Verantwortlich für diese Seite: Andreas Fischer
Bereitgestellt: 01.11.2026
Vor sechs Jahren wurde Antoine Straumann konfirmiert. Schon damals fiel er auf durch seine Schweigsamkeit, seine Eigenständigkeit und sein künstlerisches Talent. Damals – es war während der Coronazeit – zeichnete er Comicfiguren mit Mundschutz. Inzwischen hat er eine Kunstschule besucht. Als wir uns kürzlich wieder sahen, zeigte er mir computergenerierte fiktive Fotografien.
Andreas Fischer,
Er lebe seit seiner Geburt vor 22 Jahren in Kaiseraugst, aber er sei «kein klassischer Kaiseraugster», sagt Antoine zu Beginn des Gesprächs. «Früher war ich jeweils noch an der Chilbi mit ihren ganzen Attraktionen, aber das ist nicht mehr meins.» Antoine war immer schon still, doch scheint sich die Tendenz zum Rückzug verstärkt zu haben. Nach Schulabschluss besuchte er zwei Jahre lang die Kunstschule «invers» in Olten, mit gestalterischem Vorkurs und Vertiefungsjahr. Der Name «invers», erklärt mir Antoine, stehe für die Verbindung von innerer Auseinandersetzung und äusserer Gestaltung. Diese Kombination entspreche ihm; er verfolge gern eigene Ideen und tüftle tagelang an deren technischer Umsetzung.
Einmal sei ihnen an der Kunstschule das Thema «Schönheit mit Abgründen» vorgegeben worden. Er habe die Buchstaben LIFE hingeschrieben und kleine Unannehmlichkeiten dazugesetzt, «First World Problems», wie er sie nennt, Probleme unserer wohlhabenden Gesellschaft, ein Eis, das aufs Kleid tropft, eine beschlagene Brille, ein angestossener Zeh. Einmal sollten die Studenten etwas zum Thema «Ziel» machen. «Wenn man ein Fragezeichen hinter den Begriff setzt», sinniert Antoine, «ändert sich die Bedeutung».
Manchmal verlieren sich die Sachen
Solche kleinen Änderungen, subtile Verschiebungen interessieren ihn. Sie lösen Denkprozesse aus. Er habe bei der Umsetzung der Aufgabe nicht etwa einen Olympia-Läufer beim Überqueren der Ziellinie gefilmt, sondern einen Wassertropfen, der vom Hahn runter ins Becken fällt. «Der kommt sicher an sein Ziel», bemerkt Antoine, ohne dabei irgendeine äussere Regung zu zeigen; da ist kein Augenzwinkern, kein Anflug von einem Lächeln, der darauf hinweisen würde, dass er seine Überlegung geistreich findet. Antoine, scheint es, produziert seine Werke, ohne sich um ihre Wirkung zu kümmern. Sie sind seine Sprache, sein Ausdruck, seine Art zu kommunizieren. Es gibt dazu nichts zu sagen. Ob ich dieses Video mal anschauen könne, frage ich. «Irgendwo müsste ich es noch haben», lautet die Antwort, «manchmal verlieren sich die Sachen in den Ordnern.»
Nach der Kunstschule absolvierte Antoine den Zivildienst. «Ins Militär wolltest du nicht?», frage ich. Gewisse Dinge an der Armee hätten ihn schon interessiert, sagt er. Ordnung, reibungslose Abläufe, eine gewisse Disziplin, das finde er gut, und es wäre für ihn auch okay gewesen, eine Waffe zu tragen. «Aber mit dem allgemeinen Umgang habe ich Schwierigkeiten; ich mag es nicht, wenn man sich anschreit.» Antoines ruhige Art wurde in der KiTa, in der er den ersten Teil des Zivildienstes absolvierte, sehr geschätzt. «Ich gehe nicht schnell an die Decke, das half», sagt er.
