Verantwortlich für diese Seite: Andreas Fischer
Bereitgestellt: 13.12.2017
Kunst im Kaiseraugster Kirchgemeindehaus
Die altehrwürdige Tradition, das Kaiseraugster Kirchgemeindehaus als Kunstgalerie zu nutzen, feierte im Advent Urständ. Neben drei lokal bekannten Künstlerinnen stellten auch zwei Künstler aus dem Asylzentrum aus, Reza aus dem Iran und Raja aus Syrien. Der Verkauf der Werke erfolgte zugunsten des Vereins Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst. Die kleine Revue enthält einen journalistischen Rückblick, die Rede zur Vernissage und ein Porträt von Reza Saba.
Andreas Fischer,
Rückblick / Multikulti-Kunst in Kaiseraugst
Von Hans Berger
Ein Ambiente, so als ob Pfigsten und Advent zusammenfallen würden, war das prägende Merkmal der Vernissage im reformierten Kirchgemeindehaus in Kaiseraugst mit den drei mit dem Dorf verbundenen Künstlerinnen Sybille Krauer-Büttiker, Jaqueline Rotzinger, Katharina Siewert-Rotzinger, den beiden im Kaiseraugster Asylzentrum lebenden Künstlern Reza Saba aus dem Iran und Raja Dibeh aus Syrien, der armenischen Flötistin Tamar Eskenian, dem deutschstämmigen Literat Jan Peters sowie den beiden Köchinnen Tabute Tess aus Eritrea und Leyla Daahir Osmaan aus Somalia.
Die Erwartung der Organisatoren der Vernissage bezüglich der Besucherzahl war offensichtlich bescheiden, wie die rund zwanzig bereitgestellten Stühle vermuten liessen. Verständlicherweise zeigte sich Barbara Schätti bei ihrer Begrüssung dann erfreut, dass den zwanzig Sitzplätzen weitere sechzig hinzugefügt werden mussten. Und so kam‘s, dass verdientermassen die international auftretende, armenische Flötistin Tamar Eskenian ihr unbestrittenes Können in einem beinah vollen Haus präsentieren durfte und mit ihrem melancholischen, träumerischen, tänzerischen Spiel auf einer armenischen Hirtenflte (Shvi) rund achtzig Menschen Flügel verleihen konnte. Philosophischer, religiöser Tiefgang zeichnete das Referat des Schriftstellers und Satirikers Jan Peters aus. In seiner Rede war spürbar, was er danach im persönlichen Gespräch bekannte: «Dies ein Erlebnis, das selbst einen Erzlästerer wie mich nicht unberührt gelassen hat.»
Ein Indiz für die aussergewöhnliche, vermutlich einmalige Ad-hoc Fusion von Pfigsten und Advent ist, dass die Künstlerinnen und Künstler den Erlös des Bilderverkaufs dem Verein «Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraust», der die Asylsuchenden im Dorf mit verschiedenen Angeboten und Projekten unterstützt, zukommen lassen.
* Der Autor ist Journalist und Inhaber des Internetportals fricktal24.ch. Er wohnt in Kaiseraugst.
Ungekürzte Fassung sowie weitere Bilder auf www.fricktal24.ch/kaiseraugst.
Rede von Jan Peters anlässlich der Vernissage der Kunstausstellung
Sehr geehrte Damen und Herren
Beginnen möchte ich mit einem ausdrücklichen Dank an Cécile Cassini, Präsidentin der Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst, und Bernadette Schläpfer, deren aussergewöhnliches Engagement diese Ausstellung ermöglicht hat. Ferner habe ich Barbara Schätti als Veranstaltungskoordinatorin und Pfarrer Andreas Fischer als Hausherrn dieses Gebäudes sowie Susanne Meyer, Sigristin der Reformierten Kirchgemeinde, zu danken. Nicht zu vergessen sei natürlich Jutta Wurm, die intensiv «im Hintergrund» wirkte und deren grosses gestalterisches Talent dem Ausstellungsflyer zu einem starken Auftritt in allen Kaiseraugster Haushaltungen verholfen hat.
*
Als ich erstmals von dieser ungewöhnlichen Bilderausstellung hörte, die wir heute eröffnen wollen, fiel mir aufgrund der Multikulti-Mischung der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler etwas ein, das kürzlich hier bei uns im Dorf von einem Festredner öffentlich gesagt wurde.
*
Wenn ich mich recht entsinne, war einer der Schwerpunkte der diesjährigen 1.-August-Rede das Thema friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen am Beispiel der Gemeinde Kaiseraugst. Ich zitiere: «Bei uns in der Gemeinde Kaiseraugst gibt es über 40 Nationalitäten verschiedener Religionen und verschiedenen Glaubens. Die friedlich miteinander leben und sich akzeptieren und respektieren: Christen verschiedener Konfessionen, Moslems, Hindus, Buddhisten, Juden, Agnostiker, Atheisten, Marxisten und noch viele andere mehr, die nicht unbedingt öffentlich in Erscheinung treten. Und alle sind wir Kaiseraugster. Und was im Mikrokosmos einer Gemeinde wie der unsrigen gelingt, warum soll das nicht auch national funktionieren? Und wenn man zur Kenntnis nehmen könnte, dass <das Andere> im Anderen nicht notwendigerweise bedrohlich ist, sondern durchaus auch den eigenen Horizont erweitern könnte, dann wäre dies doch eine Möglichkeit des Menschen und des Menschseins.»
*
Vor gar nicht langer Zeit hatte Andreas Fischer, den man regelmässig hier in diesem Raum sprechen hören kann, etwas Ähnliches zum Thema seiner Predigt; ich darf den Herrn Pfarrer zitieren, als er den ihm seelsorgerisch anvertrauten ausnahmslos weissen Schäfchen in seiner behutsamen und zurückhaltenden Art fürsorglich die Leviten las: «Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zeichnet sich, wie viele der Gleichnisse Jesu, dadurch aus, dass Gott darin gar nicht vorkommt. Es ist eine Geschichte, die hier in dieser Welt stattfindet, ohne Himmel und Hölle, ohne Engel und Teufel. Es ist eine Geschichte, die sich <ganz im Praktischen> abspielt. Im Bereich der Aktivität, des Tuns, des Handelns. Es ist kein Zufall, dass Jesus dem Gesetzeslehrer zweimal sagt: <Mach es genau so>, <gehe hin und tue desgleichen>. Es geht im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter um’s Machen. Um eine Religion, die sich nicht in Frömmigkeit, sondern in Taten zeigt. Um Liebe, die nicht ein Gefühl ist, sondern eine Praxis.»
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Und wer ist die Zielgruppe dieses Handels? Die Antwort könnte einfacher nicht sein: <ein Mensch>. Es ist irgendein Mensch, eine Frau oder auch ein Mann, eine Syrerin oder Schweizerin, ein Slumbewohner in Bangladesh, der Lokführer der S1 oder der Alki vor dem Bahnhof in Basel.
*
Und vielleicht bräuchte sogar der Chief Investment Officer einer gediegenen Schweizer Bank aus emotionalen Gründen einen barmherzigen Samariter, obwohl dieses pekuniäre Schosskind des Glücks auf den ersten Blick wahrlich keinen hinwendungsbedürftigen Eindruck macht. Aber man weiss ja nie… – eventuell ist mancher gnadenlos auf Profitmaximierung getrimmte high-frequency trader seelisch sogar weitaus mittelloser als der dauerhaft fröhliche Reggae-Zeitungsverkäufer, der regelmässig am Basler Marktplatz das Magazin <Surprise> feilhält, und der immer für einen Spass zu haben ist: «Hi, Superman!», ruft Bob Marley mir allzeit grinsend zu, «Ain’t got no money? Don’t worry, be happy!»
*
Ich vermute, der durchgestylte City-Banker in Nadelstreifen könnte in der Rubrik Menschenfreundlichkeit bei dem karibischen Strassenhändler, der sogar bei 30° Aussentemperatur seine farbenfrohe Wollmütze trägt und für jeden der Vorbeigehenden ein freundliches Wort hat, in die Lehre gehen…
• <Ecce homo> – siehe, es ist <ein Mensch>.»
