2026
Veranstaltungen für
Verantwortlich für diese Seite: Andreas Fischer
Bereitgestellt: 13.08.2025
Fr. 15.08.2025, 19.15 bis 20.15 Uhr
Kirchgemeindehaus Kaiseraugst, Kraftwerkstrasse 8, 4303 Kaiseraugst
Kirchgemeindehaus Kaiseraugst, Kraftwerkstrasse 8, 4303 Kaiseraugst
»Der Glaube, das Vertrauen auf Gott, ist etwas ganz Einfaches... Er ist wie ein Schritt, den wir tausendfach von neuem tun, ein Leben lang, bis zum letzten Atemzug.«
(Frère Roger Schutz, Pfarrer, Gründer und langjähriger Prior von Taizé)
In diesem Geist der Einfachheit feiern wir monatlich einmal Gottesdienst – mit Gebet, Stille und den typischen, mehrfach, mehrsprachig und mehrstimmig gesungenen Taizé-Liedern.
Mit Pfr. Andreas Fischer und Jutta Wurm
Zum Thema:
Seit Monaten befasse ich mich mit einem Vers aus dem Römerbrief des Apostels Paulus:
„Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet!“ (Röm 12, 12)
Dabei sind u.a. eine Abdankungsansprache, eine Sitzungseinleitung, ein Meditationsimpuls sowie untenstehende Predigt entstanden. Was es noch zu vertiefen gilt, ist der dritte Teil, die „Beharrlichkeit im Gebet“. Es erinnert an das „Gebet ohne Unterlass“, welches – wie der zeitgenössische Meditationslehrer Niklaus Brantschen nicht ohne Humor schreibt, „aus dem Herzen strömt, ungehindert von allen Widerwärtigkeiten, sei es Ungeziefer oder seien es störende Gedanken“.
In dieses Herzensgebet vertiefen wir uns in der Taizé-Feier.
---
„Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet!“: Predigt über Röm 12, 12
So lautet der Trauspruch, den Jürg Fahrni einst Susi und Urs Wullschleger mit auf den Eheweg gegeben hat. Der Spruch steht, mit akkurater Handschrift geschrieben, vorne drin in der Traubibel.
Der Spruch steht im Römerbrief des Apostels Paulus – es ist dort der Vers 12 im Kapitel 12.
Was mein verehrter Vorvorgänger und erster Pfarrer von Kaiseraugst damals zu dem Vers sagte, ist nicht überliefert.
Indessen steht bei mir im Bücherregal ein Kommentar zum Römerbrief, den ich aus dem Fundus von Jürg Fahrnis Bibliothek geerbt habe.
Der Kommentar stammt von Ernst Gaugler, der einst christkatholischer Pfarrer hier im Fricktal und später Professor für christkatholische Theologie in Bern war.
Der Kommentar ist, wie man sieht, ziemlich zerfleddert, was damit zusammenhängt, dass ich oft darin lese und in meinen Predigten immer mal wieder daraus zitiere.
Auch zu Röm 12, 12 schreibt Gaugler interessante Dinge, auf die ich mich gern beziehe, wenn ich nun meinerseits ein paar Worte zu eurem Trauspruch sage:
«Fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet» – das ist ein «schöner Dreiklang» (Althaus), geeignet, einen wirklich durch das ganze Leben, durch alle Höhen und Tiefen hindurch zu begleiten.
«Seid fröhlich in der Hoffnung.»
Die Hochzeit von Susi und Urs fand am 29. März 1969 statt – es war, übrigens, die allererste Trauung in diesem Kirchenraum. Letztes Jahr haben Susi und Urs das 55-jährige Hochzeitsjubiläum gefeiert, die sogenannte Platin-Hochzeit.
«20’089 Tage zusammen
482’156 Stunden der Liebe
28'929’418 Minuten des Lachens
1'735'765’084 Sekunden der Freude» –
so heisst es auf einer Urkunde, die seit der Platin-Hochzeit im Hause Wullschleger hängt; es bringt auf humorvolle Weise etwas von der «Fröhlichkeit in der Hoffnung» zum Ausdruck.
Fröhlichkeit, Hoffnung – das sind Worte, die wir positiv konnotieren, sie wecken, anders als Trübsal und Beharrlichkeit, positive Gefühle.
