Ezechiel: Dossier mit Predigten zu einem der grossen Schriftpropheten

Vision Ezechiel (Foto: wikipedia)
Kürzlich bin ich ziemlich zufällig auf Zeilen von Ezechiel gestossen, habe dann weitergelesen, bin derzeit völlig fasziniert von diesem wenig bekannten Propheten des babylonischen Exils und plane, noch ein paar Predigten zu seinen visionären Texten zu halten. Die Manuskripte werden diesem Dossier fortlaufend hinzugefügt.
Andreas Fischer,
„Wie Honig, süss“: Auszug aus dem Predigtmanuskript

Text: Ezechiel 2,8–3,3*

2, 8 Der EWIGE sprach: „Du, Mensch, höre, was ich zu dir rede. Öffne deinen Mund, und iss, was ich dir gebe.“ 9 Und ich sah, und sieh: Zu mir hin war eine Hand ausgestreckt, und sieh, in ihr war eine Schriftrolle. 10 Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorderseite und auf der Rückseite beschrieben, und auf ihr aufgeschrieben waren: „Klage, Ach und Wehe“.

3, 1 Und er sprach zu mir: „Du, Mensch, iss, was du vorfindest, iss diese Schriftrolle!“ 2 Und ich öffnete meinen Mund, und er liess mich jene Rolle essen.

3 Und er sprach zu mir: „Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe!“ Da ass ich sie, und in meinem Mund wurde sie wie Honig, süss.

Predigt:

Dreimal unterbreitet Gott seinem Propheten das Anliegen: Er soll eine Schriftrolle essen, also eine Art antikes Buch.

Beziehungsweise genauer: Zunächst sagt Gott eigentlich nur, der Prophet soll essen, was er ihm gebe. Worum es sich handelt, bleibt offen. Man könnte eine gewöhnliche Speise erwarten, vielleicht sogar eine paradiesische Speise, panis angelicus, Engelsbrot.

Es ist dies eine Grunderfahrung auf jedem spirituellen Weg: Er führt in ein Nicht-Wissen hinein. Der grosse mittelalterliche Mönch und Mystiker Meister Eckehart sagt:

„Je mehr du in dir selbst in einer Wüste stehst und unwissend aller Dinge, umso näher kommst du dem, der da alle Dinge ist.“ (Weg der Meister, 70)

In diese innere Wüste des Nicht-Wissens hinein tritt also der Prophet, der „Mensch“, in dem Augenblick, in dem Gott ihn anspricht:

„Du, Mensch, höre, was ich zu dir rede!“

Dann sieht der Mensch eine Hand. Dass es die Hand Gottes ist, wird nicht ausdrücklich gesagt. Die Erscheinung des Ewigen bleibt schemenhaft, in der Schwebe.

Die Hand streckt sich dem Menschen entgegen, in der Hand ist eine Schriftrolle. Die Rolle wird vor dem Propheten ausgebreitet, sie ist auf der Vorder- und auf der Rückseite beschrieben – entgegen der antiken Gepflogenheit, die Rückseite leerzulassen. Das bedeutet: Es gibt wirklich nur das, was da drin steht, es ist alternativlos, da ist kein Platz für anderes.

Was drinsteht, ist in der Überschrift in drei Wörtern zusammengefasst: „Klage, Ach und Wehe“.

„Klage, Ach und Wehe“, das ist das ganze Elend des Volkes Israel in jener Zeit. Jerusalem wurde erobert, der Tempel zerstört, die Menschen deportiert ins babylonische Exil. In einem Psalm wird dieses Elend besungen – es ist ein tieftrauriges Lied, von betörender, bitter-süsser Schönheit:

„An den Strömen Babels,
da sassen wir und weinten,
wenn wir Zions gedachten.
Unsere Leiern hängten wir
an die Weiden…
Wie könnten wir Lieder des EWIGEN singen
im fremden Land.“ (Psalm 137)

„Im fremden Land“, althochdeutsch: im Eliland, eben: im Elend. Doch die Tränen – sie haben erlösende Kraft. Sie sind süss, heisst es in der Mystik. Heinrich Seuse, auch er ein mittelalterlicher Mystiker, der übrigens in Winterthur wirkte, sprach von den „dulces lacrimas“, den süssen Tränen. Sie sind eine Gnadengabe. Sie erinnern an die Tränen, die Jesus Christus selber vergoss. Tränen bezeugen die Nähe des Ewigen (512f.).

Ein Mönch mit dem schönen Namen Johannes Klimakos, also: Johannes von der Leiter fragt:

„Wie ist es möglich, dass die Tränen, die doch Trauer und Kummer bedeuten, einen Schatz von Glückseligkeit und Freude in sich bergen, der so süss ist wie Honig?“ (510)

Die Antwort, die sich von unserem Text des Propheten Ezechiel her ergibt, lautet: In den Tränen, in „Klage, Ach und Wehe“ löst sich die Bindung an den Tempel – und mit ihm die Bindung an alles Materielle. Was bleibt, was sich vertieft, ist die Bindung an Gott.

Johannes Tauler, um nun auch ihn noch zu erwähnen, der gemeinsam mit Meister Eckehart und Heinrich Seuse das Dreigestirn der Deutschen Mystik bildete, Tauler, der hier in der Nähe, in Colmar und Strassburg wirkte – er schreibt:

„Das Ich hätte gerne etwas
und es wüsste gerne etwas
und es wollte gerne etwas.
Bis dieses dreifache „Etwas“ in ihm stirbt,
kommt es den Menschen gar sauer an.
Das geht nicht an einem Tag
und auch nicht in kurzer Zeit.
Sondern man muss sich daran gewöhnen
mit emsigem Fleiss.
Man muss dabei aushalten,
dann wird es zuletzt leicht und lustvoll.“ (Weg der Meister, 243)

Dann wird es, könnte man sagen, „süss“. Doch zunächst scheint unser Prophet nicht begeistert zu sein. „Der EWIGE liess mich jene Rolle essen“, sagt er. Die passive Formulierung fällt auf. Ezechiel lässt es über sich ergehen.

Und so spricht Gott noch einmal, ein drittes Mal, wie so oft in Märchen und Sagen:

„Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe!“

Diesmal geht es tiefer. Es gilt, die Schriftrolle runterzuschlucken, zu kauen und zu verdauen. Mit der Schriftrolle das Innere zu füllen – der entsprechende hebräische Ausdruck bedeutet eigentlich, mit ihr schwanger zu gehen. Was hier in uns wächst, ist die felix anima, die dulcis creatura dei, die glückliche Seele, die süsse Kreatur Gottes, wie sie die grosse mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen besingt. Die Seele, sagt Hildegard, ist aus der Süsse der Nähe Gottes gefallen, abgestürzt in die Weltsüsse. Nun aber erhebt sie sich wieder, kehrt wieder heim zu Gott:

“O felix anima et o dulcis creatura dei!
O glückliche Seele und süsses Geschöpf Gottes,
Du bist erschaffen in der tiefen Höhe der göttlichen Weisheit. Du liebst viel” (nach 501).

Die Süsse der Seele ist Abglanz der Süsse Gottes selbst, die reflektierende Liebe der Liebe der Gottheit. Im Auferstehungslicht Christi wird die Seele ihr eigenes verlorenes Lichtkleid wieder empfangen.

Christus, der gelitten hat und gestorben ist, der aufersteht ins Licht – Christus ist das Wort, das der Mensch da isst: “Klage, Ach und Wehe”. Es ist dieses Wort, das sich wandelt in die Süsse Gottes. Es wandelt unser Wesen, unsere sterbliche, in Weltsüsse gefallene und gefangene Seele in die Süsse Gottes hinein.

O felix anima, o dulcis creatura – o süsse Seele, bhüet di Gott! Amen.

Auszug aus dem Manuskript der Predigt beim » Eröffnungsgottesdienst der Ausstellung "bienensüss" am 11. April 2021


"Ein neues Herz, ein neuer Geist": Meditation zu Ez. 36, 26

Text:

Gott spricht:
„Ich gebe euch ein neues Herz,
und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres.
Ich entferne das steinerne Herz aus eurem Leib und gebe euch ein Herz aus Fleisch,
und meinen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Kurzpredigt:

Der Vers ist sorgfältig durchkomponiert. Das zeigt sich unter anderem an der Wiederholung der Schlüsselwörter. „Geben“ kommt viermal vor, „Herz“ dreimal, „neu“, „Geist“ und „euer Inneres“ jeweils zweimal.