*
Eines der Themen, dem man heutzutage nicht entgehen kann, namentlich in Wahlkämpfen, betrifft das Asylanten- und Flüchtlingswesen. Dieses blitzschnell polarisierende Objekt wird derzeit gehegt und gepflegt vom unvermindert grassierenden Katastrophenjournalismus – den manche auch als <Immer-Schlimmerismus> bezeichnen; achten Sie mal darauf, wie viele Artikel mit <und es könnte noch schlimmer kommen!> enden; im Fachjargon der schreibenden Zunft nennt man das einen <Cliffhanger>: In Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs, der im Folgeartikel zur Sprache kommen wird (oder auch nicht), lässt man den Leser am Ende des Artikels an der Klippe hängen. Das bekommen die jungen Journalisten heute in ihrer Ausbildung eingetrichtert, denn nur negative Nachrichten sind gute Nachrichten. Mit brisanten Aktionen salafistischer Himmelfahrtskommandos kriegt man weitaus bessere Auflage als mit öden Gutmenschenreports; so ein antiquierter Mumpitz interessiert die Whatsapp-Generation doch nicht die Bohne! Und dass es bei <Flüchtlingen> ausschliesslich um <Menschen> und menschliche Schicksale der etwas heftigeren Kategorie geht, tritt hinter Reizworten wie <Obergrenze>, <Scheinasylanten>, <Wirtschaftsflüchtlinge>, <Einwanderung in Sozialsysteme> etc. zurück. Bei diesem Thema werden bevorzugt grobe Holz- statt filigraner Scherenschnitte angefertigt; z.B. ausgehend davon, dass Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge scheinheilig in denselben Topf geworfen werden. Und wenn jemand dem Hungertod in seiner Heimat durch Flucht zu entgehen versucht, ist er dadurch ein «Sozialschmarotzer»? Oder ist es ein um sein Überleben kämpfendes Geschöpf?
• <Ecce homo> – siehe, es ist <ein Mensch>.»
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Wie dieses Thema «anders» in Angriff genommen und erfolgreich durchgeführt werden kann, das demonstriert seit einiger Zeit die von Cécile Cassini vor zwei Jahren ins Leben gerufene Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst, die seit September 2017 den Status eines regulären Vereins besitzt, in dem Frau Cassini als Präsidentin fungiert. Im Vorstand stehen ihr Pfarrer Andreas Fischer von der reformierten Kirchgemeinde und Diakon Stephan Kochinky von der römisch-katholischen Kirche sowie unsere Gemeindepräsidentin Sibylle Lüthi als Revisorin zur Seite.
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Im Vorbereitungsgespräch zu dieser Ausstellung legte Frau Cassini grossen Wert darauf, dass die Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst zwei Ziele gleichgewichtig anstrebt: die Nöte der Geflüchteten ebenso ernst zu nehmen wie die Vorbehalte und Ängste der Einheimischen den Fremden gegenüber. Und ein Schlüsselwort, um auf diesem steinigen Weg voranzukommen, heisst «Begegnung». Denn bekanntlich verliert das Fremde das Bedrohliche, wenn es einem nicht mehr fremd ist. Was Begegnung nahezu automatisch bewirkt, wenn man ihr die Chance dazu gibt. «Elementarpsychologie» nennt man so etwas. Im Lehrbuch liest es sich allerdings weitaus einfacher, als es im Alltagsleben umsetzbar ist.
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Bekanntlich besteht eine elementare Grundvoraussetzung gegenseitigen Vertrauens darin, dass man sich verständigen kann. Was wiederum voraussetzt, dass die an der erwünschten Interaktion Teilnehmenden dieselbe Sprache sprechen und verstehen: Diese triviale Einsicht erweist sich bei der Umsetzung in die Praxis allerdings oft als langwierig und mühsam. Um so mehr ist anzuerkennen, dass die Freiwilligenhilfe Asyl Kaiseraugst Deutschstunden gibt – vier hoch engagierte Frauen unterrichten an zwei Tagen pro Woche Deutsch im reformierten Kirchgemeindehaus und zwei Männer tun dies ebenso im «Schärme» und zu Hause; dies für diejenigen Flüchtlinge, die sich im Wartestatus befinden und bislang nur eine N-Bewilligung haben.
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Von der katholischen Kirchgemeinde aus gibt es monatliche Treffen, entweder im «Schärme» zum Kennenlernen und Austauschen oder bei einem Ausflug auf dem Rhein, bei den Römern in Augusta Raurica, im Zolli, an der Basler Fasnacht oder sogar bei einem Fussballmatch des FCB. Begegnungen gibt es aber auch bei hiesigen Vereinen, die offen dafür sind, Geflüchtete aufzunehmen, so im Gospelchor, bei der Gymnastik Raurica, im BadmintonKlub und für Einsätze beim Naturschutzverein.
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Seit März dieses Jahres wird «Essen auf Rädern» für ältere und kranke Menschen durch das Velo-Ausfahren der Asylsuchenden ermöglicht, und bei Werkhofeinsätzen halfen sie, die Strassenränder zu reinigen und Neophyten auszureissen. All dies trägt dazu bei, einander kennenzulernen und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen.
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Die Idee, eine sozusagen interkulturelle Bilderausstellung zu veranstalten, kam von Bernadette Schläpfer, die einen der ausstellenden Künstler, nämlich Reza Saba, in ihren Deutschstunden hat und von seiner persönlichen Geschichte beeindruckt war.
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Im Flyer zu unserer Bilderausstellung, die wir heute eröffnen wollen, steht der vortreffliche Satz, dass die Werke unserer beiden <fremdländischen> (ich sage dies sehr bewusst so provozierend!) Künstler aus Syrien und dem Iran in einen stillen Dialog mit den Bildern der drei einheimischen Künstlerinnen treten werden. Ein <stiller Dialog> – ein kontemplativer Kontrast zu dem Krawall und Getöse, das die Politik beim Thema Fremdenaufnahme-/- zurückweisung veranstaltet.
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Begegnung statt Konfrontation, Zuhören statt Ablehnung; vielleicht kann unsere Ausstellung, als deren Leitmotiv auch <Begegnung auf Kunstebene> gelten könnte, ein klein wenig dazu beitragen: Begegnung in der Kunst, Begegnung verschiedener Techniken und Motive, Begegnung verschiedener Kulturen und letzten Endes und auf den Punkt gebracht, Begegnung von Menschen in der Bereitschaft zur Akzeptanz ihrer vielfältigen Möglichkeiten und Gemeinsamkeiten, ohne geradezu manisch permanent ihre Unterschiede zu beschwören und sich von ihnen erschrecken und blockieren zu lassen.
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Ich komme nun auf die hier ausstellenden Künstlerinnen und Künstler im Einzelnen zu sprechen: Wer sie sind, warum sie künstlerisch tätig sind und mit welchen stilistischen Mitteln und Techniken sie dasjenige künstlerisch umsetzen, was bei ihnen zum Ausdruck drängt.
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Die Reihenfolge meiner Kurzvorstellungen erfolgt in strikt alphabetischer Reihenfolge, womit ich jeglicher Hierarchisierung aus dem Weg gehe. Künstlerisch gesehen hätte ich schon so meine persönlichen Präferenzen. Die ich Ihnen allerdings nicht öffentlich verraten werde…
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• Raja Dibeh
Raja Dibeh war vor seiner Flucht aus Syrien Leiter der «Union of Fine Arts» und in seiner Heimat langjähriger Kunstlehrer. Mehr als 90 Bilder stellte er in Privatgalerien aus, über 40 Bilder und Objekte in Gruppenausstellungen. Seine bekannten Kreidezeichnungen wurden im gesamten arabischen Raum nachgefragt, eine sehr hohe Zahl seiner Ölmalereien ging in die ganze Welt. Zu seinem Repertoire gehörten und gehören auch so herausfordernde Aktivitäten wie Gebäudedekorationen und -renovationen sowie Skulpturen aus verschiedenen Materialien. Die Palette von Stilrichtungen, in denen sich Raja Dibeh zu Hause fühlt, ist vielfältig und reicht von byzantinischen Ikonen über Realismus, Kubismus und Surrealismus bis hin zu Avataren, den Kreaturen des binären Zeitalters. Auch die Fotografie als künstlerische Ausdrucksform ist ihm nicht fremd.