In diesem Zusammenhang sei erinnert an die erfrischenden Gedanken, die der zeitgenössische anglikanische Priester Matthew Fox äusserte: Am Anfang des Christentums, sagt er, stehen nicht Sünde und Gnade, Schuld und Erlösung.
Am Anfang steht der grosse Segen, der über jedem Menschenkind und allen Wesen ruht.
Am Anfang steht die Via Positiva, die Fox mit der lustigen Überschrift versieht: «Du sollst dich täglich mindestens dreimal verlieben». Das muss einen nicht in Konflikt bringen mit dem Ehegelübde. Man kann sich nämlich täglich dreimal in die eigene Frau verlieben. Oder, sagt Fox weiter, «in eine Galaxie» - von denen gibt es Billionen; wir werden auf dem Sterbebett «ziemlich viele unberührt hinterlassen».
«Oder wir könnten uns in einen Stern verlieben, von denen es allein in unserer Milchstrasse zweihundert Billionen gibt. Oder in eine blühende Pflanze, derer es auf diesem Planeten mindestens zehntausend Arten gibt. Oder in eine Vogel-, Fisch-, Baum- oder sonstige Pflanzenart… Würden wir uns wöchentlich in eines der Werke Mozarts verlieben, so hätten wir sieben glückliche Jahre vor uns. Wie können wir uns da jemals langweilen?»
So fragt Matthew Fox und weist uns den Weg auf die Via Positiva.
Doch dann:
«In dem Moment, in dem man erkennt, dass den Menschen, den man liebt, die Kraft zum Leben verlässt, … wird alles still» ----
so heisst es auf der Todesanzeige von Susi Wullschleger.
Vor ein paar Wochen, am Samstag, 19. Juli, ist Joanna Macy gestorben. Macy war US-Amerikanerin, Dozentin für Systemtheorie und Religionswissenschaft sowie Friedens- und Ökoaktivistin. Sie starb in Berkeley in Kalifornien, im 97. Lebensjahr.
Joanna Macy ist für mein Leben und Denken einer der inspirierendsten Menschen, denen ich begegnet bin. Ich habe ihre Bücher verschlungen und durfte ihr auch einmal begegnen, in einem Seminar, das wir mit ihr im Fernblick durchführten, dem Bildungshaus in Teufen im Appenzell, in dem Jutta und ich in unseren vorletzten Leben tätig waren.
Ein zentrales Element von Joannas Teaching ist die Despair-Work, die Verzweiflungsarbeit. Das, ähm, klingt zunächst nicht nach Hoffnung. Doch ich bitte, im Sinne des Paulus, um «Geduld».
Hoffnung, wenn sie als frommes Wort – gern von Pfarrherren wie mir – in den Mund genommen wird, kann aus der Sicht von Joanna Macy eine Form von Verdrängung sein.
Man will nicht sehen, was ist, und vertröstet sich und andere auf den St. Nimmerleinstag. Hoffnung als Opium für das Volk. Man will dem Grauen nicht in die Augen schauen.
Doch genau das sollten wir, sagt Joanna.
Denn die Verdrängung lähmt uns, lässt uns erstarren in einem Panzer von Selbstschutz. Verdrängung schneidet uns ab von Informationen und Ressourcen, die wir für echtes Engagement brauchen.
«Das Kreuz, an dem Jesus starb», schreibt Joanna Macy, die sich sonst mehr dem Buddhismus verbunden fühlte, «das Kreuz lehrt uns, dass Erlösung und Erneuerung durch die Offenheit für den Schmerz der Welt zu finden sind».
Daraus zieht sie radikale Folgerungen: Bei der Verzweiflungsarbeit, sagt sie, gilt es gerade, «in Stücke zu gehen». Denn dieses Zerbrechen ist in Wahrheit «das Aufbrechen einer zu klein gewordenen Schale», es ist «Vorbedingung jedes Wandels.» (39)
Joanna schreibt:
Häufig werden Bilder der Hoffnung zu früh gemalt, und dann wirken sie wie der Ruf nach schnellen Lösungen lähmend… Manchmal braucht es in der langsamen Alchimie der Seele eine Weile, bis sich die Hoffnung meldet, und noch länger, bis sie in konkreten Plänen und Projekten Gestalt annimmt. Und das ist gut so… T.S. Elliot schrieb einst: ‘Ich sage meiner Seele: Sei still und warte ohne Hoffnung, denn Hoffnung wäre Hoffen des Falschen.’»
