Ezechiel: Dossier mit Predigten zu einem der grossen Schriftpropheten

Vision Ezechiel <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;wikipedia)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>553</div><div class='bid' style='display:none;'>10039</div><div class='usr' style='display:none;'>68</div>
Kürzlich bin ich ziemlich zufällig auf Zeilen von Ezechiel gestossen, habe dann weitergelesen, bin derzeit völlig fasziniert von diesem wenig bekannten Propheten des babylonischen Exils und plane, noch ein paar Predigten zu seinen visionären Texten zu halten. Die Manuskripte werden diesem Dossier fortlaufend hinzugefügt.
Andreas Fischer,
„Wie Honig, süss“: Auszug aus dem Predigtmanuskript

Text: Ezechiel 2,8–3,3*

2, 8 Der EWIGE sprach: „Du, Mensch, höre, was ich zu dir rede. Öffne deinen Mund, und iss, was ich dir gebe.“ 9 Und ich sah, und sieh: Zu mir hin war eine Hand ausgestreckt, und sieh, in ihr war eine Schriftrolle. 10 Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorderseite und auf der Rückseite beschrieben, und auf ihr aufgeschrieben waren: „Klage, Ach und Wehe“.

3, 1 Und er sprach zu mir: „Du, Mensch, iss, was du vorfindest, iss diese Schriftrolle!“ 2 Und ich öffnete meinen Mund, und er liess mich jene Rolle essen.

3 Und er sprach zu mir: „Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe!“ Da ass ich sie, und in meinem Mund wurde sie wie Honig, süss.

Predigt:

Dreimal unterbreitet Gott seinem Propheten das Anliegen: Er soll eine Schriftrolle essen, also eine Art antikes Buch.

Beziehungsweise genauer: Zunächst sagt Gott eigentlich nur, der Prophet soll essen, was er ihm gebe. Worum es sich handelt, bleibt offen. Man könnte eine gewöhnliche Speise erwarten, vielleicht sogar eine paradiesische Speise, panis angelicus, Engelsbrot.

Es ist dies eine Grunderfahrung auf jedem spirituellen Weg: Er führt in ein Nicht-Wissen hinein. Der grosse mittelalterliche Mönch und Mystiker Meister Eckehart sagt:

„Je mehr du in dir selbst in einer Wüste stehst und unwissend aller Dinge, umso näher kommst du dem, der da alle Dinge ist.“ (Weg der Meister, 70)

In diese innere Wüste des Nicht-Wissens hinein tritt also der Prophet, der „Mensch“, in dem Augenblick, in dem Gott ihn anspricht:

„Du, Mensch, höre, was ich zu dir rede!“

Dann sieht der Mensch eine Hand. Dass es die Hand Gottes ist, wird nicht ausdrücklich gesagt. Die Erscheinung des Ewigen bleibt schemenhaft, in der Schwebe.

Die Hand streckt sich dem Menschen entgegen, in der Hand ist eine Schriftrolle. Die Rolle wird vor dem Propheten ausgebreitet, sie ist auf der Vorder- und auf der Rückseite beschrieben – entgegen der antiken Gepflogenheit, die Rückseite leerzulassen. Das bedeutet: Es gibt wirklich nur das, was da drin steht, es ist alternativlos, da ist kein Platz für anderes.

Was drinsteht, ist in der Überschrift in drei Wörtern zusammengefasst: „Klage, Ach und Wehe“.

„Klage, Ach und Wehe“, das ist das ganze Elend des Volkes Israel in jener Zeit. Jerusalem wurde erobert, der Tempel zerstört, die Menschen deportiert ins babylonische Exil. In einem Psalm wird dieses Elend besungen – es ist ein tieftrauriges Lied, von betörender, bitter-süsser Schönheit:

„An den Strömen Babels,
da sassen wir und weinten,
wenn wir Zions gedachten.
Unsere Leiern hängten wir
an die Weiden…
Wie könnten wir Lieder des EWIGEN singen
im fremden Land.“ (Psalm 137)

„Im fremden Land“, althochdeutsch: im Eliland, eben: im Elend. Doch die Tränen – sie haben erlösende Kraft. Sie sind süss, heisst es in der Mystik. Heinrich Seuse, auch er ein mittelalterlicher Mystiker, der übrigens in Winterthur wirkte, sprach von den „dulces lacrimas“, den süssen Tränen. Sie sind eine Gnadengabe. Sie erinnern an die Tränen, die Jesus Christus selber vergoss. Tränen bezeugen die Nähe des Ewigen (512f.).

Ein Mönch mit dem schönen Namen Johannes Klimakos, also: Johannes von der Leiter fragt:

„Wie ist es möglich, dass die Tränen, die doch Trauer und Kummer bedeuten, einen Schatz von Glückseligkeit und Freude in sich bergen, der so süss ist wie Honig?“ (510)

Die Antwort, die sich von unserem Text des Propheten Ezechiel her ergibt, lautet: In den Tränen, in „Klage, Ach und Wehe“ löst sich die Bindung an den Tempel – und mit ihm die Bindung an alles Materielle. Was bleibt, was sich vertieft, ist die Bindung an Gott.

