„Religiöse Weite ist mir wichtig“

Sonngard Trindler mit ihrer gesegneten Ziege (Foto: Privatarchiv)
Mehr als zwei Jahrzehnte lang hat die Magdemerin Sonngard Trindler den Schulverein Lo-Manthang präsidiert. Im Jahr ihres Abschieds organisiert sie noch einmal die Erstellung eines Sand-Mandalas durch tibetisch-buddhistische Mönche.
Andreas Fischer,
Zur Welt kam Sonngard Trindler als Sudetendeutsche in der Tschechoslowakei, im April 1945, wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Kurz darauf wurden sie und ihre Mutter vertrieben. Der Vater war zu jener Zeit in Kriegsgefangenschaft, ihn lernte sie erst 1949 kennen.

In der Nachkriegszeit, als es galt, Europas Jugend wieder zusammenzuführen, nahm Sonngard an einem internationalen Jugendlager in Belgien teil, legte einen Kranz bei einem Kriegsdenkmal nieder, machte den Hofknicks vor Mitgliedern der Königsfamilie. „Der Vater sagte zu mir, ich soll diese Erfahrungen fest im Gedächtnis bewahren, denn die könne mir niemand nehmen, im Gegensatz zu allem Materiellen. Die Mutter sah das etwas anders, sie wäre froh um vernünftige Möbel gewesen.“

Sonngard hätte gern Archäologie studiert, doch dafür reichte das Geld nicht. Also besuchte sie die Pädagogische Hochschule und absolvierte eine Zusatzausbildung in Geschichte, Deutsch und Religion. Nach einigen Jahren im Schuldienst übernahm sie selber an einem Lehrerseminar die Leitung des Fachgebiets Geschichte/Politik.

Von Bülach nach Böhmen und wieder zurück in die Schweiz

In der Freizeit war sie in der Jugendgruppe des Alpenvereins aktiv. Dort lernte sie ihren Mann Peter Trindler kennen, einen Schweizer, der in Aachen Chemie studierte. Als sie einen Begleiter für eine mehrtägige Exkursion mit ihrer Schulklasse suchte, meldete er sich. „Das Camp mit dreissig Jugendlichen legte die Basis“, erinnert sich Sonngard Trindler lachend. 1974 heirateten die beiden, zwei Kinder kamen zur Welt, 1980, nach Abschluss des Studiums ihres Manns, beschlossen sie, in die Schweiz umzuziehen.

Sonngard Trindler hat selber Schweizer Wurzeln: „1865 wanderte meine Urgrossmutter von Bülach nach Böhmen aus. Meine Grossmutter sprach noch Schweizerdeutsch. Die Generation meiner Mutter wurde aus Böhmen vertrieben, und ich bin wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Der Kreis hat sich geschlossen.“

Man fand ein passendes Haus in Magden, zwei weitere Kinder kamen zur Welt, Peter Trindler arbeitete in der Chemie, Sonngard selber engagierte sich ehrenamtlich als Sonntagschullehrerin und Redakteurin der reformierten Kirchenzeitung „dr Güggel“. Später, während der Jugoslawienkriege, wurde sie von der Schule angefragt, Deutsch für ausländische Kinder zu erteilen und das Einstufungsverfahren zu leiten, und dem damaligen Magdemer Pfarrer Roland Baumann gelang es, sie als Katechetin zu gewinnen.

Syrien und Tibet, Islam und Buddhismus

Sonngard Trindler hatte einst im Nebenfach Religion studiert und auch zwei Jahre lang Religionsunterricht erteilt. „Doch der Lehrplan in Deutschland“, sagt sie, „war mir zu eng“. Pfarrer Baumann reagierte gelassen auf die Bedenken: „Ich glaube, wir werden uns einig.“

„Religiöse Weite ist mir wichtig“, erklärt Sonngard Trindler. Ihre Trauzeugen waren einst Syrer, die sie am Goethe-Institut kennengelernt hatte und mit denen sie sich anfreundete. „Dank ihnen lernte ich Syrien vor der Zerstörung kennen – und einen Islam, der tolerant ist, der einen lehrt, dass Frieden und Gerechtigkeit kostbar sind und jeder Mensch die Aufgabe hat, das Gute, das in ihm angelegt ist, zu pflegen und weiterzugeben.“

Es sind dies Überzeugungen, die auch Sonngard Trindler teilt. Und die sie wieder gefunden hat im tibetischen Buddhismus.

