2026
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Verantwortlich für diese Seite: Andreas Fischer
Bereitgestellt: 27.11.2017
Am Freitag, 1. Dezember um 19 Uhr findet im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst die Vernissage einer Ausstellung statt, in der Werke von Bewohnern des Asylzentrums (Reza Saba und Raja Dibeh) in einen stillen Dialog mit jenen hiesiger Künstlerinnen (Sybille Krauer-Büttiker, Jacqueline Rotzinger, Katharina Siewert-Rotzinger) treten. Eine Einführung in die Exposition gibt der Schriftsteller und Satiriker Jan Peters, musikalisch umrahmt wird die Vernissage durch den Gitarristen Gamai Saifi. Die Ausstellung ist am Wochenende von 14-17 Uhr, unter der Woche von 17-20 Uhr geöffnet. Die Finissage findet am Sonntag, 10. Dezember im Anschluss an den Gottesdienst (Beginn: 10 Uhr) statt.
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Unsere Kirche als Kunsthaus
Die altehrwürdige Tradition, das Kaiseraugster Kirchgemeindehaus als Kunstgalerie zu nutzen, feiert jetzt im Advent Urständ. Neben zwei lokal bekannten Künstlerinnen werden auch zwei Künstler aus dem Asylzentrum ausstellen.
Reza und Raja heissen die beiden, der eine stammt aus dem Iran, der andere aus Syrien. Der eine zeichnet mit Bleistift präzise Porträts, der andere malt grandiose Stilleben. Vor seiner Flucht war Raja Dibeh Vorstehender der "Union of Fine Arts in Syria" und arbeitete als Lehrer für bildende Kunst. Er war v.a. für seine Kreide-Zeichnungen bekannt, die er im ganzen arabischen Raum verkaufte. Er machte auch Renovationsarbeiten von alten Malereien in den Häusern der Altstadt von Damaskus.
Die Werke von Reza und Raja treten im Kirchgemeindehaus in einen stillen inneren Dialog mit jenen hiesiger Künstlerinnen. Jaqueline Rotzinger malt seit vielen Jahren in Collagen-Mischtechnik, Sybille Krauer-Büttiker malt – abstrakt, grossflächig – Acryl auf Leinwand, Aquarelle auf Papier, Pigmentfarben. Einen Einblick in ihr Oevre und ihre Biografie, die weit ausgreift nach Zimbabwe und in den Nahen Osten, nach Israel, Jordanien und Syrien, gibt die Website krauer-art.ch.
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Reza Saba
Anfang Advent findet im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst eine Ausstellung statt. Einer der Ausstellenden ist Reza Saba, ein iranischer Künstler, der zurzeit im hiesigen Asylzentrum lebt. Wir treffen uns spätabends im Pfarrhaus zum Gespräch. Die Verständigung erfolgt teils in Englisch, teils in unseren Muttersprachen, Farsi und Deutsch, mittels einer iranischen Übersetzerin.
Reza kam 1962 zur Welt, wuchs mit vier Geschwistern in Teheran auf, städtisch, mittelständisch, liberal. Der Vater war Offizier unter dem Schah, später Beamter im Bereich Import-Export. Reza, dessen Name an den Schah sowie an einen bedeutenden schiitischen Imam erinnert und übersetzt „Zufriedenheit“ bedeutet, hatte eine glückliche Kindheit, er wollte immer nur zeichnen, erzählt er, statt Hausaufgaben zu machen, kritzelte er Zeichnungen ins Heft.
Dann, 1979, kamen die Mullahs. Reza ahmt mit seinen Händen einen langen Bart nach. Zur Zeit der Revolution Khomeinis war er 17 Jahre alt. Zwei Jahre lang war er Soldat im Krieg gegen den Irak, glücklicherweise nicht an der Front, sondern am Telefon. Die Universität war in jener Zeit geschlossen. Als Reza endlich studieren konnte, wurde sein Talent bald entdeckt.
