2026
Veranstaltungen für
Verantwortlich für diese Seite: Andreas Fischer
Bereitgestellt: 07.11.2017
Pfarrperson: Pfr. Andreas Fischer und Katechetin Ursula Zuppinger
Predigttext: Lukas 10, 25-37 ("Der barherzige Samariter")
Musik: Mirjam Wagner
Kollekte: Netzwerk Asyl
Die 4. und 5. Klass-Kinder werden unter Regie von Katechetin Ursula Zuppinger Anspiele zum Thema vortragen:
"Wer ist mein Nächster?"
Den entsprechenden Predigttext hat Ursula Zuppinger träf in die hiesige Mundart übersetzt:
Der barmherzig Samariter: Lukas 10,25 - 37
Do isch en Lehrer vo de Gottesgsetz ufgstande und het Jesus wölle teste.
Er frogt: „Du Lehrer, was muess ich tue, um s ewige Läbe z becho?“
Jesus seit: „ Was stoht den im Gsetz gschriebe, was chasch du dört läse?“
Do antwortet der Schriftgelehrti: „ Lieb der Herr, din Gott, vo ganzem Härze, mit diner ganze Seel, mit diner ganze Kraft und mit dim ganze Verstand. Und: lieb dini Mitmensche wie du dich sälber gärn hesch.“
Jesus seit: „du hesch ganz recht, mach es genauso. Denn wirsch du s unzerstörbare, ewige Lebe mit Gott ha.“
Aber der Schriftgelehrti het sich do dermit nit zfriede gäh.
Drum frogt er Jesus: „wär isch denn min Mitmensch?“
Jesus seit: „ Es isch emol en Maa vo Jerusalem durch d Bergwüsti nach Jericho abegloffe. Uff däm Wäg händ ihn Räuber überfalle. Sie händ ihm d Kleider abgrisse und händ ihn zämmegschlage. Denn sind d Räuber weggange. Sie händ deä Maa halbtot am Bode lo liegge.
Zuefällig isch en Priester verbi cho. Er isch der glich Wäg gange. Er het dr verletzti Maa gseh. Er isch aber eifach gschnäll wietergange.
Es bitzeli spöter isch genauso en Tempeldiener cho. Wo är verbi cho isch, het är der verletzti Maa gseh, und het en Boge um ihn umme gmacht und isch wietergloffe.
Denn chunnt no en Samariter em Wäg entlang zlauffe. Wo är der verletzti Maa gseh het, het är Mitleid mit dem Maa becho. Er isch zu ihm gange, Er het sini Wunde mit Öl und Wy greinigt und denn het är d Wunde verbunde. Denn het der Samariter dr Maa uffgsetzt, gnoh und uff sin eigene Esel gsetzt. Er het de Verletzti zum nächste Gasthuus brocht. Dört het der Samariter der Verletzti versorgt.
Am nächschte Morge holt dr Samariter 2 Silberstück füre und git sie em Wirt. Er seit no: „kümmere dich guet um dä Maa. Wenn s Gäld derfür nit längt, gib ich dir dr Räst uff em Ruckwäg, wenn ich wieder verbi chumm.“
Do frogt Jesus: „was meinsch, welle vo dene 3 Manne isch jetzt em Überfallene der Nöchschti gsi?“
Dr Schriftgelehrti seit: „Dä, wo ihm praktisch gholfe und sich um en kümmeret het.“
Jesus antwortet: „Denn gang, und mach es genau so.“
---
Das Gleichnis steht bei heutigen "Schriftgelehrten" - also Theologinnen, Pfarrern wie mir selber - nicht in allerbestem Ruf. Es steht im Verdacht, platt, banal, moralistisch zu sein. Manche vermuten, dass es gar nicht von Jesus stammt, sondern ihm vom Evangelisten Lukas in den Mund gelegt wurde. Doch bei näherem Hinsehen wird die revolutionäre Kraft der harmlos klingenden Geschichte deutlich.
Das jedenfalls behauptet der Schweizer Theologe und Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung Leonhard Ragaz (1868-1945) in seinem grossartigen Büchlein "Die Gleichnisse Jesu".
Herzliche Einladung also zum Gottesdienst für "Gross und Klein", im Sinne von Ragaz: "Es gibt vor Gott nur Menschen. Dass wir sie als Menschen und Kinder Gottes behandeln, ist Gottesdienst, das allein"!