Die erste Zeile ist mit dem wichtigsten Element der hebräischen Poesie gestaltet, dem sogenannten „Parallelismus membrorum“, der „Nebeneinanderstellung“, „Wiederholung der Glieder“, was nichts anderes bedeutet als: Dasselbe wird zweimal gesagt:

„Ich gebe euch ein neues Herz,
und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Herz und Geist meinen hier zunächst beide dasselbe, nämlich das Zentrum, die Mitte meines Seins. Es geht um eine Erneuerung, ja eine Neuschöpfung meines Seins aus dem Innersten, dem Zentrum heraus.

An einer anderen, früheren Stelle beim Propheten Ezechiel heisst es mit den genau gleichen Worten:

„Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist!“

Gerade weil die Worte die gleichen sind, ist der Unterschied eindrücklich: Damals sagte Gott, wir sollen uns ein neues Herz und einen neuen Geist schaffen. Nun gibt Gott das, was er fordert, selber:

„Ich gebe euch ein neues Herz,
und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Es ist diese Erfahrung, die auf ihre Weise später Paulus und Luther gemacht haben. Die Erfahrung, dass ich hineingenommen bin in eine Dimension radikaler Nicht-Machbarkeit, in das, was Paulus und Luther Gnade nennen. Was da an mir, mit mir geschieht, ist reines Geschenk.

Was genau an mir, mit mir geschieht, wird im weiteren Verlauf des Verses nach Herz und Geist ausdifferenziert. Gott spricht:

„Ich entferne das steinerne Herz aus eurem Leib und gebe euch ein Herz aus Fleisch,
und meinen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Beginnen wir mit dem Herzen. Was geschieht mit dem Herzen? Das steinerne - also harte, verhärtete, verschlossene - Herz wird ersetzt durch ein weiches, empfindsames, mitfühlendes.

Etwas, was in der deutschen Übersetzung nicht sichtbar wird, ist von entscheidender Bedeutung: Das hebräische Wort, das im deutschen Text einmal mit „Leib“ und einmal mit „Fleisch“ übersetzt ist, ist ein und dasselbe (Basar).

Das Herz aus „Fleisch“ besteht nun also aus dem gleichen Stoff wie der gesamte menschliche Organismus.

Und das heisst: Indem ein Herz aus Fleisch in mein „Fleisch“, meinen menschlichen Leib gelegt wird, werde ich wahrhaft menschlich. Das fühlende Herz ist das, was mich wirklich menschlich macht, was mich zu einem wahren Menschen macht wie Jesus, von dem es im Bekenntnis heisst er sei wahrer Mensch gewesen. Von dem es in der Bibel heisst, er habe gelacht und geweint.

Und dann, am Schluss, wendet sich der streng komponierte Text noch einmal dem Geist zu. In der letzten Zeile heisst es:

„Und meinen Geist gebe ich in euer Inneres.“

Das Wort, das hier mit Geist übersetzt wird, „ruach“ auf Hebräisch, bedeutet Wind, es bedeutet Atem und Lebensodem. Aus dem Atem heraus leben wir von ersten bis zum letzten Atemzug unseres Lebens.

Soweit, so gut. Doch nun sagt Gott: „Ich gebe MEINEN Geist, MEINE Ruach in euer Inneres“. Die neue Geistkraft, die in uns hinein gegeben wird, ist göttliche Geistkraft, ist Heiliger Geist. Das heisst: So wie Jesus gemäss dem Bekenntnis nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott ist, so werden auch wir in das göttliche Wesen hineinverwandelt – wenn Gott seine Geistkraft in unser Inneres hinein gibt.

Bitten wir darum, jetzt, in der Zeit nach Ostern auf Pfingsten hin, im Licht der Auferstehung, in Erwartung der Heiligen Geistkraft:

„Veni Creator Spiritus. / Veni lumen cordium.“
„Komm, Schöpferin, Geistkraft. Komm, Herzenslicht!“ Amen.

Predigtmeditation in der Taizéfeier vom 23. April 2021

Vision von der Auferstehung der Gebeine: Ezechiel 37, 1-10

Einleitung:

Es ist die berühmteste Weissagung des Ezechiel, es ist eines der gewaltigsten Kapitel der Bibel überhaupt, vielfach dargestellt in der christlichen und auch in der jüdischen Kunst.

Eine Abbildung findet sich, zum Beispiel, in der Mitte der Knesset-Meonra, dem 7-armigen Leuchter vor dem Parlamentsgebäude in Jerusalem.

Text:

37, 1 Die Hand des EWIGEN war auf mir, und durch den Geist des EWIGEN führte er mich hinaus, und mitten in der Ebene liess er mich nieder, und diese war voller Gebeine. 2 Und er führte mich an ihnen vorbei, rings um sie herum, und sieh, in der Ebene waren sehr viele, und sieh, sie waren völlig vertrocknet. 3 Und er sprach zu mir: Du Mensch, werden diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: Herr, EWIGER, du weisst es. 4 Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr vertrockneten Gebeine, hört das Wort des EWIGEN! 5 So spricht Gott der EWIGE, zu diesen Gebeinen: Seht, ich lasse Geist in euch kommen, und ihr werdet leben. 6 Und ich gebe euch Sehnen und lasse Fleisch wachsen an euch, und ich überziehe euch mit Haut und lege Geist in euch, und ihr werdet leben, und ihr werdet erkennen, dass ich der EWIGE bin. 7 Und ich weissagte, wie es mir geboten worden war, und als ich geweissagt hatte, war da ein Lärmen, und sieh, ein Beben, und Gebeine rückten aneinander, eines an das andere. 8 Und ich schaute hin, und sieh, auf ihnen waren Sehnen, und Fleisch war gewachsen, und darüber zog er Haut, Geist aber war nicht in ihnen. 9 Und er sprach zu mir: Weissage über den Geist, weissage, Mensch, und sprich zum Geist: So spricht Gott der EWIGE: Geist, komm herbei von den vier Winden und hauche diese Getöteten an, damit sie leben. 10 Und ich weissagte, wie er es mir geboten hatte, und der Geist kam in sie, und sie wurden lebendig und stellten sich auf ihre Füsse, ein sehr, sehr grosses Heer.

Predigt:

„Die Hand des EWIGEN war auf mir“, sagt der Prophet am Anfang seiner Vision. Die Hand des EWIGEN – dieses Motiv führt weit zurück, bis in die Anfänge der Bibel, die Anfänge des Volks Israel. Dort heisst es in einer häufig sich wiederholenden Formel, der EWIGE habe mit „starker Hand“ das Volk hinausgeführt aus Ägypten, hinaus in die Wüste.

Die Wüste symbolisiert den Ort, wo einem die Sicherheiten abhandenkommen, da sind keine Fleischtöpfe mehr, da ist nur das tägliche Brot, das Manna für den heutigen Tag. Es lässt sich nicht aufbewahren.

Weiter gibt es in der Wüste keinen vorgespurten Weg. Da ist nur die innere Führung, in der Bibel symbolisiert durch die Wolkensäule am Tag, die Feuersäule in der Nacht, die einem die Richtung weist.

Eben diese Hand, die einst das Volk in die Wüste führte – sie ist es, die auf den Propheten kommt. Die „Hand des EWIGEN“ ist geradezu ein terminus technicus, eine Begriff der prophetischen Fachsprache. Die Hand des EWIGEN bewirkt, dass der Prophet in Trance gerät, er wird aus der alltäglichen Welt, dem Alltagsbewusstsein herausgerissen, entrafft, entrückt.

Wie das Gottesvolk einst in die Wüste hinausgeführt wurde, so der Propheten hinaus auf die Ebene. Es ist jene Ebene am Euphrat in Babylonien, in der einst der Turm zu Babel gebaut wurde. Er hatte zur Folge, dass die Menschen zerstreut wurden über die ganze Erde – so wie nun, als letztes Resultat jenes Akts der Hybris, die Knochen zerstreut auf der Ebene herumliegen.

Die Ebene ist unbewohnt, einsam – sie eignet sich als Ort für eine Vision. Sie ist Ort des „Not Knowing“, als Ort, wo etwas geschieht, und man weiss nicht, was es sein wird (vgl. Apgl. 8, 26f.: einsame Strasse). Die Ebene des Propheten entspricht der Wüste des Gottesvolks.

