Gottesdienst mit Predigt zur "Heilung eines Gelähmten" (Joh. 5, 1-9)

Glockenturm Kaiseraugst<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>553</div><div class='bid' style='display:none;'>7011</div><div class='usr' style='display:none;'>68</div>
Betesda, ein aus zwei Becken mit fünf Säulenhallen bestehendes Heilbad, dessen archäologisch aufbereitete Reste heute noch in der Altstadt von Jerusalem besichtigt werden können, war eine Art antikes Lourdes. Gemäss alter Überlieferung stieg dort von Zeit zu Zeit ein Engel in den Teich hinab und wühlte das Wasser auf. Der erste, der nach dem Aufwallen des Wassers hineinstieg, wurde jeweils gesund.

Nun gab es dort einen Gelähmter, der seit 38 Jahren auf seine Chance wartete. Doch wegen seiner Krankheit kam er immer zu spät.

Im insgesamt hochsymbolischen Text des Johannesevangeliums kann man auch bei der Zahl 38 annehmen, dass sie eine symbolische Bedeutung hat. Tatsächlich scheint sie sich auf eine Stelle im Alten Testament zu beziehen, wo erzählt wird, dass nach 38 Jahren Wüstenwanderung alle waffenfähigen Männer des Gottesvolkes gestorben seien (Dtn. 2, 14). Der Gelähmte ist, wie es scheint, in all den Jahren am Teich ziemlich schutzlos geworden. Nun begegnet ihm Jesus.

Herzliche Einladung zum Gottesdienst, der sich unmittelbar anschliesst an jenen vom vergangenen Sonntag. Das gilt in Bezug auf den Predigttext (Heilung eines Blindgeborenen, ebenfalls an einem Teich; Predigt siehe unten) und auch in Bezug auf die Musik: Unsere Pianistin Marta Casulleras wird wieder Stücke der französischen Komponistin Mel Bonis spielen!

Andreas Fischer

Predigttext: Heilung eines Gelähmten (Joh. 5, 1-9)

5, 1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 In Jerusalem beim Schaftor ist ein Teich mit fünf Hallen, der auf hebräisch Betesda heisst. 3 In den Hallen lagen viele Kranke. 5 Dort war auch ein Mensch, der seit achtunddreissig Jahren an seiner Krankheit litt. 6 Als Jesus diesen liegen sieht und erkennt, dass er schon eine lange Zeit leidet, sagt er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufgewühlt wird, in den Teich trägt; und wenn ich versuche, selber hinzukommen, steigt ein anderer vor mir hinein. 8 Jesus sagt zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre und zeig, dass du gehen kannst! 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund, er nahm seine Bahre und konnte gehen.

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Predigt zur Heilung eines Blindgeborenen (Joh. 9, 1-12)

Text:


Im Vorübergehen sah Jesus einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn:

Rabbi, wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?

Jesus antwortete:

Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde und machte einen Brei aus dem Speichel und strich ihm den Brei auf die Augen und sagte zu ihm:

Geh, wasche dich im Teich Schiloach!

Schiloach heisst ‹der Gesandte›. Da ging er und wusch sich und kam sehend zurück.

Die Nachbarn nun und die Leute, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten:

Ist das nicht der, der dasass und bettelte?

Die einen sagten:

Er ist es.

Die anderen sagten:

Nein, er sieht ihm bloss ähnlich.

Er selbst sagte:

Ich bin es.

Da sagten sie zu ihm:

Wie also sind deine Augen aufgetan worden?

Er antwortete:

Der Mensch, der Jesus heisst, machte einen Brei und strich ihn mir auf die Augen und sagte zu mir: Geh zum Teich Schiloach und wasche dich. Da ging ich hin, wusch mich und konnte sehen.

Und sie fragten ihn:

Wo ist er?

Er sagt:

Ich weiss es nicht.

Predigt:


Als wir uns vor ein paar Tagen im Pfarrhaus im kleinen Kreis über den Text austauschten, erzählte eine Frau von ihrer behinderten Schwester. Was sie erzählte, darf ich hier mit ihrer Erlaubnis weitergeben. Ihre Eltern waren noch nicht verheiratet, als das Kind zur Welt kam. Es gab in der Nachbarschaft Menschen, die in der Behinderung eine Strafe Gottes für dieses Nicht-Verheiratet-Sein sahen.

Dass die Behinderung Folge eines Ärztefehlers bei der Geburt war, spielte dabei keine Rolle.

Glücklicherweise betrachteten die Eltern die Behinderung des Kindes nicht als Gottesstrafe und vermittelten ihren Kindern das auch so. Trotzdem: jene schreckliche Beschuldigung aus der Nachbarschaft ging tief, erzählte die Frau. Man denkt, man habe es verarbeitet, und plötzlich, viele Jahre später bricht es wieder auf.

