Verantwortlich für diese Seite: Andreas Fischer
Bereitgestellt: 22.08.2026
Seit sechs Jahren lebt und arbeitet der Basler Kunstmaler und Objektkünstler Thomas Thüring in Kaiseraugst. Im September werden an zwei Orten im Fricktal Werke von ihm zu sehen sein. Ein Besuch in seinem Atelier.
Andreas Fischer,
Eine Doppelgarage sei aus seiner Sicht nicht mehr zeitgemäss, sagt Thomas Thüring. Doch als Atelier eigne sie sich gut, er brauche viel Raum für sein Schaffen. Thüring ist, unter anderem, Laternenmaler der «Basler Bebbi Basel», einer traditionsreichen Basler Fasnachtsclique. «Über vier Meter hoch sind die Laternen», sagt er, «höher dürfen sie nicht sein, wegen der Tramfahrleitungen in der Stadt». «Auf Messers Schneide» habe das diesjährige Sujet gelautet, fährt er fort. «Es war ein gigantisches Leuchtobjekt, das sich wie ein Schneidemesser hoch- und runterbewegte, wie der Hammering Man auf dem Aeschenplatz.»
Es ist eine Fülle von Assoziationen, die Thüring zum Thema «Messer» in den Sinn kommt, der «Kipppunkt» etwa, der kritische Schwellenwert im Klimasystem, die Erstarkung des Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, aber auch, dass das Messer ein uraltes, auf den Faustkeil in der Steinzeit zurückgehendes Kulturgut ist, ein Werkzeug, das man in jedem Haushalt vorfindet, und auch ein Instrument häuslicher Gewalt. Und dann ist da dieses Buch des britisch-indischen Schriftstellers Salman Rushdie, «Knife: Gedanken nach einem Mordversuch», in dem er als Antwort auf den Angriff im Jahr 2022 schreibt: «Mein Messer ist die Sprache.»
«Bon Voyage», «Der Silbertest»
Ob sein Kunstschaffen ein politisches sei, frage ich. «Nein», antwortet Thomas Thüring apodiktisch. Doch dann folgt eine längere Stille. «Stimmt nicht», sagt er dann, steht auf, holt ein kleines Objekt, ein Schiff, darin zusammengepfercht drei Menschen, einer trägt ein gefälschtes Marken-T-Shirt. Ich müsse mir dahinter eine riesige, schwarze Blache vorstellen, sagt Thüring, die das offene Meer symbolisiere. «Bon Voyage» laute der Titel der Installation. «Oder da, dieser Haifisch!» Thüring zeigt auf ein grossformatiges Bild an der Wand. «Er sieht bedrohlich aus, doch er hat uns Menschen gar nicht auf seinem Speiseplan. Und umgekehrt ist sein Fleisch für uns ungeniessbar. Es gibt keinen Grund, ihn zu töten, ausser dass ein toter Hai eine Trophäe darstellt. Nur darum geht es, und dieses Macho-Ding, das beschäftigt mich, und die ausgefischten Meere, die ausbleichenden Korallenriffe, überhaupt die massiven Auswirkungen unseres menschlichen Verhaltens auf die Natur.»
Nichtsdestotrotz behält das spontane Statement zu Beginn seine Gültigkeit: Thomas Thüring ist kein Politkünstler, jedenfalls nicht nur. Seine Themen sind tief innere, intime, was aber wiederum nicht bedeutet, dass sie im Persönlichen verbleiben. Sie lösen sich ab von der eigenen Geschichte, kommen in die Schwebe und werden so für den Betrachter relevant. Oft arbeitet Thüring mit «Objets trouvés», Gegenständen aus Natur und Alltag, deren Bedeutung sich ins Symbolische verschiebt. Da ist, zum Beispiel, ein Skiliftbügel, der an einem Lichtstab von der Decke herabhängt. Thüring hat dem Lichtobjekt den Titel «Der Silbertest» gegeben, in Erinnerung an die Fahrt mit dem Lift hoch zur Skiprüfung. «Unterwegs ins Licht macht sich der Mensch letztgültige Gedanken», sagt Thomas Thüring, «es sind Reflexionen vor dem Sprung ins Ungewisse, ins Nicht-Wissen».