Der mittelalterliche Mönch und Mystiker Meister Eckehart sagt:

„Je mehr du in dir selbst in einer Wüste stehst
und unwissend aller Dinge,
um so näher kommst du dem,
der da alle Dinge ist.“ (70)

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Die Szenerie, in die hinein der Prophet entrückt wird, ist bizarr-gespenstisch: Da liegen Knochen herum, „sehr viele“, heisst es betont, und „sehr vertrocknet“. Nicht einmal mehr Spuren der Verwesung sind an den Knochen zu erkennen. Sie sind ausgebleicht, leblos, tot, wie etwas nur tot sein kann.

Dem Propheten stehen Bilder des Grauens vor Augen, die er vermutlich selber in Wirklichkeit gesehen hat. Sanherib, der Herrscher der assyrischen Grossmacht, der in einem Feldzug bis vor die Tore Jerusalems gelangt war, brüstete sich, er habe die Ebene mit den Leichen feindlicher Krieger gefüllt wie Gras. Ihr Fleisch sei von den Adlern und Geiern gefressen worden. (Greenberg 455)

Uns Heutigen, uns tauchen Bilder auf aus Ruanda und Srebrenica. Und – sie besonders – Bilder der Shoa, des Holocaust.

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Im Anblick dieser Bilder des Grauens fragt Gott den Propheten:

„Du Mensch, werden diese Gebeine wieder lebendig werden?“

Die Antwort des „Menschen“ lautet:

„Herr, EWIGER, du weisst es.“

„Du weisst es“, das bedeutet: „Ich weiss es nicht“. Der „Mensch“ ist also „unwissend aller Dinge“, wie Meister Eckehart sagt. Der Mensch steht „in einer Wüste“, ist „not knowing“, „nicht wissend“.

Dieses „Nicht-Wissen“ ist nicht etwa ein Defizit, das es auszufüllen gilt mit „Wissen“, das man sich aneignet. Der spirituelle Weg beginnt nicht beim Nicht-Wissen. Das Nicht-Wissen ist vielmehr sein Ziel.

Der grosse Zen-Meditationslehrer Shunryu Suzuki (1904-1971) hat sein wichtigstes Buch überschrieben mit „Zen-Geist – Anfänger-Geist“. Schon der Titel macht deutlich: Es gilt, Anfänger zu werden. Ganz zum Ursprung zurückzukehren. Ursprünglich, einfach zu werden. In dem Buch sind die pointierten Sätze zu lesen:

„Im Anfänger-Geist gibt es keinen Gedanken: ‚Ich habe etwas erreicht.‘ Alle selbstbezogenen Gedanken grenzen unseren unendlich weiten Geist ein. Wenn wir nicht daran denken, etwas zu erreichen, nicht an uns selbt denken, sind wir wahre Anfänger.“ (23)

In diesem Modus, als „wahrer Anfänger“, spricht der Prophet seine Worte: „EWIGER, du weisst es.“ Mit diesen Worten schafft der Prophet allen Raum für Gott. Wenige Zeilen später in unserem Text (am Schluss von V. 7) sagt Gott:

„Ihr werdet wissen, dass ich der EWIGE bin“ –

mit dem gleichen Wort „wissen“.

„Ihr werdet wissen, dass ich der EWIGE bin“ –

diese Worte beziehen sich auf die Einleitung zu den zehn Geboten, wo Gott sich selber folgendermassen vorstellt:

„Ich bin der EWIGE, dein Gott. Ich habe dich aus dem Land Ägypten, dem Sklavenhaus herausgeführt.“ (Ex. 20, 2)

Hier ist sie wieder, die Befreiung aus der Sklaverei. Oder, in der noch radikaleren Vision des Propheten: die Befreiung aus dem Tod. Die Befreiung zum Leben, zu unbegrenzter Lebendigkeit.

Das ist Gott, der befreiende Gott des Exodus. So erweist er sich am „Menschen“. Anders als Jesaja und Jeremia, Hanna und Maria und wie die Prophetinnen und Propheten alle heissen – anders als sie nennt Gott den Propheten Ezechiel nicht beim Namen. Er nennt ihn den „Menschen“.

Der Akzent liegt hier offensichtlich nicht auf dem Individuum Ezechiel, auch nicht auf seinem Amt als Prophet, sondern schlicht auf seinem Menschsein. Was mit dem Propheten geschieht, das geschieht in gewissem Sinn mit jedem „Menschen“, das geschieht auch mit uns, wenn wir hineingenommen werden in diese Vision des „Menschen“.

Wir sind es, die von der Hand des EWIGEN hinausgeführt werden in die Wüste, auf die Ebene des Not-knowing, des Nicht-Wissens. Wir sind es, die dort draussen erkennen, erfahren, wissen, dass Gott der EWIGE ist, der befreit aus dem Sklavenhaus Ägypten, der befreit aus „Welt, Sünde und Tod“, wie Martin Luther sagte.

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Nun sagt Gott zum „Menschen“, er soll weissagen. Der Mensch ist also nicht bloss Zuschauer eines äusseren, äusserlichen Ereignisses. Er ist selber in das Geschehen einbezogen. Ja, es ist eigentlich der Mensch, der wirkt, durch seine weissagenden Worte wirkt, Gott wirkt eigentlich nur indirekt, indem er dem Menschen sagt, was dieser sagen soll:

"4 Und er (der EWIGE) sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr vertrockneten Gebeine, hört das Wort des EWIGEN! 5 So spricht Gott der EWIGE, zu diesen Gebeinen: Seht, ich lasse Geist in euch kommen, und ihr werdet leben. 6 Und ich gebe euch Sehnen und lasse Fleisch wachsen an euch, und ich überziehe euch mit Haut und lege Geist in euch, und ihr werdet leben, und ihr werdet erkennen, dass ich der EWIGE bin."

Der grosse amerikanisch-jüdische Religionswissenschaftler Moshe Greenberg (1928-2010) vergleicht die Reihenfolge, mit der hier aus den Knochen die Menschen wiederhergestellt werden, nicht ohne Humor mit einem Badehausbesuch:

„Die zuletzt abgelegten Kleidungsstücke zieht der Badende als erste wieder an, wenn er sich ankleidet, um das Badehaus zu verlassen.“ (457)

Was also beim Leichnam von den Knochen abfällt, die Haut, dann das Fleisch, dann die Sehnen – das wird nun, wo er sich gleichsam wieder ankleidet, in der umgekehrten Reihenfolge den Knochen wieder zugefügt: die Sehnen, das Fleisch, die Haut.

All dies wird mit überraschend detaillierten anatomischen Kenntnissen beschrieben, wie sie im Alten Orient insbesondere in Ägypten vorhanden waren – wegen des dort praktizierten Ritus der Einbalsamierung. Interessant ist nun, dass in ägyptischen Pyramidentexten das Zusammenkommen der Knochen sich verbindet mit der Öffnung der Himmelstür:

„Raffe die Knochen zusammen, damit sie sich nicht loslösen… Geöffnet werden dir die Türflügel des Himmels, zerbrochen werden dir die grossen Riegel.“ (nach Z 894)

Eben dies geschieht auch in der Vision des Ezechiel: Im Zusammenraffen der Knochen öffnen sich die Tore zum ewigen Leben. Das Geschehen erinnert an die berühmten, von Johann Sebastian Bach vertonte Karfreitagsszene im Matthäusevangelium. Moshe Greenberg weist explizit darauf hin:

„Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss von oben bis unten in zwei Stücke, und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Grüfte öffneten sich, und viele Leiber der Entschlafenen wurden auferweckt.“ (Mt. 27, 51f.)

Auch hier kommt das Wort vor, das sich als Leitwort durch die ganze Vision des Ezechiel durchzieht: „Siehe“. Das Wort bringt das Überraschende, ja Unfassbare der Ereignisse zum Ausdruck.

Es ist das Wort, das das Jenseits des Alltagsbewusstseins signalisiert. Was der Mensch hier erlebt, ereignet sich aber nicht nur im „Sehen“, also im visuellen Bereich, sondern auch im akustischen. Von einem Lärm, einem Rauschen ist die Rede – es bringt die Erschütterung des Menschen zum Ausdruck, der all dies erlebt.

Die Szene ist seltsam zerdehnt, sie spielt sich ab wie in Zeitlupe – auch das passt zu der transzendenten Atmosphäre.

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So wie Gott am Anfang der Bibel den Menschen zunächst aus Lehm formt und ihm anschliessend Lebensodem in die Nase haucht, dass er ein lebendiges Wesen wird – ebenso vollzieht sich die Auferweckung der Gebeine in der Vision des Ezechiel in zwei Phasen. Die Einhauchung des „Geistes“ geschieht separat.