• Sybille Krauer-Büttiker
Wenn man für Sybille Krauers Leben ein Motto suchte, so wäre «Das Leben als Reise» sicher zutreffend: Geboren in Zimbabwe, führte sie ihr Lebensweg über Südafrika und Frankreich schliesslich nach Basel und Kaiseraugst. Auch ihre berufliche Laufbahn war von Vielfalt gekennzeichnet, zunächst als Kindergärtnerin und später als Heilpädagogin stand sie stets in engem Kontakt mit Menschen. Prägende Stationen ihrer künstlerischen Laufbahn waren Töpferkurse bei Hans Huber in Kaiseraugst sowie Zeichen- und Malkurse an der Kunstgewerbeschule Basel. Ihre Aktivitäten umfassen Malkurse für Kinder und Erwachsene sowie nationale und internationale Ausstellungen, in denen sie die zahlreichen Eindrücke, die sie in der Natur und auf Reisen gewinnt, in abstrakten und gegenständlichen Werke mittels Acryl, Pigmentfarben und Collagen in Mischtechnik umsetzt.
• Jacqueline Rotzinger
Jacqueline Rotzinger ist, wenn man so will, ihrer Schweizer Heimat immer «treu» geblieben. Von Geburt her aus Männedorf/ZH gebürtig, wuchs sie in Laufenburg und Kaiseraugst auf. Nach der Bezirksschule Rheinfelden absolvierte sie eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten, die sie später mit einer Weiterbildung zur Arztsekretärin «aufstockte». Da ihre familiäre und berufliche Tätigkeit nach einer Art «künstlerischer Ergänzung» verlangte, wurde sie eines Tages auf ein Inserat von Ruedi Keller, Möhlin, aufmerksam, in dem dieser schrieb: «Möchten Sie schon lange malen und glauben, es nicht zu können, dann kommen Sie doch zu mir in einen Malkurs». Seitdem hat Jacqueline Rotzinger ihre hauptsächlich in Collage-Mischtechnik mit Acrylfarben erstellten abstrakten Werke in mehreren regionalen Ausstellungen präsentiert.
• Reza Saba
Dass Kunst nicht nur Spitzwegidyllen hervorbringt, davon zeugt der Werdegang unseres zweiten «auswärtigen» Künstlers. Er kam im Iran zur Welt, als dort noch der Schah die Zügel in der Hand hielt. Reza Saba verbrachte mit seinen vier Geschwistern eine glückliche Kindheit; seine Welt war das Zeichnen – statt Hausaufgaben zu machen, illustrierte er lieber seine Hefte. 1979 kamen die Mullahs an die Macht, und Reza musste in den Krieg gegen den Irak ziehen. Danach konnte er endlich studieren. Sein Talent wurde entdeckt, er wurde Assistent des Professors, hielt Vorlesungen, arbeitete für renommierte Zeitschriften; seine Arbeiten waren provokativ. Aufgrund seiner religiösen Ausrichtung als Sufi geriet er zusätzlich ins Visier der Mullahs und musste schliesslich die Flucht ergreifen. Von Reza Sabas ausgeprägtem Talent im Porträtzeichnen können Sie sich gern selbst überzeugen: Auf Nachfrage fertigt er Porträts von Ihnen oder Ihren Lieben nach Fotos zu CHF 150.- oder auch live zu CHF 50.- an. Bitte nehmen Sie doch nachher Kontakt mit ihm auf: The artist is present!
• Katharina Siewert-Rotzinger
Katarina Siewert-Rotzinger, geboren in Reiden/LU, wuchs mit fünf Geschwistern in Kaiseraugst auf. Die Handelsschule absolvierte sie in Basel, es folgte eine Ausbildung zur diplomierten Kosmetikerin und anschliessende Tätigkeit als Angestellte. Nach einem längeren Aufenthalt im grenznahen Deutschland aus familiären Gründen kehrte sie 2002 in die Schweiz zurück und lebt seit 2008 in Kaiseraugst. Schon in frühester Jugend hatte Katharina Siewert das Bedürfnis, sich künstlerisch auszudrücken und dem Betrachter ihre Freude an Formen und Farben von Pflanzen, Tieren und Menschen durch die Malerei zu vermitteln. Ihre hier ausgestellten Werke sind in Acryl gemalt, sie beherrscht aber gleichermassen das Zeichnen, Aquarellieren und die Porzellanmalerei. Ihre diesbezüglichen Techniken hat sie in zahlreichen Kursen permanent vervollkommnet.
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Obwohl diese Porträts unserer Ausstellungsstars von mir nur sehr skizzenhaft gezeichnet werden konnten, wurde aber trotzdem bereits deutlich, so hoffe ich zumindest, was für ein reiches Spektrum an Herkunft, Lebenserfahrungen und künstlerischen Ausdrucksformen unsere fünf Künstlerinnen und Künstler repräsentieren. Und hier im Reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst begegnen sich nun diese unterschiedlichen Charaktere – ein syrischer und ein iranischer Künstler aus dem Asylzentrum Kaiseraugst und drei Künstlerinnen aus Kaiseraugst oder mit starkem Bezug zu unserer Gemeinde.
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Wir freuen uns über diesen Dialog zwischen heimischer und «angereister» Kunst und über alle, die sich daran durch einen Besuch beteiligen. Wenn es durch unsere Ausstellung gelingt, das Verständnis füreinander zu fördern und miteinander in einen Dialog zu treten, so haben wir in unserem kleinen Kaiseraugst schon fast mehr erreicht, als der grossen Welt gelingt.
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Ich danke Ihnen im Namen der Ausstellungsverantwortlichen ganz herzlich dafür, dass Sie, wie Ihre heutige Anwesenheit dokumentiert, einer Idee fundamentaler Menschlichkeit eine Chance geben und sie unterstützen; einer Idee, wie sie in Häusern wie diesem der Menschheit seit 2000 Jahren unermüdlich ans Herz gelegt wird.
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Ich persönlich bin nicht bereit, nochmals 2000 Jahre abzuwarten, um beobachten zu können, ob die Menschheit bis dahin endlich begriffen haben wird, dass sich menschliche Stärke ausschliesslich darin beweisen kann, den Schwachen zu helfen. Und nicht darin, die Bedürftigen auszugrenzen, zurückzuweisen und im Elend zugrundegehen zu lassen; oder sich, welch ein Entwicklungs-Highlight des Homo sapiens, gegenseitig die Schädel einzuschlagen!
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Ich komme nun, und dies wird Sie sicher erfreuen, langsam zum Ende meiner Ausführungen. Abschliessend möchte ich versuchen, Ihnen auf einer etwas anderen künstlerischen Ebene anhand eines kompositorischen Crossovers zu demonstrieren, wie genial «Begegnung» oder Transfer in der Kunst verlaufen kann, wenn unterschiedliche Ansätze aufeinandertreffen und plötzlich wie Puzzlesteine ineinandergreifen, um schliesslich eine komplett neue Komposition zu bilden.
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Ich nehme einmal an, dass die meisten von ihnen den Klavierzyklus «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgski kennen; die orchestrale Bearbeitung durch Maurice Ravel erfreut sich auch einiger Bekanntheit und Beliebtheit.
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Und dann gab es da eine Rockgruppe, die nach meiner unmassgeblichen Meinung so ziemlich das Grossartigste war, was dieses Genre je hervorgebracht hat. Diese progressive British Rock Band fand Gefallen an einigen «Bildern einer Ausstellung» und schuf daraus ein kongeniales Meisterwerk namens «Pictures at an Exhibition», dessen Live-Aufführung im Rathaus von Newcastle upon Tyne zu einem Meilenstein der Rockgeschichte wurde. * Bei ihrer raumfüllenden Beschreibung des hühnerfüssigen Hexenhauses «The Hut of Baba Yaga» oder der imposanten Stadttore von Kiew «The Great Gates of Kiew» laufen einem solche Schauder die Wirbelsäule hinauf und hinunter, dass man sich die nächste Physiotherapie glatt ersparen kann.
