Grossmutter für alle

Cecile Cassini 2026 (Foto: Jutta Wurm)
Vor zehn Jahren gründete Cécile Cassini-Rotzinger den Verein «Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst», den sie seither präsidiert. Bei der diesjährigen Generalversammlung am 4. Mai, kurz vor ihrem 75. Geburtstag, hat sie das Präsidium abgegeben.
Andreas Fischer,
Man trifft sich im schmucken Einfamilienhaus am Ziegelhofweg in Kaiseraugst, mit Sicht auf den Rhein und ein Storchennest. Hier, erzählt Cécile Cassini, lebe sie seit achtzehn Jahren in einer WG mit ihrer Schwester. Hier sei sie einst auch aufgewachsen.

Ihr Vater und dessen Bruder waren einst Gründer und Inhaber der Firma Rotzinger AG. «Der Onkel», sagt Cassini, «hatte Sinn fürs Geschäftliche, der Vater war der kreative Kopf; die beiden waren ein Dreamteam. Sie lieferten Förder- und Speichersysteme für Schokoladefabriken nicht nur schweiz-, sondern europaweit.»

Cécile verliess das Gymnasium frühzeitig und brach auch eine Lehre als Buchhändlerin ab. Dann begann sie die Ausbildung als Krankenschwester in Freiburg im Breisgau. «Doch eine Woche vorher hatte ich Edi kennengelernt. Als ich meinen Eltern unterbreitete, dass wir zusammenziehen wollen, schrie der Vater herum, und die Mutter heulte. Dann sagten sie: ‘Okay, aber nur, wenn ihr heiratet’. Edi, als er das hörte, wurde kreidebleich. Doch er war einverstanden.» Cécile war zu dem Zeitpunkt neunzehn Jahre alt, Edi Cassini nur wenig älter. Die beiden schlugen sich durch, sie übernahm temporäre Bürojobs, er den Frühdienst im Bahnhofbuffet. Daneben absolvierte er den Wirtekurs. Zwei Buben, Grischa und Sergio, kamen zur Welt. Man übernahm in Basel ein Pub. «Es lief sehr gut, war immer voll, alle Expats waren dort, Edi war sprachbegabt und unterhielt sich mit ihnen auf Englisch, Deutsch, Französisch und Italienisch.»

Das «Atlantis»


Dann wurde den beiden vom Modefotografen Onorio Mansutti und dem Radiomoderator Christian Heeb das «Atlantis» angeboten, das zum legendären, europaweit bekannten Musiklokal avancierte, wo Black Sabbath, Amie Macdonald, Stephan Eicher und viele, viele mehr auftraten. Der Anfang, erinnert sich Cassini, sei schwierig gewesen. «Das Atlantis wäre kurz zuvor um ein Haar Konkurs gegangen; trotzdem übernahmen wir es. Wir waren, gezwungenermassen, ganz jung schon geschäftstüchtig geworden; das wendeten wir nun an.» Die Cassinis waren taff – «Drögeler schmissen wir raus, gnadenlos» – und hatten ein Gespür für gute Mitarbeitende, «Rino war schwul», erinnert sich Cassini lachend, «das war damals noch nicht so akzeptiert. Aber er war der beste Barman aller Zeiten».

«Es war ein unfassbar spannendes Leben», resümiert Cécile Cassini, «doch es war zu anstrengend.» Nach zweiundzwanzig Ehejahren trennte sie sich von Edi und brach auf nach Indien. «Eine Reise mit mir selbst» lautet der Titel des Buchs, das 1994 im Basler «pep + non name»-Verlag erschienen ist, und das Fazit: «Mir scheint, als sei in Indien das Chaos äusserlich und die Ruhe innerlich, und bei uns sei es umgekehrt.»

Cécile Cassini lernte nun doch noch Krankenschwester, arbeitete fünf Jahre auf der Onkologie im Clara-Spital, danach übernahm sie die Spitex-Leitung in Pratteln. Parallel dazu bildete sie sich weiter zur Polarity-Therapeutin. Bald wurde sie Präsidentin des Polarity-Verbands Schweiz sowie Geschäftsführerin des früheren Dachverbands der komplementärmedizinischen Methoden «Xund». Cassini gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Kleinpartei «Integrale Politik». Integration, sagt sie, bedeute für sie, dass Spiritualität und gesellschaftlich-politisch-ökologisches Engagement Hand in Hand gehen. Dass schul- und alternativmedizinische Methoden sich ergänzen und nicht gegenseitig ausschliessen. «Es bedeutet auch», fährt sie fort, «dass das Zusammenleben von Asylsuchenden und Einheimischen in einer Weise organisiert wird, die für alle stimmig ist.»