„Geist“, auf Hebräisch „Ruach“, ist wie „Siehe“ ein Leitwort unseres Textes. Neunmal kommt es insgesamt vor in zehn Versen. Das Wort hat ein faszinierend breites Bedeutungsspektrum. Die vier Winde, von denen der Geist herkommt und die Leblosen anhaucht – auch diese vier Winde heissen im Urtext „Ruach“.

„Ruach“ bedeutet Wind, bedeutet Atem, jenen Lebensodem, den wir ein- und ausatmen, solange wir leben, vom ersten bis zum letzten Atemzug. Ruach bedeutet aber auch göttliche Geistkraft, „Heiligen Geist“. Gottes Geist und menschlicher Atem sind in der Tiefe eins.

Und schliesslich ist die Ruach eben auch jene Geistkraft, die den Propheten in Trance versetzt, die ihn aus dem Alltag herausholt und hineinstellt in jene Ebene, wo ihm Gott begegnet. Dieses ganze Spektrum umfasst das Wort „Ruach“ – und unser Text, rhetorisch brilliant, verwendet das Wort in diesem seinem ganzen Spektrum.

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Zum Schluss möchte ich noch auf etwas hinweisen, was im Austausch über den Text im sog. „Bibelteilen“ im kleinen Kreis per Zoom am letzten Mittwoch Thema war. Jemand sagte, der Text habe „Hand und Fuss“.

Tatsächlich steht ganz am Anfang die Hand, die „Hand des EWIGEN“. Und ganz am Schluss, da stehen die Füsse. Die Auferstandenen, heisst es da, „stellten sich auf ihre Füsse“. Auch das – die Hand am Anfang, die Füsse am Schluss – ist sprachlich bewusst gestaltet, der Text hat, könnte man sagen, auch rhetorisch Hand und Fuss. Und nicht nur rhetorisch. Auch spirituell schliesst sich der Kreis:

Am Anfang führt die Hand des EWIGEN den Menschen aus dem Alltagsbewusstsein hinaus. Das Sich-auf-die-Füsse-Stellen am Schluss bringt symbolisch zum Ausdruck, dass der Mensch nun zur Tat schreitet. Er kehrt aus der Trance in den Alltag zurück, vom Berg, aus der Wüste, aus der Kirche heraus macht er sich ans Tagwerk.

Er tut es mit einer neuen Sammlung. Die zerstreuten Knochen sind zusammengefügt zu einem „sehr, sehr grossen Heer“ heisst es am Schluss. Generalin des Heers ist Gott. In ihm konzentrieren sich die Kräfte meines Seins, von den physischen Kräften, den Knochen, den Sehnen, dem Fleisch, der Haut bis hin zu den geistigen Kräften, dem Lebensodem, dem göttlichen Geist.

Der andere grosse deutsche Mystiker neben Meister Eckehart, Johannes Tauler, sagt:

„Es muss eine kraftvolle Einkehr geschehen, ein Einholen, eine innere Sammlung aller Kräfte, der niedersten wie der höchsten, ein Einswerden aus aller Zerstreuung; sind doch alle Dinge vereint kraftvoller.“ (16)

Auf diesem Weg der Integration, der kraftvollen Einkehr, der Einswerdung aus aller Zerstreuung bhüet eus, Gott!

Amen.

Manuskript der Predigt im Gottesdienst vom Sonntag, 25. April 2021 (Osterzeit)

Auszug Gottes, Auffahrt Christi (Ezechiel 1*)

Predigt I

Die Visionen des Ezechiel wirken wie Kuppeln von barocken Kathedralen.

In der ersten Vision, gleich im 1. Kapitel, tauchen jene vier Wesen auf, die wir als sogenanntes Tetramorph (Viergestalt) kennen.

Seit der frühsten Christenheit werden sie den vier Evangelisten zugeordnet: der Mensch dem Matthäus, der Löwe Markus, der Stier Lukas, der Adler Johannes.

Als Grund für diese Zuordnung erwähnt der Kirchenvater Hieronymus (347-420), dass das Matthäus-Evangelium mit dem menschlichen Stammbaum von Jesus beginnt. Deshalb wird diesem Evangelisten der Mensch als Attribut zugeordnet.

Das Markusevangelium beginnt mit dem Rufer in der Wüste: „Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Strasse gerade“, soll Johannes der Täufer wie ein Löwe gebrüllt haben. Deshalb ist der Löwe das Symbol des Evangelisten Markus.

Der Stier ist ein typisches Opfertier, Opfern wiederum ist Aufgabe der Priester, und weil am Anfang des Lukasevangeliums Zacharias auftaucht, der Vater von Johannes dem Täufer und von Beruf Priester – deshalb ist das Symbol des Lukas der Stier.

Schliesslich ist da das vierte Wesen, der Adler. Er erhebt sich in höhere Dimensionen, zum Wort, das von Gott kommt – so heisst es am Anfang des Johannesevangeliums. Deshalb ist der Adler das Attribut des Johannes.

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Wenn wir hinter die Evangelisten zurückgehen zu Christus selber, dann ergibt sich dort eine weitere, tiefsinnige Deutung: Die vier Wesen symbolisieren Aspekte von Christus: Er ist König, wie der Löwe König der Tiere ist. Er ist Priester, was der Stier als Opfertier darstellt. Er ist menschgewordener Gott – was sich im der Gestalt des Menschen zeigt. Und er gibt den Geist – diesen Aspekt symbolisiert der Adler. (nach Wikipedia)

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Die vier Wesen – Mensch, Löwe, Stier, Adler – sind aber noch älter als Christus und das Christentum. Sie gehen zurück ins Alte Testament, auf die eingangs erwähnte Vision des Ezechiel. Im 1. Kapitel seines Buchs erzählt der Prophet, wie von Norden her ein Wind kommt:

„Und ich sah, und sieh: Vom Norden kam ein Sturmwind, eine grosse Wolke und flackerndes Feuer, und rings um sie war ein Glänzen.“ (V. 4*)

Im Norden ist der Zaphon, der mythische Gottesberg, der später mit dem Zion identifiziert worden ist, dem Tempelberg in Jerusalem. Von jenem sagenhaften Berg her kommt der Wind, Ruach auf Hebräisch, übrigens ein weibliches Wort. „Wind“ ist ein Wort für Gott, das Fest des Winds, des Heiligen Geistes feiern wir bald, an Pfingsten. Mit dem Wind einher kommen eine grosse Wolke und ein flackerndes Feuer. Das erinnert an die Uroffenbarung Gottes am Sinai, dem heiligen Berg, wo er im Gewitter erschien. Und dann, wie er die Israeliten durch die Wüste begleitet, als Wolkensäule am Tag, als Feuersäule in der Nacht.

Die spektakuläre Vision des Ezechiel beschreibt also nichts anderes als eine Theophanie, eine Erscheinung Gottes. Das Feuer im Ursprung der Welt kommt dem Propheten entgegen mit überwältigender Wucht. Und nun, im Feuer drin, erscheinen die vier Wesen:

„Und mitten darin war die Gestalt von vier Wesen, und … jedes hatte vier Gesichter, und jedes von ihnen hatte vier Flügel…. … Und das war die Gestalt ihrer Gesichter: Sie hatten ein Menschengesicht (nach vorn), und auf der rechten Seite hatten alle vier ein Löwengesicht, und auf der linken Seite hatten alle vier das Gesicht eines Stiers, und alle vier hatten ein Adlergesicht (nach innen). Das waren ihre Gesichter.“ (V. 5-11*)

Vier Gesichter sind es, sagt der Prophet, wie auch vier Flügel, vier Wesen. Auch sonst ist die Vier ein formbildendes Stilmittel. Geradezu von einem „Zwang zur Vierzahl“ bei Ezechiel spricht Walter Zimmerli, der grosse Schweizer Ezechiel-Spezialist.

Vier ist die Zahl der Ganzheit, der Totalität. Es gibt vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten und vier Weltzeiten. Die vier Wesen mit ihren vier Flügeln symbolisieren die Präsenz Gottes nach allen Seiten, bis an die vier Enden der Erde. (Z53)

Die Gesichter repräsentieren den Menschen und die mächtigsten Tiere: Der Löwe war schon in der Antike der König, sogar unsere Hauskatzen scheinen sich noch daran zu erinnern, dass sie bei den alten Ägyptern als göttliche Wesen verehrt wurden. Der Stier, der zum Pflügen und zur Zucht dient, ist das wertvollste der domestizierten Tiere. Der Adler, pfeilschnell, hochfliegend, majestätisch, ist der König der Lüfte.

