Replay/Ausstellung "bienensüss" in Kaiseraugst

IMG_0523 (Gro&szlig;) <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Andreas&nbsp;Fischer)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>553</div><div class='bid' style='display:none;'>10005</div><div class='usr' style='display:none;'>68</div>
Das reformierte Kirchgemeindehaus Kaiseraugst ist derzeit auch eine Galerie. Am Sonntag, 11. April hat im Rahmen eines Gottesdienstes die Vernissage der Ausstellung „bienensüss“ der Rheinfelder Abstraktkünstlerin Doris Horvath stattgefunden.

Den ausgestellten Bildern – insgesamt drei Serien mit Bienen- und Blumenmotiven – ist gemeinsam, dass sie alle von Wabenrähmchen aus Bienenkästen eingerahmt sind. Das daraus entstandene Thema der Ausstellung – „bienensüss“ – habe ich in der Predigt aufgenommen: „Süsse“ wird im religiösen Zusammenhang zwar als Kitsch empfunden, ist ursprünglich aber ein „abstrakter“ religionsphilosophischer Begriff, der die Anwesenheit des Göttlichen beschreibt. (Vollständiges Manuskript siehe unten)

Wenn sie ihre Kunst einer Stilrichtung zuordnen müsste, sagte Doris Horvath, dann wäre es am ehesten der Impressionismus: „Die Impressionisten gaben der Farbgebung mehr Beachtung als der Linie.“

Dazu passend spielte die Pianistin Assel Abilseitova Musik des französischen Impressionisten Maurice Ravel. Später ging sie über zu minimal music, klanglich extrem reduzierter Musik der zeitgenössischen Komponisten John Adams und Arvo Pärt – auch sie passend zur Kunst von Doris Horvath, die sie selber als abstrakt bezeichnet.

Die Ausstellung dauert bis Anfang Oktober (Finissage im Gottesdienst am 3.10.), das Kirchgemeindehaus ist jeweils samstags und sonntags von 10-17 Uhr geöffnet. Die Bilder können käuflich erworben werden (120 Franken, ab drei Bildern je 100 Franken; nähere Informationen: doris-horvath.ch).

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Auszug aus dem Predigtmanuskript:

Einleitung:

„Süsse“ vermittelt zunächst und zumal bei einem Protestanten den Eindruck, es handle sich hier um Kitsch. Das „süsse Jesulein“ im harten Krippelein – das ist eine Begrifflichkeit, die es zu vermeiden gilt, wenn man nicht ins Peinliche abrutschen will.

Friedrich Ohly (1914-1996), ein – übrigens protestantischer – Mediävist, also Mittelalterforscher, schreibt in seinem Buch "Süsse Nägel der Passion" über die "Süsse" in der mittelalterlichen Mystik an einer Stelle ironisch:

„Nur kleine Kinder und spielende Jungtiere können heute noch ein ‚wie süss!‘ entlocken.“ (541)

Demgegenüber zeigt Ohly auf, dass die „Süsse“ in der christlichen Mystik eigentlich ein streng theologischer, gleichsam „abstrakter“ Begriff ist. Er hat mit Kitsch nichts zu tun. Vielmehr umfasst er alles, was Gott ist: „Es gibt die Süsse in Gott, aus ihm und zu ihm hin.“ (536)

Die Trinität, der Heilige Geist und Jesus Christus werden als „süss“ bezeichnet, all die grossen christlichen Begriffe wie „Glaube, Liebe, Hoffnung, Gnade und Erbarmen oder Weisheit“ sind „süss“, und „auch dem Himmel“ kommt Süsse zu (405).

Die Süsse spannt sich aus „zwischen Gott und Gnade hier und Honig und Früchten dort, dem für Menschen Höchsten und der Niedrigkeit des Menschen“, wie Ohly schreibt – wobei das „Höchste“ und die „Niedrigkeit“ keine Wertungen beinhalten, sie beschreiben einfach die geistig-geistliche und die sinnliche Welt.