---
Dass ein Samariter einem jüdischen Gesetzeslehrer als Vorbild vor Augen gestellt wird, "das bedeutet" - schreibt Ragaz im Jahr 1943 (!) - "ungefähr so viel, wie wenn man heute einer Versammlung von Nationalsozialisten einen Juden als Vorbild hinstellte oder einer Versammlung hochkonservativer Frommen einen Kommunisten und Atheisten".
"Gott", folgert Ragaz, "kann auch bei den Gottlosen sein".
Und die Frage nach dem "Nächsten" beantwortet Jesus gemäss Ragaz dementsprechend "sehr einfach und sehr grossartig: Der Nächste ist der Mensch, und zwar besonders, sobald er deiner Hilfe bedarf."
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Die kürzlich verstorbene Theologieprofessorin Louise Schottroff (1934-2015) kritisiert diese Sichtweise: Es gehe im Gleichnis nicht um die Gegenüberstellung von allgemeiner Menschenliebe (Jesus) und partikularistischer Nächstenliebe (Judentum), sondern: "Das Gleichnis fragt nach Taten":
"Wenn die Hörer und Hörerinnen dieser Geschichte anfangen, darüber nachzudenken und miteinander zu besprechen, was heute und hier von mir getan werden muss, verfliegt der Spuk der angeblichen Plattheit".
---
Schliesslich sei auch noch auf die (literaturwissenschaftliche) Lesart des Gleichnisses durch Wolfgang Harnisch (geb. 1934) hingewiesen - sie ist die schwierigste, subtilste. Und jene, die mir selber am besten gefällt. Das Verhalten des Priesters und des Leviten ist das, was uns selber vertrauter ist, als uns lieb sein kann. Wir schauen, schauen - menschlich, allzumenschlich - weg und gehen vorbei.
Das Verhalten des Samariters hingegen ist alles andere als selbstverständlich. Im Gleichnis wird es auffällig ausführlich geschildert. Auf diesem Verhalten liegt in der Geschichte alles Gewicht. Es verweist auf eine Dimension, die das menschlich Erwartbare weit überschreitet. Es verweist auf die Dimension Gottes, die in uns, durch uns, über uns hinaus wirkt.
"Unendlich". "Schrankenlos". "Sie gilt, so weit Gott reicht und gilt somit, so weit der Mensch reicht". So sagt es Ragaz. Mit, wie mir scheint, wunderbaren Worten. Allerdings würde ich nicht mit ihm von der "Verpflichtung" sprechen. Sondern mit Jesus von der "Gnade", die die ganze Welt und auch mich selber durchdringt und wirksam wird im Erbarmen des Samaritaners. Auch heute noch.
"Wer ist mein Nächster?"
Den entsprechenden Predigttext hat Ursula Zuppinger träf in die hiesige Mundart übersetzt:
Der barmherzig Samariter: Lukas 10,25 - 37
Do isch en Lehrer vo de Gottesgsetz ufgstande und het Jesus wölle teste.
Er frogt: „Du Lehrer, was muess ich tue, um s ewige Läbe z becho?“
Jesus seit: „ Was stoht den im Gsetz gschriebe, was chasch du dört läse?“
Do antwortet der Schriftgelehrti: „ Lieb der Herr, din Gott, vo ganzem Härze, mit diner ganze Seel, mit diner ganze Kraft und mit dim ganze Verstand. Und: lieb dini Mitmensche wie du dich sälber gärn hesch.“
Jesus seit: „du hesch ganz recht, mach es genauso. Denn wirsch du s unzerstörbare, ewige Lebe mit Gott ha.“
Aber der Schriftgelehrti het sich do dermit nit zfriede gäh.
Drum frogt er Jesus: „wär isch denn min Mitmensch?“
Jesus seit: „ Es isch emol en Maa vo Jerusalem durch d Bergwüsti nach Jericho abegloffe. Uff däm Wäg händ ihn Räuber überfalle. Sie händ ihm d Kleider abgrisse und händ ihn zämmegschlage. Denn sind d Räuber weggange. Sie händ deä Maa halbtot am Bode lo liegge.
Zuefällig isch en Priester verbi cho. Er isch der glich Wäg gange. Er het dr verletzti Maa gseh. Er isch aber eifach gschnäll wietergange.
Es bitzeli spöter isch genauso en Tempeldiener cho. Wo är verbi cho isch, het är der verletzti Maa gseh, und het en Boge um ihn umme gmacht und isch wietergloffe.
