Gottesdienst in der Osterzeit

Dieter Drescher / Pixelio<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>553</div><div class='bid' style='display:none;'>4713</div><div class='usr' style='display:none;'>68</div>
Musik: Rani Orenstein
Kollekte: Inlandprojekt Hospiz Brugg
Zum Abschluss des Johannes-Zyklus über die Festtage werde ich über die Erscheinung am See von Tiberias (Joh. 21, 1-14) predigen eine relativ unbekannte Ostergeschichte. Die folgende biblische Betrachtung ist eine Art Prolegomenon, eine Vorstudie :-) Weiter unten können die Predigten zum Gründonnerstag (Fusswaschung: Joh. 13, 1-17) und Karfreitag (Kreuzigung und Tod: Joh. 19, 17-30) nachgelesen werden.

Und übrigens: In diesem Gottesdienst wird, stellvertretend Marta Casulleras, wieder einmal Rani Orenstein Klavier spielen.

Herzliche Einladung!

Andreas Fischer

„Simon Petrus stieg auf das Schiff und zog das Netz aufs Land, gefüllt mit 153 grossen Fischen“ (Joh. 21, 11)


Petrus, heisst es in dieser wenig bekannten Ostergeschichte am Schluss des Johannesevangeliums (21, 1-14) „zog das Netz aufs Land“. „Ziehen“ ist bei Johannes ein bedeutsames Wort. Jesus selber verwendet es zwei Mal. Einmal sagt er: „Niemand kann zu mir kommen, es ziehe ihn denn der Vater, der mich gesandt hat.“ (6, 44) Und später verwendet er das Wort noch einmal im selben Zusammenhang: „Und wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen.“ (12, 32)

Dieses „Ziehen“ ist die göttliche Entsprechung zur menschlichen Sehnsucht. Das ganze Leben, alles, was ist, ist von diesem „Ziehen“ durchzogen. Am Ende der Bibel, in der Johannesoffenbarung, wird die himmlische Stadt beschrieben, jener Ort, wo alle Tränen von unseren Augen abgewischt werden, wo der Tod nicht mehr sein wird und kein Leid noch Geschrei noch Schmerz. Der Ort, wo es keine Lampe und keinen Mond und keine Sonne mehr braucht, weil der Lichtglanz Gottes alles erleuchtet. Das himmlische Jerusalem ist ein grandioses Bild der Vollendung, der Erfüllung, des ultimativen Friedens.

Zu diesem Ziel hin werden wir gezogen – Gott selber zieht, der erhöhte Christus zieht und eins mit ihm, in innerer Verbindung mit Christus zieht auch dieser ungehobelte, unzivilisierte und ungebildete Fischer Petrus.

Was für ihn gilt, möge auch für uns gelten. Wir sind Gezogene, wir sind auch Ziehende. Und wie Gott den Jähzorn des Petrus in Anspruch nimmt für sein Wirken, so könnten auch unsere Schwächen verwandelt werden zu Werkzeugen des Friedens in diesem fliessenden Prozess des Ziehens und Gezogen-Werdens.

153 Fische sind es, die Petrus an Land zieht. Man hat viel gerätselt darüber, was diese Zahl bedeutet. Eine Erklärung besagt, dass man in der Antike der Meinung war, es gebe 153 verschiedene Fischarten. Auf jeden Fall symbolisiert die Zahl eine Totalität. Alles ist versammelt in diesem Netz, das nicht zerreisst. Alles kommt heim in die Vollendung, in die göttliche Einheit. Alles wird hineingenommen in diese Dynamik von Jesus Christus, der gestern, heute und in Ewigkeit ist. Die Auferstehung ist noch lange nicht zu Ende. Wir selber ziehen und werden gezogen in das Osterlicht hinein. Öffnen wir uns, jetzt in der Osterzeit, für die verwandelnde und heilende Kraft, die uns von diesem Licht her zuströmt.

(Biblische Betrachtung von Andreas Fischer, erscheint im Güggel vom Mai 2019)

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Predigt an Gründonnerstag, 18. April 2019

Text: Die Fusswaschung (Joh. 13, 1-17)

13, 1 Es war vor dem Passafest und Jesus wusste, dass für ihn die Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen, und da er die Seinen in der Welt liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.

2 Während eines Mahls, als der Teufel dem Judas Iskariot, dem Sohn des Simon, schon eingegeben hatte, ihn auszuliefern 3 - Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott weggehen würde -, 4 da steht er vom Mahl auf und zieht das Obergewand aus, nimmt ein Leinentuch und bindet es sich um; 5 dann giesst er Wasser in das Becken und fängt an, den Jüngern die Füsse zu waschen und sie mit dem Tuch, das er sich umgebunden hat, abzutrocknen.

