Verantwortlich für diese Seite: Andreas Fischer
Bereitgestellt: 15.06.2026
Am Sonntag, 14. Juni ist die Ausstellung „indigo“ von Viktor Hottinger zu Ende gegangen. Das Trio „Brandnew Strings“ spielte zur „blauen Stunde“ Jazzstandards, draussen vor dem Kirchgemeindehaus wurden bei sommerlichen Temperaturen Apero-Häppchen serviert. Er sei froh, nun wieder mehr Freizeit zu haben, sagte der Rheinfelder Kunstmaler zum Schluss, doch er fühle im Herzen auch „indigo“, also „Blues“.
Andreas Fischer,
Während zwei Monaten schufen Mondbilder in dunkelblauen Farbtönen eine friedvoll-geborgene, zuweilen melancholische Stimmung im Kirchenraum. Unsere Pianisten – Assel Abilseitova, Lukas Sehr, Rani Orenstein – spielten Mond- und Abendmusik: Beethovens Mondscheinsonate, „Clair de Lune“ von Debussy, „An den Mond“ von Schubert, Nocturnes von Chopin und Clara Schumann etc.. Einmal fand eine Soirée mit » Viktor Hottingers kultigen „N'AWLINS SIX“ statt. Die Sängerinnen und Sänger des Ad hoc-Chors, der manchmal in Gottesdiensten singt, konnten gegen Ende der Ausstellung das „Abendlied“ mehrstimmig auswendig.
„Kehre bei dir selber ein“
In zwei Gottesdiensten predigte ich über das berühmte „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen…“) und seinen Autoren Matthias Claudius. Einer der schönsten Verse des „Wandsbecker Boten“ lautet: „Willst du recht zu Hause sein / kehre bei dir selber ein“. Das passt zum Hinweis, den Viktor Hottinger am Anfang der Ausstellung gab: „indigo“ klingt auf Schweizerdeutsch wie „in dich gehen“.
Diese Innerlichkeit gehört zum Wesen von Matthias Claudius; anders als etwa Dichterfürst Goethe, der Claudius als „Narr und Einfaltspinsel“ bezeichnete, oder der Humanist Wilhelm von Humboldt, der in ihm eine „völlige Null“ sah, war Claudius jegliche Eitelkeit fremd. „Meine Philosophie ist einfältigen, ärmlichen Ansehens“, sagte er, „aber ich habe noch keine andere gefunden, die unter allen Umständen stichhält.“ Vermutlich plagt es Goethe noch im Grab, dass das „Abendlied“ von Claudius, wie statistische Auswertungen von Gedichtsammlungen zeigen, das berühmteste Poem deutscher Sprache ist, berühmter noch als „Wandrers Nachtlied“ oder der „Erlkönig“. Es passt, dass der Autor des „Abendlieds“, dieser leiseste aller Poeten, im Gegensatz zu seinem Gedicht ziemlich unbekannt ist. Das Eintauchen in Matthias Claudius‘ Leben, Wesen und Werk war interessant und berührend; ein paar Gedanken, die daraus resultiert sind, finden sich in den unten angehängten Predigtmanuskripten.
„Die Tür in Blau“
Das Abendlied war Quelle der Inspiration für das Triptychon, das während der Ausstellung vorn im Kirchenraum hing – und noch ein paar Wochen hängen bleibt. Viktor Hottinger stellt es uns freundlicherweise zur Verfügung, bis am 30. August, wieder in einem Abendgottesdienst (Beginn: 19.15 Uhr), die nächste Vernissage stattfinden wird. Das Thema der Ausstellung des in Kaiseraugst wohnhaften Basler Kunstmalers und Aktionskünstlers Thomas Thüring wird sinnigerweise » „Die Tür in Blau“ lauten. Unser Quilt mit seinen leuchtenden Farben wird dann ab Oktober, wenn es draussen dunkler wird, den Raum wieder erhellen.
Aus dem Manuskript für den Abendgottesdienst vom 31. Mai zum „Abendlied“ von Matthias Claudius:
Einleitung
Um die Abendlieder zu verstehen, muss man sich gleichsam auf die Sichthöhe des inneren Kindes begeben, muss sie einfach, «einfältig», wie Matthias Claudius sagt, mit reiner Seele.
Sonst wirken sie rasch einmal lächerlich und werden zur Zielscheibe von Hohn und Spott. Friedrich Schleiermacher, der grosse Philosoph und Theologe des 19. Jahrhunderts, wollte «Nun ruhen alle Wälder» aus dem Kirchengesangbuch werfen mit der Begründung, Gerhardt habe da lauter «Unsinn» geschrieben, das Lied sei eine «verworrene Aufzählung leerer Worte». Es könne eigentlich nicht in der Kirche gesungen werden, sondern genau genommen nur zuhause im Schlafzimmer beim Ausziehen.
Und ein anderer Rationalist schrieb:
«Wie kann man in unseren aufgeklärten Zeiten noch singen: Es ruht die ganze Welt, wenn man weiss, dass grade, wenn wir uns schlafen legen, unsere Antipoden wach werden, also höchstens die halbe Welt schläft...»
Man hat allen Ernstes die ersten Zeilen umgeschrieben und gesungen:
«Nun ruht und schläft im Friede,
von Tagsgeschäften müde,
ein grosser Teil der Welt…»
(alles nach Albrecht Beutel, Spurensicherung)
Dass damit die poetische Schönheit hopps geht, aber nicht nur: auch der Friede, der sich in der inneren Welt, der Seelenwelt ausbreitet, geht hopps --- das haben die Rationalisten nicht bemerkt.
Versuchen wir also, «einfältig», «wie Kinder» die Worte des Abendlieds zu hören. Nach einer Überleitung werden wir es ein wenig später dann auch singen…
Abendlied
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.
Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder,
Und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinnste
Und suchen viele Künste,
Und kommen weiter von dem Ziel.
Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich seyn!
Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns im Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!
So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon’ uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!
Überleitung
Im Vorfeld dieses Gottesdienstes sagte jemand salopp zu mir, statt sich an so einem Abend in der Kirche Bilder vom Mond anzuschauen und ein Gedicht über den Mond anzuhören, gehe er lieber in den Wald und schaue das Original an.
Dieselbe Thema bringt der deutsche Schriftsteller Franz Fühmann in einem Text über das Abendlied zur Sprache:
„Die Abendstille kann unzweifelhaft ein bewegendes Erlebnis sein, ein jeder von uns hat das erfahren, allein es ist nicht einzusehen, dass man dieses Erlebnis durch ein Gedicht statt durch die Natur selber erneuern sollte.“ (154)
Wenn man dem Stadtqualm entrinnen wolle, sagt Fühmann weiter, wäre es doch eigentlich näherliegend, dass man in den Wald geht als in die Bibliothek – oder eben in die Kirche.
Doch dann kommt Fühmann in einem langen, tiefschürfenden Essay zur Einsicht, dass Kunst – sei es Musik, sei es Malerei, sei es Poesie – etwas zu leisten imstande ist, was die unmittelbare Naturbetrachtung so nicht leisten kann.
Kunst, ich sage das jetzt verkürzt und hoffentlich verständlich, schafft eine Verbindung von der äusseren mit der inneren Welt, der Seele, von „Menschenaussen und Menscheninnen“, wie Fühmann schreibt, Kunst schafft „die Verschränkung dessen, was sowohl draussen wie drinnen ist, von physischen wie von psychischen Realitäten.“ (nach 198f.)
Das Triptychon hier vorn ist nicht einfach das Abbild des Monds draussen, sind nicht Kopien des Originals, das man besichtigen könnte, wenn man nur aus der Kirche raus gehen würde.
Viktor Hottinger hat mir erzählt, dass vor zehn Jahren seine Frau Käthi, erst sechzigjährig, gestorben sei:
„Danach habe er zwei Jahre lang nichts mehr in die Hand genommen, keinen Pinsel, kein Kornett. Doch dann sagte etwas in ihm: «Jetzt musst du einfach!» «Bilder aus dem richtigen Leben» lautete der Titel der viel beachteten Ausstellung in der Rheinfelder Johanniterkapelle, mit der er 2019 in die Öffentlichkeit zurückkehrte.“
Im Zentrum jener Ausstellung stand eben dieses Triptychon zum «Abendlied»:
„Eine Zeile war es, die Viktor Hottinger damals, beim Tod seiner Frau, besonders berührte – «und unsern kranken Nachbarn auch». Auch wenn Käthi, Mutter seiner beiden Söhne und die Liebe seines Lebens, für ihn mehr war als ein Nachbar: Die Zeile wirkte tröstlich.“
Was Viktor Hottinger mir da erzählt hat – und was so im » Porträt nachzulesen ist –, das lässt einen ahnen: Dieses Triptychon, das ist viel mehr als die Abbildung einer Landschaft mit Mond draussen. In diesen Bildern ist Liebe, ist gemeinsame Lebensgeschichte, ist Abschied, sind all die damit verbundenen Emotionen hineingemalt.
