Predigt "Schlange in der Wüste"

Mushroom_in_Timna_Park_in_summer_2011_(3) <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;wikimedia)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>177</div><div class='bid' style='display:none;'>9945</div><div class='usr' style='display:none;'>41</div>
Eine eherne Schlange wurde laut 4. Mose 21 als Zeichen der Rettung von Mose aufgerichtet. Jesus sieht sein Schicksal in Parallele zu diesem Ereignis. Das Evangelium wurde am 28. Februar gelesen. Hier die Predigt dieses zweiten Sonntags in der Passionszeit.
Leszek Ruszkowski,
Predigt Joh 3,14–21 Schlange erhöht
John 3,14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat. 16 Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. 17 Denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. 19 Dies aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20 Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. 21 Wer aber tut, was der Wahrheit entspricht, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott gewirkt sind.


Heute werden wir also, liebe Gemeinde, über Schlangen reden. Nun ist aber wahrscheinlich allen klar, dass es nicht wirklich um Schlangen in biologischem Sinn geht. Würden Sie sich für das Kriechtier mit lang gestrecktem walzenförmigem Körper interessieren, würden Sie eher in den Zoo gehen – diese dürfen jetzt wieder öffnen.

Schlangen sind seit Urzeiten ein mächtiges Symbol und ein recht widersprüchliches. Sie erwecken Furcht und Ekel aber auch Faszination und Ehrfurcht. Sie stehen für die Macht des Todes, weil ihr Gift berüchtigt ist. Sie sind aber auch Symbol des Lebens. In der Antike wurde das Häuten bei vielen Völkern als Zeichen von permanenter Verjüngung und folglich von Unsterblichkeit gedeutet. Letztlich wird der Schlange Macht über Leben und Tod zugeschrieben. Dass sie bis heute das Apothekersymbol ist, verdanken wir der griechischen Mythologie und dem Gott der Heilkunde, Asklepios oder Äskulap der mit einem Schlangenstab dargestellt wurde.

Auch in der Bibel ist das Schlangensymbol höchst interessant und nicht frei von Widersprüchen. Im Paradies verkörpert die Schlange List und Verführung. Sie hält eine strategisch wichtige Position auf dem Baum der Erkenntnis oder in dessen Nähe und sie ist eindeutig Gottes Gegenspielerin. Die Schlange personifiziert das Böse und den Teufel. Mit diesem Bild sind wir doch aufgewachsen und das Bild passt zur Wahrnehmung dieser kriechenden Reptilien, die uns meistens mit Schaudern oder schlicht mit Todesangst erfüllen.

Den Schlangenbezwinger haftet etwas Übermenschliches an. Mose und Aaron demonstrieren vor dem Pharao ihre Macht, in dem sie einen Stab in eine Schlange verwandeln können. Und Paulus auf Malta, den nach einer wundersamen Rettung aus dem Meer eine Schlange beisst, er sie aber nur ruhig ins Feuer abschüttet, wird von den Einheimischen als Gott angesehen.

Die Schlangenbisse waren zur Zeit der Wüstenwanderung eine todbringende Plage für die Israeliten. Eine Strafe fürs Murren, für Unzufriedenheit und Undankbarkeit!

Dieser Teil scheint uns leicht nachvollziehbar. Feurige Schlangen sind jene, die Gift speien. Ihr Gift brennt auf der Haut. Die rebellischen, unzufriedenen Worte der Israeliten wirken ähnlich. Auch diese sind Gift, rauben Kraft und nehmen dem Volk die nötige Zuversicht, um mit Widrigkeiten fertig zu werden. In dieser Geisteshaltung wird man die Durchquerung der Wüste nicht schaffen. Das Gift verbreitet sich und viele kommen um.

Das alles kennen wir: Murren und Klagen und Worte, die wie Gift wirken. Und wir kennen auch jene Plagen, die unsere ganze Existenz erschüttern: Todbringende Gewalten, ob Schlagen, Viren, giftige Ideologien oder andere Bedrohungen spielt es letztlich keine Rolle. Wie die Israeliten in der Wüste, sind wir fähig den Zusammenhang mit unserem Handeln zu erkennen und dass wir Schuld auf uns geladen haben. Vielleicht erkennen wir sogar, dass wir das Problem kaum ohne Gottes Hilfe lösen können.

Nun aber die überraschende Wendung in der Geschichte im Buch Numeri. Mose richtet einen Pfahl auf. Auf der Spitze ist eine eherne Schlange montiert. Wer hinaufblickt, wird gerettet. Eine Schlange verkörpert Rettung? Ist sie nicht das Symbol des Bösen? Kommen Verderben und Rettung aus der gleichen Quelle?