6 Nun kommt er zu Simon Petrus. Der sagt zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füsse waschen? 7 Jesus entgegnete ihm: Was ich tue, begreifst du jetzt nicht, im Nachhinein aber wirst du es verstehen. 8 Petrus sagt zu ihm: Nie und nimmer sollst du mir die Füsse waschen! Jesus entgegnete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht teil an mir. 9 Simon Petrus sagt zu ihm: Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf! 10 Jesus sagt zu ihm: Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein; und ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er kannte den, der ihn ausliefern sollte. Darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.

12 Nachdem er ihnen nun die Füsse gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und setzte sich zu Tisch. Er sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich an euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sagt es zu Recht, denn ich bin es. 14 Wenn nun ich als Herr und Meister euch die Füsse gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füsse zu waschen. 15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben: Wie ich euch getan habe, so tut auch ihr. 16 Amen, amen, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht grösser als sein Herr und ein Bote nicht grösser als der, der ihn gesandt hat. 17 Wenn ihr das wisst - selig seid ihr, wenn ihr es tut.

Predigt

Im Anfang war nicht das Wort, sondern die Geste:

Während eines Mahls steht Jesus vom Mahl auf und zieht das Obergewand aus, nimmt ein Leinentuch und bindet es sich um; dann giesst er Wasser in das Becken und fängt an, den Jüngern die Füsse zu waschen und sie mit dem Tuch, das er sich umgebunden hat, abzutrocknen.


Erst im Gefolge der Geste gibt Jesus die Deutungen,
• während der Fusswaschung im Dialog mit Petrus und
• nach der Fusswaschung in einer Belehrung, die er an alle Anwesenden richtet.

Wenden wir uns zunächst Geste zu. Die Fusswaschung wird in der Antike in aller Regel von Sklaven vollzogen. Jesus übernimmt also die Aufgabe, tritt hinein in die Rolle eines Sklaven.

Wenn Jesus das Obergewand auszieht und sich ein Leinentuch umbindet, dann kleidet er sich wie ein Sklave. Wie demütigend das ist, kommt zeigt sich in einer Anekdote, die vom römischen Kaiser Caligula erzählt wird:

Er zwang Senatoren, „die höchste Ehrenstellen bekleidet hatten“, dazu, „zu seinen Füssen wie Sklaven im Leinenschurz aufzuwarten“. (nach Wengst)

Jesus, im Gegensatz zu den Senatoren, übernimmt hier diese Rolle freiwillig. Warum tut er das? Was hat das zu bedeuten?

Bevor wir uns den Deutungen zuwenden, die Jesus gibt – eben: im Gespräch mit Petrus und nachher in einem Monolog, der sich an alle Anwesenden richtet –, schauen wir die Schilderung der Fusswaschung selber nochmals genau an:

Jesus, heisst es, legt das Obergewand ab. Nach der Fusswaschung wird es entsprechend heissen, dass er es wieder anzieht. Das klingt zunächst unauffällig. Doch die entsprechenden Worte im griechischen Urtext sind gewichtig. Sie kommen im Johannesevangelium mehrfach vor, zum Beispiel an der folgenden Stelle, wo Jesus sagt:

„Ich lege mein Leben ab, um es wieder anzuziehen.“ (10, 17)

An jener Stelle beschreibt Jesus sein Sterben und Wiederauferstehen. Eben dies bedeutet symbolisch auch seine Geste des Ablegens und Wiederanziehens des Obergewands (nach Thyem 585).

Und noch etwas sei erwähnt: In der jüdischen Tradition gibt es die Vorstellung, dass Gott sich gegenüber den Menschen als Sklave verhält:

„Bei den Menschen wäscht der Sklave seinen Herrn; aber beim Heiligen, gesegnet er, verhält es sich nicht so, vielmehr: ‚Und ich habe dich mit Wasser gewaschen‘ (Ez 16,9). (nach Wengst)

Da zeichnet sich die Tiefendimension dieser Geste der Fusswaschung ab:
• Es zeichnet sich das „Ablegen“, die Hingabe seines Lebens ab, sein Tod am Kreuz, auch er ein Sklaventod.
• Und es zeichnet sich ab, dass in dem, der diese Bewegung hinab in die Tiefe vollzieht, hinab zu den Füssen, zur Erde und in den Tod hinein --- dass in Jesus Gott selber gegenwärtig ist.