Mosaik, Krawatte, Fussabdruck
Er wurde Assistent des Professors, bald hielt er eigene Vorlesungen. Und er arbeitete für Zeitschriften – für die renommierten Zeitschriften jener Zeit, ergänzt die Übersetzerin. Seine Arbeiten waren provokativ. Auf einem Cover ist im Hintergrund ein antikes Mosaik zu sehen. Es symbolisiert die uralte persische Geschichte. Darin Krawatten, Symbole einer säkularen, weltoffenen Gesellschaft. Und auf alles drauf ein schwarzer Fussabdruck. Hier, so lautet die nicht zu übersehende Botschaft des Bilds, werden Kultur und Geschichte eines Landes mit Füssen getreten, zerstampft.
„Zukunft des Irans“ lautete der Name der Zeitschrift. Nach der Ausgabe mit besagtem Cover wurde das Büro gestürmt, die Redakteure wurden festgenommen, Reza, der Illustrator, befand sich zufällig zuhause. Er flüchtete in die Türkei. Doch all dies war nur ein Vorspiel. Das wirkliche Problem Rezas ist ein religiöses. Ein intimes, persönliches. Seit drei Jahrzehnten ist er Mitglied eines Sufi-Ordens.
Prügelstrafe für Stille
Der Sufismus ist die mystische Ausprägung des Islam, er befasst sich, statt mit dem Äusseren, mit dem Inneren des Menschen. Reza beschreibt den Unterschied zwischen einem Sufi und einem Mullah so: Der Sufi versucht, Kontrolle über sich selber zu gewinnen. Der Mullah kontrolliert die anderen. Wenn alle Menschen lernen würden, sich selber zu kontrollieren, wäre unsere Welt eine bessere, ist Reza überzeugt. Die Kritik des Sufismus an den Mullahs ist scharf. Die Leute, die auf Gebetsteppichen sitzen, sagen die Sufis sinngemäss, sind Diebe der Religion. Der Teppich symbolisiert Äusserlichkeit.
Sufis sind stille Leute. Sie treffen sich in ihren Gebetshäusern, lesen Gedichte – zum Beispiel jene des grossen persischen Mystikers Rumi, der auch hierzulande bekannt ist –, praktizieren Dhikr, eine Form von Meditation. Doch eben das wird von den Mullahs als Bedrohung erlebt. In regelmässigen Abständen berichtet Amnesty International von der Zerstörung von Versammlungsorten der Sufis, von Prügel- und Haftstrafen für Anhänger dieser religiösen Richtung.
Reza würde im Iran lebenslängliches Gefängnis drohen. Grund dafür sind Gemälde, die er von Rumi und anderen Sufi-Meistern gemalt hat. Sie wurden bei der Räumung des Gebetsraums seines Ordens gefunden. Inzwischen hat er sich auch über die sozialen Medien zu seiner Zugehörigkeit zum Sufismus bekannt. Als einer seiner Glaubensbrüder inhaftiert wurde, sagte er in einem auf Facebook publizierten Video, wenn der Sufismus ein Verbrechen sei, dann sei auch er ein Krimineller, er, Reza Saba. Das Video, obwohl nur auf Farsi gesprochen, ist schon mehrere zehntausend Mal angeklickt worden.
Not good, not bad
Reza lebt im Asylzentrum Kaiseraugst. Er flüchtete damals, 2015, als die Balkanroute noch nicht durch Grenzzäune gesperrt war, aus der Türkei über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien, Österreich in die Schweiz. Ein Afghane, den er unterwegs kennengelernt hatte, empfahl ihm, in der Schweiz und nicht in Deutschland Asyl zu beantragen. Von Yverdon wurde er in den Aargau verlegt, ein Freund nach Zürich. Vieles ist zufällig. Das Leben hier sei not good, not bad, sagt Reza. Er würde sich wünschen, dass er arbeiten könnte. Reza liebt seine Arbeit, doch derzeit könne er nur malen, wenn seine Zimmergenossen schlafen.
Also bricht er um Mitternacht von unserem Interview auf. Ich bleibe zurück mit der Übersetzerin, einer mir befreundeten iranischen Chemikerin, die an der ETH Zürich als Postdoktorandin arbeitet. Ich frage sie nach ihren Gedanken zum Gespräch. Sie sagt, sie sei froh, Chemie studiert zu haben. Das habe nichts mit Religion zu tun, ihre Wege haben sich nicht mit jenen der Mullahs gekreuzt, jene von Reza schon. Dass politisch-kritische Bilder wie jenes mit dem Fussabdruck Reza weniger gefährden als ein intimes Porträt von Rumi, das erschüttere sie. Und dass Reza im ganzen Spektrum von Öl- und Wasserfarben, Bleistift und Acryl, Photoshop und CorelDraw ein grosser Künstler sei, das sei für sie gar keine Frage.