An diesem Punkt steigt eben die Geduld auf:
«Seid geduldig in Trübsal», sagt Paulus.
An diesem Punkt bei der Predigtvorbereitung in der vergangenen Nacht brauchte es tatsächlich «Geduld». Das, was ich jetzt zu sagen versuche, ist etwas kompliziert. Doch es ist, finde ich, sehr interessant:
Wenn wir den Spruch mit Hoffnung und Geduld hören, denken wir, es sei ein Sinnspruch, der sich als guter Vorsatz zum Beispiel für ein neues Jahr eignet. Wir denken, Hoffnung und Geduld, das seien Qualitäten, die wir Menschen aufbringen, wenn wir uns nur darum bemühen. Doch Paulus sieht das anders:
Vermutlich kennen die meisten den Spruch im Hohelied der Liebe: «Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei». Hoffnung ist also, wie die Liebe, etwas, das bleibt. Und das bedeutet: Hoffnung ist eigentlich keine zeitliche, sondern eine ewige, es ist keine menschliche, sondern eine göttliche Qualität.
Dasselbe gilt für die Geduld. An einer Stelle spricht Paulus vom «Gott der Geduld». Auch die Geduld ist in der Tiefe also keine Qualität meines Willens, meines Egos, sondern eine göttliche Qualität. Auch die Geduld ist keine Leistung, sie ist Geschenk, sie hat ihren Ursprung in Gott.
Und schliesslich, und das ist besonders erstaunlich, gilt dasselbe auch für das Gebet: «Wir wissen nicht, was wir beten sollen», sagt Paulus, «doch der göttliche Geist tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern». Nicht wir sind es also, die beten, es ist Gott selber!
Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet!
Dieser Dreiklang klingt zunächst wie ein guter Vorsatz, den man sich am Anfang eines neuen Jahrs nimmt. Und das ist er auch, aber nicht nur. Der Dreiklang weist hinab in die Tiefen des dreieinen Gottes, aus denen wir Atemzug für Atemzug leben, an jedem Tag, in jedem Augenblick:
Hoffnung, Geduld, Gebet – das sind allesamt göttliche Qualitäten, die sich in uns und durch uns inkarnieren, materialisieren, manifestieren wollen, in unserem je eigenen Leben und durch uns hindurch in der Welt.
Zum Schluss noch dies:
«Seid beharrlich im Gebet!», heisst der dritte Teil des Dreiklangs unseres Verses.
Dieses Gebet, schreibt Ernst Gaugler in seinem Kommentar, sei ein «Gebet ohne Unterlass». Man bezeichnet es auch als «Herzensgebet». Es meint nicht, dass man den ganzen am Beten sei und vor lauter Beten das Schaffen vergisst. Sondern dass alles, das ganze Leben, alles, was man tut, jeder Atemzug Gebet sei.
Und das, scheint mir, hat Susi Wullschleger gelebt, in der Gestaltung ihrer berühmten Karten. Diese Sorgfalt und Hingabe, «Geduld» und «Beharrlichkeit», stelle ich mir vor, ist die Art von Gebet, die Paulus meint.
Die letzte Karte, die Susi gestaltete, ist jene, die als «letzter Gruss» auf der Todesanzeige abgedruckt war. Sie zeigt einen altaischen Mohn. Es sei Susis Lieblingspflanze gewesen, und wer weiss, haben mir die Angehörigen gesagt, vielleicht war es eine Vorahnung von ihrem baldigen Sterben, die Susi dazu gebracht hat, eben diese Pflanze als Motiv zu wählen. Was im Begleittext über den Mohn steht, ist, hat man den Eindruck, wie die Beschreibung der Früchte des Gebets:
«Der altaische Mohn, insbesondere in der spirituellen Tradition, wird mit Wandel, Übergang, Transformation in Verbindung gebracht. Er steht für den Kreislauf des Lebens, den Tod und die Wiedergeburt. Mohn symbolisiert auch das Unbewusste, die Träume, den Zugang zu tieferen, spirituellen Wahrheiten. Und auch Erholung und Entspannung.»