Dieser Eindruck verstärkt sich in der ersten Deutung, die Jesus in Bezug auf die Fusswaschung gibt, im Dialog mit Petrus:

6 Nun kommt Jesus zu Simon Petrus. Der sagt zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füsse waschen? 7 Jesus entgegnete ihm: Was ich tue, begreifst du jetzt nicht, im Nachhinein aber wirst du es verstehen. 8 Petrus sagt zu ihm: Nie und nimmer sollst du mir die Füsse waschen! Jesus entgegnete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht teil an mir. 9 Simon Petrus sagt zu ihm: Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf! 10 Jesus sagt zu ihm: Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein…


Petrus gerät aus der Fassung, er stammelt „Herr, du – mir – die Füsse waschen?!“ – so ungefähr heisst es im griechischen Urtext. Dann sagt Petrus mit der im Griechischen schärfstmöglichen Verneinung: „In Ewigkeit wirst du mir nie und nimmer die Füsse waschen“.

Seine Weltordnung gerät aus den Fugen, Petrus verliert die Orientierung, das was ihm in seinem Leben bisher Halt gegeben hat, kommt ins Wanken. Er wehrt sich, so gut er kann, und mit der ihm eigenen Leidenschaft.

Jesus bleibt gelassen. Petrus, sagt er, könne jetzt noch nicht begreifen, was er tue. Erst „im Nachhinein“ werde er es verstehen. „Im Nachhinein“, wenn das symbolische Ablegen und Wiederanziehen des Obergewands in Wirklichkeit vollzogen ist, im Tod, in der Auferstehung des Messias Jesus.

Weiter sagt er: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht Anteil an mir“. Dieses Wort „Anteil“ hat in der Bibel eine tiefe Bedeutung: Es meint ursprünglich den Anteil, die Parzelle, die die einzelnen Israeliten erhielten beim Einzug ins gelobte Land, das Land, wo Milch und Honig fliesst. Es meint dann den Anteil am „ewigen Leben“, das Leben, das wir Menschen in der zukünftigen Welt haben werden, die himmlischen Wohnungen, das Sein im Haus des Herrn. Dieser „Anteil“ – das ist ins Positive gewendet der Sinn der Aussage von Jesus – wird uns Menschenkindern jetzt schon, hier schon auf Erden zuteil in der Zuwendung Gottes zu unseren Füssen, unserem Dasein hier unten.

Schiesslich sagt Jesus in einer geheimnisvollen Aussage, die die Fusswaschung aufweitet, ausweitet zum Tauchbad, vielleicht zum Taufbad: „Wer vom Bad kommt, ist ganz rein. Ihr seid rein.“

Als wir uns in der Fastengruppe über die Fusswaschung austauschten, sagte jemand, sie sei mitten in der Nacht erwacht und der Text sei ihr nachgegangen:

Dieses Bild, dass der Messias sich meinen Füssen zuneigt, den Dreck der Welt von mir wegnimmt, dass ich ganz rein, geläutert in den göttlichen Raum eintrete.

Das erinnert an die berühmte Formulierung, mit der Martin Luther seine Einsicht in die „Rechtfertigung allein aus Glauben und nicht durch Werke des Gesetzes“ beschreibt, diese Einsicht, dass ich mit all meinen Stärken und Schwächen, mit meinem Licht, meinen Schatten, auch meinen Abgründen von Gott bedingungslos angenommen, geliebt bin.

„Da fühlte ich mich“, schrieb Luther, „völlig neugeboren und als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies selbst eingetreten.“

Fahren wir weiter im Text:

12 Nachdem er ihnen nun die Füsse gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und setzte sich zu Tisch. Er sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich an euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sagt es zu Recht, denn ich bin es. 14 Wenn nun ich als Herr und Meister euch die Füsse gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füsse zu waschen. 15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben: Wie ich euch getan habe, so tut auch ihr. 16 Amen, amen, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht grösser als sein Herr und ein Bote nicht grösser als der, der ihn gesandt hat. 17 Wenn ihr das wisst - selig seid ihr, wenn ihr es tut.

Heute, am Gründonnerstag, wäscht der Papst gemäss dem „Beispiel“ Jesu zwölf Personen die Füsse. Diese Zeremonie beinhaltet zweifellos positive Intentionen. Doch sie scheint mir an der Intention Jesu vorbeizugehen, sie sogar in ihr Gegenteil zu verkehren. Hier wird die Fusswaschung zu einer liturgischen Handlung umfunktioniert, die in das Herrschaftssystem integriert, eingebettet ist und dieses Herrschaftssystem so sogar stabilisiert, befestigt.