Schon ihr Vater, ein passionierter Wanderer und Wanderleiter, war vom Tibet fasziniert. Sonngard Trindler wollte unbedingt dahin. Doch ihr Mann war aus politischen Gründen dagegen. Schliesslich einigte man sich darauf, das in Nepal gelegene ehemalige tibetische Königreich Mustang zu bereisen. „Es öffnete sich“, erzählt Sonngard Trindler, „ein ganz spezielles, von mir absolut ungeplantes Kapitel in meinem Leben.“

Da war die Landschaft, die sie beeindruckte, keine Strassen, kaum Tourismus, eine Kultur, die sich dem Zugriff des 21. Jahrhunderts bislang weitgehend entzogen hat. Da waren die Menschen, sie leben einfach, mit einem Minimum an schulischer Bildung und ärztlicher Versorgung, die Analphabeten- und die Sterblichkeitsrate bei Geburten sind hoch. Doch da ist eine Zufriedenheit, Gelassenheit, Ruhe, die unsereins nicht kennt, und eine überwältigende Grosszügigkeit. „Ich sitze gern bei diesen Menschen“, sagt Sonngard Trindler und fährt fort: „Sie sind, natürlich, nicht dumm. Sie wissen, dass Analphabeten über den Tisch gezogen werden, sie sehen den elenden Zustand ihres Schulsystems, sie wünschen sich Bildung für ihre Kinder.“

Der Mönch in Magden

Bei jener ersten Reise im Jahr 1998 entstand spontan der Gedanke einer Patenschaft. Doch es klappte nicht mit der Überweisung von Geldern, die Sache schien zu versanden. Dann traf Sonngard Trindler auf der Burg Habsburg einen tibetischen Mönch aus Mustang. Es war eine dieser Begegnungen, die aus Sicht des tibetischen Buddhismus nicht dem Zufall, sondern einer höheren Choreografie geschuldet sind. Der Mönch kam nach Magden und erstellte dort in einem Klassenzimmer spontan ein Mandala. Im Jahr darauf, 2000, wurde er eingeladen, ein weiteres dieser kunstvollen Sandbilder zu gestalten.

Im selben Jahr erfolgte die Gründung des Vereins, dem Sonngard Trindler nun mehr als zwei Jahrzehnte lang vorgestanden ist. Bei der diesjährigen Generalversammlung hat sie das Präsidium abgegeben. Die Verbundenheit mit Lo Manthang wird bleiben. Neben der Landschaft und den Menschen gibt es noch einen dritten Aspekt, der Sonngard Trindler am tibetischen Kosmos anzieht: der Buddhismus. Nein, stellt sie klar, sie sei keine Buddhistin, sie sei Christin. „Je länger ich mich mit dem tibetischen Buddhismus befasse, je deutlicher sehe ich, dass ich wenig davon verstehe. Die ganze Kosmologie und Dämonologie bleibt eine fremde Welt, trotz der Faszination, die die damit verbundenen Rituale auf uns Westler ausüben.“

Die Meinung des Dalai Lama leuchtet ihr ein: Dass die Menschen derart auf den Buddhismus abfahren, sei schwer verständlich. In der Bergpredigt Jesu stehe eigentlich dasselbe. Und: Es gebe auch im Buddhismus Krieg und Korruption, kritisches Denken gelte es deshalb unbedingt beizubehalten. Einmal sagte ein buddhistischer Einsiedler zu ihr: „Du glaubst doch auch an etwas. Geh deinem Glauben nach!“

Allemal: Die tiefe Toleranz des tibetischen Buddhismus entspricht ihrer eigenen Gesinnung. Und das Betrachten eines Mandalas hat eine positive Auswirkung auf die Seele, das weiss Sonngard Trindler aus Erfahrung: „Es entsteht eine innere Balance, eine innere Zufriedenheit, auch wenn man nicht en détail versteht, was da geschieht.“

Glückliche Geiss als Geschenk


Anlässlich ihres Rücktritts hat Sonngard Trindler ein besonderes Geschenk erhalten: Ein tibetischer Mönch segnete eine Ziege, die seither ein arbeits- und zweckfreies, von einem Hirten behütetes Dasein fristet. Diese Gabe, hat Sonngard Trindler später in Erfahrung gebracht, sei eine grosse und seltene Ehre. Das glückliche Leben der Ziege übertrage sich auf den Besitzer. „Also“, sagt Sonngard Trindler leise lächelnd, „hüpft für den Rest meines Lebens auf 4000 Metern über Meer eine glückliche Geiss für mich herum“.

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Der Schulverein Lo-Manthang ist ein gemeinnütziger Verein mit der Zielsetzung, Kindern und Jugendlichen aus armen Verhältnissen in entlegenen Berggebieten Nepals Zugang zu einer schulischen Grundausbildung zu ermöglichen.

Sandmandalas haben im tibetischen Buddhismus eine uralte Tradition. Sie werden auf rituelle Weise hergestellt und dienen zur Meditation. Der bunte Sand wird perfekt platziert, so dass nach tagelanger Arbeit ein detailreiches Bild entsteht. Mandalas symbolisieren die Vergänglichkeit allen Lebens, denn nach Fertigstellung eines Sandmandalas wird es wieder zusammen gewischt und in einen Fluss gestreut.

Vom 19. - 25. September 2022 erstellen im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst Khenpo Kunga Tenzing und Lama Chhenden Gurung aus Mustang/Nepal ein solches Sand-Mandala. Die Anfangszeremonie findet am Montag, 19. September um 14 Uhr, die Schlusszeremonie am Sonntag, 25. Sept. um 15 Uhr statt. Interessierte können den Zeremonien und auch der täglichen Arbeit der Mönche beiwohnen. Der Eintritt ist frei, Kollekten kommen der Klosterschule in Lo-Manthang zugute.

Die genauen Öffnungszeiten stehen » hier.
Sonngard Trindler
31.08.2022
6 Bilder
Fotograf/-in
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