Die Vermessung der Welt: Eröffnung des Sandmandala-Projekts

Sandmandala Tag 1 (6) (Foto: Jutta Wurm)
Derzeit erstellen im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst zwei tibetische Mönche ein Sand-Mandala. Das eine Woche dauernde Ritual ist am Montag, 19. September eröffnet worden.
Andreas Fischer,
In der Mitte des Raums stehen zwei Tische, darauf liegen Bretter. Darum herum sitzen zwanzig Kinder auf Kissen am Boden, dahinter dreissig Erwachsene auf Stühlen. Man stellt sich vor, tauscht sich aus. Dann wird es still. Die Flötistin Tamar Eskenian spielt zum Eingang ein Stück auf der armenischen Hirtenflöte Shvi.

In meiner Begrüssung nehme ich Bezug auf den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag, der tags zuvor gefeiert wurde: Dieser ist kein kirchlicher, sondern ein staatlich verordneter Feiertag, dessen ursprüngliche Idee war, den konfessionellen Streitigkeiten in unserem Land ein Ende zu setzen und Toleranz und Wertschätzung gegenüber Andersdenkenden zu üben. Dass ein buddhistisches Ritual in einem Kirchgemeindehaus zelebriert wird, passt also zum Bettag.

Dann führen Cornelia Pereira Notter, die Präsidentin des Schulvereins Lo-Manthang, der die Veranstaltung organisiert, und der tibetische Mönch Khenpo Kunga Tenzing in das Projekt ein. Sie erklären, was ein Mandala ist: ein Palast, in dem eine Gottheit wohnt, in diesem Fall der Medizin-Buddha, der Heilung bringen wird für jene, die das Mandala erstellen, und auch für jene, die den Prozess in der Stille begleiten.

Nach den Reden spielt Tamar Eskenian noch einmal auf einer traditionellen armenischen Flöte, Duduk, gleichsam dem Bruder von Shvi. Die Klänge sind ebenso faszinierend-fremd, mit vielen Obertönen, wie das Gebet, das Khenpo und ein weiterer Mönch anschliessend mit ihren tiefen Stimmen singen.

Dann machen sie sich an die Arbeit – mit Schnüren und einem Lineal, wie er früher auf Wandtafeln verwendet wurde, vermessen sie das aus den Brettern gefertigte Quadrat, mit Filzstiften skizzieren sie den Palast, den sie nun in den kommenden Tagen mit farbigem Sand „bauen“ werden.

Das Kirchgemeindehaus ist tagsüber geöffnet (genaue Öffnungszeiten siehe » hier), man kann den Mönchen bei ihrer meditativen Arbeit zuschauen. Im Nebenraum gibt es einen Film über Lo-Manthang sowie weitere Informationsmaterialien. Spenden gehen vollumfänglich an das Schulprojekt.

In der Schlusszeremonie am kommenden Sonntag, 25. September, um 15 Uhr wird das Kunstwerk wieder zusammengewischt und auf dem Rhein verstreut. Auch dieser Anlass ist öffentlich. Er wird musikalisch umrahmt von den Pianisten Assel Abilseitova und Rani Orenstein, die auf den beiden Flügeln im Kirchgemeindehaus ein Werk des zeitgenössischen Komponisten Ben Lunn mit dem Titel „Piano Mandala“ zur Aufführung bringen werden.
Sandmandala-Projekt
19.09.2022
37 Bilder
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Fotograf/-in
Jutta Wurm, Andreas Fischer