„Menschheitssubstanz“ ist da hineingemalt, um es mit dem schon erwähnten Schriftsteller Franz Fühmann zu sagen:
„Je mehr Menschheitssubstanz erfahrener Welt in ein Kunstwerk eingegangen ist, um so grösser ist seine Mächtigkeit. Hier liegt der Grund, warum Kunst nicht auf Befehl herbeischaffbar ist: Dort, wo die Substanz der Erfahrung fehlt, hilft auch der beste Wille nicht weiter.“
Doch, sagt Fühmann weiter, auch das Umgekehrte gilt: Es kann etwas ganz und gar Individuelles, Persönliches, wenn es aus dieser „Menschheitssubstanz erfahrener Welt“ geschaffen ist, zu einer „Menschheitsaussage“ wachsen. Und wenn andere das dann sehen oder hören oder lesen, dann denken sie: Dieser Komponist, diese Dichterin, dieser Maler hat mir aus der Seele gesprochen. SO IST ES; Fühmann schreibt:
„SO IST ES – man hat es ja schon immer gewusst, es hat einem auf der Seele gebrannt, nur konnte man’s nicht in Worte fassen, darum hat der Menschenbruder, hat die Menschenschwester für einen gesprochen, und siehe… man könnte es nicht einfacher sagen, aber eben darum auch gültiger nicht.“ (198)
Diese Worte von Franz Fühmann scheinen mir in besonderem Mass für das „Abendlied“ von Matthias Claudius zu gelten: „Man könnte es nicht einfacher sagen, aber eben darum auch nicht gültiger.“ Es gilt für diese letzte Zeile von unfassbarer Schlichtheit und Tiefe: „und unseren kranken Nachbarn auch“, es gilt für die erste Strophe, es gilt für das ganze Gedicht, für das ganze Abendlied. Singen wir es!
Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ (599, 1-7)
Predigt
Das Abendlied von Matthias Claudius ist das bekannteste deutsche Gedicht überhaupt, bekannter noch als „Wandrers Nachtlied“ und der „Erlkönig“ von Johann Wolfgang von Goethe.
Das ist nicht nur gefühlt so, das lässt sich auch an Zahlen zeigen (Andreas Mauz). Es gibt eine statistische Auswertung von zweihundert deutschsprachigen Gedichtsammlungen, die das nachweist. Den Dichterfürsten Goethe dürfte das im Grab noch plagen – er verachtete Claudius, bezeichnete ihn als „Narren und Einfaltspinsel“ («Narr[en]“ „voller Einfaltsprätensionen»).
Goethe ist mit seinem Urteil nicht allein. Matthias Claudius war zeitlebens ein Aussenseiter, den Theologen war er zu poetisch, den Literaten war er zu fromm, hier und dort eine Randfigur (nach Beutel). Treffend hat ihn der grosse Schriftsteller der Romantik, Joseph von Eichendorff, beschrieben als einen, „der zwischen Diesseits und Jenseits unermüdlich auf- und abgeht“.
Dieses „Auf- und Abgehen zwischen Diesseits und Jenseits“ zeigt sich schön in unserem Abendlied. Schon dieser Titel, „Abendlied“, der auf Matthias Claudius selber zurückgeht – schon dieser Titel bezeichnet ein Dazwischen:
Ein Abendlied ist einerseits ein Volkslied, andererseits ist es religiöse Dichtung. Das Abendlied von Matthias Claudius ist ganz früh schon (von Johann Gottfried Herder) in eine zeitgenössische Sammlung von Volksliedern aufgenommen worden – bezeichnenderweise hat man dabei allerdings die fünfte und die sechste Strophe weggelassen, also jene Strophen, in denen Gott direkt angesprochen wird und sich das Gedicht in ein Gebet verwandelt.
Das war nicht im Sinn von Matthias Claudius, der sich, wie eingangs erwähnt, bewusst auf das Lied von Paul Gerhardt bezogen hat: „Nun ruhen alle Wälder“. Damit machte Claudius deutlich: Für ihn ist das Abendlied wesentlich ein religiöses Lied.
Also: schon bei dieser Überschrift, dieser Gattungsbezeichnung „Abendlied“ befinden wir uns am Rand, auf der Grenze, in einem Zwischenbereich.
„Zwischen Licht“, mit dieser schönen Formulierung beschreibt Viktor Hottinger die blaue Stunde, diese Zeit, wo es nicht mehr Tag ist und noch nicht Nacht. Die Zeit „zwischen Licht“ ist die Zeit des Abendlieds.
Ich möchte mich in zwei Gedankengängen zwei der drei Strophen des Abendlieds zuwenden, die hier vorn auf dem Triptychon stehen – mit der dritten (Cliffhanger!) befassen wir uns dann bei der Finissage 😊.
Gehen wir zur ersten:
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
Man bezeichnet diese erste Strophe in der Literaturwissenschaft als „Natureingang“. Es ist die Schilderung einer Landschaft, die wir alle schon gesehen haben. Ganz leise aber deutet sich in dieser Landschaft ein Änedraa an, ein Jenseits mitten im Diesseits.
Der geheimnisvolle Nebel, der aufsteigt, könnte ein Hinweis sein auf diese Transzendenz. Und dann das Wort „wunderbar“ ganz am Schluss der Strophe.
Und wenn wir uns tiefer in die poetische Struktur des Gedichts hinein versenken, dann sehen wir: Das „Abendlied“ ist in sogenannten Schweifreimen geschrieben. Die ersten beiden Zeilen reimen sich: „aufgegangen“ – „prangen“. Ebenso bilden die vierte und die fünfte Zeile einen Reim: „schweiget“ – „steiget“. Die dritte Zeile aber, die bleibt in der Schwebe – auf „klar“ reimt sich zunächst nichts. Es bildet einen Schweif, einen Bogen hin zu „wunderbar“ am Schluss der Strophe. Dadurch entstehen zwei Teile in dieser Strophe à je drei Zeilen, zwei sogenannte Terzette.
Hören wir noch einmal das zweite Terzett:
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
In diesem zweiten Teil senkt sich der Blick des Dichters, wendet sich der Erde zu; klanglich sind die Zeilen zusammengehalten durch viele W’s: Wald, Wiesen, weiss, wunderbar; besonders eindringlich ist die Doppelung „schwarz und schweiget“. Die Szene ist gemalt in sogenannt unbunten Farben, im Kontrast von schwarz und weiss (schwarzer Wald, weisser Nebel).
Gehen wir noch einmal zurück zum ersten Terzett, den ersten drei Zeilen:
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Blick hebt sich, der Mond geht auf, hell am Himmel stehen die Sterne. Nicht schwarz, sondern golden ist ihre Farbe, und die Farbe des Hintergrunds am Himmel ist Indigo. Bei all seinen Mond-Bildern, hat Viktor Hottinger mir erzählt, habe er kein Schwarz, sondern, eben, Indigo verwendet, das er dann mit anderen Buntfarben zur gewünschten dunklen Tönung vermischte.
Es ist ein deutlicher Kontrast zwischen dem ersten und dem zweiten Terzett, zwischen Mond und Wald, zwischen Himmel und Erde.
Dieser Gegensatz lässt einen ahnen, dass es bei dieser ersten Strophe um mehr geht als um eine Naturbetrachtung. Dem Blick hoch zum Himmel, dem öffnet sich, „wunderbar“, der Blick ins Änedraa, man wird hineingenommen in diese Bewegung des Auf- und Abgehens zwischen Diesseits und Jenseits, die ich vorher erwähnt habe.
Wieder also bewegen wir uns auf einer Grenze, wieder befinden wir uns im Übergang. Symbol dieses Übergangs ist der Mond. Er ist, wie es in einem Kommentar schön heisst, das Tor zur „Geheimnisseite der Welt“. „Jenseits des Mondes ist alles unvergänglich“, hat Matthias Claudius selber einmal gesagt.
Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
Diese Strophe steht auf dem mittleren Bild des Triptychons. Ich dachte zunächst, es sei etwas merkwürdig, dass im Gedicht von einem Halbmond die Rede ist („er ist nur halb zu sehen“) und auf dem Bild ein Vollmond leuchtet.
Doch als ich dann die Kommentare zum „Abendlied“ las, stellte ich fest, dass Viktor Hottinger Matthias Claudius richtig verstanden hat: „Nur halb zu sehen“ ist der Mond für uns nicht, weil Halbmond ist, sondern weil uns die Rückseite des Monds verborgen bleibt. Ob Voll- oder Halb- oder Leermond – unabhängig vom Mondstand sehen wir sowieso immer nur die uns zugewandte Seite des Monds.
Es gibt sie aber, die dunkle Seite des Monds, die Rückseite der Wirklichkeit, es gibt das Änedraa, das Verborgene, das Unsichtbare. Und dieses Unsichtbare ist die eigentlich wahre Wirklichkeit. Der Apostel Paulus sagt in einem Spitzensatz: „Das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare aber ist ewig.“
Der Mond mit seiner sichtbaren und seiner verborgenen Seite schafft den Übergang, den Zugang zum Ewigen. Eben, wie Matthias Claudius schreibt: „Jenseits des Monds ist alles unvergänglich.“
Zeitgenossen haben von Matthias Claudius gesagt, er sei „ein Mensch voll Mondlicht“ gewesen, habe „immer Mondschein im Herzen“ getragen.
In jungen Jahren hat er geradezu Liebeserklärungen an den Mond geschrieben: „Stille glänzende Freundin, ich habe Sie lange heimlich geliebt“, heisst es in einem dieser Liebesbriefe.
Interessanterweise sieht Matthias Claudius den Mond also weiblich, wie das die biblischen Sprachen auch tun, hebräisch und griechisch, und auch die romanischen Sprachen. Dort ist der Mond die luna, und die Sonne ist der sol, männlich.
Die Luna schafft Zugang zur Nacht und damit verbunden zum Unbewussten, zu den Bereichen, die C.G. Jung Schatten nennt. Im Lied von Paul Gerhardt, das wir vorher gesungen haben, heisst es: „Wo bist du, Sonne, blieben, die Nacht hat dich vertrieben, die Nacht, des Tages Feind.“ Die Nacht ist bedrohlich, die Auferstehung ereignet sich am Morgen, Ostern bedeutet Aurora, Sonnenaufgang, die Sonne ist im Christentum Symbol für Jesus Christus und Licht ist die Substanz Gottes.
