Mit einer tiefen Einfachheit

Sandmandala Tag 6  (Foto: Jutta Wurm)
Am Sonntag, 25. September um 15 Uhr wurde das Sandmandala-Projekt im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst beendet. Die beiden tibetischen Mönche, die das Kunstwerk in einer Woche intensiver Arbeit erstellt hatten, verwischten es in wenigen Minuten. Anschliessend übergaben sie den Sand dem Rhein.
Andreas Fischer,
Assel Abilseitova, Pianistin unserer Kirchgemeinde, eröffnete die Zeremonie mit einem Werk des zeitgenössischen Komponisten Ivan Bosicevic, das der Minimal Music zuzuordnen ist, Musik, die reduziert ist auf wenige Töne. „Con una semplicita profunda“, lautet die Überschrift des ersten Stücks, das sie spielte, „mit einer tiefen Einfachheit“.

Darauf nahm ich in meinen einleitenden Worten Bezug: Zum Berührenden der zu Ende gehenden Woche gehörten für mich die Begegnungen mit dem Mönch Lama Chhenden. Dieser spricht kaum ein Wort Englisch. Die Kommunikation erfolgte, „con una semplicita profunda“, im nonverbalen Bereich: „Die Umarmungen dieses in tiefem Frieden in sich ruhenden Manns mit einer ungeheuren Energie in seinen Händen sagen mehr als tausend Worte.“

Sonngard Trindler vom Schulverein Lo-Manthang, die den Anlass organisierte, dachte in ihrer Rede darüber nach, wie das Mandala wohl auf die Zuschauerinnen und Zuschauer gewirkt hatte: „Vielleicht übertrug sich die Ruhe und Konzentration, vielleicht bewirkte es ein stilles In-sich-Gehen, vielleicht wurde es einfach als besonderes Kunstwerk bewundert.“ Doch für alle, vermutete Trindler, bedeutete der Anblick des Mandalas in irgendeiner Form ein Innehalten.

Leerer Palast

Weiter wies sie darauf hin, dass es für die Mönche völlig normal sei, wenn Gäste bei der Arbeit und auch bei der Schlusszeremonie zugegen sind. Man müsse dafür nicht Buddhist sein.

Dasselbe betonte auch der Abt Kungka Tenzin in seiner Einführung ins Ritual: Es gelte für jeden der Anwesenden, die Gedanken auf das auszurichten, was ihm wichtig ist. Für den einen sei Buddha die Referenz, für den anderen Jesus Christus. Das Verbindende der Religionen sei es, dass sie uns zu besseren – friedvolleren, gelasseneren, liebenderen – Menschen manchen. Nach der Zeremonie, fuhr der Abt fort, werde der Palast, den das Mandala symbolisiere, leer sein. Die Gottheit ziehe aus, das gestreute Mandala sei dann überflüssig und könne zerstört werden.

Die Gottheit, die in dieser Woche im Mandala-Palast Einzug gehalten hatte, war der Medizin-Buddha, eine heilende Gottheit also mitten in einer von Pandemie, Krieg und Klimakatastrophen erschütterten Welt und entsprechend aufgescheuchten Menschenseelen. Dorthin wird sich der Buddha, so der Gedanke, nun ausbreiten: in die Seelen der Anwesenden, in die Weite der Welt mit all ihren Wesen, wenn der Sand in den Rhein gestreut wird.

Ein graubrauner Klumpen


Dann wurde es still: Die Mönche sangen mit ihren tiefen, obertonreichen Stimmen Gesänge, die man nicht verstand, die einen aber, wie nachher manche der Teilnehmenden sagten, in Trance versetzten. Dann kam es zum unvermeidlichen medialen Spektakel: Die meisten Anwesenden zückten ihr Handy, wer nicht in der vordersten Reihe Platz fand, bestieg einen Stuhl, um Sicht auf das Ereignis zu haben. Die Mönche zogen, wie zu Beginn der Erstellung des Mandalas, tiefenentspannt ein paar Linien, dann ging es rasant, der kunstvoll gestreute Sand wurde zusammengewischt zu einem graubraunen Klumpen.

Diesen trugen die Mönche in einer – „sehr katholischen“, wie jemand lachend feststellte – Prozession durchs Dorf, gefolgt von der Hundertschaft der Teilnehmenden. Auf dem Steg in der Badi streuten die Mönche, nach einem kurzen Gebet, den Sand in den Rhein. Die Menschenmenge zerstreute sich. Die Freiwilligen, die den Raum eingerichtet und die ganze Woche über darin Präsenzdienst geleistet hatten, räumten im Hui die Utensilien zusammen, darunter die Gebetsfahnen, die während des gesamten Mandala-Projekts vor der Kirche wehten. Es war Zeit weiterzugehen, „mit einer tiefen Einfachheit“.
Sandmandala-Projekt
19.09.2022
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Fotograf/-in
Jutta Wurm, Andreas Fischer