Nah beim Tod
Es ist typisch für Thüring, dass er dem Opus den Namen eines Leistungsabzeichens in der Skischule gibt. Die tief existenziellen Themen, die er auslotet, sollen nicht schwer daherkommen. Da ist stets ein subtiler Humor. Und da ist eine unfassbare Schönheit, welche das Schwere leicht, das Abgründige erträglich macht. Es gebe, sagt Thüring, eine Dimension, die grösser sei als wir. Kunst schaffe dazu einen Bezug. Noch einmal zitiert er Salman Rushdi, der sinngemäss sagte, Kunst sei kein Luxus, sie sei die Essenz unserer Menschlichkeit, und am Ende, da überdaure sie jene, die sie unterdrücken. Dasselbe meint der gläubige Katholik Thüring in der Kirche wahrzunehmen: «Auch sie überdauert jene, welche die Macht missbrauchen, die ihnen innerhalb der Institution zukommt.»
Thürings Worte wirken nicht dogmatisch. Vielmehr spricht er aus eigener spiritueller Erfahrung. Er beginnt, eine Geschichte zu erzählen, die sich vor acht Jahren ereignete, die ihm aber nah sei, «als wäre sie gestern geschehen». Beim Volleyballspiel mit Freunden erlitt Thomas Thüring einen Herzstillstand. Die Chancen, dass er überlebt, standen bei weniger als einem Prozent. Es brauchte dafür eine Reihe glücklicher Umstände, dass einer der Kollegen kurz zuvor einen Reanimations-Kurs besucht hatte, dass das Universitätsspital Basel ganz nahe und die Ambulanz in kürzester Zeit vor Ort war usw. Thüring wurde operiert, ins künstliche Koma versetzt. Man wusste nicht, ob er je wieder aufwachen würde, und wenn ja, ob er bleibende kognitive Beeinträchtigungen davontrage.
Jahre später, nach weiteren Komplikationen, Spitalaufenthalten und Operationen, war Thomas Thüring in der Reha in der Barmelweid. «Ich spazierte allein im Wald, hörte die Vögel, sah einen Fuchs und durch die Bretter einer Waldhütte hindurch zwei Siebenschläfer. Ich saugte die Natur auf, atmete sie ein, und da stellte sich ein unfassbares Glücksgefühl ein, so nah beim Tod gewesen zu sein und jetzt all dies wahrzunehmen, zu spüren. Ich war, ich bin Teil des Grossen Ganzen.»
«International Klein Blue»
Wieder zeigt Thomas Thüring auf ein Bild. «Die Tür in Blau» heisst es, es ist grossformatig, zwei Meter hoch. Eine junge Frau – barfuss, der Blick gesenkt, rothaarig, in einem durchsichtigen Nachtkleid – steht vor einer grossen, blauen Türe. «Die Frau könnte auch ich sein», sagt Thomas Thüring, das Bild sei eigentlich autobiografisch, sei Ausdruck der Erfahrung damals während der Reha in der Barmelweid. Der Frau, scheint es, öffnet sich der Blick in eine andere Welt.
«Die Farbe, mit der die Tür gemalt ist, heisst ‘International Klein Blue’», sagt Thüring. «Entwickelt hat sie der französische Maler Yves Klein, der sie auch patentieren liess. Es ist ein tiefes, leuchtendes Ultramarinblau, das den Betrachter in sich hineinzieht. Klein war inspiriert durch das Blau der Fresken in Assisi, es ist ein Blau, das in einen Raum jenseits des Sichtbaren verweist.» Wieder stellt sich eine lange Stille ein. Schweigend betrachten wir das Bild. «Es sind», sagt Thomas Thüring, «Erinnerungen, Erzählungen, Geschichten, die in meine Werke einfliessen. Und die Aufmerksamkeit des Augenblicks.»