Doch Matthias Claudius, dieser Grenzgänger, dieser Aussenseiter, wendet sich der Luna zu, taucht ein ins Dunkel, dort, wo es still wird, ganz still. „Wie ist die Welt so stille und in der Dämmrung Hülle so traulich und so hold, als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.“ Eine ruhige Nacht wünsche ich uns. Bhüet eus, Gott!
Aus dem Manuskript für den Abendgottesdienst vom 14. Juni zum „Abendlied“ von Matthias Claudius:
Einleitung:
Matthias Claudius ist immer wieder einmal Zielscheibe von Hohn und Spott. Goethe, das habe ich letztes Mal schon erwähnt, sah in ihm einen „Narren und Einfaltspinsel“.
Und ein anderer der grossen Gelehrten des 18. Jahrhunderts, der Schriftsteller und Humanist Wilhelm von Humboldt, bezeichnete Claudius schlicht als „eine völlige Null“.
Was Matthias Claudius selber zu diesem vernichtenden Urteil sagte, ist nicht überliefert. Vielleicht hätte er es sogar bejaht.
Als er einst seine Tätigkeit als Redaktor einer Zeitschrift beendete und sich von den Lesern verabschiedete, fragte er selbstironisch, womit er sie eigentlich unterhalten wollte: „mit Artikeln über Krieg, über Liebe, über Genie?“ Er weiss es selber nicht recht, und so fragt er weiter: „Also mit nichts?“, und antwortet dann, ganz im Sinn der „völligen Null“:
„Ja doch, mit NICHTS (wollte ich die Leser unterhalten) --- NICHTS, das ist genau das Fach, in dem ich am stärksten bin.“ (nach Schultz 24)
Nicht undenkbar, dass Matthias Claudius, der in einem Pfarrhaus aufgewachsen war, aus einer Pfarrerdynastie stammte und selber ein paar Semester Theologie studiert hatte, der Spitzensatz des Apostels Paulus bekannt war: „Gott hat das, was Nichts ist, erwählt“.
Es ist bezeichnend, dass das „Abendlied“ weitherum bekannt ist, aber als Volkslied. Über den Autoren weiss man in der Regel kaum etwas. Werfen wir einen Blick auf das Leben von Matthias Claudius – mir scheint, es lohnt sich.
Claudius kam 1740 in Holstein ganz im Norden Deutschlands zur Welt und wuchs, wie erwähnt, in einem Pfarrhaus auf. Er studierte Theologie, später Rechtswissenschaft, schloss aber keines der Fächer ab.
War Claudius deshalb, wie manche vermuten, ein Gescheiterter? Der Grund, weshalb er die Studien nicht abschloss, scheint eher in einem starken Freiheitsdrang zu liegen, einem unbändigen Wunsch nach Unabhängigkeit. „Ich habe wirklich grossen Trieb, unabhängig zu sein“, schrieb er selber, und ein Freund sagte über ihn, „dass ohne Freiheit für ihn kein Leben sei“ (nach 18). In einer Biografie über Matthias Claudius heisst es:
„Er war keinesfalls willens, sich um der Karriere willen preiszugeben, zu entfremden… Er wollte nichts anderes sein und werden als --- Matthias Claudius… Konsequent und kompromisslos lebte er jeden Tag mit Unterhaltssorgen für sich und die Seinen, doch dafür als das pure Gegenstück zu einem Opportunisten.“ (nach 18)
1768, also mit 28, was für jene Zeit schon ziemlich alt war, fand er eine Stelle als Redaktor bei einer Zeitschrift in Hamburg. Seine Aufgabe bestand vor allem darin, Börsenberichte zu sammeln und über ankommende und abfahrende Schiffe zu berichten.
Ausgerechnet hier, in einer „lärmigen Redaktionsstube“ (22), bei einer Tätigkeit, die nicht eben sinnvoll erscheint, entpuppt sich der Dichter in Matthias Claudius. Er sagte von sich selber, dass er die Nachrichten nicht bloss so hinschreibe, sondern „etwas von seinem Eigenen hinzu“ tue. Dann klang es, mitten in „nackten Fakten und faden Daten“, zum Beispiel so:
„Vorgestern fand man in einem der neuen Häuser, die nahe bei Marybone gebaut wurden, einen Mannn in sehr lumpiger Kleidung; tot; der vermutlich vor Kälte und Hunger gestorben war. O hätte ich ihm den Abend vorher einen Schilling gegeben.“
Das Motiv des Mitgefühls, das in der letzten Zeile des Abendlieds auftaucht: „und unsern kranken Nachbarn auch“ – dieses Motiv scheint hier in der Zeitungsnotiz schon anzuklingen.
Es gelingt Matthias Claudius, in der Zeitung eine poetische Ecke einzurichten. Dort steht dann so schöne Texte wie das „Wiegenlied bei Mondschein zu singen“; hören wir daraus die ersten beiden Strophen:
„So schlafe nun, du Kleine!
Was weinest du?
Sanft ist im Mondenscheine
Und süss die Ruh.
Auch kommt der Schlaf geschwinder,
und ohne Müh;
Der Mond freut sich der Kinder
Und liebet sie.“
„Mondschein im Herzen“ habe Matthias Claudius getragen, hat ein Zeitgenosse von ihm gesagt. Im Jahr 1771, mit 31 Jahren, zog er nach Wandsbek bei Hamburg und wurde dort Redaktor des „Wandsbecker Boten“.
Die Zeitschrift stand in hohem Ansehen, die berühmtesten Autoren der Zeit – Herder, Lessing, Klopstock usw. – schrieben für das Blatt. Doch finanziell war ihm kein Erfolg beschieden; nach nur vier Jahren wurde es wieder eingestellt.
Inzwischen, im Jahr 1772, hatte Matthias Claudius Rebekka Dehn geheiratet; das Paar bekam zwölf Kinder. Ein halbes Jahrhundert lebte die Familie in Wandsbek; Claudius schrieb weiter unter dem Namen „Wandsbecker Bote“, der nun nicht mehr für die Zeitung, sondern für ihn selber stand.
Im Verlauf der Jahrzehnte veröffentlichte er „sämtliche Werke des Wandsbecker Boten“, die acht Bände umfassen. Die Texte sind nicht einheitlich, im Gegenteil, da sind Gedichte, Briefe, Betrachtungen, Denksprüche, Flugblätter. „Kaleidoskopisch purzeln Themen und Formen durcheinander“, heisst es in einem Kommentar (34).
Vollkommene Gedichte findet sich mitten in Kleinkram und Belanglosigkeiten (nach 35). Vieles ist spontan verfasst, nah bei der gesprochenen Sprache, im Dialog, im Kontakt mit dem Leser. „Wirkliches Leben“, heisst es schön einem Kommentar, ist hier „in Buchstaben übertragen“, das Werk sei „Literatur gewordener Alltag“. Die Texte entstanden aus einem prallen, glücklichen Familienleben, mit einem Freundeskreis, der sich im Wandsbeker Haus versammelte zu Festen, die weitherum berühmt waren.
Ein katholischer Priester und Ordensmann etwa schrieb nach so einem Fest:
„Gern erinnere ich mich an die Bocksprünge, die Claudius im Garten herum machte, und die Kinder und ich mit lautem Gelächter hinterdrein.“ (11f.)
In der Literaturwissenschaft gilt die Regel, dass man zwischen dem Text und dem Autor strikt unterscheiden soll. Bei Matthias Claudius ist es anders. Er selber schreibt in einem Brief:
„Ich mag nicht unterscheiden zwischen Schriftsteller und Mensch; meine Schriftstellerei ist Realität oder sollte es wenigstens sein“ (nach 10).
Dichter und Dichtung fallen bei Matthias Claudius zusammen. Man bezeichnet das heute als Authentizität und als Kongruenz, wenn das, was ich sage, und das, was ich tue, deckungsgleich ist. Matthias Claudius, von Goethe als „Einfaltspinsel“ tituliert, bezeichnet diese Authentizität selber als „Einfalt“:
„Meine Philosophie ist einfältigen, ärmlichen Ansehens, aber ich habe noch keine andere gefunden, die unter allen Umständen stichhält.“ (Brief an Wieland; Beutel 510)
Es ist diese Qualität tiefster Einfachheit, Ehrlichkeit, Lauterkeit, die Matthias Claudius gelebt und ausgestrahlt hat. Und diese Qualität wirkt über die Jahrhunderte hinweg in seinen Texten.
Es ist eine Qualität, die in uns allen schlummert, „als eine stille Kammer“ auf dem Grund meiner Seele.
„indigo“ heisst die Ausstellung, die heute zu Ende geht. „indigo“, sagt Viktor Hottinger, klingt auf Schweizerdeutsch wie „in dich gehen“.
Darum geht es: „Willst du recht zu Hause sein“, so lautet einer der schönsten Verse von Matthias Claudius, „willst du recht zu Hause sein / kehre bei dir selber ein“.
„Return again to the Land of your Soul“, „Kehre zurück zum Land deiner Seele, kehr zurück zu dem, der du bist, kehr zurück zu dem, was du bist, geboren und wieder geboren“ – so heisst einer meiner liebsten Chants, ein Lied des jüdischen Rabbiners und Songwriters Shlomo Carlebach. Eine kleine Gruppe hat das Lied heute Nachmittag geübt – singen wir es, als „indigo“-Lied: „Willst du recht zu Hause sein / kehre bei dir selber ein“.