Die Fusswaschung steht symbolisch für alle Lebensbereiche, sie kann und darf nicht auf eine liturgische Handlung reduziert werden. Schon der Reformator Johannes Calvin hat die „theatermässige Fusswaschung“ als Missverständnis kritisiert:

„Sicherlich befiehlt Christus hier keine jährlich zu wiederholende Handlung, sondern heisst uns, das ganze Leben bereit zu sein, den Brüdern (und Schwestern) die Füsse zu waschen.“ (nach Thyen 593)

Die Fusswaschung, wenn sie universal gültig ist und nicht auf eine liturgische Handlung reduziert, stellt jedes Herrschaftssystem infrage. Petrus reagiert auf die Fusswaschung deshalb so entsetzt, weil hier tatsächlich die Weltordnung umgestürzt wird. Die Aufforderung, einander die Füsse zu waschen, also uns gegenseitig Sklaven zu sein, ist ebenso radikal wie die Forderung in der Bergpredigt, auch die andere Backe hinzuhalten, wenn man geohrfeigt wird. Es gilt, sich vom Anderen radikal in Anspruch nehmen zu lassen. Es gilt, den Tod des Anderen mehr zu fürchten als den eigenen. Es gilt, heisst es in einem Kommentar drastisch, sich vom Anderen in Geiselhaft nehmen und auf die Anklagebank setzen zu lassen.

Ich würde diese Worte nicht zu sagen wagen, wenn sie nicht vom Emmanuel Lévinas stammen würden, dem grossen französisch-jüdischen Philosophen, der von 1905-1995 lebte und das Konzentrationslager überlebte. Ich wage die Worte auch nur darum zu sagen, weil wir uns in den Kar-Tagen befinden, und weil es gilt, einen sehr radikalen Text auszulegen.

Dieses Gebot der Fusswaschung, wohlbemerkt, gilt nicht nur für die In-Group der Christen. Es gilt für jeden Anderen. Jeden Mitmenschen. Jedes Mitwesen.

Allerdings: Wer kann das? In den Täuferkreisen, manche erinnern sich, am radikalen Rand der Reformation sind solche Experimente gewagt worden. Die Radikalität hat eine ungeheure Faszination.

Trotzdem: Ich persönlich bin dadurch überfordert. Ich kann so nicht leben und will es auch nicht. Auch wenn Luther von den radikalen Reformatoren als „geistloses, sanft lebendes Fleisch zu Wittenberg“ verspottet wurde – ich bin trotzdem froh um seine „sanfte“ Auslegung dieses Abschnittes:

„Wohl hat der Herr uns ein Beispiel vor Augen gestellt, aber wir selber können’s nicht vollbringen. Unser Licht ist gegen sein Licht gleich wie ein Strohhalm, der angezündet ist, gegen die Sonne. So ist’s mit der Liebe Christi im Vergleich zu unserer Liebe.“

Und so ist es, wer weiss, vielleicht doch klug, weise und menschlich-bescheiden, wenn man wie der Papst einmal im Jahr eine liturgische Fusswaschung vollzieht. Und sich in dieser Liturgie, wenigstens dort, daran erinnert, wie wir eigentlich gedacht sind: Als Menschen, die wie Christus lieben und einander unsere Liebe bis zur Vollendung erweisen, radikal, ganz und gar und bis ans Ende. Auf dem Weg dorthin bhüet eus Gott!

Überleitung Abendmahl


Gesten sind mehrdeutig.
Die Fusswaschung kann als Reinigung durch Jesus Christus verstanden werden, dem „Lamm Gottes, das trägt die Sünde der Welt“. Das entspricht der Lehre Luthers.
Die Fusswaschung kann auch als „Beispiel“, „Vorbild“ verstanden werden, dem es nachzufolgen gilt. Das entspricht der Lehre der radikalen Reformatoren – auch die Reformierten, Zwingli und Calvin haben den Schwerpunkt eher hier gelegt.

Auch das Abendmahl ist eine Geste und als solche auf verschiedene Weise interpretierbar. Man kann sich die Anwesenheit Christi im Abendmahl wie Luther und die katholische Kirche vorstellen als Gegenwart in, mit und unter den Elementen von Brot und Wein. Man kann sich aber auch, wie Zwingli, vorstellen, dass Christus unter uns gegenwärtig ist, wenn wir das Geschehen jener Nacht erinnernd vergegenwärtigen und so hineingenommen werden in die Befreiungs- und Heilsgeschichte Gottes mit uns.

Wie immer wir sie verstehen – möge die Geste des Abendmahls uns eins sein lassen in dir, Jesus Christus.