Das also sind sie, die vier Gesichter der vier Wesen, die all diese Kraft in sich konzentrieren. Die Pointe aber ist, dass sie in der Vision des Ezechiel nichts mehr sind als Träger des Throns Gottes. Im weiteren Verlauf seiner Vision sieht der Prophet:

„Was über den Köpfen der Wesen war, hatte die Gestalt eines Gewölbes, es war wie der Anblick eines … Kristalls. … Und oberhalb des Gewölbes … war, dem Aussehen von Saphirgestein gleich, die Gestalt eines Throns.“

Und auf diesem Thron thront der EWIGE, der Heilige, Gott. Ein alter jüdischer Kommentar sagt dazu:

„Vier Arten des Stolzes wurden in der Welt geschaffen: der stolzeste von allen – der Mensch;
der stolzeste der Vögel – der Adler;
das stolzeste der Haustiere – der Stier;
das stolzeste der wilden Tiere – der Löwe.
Sie alle aber stehen unter dem Thron des Heiligen.“ (nach G58)

Das ist die Pointe der Vision von den vier Wesen: Die Intelligenz des Menschen, die Majestät des Löwen, die Kraft des Stiers, die Freiheit des Adlers – sie alle haben ihren Wert nicht in sich. Sie stehen im Dienst des Höheren, des Heiligen, des EWIGEN.

„Soli Deo Gloria“ – so haben früher Komponisten über oder unter ihre Werke geschrieben, unter ihnen der grösste von allen, Johann Sebastian Bach. „Soli Deo Gloria“, „Gott allein die Ehre“.

Zwischenspiel: Bach

Predigt II


Im weiteren Verlauf der Vision geschieht etwas Seltsames. Zu den vier vierflügligen Wesen gesellen sich vier Räder:

„Und ich sah die Wesen, und sieh: Da war je ein Rad auf der Erde neben den Wesen… Und wenn die Wesen sich bewegten, bewegten sich auch die Räder, und wenn die Wesen sich von der Erde erhoben, erhoben sich die Räder genau wie sie, denn der Geist des Wesens war in den Rädern.“ (V. 15.19.21*)

Durch die Einführung der Räder verändert sich die ganze Vision. Nun ist es kein Thron mehr – es ist ein Wagen, auf dem Gott sitzt. Das statische Bild des Throns verwandelt sich in ein dynamisches. Es kommt Bewegung in die Sache.

Und so kommt es zur dramatischen Pointe der ganzen Szene: Der Thron, der Tempel steht, verlässt diesen nun, er fährt, in einen Wagen verwandelt, aus dem Heiligtum hinaus.

Das ganze fantastische Gebilde, das da in Bewegung kommt, dieser Thronwagen, auf dem Gott sitzt, bezeichnet Ezechiel als „Lichtglanz“. Es ist dieser Lichtglanz, in den die Menschen nicht direkt schauen können, weil sie sonst verglühen. Mose durfte ihn einst, von der Hand Gottes beschützt, aus einem Felsspalt von hinten sehen. Und als er nach vierzig Tagen vom heiligen Berg herunterstieg, da war auf seinem Gesicht ein Abglanz jenes göttlichen Lichts zu sehen. Fortan legte Mose eine Hülle über sein Gesicht, damit die Menschen nicht von seinem Strahlen geblendet werden.

Dieser Lichtglanz also erhebt sich als Thronwagen aus dem Tempel. Auch Ezechiel sieht ihn nicht direkt. Aber er hört ihn hinter sich:

„Hinter mir hörte ich ein gewaltiges Getöse, als der Lichtglanz des EWIGEN sich von seinem Ort erhob. Und das war das Geräusch der Flügel der Wesen, … und zugleich das Geräusch der Räder, ein lautes Dröhnen. Und der Geist hatte mich emporgehoben und nahm mich fort... So kam ich nach Tel Aviv zu den Verbannten, die am Fluss Kebar wohnten.“ (3, 12-15*)

Was dem Prophet hier widerfährt, ist ein „alle Erwartungen sprengendes Geschehen“ (Z58). Ezechiel war Sohn eines Priesters und einst selber Priester am Tempel in Jerusalem. Er war vertraut mit dem Kult dort. Er wusste: Der Tempel ist der Nabel der Welt. Ist der Ort, wo Gott wohnt.

Doch dann wurde Jerusalem geschleift, der Tempel zerstört, Ezechiel mit vielen anderen Israeliten ins babylonische Exil verschleppt. Der ganze Lebenszusammenhang, die kosmische Ordnung, die Sicherheit, der Sinn, die Geborgenheit in der Burg Gottes war zerbrochen. Man sass an den Strömen Babels und weinte. Die Harfen hingen an den Weiden, die Lieder gingen vergessen – so heisst es sinngemäss in einem Psalm aus dem Exil (Psalm 137).

In dieser Situation sieht Ezechiel in seiner Vision, wie der göttliche Lichtglanz selber aufbricht aus dem Tempel. Fortan – das symbolisiert die Zahl vier, und das ist die Pointe – ist Gott allüberall, in allen vier Weltgegenden, sein Lichtglanz strahlt bis an die vier Enden der Erde.

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Was der Prophet da sieht, entspricht genau dem, was wir Christenmenschen an Auffahrt feiern, an Christi Himmelfahrt am kommenden Donnerstag.

In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Jesus vor den Augen seiner Jüngerinnen und Jünger in den Himmel entrückt wird:

„Jesus wurde vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.“ (1, 9)

Für Ezechiel war es der Tempel, der verloren ging, für die Jüngerinnen und Jünger der leiblich gegenwärtige Christus. Er hatte sie von ihren Fischerbooten weggerufen, sie hatten alles verlassen und waren ihm nachgefolgt, wohin immer er ging.

Doch auf dem Weg, den er nun geht, können sie ihm nicht folgen. Fortan geht es für sie nicht mehr darum, dem äusseren Meister zu nachzulaufen, sondern den Christus in sich zu entdecken. Es geht für mich darum, „Christus in mir“ zu entdecken – und überall in der Welt, in den Mitmenschen, in allen Wesen, in Flora und Fauna.

Der Tempel ist an jedem Ort – das ist, übrigens, eine Einsicht, welche die endlosen, dieser Tage gerade wieder aufflammenden Auseinandersetzungen um den Tempelberg in Jerusalem eigentlich ad absurdum führt.

In der Nachfolge Jesu und im Nachklang der Vision des Ezechiel müsste man im Gegenteil sogar sagen: Wenn Gott an irgendeinem Ort besonders präsent ist, dann nicht im Zentrum, sondern an den Rändern.

Jesus hat sich bekanntlich den Zöllnern und Sünderinnen zugewendet, jenen am Rande der Gesellschaft, den Outcasts. Er sei, fasste er seine Mission und Message zusammen, gekommen, das Verlorene zu suchen. Das Elende im Sinn des Althochdeutschen Eliland, des fremden Landes. In derselben Bewegung zog der Lichtglanz Gottes, augenzwinkernd gesagt, von Jerusalem nach Tel Aviv aus, im Ernst aber: aus dem zentralen Heiligtum ins babylonische Exil: „So kam ich nach Tel Aviv zu den Verbannten, die am Fluss des Kebar wohnten“, sagt der Prophet.

Die heutige Stadt Tel Aviv hat ihren Namen von jener Siedlung von Exulanten im babylonischen No mans-Land am Kebar, einem Seitenarm des Euphrat. Tel Aviv bedeutet ursprünglich „Ruinenhügel der Sintflut“, also ein alter, verfallener, unbesiedelt daliegender Stadthügel. Doch auf Hebräisch klingt Tel Aviv wie Frühlingshügel, „Ährenhügel“ (Z83).

Das Exil, das fremde Land, auch innerseelisch: die unerforschten, dunklen Zonen, jener Bereich, den der Schweizer Psychiater C.G. Jung „Schatten“ nennt – das ist der Ort, wo die Wandlung geschieht, jetzt im Frühling, jetzt in der Himmelfahrt, im Aufbruch des göttlichen Thronwagens, der auch uns hineinnimmt ins Licht.

Auf unserer Reise bhüet eus, Gott! Amen.

Predigt im Gottesdienst vom 9. Mai 2021 (Sonntag vor Christi Himmelfahrt)

Einzug des Lichtglanzes in den Tempel: Ezechiel 43, 1-7

Einleitung:

An Christi Himmelfahrt geht Gott weg von der Erde. An Pfingsten kehrt er – in veränderter Gestalt, als Geistkraft – zurück.