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Diese Rockmonumente hiessen Keith Emerson, Greg Lake und Carl Palmer – unter dem ebenso unerwarteten wie einprägsamen Namen «Emerson, Lake & Palmer» stiegen sie in das Elysium der Musikgeschichte auf, aus dem sie niemals wieder vertrieben werden können. Insofern haben sie es sogar wesentlich weitergebracht als Adam & Eva, die sich im Paradies nicht anständig benehmen konnten. Die Folgen dieses eklatanten Fehltritts hat die Christenheit bis heute auszubaden. Ich weiss jetzt noch nicht einmal, ob die Muslime damals noch mit uns freundschaftlich vereint waren und wir gemeinsam achtkantig aus dem Paradies geflogen sind. Oder hatten die ein eigenes, in dem sie bleiben durften? Man sollte dazu einmal die Kaiseraugster Geistlichkeit befragen; wozu zahlt man denn eigentlich Kirchensteuer…
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Ich befürchte, dass wir mit der hier und heute zu eröffnenden transkulturellen Ausstellung zwar nicht sofort wie Emerson, Lake & Palmer in die Geschichte eingehen werden, aber wenn unsere nicht alltägliche Bilderausstellung, die eine Brücke zwischen unterschiedlichen Nationen und unterschiedlichen stilistischen Kunstrichtungen zu schlagen versucht, ein klein wenig dazu beitragen kann, dass sich wesensverschiedene Menschen über das von Sprache unabhängige und deshalb universell verständliche Medium «Kunst» besser verstehen, dann ist damit schon sehr viel erreicht!
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Als jemand, der selbst einmal als Fremder in dieses Land kam, weiss ich noch sehr genau, welch grausamen psychischen Wechselbädern der Mensch ausgesetzt ist, wenn er nicht absehen kann, ob man ihn aufnehmen oder zurückweisen wird. Wir wissen zwar, dass wir in dieser Welt keine bleibende Statt haben, aber wirklich akzeptieren kann unsere Psyche dies nicht. * Ich danke Ihnen, sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, dass Sie so grosszügig waren, mir in den vergangenen Minuten einen Teil Ihrer Lebenszeit zu schenken, und wünsche Ihnen ästhetische Erbauung und interkulturelle Denkanstösse bei Ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit den Kaiseraugster «Pictures at an Exhibition».
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Und vielleicht entstehen nach Ihrem individuellen stillen Dialog mit den Bildern im Kunstraum auch Gespräche mit den «ausländischen» Ausstellenden, an deren Ende Sie eventuell erstaunt festgestellen könnten, dass uns «das Fremde» gar nicht so fremd ist: Lassen Sie sich auf dieses Abenteuer ein und begrüssen Sie «den Fremden» als einen bei uns willkommenen Gast.
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Den barmherzigen Samariter, der in diesem Hause wohnt, wird dies mit tiefer Freude erfüllen.
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Porträt von Reza Saba
Anfang Advent findet im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst eine Ausstellung statt. Einer der Ausstellenden ist Reza Saba, ein iranischer Künstler, der zurzeit im hiesigen Asylzentrum lebt. Wir treffen uns spätabends im Pfarrhaus zum Gespräch. Die Verständigung erfolgt teils in Englisch, teils in unseren Muttersprachen, Farsi und Deutsch, mittels einer iranischen Übersetzerin.
Reza kam 1962 zur Welt, wuchs mit vier Geschwistern in Teheran auf, städtisch, mittelständisch, liberal. Der Vater war Offizier unter dem Schah, später Beamter im Bereich Import-Export. Reza, dessen Name an den Schah sowie an einen bedeutenden schiitischen Imam erinnert und übersetzt „Zufriedenheit“ bedeutet, hatte eine glückliche Kindheit, er wollte immer nur zeichnen, erzählt er, statt Hausaufgaben zu machen, kritzelte er Zeichnungen ins Heft.
Dann, 1979, kamen die Mullahs. Reza ahmt mit seinen Händen einen langen Bart nach. Zur Zeit der Revolution Khomeinis war er 17 Jahre alt. Zwei Jahre lang war er Soldat im Krieg gegen den Irak, glücklicherweise nicht an der Front, sondern am Telefon. Die Universität war in jener Zeit geschlossen. Als Reza endlich studieren konnte, wurde sein Talent bald entdeckt.
Mosaik, Krawatte, Fussabdruck
Er wurde Assistent des Professors, bald hielt er eigene Vorlesungen. Und er arbeitete für Zeitschriften – für die renommierten Zeitschriften jener Zeit, ergänzt die Übersetzerin. Seine Arbeiten waren provokativ. Auf einem Cover ist im Hintergrund ein antikes Mosaik zu sehen. Es symbolisiert die uralte persische Geschichte. Darin Krawatten, Symbole einer säkularen, weltoffenen Gesellschaft. Und auf alles drauf ein schwarzer Fussabdruck. Hier, so lautet die nicht zu übersehende Botschaft des Bilds, werden Kultur und Geschichte eines Landes mit Füssen getreten, zerstampft.
„Zukunft des Irans“ lautete der Name der Zeitschrift. Nach der Ausgabe mit besagtem Cover wurde das Büro gestürmt, die Redakteure wurden festgenommen, Reza, der Illustrator, befand sich zufällig zuhause. Er flüchtete in die Türkei. Doch all dies war nur ein Vorspiel. Das wirkliche Problem Rezas ist ein religiöses. Ein intimes, persönliches. Seit drei Jahrzehnten ist er Mitglied eines Sufi-Ordens.
Prügelstrafe für Stille
Der Sufismus ist die mystische Ausprägung des Islam, er befasst sich, statt mit dem Äusseren, mit dem Inneren des Menschen. Reza beschreibt den Unterschied zwischen einem Sufi und einem Mullah so: Der Sufi versucht, Kontrolle über sich selber zu gewinnen. Der Mullah kontrolliert die anderen. Wenn alle Menschen lernen würden, sich selber zu kontrollieren, wäre unsere Welt eine bessere, ist Reza überzeugt. Die Kritik des Sufismus an den Mullahs ist scharf. Die Leute, die auf Gebetsteppichen sitzen, sagen die Sufis sinngemäss, sind Diebe der Religion. Der Teppich symbolisiert Äusserlichkeit.
Sufis sind stille Leute. Sie treffen sich in ihren Gebetshäusern, lesen Gedichte – zum Beispiel jene des grossen persischen Mystikers Rumi, der auch hierzulande bekannt ist –, praktizieren Dhikr, eine Form von Meditation. Doch eben das wird von den Mullahs als Bedrohung erlebt. In regelmässigen Abständen berichtet Amnesty International von der Zerstörung von Versammlungsorten der Sufis, von Prügel- und Haftstrafen für Anhänger dieser religiösen Richtung.
Reza würde im Iran lebenslängliches Gefängnis drohen. Grund dafür sind Gemälde, die er von Rumi und anderen Sufi-Meistern gemalt hat. Sie wurden bei der Räumung des Gebetsraums seines Ordens gefunden. Inzwischen hat er sich auch über die sozialen Medien zu seiner Zugehörigkeit zum Sufismus bekannt. Als einer seiner Glaubensbrüder inhaftiert wurde, sagte er in einem auf Facebook publizierten Video, wenn der Sufismus ein Verbrechen sei, dann sei auch er ein Krimineller, er, Reza Saba. Das Video, obwohl nur auf Farsi gesprochen, ist schon mehrere zehntausend Mal angeklickt worden.
Not good, not bad
Reza lebt im Asylzentrum Kaiseraugst. Er flüchtete damals, 2015, als die Balkanroute noch nicht durch Grenzzäune gesperrt war, aus der Türkei über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien, Österreich in die Schweiz. Ein Afghane, den er unterwegs kennengelernt hatte, empfahl ihm, in der Schweiz und nicht in Deutschland Asyl zu beantragen. Von Yverdon wurde er in den Aargau verlegt, ein Freund nach Zürich. Vieles ist zufällig. Das Leben hier sei not good, not bad, sagt Reza. Er würde sich wünschen, dass er arbeiten könnte. Reza liebt seine Arbeit, doch derzeit könne er nur malen, wenn seine Zimmergenossen schlafen.
Also bricht er um Mitternacht von unserem Interview auf. Ich bleibe zurück mit der Übersetzerin, einer mir befreundeten iranischen Chemikerin, die an der ETH Zürich als Postdoktorandin arbeitet. Ich frage sie nach ihren Gedanken zum Gespräch. Sie sagt, sie sei froh, Chemie studiert zu haben. Das habe nichts mit Religion zu tun, ihre Wege haben sich nicht mit jenen der Mullahs gekreuzt, jene von Reza schon. Dass politisch-kritische Bilder wie jenes mit dem Fussabdruck Reza weniger gefährden als ein intimes Porträt von Rumi, das erschüttere sie. Und dass Reza im ganzen Spektrum von Öl- und Wasserfarben, Bleistift und Acryl, Photoshop und CorelDraw ein grosser Künstler sei, das sei für sie gar keine Frage.