Für ihn selber war indessen der zweite Teil des Zivildienstes interessanter; diesen absolvierte er bei der kantonalen Fachstelle für Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt. Auch nach Abschluss des Zivildienstes nahm er an Ausgrabungen teil, in Kaiseraugst, ganz in der Nähe seines Wohnorts. Man habe Vasen, kleine Figuren, Münzen gefunden. Besonders spannend waren für Antoine die Skizzen der Ausgrabungsstätten, die er am Computer erstellen durfte. «Zu rekonstruieren, wie es damals ausgeschaut hat, das war toll», sagt er.
«Angst Hold On»
Zwischen Imagination und Wirklichkeit befindet sich auch die Welt, in der Antoine Straumann künstlerisch tätig ist. Er öffnet den Laptop, zeigt ein Bild, das zunächst realistisch ausschaut, an dem aber, wie Antoine betont, alles digital konstruiert sei. Man sieht einen Arm, der von oben eine Kugel hält, bei näherem Hinsehen ist es die Erde. Von ihr fallen Lichtfunken hinab auf eine Kugel, die zunächst wie ein abstrakter Kopf wirkt, sich dann aber als überdimensioniertes Auge erweist, mit dem runden Glaskörper und nach oben offener Pupille. Das Auge, deutet Antoine eine Interpretation des Bildes an, nehme Informationen der Erde auf, die ihm als Licht vermittelt werden. Mehr mag er dazu nicht sagen, ausser, dass das Bild eine «spezielle Sache» sei und bei den anderen Studierenden an der Kunstschule «witzig und positiv angekommen» sei.
Kommentarlos zeigt Antoine weitere Bilder; viele von ihnen sind schwarz-weiss gehalten, spielen mit Licht und Dunkel. Da sieht man eine marienähnliche Gestalt, die in einem Lichtkreis inmitten einer Mondlandschaft steht, oder eine Figur in einer Lichttür; sie ist an Seilen gefesselt, zwei Hände ziehen sie zurück ins Dunkel. «Angst Hold On», lautet die Bezeichnung des Bilds. Auch dazu mag Antoine nicht viel sagen. Immerhin beruhigt er mich, seinen ehemaligen Konfpfarrer, er sei nicht ganz so einsam wie seine Avatare, er habe «schon noch menschlichen Kontakt». Tatsächlich halte er sich aber am liebsten in seinem Zimmer auf, er habe dort eigentlich alles, was er brauche.
Morgens steht Antoine früh auf, «sechs Stunden Schlaf genügen», sagt er, dazu gebe es Studien. Um sechs Uhr weckt ihn seine Apple Watch, «mit einem angenehmen Geräusch», das sei ihm wichtig, er wolle nicht angelärmt werden, am Morgen noch weniger als sonst. Die Morgenstunden verwendet er für konzentriertes Arbeiten, an seinen digitalen Kunstwerken oder auch zum Japanischlernen. WhatsApp, TikTok etc., all die Social Media-Plattformen verwende er erst abends, wenn er langsam herunterfahre. Dann schaue er auch Filme, am liebsten solche von Akira Kurasawa, und Anime-Produktionen des japanischen Zeichentrickfilmstudios Ghibli.
Fiktion, Fantasy, Fandom
Bei Ghibli kommen zwei Dinge zusammen, die Antoine gefallen: der japanische Kosmos – die Schlichtheit, Schönheit, Stille – und die Fiktionalität. Einmal im Jahr zieht es ihn unter die Menschen, an Basel Fantasy, dem Festival für Comic- und Cosplayfans («Cosplay» ist ein Kofferwort aus «Costume» und «Play», übersetzt also: «Kostüm-Spiel»). Fandoms («Fandom» setzt sich zusammen aus «Fan» und der Endung «-dom», wie «Kingdom», übersetzt also: «Fan-Reich») kreieren ihre Fantasiewelten, verschieben ihre Identitäten in Figuren aus Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe etc. hinein.