Andreas Fischer
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Unsere Kirche als Kunsthaus
Die altehrwürdige Tradition, das Kaiseraugster Kirchgemeindehaus als Kunstgalerie zu nutzen, feiert jetzt im Advent Urständ. Neben zwei lokal bekannten Künstlerinnen werden auch zwei Künstler aus dem Asylzentrum ausstellen.
Reza und Raja heissen die beiden, der eine stammt aus dem Iran, der andere aus Syrien. Der eine zeichnet mit Bleistift präzise Porträts, der andere malt grandiose Stilleben. Vor seiner Flucht war Raja Dibeh Vorstehender der "Union of Fine Arts in Syria" und arbeitete als Lehrer für bildende Kunst. Er war v.a. für seine Kreide-Zeichnungen bekannt, die er im ganzen arabischen Raum verkaufte. Er machte auch Renovationsarbeiten von alten Malereien in den Häusern der Altstadt von Damaskus.
Die Werke von Reza und Raja treten im Kirchgemeindehaus in einen stillen inneren Dialog mit jenen hiesiger Künstlerinnen. Jaqueline Rotzinger malt seit vielen Jahren in Collagen-Mischtechnik, Sybille Krauer-Büttiker malt – abstrakt, grossflächig – Acryl auf Leinwand, Aquarelle auf Papier, Pigmentfarben. Einen Einblick in ihr Oevre und ihre Biografie, die weit ausgreift nach Zimbabwe und in den Nahen Osten, nach Israel, Jordanien und Syrien, gibt die Website krauer-art.ch.
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Reza Saba
Anfang Advent findet im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst eine Ausstellung statt. Einer der Ausstellenden ist Reza Saba, ein iranischer Künstler, der zurzeit im hiesigen Asylzentrum lebt. Wir treffen uns spätabends im Pfarrhaus zum Gespräch. Die Verständigung erfolgt teils in Englisch, teils in unseren Muttersprachen, Farsi und Deutsch, mittels einer iranischen Übersetzerin.
Reza kam 1962 zur Welt, wuchs mit vier Geschwistern in Teheran auf, städtisch, mittelständisch, liberal. Der Vater war Offizier unter dem Schah, später Beamter im Bereich Import-Export. Reza, dessen Name an den Schah sowie an einen bedeutenden schiitischen Imam erinnert und übersetzt „Zufriedenheit“ bedeutet, hatte eine glückliche Kindheit, er wollte immer nur zeichnen, erzählt er, statt Hausaufgaben zu machen, kritzelte er Zeichnungen ins Heft.
Dann, 1979, kamen die Mullahs. Reza ahmt mit seinen Händen einen langen Bart nach. Zur Zeit der Revolution Khomeinis war er 17 Jahre alt. Zwei Jahre lang war er Soldat im Krieg gegen den Irak, glücklicherweise nicht an der Front, sondern am Telefon. Die Universität war in jener Zeit geschlossen. Als Reza endlich studieren konnte, wurde sein Talent bald entdeckt.
Mosaik, Krawatte, Fussabdruck
Er wurde Assistent des Professors, bald hielt er eigene Vorlesungen. Und er arbeitete für Zeitschriften – für die renommierten Zeitschriften jener Zeit, ergänzt die Übersetzerin. Seine Arbeiten waren provokativ. Auf einem Cover ist im Hintergrund ein antikes Mosaik zu sehen. Es symbolisiert die uralte persische Geschichte. Darin Krawatten, Symbole einer säkularen, weltoffenen Gesellschaft. Und auf alles drauf ein schwarzer Fussabdruck. Hier, so lautet die nicht zu übersehende Botschaft des Bilds, werden Kultur und Geschichte eines Landes mit Füssen getreten, zerstampft.