All das ist es, was in der Seele wächst, wenn man betet, «beharrlich betet», wie Paulus sagt. Beten wir also, beharrlich. Ich wünsche uns allen, dass sich uns dieser Zugang zu «tieferen, spirituellen Wahrheiten eröffnet. Ich wünsche uns, heute am Sonntagmorgen, «Erholung und Entspannung». Bhüet eus, Gott! Amen.
Sonntag, 10. August 2025
Andreas Fischer
(Frère Roger Schutz, Pfarrer, Gründer und langjähriger Prior von Taizé)
In diesem Geist der Einfachheit feiern wir monatlich einmal Gottesdienst – mit Gebet, Stille und den typischen, mehrfach, mehrsprachig und mehrstimmig gesungenen Taizé-Liedern.
Mit Pfr. Andreas Fischer und Jutta Wurm
Zum Thema:
Seit Monaten befasse ich mich mit einem Vers aus dem Römerbrief des Apostels Paulus:
„Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet!“ (Röm 12, 12)
Dabei sind u.a. eine Abdankungsansprache, eine Sitzungseinleitung, ein Meditationsimpuls sowie untenstehende Predigt entstanden. Was es noch zu vertiefen gilt, ist der dritte Teil, die „Beharrlichkeit im Gebet“. Es erinnert an das „Gebet ohne Unterlass“, welches – wie der zeitgenössische Meditationslehrer Niklaus Brantschen nicht ohne Humor schreibt, „aus dem Herzen strömt, ungehindert von allen Widerwärtigkeiten, sei es Ungeziefer oder seien es störende Gedanken“.
In dieses Herzensgebet vertiefen wir uns in der Taizé-Feier.
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„Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet!“: Predigt über Röm 12, 12
So lautet der Trauspruch, den Jürg Fahrni einst Susi und Urs Wullschleger mit auf den Eheweg gegeben hat. Der Spruch steht, mit akkurater Handschrift geschrieben, vorne drin in der Traubibel.
Der Spruch steht im Römerbrief des Apostels Paulus – es ist dort der Vers 12 im Kapitel 12.
Was mein verehrter Vorvorgänger und erster Pfarrer von Kaiseraugst damals zu dem Vers sagte, ist nicht überliefert.
Indessen steht bei mir im Bücherregal ein Kommentar zum Römerbrief, den ich aus dem Fundus von Jürg Fahrnis Bibliothek geerbt habe.
Der Kommentar stammt von Ernst Gaugler, der einst christkatholischer Pfarrer hier im Fricktal und später Professor für christkatholische Theologie in Bern war.
Der Kommentar ist, wie man sieht, ziemlich zerfleddert, was damit zusammenhängt, dass ich oft darin lese und in meinen Predigten immer mal wieder daraus zitiere.
Auch zu Röm 12, 12 schreibt Gaugler interessante Dinge, auf die ich mich gern beziehe, wenn ich nun meinerseits ein paar Worte zu eurem Trauspruch sage:
«Fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet» – das ist ein «schöner Dreiklang» (Althaus), geeignet, einen wirklich durch das ganze Leben, durch alle Höhen und Tiefen hindurch zu begleiten.
«Seid fröhlich in der Hoffnung.»
Die Hochzeit von Susi und Urs fand am 29. März 1969 statt – es war, übrigens, die allererste Trauung in diesem Kirchenraum. Letztes Jahr haben Susi und Urs das 55-jährige Hochzeitsjubiläum gefeiert, die sogenannte Platin-Hochzeit.
«20’089 Tage zusammen
482’156 Stunden der Liebe
28'929’418 Minuten des Lachens
1'735'765’084 Sekunden der Freude» –
so heisst es auf einer Urkunde, die seit der Platin-Hochzeit im Hause Wullschleger hängt; es bringt auf humorvolle Weise etwas von der «Fröhlichkeit in der Hoffnung» zum Ausdruck.
Fröhlichkeit, Hoffnung – das sind Worte, die wir positiv konnotieren, sie wecken, anders als Trübsal und Beharrlichkeit, positive Gefühle.
In diesem Zusammenhang sei erinnert an die erfrischenden Gedanken, die der zeitgenössische anglikanische Priester Matthew Fox äusserte: Am Anfang des Christentums, sagt er, stehen nicht Sünde und Gnade, Schuld und Erlösung.
Am Anfang steht der grosse Segen, der über jedem Menschenkind und allen Wesen ruht.
