"Kraft in der Schwachheit" - Gottesdienst mit Predigt im Zyklus zur "Mystik des Apostels Paulus"

Momente — Wandbehang im Kirchgemeindehaus Kaiseraugst (Foto: Jutta Wurm)
Pfarrperson: Andreas Fischer
Musik: Lukas Sehr
Kollekte: Burundi Kids Schweiz
Der Zweite Korintherbrief, heisst es in der neutestamentlichen Forschung mit einer lustig klingenden Formulierung, sei das Dokument des Apostels Paulus mit der «höchsten mystischen Temperatur». Als ich den Brief wieder einmal las, entdeckte ich darin Sätze, die zu meinen liebsten gehören:

» «Wir haben den Schatz in irdischen Gefässen» (2. Kor 4, 7)

«Die Kraft zeigt sich in der Schwachheit» (2. Kor 12, 9)

Mit dem zweiten Satz (in seinem grösseren Zusammenhang: 2. Kor 12, 1-10) befasse ich mich in diesem Gottesdienst. Der Text und ein paar Vorüberlegungen finden sich unten.

Herzliche Einladung zu einem nachdenklichen Gottesdienst jetzt, in der Passionszeit!

Andreas Fischer

„Die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit.“ (2. Kor 12, 9)

Es gibt in der Bibel ein paar Gestalten, die dieses Prinzip „Kraft in der Schwachheit“ mit ihrem Leben bezeugen. Mose ist eine von ihnen. Er sagt von sich selbst, er sei „schwer von Zunge“, d.h., er könne nicht gut reden. Ich erinnere mich an Zeiten – es gibt sie noch heute –, in denen ich selbst „schwer von Zunge“ war, kaum Worte hervorbrachte, verstummen und mich verkriechen wollte.

Mose macht Mut, dennoch zu reden. Und Mose mahnt zur Vorsicht, wenn einem die Worte allzu geschliffen über die Lippen kommen. Schwachheit im rhetorischen Bereich, das könnte bedeuten, dass wesentliche Dinge manchmal stammelnd gesagt werden. Und dass es gilt, dort besonders genau hinzuhören, wo etwas leise, unsicher, unfertig daherkommt.

Auch Paulus selbst hatte Schwierigkeiten mit dem Reden. In Korinth galten seine Briefe als gewichtig und voller Kraft, sein persönliches Auftreten aber, hiess es, sei schwach, und seine Rede tauge nichts (vgl. 2. Kor 10, 10).

Noch eine andere Form von „Schwachheit“ erwähnt Paulus: In den Versen zuvor (2. Kor 12, 8f.) spricht er von einem Stachel im Fleisch und einem Satansengel, der ihn schlage. Was er damit genau meint, bleibt unklar. Klar ist einzig: So redet jemand, der extreme Schmerzen hat. Es handelt sich um irgendeine Krankheit, Epilepsie vielleicht oder Migräne oder schwerer Rheumatismus. Eine genaue Diagnose ist unmöglich und auch nicht nötig.

Bedeutsam ist hingegen Paulus’ Umgang mit der Krankheit: Er bittet um Heilung. Sie tritt nicht ein. Stattdessen entdeckt er, dass eben dieser Ort der Schwachheit zugleich der Ort der Kraft ist: „Am Ort der Schwachheit kommt die Kraft zur Vollendung.“

Man sollte das nicht verallgemeinern. Es gibt Schmerzen, an denen man zerbricht. Und keinesfalls sollte man Schmerzen idealisieren. Wir sind nicht hier auf Erden, um zu leiden.

Indessen gibt es das Leiden hier auf Erden. Es ist nicht wegzuleugnen. Es kann jeden von uns treffen, und viele sind ja irgendwie davon betroffen. Paulus eröffnet einen Zugang zum Leiden, über den es sich nachzudenken lohnt.

Ich kenne Menschen, die von starken Schmerzen geplagt sind – und bei denen man den Eindruck hat, durch sie, durch ihre „Schwachheit“ hindurch wirke eine andere, eine göttliche Kraft. Oder anders gesagt: durch sie hindurch leuchte ein anderes Licht, das Licht des „dritten Himmels“, des Paradieses (vgl. 2. Kor 12, 2-4), das Paulus schon gesehen hat und das wir einst alle sehen werden.

Den Abglanz dieses Lichts sah ich vor ein paar Wochen im Gesicht einer Frau, die im Sterben lag. Der Anblick begleitet mich durch die Passionszeit hindurch, auf dem Weg hin zu Ostern.

Himmelsreisen und unsagbare Worte: 2. Kor 12, 1-10

1 Rühmen muss sein! Es nützt zwar nichts - trotzdem will ich auf Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn zu spre-chen kommen. 2 Ich weiss von einem Menschen in Christus, der wurde vor vierzehn Jahren - ob im Leib, weiss ich nicht, ob ausserhalb des Leibes, weiss ich nicht, Gott weiss es - bis in den dritten Himmel entrückt. 3 Und ich weiss von die-sem Menschen, dass er - ob im Leib oder ausserhalb des Leibes, weiss ich nicht, Gott weiss es - 4 ins Paradies ent-rückt wurde und unsagbare Worte hörte, die kein Mensch aussprechen darf. 5 Für den will ich mich rühmen; was mich selbst betrifft, will ich mich nur meiner Schwachheit rühmen.

6 Wollte ich mich rühmen, würde ich damit nicht zum Nar-ren, denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich verzichte aber darauf, damit niemand mir mehr zuschreibt, als was er an mir sieht und hört - 7 die Offenbarungen mögen noch so überwältigend sein. Darum wurde mir, damit ich mich nicht überhebe, ein Stachel ins Fleisch gegeben, ein Satansengel, der mich schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich den Herrn dreimal gebeten, er möge von mir ablassen. 9 Und er hat mir gesagt: Du hast genug an meiner Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit. So rühme ich mich lieber meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir Wohnung neh-me. 10 Darum freue ich mich über alle Schwachheit, über Misshandlung, Not, Verfolgung und Bedrängnis, um Christi willen. Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.




Kontakt: Pfr. Andreas Fischer