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Predigt an Karfreitag, 19. April 2019

Text: Joh. 19, 17-30 (Kreuzigung und Tod Jesu)


17 Er trug sein Kreuz selber und ging hinaus zu der sogenannten Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgota heisst. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte aber Jesus. 19 Pilatus liess auch eine Tafel beschriften und sie oben am Kreuz anbringen. Darauf stand geschrieben: Jesus von Nazaret, der König der Juden.
20 Diese Inschrift nun lasen viele Juden, denn die Stelle, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag nahe bei der Stadt. Sie war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache verfasst. 21 Da sagten die Hohen Priester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

23 Nachdem nun die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, dazu das Untergewand. Das Untergewand aber war ohne Naht, von oben an am Stück gewoben. 24 Da sagten sie zueinander: Wir wollen es nicht zerreissen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift in Erfüllung gehen, die sagt: Sie haben meine Kleider unter sich verteilt, und über mein Gewand haben sie das Los geworfen. Das also taten die Soldaten.

25 Beim Kreuz Jesu aber standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als nun Jesus die Mutter und den Jünger, den er liebte, neben ihr stehen sieht, sagt er zur Mutter: Frau, da ist dein Sohn. 27 Dann sagt er zum Jünger: Da ist deine Mutter. Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.
28 Danach spricht Jesus im Wissen, dass schon alles vollbracht ist: Mich dürstet! So sollte die Schrift an ihr Ziel kommen. 29 Ein Gefäss voll Essig stand da, und so tränkten sie einen Schwamm mit Essig, steckten ihn auf ein Ysoprohr und führten ihn zu seinem Mund. 30 Als Jesus nun den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und er neigte das Haupt und verschied.

Predigt

Brittens reflections, Reflektionen sind subjektiv und fragmentarisch. Er verwendet nicht die ganze Melodie von Dowland, sondern Anfänge, manchmal nur Fetzen. Die einzelnen reflections enden offen, meist mit ganz hohen leisen Klängen, gleichsam im Nichts.

Auch in der Predigt bleibt Vieles fragmentarisch, unabgeschlossen, in der Schwebe. Vielleicht passt das ja zum Karfreitag. Die Kreuzigung Jesu wird immer deutungsoffen bleiben, in ihrem Sinn nie abschliessend zu erfassen. Tasten wir uns also durch den Text:

17 Jesus trug sein Kreuz selber und ging hinaus zu der sogenannten Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgota heisst.

Dass Jesus sein Kreuz selber getragen haben soll, überrascht. In den anderen Evangelien ist es doch Simon von Kyrene, der das Kreuz Jesu trägt, nachdem dieser zusammengebrochen ist.

Bei Johannes aber trägt Jesus das Kreuz selber. Diese Änderung hat der vierte Evangelist vermutlich bewusst vorgenommen. Bei ihm hat Jesus bis zuletzt das Schicksal in seinen Händen. Auch jetzt, wo er dem Tod ausgeliefert wird, ist er auf paradoxe Weise Herr über das Geschehen.

Der Bericht von der Kreuzigung bei Johannes ist kurz und schlichte, der Tod wird nicht dramatisch dargestellt wie in der Matthäuspassion, wo die Erde erbebt und die Felsen zerrissen.

Golgota: Der kahle Felshügel hat Form eines Schädels, von daher kommt vermutlich der Name, der aber auch das Grauen der Hinrichtungsstätte in sich trägt.

18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte aber Jesus.

Anders als die anderen Evangelisten erwähnt Johannes nicht, dass die beiden Männer, die mit Jesus zusammen gekreuzigt werden, Räuber oder Verbrecher seien. Sie sind einfach wie Jesus selber Opfer der römischen Machtherrschaft.

Was Johannes hingegen erwähnt ist, dass Jesus in der Mitte ist. Dieser Platz im Zentrum deutet an, dass der Gekreuzigte der König ist. Und das verdeutlicht Johannes dann in den folgenden Versen anhand der Tafel mit der Aufschrift „Jesus von Nazaret, der König der Juden“. Auf dieser Tafel liegt beim vierten Evangelisten alles Gewicht. Er befasst sich damit viel ausführlicher als die anderen:

19 Pilatus liess auch eine Tafel beschriften und sie oben am Kreuz anbringen. Darauf stand geschrieben: Jesus von Nazaret, der König der Juden. 20 Diese Inschrift nun lasen viele Juden, denn die Stelle, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag nahe bei der Stadt. Sie war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache verfasst. 21 Da sagten die Hohen Priester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Es ist in der Antike üblich, dass die Schuld eines Verurteilten auf einer Tafel publik gemacht wird. Zum Beispiel wird von einem Sklaven berichtet, dem wegen des Diebstahls einer silbernen Platte bei einem öffentlichen Gastmahl die Hände abgehackt und umgehängt wurden: „Dann wurde er zwischen der Gesellschaft der Leute, die gerade speisten, herumgeführt, wobei man eine Tafel (titulus) vorantrug, auf der der Grund für die Strafe zu lesen war“. (nach Wengst)

Dass Jesus tatsächlich als „König der Juden“, also als messianischer Revoluzzer verurteilt wurde, ist historisch wahrscheinlich. Daran zeigt sich übrigens, dass die Hauptverantwortung für den Tod Jesu nicht etwa die „Juden“ hatten, sondern die Römer.