Johannes Tauler, um nun auch ihn noch zu erwähnen, der gemeinsam mit Meister Eckehart und Heinrich Seuse das Dreigestirn der Deutschen Mystik bildete, Tauler, der hier in der Nähe, in Colmar und Strassburg wirkte – er schreibt:

„Das Ich hätte gerne etwas
und es wüsste gerne etwas
und es wollte gerne etwas.
Bis dieses dreifache „Etwas“ in ihm stirbt,
kommt es den Menschen gar sauer an.
Das geht nicht an einem Tag
und auch nicht in kurzer Zeit.
Sondern man muss sich daran gewöhnen
mit emsigem Fleiss.
Man muss dabei aushalten,
dann wird es zuletzt leicht und lustvoll.“ (Weg der Meister, 243)

Dann wird es, könnte man sagen, „süss“. Doch zunächst scheint unser Prophet nicht begeistert zu sein. „Der EWIGE liess mich jene Rolle essen“, sagt er. Die passive Formulierung fällt auf. Ezechiel lässt es über sich ergehen.

Und so spricht Gott noch einmal, ein drittes Mal, wie so oft in Märchen und Sagen:

„Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe!“

Diesmal geht es tiefer. Es gilt, die Schriftrolle runterzuschlucken, zu kauen und zu verdauen. Mit der Schriftrolle das Innere zu füllen – der entsprechende hebräische Ausdruck bedeutet eigentlich, mit ihr schwanger zu gehen. Was hier in uns wächst, ist die felix anima, die dulcis creatura dei, die glückliche Seele, die süsse Kreatur Gottes, wie sie die grosse mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen besingt. Die Seele, sagt Hildegard, ist aus der Süsse der Nähe Gottes gefallen, abgestürzt in die Weltsüsse. Nun aber erhebt sie sich wieder, kehrt wieder heim zu Gott:

“O felix anima et o dulcis creatura dei!
O glückliche Seele und süsses Geschöpf Gottes,
Du bist erschaffen in der tiefen Höhe der göttlichen Weisheit. Du liebst viel” (nach 501).

Die Süsse der Seele ist Abglanz der Süsse Gottes selbst, die reflektierende Liebe der Liebe der Gottheit. Im Auferstehungslicht Christi wird die Seele ihr eigenes verlorenes Lichtkleid wieder empfangen.

Christus, der gelitten hat und gestorben ist, der aufersteht ins Licht – Christus ist das Wort, das der Mensch da isst: “Klage, Ach und Wehe”. Es ist dieses Wort, das sich wandelt in die Süsse Gottes. Es wandelt unser Wesen, unsere sterbliche, in Weltsüsse gefallene und gefangene Seele in die Süsse Gottes hinein.

O felix anima, o dulcis creatura – o süsse Seele, bhüet di Gott! Amen.

Auszug aus dem Manuskript der Predigt beim » Eröffnungsgottesdienst der Ausstellung "bienensüss" am 11. April 2021


"Ein neues Herz, ein neuer Geist": Meditation zu Ez. 36, 26

Text:

Gott spricht:
„Ich gebe euch ein neues Herz,
und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres.
Ich entferne das steinerne Herz aus eurem Leib und gebe euch ein Herz aus Fleisch,
und meinen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Kurzpredigt:

Der Vers ist sorgfältig durchkomponiert. Das zeigt sich unter anderem an der Wiederholung der Schlüsselwörter. „Geben“ kommt viermal vor, „Herz“ dreimal, „neu“, „Geist“ und „euer Inneres“ jeweils zweimal.

Die erste Zeile ist mit dem wichtigsten Element der hebräischen Poesie gestaltet, dem sogenannten „Parallelismus membrorum“, der „Nebeneinanderstellung“, „Wiederholung der Glieder“, was nichts anderes bedeutet als: Dasselbe wird zweimal gesagt:

„Ich gebe euch ein neues Herz,
und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Herz und Geist meinen hier zunächst beide dasselbe, nämlich das Zentrum, die Mitte meines Seins. Es geht um eine Erneuerung, ja eine Neuschöpfung meines Seins aus dem Innersten, dem Zentrum heraus.

An einer anderen, früheren Stelle beim Propheten Ezechiel heisst es mit den genau gleichen Worten:

„Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist!“

Gerade weil die Worte die gleichen sind, ist der Unterschied eindrücklich: Damals sagte Gott, wir sollen uns ein neues Herz und einen neuen Geist schaffen. Nun gibt Gott das, was er fordert, selber:

„Ich gebe euch ein neues Herz,
und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Es ist diese Erfahrung, die auf ihre Weise später Paulus und Luther gemacht haben. Die Erfahrung, dass ich hineingenommen bin in eine Dimension radikaler Nicht-Machbarkeit, in das, was Paulus und Luther Gnade nennen. Was da an mir, mit mir geschieht, ist reines Geschenk.

Was genau an mir, mit mir geschieht, wird im weiteren Verlauf des Verses nach Herz und Geist ausdifferenziert. Gott spricht:

„Ich entferne das steinerne Herz aus eurem Leib und gebe euch ein Herz aus Fleisch,
und meinen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Beginnen wir mit dem Herzen. Was geschieht mit dem Herzen? Das steinerne - also harte, verhärtete, verschlossene - Herz wird ersetzt durch ein weiches, empfindsames, mitfühlendes.

Etwas, was in der deutschen Übersetzung nicht sichtbar wird, ist von entscheidender Bedeutung: Das hebräische Wort, das im deutschen Text einmal mit „Leib“ und einmal mit „Fleisch“ übersetzt ist, ist ein und dasselbe (Basar).