Singende Asylsuchende auf Fahrrädern


Zur Zeit der europäischen Flüchtlingskrise vor zehn Jahren habe sie zur damaligen Kaiseraugster Gemeindepräsidentin Sibylle Lüthi gesagt, dass man etwas tun müsse. «Diese jungen Männer, die nicht arbeiten und kein Deutsch lernen dürfen und auf engstem Raum im Asylzentrum hausen müssen, das kommt nicht gut», sagte sie. Mit Unterstützung der politischen Gemeinde, der römisch-katholischen Pfarrei und der reformierten Kirchgemeinde gründete sie den Verein «Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst». «Zunächst ging es darum, Begegnungsräume zu schaffen und so Ängste und Vorurteile abzubauen», erinnert sich Cassini. «Zoobesuche, Fährifahrten, Begegnungscafés gehörten dazu. Wir organisierten eine Ausstellung mit Bildern von Kunstschaffenden aus der Region und aus dem Asylzentrum, riefen das ‘Essen auf Rädern’ ins Leben: Asylsuchende brachten Essen zu betagten Menschen nach Hause.»

Cécile Cassini, eine begnadete Netzwerkerin, fand einen Velomechaniker, der die Fahrräder zur Verfügung stellte, die Gemeinde sponserte die Essboxen. Anfangs, erzählt Cassini, seien die Essensempfänger vorsichtig gewesen, doch dann haben sie geschwärmt für die jungen Eritreer, Sudanesen, Afghanen, die aus ihrer Kultur eine hohe Wertschätzung fürs Alter mitbringen. Die singend auf dem Velo fahrenden Asylsuchenden gehörten eine Zeitlang zum Kaiseraugster Dorfbild. An der Chilbi wurde ein Stand mit internationalen Spezialitäten eröffnet, im Pfarrhausgarten wurden Feste gefeiert, Asylbewerber spielten im lokalen Fussballklub, sangen im Gospelchor.

Mehrmals im Verlauf der Jahre – etwa während der Corona-Pandemie und nach Kriegsbeginn in der Ukraine – hat sich der Schwerpunkt der Vereinsarbeit geändert. Der Sprachunterricht ist inzwischen zum Teil von der zentralen Fachstelle Integration Aargau in Aarau übernommen worden, das Asylzentrum ist nicht mehr überbelegt, das Essen wird von der Nachbarschaftshilfe mit dem Auto ausgefahren. Heute, erzählt Cassini, bestehe die Vereinsaktivität wesentlich aus drei Säulen: der Betreuung, der Beratung und dem Deutschunterricht. Auch ihre eigene Tätigkeit habe sich verändert. «All diese Bereiche werden von Freiwilligen geleitet, die einen professionellen Hintergrund mitbringen, eine Sozialarbeiterin, ein Manager, ein Lehrer.» Sie selber, sagt sie lachend, sei nun «die Grossmutter für alle»; es sei Zeit, die Leitung der Organisation in andere Hände zu übergeben.

Reise ins Geistige

Sie habe aber weiterhin genug zu tun, sie werde weiter ihre Enkelkinder hüten, werde der Kommission «Gesundheit und Alter», den Lesegruppen, der Meditationsgruppe, der Wandergruppe weiter angehören, den Dorftreff, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester und anderen Frauen ins Leben gerufen hat, weiterhin besuchen. Ihre zum Teil langjährigen Freundschaften wolle sie vertieft pflegen. Und langsam gelte es, sich auf die letzte Reise vorzubereiten. Diese, sagt Cécile Cassine, werde uns ins Geistige führen, und fügt hinzu: «Davon leben wir aber heute schon, und darum sollten wir das auch täglich pflegen.»

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Der Verein «Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst» sucht zusätzliche Mentorinnen und Mentoren, die bereit sind, den Kontakt zu einer bestimmten geflüchteten Person (oder Familie) zu pflegen und sich für deren Anliegen einzusetzen. Bei Interesse bestehen Weiterbildungs- und Intervisionsangebote. Weitere Informationen und Kontakt: » www.asyland.ch