Doch die Inschrift „König der Juden“ besagt mehr, als Pilatus eigentlich sagen will. Sie macht sichtbar, wer dieser Gekreuzigte in Wahrheit ist: der Messias, König der Juden und König der Welt.

Der Reformator Johannes Calvin sagte träf, es sei die „Vorsehung Gottes (gewesen), die dem Pilatus den Griffel führte; Gott hat ihm diese Verkündigung des Evangeliums diktiert, ohne dass Pilatus wusste, was er schrieb“. (nach Wengst)

In dem Zusammenhang hat auch die Dreisprachigkeit der Inschrift noch eine tiefere Bedeutung. Hebräisch bzw. Aramäisch war die im Palästina gesprochene Sprache, Latein war die Amtssprache, und Griechisch war die im ganzen römischen Imperium üblicherweise gesprochene Sprache. Wichtige Dokumente wurde alle in griechischer und lateinischer Sprache abgefasst.

Dieser Judenkönig geht also die ganze Welt an. „Die Dreisprachigkeit der Inschrift macht Pilatus ironischerweise zum ersten Missionar Jesu über die Sprachgrenzen Israels hinaus“ (nach Thyen)

23 Nachdem nun die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, dazu das Untergewand. Das Untergewand aber war ohne Naht, von oben an am Stück gewoben. 24 Da sagten sie zueinander: Wir wollen es nicht zerreissen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift in Erfüllung gehen, die sagt: Sie haben meine Kleider unter sich verteilt, und über mein Gewand haben sie das Los geworfen. Das also taten die Soldaten.

Den Soldaten in der Antike stand als Lohnanteil zu, was der Exekutierte am Leib trug: „Kleidung, mit der er angezogen war, Geldstücke, die der Hingerichtete im Leibgurt für sich zur Hand hatte und Fingerringe von geringem Wert, d.h. Dinge, die über fünf Golddenare nicht hinausgehen.“

Bei den anderen Evangelisten ist die Rede davon, dass die Soldaten die Kleider verteilten, „indem sie das Los über sie warfen“. Das bezieht sich auf Psalm 22 (V. 19):

Sie haben meine Kleider unter sich verteilt,
und über mein Gewand haben sie das Los geworfen.


Dieser Bezug auf die Heilige Schrift ist eine Form zu zeigen: Mitten im Grauen der Kreuzigung ist auf geheimisvolle Weise Gott gegenwärtig. Im Licht der Schrift wird sichtbar, dass das, was da geschieht, sich nicht ausserhalb von Gott abspielt.

Anders als die anderen Evangelisten unterscheidet Johannes zwischen zwei Aktionen: Die Aufteilung der Kleider und das Losen ums nahtlose Untergewand. Johannes ist es offenbar wichtig, dass die Schrift wortgetreu in Erfüllung geht. Beide Zeilen des zweizeiligen Psalmverses sollen umgesetzt werden:

1) Sie haben meine Kleider unter sich verteilt,
2) und über mein Gewand haben sie das Los geworfen.


Doch vielleicht hat die separate Erwähnung des Untergewands ohne Naht noch einen tieferen Sinn. Von Mose wird in den jüdischen Schriften erzählt, er habe die sieben Tage bei der Einweihung des Zeltes der Begegnung „einen weissen Hemdrock ohne Naht“ getragen. In seinem Gefolge trugen auch die Hohepriester solche nahtlosen Gewänder.

Das Untergewand ohne Naht deutet also an, dass der am Kreuz Zerbrochene nicht nur wahrer König, sondern auch wahrer Hohepriester ist, der die Verbindung mit Gott herstellt, Versöhnung, Ganzheit ohne Risse, Brüche, Nahten. Entsprechend einem paradoxen jüdischen Spruch: „Nur ein gebrochenes Herz ist ein ganzes Herz“

Der Szene mit den Soldaten wird nun in scharfem Gegensatz die Szene mit den Frauen und dem Lieblingsjünger gegenübergestellt. Die einen reissen raffgierig die letzten ärmlichen, erbärmlichen Habseligkeiten Jesu an sich. Die anderen bleiben, ohne Eigeninteresse, beim Gekreuzigten bis zu seinem Tod – und sie sind auch untereinander solidarisch:

Beim Kreuz Jesu aber standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als nun Jesus die Mutter und den Jünger, den er liebte, neben ihr stehen sieht, sagt er zur Mutter: Frau, da ist dein Sohn. 27 Dann sagt er zum Jünger: Da ist deine Mutter. Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.