Andreas Fischer
Von Hans Berger
Ein Ambiente, so als ob Pfigsten und Advent zusammenfallen würden, war das prägende Merkmal der Vernissage im reformierten Kirchgemeindehaus in Kaiseraugst mit den drei mit dem Dorf verbundenen Künstlerinnen Sybille Krauer-Büttiker, Jaqueline Rotzinger, Katharina Siewert-Rotzinger, den beiden im Kaiseraugster Asylzentrum lebenden Künstlern Reza Saba aus dem Iran und Raja Dibeh aus Syrien, der armenischen Flötistin Tamar Eskenian, dem deutschstämmigen Literat Jan Peters sowie den beiden Köchinnen Tabute Tess aus Eritrea und Leyla Daahir Osmaan aus Somalia.
Die Erwartung der Organisatoren der Vernissage bezüglich der Besucherzahl war offensichtlich bescheiden, wie die rund zwanzig bereitgestellten Stühle vermuten liessen. Verständlicherweise zeigte sich Barbara Schätti bei ihrer Begrüssung dann erfreut, dass den zwanzig Sitzplätzen weitere sechzig hinzugefügt werden mussten. Und so kam‘s, dass verdientermassen die international auftretende, armenische Flötistin Tamar Eskenian ihr unbestrittenes Können in einem beinah vollen Haus präsentieren durfte und mit ihrem melancholischen, träumerischen, tänzerischen Spiel auf einer armenischen Hirtenflte (Shvi) rund achtzig Menschen Flügel verleihen konnte. Philosophischer, religiöser Tiefgang zeichnete das Referat des Schriftstellers und Satirikers Jan Peters aus. In seiner Rede war spürbar, was er danach im persönlichen Gespräch bekannte: «Dies ein Erlebnis, das selbst einen Erzlästerer wie mich nicht unberührt gelassen hat.»
Ein Indiz für die aussergewöhnliche, vermutlich einmalige Ad-hoc Fusion von Pfigsten und Advent ist, dass die Künstlerinnen und Künstler den Erlös des Bilderverkaufs dem Verein «Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraust», der die Asylsuchenden im Dorf mit verschiedenen Angeboten und Projekten unterstützt, zukommen lassen.
* Der Autor ist Journalist und Inhaber des Internetportals fricktal24.ch. Er wohnt in Kaiseraugst.
Ungekürzte Fassung sowie weitere Bilder auf www.fricktal24.ch/kaiseraugst.
Rede von Jan Peters anlässlich der Vernissage der Kunstausstellung
Sehr geehrte Damen und Herren
Beginnen möchte ich mit einem ausdrücklichen Dank an Cécile Cassini, Präsidentin der Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst, und Bernadette Schläpfer, deren aussergewöhnliches Engagement diese Ausstellung ermöglicht hat. Ferner habe ich Barbara Schätti als Veranstaltungskoordinatorin und Pfarrer Andreas Fischer als Hausherrn dieses Gebäudes sowie Susanne Meyer, Sigristin der Reformierten Kirchgemeinde, zu danken. Nicht zu vergessen sei natürlich Jutta Wurm, die intensiv «im Hintergrund» wirkte und deren grosses gestalterisches Talent dem Ausstellungsflyer zu einem starken Auftritt in allen Kaiseraugster Haushaltungen verholfen hat.
*
Als ich erstmals von dieser ungewöhnlichen Bilderausstellung hörte, die wir heute eröffnen wollen, fiel mir aufgrund der Multikulti-Mischung der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler etwas ein, das kürzlich hier bei uns im Dorf von einem Festredner öffentlich gesagt wurde.
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Wenn ich mich recht entsinne, war einer der Schwerpunkte der diesjährigen 1.-August-Rede das Thema friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen am Beispiel der Gemeinde Kaiseraugst. Ich zitiere: «Bei uns in der Gemeinde Kaiseraugst gibt es über 40 Nationalitäten verschiedener Religionen und verschiedenen Glaubens. Die friedlich miteinander leben und sich akzeptieren und respektieren: Christen verschiedener Konfessionen, Moslems, Hindus, Buddhisten, Juden, Agnostiker, Atheisten, Marxisten und noch viele andere mehr, die nicht unbedingt öffentlich in Erscheinung treten. Und alle sind wir Kaiseraugster. Und was im Mikrokosmos einer Gemeinde wie der unsrigen gelingt, warum soll das nicht auch national funktionieren? Und wenn man zur Kenntnis nehmen könnte, dass <das Andere> im Anderen nicht notwendigerweise bedrohlich ist, sondern durchaus auch den eigenen Horizont erweitern könnte, dann wäre dies doch eine Möglichkeit des Menschen und des Menschseins.»
*
Vor gar nicht langer Zeit hatte Andreas Fischer, den man regelmässig hier in diesem Raum sprechen hören kann, etwas Ähnliches zum Thema seiner Predigt; ich darf den Herrn Pfarrer zitieren, als er den ihm seelsorgerisch anvertrauten ausnahmslos weissen Schäfchen in seiner behutsamen und zurückhaltenden Art fürsorglich die Leviten las: «Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zeichnet sich, wie viele der Gleichnisse Jesu, dadurch aus, dass Gott darin gar nicht vorkommt. Es ist eine Geschichte, die hier in dieser Welt stattfindet, ohne Himmel und Hölle, ohne Engel und Teufel. Es ist eine Geschichte, die sich <ganz im Praktischen> abspielt. Im Bereich der Aktivität, des Tuns, des Handelns. Es ist kein Zufall, dass Jesus dem Gesetzeslehrer zweimal sagt: <Mach es genau so>, <gehe hin und tue desgleichen>. Es geht im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter um’s Machen. Um eine Religion, die sich nicht in Frömmigkeit, sondern in Taten zeigt. Um Liebe, die nicht ein Gefühl ist, sondern eine Praxis.»
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Und wer ist die Zielgruppe dieses Handels? Die Antwort könnte einfacher nicht sein: <ein Mensch>. Es ist irgendein Mensch, eine Frau oder auch ein Mann, eine Syrerin oder Schweizerin, ein Slumbewohner in Bangladesh, der Lokführer der S1 oder der Alki vor dem Bahnhof in Basel.
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Und vielleicht bräuchte sogar der Chief Investment Officer einer gediegenen Schweizer Bank aus emotionalen Gründen einen barmherzigen Samariter, obwohl dieses pekuniäre Schosskind des Glücks auf den ersten Blick wahrlich keinen hinwendungsbedürftigen Eindruck macht. Aber man weiss ja nie… – eventuell ist mancher gnadenlos auf Profitmaximierung getrimmte high-frequency trader seelisch sogar weitaus mittelloser als der dauerhaft fröhliche Reggae-Zeitungsverkäufer, der regelmässig am Basler Marktplatz das Magazin <Surprise> feilhält, und der immer für einen Spass zu haben ist: «Hi, Superman!», ruft Bob Marley mir allzeit grinsend zu, «Ain’t got no money? Don’t worry, be happy!»
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Ich vermute, der durchgestylte City-Banker in Nadelstreifen könnte in der Rubrik Menschenfreundlichkeit bei dem karibischen Strassenhändler, der sogar bei 30° Aussentemperatur seine farbenfrohe Wollmütze trägt und für jeden der Vorbeigehenden ein freundliches Wort hat, in die Lehre gehen…
• <Ecce homo> – siehe, es ist <ein Mensch>.»