Song: „Return Again“
Überleitung zum „Abendlied“
Das „Abendlied“ von Matthias Claudius hat sieben Strophen. Sieben ist die Zahl der göttlichen Vollkommenheit, sie verbindet die Erde, die durch die Zahl Vier symbolisiert wird, und den Himmel, für den die Drei steht.
Wenn man einen Blick auf das Ganze des Gedichts wirft, sieht man: In den ersten vier Strophen kommt Gott nicht vor – in den letzten drei Strophen hingegen erscheint er in jeder Strophe mindestens einmal.
Die fünfte Strophe vollzieht die Wende vom Gedicht zum Gebet. Man hat in Sammlungen von Volksliedern die fünfte und die sechste Strophe herausgenommen und auf diese Weise versucht, das „Abendlied“ ganz ohne religiösen Bezug zu lesen. Doch damit beschädigt man die Ganzheit des Gedichts. „Gestalt und Gehalt“, Form und Inhalt sind in diesem Gedicht tief miteinander verbunden.
Auf der Ebene der Form heisst es in einem Kommentar: „Jedes Wort steht am rechten Platz, keines ist zu viel, keines zu wenig“ (nach 494); dem entspricht, was auf der Ebene des Inhalts der deutsche Schriftsteller Ernst Wiechert, der übrigens in Stäfa am Zürichsee begraben ist, geschrieben hat:
Das „Abendlied ist der Schlacken und des Makels alles Menschlichen entkleidet. Es das letzte, was ein Menschenmund auszusagen vermag.“ (Ernst Wiechert; nach 492)
Inhaltlich sagt Matthias Claudius, es gelte, „einfältig“ zu werden, wie Kinder fromm und fröhlich. Dem entspricht auf der Ebene der Form die einfache Sprache: Viele Sätze sind einfach mit „und“ aneinandergereiht; ausserdem verwendet Claudius häufig sogenannte „unreine Reime“: „stille“ und „Hülle“, „Kinder“ und Sünder“, „freun“ und „sein“ und so weiter.
Matthias Claudius wählt diese ungenauen, eben „unreinen“ Reime nicht, weil ihm keine besseren einfallen – er wählt sie ganz bewusst, weil sie eine Nähe zur gesprochenen Sprache herstellen und damit auch eine seelische Nähe, Vertrautheit und eben wieder: Einfachheit.
Und noch eine Beobachtung auf der Ebene der Form: Das Gedicht spielt mit dem Klang der Worte: „schwarz und schweiget“, „Wald“, „Wiesen“, „weiss“, „wunderbar“ – die erste Strophe ist voll von solchen sogenannten Alliterationen, Buchstaben, die sich wiederholen.
Dasselbe gilt auch für die weiteren Strophen; die zweite Strophe gefällt mir besonders gut, mit all diesen einlullenden „l“: stille, Hülle, traulich, hold usw.
Ja, das sind so ein paar sprachliche Beobachtungen zum Gedicht. Singen wir das Abendlied – auf die Melodie, von der Viktor Hottinger mir gesagt hat, sie habe ihn schon als Kind berührt.
Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ (599, 1-7)
Predigt
Es ist das Grundthema der jüdisch-christlichen Religion: dass wir aus der Einheit herausgefallen sind und in der Fremde, „East of Eden“, fern von Gott herumirren.
Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn ist vermutlich die bekannteste Version dieses Ur-Mythos: Er geht bekanntlich von zuhause fort und verprasst sein Erbe, bis er zletscht am Änd Schweine hüten muss. Hier, ganz unten, am äussersten Punkt, kehrt er um, „Teschuva“ heisst diese Bewegung der Umkehr auf Hebräisch; wir haben ein entsprechendes Lied vorher gesungen: „Return to the Land of your Soul“, „Kehr zurück zum Land deiner Seele“.
„Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“, sagt der Verlorene Sohn – mit demselben Wort, das Matthias Claudius in der vierten Strophe seines Lieds verwendet: „Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder“ – „eitel“ nimmt, übrigens, die „Eitelkeit“ vorweg, die in der nächsten Strophe Thema wird. Aber das alte Wort „eitel“ bedeutet eigentlich einfach „nur“: „Wir stolzen Menschenkinder sind nur, sind nicht mehr als arme Sünder“.
„Sünde“ ist ein schwieriges Wort, oft wird es verwendet für nicht normentsprechendes Verhalten im sexuellen Bereich. Oder es wird völlig banalisiert, im Sinn einer Süssigkeit, die eine Sünde wert sei.
Matthias Claudius verwendet den Begriff der Sünde in einem anderen Sinn: Sünde meint unseren begrenzten Verstand, der sich vom Einheitsbewusstsein abschneidet, so dass wir in die Irre gehen und immer weiter wegkommen vom Ziel – wie, eben, der Verlorene Sohn.
„Und kommen weiter von dem Ziel“ – mit diesen Worten endet die vierte Strophe. Hier, in der Fremde, weit weg von zuhause vollzieht sich die Umkehr, die Rückkehr zum Land of your Soul. Das Gedicht wandelt sich zum Gebet: „Gott“, sagt der Dichter, „Gott, lass uns dein Heil schauen“.
Was einem bei dieser Zeile auffällt, wenn man genau hinhört: Die Betonungen stimmen irgendwie nicht. Nehmen wir zum Vergleich die erste Zeile des „Abendlieds“: Da heisst es „Der Mond ist aufgegangen“. Die Betonung liegt auf „Mond“, „der“ ist unbetonter Auftakt.
Hier, in der fünften Strophe aber steht Gott auf der ersten, unbetonten Silbe. Matthias Claudius hat das bewusst so geschrieben: Gott taucht leise auf, unbetont – und wenn er auftaucht, dann bringt den gewohnten Rhythmus, den Fluss des Gedichts, den Lauf der Dinge durcheinander. Alles kommt zunderobsi, und das Ego, das meint, alles zu begreifen und alles zu beherrschen, das Ego lässt los.
Wo die Kontrolle des Ego endgültig aufhört, ist bei „Schlafes Bruder“, dem Tod. Auf ihn kommt Matthias Claudius in der sechsten Strophe zu sprechen. Der Tod, den er mit einem geheimnisvollen Ausdruck „Freund Hain“ nannte, war sein Lebensthema.
Am Anfang der acht Bände des „Wandsbecker Boten“ steht die Widmung an eben diesen Freund Hain, den Tod: „Ihm widme ich mein Buch“, schreibt Claudius, „er soll als Schutzheiliger und Hausgott vorn an der Haustür dieses Buches stehen.“
Es ist nicht die Todessehnsucht der Romantik, wie sie einem bei Novalis und Rilke entgegenkommt, die Matthias Claudius‘ Verhältnis zum „Freund Hain“ ausmacht. Vielmehr lehrt ihn der Tod, manches zu relativieren. „Wir sind nicht gross“, sagt er in einem Merkspruch. Es kommt nicht darauf an, ob du dir etwas auf deinen gezupften, gezwirbelten Schnurrbart einbildest oder auf dein grosses Wissen über Physik und Metaphysik, sagt Claudius, du bist so oder so ein Narr. Der Tod lehrt uns: „Wir sind nicht gross.“ „Und alle, die sich für gross halten, sind nach Meinung von Matthias Claudius „mitleiderregend“. Matthias Claudius stellt Werte auf den Kopf, wie Jesus es in der Bergpredigt tut: „Selig sind die geistlich Armen – ihnen gehört das Himmelreich.“
„Freund Hain“ hat Matthias Claudius alles gelehrt, was er für sein Leben brauchte, Ernst und Humor, Demut, Gelassenheit, eine Prise Ironie im Umgang mit eigenen Eitelkeiten und denen der anderen. Doch etwas scheint ihm „hier auf Erden“ verwehrt geblieben zu sein, nämlich der Blick ins Änedraa, in jenes „Himmelreich“, von dem Jesus spricht. Matthias Claudius hätte sich gewünscht, „eines Ein- und Durchblicks in die Wirklichkeit jenseits des Todes teilhaftig zu werden“.
Seine Tochter Caroline hat eine eindrückliche Sterbechronik verfasst. Darin heisst es:
„Mein Vater hatte sich immer gesehnt, hatte immer gehofft, ich möchte sagen in jedem Augenblick seines Lebens sich vorbereitet auf eine … Mitteilung Gottes, die ihm diesen dunklen und für ihn … gefürchteten Schritt erleichtern und heller machen sollte. Er sagte mir noch den Tag, ehe er starb, dass man Erfahrungen hätte, nach welchen dem Menschen kurz vor dem Sterben lichte Blicke in jenes Leben zuteil würden. Er hat darauf gewartet bis ans Ende, und sie sind ihm nach unser aller Überzeugung nicht geworden. Er blieb aber im tiefen Grunde der Seele vollkommen ruhig, freundlich und ergeben und fühlte das Losreissen des Lebens, das ihm sehr schwer und sauer wurde und über sechs Stunden währte, von Stufe zu Stufe, sagte uns, wie weit es sei, schon einige Minuten bevor wir es an seinem Körper wahrnehmen konnten, und rief zuletzt: Nun ist es aus!, wendete seine Augen, die er schon mehrere Minuten gross offen immer nach dem Himmel gerichtet hatte, noch einmal nach der Seite hin, wo meine Mutter stand, schloss sie und war tot. Es lässt sich hiervon wenig mitteilen, am wenigsten schriftlich. Er ist aber gewiss wie ein grosser Mensch gestorben…“ (45f.)
„Wir sind nicht gross“, sagte Matthias Claudius. In seinem Sterben hat sich, wie es scheint, seine wahre Grösse gezeigt. Und auch in seinen Gedichten, deren berühmtestes uns durch die Ausstellung begleitet hat.