„Zukunft des Irans“ lautete der Name der Zeitschrift. Nach der Ausgabe mit besagtem Cover wurde das Büro gestürmt, die Redakteure wurden festgenommen, Reza, der Illustrator, befand sich zufällig zuhause. Er flüchtete in die Türkei. Doch all dies war nur ein Vorspiel. Das wirkliche Problem Rezas ist ein religiöses. Ein intimes, persönliches. Seit drei Jahrzehnten ist er Mitglied eines Sufi-Ordens.
Prügelstrafe für Stille
Der Sufismus ist die mystische Ausprägung des Islam, er befasst sich, statt mit dem Äusseren, mit dem Inneren des Menschen. Reza beschreibt den Unterschied zwischen einem Sufi und einem Mullah so: Der Sufi versucht, Kontrolle über sich selber zu gewinnen. Der Mullah kontrolliert die anderen. Wenn alle Menschen lernen würden, sich selber zu kontrollieren, wäre unsere Welt eine bessere, ist Reza überzeugt. Die Kritik des Sufismus an den Mullahs ist scharf. Die Leute, die auf Gebetsteppichen sitzen, sagen die Sufis sinngemäss, sind Diebe der Religion. Der Teppich symbolisiert Äusserlichkeit.
Sufis sind stille Leute. Sie treffen sich in ihren Gebetshäusern, lesen Gedichte – zum Beispiel jene des grossen persischen Mystikers Rumi, der auch hierzulande bekannt ist –, praktizieren Dhikr, eine Form von Meditation. Doch eben das wird von den Mullahs als Bedrohung erlebt. In regelmässigen Abständen berichtet Amnesty International von der Zerstörung von Versammlungsorten der Sufis, von Prügel- und Haftstrafen für Anhänger dieser religiösen Richtung.
Reza würde im Iran lebenslängliches Gefängnis drohen. Grund dafür sind Gemälde, die er von Rumi und anderen Sufi-Meistern gemalt hat. Sie wurden bei der Räumung des Gebetsraums seines Ordens gefunden. Inzwischen hat er sich auch über die sozialen Medien zu seiner Zugehörigkeit zum Sufismus bekannt. Als einer seiner Glaubensbrüder inhaftiert wurde, sagte er in einem auf Facebook publizierten Video, wenn der Sufismus ein Verbrechen sei, dann sei auch er ein Krimineller, er, Reza Saba. Das Video, obwohl nur auf Farsi gesprochen, ist schon mehrere zehntausend Mal angeklickt worden.
Not good, not bad
Reza lebt im Asylzentrum Kaiseraugst. Er flüchtete damals, 2015, als die Balkanroute noch nicht durch Grenzzäune gesperrt war, aus der Türkei über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien, Österreich in die Schweiz. Ein Afghane, den er unterwegs kennengelernt hatte, empfahl ihm, in der Schweiz und nicht in Deutschland Asyl zu beantragen. Von Yverdon wurde er in den Aargau verlegt, ein Freund nach Zürich. Vieles ist zufällig. Das Leben hier sei not good, not bad, sagt Reza. Er würde sich wünschen, dass er arbeiten könnte. Reza liebt seine Arbeit, doch derzeit könne er nur malen, wenn seine Zimmergenossen schlafen.
Also bricht er um Mitternacht von unserem Interview auf. Ich bleibe zurück mit der Übersetzerin, einer mir befreundeten iranischen Chemikerin, die an der ETH Zürich als Postdoktorandin arbeitet. Ich frage sie nach ihren Gedanken zum Gespräch. Sie sagt, sie sei froh, Chemie studiert zu haben. Das habe nichts mit Religion zu tun, ihre Wege haben sich nicht mit jenen der Mullahs gekreuzt, jene von Reza schon. Dass politisch-kritische Bilder wie jenes mit dem Fussabdruck Reza weniger gefährden als ein intimes Porträt von Rumi, das erschüttere sie. Und dass Reza im ganzen Spektrum von Öl- und Wasserfarben, Bleistift und Acryl, Photoshop und CorelDraw ein grosser Künstler sei, das sei für sie gar keine Frage.
Andreas Fischer
Kontakt: Pfr. Andreas Fischer