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Eines der Themen, dem man heutzutage nicht entgehen kann, namentlich in Wahlkämpfen, betrifft das Asylanten- und Flüchtlingswesen. Dieses blitzschnell polarisierende Objekt wird derzeit gehegt und gepflegt vom unvermindert grassierenden Katastrophenjournalismus – den manche auch als <Immer-Schlimmerismus> bezeichnen; achten Sie mal darauf, wie viele Artikel mit <und es könnte noch schlimmer kommen!> enden; im Fachjargon der schreibenden Zunft nennt man das einen <Cliffhanger>: In Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs, der im Folgeartikel zur Sprache kommen wird (oder auch nicht), lässt man den Leser am Ende des Artikels an der Klippe hängen. Das bekommen die jungen Journalisten heute in ihrer Ausbildung eingetrichtert, denn nur negative Nachrichten sind gute Nachrichten. Mit brisanten Aktionen salafistischer Himmelfahrtskommandos kriegt man weitaus bessere Auflage als mit öden Gutmenschenreports; so ein antiquierter Mumpitz interessiert die Whatsapp-Generation doch nicht die Bohne! Und dass es bei <Flüchtlingen> ausschliesslich um <Menschen> und menschliche Schicksale der etwas heftigeren Kategorie geht, tritt hinter Reizworten wie <Obergrenze>, <Scheinasylanten>, <Wirtschaftsflüchtlinge>, <Einwanderung in Sozialsysteme> etc. zurück. Bei diesem Thema werden bevorzugt grobe Holz- statt filigraner Scherenschnitte angefertigt; z.B. ausgehend davon, dass Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge scheinheilig in denselben Topf geworfen werden. Und wenn jemand dem Hungertod in seiner Heimat durch Flucht zu entgehen versucht, ist er dadurch ein «Sozialschmarotzer»? Oder ist es ein um sein Überleben kämpfendes Geschöpf?
• <Ecce homo> – siehe, es ist <ein Mensch>.»
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Wie dieses Thema «anders» in Angriff genommen und erfolgreich durchgeführt werden kann, das demonstriert seit einiger Zeit die von Cécile Cassini vor zwei Jahren ins Leben gerufene Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst, die seit September 2017 den Status eines regulären Vereins besitzt, in dem Frau Cassini als Präsidentin fungiert. Im Vorstand stehen ihr Pfarrer Andreas Fischer von der reformierten Kirchgemeinde und Diakon Stephan Kochinky von der römisch-katholischen Kirche sowie unsere Gemeindepräsidentin Sibylle Lüthi als Revisorin zur Seite.
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Im Vorbereitungsgespräch zu dieser Ausstellung legte Frau Cassini grossen Wert darauf, dass die Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst zwei Ziele gleichgewichtig anstrebt: die Nöte der Geflüchteten ebenso ernst zu nehmen wie die Vorbehalte und Ängste der Einheimischen den Fremden gegenüber. Und ein Schlüsselwort, um auf diesem steinigen Weg voranzukommen, heisst «Begegnung». Denn bekanntlich verliert das Fremde das Bedrohliche, wenn es einem nicht mehr fremd ist. Was Begegnung nahezu automatisch bewirkt, wenn man ihr die Chance dazu gibt. «Elementarpsychologie» nennt man so etwas. Im Lehrbuch liest es sich allerdings weitaus einfacher, als es im Alltagsleben umsetzbar ist.
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Bekanntlich besteht eine elementare Grundvoraussetzung gegenseitigen Vertrauens darin, dass man sich verständigen kann. Was wiederum voraussetzt, dass die an der erwünschten Interaktion Teilnehmenden dieselbe Sprache sprechen und verstehen: Diese triviale Einsicht erweist sich bei der Umsetzung in die Praxis allerdings oft als langwierig und mühsam. Um so mehr ist anzuerkennen, dass die Freiwilligenhilfe Asyl Kaiseraugst Deutschstunden gibt – vier hoch engagierte Frauen unterrichten an zwei Tagen pro Woche Deutsch im reformierten Kirchgemeindehaus und zwei Männer tun dies ebenso im «Schärme» und zu Hause; dies für diejenigen Flüchtlinge, die sich im Wartestatus befinden und bislang nur eine N-Bewilligung haben.
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Von der katholischen Kirchgemeinde aus gibt es monatliche Treffen, entweder im «Schärme» zum Kennenlernen und Austauschen oder bei einem Ausflug auf dem Rhein, bei den Römern in Augusta Raurica, im Zolli, an der Basler Fasnacht oder sogar bei einem Fussballmatch des FCB. Begegnungen gibt es aber auch bei hiesigen Vereinen, die offen dafür sind, Geflüchtete aufzunehmen, so im Gospelchor, bei der Gymnastik Raurica, im BadmintonKlub und für Einsätze beim Naturschutzverein.
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Seit März dieses Jahres wird «Essen auf Rädern» für ältere und kranke Menschen durch das Velo-Ausfahren der Asylsuchenden ermöglicht, und bei Werkhofeinsätzen halfen sie, die Strassenränder zu reinigen und Neophyten auszureissen. All dies trägt dazu bei, einander kennenzulernen und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen.
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Die Idee, eine sozusagen interkulturelle Bilderausstellung zu veranstalten, kam von Bernadette Schläpfer, die einen der ausstellenden Künstler, nämlich Reza Saba, in ihren Deutschstunden hat und von seiner persönlichen Geschichte beeindruckt war.
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Im Flyer zu unserer Bilderausstellung, die wir heute eröffnen wollen, steht der vortreffliche Satz, dass die Werke unserer beiden <fremdländischen> (ich sage dies sehr bewusst so provozierend!) Künstler aus Syrien und dem Iran in einen stillen Dialog mit den Bildern der drei einheimischen Künstlerinnen treten werden. Ein <stiller Dialog> – ein kontemplativer Kontrast zu dem Krawall und Getöse, das die Politik beim Thema Fremdenaufnahme-/- zurückweisung veranstaltet.
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Begegnung statt Konfrontation, Zuhören statt Ablehnung; vielleicht kann unsere Ausstellung, als deren Leitmotiv auch <Begegnung auf Kunstebene> gelten könnte, ein klein wenig dazu beitragen: Begegnung in der Kunst, Begegnung verschiedener Techniken und Motive, Begegnung verschiedener Kulturen und letzten Endes und auf den Punkt gebracht, Begegnung von Menschen in der Bereitschaft zur Akzeptanz ihrer vielfältigen Möglichkeiten und Gemeinsamkeiten, ohne geradezu manisch permanent ihre Unterschiede zu beschwören und sich von ihnen erschrecken und blockieren zu lassen.
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Ich komme nun auf die hier ausstellenden Künstlerinnen und Künstler im Einzelnen zu sprechen: Wer sie sind, warum sie künstlerisch tätig sind und mit welchen stilistischen Mitteln und Techniken sie dasjenige künstlerisch umsetzen, was bei ihnen zum Ausdruck drängt.
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Die Reihenfolge meiner Kurzvorstellungen erfolgt in strikt alphabetischer Reihenfolge, womit ich jeglicher Hierarchisierung aus dem Weg gehe. Künstlerisch gesehen hätte ich schon so meine persönlichen Präferenzen. Die ich Ihnen allerdings nicht öffentlich verraten werde…
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• Raja Dibeh
Raja Dibeh war vor seiner Flucht aus Syrien Leiter der «Union of Fine Arts» und in seiner Heimat langjähriger Kunstlehrer. Mehr als 90 Bilder stellte er in Privatgalerien aus, über 40 Bilder und Objekte in Gruppenausstellungen. Seine bekannten Kreidezeichnungen wurden im gesamten arabischen Raum nachgefragt, eine sehr hohe Zahl seiner Ölmalereien ging in die ganze Welt. Zu seinem Repertoire gehörten und gehören auch so herausfordernde Aktivitäten wie Gebäudedekorationen und -renovationen sowie Skulpturen aus verschiedenen Materialien. Die Palette von Stilrichtungen, in denen sich Raja Dibeh zu Hause fühlt, ist vielfältig und reicht von byzantinischen Ikonen über Realismus, Kubismus und Surrealismus bis hin zu Avataren, den Kreaturen des binären Zeitalters. Auch die Fotografie als künstlerische Ausdrucksform ist ihm nicht fremd.