Am Anfang steht die Via Positiva, die Fox mit der lustigen Überschrift versieht: «Du sollst dich täglich mindestens dreimal verlieben». Das muss einen nicht in Konflikt bringen mit dem Ehegelübde. Man kann sich nämlich täglich dreimal in die eigene Frau verlieben. Oder, sagt Fox weiter, «in eine Galaxie» - von denen gibt es Billionen; wir werden auf dem Sterbebett «ziemlich viele unberührt hinterlassen».
«Oder wir könnten uns in einen Stern verlieben, von denen es allein in unserer Milchstrasse zweihundert Billionen gibt. Oder in eine blühende Pflanze, derer es auf diesem Planeten mindestens zehntausend Arten gibt. Oder in eine Vogel-, Fisch-, Baum- oder sonstige Pflanzenart… Würden wir uns wöchentlich in eines der Werke Mozarts verlieben, so hätten wir sieben glückliche Jahre vor uns. Wie können wir uns da jemals langweilen?»
So fragt Matthew Fox und weist uns den Weg auf die Via Positiva.
Doch dann:
«In dem Moment, in dem man erkennt, dass den Menschen, den man liebt, die Kraft zum Leben verlässt, … wird alles still» ----
so heisst es auf der Todesanzeige von Susi Wullschleger.
Vor ein paar Wochen, am Samstag, 19. Juli, ist Joanna Macy gestorben. Macy war US-Amerikanerin, Dozentin für Systemtheorie und Religionswissenschaft sowie Friedens- und Ökoaktivistin. Sie starb in Berkeley in Kalifornien, im 97. Lebensjahr.
Joanna Macy ist für mein Leben und Denken einer der inspirierendsten Menschen, denen ich begegnet bin. Ich habe ihre Bücher verschlungen und durfte ihr auch einmal begegnen, in einem Seminar, das wir mit ihr im Fernblick durchführten, dem Bildungshaus in Teufen im Appenzell, in dem Jutta und ich in unseren vorletzten Leben tätig waren.
Ein zentrales Element von Joannas Teaching ist die Despair-Work, die Verzweiflungsarbeit. Das, ähm, klingt zunächst nicht nach Hoffnung. Doch ich bitte, im Sinne des Paulus, um «Geduld».
Hoffnung, wenn sie als frommes Wort – gern von Pfarrherren wie mir – in den Mund genommen wird, kann aus der Sicht von Joanna Macy eine Form von Verdrängung sein.
Man will nicht sehen, was ist, und vertröstet sich und andere auf den St. Nimmerleinstag. Hoffnung als Opium für das Volk. Man will dem Grauen nicht in die Augen schauen.
Doch genau das sollten wir, sagt Joanna.
Denn die Verdrängung lähmt uns, lässt uns erstarren in einem Panzer von Selbstschutz. Verdrängung schneidet uns ab von Informationen und Ressourcen, die wir für echtes Engagement brauchen.
«Das Kreuz, an dem Jesus starb», schreibt Joanna Macy, die sich sonst mehr dem Buddhismus verbunden fühlte, «das Kreuz lehrt uns, dass Erlösung und Erneuerung durch die Offenheit für den Schmerz der Welt zu finden sind».
Daraus zieht sie radikale Folgerungen: Bei der Verzweiflungsarbeit, sagt sie, gilt es gerade, «in Stücke zu gehen». Denn dieses Zerbrechen ist in Wahrheit «das Aufbrechen einer zu klein gewordenen Schale», es ist «Vorbedingung jedes Wandels.» (39)
Joanna schreibt:
Häufig werden Bilder der Hoffnung zu früh gemalt, und dann wirken sie wie der Ruf nach schnellen Lösungen lähmend… Manchmal braucht es in der langsamen Alchimie der Seele eine Weile, bis sich die Hoffnung meldet, und noch länger, bis sie in konkreten Plänen und Projekten Gestalt annimmt. Und das ist gut so… T.S. Elliot schrieb einst: ‘Ich sage meiner Seele: Sei still und warte ohne Hoffnung, denn Hoffnung wäre Hoffen des Falschen.’»
An diesem Punkt steigt eben die Geduld auf:
«Seid geduldig in Trübsal», sagt Paulus.