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«Die Tür in Blau» lautet der Titel der Ausstellung von Thomas Thüring, die im September im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst (Kraftwerkstrasse 13) zu sehen ist. Vernissage: » Sonntag, 30. August; Finissage: » Sonntag, 4. Oktober, jeweils 19.15 Uhr im Rahmen von Gottesdiensten.
Zeitgleich stellt Thomas Thüring in der Colibri Art Gallery an der Kupfergasse 18 in Rheinfelden Bilder zum Thema «über Wasser» aus. Ausstellungsdauer: Freitag, 11. September bis 30. Oktober 2026.
Weitere Informationen und Illustrationen: » www.thomas-thuering.com; » www.colibri-artgallery.ch
Es ist eine Fülle von Assoziationen, die Thüring zum Thema «Messer» in den Sinn kommt, der «Kipppunkt» etwa, der kritische Schwellenwert im Klimasystem, die Erstarkung des Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, aber auch, dass das Messer ein uraltes, auf den Faustkeil in der Steinzeit zurückgehendes Kulturgut ist, ein Werkzeug, das man in jedem Haushalt vorfindet, und auch ein Instrument häuslicher Gewalt. Und dann ist da dieses Buch des britisch-indischen Schriftstellers Salman Rushdie, «Knife: Gedanken nach einem Mordversuch», in dem er als Antwort auf den Angriff im Jahr 2022 schreibt: «Mein Messer ist die Sprache.»
«Bon Voyage», «Der Silbertest»
Ob sein Kunstschaffen ein politisches sei, frage ich. «Nein», antwortet Thomas Thüring apodiktisch. Doch dann folgt eine längere Stille. «Stimmt nicht», sagt er dann, steht auf, holt ein kleines Objekt, ein Schiff, darin zusammengepfercht drei Menschen, einer trägt ein gefälschtes Marken-T-Shirt. Ich müsse mir dahinter eine riesige, schwarze Blache vorstellen, sagt Thüring, die das offene Meer symbolisiere. «Bon Voyage» laute der Titel der Installation. «Oder da, dieser Haifisch!» Thüring zeigt auf ein grossformatiges Bild an der Wand. «Er sieht bedrohlich aus, doch er hat uns Menschen gar nicht auf seinem Speiseplan. Und umgekehrt ist sein Fleisch für uns ungeniessbar. Es gibt keinen Grund, ihn zu töten, ausser dass ein toter Hai eine Trophäe darstellt. Nur darum geht es, und dieses Macho-Ding, das beschäftigt mich, und die ausgefischten Meere, die ausbleichenden Korallenriffe, überhaupt die massiven Auswirkungen unseres menschlichen Verhaltens auf die Natur.»
Nichtsdestotrotz behält das spontane Statement zu Beginn seine Gültigkeit: Thomas Thüring ist kein Politkünstler, jedenfalls nicht nur. Seine Themen sind tief innere, intime, was aber wiederum nicht bedeutet, dass sie im Persönlichen verbleiben. Sie lösen sich ab von der eigenen Geschichte, kommen in die Schwebe und werden so für den Betrachter relevant. Oft arbeitet Thüring mit «Objets trouvés», Gegenständen aus Natur und Alltag, deren Bedeutung sich ins Symbolische verschiebt. Da ist, zum Beispiel, ein Skiliftbügel, der an einem Lichtstab von der Decke herabhängt. Thüring hat dem Lichtobjekt den Titel «Der Silbertest» gegeben, in Erinnerung an die Fahrt mit dem Lift hoch zur Skiprüfung. «Unterwegs ins Licht macht sich der Mensch letztgültige Gedanken», sagt Thomas Thüring, «es sind Reflexionen vor dem Sprung ins Ungewisse, ins Nicht-Wissen».