Das Herz aus „Fleisch“ besteht nun also aus dem gleichen Stoff wie der gesamte menschliche Organismus.

Und das heisst: Indem ein Herz aus Fleisch in mein „Fleisch“, meinen menschlichen Leib gelegt wird, werde ich wahrhaft menschlich. Das fühlende Herz ist das, was mich wirklich menschlich macht, was mich zu einem wahren Menschen macht wie Jesus, von dem es im Bekenntnis heisst er sei wahrer Mensch gewesen. Von dem es in der Bibel heisst, er habe gelacht und geweint.

Und dann, am Schluss, wendet sich der streng komponierte Text noch einmal dem Geist zu. In der letzten Zeile heisst es:

„Und meinen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Das Wort, das hier mit Geist übersetzt wird, „ruach“ auf Hebräisch, bedeutet Wind, es bedeutet Atem und Lebensodem. Aus dem Atem heraus leben wir von ersten bis zum letzten Atemzug unseres Lebens.

Soweit, so gut. Doch nun sagt Gott: „Ich gebe MEINEN Geist, MEINE Ruach in euer Inneres“. Die neue Geistkraft, die in uns hinein gegeben wird, ist göttliche Geistkraft, ist Heiliger Geist. Das heisst: So wie Jesus gemäss dem Bekenntnis nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott ist, so werden auch wir in das göttliche Wesen hineinverwandelt – wenn Gott seine Geistkraft in unser Inneres hinein gibt.

Bitten wir darum, jetzt, in der Zeit nach Ostern auf Pfingsten hin, im Licht der Auferstehung, in Erwartung der Heiligen Geistkraft:

„Veni Creator Spiritus. / Veni lumen cordium.“
„Komm, Schöpferin, Geistkraft. Komm, Herzenslicht!“ Amen.

Predigtmeditation in der Taizéfeier vom 23. April 2021

Vision von der Auferstehung der Gebeine: Ezechiel 37, 1-10

Einleitung:

Es ist die berühmteste Weissagung des Ezechiel, es ist eines der gewaltigsten Kapitel der Bibel überhaupt, vielfach dargestellt in der christlichen und auch in der jüdischen Kunst.

Eine Abbildung findet sich, zum Beispiel, in der Mitte der Knesset-Meonra, dem 7-armigen Leuchter vor dem Parlamentsgebäude in Jerusalem.

Text:

37, 1 Die Hand des EWIGEN war auf mir, und durch den Geist des EWIGEN führte er mich hinaus, und mitten in der Ebene liess er mich nieder, und diese war voller Gebeine. 2 Und er führte mich an ihnen vorbei, rings um sie herum, und sieh, in der Ebene waren sehr viele, und sieh, sie waren völlig vertrocknet. 3 Und er sprach zu mir: Du Mensch, werden diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: Herr, EWIGER, du weisst es. 4 Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr vertrockneten Gebeine, hört das Wort des EWIGEN! 5 So spricht Gott der EWIGE, zu diesen Gebeinen: Seht, ich lasse Geist in euch kommen, und ihr werdet leben. 6 Und ich gebe euch Sehnen und lasse Fleisch wachsen an euch, und ich überziehe euch mit Haut und lege Geist in euch, und ihr werdet leben, und ihr werdet erkennen, dass ich der EWIGE bin. 7 Und ich weissagte, wie es mir geboten worden war, und als ich geweissagt hatte, war da ein Lärmen, und sieh, ein Beben, und Gebeine rückten aneinander, eines an das andere. 8 Und ich schaute hin, und sieh, auf ihnen waren Sehnen, und Fleisch war gewachsen, und darüber zog er Haut, Geist aber war nicht in ihnen. 9 Und er sprach zu mir: Weissage über den Geist, weissage, Mensch, und sprich zum Geist: So spricht Gott der EWIGE: Geist, komm herbei von den vier Winden und hauche diese Getöteten an, damit sie leben. 10 Und ich weissagte, wie er es mir geboten hatte, und der Geist kam in sie, und sie wurden lebendig und stellten sich auf ihre Füsse, ein sehr, sehr grosses Heer.

Predigt:

„Die Hand des EWIGEN war auf mir“, sagt der Prophet am Anfang seiner Vision. Die Hand des EWIGEN – dieses Motiv führt weit zurück, bis in die Anfänge der Bibel, die Anfänge des Volks Israel. Dort heisst es in einer häufig sich wiederholenden Formel, der EWIGE habe mit „starker Hand“ das Volk hinausgeführt aus Ägypten, hinaus in die Wüste.

Die Wüste symbolisiert den Ort, wo einem die Sicherheiten abhandenkommen, da sind keine Fleischtöpfe mehr, da ist nur das tägliche Brot, das Manna für den heutigen Tag. Es lässt sich nicht aufbewahren.

Weiter gibt es in der Wüste keinen vorgespurten Weg. Da ist nur die innere Führung, in der Bibel symbolisiert durch die Wolkensäule am Tag, die Feuersäule in der Nacht, die einem die Richtung weist.

Eben diese Hand, die einst das Volk in die Wüste führte – sie ist es, die auf den Propheten kommt. Die „Hand des EWIGEN“ ist geradezu ein terminus technicus, eine Begriff der prophetischen Fachsprache. Die Hand des EWIGEN bewirkt, dass der Prophet in Trance gerät, er wird aus der alltäglichen Welt, dem Alltagsbewusstsein herausgerissen, entrafft, entrückt.