In den Ereignissen bis zur Festnahme Jesu, der Fusswaschung, dem Abendmahl, dem Gebet in Getsemani kommen ausschliesslich Männer vor. Nun, in der Todesstunde sind es einzig die Frauen, die bei Jesus bleiben. Calvin schreibt: „Wir müssen über die Treue der Frauen nachdenken“; was sie zu dem Zeitpunkt sahen, war einzig und allein „Fluch und Schande“. (nach Wengst)

Sie wussten ja noch nichts von Ostern. Trotzdem bleiben sie --- und werden so Augenzeuginnen des Todes Jesu. Sie geleiten den Leichnam zum Grab. Am Ostermorgen kehren sie dorthin zurück. Die galiläischen Weggefährtinnen Jesu bilden so das Bindeglied zwischen Karfreitag und Ostern, zwischen Tod und Auferstehung des Messias Jesus. (vgl. Eckey Lk 958)

Bei den anderen Evangelisten heisst es, historisch wohl korrekt, die Frauen hätten „von ferne“ zugeschaut. Bei Johannes stehen sie direkt unter dem Kreuz. Mit diesem Arrangement schafft der Evangelist die Voraussetzung für den darauf folgenden Dialog Jesu mit seiner Mutter und dem Lieblingsjünger:

Er sagt zur Mutter: Frau, da ist dein Sohn. 27 Dann sagt er zum Jünger: Da ist deine Mutter.


Noch vom Kreuz herab gibt der johanneische Jesus in der ihm eigenen Souveränität und Autorität Anweisungen. Die gegenseitige Zuweisung der Mutter und des Lieblingsjüngers ist sein Vermächtnis.

Dem Vermächtnis wird entsprochen:

Und von jener Stunde an nahm sie der Schüler bei sich auf.

Gestern Abend haben wir uns mit der Erzählung von der Fusswaschung befasst. Jesus wäscht seinen Jüngern die Füsse. Danach sagt er ihnen, er habe ihnen ein Beispiel, ein Modell, ein Urbild und Vorbild gegeben, wie sie miteinander umgehen sollen. Sie sollen, sagt Jesus, einander die Füsse waschen.

Dieses Füsswaschen ist symbolisch zu verstehen. Es gilt für alle Lebensbereiche. Es gilt, sich nicht an den Eigeninteressen zu orientieren, den Anruf des Anderen zu hören, mit weit offenen, das eigene Ego transzendierenden Ohren. Und entsprechend zu handeln. So wie der Lieblingsjünger, der die Mutter gemäss dem Gebot Jesu „nicht unversorgt in einer feindlichen Welt zurücklässt“ (Thyem), sondern sie bei sich aufnimmt.

Dass dieser Jünger, den Jesus liebte, keinen Namen trägt, ist kein Zufall. Die Namenlosigkeit gibt Raum für jede und jeden von uns, an den Platz des Lieblingsjüngers zu treten, selber Lieblingsjüngerin, Lieblingsjünger zu sein und wie er „vom Kreuz her solidarisch“ (Wengst) zu handeln.

28 Danach spricht Jesus im Wissen, dass schon alles VOLLENDET ist: Mich dürstet! So sollte die Schrift zur VOLLENDUNG kommen. 29 Ein Gefäss voll Essig stand da, und so tränkten sie einen Schwamm mit Essig, steckten ihn auf ein Ysop-Rohr und führten ihn zu seinem Mund. 30 Als Jesus nun den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist VOLLENDET. Und er neigte das Haupt und verschied.

Bei der Fusswaschung, am Anfang der Passionsgeschichte heisst es, Jesus „erweise den Seinen seine Liebe bis zur VOLLENDUNG“.

Nun, im Angesicht des Todes, erscheint dieses Wort VOLLENDUNG wieder, dreimal auf engstem Raum. Das letzte Wort, das der johanneische Jesus sagt, ist eben dies: Tetelestai. Es ist VOLLENDET. So, schreibt der grosse Neutestamentler Rudolf Bultmann, „ist alles VOLLENDET jetzt, da in den Augen der Welt alles gescheitert ist“.

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Die Predigt wird in John Dowlands berühmtestem Lied nachklingen: Flow my tears, gesungen von Mattias Lamprecht, begleitet von Marta Casulleras. Wie das Karfreitagslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ ist die Melodie von Flow my tears durch absteigende Melodiemuster gekennzeichnet. Dieser Abstieg bringt Trauer zum Ausdruck, er symbolisiert gleichsam fallende Tränen. Das Lied singt von zerbrochenem Glück. Von einer Verzweiflung, die sich lieber in der Hölle verkriecht als die Qualen dieser Welt weiter zu erdulden.