Diese Bibelstelle ist gespickt mit Schwierigkeiten. Und wenn sich später Jesus mit dieser ehernen Schlange identifiziert, so wird die Schwierigkeiten kaum kleiner – ausser wir vergessen, die ursprüngliche negative Bedeutung der Schlange.

Das erste Problem ist, dass die eherne Schlange so etwas wie ein Götzen ist – Ein Stück Metall soll anbetend angeschaut werden? Das soll Gott befohlen haben? Schlangen wurden tatsächlich in Ägypten verehrt, aber das Volk befindet sich auf der Flucht aus Ägypten, um endlich in Freiheit dem wahren Gott dienen zu dürfen! Sollen die Pharaos ruhig eherne Schlangen als Kopfschmuck tragen. Diese Götzendiener sollen sich vor diesem Tier verneigen. Wenn sie einen Hügel besteigen und auf ihr Land hinabblicken, sehen sie eine endlose Wüste, durch die sich eine riesige glitzernde Otter schlängelt: der Nil – lebenspendend und totbringend, unbändig. Und alles ist auf Gedeihen und Verderben von dieser Schlange abhängig.

Die eherne Schlange wurde noch bis in die Zeit des Königs Hiskia aufbewahrt. Dieser König konnte aber auch nicht glauben, dass Gott befohlen haben sollte, diese zu errichten und liess sie vernichten, wie wir im 2. Buch der Könige nachlesen können.

Auch Rabbiner hatten ihre liebe Mühe mit der Geschichte der ehernen Schlange. Sie haben einen Ausweg gefunden, um nicht sagen zu müssen, dass Gott selber zu Götzendienst verleitet. Laut einer Interpretation war die eherne Schlange nur eine Art Wegweiser. Die gebissenen Menschen blickten hinauf, hinauf zum Himmel und realisierten, dass Hilfe nur von dort zu erwarten ist.

Völlig unbefangen geht aber Jesus mit diesem Zeichen der ehernen Schlange um. In diesem geheimnisvollen Zeichen soll auch sein Leben, sein Sterben, seine Mission stehen. «Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat»

Die Erhöhung ist ein Codewort für das Kreuz und für Verherrlichung – eine durchaus gewollte Zweideutigkeit.
Aber vielleicht beschäftigt Sie, liebe Gemeinde, trotzdem, wie die Erhöhung einer Schlange mit der Erhöhung von Christus in Parallele gebracht werden kann. Hätte das Jesus nicht selber gemacht, hätten wir es kaum gewagt. Ich möchte Ihnen vorschlagen, wie man es sehen kann, wie sich vielleicht der Widerspruch lösen lässt.

Die Schlange wird erhöht. Und Christus wird erhöht. Ich betrachte die Schlange wirklich als Symbol für das Böse. Das stimmt mit der biblischen Sicht überein. Und Christus ist Gottes Güte, Gottes inkarnierte Güte. Das Böse am Pfahl ist entmachtet, ist leblos, bloss ein Stück Metall. Und auch das Gute ist entmachtet, ein geschundener, ein entstellter menschlicher Körper.

Dem Bösen und dem Guten geschieht das Gleiche. Aber die Konsequenzen sind gegensätzlich.

Wenn das Böse machtlos wird, ist es besiegt. Eine Schlange auf dem Pfahl beisst nicht mehr, ist harmlos und bedeutungslos.

Wenn die Güte machtlos ist –triumphiert sie erst recht! Die Güte besiegt die Welt durch ihre Machtlosigkeit. Christi Sieg geschieht in tiefster Ohnmacht. In seinem Tod wird die alte Schlange machtlos. Und seine machtlose Liebe unaufhaltsam und grenzenlos.

Anders als für die Bosheit, die ohne Macht am Ende ist, ist Macht die grösste Bedrohung für die Güte. In der Geschichte endete jede Allianz des Evangeliums mit der Macht fatal. Wo aber die gute Botschaft in Ohnmacht gelebt wurde, blühte sie auf: Franz von Assisi, Mutter Theresa, Sophie Scholl, Martin Luther King und viele, viele weitere sind diesen Weg der Ohnmacht gegangen.

Die Moral des Ganzen scheint mir eine wunderbare Ermutigung für alle, die sich schwach, verzweifelt und ohnmächtig vorkommen. Schaut bitte nicht herunter zu den beissenden Schlangen. Blickt zu dem Jesus auf, der in Ohnmacht erhöht wird, und einmal erhöht, alle zu sich zieht. Hier ist nicht das Ende seiner Geschichte mit uns. Auf diesem Höhenpunkt der Ohnmacht hat sie gerade erst begonnen. Amen.

Bild: Timna Park in der Wüste Negev. Hier wurde 1969 von den Archäologen eine eherne Schlange gefunden, die nun im Israel-Museum zu bewundern ist.