Beginnen wir „unten“, bei den Sinnen – und innerhalb der Sinne noch einmal „unten“, nicht bei den höheren Sinnen, die in den Religionen meist die Hauptbedeutung innehaben, also nicht bei dem Hör- und dem Sehsinn, sondern beim Geschmackssinn, der im Schweizerdeutschen auch sprachlich nicht scharf vom Geruchssinn getrennt ist. Beidem sagt man „schmökke“. In einem Dossier zum Geschmackssinn des Vereins „oeku – Kirche und Umwelt“ ist Folgendes zu lesen:

„Wir werden mit geschmacklichen Präferenzen geboren. Süsses zieht Neugeborene instinktiv zur Muttermilch. Dagegen verziehen Säuglinge den Mund, wenn sie eine bittere Substanz kosten. Das ist eine von der Evolution eingebaute Sicherung. Denn was bitter schmeckt, kann giftig sein, Saures verdorben oder unreif. Süsses dagegen kommt in der Natur, abgesehen von der Muttermilch, vor allem in reifen Früchten vor.“

Unser Sinn fürs Süsse führt also hinunter bis in die tiefsten Schichten der Evolution. Er führt zurück bis in die frühste Kindheit. Zurück in jenes Land, die in den Märchen, Mythen und Träumen als Paradies bezeichnet wird, als Garten Eden. Dort wachsen Bäume, die begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen sind (Gen. 2, 9). Es ist das gelobte Land, in dem Milch und Honig fliessen. Von dort aus strömt die Süsse hinaus in die Welt.

Friedrich Ohly weist darauf hin, dass die Süsse keine Qualität der Ewigkeit ist, keine Qualität des in sich ruhenden, sich selbst genügenden Gottes.
Es ist die Qualität Gottes, der sich ausgiesst, verströmt, verschenkt, sich seiner Schöpfung zuwendet, in sie hineingeht, sie durchdringt und erfüllt. Alles ist voll von Süsse, alles ist gottvoll. „Schmeckt und seht, wie süss Gott ist“, heisst es in einem Psalm (nach 405). Und in einem alten Text lesen wir:

„Wie Honig ein Stück Brot durchtränkt, so durchfliesst Gott unsere Seele, so dass sie von der göttlichen Süssigkeit ganz erfüllt ist.“ (nach 443)

Was für die Seelen der Menschenkinder gilt, gilt auch für die Mutter Erde. Auch sie ist durchtränkt von Süssigkeit. Überall, allüberall in der Erde ist die Süssigkeit Gottes zu schmecken.

Das zeigt sich zum Beispiel in den „Stufen zur Gottesliebe“, einem mittelalterlichen mystischen Weisheitstext. Wir hören ein paar Zeilen daraus – wunderbare Zeilen, wie ich finde. Sie klingen nach in ebenso wunderbarer Musik – dem Prélude in a-Moll von Maurice Ravel.

„Jetzt lass uns die Erde betrachten. Ich sage, dass es in der Erde höchste Süssigkeit zu kosten gibt. Denn aus der Erde entspriessen die Kräuter, und aus den Kräutern entspriessen die Blüten, und aus den Blüten tropft der Honig.

Und aus der Erde entspriessen Bäume und aus den Bäumen die Früchte, die so süss sind. Und aus der Erde erwachsen alle anderen so köstlichen Lebensgüter, von denen der Mensch lebt.

Und dies könnte in keinem Fall geschehen, wenn die Süssigkeit des Honigs und die Süssigkeit der anderen Lebensgüter nicht tief in der Erde verborgen und verdeckt wären.

Verborgen ist die Süssigkeit Gottes inmitten der Erde … Im Geschmack der Dinge finden und kosten die Geschöpfe die Süssigkeit Gottes.“ (aus oeku-Unterlagen)

Zwischenspiel: Prélude a-Moll von Maurice Ravel

Predigt: „Wie Honig, süss“

Von unserer physiologischen Ausstattung her sind wir Menschenkinder für das Schmecken von Süsse, könnte man sagen, so mittelbegabt.

Fleischfresser wie die Katzen sind noch viel weniger begabt, sie schmecken überhaupt keine Süsse, Katzen sind also entgegen unserem Sprachgebrauch ausgesprochen nicht Naschkatzen. Katzen haben nur etwa 500 Geschmacksknospen – mehr brauchen sie nicht, weil sie kaum Gefahr laufen, bei ihren frisch gefangenen Mäusen und Vögeln auf verfaultes, giftiges Fleisch zu stossen.