Ich habe angekündigt, dass ich heute noch etwas zur siebten und letzten Strophe sagen werde, bzw. zur dritten im Triptychon hier vorn. Das war mein Cliffhanger, als Spannungsbogen vom letzten Gottesdienst zu diesem.
Doch nun weht schon wieder kalt der Abendhauch, und draussen warten die Jazzmusiker, ohne dass ich es bis zur letzten Strophe geschafft hätte. Man wird nie fertig mit diesem Gedicht, und das, glaube ich, ist gut so.
Eine ruhige Nacht wünsche ich uns, von Herzen. Bhüet eus, Gott! Amen.
„Kehre bei dir selber ein“
In zwei Gottesdiensten predigte ich über das berühmte „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen…“) und seinen Autoren Matthias Claudius. Einer der schönsten Verse des „Wandsbecker Boten“ lautet: „Willst du recht zu Hause sein / kehre bei dir selber ein“. Das passt zum Hinweis, den Viktor Hottinger am Anfang der Ausstellung gab: „indigo“ klingt auf Schweizerdeutsch wie „in dich gehen“.
Diese Innerlichkeit gehört zum Wesen von Matthias Claudius; anders als etwa Dichterfürst Goethe, der Claudius als „Narr und Einfaltspinsel“ bezeichnete, oder der Humanist Wilhelm von Humboldt, der in ihm eine „völlige Null“ sah, war Claudius jegliche Eitelkeit fremd. „Meine Philosophie ist einfältigen, ärmlichen Ansehens“, sagte er, „aber ich habe noch keine andere gefunden, die unter allen Umständen stichhält.“ Vermutlich plagt es Goethe noch im Grab, dass das „Abendlied“ von Claudius, wie statistische Auswertungen von Gedichtsammlungen zeigen, das berühmteste Poem deutscher Sprache ist, berühmter noch als „Wandrers Nachtlied“ oder der „Erlkönig“. Es passt, dass der Autor des „Abendlieds“, dieser leiseste aller Poeten, im Gegensatz zu seinem Gedicht ziemlich unbekannt ist. Das Eintauchen in Matthias Claudius‘ Leben, Wesen und Werk war interessant und berührend; ein paar Gedanken, die daraus resultiert sind, finden sich in den unten angehängten Predigtmanuskripten.
„Die Tür in Blau“
Das Abendlied war Quelle der Inspiration für das Triptychon, das während der Ausstellung vorn im Kirchenraum hing – und noch ein paar Wochen hängen bleibt. Viktor Hottinger stellt es uns freundlicherweise zur Verfügung, bis am 30. August, wieder in einem Abendgottesdienst (Beginn: 19.15 Uhr), die nächste Vernissage stattfinden wird. Das Thema der Ausstellung des in Kaiseraugst wohnhaften Basler Kunstmalers und Aktionskünstlers Thomas Thüring wird sinnigerweise » „Die Tür in Blau“ lauten. Unser Quilt mit seinen leuchtenden Farben wird dann ab Oktober, wenn es draussen dunkler wird, den Raum wieder erhellen.
Aus dem Manuskript für den Abendgottesdienst vom 31. Mai zum „Abendlied“ von Matthias Claudius:
Einleitung
Um die Abendlieder zu verstehen, muss man sich gleichsam auf die Sichthöhe des inneren Kindes begeben, muss sie einfach, «einfältig», wie Matthias Claudius sagt, mit reiner Seele.
Sonst wirken sie rasch einmal lächerlich und werden zur Zielscheibe von Hohn und Spott. Friedrich Schleiermacher, der grosse Philosoph und Theologe des 19. Jahrhunderts, wollte «Nun ruhen alle Wälder» aus dem Kirchengesangbuch werfen mit der Begründung, Gerhardt habe da lauter «Unsinn» geschrieben, das Lied sei eine «verworrene Aufzählung leerer Worte». Es könne eigentlich nicht in der Kirche gesungen werden, sondern genau genommen nur zuhause im Schlafzimmer beim Ausziehen.
Und ein anderer Rationalist schrieb:
«Wie kann man in unseren aufgeklärten Zeiten noch singen: Es ruht die ganze Welt, wenn man weiss, dass grade, wenn wir uns schlafen legen, unsere Antipoden wach werden, also höchstens die halbe Welt schläft...»
Man hat allen Ernstes die ersten Zeilen umgeschrieben und gesungen:
«Nun ruht und schläft im Friede,
von Tagsgeschäften müde,
ein grosser Teil der Welt…»
(alles nach Albrecht Beutel, Spurensicherung)
Dass damit die poetische Schönheit hopps geht, aber nicht nur: auch der Friede, der sich in der inneren Welt, der Seelenwelt ausbreitet, geht hopps --- das haben die Rationalisten nicht bemerkt.
Versuchen wir also, «einfältig», «wie Kinder» die Worte des Abendlieds zu hören. Nach einer Überleitung werden wir es ein wenig später dann auch singen…
Abendlied
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.
Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder,
Und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinnste
Und suchen viele Künste,
Und kommen weiter von dem Ziel.
Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich seyn!
Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns im Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!
So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon’ uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!
Überleitung
Im Vorfeld dieses Gottesdienstes sagte jemand salopp zu mir, statt sich an so einem Abend in der Kirche Bilder vom Mond anzuschauen und ein Gedicht über den Mond anzuhören, gehe er lieber in den Wald und schaue das Original an.
Dieselbe Thema bringt der deutsche Schriftsteller Franz Fühmann in einem Text über das Abendlied zur Sprache:
„Die Abendstille kann unzweifelhaft ein bewegendes Erlebnis sein, ein jeder von uns hat das erfahren, allein es ist nicht einzusehen, dass man dieses Erlebnis durch ein Gedicht statt durch die Natur selber erneuern sollte.“ (154)
Wenn man dem Stadtqualm entrinnen wolle, sagt Fühmann weiter, wäre es doch eigentlich näherliegend, dass man in den Wald geht als in die Bibliothek – oder eben in die Kirche.
Doch dann kommt Fühmann in einem langen, tiefschürfenden Essay zur Einsicht, dass Kunst – sei es Musik, sei es Malerei, sei es Poesie – etwas zu leisten imstande ist, was die unmittelbare Naturbetrachtung so nicht leisten kann.
Kunst, ich sage das jetzt verkürzt und hoffentlich verständlich, schafft eine Verbindung von der äusseren mit der inneren Welt, der Seele, von „Menschenaussen und Menscheninnen“, wie Fühmann schreibt, Kunst schafft „die Verschränkung dessen, was sowohl draussen wie drinnen ist, von physischen wie von psychischen Realitäten.“ (nach 198f.)
Das Triptychon hier vorn ist nicht einfach das Abbild des Monds draussen, sind nicht Kopien des Originals, das man besichtigen könnte, wenn man nur aus der Kirche raus gehen würde.
Viktor Hottinger hat mir erzählt, dass vor zehn Jahren seine Frau Käthi, erst sechzigjährig, gestorben sei:
„Danach habe er zwei Jahre lang nichts mehr in die Hand genommen, keinen Pinsel, kein Kornett. Doch dann sagte etwas in ihm: «Jetzt musst du einfach!» «Bilder aus dem richtigen Leben» lautete der Titel der viel beachteten Ausstellung in der Rheinfelder Johanniterkapelle, mit der er 2019 in die Öffentlichkeit zurückkehrte.“
Im Zentrum jener Ausstellung stand eben dieses Triptychon zum «Abendlied»:
„Eine Zeile war es, die Viktor Hottinger damals, beim Tod seiner Frau, besonders berührte – «und unsern kranken Nachbarn auch». Auch wenn Käthi, Mutter seiner beiden Söhne und die Liebe seines Lebens, für ihn mehr war als ein Nachbar: Die Zeile wirkte tröstlich.“
Was Viktor Hottinger mir da erzählt hat – und was so im » Porträt nachzulesen ist –, das lässt einen ahnen: Dieses Triptychon, das ist viel mehr als die Abbildung einer Landschaft mit Mond draussen. In diesen Bildern ist Liebe, ist gemeinsame Lebensgeschichte, ist Abschied, sind all die damit verbundenen Emotionen hineingemalt.
„Menschheitssubstanz“ ist da hineingemalt, um es mit dem schon erwähnten Schriftsteller Franz Fühmann zu sagen:
„Je mehr Menschheitssubstanz erfahrener Welt in ein Kunstwerk eingegangen ist, um so grösser ist seine Mächtigkeit. Hier liegt der Grund, warum Kunst nicht auf Befehl herbeischaffbar ist: Dort, wo die Substanz der Erfahrung fehlt, hilft auch der beste Wille nicht weiter.“
Doch, sagt Fühmann weiter, auch das Umgekehrte gilt: Es kann etwas ganz und gar Individuelles, Persönliches, wenn es aus dieser „Menschheitssubstanz erfahrener Welt“ geschaffen ist, zu einer „Menschheitsaussage“ wachsen. Und wenn andere das dann sehen oder hören oder lesen, dann denken sie: Dieser Komponist, diese Dichterin, dieser Maler hat mir aus der Seele gesprochen. SO IST ES; Fühmann schreibt:
„SO IST ES – man hat es ja schon immer gewusst, es hat einem auf der Seele gebrannt, nur konnte man’s nicht in Worte fassen, darum hat der Menschenbruder, hat die Menschenschwester für einen gesprochen, und siehe… man könnte es nicht einfacher sagen, aber eben darum auch gültiger nicht.“ (198)
Diese Worte von Franz Fühmann scheinen mir in besonderem Mass für das „Abendlied“ von Matthias Claudius zu gelten: „Man könnte es nicht einfacher sagen, aber eben darum auch nicht gültiger.“ Es gilt für diese letzte Zeile von unfassbarer Schlichtheit und Tiefe: „und unseren kranken Nachbarn auch“, es gilt für die erste Strophe, es gilt für das ganze Gedicht, für das ganze Abendlied. Singen wir es!
Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ (599, 1-7)
Predigt
Das Abendlied von Matthias Claudius ist das bekannteste deutsche Gedicht überhaupt, bekannter noch als „Wandrers Nachtlied“ und der „Erlkönig“ von Johann Wolfgang von Goethe.
Das ist nicht nur gefühlt so, das lässt sich auch an Zahlen zeigen (Andreas Mauz). Es gibt eine statistische Auswertung von zweihundert deutschsprachigen Gedichtsammlungen, die das nachweist. Den Dichterfürsten Goethe dürfte das im Grab noch plagen – er verachtete Claudius, bezeichnete ihn als „Narren und Einfaltspinsel“ («Narr[en]“ „voller Einfaltsprätensionen»).
Goethe ist mit seinem Urteil nicht allein. Matthias Claudius war zeitlebens ein Aussenseiter, den Theologen war er zu poetisch, den Literaten war er zu fromm, hier und dort eine Randfigur (nach Beutel). Treffend hat ihn der grosse Schriftsteller der Romantik, Joseph von Eichendorff, beschrieben als einen, „der zwischen Diesseits und Jenseits unermüdlich auf- und abgeht“.
Dieses „Auf- und Abgehen zwischen Diesseits und Jenseits“ zeigt sich schön in unserem Abendlied. Schon dieser Titel, „Abendlied“, der auf Matthias Claudius selber zurückgeht – schon dieser Titel bezeichnet ein Dazwischen:
Ein Abendlied ist einerseits ein Volkslied, andererseits ist es religiöse Dichtung. Das Abendlied von Matthias Claudius ist ganz früh schon (von Johann Gottfried Herder) in eine zeitgenössische Sammlung von Volksliedern aufgenommen worden – bezeichnenderweise hat man dabei allerdings die fünfte und die sechste Strophe weggelassen, also jene Strophen, in denen Gott direkt angesprochen wird und sich das Gedicht in ein Gebet verwandelt.
Das war nicht im Sinn von Matthias Claudius, der sich, wie eingangs erwähnt, bewusst auf das Lied von Paul Gerhardt bezogen hat: „Nun ruhen alle Wälder“. Damit machte Claudius deutlich: Für ihn ist das Abendlied wesentlich ein religiöses Lied.
Also: schon bei dieser Überschrift, dieser Gattungsbezeichnung „Abendlied“ befinden wir uns am Rand, auf der Grenze, in einem Zwischenbereich.
„Zwischen Licht“, mit dieser schönen Formulierung beschreibt Viktor Hottinger die blaue Stunde, diese Zeit, wo es nicht mehr Tag ist und noch nicht Nacht. Die Zeit „zwischen Licht“ ist die Zeit des Abendlieds.
Ich möchte mich in zwei Gedankengängen zwei der drei Strophen des Abendlieds zuwenden, die hier vorn auf dem Triptychon stehen – mit der dritten (Cliffhanger!) befassen wir uns dann bei der Finissage 😊.
Gehen wir zur ersten:
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
Man bezeichnet diese erste Strophe in der Literaturwissenschaft als „Natureingang“. Es ist die Schilderung einer Landschaft, die wir alle schon gesehen haben. Ganz leise aber deutet sich in dieser Landschaft ein Änedraa an, ein Jenseits mitten im Diesseits.
Der geheimnisvolle Nebel, der aufsteigt, könnte ein Hinweis sein auf diese Transzendenz. Und dann das Wort „wunderbar“ ganz am Schluss der Strophe.
Und wenn wir uns tiefer in die poetische Struktur des Gedichts hinein versenken, dann sehen wir: Das „Abendlied“ ist in sogenannten Schweifreimen geschrieben. Die ersten beiden Zeilen reimen sich: „aufgegangen“ – „prangen“. Ebenso bilden die vierte und die fünfte Zeile einen Reim: „schweiget“ – „steiget“. Die dritte Zeile aber, die bleibt in der Schwebe – auf „klar“ reimt sich zunächst nichts. Es bildet einen Schweif, einen Bogen hin zu „wunderbar“ am Schluss der Strophe. Dadurch entstehen zwei Teile in dieser Strophe à je drei Zeilen, zwei sogenannte Terzette.
Hören wir noch einmal das zweite Terzett:
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
In diesem zweiten Teil senkt sich der Blick des Dichters, wendet sich der Erde zu; klanglich sind die Zeilen zusammengehalten durch viele W’s: Wald, Wiesen, weiss, wunderbar; besonders eindringlich ist die Doppelung „schwarz und schweiget“. Die Szene ist gemalt in sogenannt unbunten Farben, im Kontrast von schwarz und weiss (schwarzer Wald, weisser Nebel).
Gehen wir noch einmal zurück zum ersten Terzett, den ersten drei Zeilen:
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Blick hebt sich, der Mond geht auf, hell am Himmel stehen die Sterne. Nicht schwarz, sondern golden ist ihre Farbe, und die Farbe des Hintergrunds am Himmel ist Indigo. Bei all seinen Mond-Bildern, hat Viktor Hottinger mir erzählt, habe er kein Schwarz, sondern, eben, Indigo verwendet, das er dann mit anderen Buntfarben zur gewünschten dunklen Tönung vermischte.
Es ist ein deutlicher Kontrast zwischen dem ersten und dem zweiten Terzett, zwischen Mond und Wald, zwischen Himmel und Erde.
Dieser Gegensatz lässt einen ahnen, dass es bei dieser ersten Strophe um mehr geht als um eine Naturbetrachtung. Dem Blick hoch zum Himmel, dem öffnet sich, „wunderbar“, der Blick ins Änedraa, man wird hineingenommen in diese Bewegung des Auf- und Abgehens zwischen Diesseits und Jenseits, die ich vorher erwähnt habe.
Wieder also bewegen wir uns auf einer Grenze, wieder befinden wir uns im Übergang. Symbol dieses Übergangs ist der Mond. Er ist, wie es in einem Kommentar schön heisst, das Tor zur „Geheimnisseite der Welt“. „Jenseits des Mondes ist alles unvergänglich“, hat Matthias Claudius selber einmal gesagt.
Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
Diese Strophe steht auf dem mittleren Bild des Triptychons. Ich dachte zunächst, es sei etwas merkwürdig, dass im Gedicht von einem Halbmond die Rede ist („er ist nur halb zu sehen“) und auf dem Bild ein Vollmond leuchtet.
Doch als ich dann die Kommentare zum „Abendlied“ las, stellte ich fest, dass Viktor Hottinger Matthias Claudius richtig verstanden hat: „Nur halb zu sehen“ ist der Mond für uns nicht, weil Halbmond ist, sondern weil uns die Rückseite des Monds verborgen bleibt. Ob Voll- oder Halb- oder Leermond – unabhängig vom Mondstand sehen wir sowieso immer nur die uns zugewandte Seite des Monds.
Es gibt sie aber, die dunkle Seite des Monds, die Rückseite der Wirklichkeit, es gibt das Änedraa, das Verborgene, das Unsichtbare. Und dieses Unsichtbare ist die eigentlich wahre Wirklichkeit. Der Apostel Paulus sagt in einem Spitzensatz: „Das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare aber ist ewig.“
Der Mond mit seiner sichtbaren und seiner verborgenen Seite schafft den Übergang, den Zugang zum Ewigen. Eben, wie Matthias Claudius schreibt: „Jenseits des Monds ist alles unvergänglich.“
Zeitgenossen haben von Matthias Claudius gesagt, er sei „ein Mensch voll Mondlicht“ gewesen, habe „immer Mondschein im Herzen“ getragen.
In jungen Jahren hat er geradezu Liebeserklärungen an den Mond geschrieben: „Stille glänzende Freundin, ich habe Sie lange heimlich geliebt“, heisst es in einem dieser Liebesbriefe.
Interessanterweise sieht Matthias Claudius den Mond also weiblich, wie das die biblischen Sprachen auch tun, hebräisch und griechisch, und auch die romanischen Sprachen. Dort ist der Mond die luna, und die Sonne ist der sol, männlich.
Die Luna schafft Zugang zur Nacht und damit verbunden zum Unbewussten, zu den Bereichen, die C.G. Jung Schatten nennt. Im Lied von Paul Gerhardt, das wir vorher gesungen haben, heisst es: „Wo bist du, Sonne, blieben, die Nacht hat dich vertrieben, die Nacht, des Tages Feind.“ Die Nacht ist bedrohlich, die Auferstehung ereignet sich am Morgen, Ostern bedeutet Aurora, Sonnenaufgang, die Sonne ist im Christentum Symbol für Jesus Christus und Licht ist die Substanz Gottes.
Doch Matthias Claudius, dieser Grenzgänger, dieser Aussenseiter, wendet sich der Luna zu, taucht ein ins Dunkel, dort, wo es still wird, ganz still. „Wie ist die Welt so stille und in der Dämmrung Hülle so traulich und so hold, als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.“ Eine ruhige Nacht wünsche ich uns. Bhüet eus, Gott!
Aus dem Manuskript für den Abendgottesdienst vom 14. Juni zum „Abendlied“ von Matthias Claudius:
Einleitung:
Matthias Claudius ist immer wieder einmal Zielscheibe von Hohn und Spott. Goethe, das habe ich letztes Mal schon erwähnt, sah in ihm einen „Narren und Einfaltspinsel“.