Wie das Gottesvolk einst in die Wüste hinausgeführt wurde, so der Propheten hinaus auf die Ebene. Es ist jene Ebene am Euphrat in Babylonien, in der einst der Turm zu Babel gebaut wurde. Er hatte zur Folge, dass die Menschen zerstreut wurden über die ganze Erde – so wie nun, als letztes Resultat jenes Akts der Hybris, die Knochen zerstreut auf der Ebene herumliegen.

Die Ebene ist unbewohnt, einsam – sie eignet sich als Ort für eine Vision. Sie ist Ort des „Not Knowing“, als Ort, wo etwas geschieht, und man weiss nicht, was es sein wird (vgl. Apgl. 8, 26f.: einsame Strasse). Die Ebene des Propheten entspricht der Wüste des Gottesvolks.

Der mittelalterliche Mönch und Mystiker Meister Eckehart sagt:

„Je mehr du in dir selbst in einer Wüste stehst
und unwissend aller Dinge,
um so näher kommst du dem,
der da alle Dinge ist.“ (70)

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Die Szenerie, in die hinein der Prophet entrückt wird, ist bizarr-gespenstisch: Da liegen Knochen herum, „sehr viele“, heisst es betont, und „sehr vertrocknet“. Nicht einmal mehr Spuren der Verwesung sind an den Knochen zu erkennen. Sie sind ausgebleicht, leblos, tot, wie etwas nur tot sein kann.

Dem Propheten stehen Bilder des Grauens vor Augen, die er vermutlich selber in Wirklichkeit gesehen hat. Sanherib, der Herrscher der assyrischen Grossmacht, der in einem Feldzug bis vor die Tore Jerusalems gelangt war, brüstete sich, er habe die Ebene mit den Leichen feindlicher Krieger gefüllt wie Gras. Ihr Fleisch sei von den Adlern und Geiern gefressen worden. (Greenberg 455)

Uns Heutigen, uns tauchen Bilder auf aus Ruanda und Srebrenica. Und – sie besonders – Bilder der Shoa, des Holocaust.

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Im Anblick dieser Bilder des Grauens fragt Gott den Propheten:

„Du Mensch, werden diese Gebeine wieder lebendig werden?“

Die Antwort des „Menschen“ lautet:

„Herr, EWIGER, du weisst es.“

„Du weisst es“, das bedeutet: „Ich weiss es nicht“. Der „Mensch“ ist also „unwissend aller Dinge“, wie Meister Eckehart sagt. Der Mensch steht „in einer Wüste“, ist „not knowing“, „nicht wissend“.

Dieses „Nicht-Wissen“ ist nicht etwa ein Defizit, das es auszufüllen gilt mit „Wissen“, das man sich aneignet. Der spirituelle Weg beginnt nicht beim Nicht-Wissen. Das Nicht-Wissen ist vielmehr sein Ziel.

Der grosse Zen-Meditationslehrer Shunryu Suzuki (1904-1971) hat sein wichtigstes Buch überschrieben mit „Zen-Geist – Anfänger-Geist“. Schon der Titel macht deutlich: Es gilt, Anfänger zu werden. Ganz zum Ursprung zurückzukehren. Ursprünglich, einfach zu werden. In dem Buch sind die pointierten Sätze zu lesen:

„Im Anfänger-Geist gibt es keinen Gedanken: ‚Ich habe etwas erreicht.‘ Alle selbstbezogenen Gedanken grenzen unseren unendlich weiten Geist ein. Wenn wir nicht daran denken, etwas zu erreichen, nicht an uns selbt denken, sind wir wahre Anfänger.“ (23)

In diesem Modus, als „wahrer Anfänger“, spricht der Prophet seine Worte: „EWIGER, du weisst es.“ Mit diesen Worten schafft der Prophet allen Raum für Gott. Wenige Zeilen später in unserem Text (am Schluss von V. 7) sagt Gott:

„Ihr werdet wissen, dass ich der EWIGE bin“ –

mit dem gleichen Wort „wissen“.

„Ihr werdet wissen, dass ich der EWIGE bin“ –

diese Worte beziehen sich auf die Einleitung zu den zehn Geboten, wo Gott sich selber folgendermassen vorstellt:

„Ich bin der EWIGE, dein Gott. Ich habe dich aus dem Land Ägypten, dem Sklavenhaus herausgeführt.“ (Ex. 20, 2)

Hier ist sie wieder, die Befreiung aus der Sklaverei. Oder, in der noch radikaleren Vision des Propheten: die Befreiung aus dem Tod. Die Befreiung zum Leben, zu unbegrenzter Lebendigkeit.

Das ist Gott, der befreiende Gott des Exodus. So erweist er sich am „Menschen“. Anders als Jesaja und Jeremia, Hanna und Maria und wie die Prophetinnen und Propheten alle heissen – anders als sie nennt Gott den Propheten Ezechiel nicht beim Namen. Er nennt ihn den „Menschen“.

Der Akzent liegt hier offensichtlich nicht auf dem Individuum Ezechiel, auch nicht auf seinem Amt als Prophet, sondern schlicht auf seinem Menschsein. Was mit dem Propheten geschieht, das geschieht in gewissem Sinn mit jedem „Menschen“, das geschieht auch mit uns, wenn wir hineingenommen werden in diese Vision des „Menschen“.