Horcht, ihr Schatten, die im Dunkeln wohnen,
Lernt das Licht verachten!
Glücklich, glücklich sind jene, die in der Hölle
Die Qualen dieser Welt nicht verspüren!

Hark! you shadows that in darkness dwell,
Learn to contemn light
Happy, happy they that in hell
Feel not the world's despite.


Einst hatte Jesus von der nie versiegenden Quelle lebendigen Wassers gesprochen, die er selber sei. Nun sind es salzige, bittere Tränen, die aus den Quellen strömen:

Fließt, meine Tränen, strömt aus euren Quellen,
Für immer verbannt: lasst mich trauern.
Wo der schwarze Vogel der Nacht sein
düsteres Lied singt, dort lasst mich einsam sein.

Flow, my tears, fall from your springs!
Exiled for ever, let me mourn;
Where night's black bird her sad infamy sings,
There let me live forlorn.


Einst wurde Jesus auf dem Berg Tabor vor den Augen seiner Jünger verwandelt, „und seine Kleider wurden glänzend, ganz weiss, wie kein Färber auf Erden sie weiss machen kann“ (Mk. 9, 3). Doch nun war er tief gefallen, hinab bis zum Tod am Kreuz, „hinabgestürzt“ in das Reich des Todes:

Vom höchsten Gipfel der Zufriedenheit
Wurde mein Glück hinabgestürzt
Und Angst und Gram und Schmerz in dieser Einsamkeit
sind meine Hoffnungen, seit es keine Hoffnung gibt

From the highest spire of contentment
My fortune is thrown;
And fear and grief and pain for my deserts, for my deserts
Are my hopes, since hope is gone.

Ich stelle mir vor, dass das Lied gesungen wird von Maria, der Mutter von Jesus, oder von Maria von Magdala, oder vom Jünger, den Jesus liebte. Von einem der Menschen, die mit Jesus in Liebe verbunden waren und nun, ohne Hoffnung, ohne Perspektive im Elend versinken.

Allen Menschen, die dieses Lied „Flow my tears“ singen, die im Elend sind, versinken in Depressionen, keine beruflichen Perspektiven haben, deren Beziehungen zerbrechen, die von Gewalt betroffen sind, häuslicher Gewalt, psychischer Gewalt, Gewalt in Kriegszonen und Folterkellern, die gefangen sind in Gefängnissen, ans Bett, an den Rollstuhl gebunden, gefangen im Körper oder im dementen Geist – ihnen allen, uns allen sagt der johanneische Jesus:

Es gibt die andere Seite der Wirklichkeit. Dort ist Licht, dort ist Wahrheit, dort ist Schönheit und absolute Freiheit – zu jedem Zeitpunkt, auch noch im Tod.

Johannes beschreibt den Tod Jesu mit den Worten: „Und er neigte das Haupt und übergab seinen Geist.“ Da wird der grausamste Tod der Antike, der Sklaventod geschildert, wie wenn einer friedlich einschläft.

Und mehr noch: „Das Haupt neigen“ und „den Geist übergeben“ sind beides aktive Verben. Der ohnmächtig am Kreuz Hängende wählt – von der anderen Seite der Wirklichkeit her gesehen – seinen Tod in absoluter Freiheit.

Der johanneische Jesus war zeitlebens in ungebrochener Verbindung mit dieser anderen Seite der Wirklichkeit. Er nannte sie seinen Vater. Auch wir sind immer in dieser Verbindung, auch wenn wir es nicht durchwegs wahrnehmen. Auch in der Gottverlassenheit verlässt „der Vater“ uns nicht. Dass uns nicht erst an Ostern, sondern heute schon, am Karfreitag diese andere Seite der Wirklichkeit aufleuchtet, das wünsche ich uns von Herzen. Bhüet eus Gott. Amen.

Einleitung Abendmahl:

Die Welt, in der wir leben, und die Welt änedraa, das sagenhafte Drüben. Diese Seite der Wirklichkeit und die andere Seite der Wirklichkeit kommen zusammen im Abendmahl. Das messianische Licht, Gott selber verbindet sich, dringt ein in die Materialität von Brot und Wein und in das, was sie symbolisieren: Alltag und Fest, Freude und Schmerz, das Leben und den Tod. Feiern wir Abendmahl!
Kontakt: Pfr. Andreas Fischer
aktualisiert mit kirchenweb.ch
Autor: Andreas Fischer