Wir Menschen haben als Allesfresser immerhin ca. 2000-5000 Geschmacksknospen. Die wahren Feinschmecker aber finden sich unter den Pflanzenfressern. Pferde etwa kommen auf sagenhafte 35.000 Geschmacksknospen. Sie helfen ihnen, aus 450 verschiedenen Gras- und Kräuterarten jene 200 auszusortieren, die ungeniessbar sind, gruusig, sogar giftig.
Der Geschmackssinn ist, meint man, auf den Mund beschränkt. Doch es gibt Ausnahmen:

„Barfuss über Honig gehen und dabei die Süsse wahrnehmen: Was bei uns Menschen nicht funktioniert, ist bei Fliegen alltäglich. Wie andere Insekten auch haben sie Geschmacksrezeptoren an ihren Gliedmassen. Tritt die Fliege auf eine Süssigkeit, fährt sie reflexartig ihren Saugrüssel aus.“ (oeku-Unterlagen)

Es gibt Lebewesen, die mit dem ganzen Körper schmecken. Bei uns Menschen ist der Mund das Organ, über das wir Geschmäcker wahrnehmen. Das gilt auch im übertragenen Sinn. Auch das göttliche Wort kann in meinem Mund süss wie Honig schmecken:

„Wie süss sind deine Worte, Gott, meinem Gaumen,
süsser als Honig meinem Mund.“ (Psalm 119, 103)

So heisst es in einem Psalm. Und der Prophet Ezechiel hat eben dies, das süsse Wort Gottes im Gaumen, in einer Vision sinnlich erfahren. Wir hören Worte aus Ezechiel Kapitel 2 und 3:

Text: Ezechiel 2,8–3,3*

2, 8 Der EWIGE sprach: „Du, Mensch, höre, was ich zu dir rede. Öffne deinen Mund, und iss, was ich dir gebe.“ 9 Und ich sah, und sieh: Zu mir hin war eine Hand ausgestreckt, und sieh, in ihr war eine Schriftrolle. 10 Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorderseite und auf der Rückseite beschrieben, und auf ihr aufgeschrieben waren: „Klage, Ach und Wehe“.

3, 1 Und er sprach zu mir: „Du, Mensch, iss, was du vorfindest, iss diese Schriftrolle!“ 2 Und ich öffnete meinen Mund, und er liess mich jene Rolle essen.

3 Und er sprach zu mir: „Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe!“ Da ass ich sie, und in meinem Mund wurde sie wie Honig, süss.

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Dreimal unterbreitet Gott seinem Propheten das Anliegen: Er soll eine Schriftrolle essen, also eine Art antikes Buch.

Beziehungsweise genauer: Zunächst sagt Gott eigentlich nur, der Prophet soll essen, was er ihm gebe. Worum es sich handelt, bleibt offen. Man könnte eine gewöhnliche Speise erwarten, vielleicht sogar eine paradiesische Speise, panis angelicus, Engelsbrot.

Es ist dies eine Grunderfahrung auf jedem spirituellen Weg: Er führt in ein Nicht-Wissen hinein. Der grosse mittelalterliche Mönch und Mystiker Meister Eckehart sagt:

„Je mehr du in dir selbst in einer Wüste stehst und unwissend aller Dinge, umso näher kommst du dem, der da alle Dinge ist.“ (Weg der Meister, 70)

In diese innere Wüste des Nicht-Wissens hinein tritt also der Prophet, der „Mensch“, in dem Augenblick, in dem Gott ihn anspricht:

„Du, Mensch, höre, was ich zu dir rede!“

Dann sieht der Mensch eine Hand. Dass es die Hand Gottes ist, wird nicht ausdrücklich gesagt. Die Erscheinung des Ewigen bleibt schemenhaft, in der Schwebe.

Die Hand streckt sich dem Menschen entgegen, in der Hand ist eine Schriftrolle. Die Rolle wird vor dem Propheten ausgebreitet, sie ist auf der Vorder- und auf der Rückseite beschrieben – entgegen der antiken Gepflogenheit, die Rückseite leerzulassen. Das bedeutet: Es gibt wirklich nur das, was da drin steht, es ist alternativlos, da ist kein Platz für anderes.

Was drinsteht, ist in der Überschrift in drei Wörtern zusammengefasst: „Klage, Ach und Wehe“.