Wir sind es, die von der Hand des EWIGEN hinausgeführt werden in die Wüste, auf die Ebene des Not-knowing, des Nicht-Wissens. Wir sind es, die dort draussen erkennen, erfahren, wissen, dass Gott der EWIGE ist, der befreit aus dem Sklavenhaus Ägypten, der befreit aus „Welt, Sünde und Tod“, wie Martin Luther sagte.

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Nun sagt Gott zum „Menschen“, er soll weissagen. Der Mensch ist also nicht bloss Zuschauer eines äusseren, äusserlichen Ereignisses. Er ist selber in das Geschehen einbezogen. Ja, es ist eigentlich der Mensch, der wirkt, durch seine weissagenden Worte wirkt, Gott wirkt eigentlich nur indirekt, indem er dem Menschen sagt, was dieser sagen soll:

"4 Und er (der EWIGE) sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr vertrockneten Gebeine, hört das Wort des EWIGEN! 5 So spricht Gott der EWIGE, zu diesen Gebeinen: Seht, ich lasse Geist in euch kommen, und ihr werdet leben. 6 Und ich gebe euch Sehnen und lasse Fleisch wachsen an euch, und ich überziehe euch mit Haut und lege Geist in euch, und ihr werdet leben, und ihr werdet erkennen, dass ich der EWIGE bin."

Der grosse amerikanisch-jüdische Religionswissenschaftler Moshe Greenberg (1928-2010) vergleicht die Reihenfolge, mit der hier aus den Knochen die Menschen wiederhergestellt werden, nicht ohne Humor mit einem Badehausbesuch:

„Die zuletzt abgelegten Kleidungsstücke zieht der Badende als erste wieder an, wenn er sich ankleidet, um das Badehaus zu verlassen.“ (457)

Was also beim Leichnam von den Knochen abfällt, die Haut, dann das Fleisch, dann die Sehnen – das wird nun, wo er sich gleichsam wieder ankleidet, in der umgekehrten Reihenfolge den Knochen wieder zugefügt: die Sehnen, das Fleisch, die Haut.

All dies wird mit überraschend detaillierten anatomischen Kenntnissen beschrieben, wie sie im Alten Orient insbesondere in Ägypten vorhanden waren – wegen des dort praktizierten Ritus der Einbalsamierung. Interessant ist nun, dass in ägyptischen Pyramidentexten das Zusammenkommen der Knochen sich verbindet mit der Öffnung der Himmelstür:

„Raffe die Knochen zusammen, damit sie sich nicht loslösen… Geöffnet werden dir die Türflügel des Himmels, zerbrochen werden dir die grossen Riegel.“ (nach Z 894)

Eben dies geschieht auch in der Vision des Ezechiel: Im Zusammenraffen der Knochen öffnen sich die Tore zum ewigen Leben. Das Geschehen erinnert an die berühmten, von Johann Sebastian Bach vertonte Karfreitagsszene im Matthäusevangelium. Moshe Greenberg weist explizit darauf hin:

„Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss von oben bis unten in zwei Stücke, und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Grüfte öffneten sich, und viele Leiber der Entschlafenen wurden auferweckt.“ (Mt. 27, 51f.)

Auch hier kommt das Wort vor, das sich als Leitwort durch die ganze Vision des Ezechiel durchzieht: „Siehe“. Das Wort bringt das Überraschende, ja Unfassbare der Ereignisse zum Ausdruck.

Es ist das Wort, das das Jenseits des Alltagsbewusstseins signalisiert. Was der Mensch hier erlebt, ereignet sich aber nicht nur im „Sehen“, also im visuellen Bereich, sondern auch im akustischen. Von einem Lärm, einem Rauschen ist die Rede – es bringt die Erschütterung des Menschen zum Ausdruck, der all dies erlebt.

Die Szene ist seltsam zerdehnt, sie spielt sich ab wie in Zeitlupe – auch das passt zu der transzendenten Atmosphäre.

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So wie Gott am Anfang der Bibel den Menschen zunächst aus Lehm formt und ihm anschliessend Lebensodem in die Nase haucht, dass er ein lebendiges Wesen wird – ebenso vollzieht sich die Auferweckung der Gebeine in der Vision des Ezechiel in zwei Phasen. Die Einhauchung des „Geistes“ geschieht separat.

„Geist“, auf Hebräisch „Ruach“, ist wie „Siehe“ ein Leitwort unseres Textes. Neunmal kommt es insgesamt vor in zehn Versen. Das Wort hat ein faszinierend breites Bedeutungsspektrum. Die vier Winde, von denen der Geist herkommt und die Leblosen anhaucht – auch diese vier Winde heissen im Urtext „Ruach“.

„Ruach“ bedeutet Wind, bedeutet Atem, jenen Lebensodem, den wir ein- und ausatmen, solange wir leben, vom ersten bis zum letzten Atemzug. Ruach bedeutet aber auch göttliche Geistkraft, „Heiligen Geist“. Gottes Geist und menschlicher Atem sind in der Tiefe eins.

Und schliesslich ist die Ruach eben auch jene Geistkraft, die den Propheten in Trance versetzt, die ihn aus dem Alltag herausholt und hineinstellt in jene Ebene, wo ihm Gott begegnet. Dieses ganze Spektrum umfasst das Wort „Ruach“ – und unser Text, rhetorisch brilliant, verwendet das Wort in diesem seinem ganzen Spektrum.

