Bäume haben keinen König: Abendgottesdienst zum Abschluss der Schöpfungszeit

Momente — Wandbehang im Kirchgemeindehaus Kaiseraugst (Foto: Jutta Wurm)
Musik: Rani Orenstein, Klavier
Mitwirkung: Ad hoc-Chor
Kollekte: OeKu
In Fabeln denken, reden, handeln Tiere und Pflanzen, als wären sie Menschen. Und am Schluss der Fabel steht eine Moral, die tatsächlich nicht der Flora und Fauna, sondern dem Homo sapiens gilt.

Eine solche Fabel steht auch in der Bibel. Es ist die sogenannte Jotam-Fabel im 9. Kapitel des Buchs der Richter im Alten Testament (Ri 9, 8-15; Text siehe unten). Der grosse jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) bezeichnet sie als «die stärkste antimonarchische Dichtung der Weltliteratur«.

Die Fabel erzählt, dass die Bäume einen König suchen. Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock lehnen dankend ab. Sie erfreuen mit ihren Früchten Menschen und Götter. Sie haben null Interesse, ihre je eigenen sinnvollen Aufgaben für ein seltsames, sinnloses Amt aufzugeben.

Dieses Amt wird mit einem merkwürdigen Wort beschrieben als ein «Wiegen» über den Bäumen. Das entsprechende hebräische Wort im Urtext meint das Torkeln von Betrunkenen und das Umherirren von Orientierungslosen. Nein, die drei wichtigsten Kulturpflanzen haben Wichtigeres zu tun.

Nun wenden sich die Bäume mit ihrem Anliegen dem Dornbusch zu. Dieser lädt ein, Zuflucht zu suchen in seinem Schatten. Der Schatten, der im Süden lebensspendend, lebenserhaltend ist. Und der, biblisch gesprochen, den Schutz symbolisiert, welchen Gott selber all seinen Wesen gewährt: Im Schatten von Gottes Flügeln sind wir geborgen.

Die Worte des Dornbuschs sind purer Zynismus. Ein Dornbusch spendet keinen Schatten, kann es nicht, ist unfähig dazu. Der Dornbusch ist, im Gegensatz zu den drei anfangs Angefragten, ein Nichts-Nutz.

Dass eben er es ist, der König wird, macht nachdenklich. Wenn es tatsächlich einen König unter den Bäumen gäbe, müsste es nicht die «Zeder des Libanon» sein, dieser würdevolle Baum auf dem Gipfel der Berge, welchen gemäss den Psalmen Gott selber gepflanzt hat? Doch eben diese Zeder droht der Dornbusch mit seinem Feuer zu verzehren (V. 15).

Und weiter: Muss es überhaupt einen König geben? Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock jedenfalls bräuchten ihn nicht. Sie sind zufrieden, ruhen in sich, wissen, was sie zu tun haben und tun ihre Arbeit gern.

Otto Schäfer, doktorierter Theologe und Biologe, langjähriges Mitglied der «oeku – Kirchen für die Umwelt» und inzwischen pensionierter Pfarrer, schreibt in seiner grossartigen Auslegung der Jotam-Fabel: «Die Lektion lautet: Macht als Macht ist destruktiv, sie zerstört alles Leben, sogar das Leben dessen, der sie trunken schwankend ausübt.»

Diese Einsicht aktualisiert er in Bezug auf das » Thema der diesjährigen «SchöpfungsZeit», den dramatischen Verlust von Biodiversität:

«Ich will König sein, sprach der Homo sapiens, eine Art unter so vielen, von denen jede ihre Würde, ihren Platz, ihre Vernetzung, ihren vielfältigen Nutzen hat: Macht – mit Geld, die so vieles zerstört und sich selbst zerstört. König zu sein gebührt aber nur Gott…»

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Die Jotam-Fabel (Richter 9, 8-15):

8 Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben.

Und sie sprachen zum Ölbaum: Sei du König über uns!
9 Der Ölbaum aber sprach zu ihnen: Soll ich mein Fett aufgeben, mit dem man Götter und Menschen ehrt, und hingehen, um mich über den Bäumen zu wiegen?

10 Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum:
Komm du, werde du König über uns!
11 Der Feigenbaum aber sprach zu ihnen: Soll ich meine Süsse aufgeben und meine köstliche Frucht und hingehen, um mich über den Bäumen zu wiegen?

12 Da sprachen die Bäume zum Weinstock:
Komm du, werde du König über uns!
13 Der Weinstock aber sprach zu ihnen: Soll ich meinen Wein aufgeben, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, um mich über den Bäumen zu wiegen?

14 Da sprachen alle Bäume zum Dornbusch:
Komm du, werde du König über uns!
15 Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen: Wenn ihr wirklich mich salben wollt, damit ich König über euch bin, kommt und sucht Zuflucht in meinem Schatten!
Wenn aber nicht, wird Feuer ausgehen vom Dornbusch und die Zedern des Libanon verzehren.

Kontakt: Pfr. Andreas Fischer