Ob das alles eigentlich einen religiösen Bezug habe, frage ich zum Schluss. Es komme darauf an, wie man Religion verstehe, antwortet Antoine. «Wenn es um etwas Übernatürliches geht, etwas, das grösser ist als die eigene Person, dann hat es tatsächlich etwas mit Religion zu tun.» Das gelte sowohl für den Cosplay-Kosmos wie für sein eigenes Schaffen. Wobei für ihn die Technik ebenso interessant sei wie der Inhalt; bei Cosplay-Veranstaltungen interessiere er sich dafür, wie die Leute ihre Ideen umsetzen, bei seinen Werken die Tools, mit denen er innere Visionen realisieren kann. «Das Wie und das Was gehören zusammen. Der Weg ist auch interessant, nicht nur das Ziel.»
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Am Sonntag, 8. November um 10 Uhr findet im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst ein experimenteller Gottesdienst mit Bildern von Antoine Straumann statt. Thema: » Lichteffekte im Sterbemonat.
Einmal sei ihnen an der Kunstschule das Thema «Schönheit mit Abgründen» vorgegeben worden. Er habe die Buchstaben LIFE hingeschrieben und kleine Unannehmlichkeiten dazugesetzt, «First World Problems», wie er sie nennt, Probleme unserer wohlhabenden Gesellschaft, ein Eis, das aufs Kleid tropft, eine beschlagene Brille, ein angestossener Zeh. Einmal sollten die Studenten etwas zum Thema «Ziel» machen. «Wenn man ein Fragezeichen hinter den Begriff setzt», sinniert Antoine, «ändert sich die Bedeutung».
Manchmal verlieren sich die Sachen
Solche kleinen Änderungen, subtile Verschiebungen interessieren ihn. Sie lösen Denkprozesse aus. Er habe bei der Umsetzung der Aufgabe nicht etwa einen Olympia-Läufer beim Überqueren der Ziellinie gefilmt, sondern einen Wassertropfen, der vom Hahn runter ins Becken fällt. «Der kommt sicher an sein Ziel», bemerkt Antoine, ohne dabei irgendeine äussere Regung zu zeigen; da ist kein Augenzwinkern, kein Anflug von einem Lächeln, der darauf hinweisen würde, dass er seine Überlegung geistreich findet. Antoine, scheint es, produziert seine Werke, ohne sich um ihre Wirkung zu kümmern. Sie sind seine Sprache, sein Ausdruck, seine Art zu kommunizieren. Es gibt dazu nichts zu sagen. Ob ich dieses Video mal anschauen könne, frage ich. «Irgendwo müsste ich es noch haben», lautet die Antwort, «manchmal verlieren sich die Sachen in den Ordnern.»
Nach der Kunstschule absolvierte Antoine den Zivildienst. «Ins Militär wolltest du nicht?», frage ich. Gewisse Dinge an der Armee hätten ihn schon interessiert, sagt er. Ordnung, reibungslose Abläufe, eine gewisse Disziplin, das finde er gut, und es wäre für ihn auch okay gewesen, eine Waffe zu tragen. «Aber mit dem allgemeinen Umgang habe ich Schwierigkeiten; ich mag es nicht, wenn man sich anschreit.» Antoines ruhige Art wurde in der KiTa, in der er den ersten Teil des Zivildienstes absolvierte, sehr geschätzt. «Ich gehe nicht schnell an die Decke, das half», sagt er.
Für ihn selber war indessen der zweite Teil des Zivildienstes interessanter; diesen absolvierte er bei der kantonalen Fachstelle für Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt. Auch nach Abschluss des Zivildienstes nahm er an Ausgrabungen teil, in Kaiseraugst, ganz in der Nähe seines Wohnorts. Man habe Vasen, kleine Figuren, Münzen gefunden. Besonders spannend waren für Antoine die Skizzen der Ausgrabungsstätten, die er am Computer erstellen durfte. «Zu rekonstruieren, wie es damals ausgeschaut hat, das war toll», sagt er.