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Zum Schluss möchte ich noch auf etwas hinweisen, was im Austausch über den Text im sog. „Bibelteilen“ im kleinen Kreis per Zoom am letzten Mittwoch Thema war. Jemand sagte, der Text habe „Hand und Fuss“.

Tatsächlich steht ganz am Anfang die Hand, die „Hand des EWIGEN“. Und ganz am Schluss, da stehen die Füsse. Die Auferstandenen, heisst es da, „stellten sich auf ihre Füsse“. Auch das – die Hand am Anfang, die Füsse am Schluss – ist sprachlich bewusst gestaltet, der Text hat, könnte man sagen, auch rhetorisch Hand und Fuss. Und nicht nur rhetorisch. Auch spirituell schliesst sich der Kreis:

Am Anfang führt die Hand des EWIGEN den Menschen aus dem Alltagsbewusstsein hinaus. Das Sich-auf-die-Füsse-Stellen am Schluss bringt symbolisch zum Ausdruck, dass der Mensch nun zur Tat schreitet. Er kehrt aus der Trance in den Alltag zurück, vom Berg, aus der Wüste, aus der Kirche heraus macht er sich ans Tagwerk.

Er tut es mit einer neuen Sammlung. Die zerstreuten Knochen sind zusammengefügt zu einem „sehr, sehr grossen Heer“ heisst es am Schluss. Generalin des Heers ist Gott. In ihm konzentrieren sich die Kräfte meines Seins, von den physischen Kräften, den Knochen, den Sehnen, dem Fleisch, der Haut bis hin zu den geistigen Kräften, dem Lebensodem, dem göttlichen Geist.

Der andere grosse deutsche Mystiker neben Meister Eckehart, Johannes Tauler, sagt:

„Es muss eine kraftvolle Einkehr geschehen, ein Einholen, eine innere Sammlung aller Kräfte, der niedersten wie der höchsten, ein Einswerden aus aller Zerstreuung; sind doch alle Dinge vereint kraftvoller.“ (16)

Auf diesem Weg der Integration, der kraftvollen Einkehr, der Einswerdung aus aller Zerstreuung bhüet eus, Gott!

Amen.

Manuskript der Predigt im Gottesdienst vom Sonntag, 25. April 2021 (Osterzeit)

Auszug Gottes, Auffahrt Christi (Ezechiel 1*)

Predigt I

Die Visionen des Ezechiel wirken wie Kuppeln von barocken Kathedralen.

In der ersten Vision, gleich im 1. Kapitel, tauchen jene vier Wesen auf, die wir als sogenanntes Tetramorph (Viergestalt) kennen.

Seit der frühsten Christenheit werden sie den vier Evangelisten zugeordnet: der Mensch dem Matthäus, der Löwe Markus, der Stier Lukas, der Adler Johannes.

Als Grund für diese Zuordnung erwähnt der Kirchenvater Hieronymus (347-420), dass das Matthäus-Evangelium mit dem menschlichen Stammbaum von Jesus beginnt. Deshalb wird diesem Evangelisten der Mensch als Attribut zugeordnet.

Das Markusevangelium beginnt mit dem Rufer in der Wüste: „Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Strasse gerade“, soll Johannes der Täufer wie ein Löwe gebrüllt haben. Deshalb ist der Löwe das Symbol des Evangelisten Markus.

Der Stier ist ein typisches Opfertier, Opfern wiederum ist Aufgabe der Priester, und weil am Anfang des Lukasevangeliums Zacharias auftaucht, der Vater von Johannes dem Täufer und von Beruf Priester – deshalb ist das Symbol des Lukas der Stier.

Schliesslich ist da das vierte Wesen, der Adler. Er erhebt sich in höhere Dimensionen, zum Wort, das von Gott kommt – so heisst es am Anfang des Johannesevangeliums. Deshalb ist der Adler das Attribut des Johannes.

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Wenn wir hinter die Evangelisten zurückgehen zu Christus selber, dann ergibt sich dort eine weitere, tiefsinnige Deutung: Die vier Wesen symbolisieren Aspekte von Christus: Er ist König, wie der Löwe König der Tiere ist. Er ist Priester, was der Stier als Opfertier darstellt. Er ist menschgewordener Gott – was sich im der Gestalt des Menschen zeigt. Und er gibt den Geist – diesen Aspekt symbolisiert der Adler. (nach Wikipedia)

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Die vier Wesen – Mensch, Löwe, Stier, Adler – sind aber noch älter als Christus und das Christentum. Sie gehen zurück ins Alte Testament, auf die eingangs erwähnte Vision des Ezechiel. Im 1. Kapitel seines Buchs erzählt der Prophet, wie von Norden her ein Wind kommt:

„Und ich sah, und sieh: Vom Norden kam ein Sturmwind, eine grosse Wolke und flackerndes Feuer, und rings um sie war ein Glänzen.“ (V. 4*)

Im Norden ist der Zaphon, der mythische Gottesberg, der später mit dem Zion identifiziert worden ist, dem Tempelberg in Jerusalem. Von jenem sagenhaften Berg her kommt der Wind, Ruach auf Hebräisch, übrigens ein weibliches Wort. „Wind“ ist ein Wort für Gott, das Fest des Winds, des Heiligen Geistes feiern wir bald, an Pfingsten. Mit dem Wind einher kommen eine grosse Wolke und ein flackerndes Feuer. Das erinnert an die Uroffenbarung Gottes am Sinai, dem heiligen Berg, wo er im Gewitter erschien. Und dann, wie er die Israeliten durch die Wüste begleitet, als Wolkensäule am Tag, als Feuersäule in der Nacht.