An diesem Punkt bei der Predigtvorbereitung in der vergangenen Nacht brauchte es tatsächlich «Geduld». Das, was ich jetzt zu sagen versuche, ist etwas kompliziert. Doch es ist, finde ich, sehr interessant:
Wenn wir den Spruch mit Hoffnung und Geduld hören, denken wir, es sei ein Sinnspruch, der sich als guter Vorsatz zum Beispiel für ein neues Jahr eignet. Wir denken, Hoffnung und Geduld, das seien Qualitäten, die wir Menschen aufbringen, wenn wir uns nur darum bemühen. Doch Paulus sieht das anders:
Vermutlich kennen die meisten den Spruch im Hohelied der Liebe: «Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei». Hoffnung ist also, wie die Liebe, etwas, das bleibt. Und das bedeutet: Hoffnung ist eigentlich keine zeitliche, sondern eine ewige, es ist keine menschliche, sondern eine göttliche Qualität.
Dasselbe gilt für die Geduld. An einer Stelle spricht Paulus vom «Gott der Geduld». Auch die Geduld ist in der Tiefe also keine Qualität meines Willens, meines Egos, sondern eine göttliche Qualität. Auch die Geduld ist keine Leistung, sie ist Geschenk, sie hat ihren Ursprung in Gott.
Und schliesslich, und das ist besonders erstaunlich, gilt dasselbe auch für das Gebet: «Wir wissen nicht, was wir beten sollen», sagt Paulus, «doch der göttliche Geist tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern». Nicht wir sind es also, die beten, es ist Gott selber!
Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet!
Dieser Dreiklang klingt zunächst wie ein guter Vorsatz, den man sich am Anfang eines neuen Jahrs nimmt. Und das ist er auch, aber nicht nur. Der Dreiklang weist hinab in die Tiefen des dreieinen Gottes, aus denen wir Atemzug für Atemzug leben, an jedem Tag, in jedem Augenblick:
Hoffnung, Geduld, Gebet – das sind allesamt göttliche Qualitäten, die sich in uns und durch uns inkarnieren, materialisieren, manifestieren wollen, in unserem je eigenen Leben und durch uns hindurch in der Welt.
Zum Schluss noch dies:
«Seid beharrlich im Gebet!», heisst der dritte Teil des Dreiklangs unseres Verses.
Dieses Gebet, schreibt Ernst Gaugler in seinem Kommentar, sei ein «Gebet ohne Unterlass». Man bezeichnet es auch als «Herzensgebet». Es meint nicht, dass man den ganzen am Beten sei und vor lauter Beten das Schaffen vergisst. Sondern dass alles, das ganze Leben, alles, was man tut, jeder Atemzug Gebet sei.
Und das, scheint mir, hat Susi Wullschleger gelebt, in der Gestaltung ihrer berühmten Karten. Diese Sorgfalt und Hingabe, «Geduld» und «Beharrlichkeit», stelle ich mir vor, ist die Art von Gebet, die Paulus meint.
Die letzte Karte, die Susi gestaltete, ist jene, die als «letzter Gruss» auf der Todesanzeige abgedruckt war. Sie zeigt einen altaischen Mohn. Es sei Susis Lieblingspflanze gewesen, und wer weiss, haben mir die Angehörigen gesagt, vielleicht war es eine Vorahnung von ihrem baldigen Sterben, die Susi dazu gebracht hat, eben diese Pflanze als Motiv zu wählen. Was im Begleittext über den Mohn steht, ist, hat man den Eindruck, wie die Beschreibung der Früchte des Gebets:
«Der altaische Mohn, insbesondere in der spirituellen Tradition, wird mit Wandel, Übergang, Transformation in Verbindung gebracht. Er steht für den Kreislauf des Lebens, den Tod und die Wiedergeburt. Mohn symbolisiert auch das Unbewusste, die Träume, den Zugang zu tieferen, spirituellen Wahrheiten. Und auch Erholung und Entspannung.»
All das ist es, was in der Seele wächst, wenn man betet, «beharrlich betet», wie Paulus sagt. Beten wir also, beharrlich. Ich wünsche uns allen, dass sich uns dieser Zugang zu «tieferen, spirituellen Wahrheiten eröffnet. Ich wünsche uns, heute am Sonntagmorgen, «Erholung und Entspannung». Bhüet eus, Gott! Amen.
Sonntag, 10. August 2025
Andreas Fischer
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