Und ein anderer der grossen Gelehrten des 18. Jahrhunderts, der Schriftsteller und Humanist Wilhelm von Humboldt, bezeichnete Claudius schlicht als „eine völlige Null“.
Was Matthias Claudius selber zu diesem vernichtenden Urteil sagte, ist nicht überliefert. Vielleicht hätte er es sogar bejaht.
Als er einst seine Tätigkeit als Redaktor einer Zeitschrift beendete und sich von den Lesern verabschiedete, fragte er selbstironisch, womit er sie eigentlich unterhalten wollte: „mit Artikeln über Krieg, über Liebe, über Genie?“ Er weiss es selber nicht recht, und so fragt er weiter: „Also mit nichts?“, und antwortet dann, ganz im Sinn der „völligen Null“:
„Ja doch, mit NICHTS (wollte ich die Leser unterhalten) --- NICHTS, das ist genau das Fach, in dem ich am stärksten bin.“ (nach Schultz 24)
Nicht undenkbar, dass Matthias Claudius, der in einem Pfarrhaus aufgewachsen war, aus einer Pfarrerdynastie stammte und selber ein paar Semester Theologie studiert hatte, der Spitzensatz des Apostels Paulus bekannt war: „Gott hat das, was Nichts ist, erwählt“.
Es ist bezeichnend, dass das „Abendlied“ weitherum bekannt ist, aber als Volkslied. Über den Autoren weiss man in der Regel kaum etwas. Werfen wir einen Blick auf das Leben von Matthias Claudius – mir scheint, es lohnt sich.
Claudius kam 1740 in Holstein ganz im Norden Deutschlands zur Welt und wuchs, wie erwähnt, in einem Pfarrhaus auf. Er studierte Theologie, später Rechtswissenschaft, schloss aber keines der Fächer ab.
War Claudius deshalb, wie manche vermuten, ein Gescheiterter? Der Grund, weshalb er die Studien nicht abschloss, scheint eher in einem starken Freiheitsdrang zu liegen, einem unbändigen Wunsch nach Unabhängigkeit. „Ich habe wirklich grossen Trieb, unabhängig zu sein“, schrieb er selber, und ein Freund sagte über ihn, „dass ohne Freiheit für ihn kein Leben sei“ (nach 18). In einer Biografie über Matthias Claudius heisst es:
„Er war keinesfalls willens, sich um der Karriere willen preiszugeben, zu entfremden… Er wollte nichts anderes sein und werden als --- Matthias Claudius… Konsequent und kompromisslos lebte er jeden Tag mit Unterhaltssorgen für sich und die Seinen, doch dafür als das pure Gegenstück zu einem Opportunisten.“ (nach 18)
1768, also mit 28, was für jene Zeit schon ziemlich alt war, fand er eine Stelle als Redaktor bei einer Zeitschrift in Hamburg. Seine Aufgabe bestand vor allem darin, Börsenberichte zu sammeln und über ankommende und abfahrende Schiffe zu berichten.
Ausgerechnet hier, in einer „lärmigen Redaktionsstube“ (22), bei einer Tätigkeit, die nicht eben sinnvoll erscheint, entpuppt sich der Dichter in Matthias Claudius. Er sagte von sich selber, dass er die Nachrichten nicht bloss so hinschreibe, sondern „etwas von seinem Eigenen hinzu“ tue. Dann klang es, mitten in „nackten Fakten und faden Daten“, zum Beispiel so:
„Vorgestern fand man in einem der neuen Häuser, die nahe bei Marybone gebaut wurden, einen Mannn in sehr lumpiger Kleidung; tot; der vermutlich vor Kälte und Hunger gestorben war. O hätte ich ihm den Abend vorher einen Schilling gegeben.“
Das Motiv des Mitgefühls, das in der letzten Zeile des Abendlieds auftaucht: „und unsern kranken Nachbarn auch“ – dieses Motiv scheint hier in der Zeitungsnotiz schon anzuklingen.
Es gelingt Matthias Claudius, in der Zeitung eine poetische Ecke einzurichten. Dort steht dann so schöne Texte wie das „Wiegenlied bei Mondschein zu singen“; hören wir daraus die ersten beiden Strophen:
„So schlafe nun, du Kleine!
Was weinest du?
Sanft ist im Mondenscheine
Und süss die Ruh.
Auch kommt der Schlaf geschwinder,
und ohne Müh;
Der Mond freut sich der Kinder
Und liebet sie.“
„Mondschein im Herzen“ habe Matthias Claudius getragen, hat ein Zeitgenosse von ihm gesagt. Im Jahr 1771, mit 31 Jahren, zog er nach Wandsbek bei Hamburg und wurde dort Redaktor des „Wandsbecker Boten“.
Die Zeitschrift stand in hohem Ansehen, die berühmtesten Autoren der Zeit – Herder, Lessing, Klopstock usw. – schrieben für das Blatt. Doch finanziell war ihm kein Erfolg beschieden; nach nur vier Jahren wurde es wieder eingestellt.
Inzwischen, im Jahr 1772, hatte Matthias Claudius Rebekka Dehn geheiratet; das Paar bekam zwölf Kinder. Ein halbes Jahrhundert lebte die Familie in Wandsbek; Claudius schrieb weiter unter dem Namen „Wandsbecker Bote“, der nun nicht mehr für die Zeitung, sondern für ihn selber stand.
Im Verlauf der Jahrzehnte veröffentlichte er „sämtliche Werke des Wandsbecker Boten“, die acht Bände umfassen. Die Texte sind nicht einheitlich, im Gegenteil, da sind Gedichte, Briefe, Betrachtungen, Denksprüche, Flugblätter. „Kaleidoskopisch purzeln Themen und Formen durcheinander“, heisst es in einem Kommentar (34).
Vollkommene Gedichte findet sich mitten in Kleinkram und Belanglosigkeiten (nach 35). Vieles ist spontan verfasst, nah bei der gesprochenen Sprache, im Dialog, im Kontakt mit dem Leser. „Wirkliches Leben“, heisst es schön einem Kommentar, ist hier „in Buchstaben übertragen“, das Werk sei „Literatur gewordener Alltag“. Die Texte entstanden aus einem prallen, glücklichen Familienleben, mit einem Freundeskreis, der sich im Wandsbeker Haus versammelte zu Festen, die weitherum berühmt waren.
Ein katholischer Priester und Ordensmann etwa schrieb nach so einem Fest:
„Gern erinnere ich mich an die Bocksprünge, die Claudius im Garten herum machte, und die Kinder und ich mit lautem Gelächter hinterdrein.“ (11f.)
In der Literaturwissenschaft gilt die Regel, dass man zwischen dem Text und dem Autor strikt unterscheiden soll. Bei Matthias Claudius ist es anders. Er selber schreibt in einem Brief:
„Ich mag nicht unterscheiden zwischen Schriftsteller und Mensch; meine Schriftstellerei ist Realität oder sollte es wenigstens sein“ (nach 10).
Dichter und Dichtung fallen bei Matthias Claudius zusammen. Man bezeichnet das heute als Authentizität und als Kongruenz, wenn das, was ich sage, und das, was ich tue, deckungsgleich ist. Matthias Claudius, von Goethe als „Einfaltspinsel“ tituliert, bezeichnet diese Authentizität selber als „Einfalt“:
„Meine Philosophie ist einfältigen, ärmlichen Ansehens, aber ich habe noch keine andere gefunden, die unter allen Umständen stichhält.“ (Brief an Wieland; Beutel 510)
Es ist diese Qualität tiefster Einfachheit, Ehrlichkeit, Lauterkeit, die Matthias Claudius gelebt und ausgestrahlt hat. Und diese Qualität wirkt über die Jahrhunderte hinweg in seinen Texten.
Es ist eine Qualität, die in uns allen schlummert, „als eine stille Kammer“ auf dem Grund meiner Seele.
„indigo“ heisst die Ausstellung, die heute zu Ende geht. „indigo“, sagt Viktor Hottinger, klingt auf Schweizerdeutsch wie „in dich gehen“.
Darum geht es: „Willst du recht zu Hause sein“, so lautet einer der schönsten Verse von Matthias Claudius, „willst du recht zu Hause sein / kehre bei dir selber ein“.
„Return again to the Land of your Soul“, „Kehre zurück zum Land deiner Seele, kehr zurück zu dem, der du bist, kehr zurück zu dem, was du bist, geboren und wieder geboren“ – so heisst einer meiner liebsten Chants, ein Lied des jüdischen Rabbiners und Songwriters Shlomo Carlebach. Eine kleine Gruppe hat das Lied heute Nachmittag geübt – singen wir es, als „indigo“-Lied: „Willst du recht zu Hause sein / kehre bei dir selber ein“.
Song: „Return Again“
Überleitung zum „Abendlied“
Das „Abendlied“ von Matthias Claudius hat sieben Strophen. Sieben ist die Zahl der göttlichen Vollkommenheit, sie verbindet die Erde, die durch die Zahl Vier symbolisiert wird, und den Himmel, für den die Drei steht.
Wenn man einen Blick auf das Ganze des Gedichts wirft, sieht man: In den ersten vier Strophen kommt Gott nicht vor – in den letzten drei Strophen hingegen erscheint er in jeder Strophe mindestens einmal.