Die spektakuläre Vision des Ezechiel beschreibt also nichts anderes als eine Theophanie, eine Erscheinung Gottes. Das Feuer im Ursprung der Welt kommt dem Propheten entgegen mit überwältigender Wucht. Und nun, im Feuer drin, erscheinen die vier Wesen:

„Und mitten darin war die Gestalt von vier Wesen, und … jedes hatte vier Gesichter, und jedes von ihnen hatte vier Flügel…. … Und das war die Gestalt ihrer Gesichter: Sie hatten ein Menschengesicht (nach vorn), und auf der rechten Seite hatten alle vier ein Löwengesicht, und auf der linken Seite hatten alle vier das Gesicht eines Stiers, und alle vier hatten ein Adlergesicht (nach innen). Das waren ihre Gesichter.“ (V. 5-11*)

Vier Gesichter sind es, sagt der Prophet, wie auch vier Flügel, vier Wesen. Auch sonst ist die Vier ein formbildendes Stilmittel. Geradezu von einem „Zwang zur Vierzahl“ bei Ezechiel spricht Walter Zimmerli, der grosse Schweizer Ezechiel-Spezialist.

Vier ist die Zahl der Ganzheit, der Totalität. Es gibt vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten und vier Weltzeiten. Die vier Wesen mit ihren vier Flügeln symbolisieren die Präsenz Gottes nach allen Seiten, bis an die vier Enden der Erde. (Z53)

Die Gesichter repräsentieren den Menschen und die mächtigsten Tiere: Der Löwe war schon in der Antike der König, sogar unsere Hauskatzen scheinen sich noch daran zu erinnern, dass sie bei den alten Ägyptern als göttliche Wesen verehrt wurden. Der Stier, der zum Pflügen und zur Zucht dient, ist das wertvollste der domestizierten Tiere. Der Adler, pfeilschnell, hochfliegend, majestätisch, ist der König der Lüfte.

Das also sind sie, die vier Gesichter der vier Wesen, die all diese Kraft in sich konzentrieren. Die Pointe aber ist, dass sie in der Vision des Ezechiel nichts mehr sind als Träger des Throns Gottes. Im weiteren Verlauf seiner Vision sieht der Prophet:

„Was über den Köpfen der Wesen war, hatte die Gestalt eines Gewölbes, es war wie der Anblick eines … Kristalls. … Und oberhalb des Gewölbes … war, dem Aussehen von Saphirgestein gleich, die Gestalt eines Throns.“

Und auf diesem Thron thront der EWIGE, der Heilige, Gott. Ein alter jüdischer Kommentar sagt dazu:

„Vier Arten des Stolzes wurden in der Welt geschaffen: der stolzeste von allen – der Mensch;
der stolzeste der Vögel – der Adler;
das stolzeste der Haustiere – der Stier;
das stolzeste der wilden Tiere – der Löwe.
Sie alle aber stehen unter dem Thron des Heiligen.“ (nach G58)

Das ist die Pointe der Vision von den vier Wesen: Die Intelligenz des Menschen, die Majestät des Löwen, die Kraft des Stiers, die Freiheit des Adlers – sie alle haben ihren Wert nicht in sich. Sie stehen im Dienst des Höheren, des Heiligen, des EWIGEN.

„Soli Deo Gloria“ – so haben früher Komponisten über oder unter ihre Werke geschrieben, unter ihnen der grösste von allen, Johann Sebastian Bach. „Soli Deo Gloria“, „Gott allein die Ehre“.

Zwischenspiel: Bach

Predigt II


Im weiteren Verlauf der Vision geschieht etwas Seltsames. Zu den vier vierflügligen Wesen gesellen sich vier Räder:

„Und ich sah die Wesen, und sieh: Da war je ein Rad auf der Erde neben den Wesen… Und wenn die Wesen sich bewegten, bewegten sich auch die Räder, und wenn die Wesen sich von der Erde erhoben, erhoben sich die Räder genau wie sie, denn der Geist des Wesens war in den Rädern.“ (V. 15.19.21*)

Durch die Einführung der Räder verändert sich die ganze Vision. Nun ist es kein Thron mehr – es ist ein Wagen, auf dem Gott sitzt. Das statische Bild des Throns verwandelt sich in ein dynamisches. Es kommt Bewegung in die Sache.

Und so kommt es zur dramatischen Pointe der ganzen Szene: Der Thron, der Tempel steht, verlässt diesen nun, er fährt, in einen Wagen verwandelt, aus dem Heiligtum hinaus.

Das ganze fantastische Gebilde, das da in Bewegung kommt, dieser Thronwagen, auf dem Gott sitzt, bezeichnet Ezechiel als „Lichtglanz“. Es ist dieser Lichtglanz, in den die Menschen nicht direkt schauen können, weil sie sonst verglühen. Mose durfte ihn einst, von der Hand Gottes beschützt, aus einem Felsspalt von hinten sehen. Und als er nach vierzig Tagen vom heiligen Berg herunterstieg, da war auf seinem Gesicht ein Abglanz jenes göttlichen Lichts zu sehen. Fortan legte Mose eine Hülle über sein Gesicht, damit die Menschen nicht von seinem Strahlen geblendet werden.

