als Betäubungsmittel“, heisst es zum Beispiel, und weiter:

„Die bescheidenen Freudenbringer helfen, die Last grosser Schwierigkeiten und unbeantworteten Fragen zu tragen und zu vergessen, jedoch auf Kosten ernsten Ringens um existenzielle Probleme.“ (Lauha 158)

Doch das ist ein unberechtigter und auch etwas seltsamer Vorwurf an den grössten Philosophen der Bibel. Freude, Essen und Trinken gehören zutiefst zu unserem Dasein hier auf Erden --- UND verbinden uns mit dem Änedraa, der anderen Welt, dem Reich Gottes.

Gestern im „Magazin“ schrieb der Journalist Christian Seiler eine berührende Kolumne. Nachdem kürzlich ein Freund von ihm gestorben ist, schreibt Seiler:

„Der Moment war für mich entscheidend, als ein Teller mit warmem Essen vor mir stand, ein Duft, der mich lockte, eine elementare Verbindung zur Gegenwart, zur Anwesenheit an jenem Ort, den mein Freund für immer verlassen hatte. Ich ass. Es schmeckte mir. Ich spürte, wie die Gegenwart sich mit mir verband und mich daran erinnerte, dass es meine Aufgabe war, weiterzuleben, zu essen, zu trinken, zu weinen, aber auch wieder zu lachen.“ (No 18, 7. Mai 2022)

Dann erzählt Christian Seiler von Ruth Schweingruber, einer Frau, die sich in einem Berner Wohnquartier gemeinsam mit anderen für Geflüchtete aus der Ukraine engagiert. Sie kochten Bortsch, die ukrainische Nationalsuppe. Eine ältere, weisshaarige Frau sei auf Frau Schweingruber zugekommen, habe sie umarmt und unaufhörlich ukrainisch auf sie eingeredet:

„Eine junge Frau übersetzte, dass die Frau sich so gefreut habe, dass wir dieses Gericht gekocht hätten und uns mit ihrem Nationalgericht befasst und damit mit ihrer Heimat auseinandergesetzt hätten.“

Christian Seiler kommentiert:

„Eine warme Mahlzeit erweist sich einmal mehr als Übersetzungsprogramm, als Fluchtprogramm, als Trostreservoir….“

Und dann wird Christian Seiler, der grosse Gastrokolumnist und koheletmässige Geniesser, in seinem sprachlichen Duktus religiös. Er spricht, den kanadischen Gelehrten Michael Ignatieff zitierend, von Trost und Glaube und Hoffnung und Kraft:

„Der wesentliche Bestandteil des Trosts ist Hoffnung: der Glaube, dass wir uns von Verlusten, Niederlagen und Enttäuschungen erholen können und dass wir in der Zeit, die uns bleibt, so kurz sie auch sein mag, die Möglichkeit zu einem Neubeginn finden werden. Es ist diese Hoffnung, die uns die Kraft gibt, selbst angesichts von Tragödien unbeugsam zu bleiben.“

In der Zeit, die uns bleibt: Bhüet eus, Gott!

Kaiseraugst, 8. Mai 2022