„Klage, Ach und Wehe“, das ist das ganze Elend des Volkes Israel in jener Zeit. Jerusalem wurde erobert, der Tempel zerstört, die Menschen deportiert ins babylonische Exil. In einem Psalm wird dieses Elend besungen – es ist ein tieftrauriges Lied, von betörender, bitter-süsser Schönheit:

„An den Strömen Babels,
da sassen wir und weinten,
wenn wir Zions gedachten.
Unsere Leiern hängten wir
an die Weiden…
Wie könnten wir Lieder des EWIGEN singen
im fremden Land.“ (Psalm 137)

„Im fremden Land“, althochdeutsch: im Eliland, eben: im Elend. Doch die Tränen – sie haben erlösende Kraft. Sie sind süss, heisst es in der Mystik. Heinrich Seuse, auch er ein mittelalterlicher Mystiker, der übrigens in Winterthur wirkte, sprach von den „dulces lacrimas“, den süssen Tränen. Sie sind eine Gnadengabe. Sie erinnern an die Tränen, die Jesus Christus selber vergoss. Tränen bezeugen die Nähe des Ewigen (512f.).

Ein Mönch mit dem schönen Namen Johannes Klimakos, also: Johannes von der Leiter fragt:

„Wie ist es möglich, dass die Tränen, die doch Trauer und Kummer bedeuten, einen Schatz von Glückseligkeit und Freude in sich bergen, der so süss ist wie Honig?“ (510)

Die Antwort, die sich von unserem Text des Propheten Ezechiel her ergibt, lautet: In den Tränen, in „Klage, Ach und Wehe“ löst sich die Bindung an den Tempel – und mit ihm die Bindung an alles Materielle. Was bleibt, was sich vertieft, ist die Bindung an Gott.

Johannes Tauler, um nun auch ihn noch zu erwähnen, der gemeinsam mit Meister Eckehart und Heinrich Seuse das Dreigestirn der Deutschen Mystik bildete, Tauler, der hier in der Nähe, in Colmar und Strassburg wirkte – er schreibt:

„Das Ich hätte gerne etwas
und es wüsste gerne etwas
und es wollte gerne etwas.
Bis dieses dreifache „Etwas“ in ihm stirbt,
kommt es den Menschen gar sauer an.
Das geht nicht an einem Tag
und auch nicht in kurzer Zeit.
Sondern man muss sich daran gewöhnen mit emsigem Fleiss. Man muss dabei aushalten, dann wird es zuletzt leicht und lustvoll.“ (Weg der Meister, 243)

Dann wird es, könnte man sagen, „süss“. Doch zunächst scheint unser Prophet nicht begeistert zu sein. „Der EWIGE liess mich jene Rolle essen“, sagt er. Die passive Formulierung fällt auf. Ezechiel lässt es über sich ergehen.

Und so spricht Gott noch einmal, ein drittes Mal, wie so oft in Märchen und Sagen:

„Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe!“

Diesmal geht es tiefer. Es gilt, die Schriftrolle runterzuschlucken, zu kauen und zu verdauen. Mit der Schriftrolle das Innere zu füllen – der entsprechende hebräische Ausdruck bedeutet eigentlich, mit ihr schwanger zu gehen. Was hier in uns wächst, ist die felix anima, die dulcis creatura dei, die glückliche Seele, die süsse Kreatur Gottes, wie sie die grosse mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen besingt. Die Seele, sagt Hildegard, ist aus der Süsse der Nähe Gottes gefallen, abgestürzt in die Weltsüsse. Nun aber erhebt sie sich wieder, kehrt wieder heim zu Gott:

“O felix anima et o dulcis creatura dei!
O glückliche Seele und süsses Geschöpf Gottes,
Du bist erschaffen in der tiefen Höhe der göttlichen Weisheit. Du liebst viel” (nach 501).

Die Süsse der Seele ist Abglanz der Süsse Gottes selbst, die reflektierende Liebe der Liebe der Gottheit. Im Auferstehungslicht Christi wird die Seele ihr eigenes verlorenes Lichtkleid wieder empfangen.

Christus, der gelitten hat und gestorben ist, der aufersteht ins Licht – Christus ist das Wort, das der Mensch da isst: “Klage, Ach und Wehe”. Es ist dieses Wort, das sich wandelt in die Süsse Gottes. Es wandelt unser Wesen, unsere sterbliche, in Weltsüsse gefallene und gefangene Seele in die Süsse Gottes hinein.