Dieser Lichtglanz also erhebt sich als Thronwagen aus dem Tempel. Auch Ezechiel sieht ihn nicht direkt. Aber er hört ihn hinter sich:

„Hinter mir hörte ich ein gewaltiges Getöse, als der Lichtglanz des EWIGEN sich von seinem Ort erhob. Und das war das Geräusch der Flügel der Wesen, … und zugleich das Geräusch der Räder, ein lautes Dröhnen. Und der Geist hatte mich emporgehoben und nahm mich fort... So kam ich nach Tel Aviv zu den Verbannten, die am Fluss Kebar wohnten.“ (3, 12-15*)

Was dem Prophet hier widerfährt, ist ein „alle Erwartungen sprengendes Geschehen“ (Z58). Ezechiel war Sohn eines Priesters und einst selber Priester am Tempel in Jerusalem. Er war vertraut mit dem Kult dort. Er wusste: Der Tempel ist der Nabel der Welt. Ist der Ort, wo Gott wohnt.

Doch dann wurde Jerusalem geschleift, der Tempel zerstört, Ezechiel mit vielen anderen Israeliten ins babylonische Exil verschleppt. Der ganze Lebenszusammenhang, die kosmische Ordnung, die Sicherheit, der Sinn, die Geborgenheit in der Burg Gottes war zerbrochen. Man sass an den Strömen Babels und weinte. Die Harfen hingen an den Weiden, die Lieder gingen vergessen – so heisst es sinngemäss in einem Psalm aus dem Exil (Psalm 137).

In dieser Situation sieht Ezechiel in seiner Vision, wie der göttliche Lichtglanz selber aufbricht aus dem Tempel. Fortan – das symbolisiert die Zahl vier, und das ist die Pointe – ist Gott allüberall, in allen vier Weltgegenden, sein Lichtglanz strahlt bis an die vier Enden der Erde.

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Was der Prophet da sieht, entspricht genau dem, was wir Christenmenschen an Auffahrt feiern, an Christi Himmelfahrt am kommenden Donnerstag.

In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Jesus vor den Augen seiner Jüngerinnen und Jünger in den Himmel entrückt wird:

„Jesus wurde vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.“ (1, 9)

Für Ezechiel war es der Tempel, der verloren ging, für die Jüngerinnen und Jünger der leiblich gegenwärtige Christus. Er hatte sie von ihren Fischerbooten weggerufen, sie hatten alles verlassen und waren ihm nachgefolgt, wohin immer er ging.

Doch auf dem Weg, den er nun geht, können sie ihm nicht folgen. Fortan geht es für sie nicht mehr darum, dem äusseren Meister zu nachzulaufen, sondern den Christus in sich zu entdecken. Es geht für mich darum, „Christus in mir“ zu entdecken – und überall in der Welt, in den Mitmenschen, in allen Wesen, in Flora und Fauna.

Der Tempel ist an jedem Ort – das ist, übrigens, eine Einsicht, welche die endlosen, dieser Tage gerade wieder aufflammenden Auseinandersetzungen um den Tempelberg in Jerusalem eigentlich ad absurdum führt.

In der Nachfolge Jesu und im Nachklang der Vision des Ezechiel müsste man im Gegenteil sogar sagen: Wenn Gott an irgendeinem Ort besonders präsent ist, dann nicht im Zentrum, sondern an den Rändern.

Jesus hat sich bekanntlich den Zöllnern und Sünderinnen zugewendet, jenen am Rande der Gesellschaft, den Outcasts. Er sei, fasste er seine Mission und Message zusammen, gekommen, das Verlorene zu suchen. Das Elende im Sinn des Althochdeutschen Eliland, des fremden Landes. In derselben Bewegung zog der Lichtglanz Gottes, augenzwinkernd gesagt, von Jerusalem nach Tel Aviv aus, im Ernst aber: aus dem zentralen Heiligtum ins babylonische Exil: „So kam ich nach Tel Aviv zu den Verbannten, die am Fluss des Kebar wohnten“, sagt der Prophet.

Die heutige Stadt Tel Aviv hat ihren Namen von jener Siedlung von Exulanten im babylonischen No mans-Land am Kebar, einem Seitenarm des Euphrat. Tel Aviv bedeutet ursprünglich „Ruinenhügel der Sintflut“, also ein alter, verfallener, unbesiedelt daliegender Stadthügel. Doch auf Hebräisch klingt Tel Aviv wie Frühlingshügel, „Ährenhügel“ (Z83).

Das Exil, das fremde Land, auch innerseelisch: die unerforschten, dunklen Zonen, jener Bereich, den der Schweizer Psychiater C.G. Jung „Schatten“ nennt – das ist der Ort, wo die Wandlung geschieht, jetzt im Frühling, jetzt in der Himmelfahrt, im Aufbruch des göttlichen Thronwagens, der auch uns hineinnimmt ins Licht.

Auf unserer Reise bhüet eus, Gott! Amen.

Predigt im Gottesdienst vom 9. Mai 2021 (Sonntag vor Christi Himmelfahrt)