Dieselbe Bewegung findet sich in den Visionen des Propheten Ezechiel:

Am Anfang (Ez. 3, 12-15) verlässt der göttliche Lichtglanz den Tempel, am Ende (Ez. 43, 1-7) kommt er wieder.

Mit dem Anfang haben wir uns im Gottesdienst am Sonntag vor Christi Himmelfahrt befasst.

Heute, am Sonntag nach Pfingsten, wenden wir uns einem Text zu, der ganz am Ende des Ezechiel-Buchs steht. Der Text klingt nach in einem Stück des deutschen romantischen Komponisten Robert Schumann.

Es ist ein Stück ohne Namen, es lässt also Raum, um noch ein wenig über den Text zu sinnieren. Und es hilft einem, wieder herunterzufahren – das Stück ist mit „sehr langsam“ überschrieben.
Der Text hingegen, der ist schnell, hochdramatisch, aufwühlend und auch etwas seltsam. Er böte Stoff für eine Star Wars-Szene, und so will er auch gehört werden, als Fiktion, als Mythos, als Traum. In Kapitel 43 seines Buches schildert der Prophet Ezechiel die folgende Vision:

Text:

43, 1 Der Engel („Mann aus Erz“) liess mich zu dem Tor gehen, das nach Osten gerichtet war. 2 Und sieh, der Lichtglanz Gottes kam von Osten, und das Geräusch war wie das Rauschen von Wassermassen, und von seinem Lichtglanz leuchtete das Land. … 4 Und der Lichtglanz des EWIGEN kam in das Haus auf dem Weg durch das Tor, das nach Osten lag. 5 Und der Geist hob mich empor und brachte mich in den inneren Vorhof, und sieh, das Haus war erfüllt vom Lichtglanz des EWIGEN. 6 Und ich hörte einen, der aus dem Haus zu mir redete, während neben mir der Engel stand. 7 Und er sprach zu mir: „Du Mensch, das ist die Stätte meines Throns und die Stätte meiner Fusssohlen, wo ich inmitten der Menschen für immer wohnen werde!“

Zwischenspiel: Schumann op. 68, No. 30 (aus „Album für die Jugend“, ohne Titel)

Predigt:


Fräulein M., unsere Primarlehrerin – es war ihr wichtig, dass sie so angesprochen wurde: Fräulein M.! – fragte einmal in einer Religionsstunde, wie wir uns Gott vorstellen. Eine nach dem anderen sagte, als alten Mann mit Bart, der auf einem Thron im Himmel sitzt.

Dann streckte ein Mädchen auf und sagte, sie glaube, Gott sei wie ihre verstorbene Grossmutter. Sie sei ein herzensguter Mensch gewesen und habe für sie gluegt – und so sei auch Gott.

An diesem Punkt hätte eigentlich ein spannendes Gespräch entstehen können, wenn nicht ich, das altkluge Pfarrerkind Fräulein M. daran erinnert hätte, dass in der Bibel steht, man soll sich von Gott kein Bildnis machen.

Es stimmt zwar, dass diese Worte in der Bibel stehen. Doch das hindert den Propheten Ezechiel nicht daran, seine Visionen von der göttlichen Welt sehr detailliert zu schildern. Und diese Visionen stehen auch in der Bibel. Eine davon haben wir heute gehört.

Es fällt auf, dass darin nicht weniger als vier göttliche Wesen erscheinen:

- Ein Engel, der aussieht wie ein Mann aus Erz
- Der Lichtglanz des EWIGEN
- Der Geist
- Und schliesslich Gott, der EWIGE selbst.

Betrachten wir diese vier göttlichen Wesen der Reihe nach:

1) Ganz am Anfang ist die Rede vom Mann, der aussieht wie Erz, ein überirdisches Wesen, ein Engel. Er führt Ezechiel auf seiner Reise in den Tempel. Er erinnert an die Petrus-Figur im Traum des betagten Mannes, den ich zuvor erzählt habe.

Protestanten können in der Regel mit Engeln nicht so viel anfangen, sie sind ihnen zu wenig konkret und zu kitschig. Doch ausgerechnet der bedeutendste protestantische Theologe des letzten Jahrhunderts, Dietrich Bonhoeffer, hat in seinem letzten Brief aus der Gefängniszelle an der Prinz Albrechtstrasse in Berlin seiner Verlobten Maria von Wedemeyer Engelerfahrungen angedeutet. Er schreibt:

„Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt.“

Zu jenen, die machen, dass er sich nicht verlassen fühlt, gehören auch die Engel. Bonhoeffer schreibt weiter:

„Die Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder... Es ist ein grosses unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“

Und dann folgt das berühmte, vielfach vertonte Gedicht:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

2) Nach dem Engel sieht der Prophet Ezechiel ein weiteres göttliches Wesen: den Lichtglanz.

Die Vorstellung vom Lichtglanz hat ihren Ursprung in Naturphänomenen wie Gewitter, Sturm und Erdbeben: „Wolkendunkel ist rings um den EWIGEN her“, heisst es z.B. in einem Psalm (97), „Feuer geht vor ihm her, Blitze erhellen den Erdkreis, die Erde bebt, Berge zerschmelzen wie Wachs“.

Es sind solche Naturphänomene, die in der Bibel auf Gott übertragen werden, Gott ist Lichtglanz, Gott ist Feuer, sein Licht leuchtet heller als tausend Sonnen, wir Sterblichen dürfen ihn nicht sehen, nicht einmal Mose durfte ihn sehen, auch er wäre sonst verglüht.

Auf Moses Bitte, den Lichtglanz sehen zu dürfen, stellt Gott Mose in eine Felsspalte und legt schützend seine Hand über ihn. Nachdem der göttliche Lichtglanz vorbeigezogen ist, nimmt Gott seine Hand weg und ermöglicht Mose, den Lichtglanz von hinten zu sehen (Ex. 33, 18ff.) Immerhin das. :-)

Einmal weilte Mose vierzig Tage und Nächte lang auf einem Berg und fastete. Danach, heisst es, spiegelte sich der Lichtglanz des EWIGEN auf seinem Antlitz. Fortan trug er eine Hülle, eine Art Tarnkappe über seinem Gesicht, um die Menschen nicht zu blenden. Er nahm die Kappe nur ab, wenn er mit Gott allein war.

3) Ein weiteres, ein drittes göttliches Wesen tritt auf den Plan: der Heilige Geist, die Geistkraft Gottes.

Das entsprechende hebräische Wort, Ruach – übrigens ein weibliches Wort: DIE Ruach – bedeutet „Atem“, Schnuuf, den Lebensodem, der uns am Leben erhält vom ersten bis zum letzten Atemzug.

Dieser Atem ist gleichzeitig der heilige Geist, die göttliche Geistkraft. Wir sind also erfüllt und durchdrungen von Gott selbst, Atemzug für Atemzug atmen wir Gott ein und aus.

4) Der Engel, der mich begleitet, der Lichtglanz, der mich blendet, der Atem, der mich belebt – all das sind göttliche Wesen. All das ist Gott. Und schliesslich ist Gott der EWIGE – das ist sein Name bzw. die unbeholfene Übersetzung des Namens Gottes, der im Judentum aus Ehrfurcht vor dem Allmächtigen nicht ausgesprochen werden darf.

Auch Ezechiel redet nur ganz andeutungsweise von Gott: „Ich hörte einen, der aus dem Haus heraus zu mir redete“, sagt er.

Aus dem Inneren des „Hauses“, also des Gotteshauses, des Tempels hört der Prophet eine Stimme. Er selber geht nicht hinein. Er bleibt draussen im Vorhof. Auch das ist Ausdruck der Ehrfurcht. Es bleibt eine unendliche, unüberwindliche Distanz: „Gott im Himmel, du auf Erden“, heisst es an einer Stelle in der Bibel.

Doch die Worte, die der Prophet hört, sagen genau das Gegenteil. Sie sprechen paradoxerweise von zeitloser, ewiger Nähe des EWIGEN. Gott sagt: „Das ist der Ort, an dem ich für immer inmitten der Menschen wohnen werde.“

Der Ort ist ursprünglich die Bundeslade, der Gottesthron im Jerusalemer Tempel. Es ist der Tabernakel in der katholischen Kirche. Es ist der Ort, wo sich die göttliche Kraft konzentriert. Viele kennen solche Kraft-Orte – für mich selber ist der wichtigste Kraft-Ort der Ranft, der Ort in der Ur-Schweiz, wo Bruder Klaus lebte.