O felix anima, o dulcis creatura – o süsse Seele, bhüet di Gott! Amen.

Einleitung zu Unservater und Segen:

„Er ist der Vater, wir die Chind –
Wie süss doch diese Namen sind“ –

so heisst es in einer mittelalterlichen Auslegung des Unservaters. Es endet mit den Worten: „Heimführen möge uns „unser süsser Vater. Amen.“ (nach 450)

Und auch der Segen als Abschiedswunsch und Weggeleit gilt als „süss“: „Viel Süsse waren ihre Worte“, heisst es in einem mittelalterlichen Reisesegen.

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Bezaubernde Bilder

Die Abstraktmalerin Doris Horvath wird nach Ostern im reformierten
Kirchgemeindehaus Kaiseraugst eine Ausstellung mit aktuellen Werken eröffnen. Ein Besuch in ihrem Atelier in Rheinfelden.


Von Andreas Fischer

Draussen regnet und stürmt es an diesem Donnerstagnachmittag im März, und auch im Atelier von Doris Horvath gäbe es Grund für trübe Stimmung. Eben hatte sie ein grosses Gemälde in hellen Farben beendet, zuletzt hatte sie die Schnäbel von Vögeln mit Pastellkreide rot angemalt und einen Fixateur draufgespritzt. Doch nun hat sich dieser durch die Farbschichten durchgefressen, der Teer darunter kommt zum Vorschein. Drei Monate hat Doris Horvath an dem Bild gearbeitet. Ob sie es retten kann? «Auf jeden Fall, aber ich weiss nicht, was dabei geschieht. Vielleicht entsteht etwas ganz Neues, man muss loslassen und vorwärtsschauen.»

Doris Horvaths Bilder vermitteln jene Helligkeit, die sie selber ausstrahlt. Schockieren, sagt sie, sei nicht ihre Art von Kunst. Die Menschen sollen Freude haben, sie sollen glücklich sein im Anblick ihrer Werke. Und weiter: «Meine Arbeiten sollen in der Einfachheit bleiben. Sie sollen direkt berühren, direkt ins Herz gehen, nicht, dass man zuerst eine A4-Seite lesen muss, um sie überhaupt zu verstehen. Für den Weg über den Kopf gibt es andere Medien, besonders die Sprache.» Sie sei keine Wortkünstlerin, sie wolle mit Bildern, nicht mit Worten bezaubern.

Doris Horvath absolvierte eine vierjährige Ausbildung an der Assenza Malschule in Münchenstein. Der Name der Schule geht zurück auf Beppe Assenza (1905–1985), einen italienischen Maler, der am Goetheanum in Dornach lehrte und dessen Werke sich aus dem Spannungsfeld von gegenständlicher und gegenstandsfreier Kunst entwickelte. Das gilt auch für Doris Horvath: Sie will Gegenständliches nicht naturalistisch abbilden. «In Zeiten, wo jedes Smartphone eine Kamera hat, ist es meiner Meinung nach nicht angesagt, konkret zu bleiben», sagt sie, und: «Du kannst die Natur sowieso nicht schöner malen, als sie ist.»

Asche, Erde, Mineralien

Die Verbundenheit mit der Natur kommt anderweitig zum Tragen. Doris Horvath will Atmosphären zum Ausdruck bringen. Inspirationen dazu erhält sie auf Reisen. Schon als ganz junge Frau reiste sie viel, nach Indonesien, Australien, in viele Länder Europas. Auch heute ist Reisen eine ihrer Leidenschaften, die sie auch beruflich ausleben kann. Für das Reiseunternehmen Baumeler leitet sie Malferien auf der Nordfriesischen Insel Amrum, auf der kanarischen Insel La Gomera, im Walliser Binntal und an anderen Orten. Der Zugang zu einem Ort, erzählt sie, sei ganz anders, wenn er über die Kunst geschieht. «Du schaust anders, du siehst Kleinigkeiten, Nuancen, Spuren, und die sind überall verschieden.»