Denn chunnt no en Samariter em Wäg entlang zlauffe. Wo är der verletzti Maa gseh het, het är Mitleid mit dem Maa becho. Er isch zu ihm gange, Er het sini Wunde mit Öl und Wy greinigt und denn het är d Wunde verbunde. Denn het der Samariter dr Maa uffgsetzt, gnoh und uff sin eigene Esel gsetzt. Er het de Verletzti zum nächste Gasthuus brocht. Dört het der Samariter der Verletzti versorgt.
Am nächschte Morge holt dr Samariter 2 Silberstück füre und git sie em Wirt. Er seit no: „kümmere dich guet um dä Maa. Wenn s Gäld derfür nit längt, gib ich dir dr Räst uff em Ruckwäg, wenn ich wieder verbi chumm.“
Do frogt Jesus: „was meinsch, welle vo dene 3 Manne isch jetzt em Überfallene der Nöchschti gsi?“
Dr Schriftgelehrti seit: „Dä, wo ihm praktisch gholfe und sich um en kümmeret het.“
Jesus antwortet: „Denn gang, und mach es genau so.“
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Das Gleichnis steht bei heutigen "Schriftgelehrten" - also Theologinnen, Pfarrern wie mir selber - nicht in allerbestem Ruf. Es steht im Verdacht, platt, banal, moralistisch zu sein. Manche vermuten, dass es gar nicht von Jesus stammt, sondern ihm vom Evangelisten Lukas in den Mund gelegt wurde. Doch bei näherem Hinsehen wird die revolutionäre Kraft der harmlos klingenden Geschichte deutlich.
Das jedenfalls behauptet der Schweizer Theologe und Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung Leonhard Ragaz (1868-1945) in seinem grossartigen Büchlein "Die Gleichnisse Jesu".
Herzliche Einladung also zum Gottesdienst für "Gross und Klein", im Sinne von Ragaz: "Es gibt vor Gott nur Menschen. Dass wir sie als Menschen und Kinder Gottes behandeln, ist Gottesdienst, das allein"!
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Dass ein Samariter einem jüdischen Gesetzeslehrer als Vorbild vor Augen gestellt wird, "das bedeutet" - schreibt Ragaz im Jahr 1943 (!) - "ungefähr so viel, wie wenn man heute einer Versammlung von Nationalsozialisten einen Juden als Vorbild hinstellte oder einer Versammlung hochkonservativer Frommen einen Kommunisten und Atheisten".
"Gott", folgert Ragaz, "kann auch bei den Gottlosen sein".
Und die Frage nach dem "Nächsten" beantwortet Jesus gemäss Ragaz dementsprechend "sehr einfach und sehr grossartig: Der Nächste ist der Mensch, und zwar besonders, sobald er deiner Hilfe bedarf."
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Die kürzlich verstorbene Theologieprofessorin Louise Schottroff (1934-2015) kritisiert diese Sichtweise: Es gehe im Gleichnis nicht um die Gegenüberstellung von allgemeiner Menschenliebe (Jesus) und partikularistischer Nächstenliebe (Judentum), sondern: "Das Gleichnis fragt nach Taten":
"Wenn die Hörer und Hörerinnen dieser Geschichte anfangen, darüber nachzudenken und miteinander zu besprechen, was heute und hier von mir getan werden muss, verfliegt der Spuk der angeblichen Plattheit".
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Schliesslich sei auch noch auf die (literaturwissenschaftliche) Lesart des Gleichnisses durch Wolfgang Harnisch (geb. 1934) hingewiesen - sie ist die schwierigste, subtilste. Und jene, die mir selber am besten gefällt. Das Verhalten des Priesters und des Leviten ist das, was uns selber vertrauter ist, als uns lieb sein kann. Wir schauen, schauen - menschlich, allzumenschlich - weg und gehen vorbei.
Das Verhalten des Samariters hingegen ist alles andere als selbstverständlich. Im Gleichnis wird es auffällig ausführlich geschildert. Auf diesem Verhalten liegt in der Geschichte alles Gewicht. Es verweist auf eine Dimension, die das menschlich Erwartbare weit überschreitet. Es verweist auf die Dimension Gottes, die in uns, durch uns, über uns hinaus wirkt.
"Unendlich". "Schrankenlos". "Sie gilt, so weit Gott reicht und gilt somit, so weit der Mensch reicht". So sagt es Ragaz. Mit, wie mir scheint, wunderbaren Worten. Allerdings würde ich nicht mit ihm von der "Verpflichtung" sprechen. Sondern mit Jesus von der "Gnade", die die ganze Welt und auch mich selber durchdringt und wirksam wird im Erbarmen des Samaritaners. Auch heute noch.
Kontakt: Pfr. Andreas Fischer