Wenn ich in Kontakt mit dem Innersten, dem Zentrum kommen will, dann steige ich hinunter in die Tiefe des Ranft. Oder auch in die Tiefe der Krypta von Maria Stein. Und auch dieser Ort hier, unser Kirchgemeindehaus, an dem ich schon geweint und gelacht, getanzt und gebetet und gesungen und der Musik gelauscht habe – auch dieser Ort ist touched by the secret, berührt vom Geheimnis, von den Fusssohlen des Ewigen, um es mit den Worten Ezechiels zu sagen.

Allerdings: Es sind immer nur die Fusssohlen Gottes, die an so einem Kraftort spürbar sind. Gott ist unendlich viel grösser als all unsere irdischen Tempel, Kirchen und Kraftorte, sein Tempel ist allüberall, das Universum sein Wohnort und auch mein Herz.

Das ist die Botschaft von Pfingsten, und diese Botschaft, glaube ich, macht frei, sie macht den Horizont weit, und sie stiftet Frieden, weil sie jeden Besitzanspruch ad absurdum führt. Es gibt nichts, worum es sich zu streiten lohnt.

Meine frühere Pfarrkollegin in Zürich-Schwamendingen, Hanna Kandal, bittet um diesen Geist in einem wunderbaren Gebet:

Gott,
du bist uns voraus
und lässt dich nicht binden,
Gefährte der Wandernden.
Lock uns,
und wir werden uns trauen,
über das hinauszugehen,
was wir festgelegt haben.
Neuland werden wir entdecken
und andere Horizonte.
Aufhorchen werden wir
und ihn spüren, den neuen Geist,
in einer Sprache,
die Brücken baut.
Ankommen werden wir
in gegenseitigem Verstehen. Amen.

Im Nachklang der Predigt hören wir ein Prelude des russischen Komponisten Sergej Rachmaninoff, das mit der festen Melodieführung in der linken Hand und dem Schleier schwebender Akkorde in der rechten Hand gleichsam das Spannungsfeld zwischen den Fusssohlen an diesem Ort und der unfassbaren Weite anklingen lässt.

Manuskript der Predigt im Gottesdienst vom Sonntag nach Pfingsten, 30. Mai 2021

Vision von der Tempelquelle: Ezechiel 47, 1-12

Einleitung:

An Christi Himmelfahrt geht Gott weg von der Erde. An Pfingsten kehrt er – in veränderter Gestalt, als Geistkraft – zurück.

Dieselbe Bewegung findet sich in den Visionen des Propheten Ezechiel:

Am Anfang (Ez. 3, 12-15) verlässt der göttliche Lichtglanz den Tempel, am Ende (Ez. 43, 1-7) kommt er wieder.

Inzwischen liegt Pfingsten schon drei Wochen zurück. Wir stehen schon tief im Flachland der festlosen Zeit im Kirchenjahr, die sich den Sommer und Herbst über hinzieht, bis im Advent der nächste Zyklus der christlichen Festzeiten und Festtage beginnt.

Zu dieser festlosen Zeit passt nun die letzte Vision des Propheten Ezechiel, mit der ich mich noch befassen möchte. Sie steht in Kapitel 47, dem zweitletzten Kapitel des Prophetenbuchs. Sie schildert, wie eine Quelle vom Tempel in Jerusalem ausgeht, bis ins Tote Meer hinunterfliesst und dort, in der Wüste Fruchtbarkeit, Leben und Heilung schafft – so wie der Geist von Pfingsten ausströmt in die nachpfingstliche festlose Zeit hinein.

Auch für diese Vision gilt, was wir schon bei früheren Visionen festgestellt haben: Sie ist wie ein Traum, der Text ist eine Art Mythos oder ein Science Fiction-Roman. Manches klingt realistisch, aber es geht – wie bei Star Wars oder Star Treck – nicht um Realismus, sondern um Fiktion. Das ist gerade das Interessante daran.

Wieder ist es, wie bei den früheren Visionen, ein „Mann aus Erz“, also eine transzendente Gestalt, ein Engel, der Ezechiel in seiner Vision führt. Ezechiel schildert, was mit ihm geschieht:

Kommentierte Lesung Ezechiel 47, 1-12* (Der Text ist gekürzt, der Verständlichkeit wegen und auch, weil man in der Forschung davon ausgeht, dass er nicht aus einem Guss verfasst, sondern mit späteren Zusätzen erweitert worden ist.)

Der Engel brachte mich zum Eingang des Hauses. Und sieh, Wasser quoll unter der Schwelle des Hauses hervor…

Man hat sich dieses Wasser als kleines Rinnsal vorzustellen. Doch nun geschieht Erstaunliches:

Während der Engel hinausging …, hielt er eine Messschnur in seiner Hand, und er mass tausend Ellen ab. Dann liess er mich durch das Wasser gehen: Das Wasser reichte mir bis an die Knöchel. Und er mass tausend ab und liess mich durch das Wasser gehen: Das Wasser reichte mir bis an die Knie. Und er mass tausend und liess mich hindurchgehen: Das Wasser reichte mir bis an die Hüften. Und er mass tausend ab: Da war es ein Fluss, durch den ich nicht gehen konnte…

Viermal 1000 Ellen sind ca. zwei Kilometer. In dieser Distanz wächst das Wässerchen zu einem gewaltigen Fluss. Die Zahl vier kommt bei Ezechiel häufig vor. Man spricht geradezu von einem „Zwang zur Vierzahl“ beim Propheten (Zimmerli). Es gibt, zum Beispiel, vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, vier Weltzeiten. Oder auch die vier Symbole, die den vier Evangelisten zugeordnet sind: der Mensch dem Matthäus, der Löwe Markus, der Stier Lukas, der Adler Johannes. Die vier Wesen sind auch auf unserem Altartuch abgebildet – auch sie gehen auf Ezechiel zurück.

Ein Kirchenvater – Theoderet – hat auch unsere Stelle mit den vier Wasserständen auf die Evangelien bezogen. Die unermessliche Tiefe bei der vierten Messung entspricht der unermesslichen Tiefe des vierten Evangelisten, des Johannesevangeliums.

Vier ist die Zahl der Ganzheit, der Totalität. Was hier geschieht, dieser ansteigende Wasserstand, das führt, offenbar, in die Vollendung hinein. Darauf weist der Engel den Ezechiel nun hin:

Und der Engel sprach zu mir: Hast du gesehen, du, Mensch?

… Dieses Wasser fliesst hinaus in die Wüste und dann ins Tote Meer, ins bittersalzige Wasser, und das Wasser wird geheilt. Und alle Lebewesen, von denen es dort überall wimmelt, wohin der Fluss kommt, werden leben, und die Fische werden überaus zahlreich sein. … Und wohin der Fluss kommt, da wird Leben sein. … Aller Art werden seine Fische sein, wie die Fische des grossen Meeres, überaus zahlreich. …


Wer sich in der Bibel auskennt, wird in den Worten des Engels Anklänge an die Schöpfung hören. Im Schöpfungsbericht, am Anfang der Bibel, ist die Rede von wimmelnden Wesen und „aller Art“ (Gen. 1, 25) Wesen.

Diese Wortbezüge sind kein Zufall. Ezechiel wird in der Vision zurückgeführt an den Anfang, den Ursprung, zurück ins Paradies. Das wird im letzten, dem zwölften Vers ganz deutlich. Er ist von wahrhaft paradiesischer Schönheit. Man den Eindruck, man komme heim im Garten Eden.

Die Worte klingen nach im vierten Prelude aus Opus 23 von Sergey Rachmaninoff. Es ist ein Lied ohne Worte, die Melodie des Lieds ist innig-sehnsüchtig – sie bringt die ur-menschliche Sehnsucht nach dem Heimkommen im Paradies zum Ausdruck…

Und am Fluss, an seinen Ufern auf der einen und auf der anderen Seite, werden Bäume aller Art mit essbaren Früchten wachsen; ihre Blätter werden nicht welken, und ihre Früchte werden nicht aufgebraucht. Jeden Monat werden sie Früchte tragen, denn das Wasser kommt aus dem Heiligtum. Und ihre Früchte werden als Speise dienen und ihre Blätter als Heilmittel.

Zwischenspiel: Prélude 4

Predigt:


Die Paradiesgeschichte ist vermutlich bekannt: Im Garten Eden stehen aller Gattig Bäume, die schön anzusehen und gut zu essen sind. Nachdem Adam und Eva von den Früchten vom Baum der Erkenntnis genascht haben, werden sie aus dem Paradies vertrieben.