Die fünfte Strophe vollzieht die Wende vom Gedicht zum Gebet. Man hat in Sammlungen von Volksliedern die fünfte und die sechste Strophe herausgenommen und auf diese Weise versucht, das „Abendlied“ ganz ohne religiösen Bezug zu lesen. Doch damit beschädigt man die Ganzheit des Gedichts. „Gestalt und Gehalt“, Form und Inhalt sind in diesem Gedicht tief miteinander verbunden.
Auf der Ebene der Form heisst es in einem Kommentar: „Jedes Wort steht am rechten Platz, keines ist zu viel, keines zu wenig“ (nach 494); dem entspricht, was auf der Ebene des Inhalts der deutsche Schriftsteller Ernst Wiechert, der übrigens in Stäfa am Zürichsee begraben ist, geschrieben hat:
Das „Abendlied ist der Schlacken und des Makels alles Menschlichen entkleidet. Es das letzte, was ein Menschenmund auszusagen vermag.“ (Ernst Wiechert; nach 492)
Inhaltlich sagt Matthias Claudius, es gelte, „einfältig“ zu werden, wie Kinder fromm und fröhlich. Dem entspricht auf der Ebene der Form die einfache Sprache: Viele Sätze sind einfach mit „und“ aneinandergereiht; ausserdem verwendet Claudius häufig sogenannte „unreine Reime“: „stille“ und „Hülle“, „Kinder“ und Sünder“, „freun“ und „sein“ und so weiter.
Matthias Claudius wählt diese ungenauen, eben „unreinen“ Reime nicht, weil ihm keine besseren einfallen – er wählt sie ganz bewusst, weil sie eine Nähe zur gesprochenen Sprache herstellen und damit auch eine seelische Nähe, Vertrautheit und eben wieder: Einfachheit.
Und noch eine Beobachtung auf der Ebene der Form: Das Gedicht spielt mit dem Klang der Worte: „schwarz und schweiget“, „Wald“, „Wiesen“, „weiss“, „wunderbar“ – die erste Strophe ist voll von solchen sogenannten Alliterationen, Buchstaben, die sich wiederholen.
Dasselbe gilt auch für die weiteren Strophen; die zweite Strophe gefällt mir besonders gut, mit all diesen einlullenden „l“: stille, Hülle, traulich, hold usw.
Ja, das sind so ein paar sprachliche Beobachtungen zum Gedicht. Singen wir das Abendlied – auf die Melodie, von der Viktor Hottinger mir gesagt hat, sie habe ihn schon als Kind berührt.
Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ (599, 1-7)
Predigt
Es ist das Grundthema der jüdisch-christlichen Religion: dass wir aus der Einheit herausgefallen sind und in der Fremde, „East of Eden“, fern von Gott herumirren.
Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn ist vermutlich die bekannteste Version dieses Ur-Mythos: Er geht bekanntlich von zuhause fort und verprasst sein Erbe, bis er zletscht am Änd Schweine hüten muss. Hier, ganz unten, am äussersten Punkt, kehrt er um, „Teschuva“ heisst diese Bewegung der Umkehr auf Hebräisch; wir haben ein entsprechendes Lied vorher gesungen: „Return to the Land of your Soul“, „Kehr zurück zum Land deiner Seele“.
„Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“, sagt der Verlorene Sohn – mit demselben Wort, das Matthias Claudius in der vierten Strophe seines Lieds verwendet: „Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder“ – „eitel“ nimmt, übrigens, die „Eitelkeit“ vorweg, die in der nächsten Strophe Thema wird. Aber das alte Wort „eitel“ bedeutet eigentlich einfach „nur“: „Wir stolzen Menschenkinder sind nur, sind nicht mehr als arme Sünder“.
„Sünde“ ist ein schwieriges Wort, oft wird es verwendet für nicht normentsprechendes Verhalten im sexuellen Bereich. Oder es wird völlig banalisiert, im Sinn einer Süssigkeit, die eine Sünde wert sei.
Matthias Claudius verwendet den Begriff der Sünde in einem anderen Sinn: Sünde meint unseren begrenzten Verstand, der sich vom Einheitsbewusstsein abschneidet, so dass wir in die Irre gehen und immer weiter wegkommen vom Ziel – wie, eben, der Verlorene Sohn.
„Und kommen weiter von dem Ziel“ – mit diesen Worten endet die vierte Strophe. Hier, in der Fremde, weit weg von zuhause vollzieht sich die Umkehr, die Rückkehr zum Land of your Soul. Das Gedicht wandelt sich zum Gebet: „Gott“, sagt der Dichter, „Gott, lass uns dein Heil schauen“.
Was einem bei dieser Zeile auffällt, wenn man genau hinhört: Die Betonungen stimmen irgendwie nicht. Nehmen wir zum Vergleich die erste Zeile des „Abendlieds“: Da heisst es „Der Mond ist aufgegangen“. Die Betonung liegt auf „Mond“, „der“ ist unbetonter Auftakt.
Hier, in der fünften Strophe aber steht Gott auf der ersten, unbetonten Silbe. Matthias Claudius hat das bewusst so geschrieben: Gott taucht leise auf, unbetont – und wenn er auftaucht, dann bringt den gewohnten Rhythmus, den Fluss des Gedichts, den Lauf der Dinge durcheinander. Alles kommt zunderobsi, und das Ego, das meint, alles zu begreifen und alles zu beherrschen, das Ego lässt los.
Wo die Kontrolle des Ego endgültig aufhört, ist bei „Schlafes Bruder“, dem Tod. Auf ihn kommt Matthias Claudius in der sechsten Strophe zu sprechen. Der Tod, den er mit einem geheimnisvollen Ausdruck „Freund Hain“ nannte, war sein Lebensthema.
Am Anfang der acht Bände des „Wandsbecker Boten“ steht die Widmung an eben diesen Freund Hain, den Tod: „Ihm widme ich mein Buch“, schreibt Claudius, „er soll als Schutzheiliger und Hausgott vorn an der Haustür dieses Buches stehen.“
Es ist nicht die Todessehnsucht der Romantik, wie sie einem bei Novalis und Rilke entgegenkommt, die Matthias Claudius‘ Verhältnis zum „Freund Hain“ ausmacht. Vielmehr lehrt ihn der Tod, manches zu relativieren. „Wir sind nicht gross“, sagt er in einem Merkspruch. Es kommt nicht darauf an, ob du dir etwas auf deinen gezupften, gezwirbelten Schnurrbart einbildest oder auf dein grosses Wissen über Physik und Metaphysik, sagt Claudius, du bist so oder so ein Narr. Der Tod lehrt uns: „Wir sind nicht gross.“ „Und alle, die sich für gross halten, sind nach Meinung von Matthias Claudius „mitleiderregend“. Matthias Claudius stellt Werte auf den Kopf, wie Jesus es in der Bergpredigt tut: „Selig sind die geistlich Armen – ihnen gehört das Himmelreich.“
„Freund Hain“ hat Matthias Claudius alles gelehrt, was er für sein Leben brauchte, Ernst und Humor, Demut, Gelassenheit, eine Prise Ironie im Umgang mit eigenen Eitelkeiten und denen der anderen. Doch etwas scheint ihm „hier auf Erden“ verwehrt geblieben zu sein, nämlich der Blick ins Änedraa, in jenes „Himmelreich“, von dem Jesus spricht. Matthias Claudius hätte sich gewünscht, „eines Ein- und Durchblicks in die Wirklichkeit jenseits des Todes teilhaftig zu werden“.
Seine Tochter Caroline hat eine eindrückliche Sterbechronik verfasst. Darin heisst es:
„Mein Vater hatte sich immer gesehnt, hatte immer gehofft, ich möchte sagen in jedem Augenblick seines Lebens sich vorbereitet auf eine … Mitteilung Gottes, die ihm diesen dunklen und für ihn … gefürchteten Schritt erleichtern und heller machen sollte. Er sagte mir noch den Tag, ehe er starb, dass man Erfahrungen hätte, nach welchen dem Menschen kurz vor dem Sterben lichte Blicke in jenes Leben zuteil würden. Er hat darauf gewartet bis ans Ende, und sie sind ihm nach unser aller Überzeugung nicht geworden. Er blieb aber im tiefen Grunde der Seele vollkommen ruhig, freundlich und ergeben und fühlte das Losreissen des Lebens, das ihm sehr schwer und sauer wurde und über sechs Stunden währte, von Stufe zu Stufe, sagte uns, wie weit es sei, schon einige Minuten bevor wir es an seinem Körper wahrnehmen konnten, und rief zuletzt: Nun ist es aus!, wendete seine Augen, die er schon mehrere Minuten gross offen immer nach dem Himmel gerichtet hatte, noch einmal nach der Seite hin, wo meine Mutter stand, schloss sie und war tot. Es lässt sich hiervon wenig mitteilen, am wenigsten schriftlich. Er ist aber gewiss wie ein grosser Mensch gestorben…“ (45f.)
„Wir sind nicht gross“, sagte Matthias Claudius. In seinem Sterben hat sich, wie es scheint, seine wahre Grösse gezeigt. Und auch in seinen Gedichten, deren berühmtestes uns durch die Ausstellung begleitet hat.
Ich habe angekündigt, dass ich heute noch etwas zur siebten und letzten Strophe sagen werde, bzw. zur dritten im Triptychon hier vorn. Das war mein Cliffhanger, als Spannungsbogen vom letzten Gottesdienst zu diesem.
Doch nun weht schon wieder kalt der Abendhauch, und draussen warten die Jazzmusiker, ohne dass ich es bis zur letzten Strophe geschafft hätte. Man wird nie fertig mit diesem Gedicht, und das, glaube ich, ist gut so.
Eine ruhige Nacht wünsche ich uns, von Herzen. Bhüet eus, Gott! Amen.