Auf Amrum etwa gibt es den Brauch des Biikebrennens: Jeweils am 21. Februar werden vertrocknete Weihnachtsbäume und -gestecke zu hohen Holzhaufen am Meer aufgeschichtet und angezündet. Das Feuer vertreibt den Winter. Doris Horvath und ihre Gruppe sammeln dann jeweils die Asche und malen damit. Auf der Vulkaninsel La Gomera und im für seine Mineralien bekannten Binntal arbeitet man mit den Materialien vor Ort. In der Erde wühlen, mit der Erde arbeiten, sie mörsern, sieben, auftragen, wegkratzen, wieder neu auftragen, das sei eine Tätigkeit, die einen mit der Natur verbindet, sagt Doris Horvath. Und die glücklich mache. Die Künstlerin zeigt mir Schubladen voll mineralischer, organischer, synthetischer Farben, alle von hoher Intensität. Das Set ist im Verlauf vieler Jahre gewachsen und wächst laufend weiter.

Magische Momente

Wenn Doris Horvath ein neues Werk beginnt, spannt sie selber die Leinwand auf den Holzrahmen. Dann fängt sie an mit Grundieren. Das sei für sie wie ein meditatives Ankommen im Bild, erklärt die Künstlerin. Ideen zu den Gemälden entstehen spontan, «ich lasse mich häufig treiben von dem, was mir vor die Füsse fällt». Auch im Malprozess selber kann es sein, dass sich eine ursprüngliche Idee verändert. «Dass es mich ganz woanders hinführt.» Dabei kommt es manchmal zu dem, was Doris Horvath «magische Momente» nennt. Es gibt sie nicht oft, doch dann «fliesst es einfach», dann «malt es». «Dann ist das Hirn abgeschaltet, der Geist komplett ruhig, und anschliessend trocknest du das Bild, hängst es auf – und es stimmt.» Und was ist das «Es», das dann malt? «Manche sagen dem vielleicht Gott, ich weiss es nicht, man ist dann einfach im Fluss.» Und oft sei es anders, da sei es ein Ringen, bis zu vierzig Schichten trägt Doris Horvath auf ihren Bildern auf.

Beim «Kirchenbild» – dem Gemälde, das vorne im Chor der Rheinfelder Kirche hängt – sei sie oft in diesem Flow gewesen. «Ich sass ein paarmal in der Kirche, stellte mir die Menschen vor, die hier verweilen, die Trauernden bei Abdankungen, die Glücklichen bei Hochzeiten und Taufen, diesen Tief- und Gipfelpunkten im Leben.» Aus dieser Empfindung heraus fing sie an zu malen, ein Gemälde, «das niemanden verletzen darf, das zum Denken anregen und glücklich machen soll».

Wabenrähmchen als Bilderrahmen

Derzeit ist Doris Horvath an einer Reihe, bei der sie Wabenrähmchen verarbeitet, also Holzrahmen, welche die Bienen mit Hilfe von Wachs zu einer Wabe ausbauen. Auch diese Rähmchen waren ihr «vor die Füsse gefallen», anfangs des Lockdowns im Frühling letzten Jahres, bei einer Wanderung oberhalb von Magden. Ein Imker wollte sie verbrennen, Doris Horvath nahm sie mit in ihr Atelier, ohne zu wissen, was daraus entstehen soll. Sie reinigte sie mit einem Lappen, schliff sie ab mit Schmirgelpapier. Einen ganzen Tag lang habe sie geschrubbt und gefeilt, erzählt sie lachend, 45 solche Rähmchen seien es. Dass sie nicht ganz sauber sind, dass an manchen Stellen noch Wachs daran klebt, das ist durchaus beabsichtigt. Irgendwann bespannte Doris Horvath einige von ihnen mit Leinwand, auf andere tackerte sie Papier. Sie fotografierte Bienen, bemalte die Flächen mit Steinmehl, Pigmenten, Acryl. Eine weitere Serie folgte, mit Blumen, gemalt mit Steinmehl und Pastellkreide. Eine dritte Serie ist geplant, das Thema ist noch offen. Wie auch die Zukunft offen ist. Die Künstlerin schaut ihr zuversichtlich entgegen. Die Pandemie hat für sie als freischaffende Künstlerin schwerwiegende Folgen, die Malreisen mussten abgesagt werden, Ausstellungen ebenso, Kurse finden keine statt. Aber auch hier gilt gemäss Doris Horvath: loslassen und vorwärtsschauen. Vielleicht entsteht etwas ganz Neues.

BILDER: PRIVATARCHIV DORIS HORVATH (WWW.DORIS-HORVATH.CH)
Ausstellung Doris Horvath
22.03.2021
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Doris Horvath und Weitere