Fortan fristen sie ihr Dasein East of Eden, jenseits von Eden, wo man, wie es in der Bibel heisst, in dauernder Feindschaft mit der Schlange lebt, unter Schmerzen Kinder gebiert, im Schweisse seines Angesichts sein Brot isst, mit dem Ackerboden kämpft, der verflucht ist, und zletscht am Änd zur Erde zurück muss, von der man genommen war. Ein Zurück gibt es nicht. Denn bei der Pforte zum Paradies, das steht der Engel mit dem zuckenden Schwert und verwehrt einem den Einlass.

Das ist die Paradiesgeschichte – eine märchenhafte Story, die die conditio humana beschreibt, die menschliche Existenz hier unten auf Erden.

Die Situation East of Eden beschreibt Ezechiel mit einem anderen, noch drastischeren Bild: Jenem vom Toten Meer. Dass dort Fische schwimmen sollen und dann noch so viele wie im Mittelmeer, das ist wirklich nur im Märchen möglich. Das Salz im Toten Meer tötet, wie sein Name sagt, jedes Leben.

Die Gegend ums Tote Meer gilt in der Bibel als verflucht. Nicht zufällig sind Sodom und Gomorrha dort situiert. Dort erstarrt auch die Frau Lots zur Salzsäule.

Doch nun, in der Vision von Ezechiel, fliesst Quellwasser durchs wüste Land hinab ins Tote Meer und bringt Leben. Das erinnert an einen Abschnitt in der Paradiesgeschichte, der völlig unbekannt ist. Er zeichnet ein ganz anderes Bild vom Paradies als jenes vom Engel, der den Garten bewacht, damit niemand je da hineingelangt.

Der Abschnitt erzählt von einem Strom, der im Paradies seinen Ursprung hat und sich dann in vier Arme teilt – auch hier taucht die Zahl vier auf. Der Fluss trägt also das paradiesische Leben hinaus in die Welt.

Die scharfe Trennung zwischen Paradies und Welt, Himmel und Erde, Traum und Wirklichkeit, Schöpfer und Geschöpf, Gott und Mensch – diese Trennung löst sich auf, es fängt gleichsam an zu fliessen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits.

Genau das Gleiche geschieht in der Vision des Ezechiel: Das Wasser fliesst aus dem Heiligtum. Übrigens gibt es auf dem Jerusalemer Tempelberg in Wirklichkeit keine solche Quelle.

Es geht also um etwas Symbolisches.

Es geht ums Heiligtum, den Wohnort Gottes, der allüberall sein kann. Ich habe im letzten Gottesdienst schon von Maria Stein und vom Ranft gesprochen als meinen persönlichen Kraftorten. Auch diese Kirche hier ist für mich so ein Ort.

Von diesen Orten strömt die Kraft hinaus in die Welt, in Alltag, ins profane Leben, in die festlose Zeit zwischen Pfingsten und Weihnacht. Wenn die Kraft mit uns ist, dann gibt es Bäume in Fülle, schön anzusehen und gut zu essen wie einst im Paradies, ja, nicht halbjährlich, sondern monatlich tragen die Bäume Früchte, gemäss einer alten jüdischen Legende von der Vollendung:

„In dieser Welt braucht das Getreide sechs Monate und die Baumfrucht zwölf Monate…; aber in Zukunft braucht das Getreide einen Monat und die Baumfrucht zwei Monate.“ (nach Zimmerli 1198)

Und die Blätter der Bäume verdorren nicht, und sie werden zu Heilkräutern voll von Grünkraft, so wie auch das Wasser Heilwasser ist. Das Wasser wird geheilt, heisst es – was bedeutet, dass es süss wird.

Manche erinnern sich vielleicht an das, was im Zusammenhang mit der Ausstellung „bienensüss“ von Doris Horvath gesagt worden ist: „Süss“ ist nicht nur eine Geschmacksqualität, „süss“ meint auch „göttlich“. Das Süss-Wasser macht uns heil, whole, macht uns ganz, bringt uns in Verbindung mit der Ganzheit, mit Gott.

In dieser Ganzheit gibt es Fische in Fülle – Fische, die in der Bibel immer einen besonderen göttlichen Bezug haben, die ersten Jünger Jesu waren Fischer, einmal, als sie nichts fingen, sagte Jesus zu ihnen, sie sollen das Netz auf der anderen Seite des Bootes auswerfen, da fingen sie so viel, dass das Netz beinahe riss. Und der Fisch war der Geheimcode der frühen Christen. Das griechische Wort für Fisch, IXTHUS, war Kürzel für Jesous Christos Theou Huios Soter, Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser.

All das, was da geschieht, wenn das Wasser aus der göttlichen Quelle strömt – all das nennt man in der Bibel Segen. Der Ur-Segen am Anfang der Bibel wurde über Abraham gesprochen. Gott sagt dort die berühmten Worte zu ihm:

„Geh aus deinem Land und aus deiner Vewandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde. … Und ich will dich segnen … und du wirst ein Segen sein.“ (Gen. 12, 1-3*)

Hier ist das Wasser gleichsam personalisiert: Wie das Wasser gesegnet ist und zum Segen wird, so ist es auch mit Abraham und Hagar und Sara. Und mit jedem Menschen, mit jeder und jedem von uns.

Und heute ganz besonders mit dir, liebe Assel. Zum Ausgang des Gottesdienstes wird Assel „Native Land“ spielen, ein wunderbares Werk aus ihrer Heimat und über ihre Heimat Kasachstan. Assel schreibt dazu:

„Man hört den Klang des freien Windes über den weiten Steppen… Das Stück ist fast so, als würde es die Not der Nomaden beschreiben, die in der Vergangenheit in diesen Steppen lebten, die harten klimatischen Bedingungen überlebten, schwierige historische Ereignisse, den Hunger zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch trotz alledem kann man auch den freien Geist des kasachischen Volkes und seine Philosophie des Tengrismus in einigen fernen Klängen hören.“

Tengrismus ist die ursprüngliche, uralte schamanische Religion in Zentralasien. Wer immer dich hierher geführt hat, Tengri, der mongolische Himmelsgott, oder Adonai, der Gott Abrahams, Hagars und Saras – mögest du gesegnet sein und ein Segen sein.

Die hebräischen Worte für „Geh hinaus“ heissen in ihrer männlichen Form, also so, wie sie Adonai zu Abraham gesprochen hat, LECH LECHA!

Die jüdisch-amerikanische Sängerin-Songwriterin Debbie Friedman hat in einem Lied die Worte in ihre weibliche Form umgeschrieben: LECHI LACH!

Dieses Lied möchten wir nun für dich singen…

Song: „Lechi lach“

Im letzten Gottesdienst habe ich von dem Mädchen in meiner Klasse in der Primarschule erzählt, die sagte, für sie sei Gott wie ihre Grossmutter – so liebevoll und gütig. Wir haben in der Predigt über eine andere bei der Vision von Ezechiel gesehen, dass das Göttliche sich auf verschiedene Weisen zeigt, als Engel, als Lichtglanz, als Atem, als der Nah-Ferne, dessen Name nicht ausgesprochen werden darf…

Heute nun taucht das Göttliche in einer nochmals anderen Form auf, nämlich als Quelle, die im Ursprung entspringt und die ausströmt und anschwillt zum grossen Fluss. Gott, in diesem Bild, ist keine Person, sondern eben: etwas Fliessendes.

Ein ähnlicher Unterschied wie zwischen persönlichem und unpersönlichem Gott besteht zwischen Wort und Klang. Worte haben einen Inhalt, sie sind greifbar, sind eindeutig und klar.

Anders der Klang, der nicht auf seine Bedeutung reduziert werden kann. Klang ist schwebend, vielschichtig, zweckfrei, er hat seinen Sinn in sich – und öffnet gerade so neue Welten, führt hinab in Tiefen, die unauslotbar sind wie der Fluss nach der vierten Messung in der Vision Ezechiels.

Was den Klang ausmacht, das beschreibt der grosse deutsche Mönch und Mystiker des Mittelalters Meister Eckehart (Senfkorn; möglicher Bezug zum Gleichnis, vgl. Zimmerli 1201!) in meinem liebsten Gedicht:

„O Seele mein,
geh aus, Gott ein!
Versenk mein Ich
in Gottes Nichts,
sink in die grundelose Flut!“

Tauchen wir also ein in die Klangwelt. Wir hören das letzte der zehn Preludes op. 23 von Sergey Rachmaninoff.

Manuskript der Predigt im Gottesdienst vom Sonntag, 13. Juni 2021 (mit Begrüssung von Assel Abilseitova als neuer Kirchenmusikerin)