• Sybille Krauer-Büttiker
Wenn man für Sybille Krauers Leben ein Motto suchte, so wäre «Das Leben als Reise» sicher zutreffend: Geboren in Zimbabwe, führte sie ihr Lebensweg über Südafrika und Frankreich schliesslich nach Basel und Kaiseraugst. Auch ihre berufliche Laufbahn war von Vielfalt gekennzeichnet, zunächst als Kindergärtnerin und später als Heilpädagogin stand sie stets in engem Kontakt mit Menschen. Prägende Stationen ihrer künstlerischen Laufbahn waren Töpferkurse bei Hans Huber in Kaiseraugst sowie Zeichen- und Malkurse an der Kunstgewerbeschule Basel. Ihre Aktivitäten umfassen Malkurse für Kinder und Erwachsene sowie nationale und internationale Ausstellungen, in denen sie die zahlreichen Eindrücke, die sie in der Natur und auf Reisen gewinnt, in abstrakten und gegenständlichen Werke mittels Acryl, Pigmentfarben und Collagen in Mischtechnik umsetzt.
• Jacqueline Rotzinger
Jacqueline Rotzinger ist, wenn man so will, ihrer Schweizer Heimat immer «treu» geblieben. Von Geburt her aus Männedorf/ZH gebürtig, wuchs sie in Laufenburg und Kaiseraugst auf. Nach der Bezirksschule Rheinfelden absolvierte sie eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten, die sie später mit einer Weiterbildung zur Arztsekretärin «aufstockte». Da ihre familiäre und berufliche Tätigkeit nach einer Art «künstlerischer Ergänzung» verlangte, wurde sie eines Tages auf ein Inserat von Ruedi Keller, Möhlin, aufmerksam, in dem dieser schrieb: «Möchten Sie schon lange malen und glauben, es nicht zu können, dann kommen Sie doch zu mir in einen Malkurs». Seitdem hat Jacqueline Rotzinger ihre hauptsächlich in Collage-Mischtechnik mit Acrylfarben erstellten abstrakten Werke in mehreren regionalen Ausstellungen präsentiert.
• Reza Saba
Dass Kunst nicht nur Spitzwegidyllen hervorbringt, davon zeugt der Werdegang unseres zweiten «auswärtigen» Künstlers. Er kam im Iran zur Welt, als dort noch der Schah die Zügel in der Hand hielt. Reza Saba verbrachte mit seinen vier Geschwistern eine glückliche Kindheit; seine Welt war das Zeichnen – statt Hausaufgaben zu machen, illustrierte er lieber seine Hefte. 1979 kamen die Mullahs an die Macht, und Reza musste in den Krieg gegen den Irak ziehen. Danach konnte er endlich studieren. Sein Talent wurde entdeckt, er wurde Assistent des Professors, hielt Vorlesungen, arbeitete für renommierte Zeitschriften; seine Arbeiten waren provokativ. Aufgrund seiner religiösen Ausrichtung als Sufi geriet er zusätzlich ins Visier der Mullahs und musste schliesslich die Flucht ergreifen. Von Reza Sabas ausgeprägtem Talent im Porträtzeichnen können Sie sich gern selbst überzeugen: Auf Nachfrage fertigt er Porträts von Ihnen oder Ihren Lieben nach Fotos zu CHF 150.- oder auch live zu CHF 50.- an. Bitte nehmen Sie doch nachher Kontakt mit ihm auf: The artist is present!
• Katharina Siewert-Rotzinger
Katarina Siewert-Rotzinger, geboren in Reiden/LU, wuchs mit fünf Geschwistern in Kaiseraugst auf. Die Handelsschule absolvierte sie in Basel, es folgte eine Ausbildung zur diplomierten Kosmetikerin und anschliessende Tätigkeit als Angestellte. Nach einem längeren Aufenthalt im grenznahen Deutschland aus familiären Gründen kehrte sie 2002 in die Schweiz zurück und lebt seit 2008 in Kaiseraugst. Schon in frühester Jugend hatte Katharina Siewert das Bedürfnis, sich künstlerisch auszudrücken und dem Betrachter ihre Freude an Formen und Farben von Pflanzen, Tieren und Menschen durch die Malerei zu vermitteln. Ihre hier ausgestellten Werke sind in Acryl gemalt, sie beherrscht aber gleichermassen das Zeichnen, Aquarellieren und die Porzellanmalerei. Ihre diesbezüglichen Techniken hat sie in zahlreichen Kursen permanent vervollkommnet.
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Obwohl diese Porträts unserer Ausstellungsstars von mir nur sehr skizzenhaft gezeichnet werden konnten, wurde aber trotzdem bereits deutlich, so hoffe ich zumindest, was für ein reiches Spektrum an Herkunft, Lebenserfahrungen und künstlerischen Ausdrucksformen unsere fünf Künstlerinnen und Künstler repräsentieren. Und hier im Reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst begegnen sich nun diese unterschiedlichen Charaktere – ein syrischer und ein iranischer Künstler aus dem Asylzentrum Kaiseraugst und drei Künstlerinnen aus Kaiseraugst oder mit starkem Bezug zu unserer Gemeinde.
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Wir freuen uns über diesen Dialog zwischen heimischer und «angereister» Kunst und über alle, die sich daran durch einen Besuch beteiligen. Wenn es durch unsere Ausstellung gelingt, das Verständnis füreinander zu fördern und miteinander in einen Dialog zu treten, so haben wir in unserem kleinen Kaiseraugst schon fast mehr erreicht, als der grossen Welt gelingt.
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Ich danke Ihnen im Namen der Ausstellungsverantwortlichen ganz herzlich dafür, dass Sie, wie Ihre heutige Anwesenheit dokumentiert, einer Idee fundamentaler Menschlichkeit eine Chance geben und sie unterstützen; einer Idee, wie sie in Häusern wie diesem der Menschheit seit 2000 Jahren unermüdlich ans Herz gelegt wird.
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Ich persönlich bin nicht bereit, nochmals 2000 Jahre abzuwarten, um beobachten zu können, ob die Menschheit bis dahin endlich begriffen haben wird, dass sich menschliche Stärke ausschliesslich darin beweisen kann, den Schwachen zu helfen. Und nicht darin, die Bedürftigen auszugrenzen, zurückzuweisen und im Elend zugrundegehen zu lassen; oder sich, welch ein Entwicklungs-Highlight des Homo sapiens, gegenseitig die Schädel einzuschlagen!
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Ich komme nun, und dies wird Sie sicher erfreuen, langsam zum Ende meiner Ausführungen. Abschliessend möchte ich versuchen, Ihnen auf einer etwas anderen künstlerischen Ebene anhand eines kompositorischen Crossovers zu demonstrieren, wie genial «Begegnung» oder Transfer in der Kunst verlaufen kann, wenn unterschiedliche Ansätze aufeinandertreffen und plötzlich wie Puzzlesteine ineinandergreifen, um schliesslich eine komplett neue Komposition zu bilden.
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Ich nehme einmal an, dass die meisten von ihnen den Klavierzyklus «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgski kennen; die orchestrale Bearbeitung durch Maurice Ravel erfreut sich auch einiger Bekanntheit und Beliebtheit.
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Und dann gab es da eine Rockgruppe, die nach meiner unmassgeblichen Meinung so ziemlich das Grossartigste war, was dieses Genre je hervorgebracht hat. Diese progressive British Rock Band fand Gefallen an einigen «Bildern einer Ausstellung» und schuf daraus ein kongeniales Meisterwerk namens «Pictures at an Exhibition», dessen Live-Aufführung im Rathaus von Newcastle upon Tyne zu einem Meilenstein der Rockgeschichte wurde. * Bei ihrer raumfüllenden Beschreibung des hühnerfüssigen Hexenhauses «The Hut of Baba Yaga» oder der imposanten Stadttore von Kiew «The Great Gates of Kiew» laufen einem solche Schauder die Wirbelsäule hinauf und hinunter, dass man sich die nächste Physiotherapie glatt ersparen kann.
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Diese Rockmonumente hiessen Keith Emerson, Greg Lake und Carl Palmer – unter dem ebenso unerwarteten wie einprägsamen Namen «Emerson, Lake & Palmer» stiegen sie in das Elysium der Musikgeschichte auf, aus dem sie niemals wieder vertrieben werden können. Insofern haben sie es sogar wesentlich weitergebracht als Adam & Eva, die sich im Paradies nicht anständig benehmen konnten. Die Folgen dieses eklatanten Fehltritts hat die Christenheit bis heute auszubaden. Ich weiss jetzt noch nicht einmal, ob die Muslime damals noch mit uns freundschaftlich vereint waren und wir gemeinsam achtkantig aus dem Paradies geflogen sind. Oder hatten die ein eigenes, in dem sie bleiben durften? Man sollte dazu einmal die Kaiseraugster Geistlichkeit befragen; wozu zahlt man denn eigentlich Kirchensteuer…
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Ich befürchte, dass wir mit der hier und heute zu eröffnenden transkulturellen Ausstellung zwar nicht sofort wie Emerson, Lake & Palmer in die Geschichte eingehen werden, aber wenn unsere nicht alltägliche Bilderausstellung, die eine Brücke zwischen unterschiedlichen Nationen und unterschiedlichen stilistischen Kunstrichtungen zu schlagen versucht, ein klein wenig dazu beitragen kann, dass sich wesensverschiedene Menschen über das von Sprache unabhängige und deshalb universell verständliche Medium «Kunst» besser verstehen, dann ist damit schon sehr viel erreicht!