Nah beim Tod
Es ist typisch für Thüring, dass er dem Opus den Namen eines Leistungsabzeichens in der Skischule gibt. Die tief existenziellen Themen, die er auslotet, sollen nicht schwer daherkommen. Da ist stets ein subtiler Humor. Und da ist eine unfassbare Schönheit, welche das Schwere leicht, das Abgründige erträglich macht. Es gebe, sagt Thüring, eine Dimension, die grösser sei als wir. Kunst schaffe dazu einen Bezug. Noch einmal zitiert er Salman Rushdi, der sinngemäss sagte, Kunst sei kein Luxus, sie sei die Essenz unserer Menschlichkeit, und am Ende, da überdaure sie jene, die sie unterdrücken. Dasselbe meint der gläubige Katholik Thüring in der Kirche wahrzunehmen: «Auch sie überdauert jene, welche die Macht missbrauchen, die ihnen innerhalb der Institution zukommt.»
Thürings Worte wirken nicht dogmatisch. Vielmehr spricht er aus eigener spiritueller Erfahrung. Er beginnt, eine Geschichte zu erzählen, die sich vor acht Jahren ereignete, die ihm aber nah sei, «als wäre sie gestern geschehen». Beim Volleyballspiel mit Freunden erlitt Thomas Thüring einen Herzstillstand. Die Chancen, dass er überlebt, standen bei weniger als einem Prozent. Es brauchte dafür eine Reihe glücklicher Umstände, dass einer der Kollegen kurz zuvor einen Reanimations-Kurs besucht hatte, dass das Universitätsspital Basel ganz nahe und die Ambulanz in kürzester Zeit vor Ort war usw. Thüring wurde operiert, ins künstliche Koma versetzt. Man wusste nicht, ob er je wieder aufwachen würde, und wenn ja, ob er bleibende kognitive Beeinträchtigungen davontrage.
Jahre später, nach weiteren Komplikationen, Spitalaufenthalten und Operationen, war Thomas Thüring in der Reha in der Barmelweid. «Ich spazierte allein im Wald, hörte die Vögel, sah einen Fuchs und durch die Bretter einer Waldhütte hindurch zwei Siebenschläfer. Ich saugte die Natur auf, atmete sie ein, und da stellte sich ein unfassbares Glücksgefühl ein, so nah beim Tod gewesen zu sein und jetzt all dies wahrzunehmen, zu spüren. Ich war, ich bin Teil des Grossen Ganzen.»
«International Klein Blue»
Wieder zeigt Thomas Thüring auf ein Bild. «Die Tür in Blau» heisst es, es ist grossformatig, zwei Meter hoch. Eine junge Frau – barfuss, der Blick gesenkt, rothaarig, in einem durchsichtigen Nachtkleid – steht vor einer grossen, blauen Türe. «Die Frau könnte auch ich sein», sagt Thomas Thüring, das Bild sei eigentlich autobiografisch, sei Ausdruck der Erfahrung damals während der Reha in der Barmelweid. Der Frau, scheint es, öffnet sich der Blick in eine andere Welt.
«Die Farbe, mit der die Tür gemalt ist, heisst ‘International Klein Blue’», sagt Thüring. «Entwickelt hat sie der französische Maler Yves Klein, der sie auch patentieren liess. Es ist ein tiefes, leuchtendes Ultramarinblau, das den Betrachter in sich hineinzieht. Klein war inspiriert durch das Blau der Fresken in Assisi, es ist ein Blau, das in einen Raum jenseits des Sichtbaren verweist.» Wieder stellt sich eine lange Stille ein. Schweigend betrachten wir das Bild. «Es sind», sagt Thomas Thüring, «Erinnerungen, Erzählungen, Geschichten, die in meine Werke einfliessen. Und die Aufmerksamkeit des Augenblicks.»
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«Die Tür in Blau» lautet der Titel der Ausstellung von Thomas Thüring, die im September im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst (Kraftwerkstrasse 13) zu sehen ist. Vernissage: » Sonntag, 30. August; Finissage: » Sonntag, 4. Oktober, jeweils 19.15 Uhr im Rahmen von Gottesdiensten.
Zeitgleich stellt Thomas Thüring in der Colibri Art Gallery an der Kupfergasse 18 in Rheinfelden Bilder zum Thema «über Wasser» aus. Ausstellungsdauer: Freitag, 11. September bis 30. Oktober 2026.
Weitere Informationen und Illustrationen: » www.thomas-thuering.com; » www.colibri-artgallery.ch