«Angst Hold On»
Zwischen Imagination und Wirklichkeit befindet sich auch die Welt, in der Antoine Straumann künstlerisch tätig ist. Er öffnet den Laptop, zeigt ein Bild, das zunächst realistisch ausschaut, an dem aber, wie Antoine betont, alles digital konstruiert sei. Man sieht einen Arm, der von oben eine Kugel hält, bei näherem Hinsehen ist es die Erde. Von ihr fallen Lichtfunken hinab auf eine Kugel, die zunächst wie ein abstrakter Kopf wirkt, sich dann aber als überdimensioniertes Auge erweist, mit dem runden Glaskörper und nach oben offener Pupille. Das Auge, deutet Antoine eine Interpretation des Bildes an, nehme Informationen der Erde auf, die ihm als Licht vermittelt werden. Mehr mag er dazu nicht sagen, ausser, dass das Bild eine «spezielle Sache» sei und bei den anderen Studierenden an der Kunstschule «witzig und positiv angekommen» sei.
Kommentarlos zeigt Antoine weitere Bilder; viele von ihnen sind schwarz-weiss gehalten, spielen mit Licht und Dunkel. Da sieht man eine marienähnliche Gestalt, die in einem Lichtkreis inmitten einer Mondlandschaft steht, oder eine Figur in einer Lichttür; sie ist an Seilen gefesselt, zwei Hände ziehen sie zurück ins Dunkel. «Angst Hold On», lautet die Bezeichnung des Bilds. Auch dazu mag Antoine nicht viel sagen. Immerhin beruhigt er mich, seinen ehemaligen Konfpfarrer, er sei nicht ganz so einsam wie seine Avatare, er habe «schon noch menschlichen Kontakt». Tatsächlich halte er sich aber am liebsten in seinem Zimmer auf, er habe dort eigentlich alles, was er brauche.
Morgens steht Antoine früh auf, «sechs Stunden Schlaf genügen», sagt er, dazu gebe es Studien. Um sechs Uhr weckt ihn seine Apple Watch, «mit einem angenehmen Geräusch», das sei ihm wichtig, er wolle nicht angelärmt werden, am Morgen noch weniger als sonst. Die Morgenstunden verwendet er für konzentriertes Arbeiten, an seinen digitalen Kunstwerken oder auch zum Japanischlernen. WhatsApp, TikTok etc., all die Social Media-Plattformen verwende er erst abends, wenn er langsam herunterfahre. Dann schaue er auch Filme, am liebsten solche von Akira Kurasawa, und Anime-Produktionen des japanischen Zeichentrickfilmstudios Ghibli.
Fiktion, Fantasy, Fandom
Bei Ghibli kommen zwei Dinge zusammen, die Antoine gefallen: der japanische Kosmos – die Schlichtheit, Schönheit, Stille – und die Fiktionalität. Einmal im Jahr zieht es ihn unter die Menschen, an Basel Fantasy, dem Festival für Comic- und Cosplayfans («Cosplay» ist ein Kofferwort aus «Costume» und «Play», übersetzt also: «Kostüm-Spiel»). Fandoms («Fandom» setzt sich zusammen aus «Fan» und der Endung «-dom», wie «Kingdom», übersetzt also: «Fan-Reich») kreieren ihre Fantasiewelten, verschieben ihre Identitäten in Figuren aus Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe etc. hinein.
Ob das alles eigentlich einen religiösen Bezug habe, frage ich zum Schluss. Es komme darauf an, wie man Religion verstehe, antwortet Antoine. «Wenn es um etwas Übernatürliches geht, etwas, das grösser ist als die eigene Person, dann hat es tatsächlich etwas mit Religion zu tun.» Das gelte sowohl für den Cosplay-Kosmos wie für sein eigenes Schaffen. Wobei für ihn die Technik ebenso interessant sei wie der Inhalt; bei Cosplay-Veranstaltungen interessiere er sich dafür, wie die Leute ihre Ideen umsetzen, bei seinen Werken die Tools, mit denen er innere Visionen realisieren kann. «Das Wie und das Was gehören zusammen. Der Weg ist auch interessant, nicht nur das Ziel.»
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Am Sonntag, 8. November um 10 Uhr findet im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst ein experimenteller Gottesdienst mit Bildern von Antoine Straumann statt. Thema: » Lichteffekte im Sterbemonat.