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Als jemand, der selbst einmal als Fremder in dieses Land kam, weiss ich noch sehr genau, welch grausamen psychischen Wechselbädern der Mensch ausgesetzt ist, wenn er nicht absehen kann, ob man ihn aufnehmen oder zurückweisen wird. Wir wissen zwar, dass wir in dieser Welt keine bleibende Statt haben, aber wirklich akzeptieren kann unsere Psyche dies nicht. * Ich danke Ihnen, sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, dass Sie so grosszügig waren, mir in den vergangenen Minuten einen Teil Ihrer Lebenszeit zu schenken, und wünsche Ihnen ästhetische Erbauung und interkulturelle Denkanstösse bei Ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit den Kaiseraugster «Pictures at an Exhibition».
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Und vielleicht entstehen nach Ihrem individuellen stillen Dialog mit den Bildern im Kunstraum auch Gespräche mit den «ausländischen» Ausstellenden, an deren Ende Sie eventuell erstaunt festgestellen könnten, dass uns «das Fremde» gar nicht so fremd ist: Lassen Sie sich auf dieses Abenteuer ein und begrüssen Sie «den Fremden» als einen bei uns willkommenen Gast.
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Den barmherzigen Samariter, der in diesem Hause wohnt, wird dies mit tiefer Freude erfüllen.
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Porträt von Reza Saba
Anfang Advent findet im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst eine Ausstellung statt. Einer der Ausstellenden ist Reza Saba, ein iranischer Künstler, der zurzeit im hiesigen Asylzentrum lebt. Wir treffen uns spätabends im Pfarrhaus zum Gespräch. Die Verständigung erfolgt teils in Englisch, teils in unseren Muttersprachen, Farsi und Deutsch, mittels einer iranischen Übersetzerin.
Reza kam 1962 zur Welt, wuchs mit vier Geschwistern in Teheran auf, städtisch, mittelständisch, liberal. Der Vater war Offizier unter dem Schah, später Beamter im Bereich Import-Export. Reza, dessen Name an den Schah sowie an einen bedeutenden schiitischen Imam erinnert und übersetzt „Zufriedenheit“ bedeutet, hatte eine glückliche Kindheit, er wollte immer nur zeichnen, erzählt er, statt Hausaufgaben zu machen, kritzelte er Zeichnungen ins Heft.
Dann, 1979, kamen die Mullahs. Reza ahmt mit seinen Händen einen langen Bart nach. Zur Zeit der Revolution Khomeinis war er 17 Jahre alt. Zwei Jahre lang war er Soldat im Krieg gegen den Irak, glücklicherweise nicht an der Front, sondern am Telefon. Die Universität war in jener Zeit geschlossen. Als Reza endlich studieren konnte, wurde sein Talent bald entdeckt.
Mosaik, Krawatte, Fussabdruck
Er wurde Assistent des Professors, bald hielt er eigene Vorlesungen. Und er arbeitete für Zeitschriften – für die renommierten Zeitschriften jener Zeit, ergänzt die Übersetzerin. Seine Arbeiten waren provokativ. Auf einem Cover ist im Hintergrund ein antikes Mosaik zu sehen. Es symbolisiert die uralte persische Geschichte. Darin Krawatten, Symbole einer säkularen, weltoffenen Gesellschaft. Und auf alles drauf ein schwarzer Fussabdruck. Hier, so lautet die nicht zu übersehende Botschaft des Bilds, werden Kultur und Geschichte eines Landes mit Füssen getreten, zerstampft.
„Zukunft des Irans“ lautete der Name der Zeitschrift. Nach der Ausgabe mit besagtem Cover wurde das Büro gestürmt, die Redakteure wurden festgenommen, Reza, der Illustrator, befand sich zufällig zuhause. Er flüchtete in die Türkei. Doch all dies war nur ein Vorspiel. Das wirkliche Problem Rezas ist ein religiöses. Ein intimes, persönliches. Seit drei Jahrzehnten ist er Mitglied eines Sufi-Ordens.
Prügelstrafe für Stille
Der Sufismus ist die mystische Ausprägung des Islam, er befasst sich, statt mit dem Äusseren, mit dem Inneren des Menschen. Reza beschreibt den Unterschied zwischen einem Sufi und einem Mullah so: Der Sufi versucht, Kontrolle über sich selber zu gewinnen. Der Mullah kontrolliert die anderen. Wenn alle Menschen lernen würden, sich selber zu kontrollieren, wäre unsere Welt eine bessere, ist Reza überzeugt. Die Kritik des Sufismus an den Mullahs ist scharf. Die Leute, die auf Gebetsteppichen sitzen, sagen die Sufis sinngemäss, sind Diebe der Religion. Der Teppich symbolisiert Äusserlichkeit.
Sufis sind stille Leute. Sie treffen sich in ihren Gebetshäusern, lesen Gedichte – zum Beispiel jene des grossen persischen Mystikers Rumi, der auch hierzulande bekannt ist –, praktizieren Dhikr, eine Form von Meditation. Doch eben das wird von den Mullahs als Bedrohung erlebt. In regelmässigen Abständen berichtet Amnesty International von der Zerstörung von Versammlungsorten der Sufis, von Prügel- und Haftstrafen für Anhänger dieser religiösen Richtung.
Reza würde im Iran lebenslängliches Gefängnis drohen. Grund dafür sind Gemälde, die er von Rumi und anderen Sufi-Meistern gemalt hat. Sie wurden bei der Räumung des Gebetsraums seines Ordens gefunden. Inzwischen hat er sich auch über die sozialen Medien zu seiner Zugehörigkeit zum Sufismus bekannt. Als einer seiner Glaubensbrüder inhaftiert wurde, sagte er in einem auf Facebook publizierten Video, wenn der Sufismus ein Verbrechen sei, dann sei auch er ein Krimineller, er, Reza Saba. Das Video, obwohl nur auf Farsi gesprochen, ist schon mehrere zehntausend Mal angeklickt worden.
Not good, not bad
Reza lebt im Asylzentrum Kaiseraugst. Er flüchtete damals, 2015, als die Balkanroute noch nicht durch Grenzzäune gesperrt war, aus der Türkei über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien, Österreich in die Schweiz. Ein Afghane, den er unterwegs kennengelernt hatte, empfahl ihm, in der Schweiz und nicht in Deutschland Asyl zu beantragen. Von Yverdon wurde er in den Aargau verlegt, ein Freund nach Zürich. Vieles ist zufällig. Das Leben hier sei not good, not bad, sagt Reza. Er würde sich wünschen, dass er arbeiten könnte. Reza liebt seine Arbeit, doch derzeit könne er nur malen, wenn seine Zimmergenossen schlafen.
Also bricht er um Mitternacht von unserem Interview auf. Ich bleibe zurück mit der Übersetzerin, einer mir befreundeten iranischen Chemikerin, die an der ETH Zürich als Postdoktorandin arbeitet. Ich frage sie nach ihren Gedanken zum Gespräch. Sie sagt, sie sei froh, Chemie studiert zu haben. Das habe nichts mit Religion zu tun, ihre Wege haben sich nicht mit jenen der Mullahs gekreuzt, jene von Reza schon. Dass politisch-kritische Bilder wie jenes mit dem Fussabdruck Reza weniger gefährden als ein intimes Porträt von Rumi, das erschüttere sie. Und dass Reza im ganzen Spektrum von Öl- und Wasserfarben, Bleistift und Acryl, Photoshop und CorelDraw ein grosser Künstler sei, das sei für sie gar keine Frage.
Andreas Fischer