Gegenüber derartigen Beschuldigungen sagt Jesus kurz und bündig:

„Weder der Behinderte noch seine Eltern haben gesündigt“.

Damit ist der unselige Zusammenhang von Krankheit und Behinderung einerseits und Sünde und Schuld andrerseits aufgehoben. Diese Einsicht ist entlastend, befreiend. Nun können wir uns, frei von Schuldzuweisungen und niederdrückender Moral der Geschichte zuwenden.

Der bekannte zeitgenössische Benediktinermönch und spirituelle Lehrer Anselm Grün beginnt seine Auslegung mit einem Paukenschlag. Er sagt, der Blindgeborene, das bin ich, das ist jede und jeder Einzelne von uns. Es gilt also, die Geschichte symbolisch zu verstehen. Denn mit meinen Augen sehe ich ja. Doch mit den Augen der Seele vielleicht nicht. Grün schreibt:

„Blindsein ist Ausdruck einer Haltung, die sich weigert, die eigene Wirklichkeit anzuschauen, die blinden Flecken wahrzunehmen, das Schmutzige und Unansehnliche anzusehen. Wer ein zu ideales Bild von sich hat, wird blind für seine Schattenseiten.“ (523)

In dieser symbolischen Sicht leuchtet es ein, dass Jesus dem Blinden Schlamm auf die Augen drückt, einen gruusigen Brei aus Erde und Speichel.

Die Erde heisst auf Latein humus. Mit dem Wort humus verwandt ist humilitas, was Demut bedeutet. Die Geste Jesu erinnert den Blinden, erinnert mich selber daran, dass ich, wie es am Anfang der Bibel heisst, aus feuchter Erde, aus Lehm, aus Dreck geschaffen bin. In der Genesis (2, 7) heisst es:

„Gott, der EWIGE, bildete den Menschen aus Erde vom Ackerboden“.

Jesus verschmiert die Erde mit Speichel. Dieser galt in der Antike als Heilmittel.

Als ich das sagte in unserer Gesprächsrunde am Mittwoch, leckte eine Frau, selber Mutter, ihren Finger und strich damit über die Hand.

Auch heute noch machen das Mütter – vielleicht auch Väter – intuitiv bei ihren Kindern, wenn die eine Wunde haben. Tiere machen es auch. Dass Jesus auf die Erde spuckt, hat nichts Verächtliches, es ist Ausdruck einer Zuwendung auf tiefer, ursprünglicher, vorsprachlicher Ebene. Dieser Heilungsprozess, in dem ich sehend werde, erfolgt sanft, liebevoll, warm; nicht so, dass einem da die Wahrheit an den Kopf geworfen, um die Ohren geschlagen wird.

Weiter sagt Jesus zu dem Blinden:

„Geh, wasche dich im Teich Schiloach!“

Auch das ist symbolisch zu verstehen: Der Teich, überhaupt das Wasser, ist Bild fürs Unbewusste, für die Tiefenschichten, die dunklen Bereiche der Seele. Der berühmte Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung schreibt in seiner gewohnt geheimnisvollen Sprache:

„Der Weg der Seele … führt zum Wasser, zu jenem dunklen Spiegel, der in ihrem Grunde ruht. Wer immer den Stand der geistlichen Armut (man könnte auch sagen: der humilitas, der Demut) für sich erkoren hat, gelangt auf den Weg der Seele, der zum Wasser führt. Dieses Wasser ist … lebendiges Symbol für die dunkle Psyche.“

Das illustriert Jung dann anhand eines seiner Patienten:

„Ein protestantischer Theologe träumte öfters denselben Traum, er stehe an einem Abhang, unten liegt ein tiefes Tal und darin ein dunkler See. Er weiss im Traum, dass ihn bisher immer etwas abgehalten hatte, sich dem See zu nähern. Dieses Mal beschliesst er nun, zum Wasser zu gehen. Wie er sich dem Ufer nähert, wird es dunkel und unheimlich, und plötzlich huscht ein Windstoss über die Fläche des Wassers“ (nach 2/89f.)

Der Weg in die Tiefe, runter zum Teich führt ins Unbekannte und Ungewisse. Doch der Blinde geht im Auftrag und im Schutz von Jesus dorthin:

„Geh, wasche dich im Teich Schiloach!“,

sagt Jesus in unserer Geschichte.

Dann folgt ein merkwürdiger Zusatz:

„Schiloach heisst ‚der Gesandte‘“.

Wer mit dem Johannesevangelium vertraut ist, ahnt: Hier geht es nicht einfach um eine Information für solche, die des Hebräischen unkundig sind.

Diese Information hat einen tieferen, symbolischen Sinn. Und tatsächlich: Wenige Zeilen zuvor sagte Jesus: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat“.

Das heisst: Jesus selbst ist ‚der Gesandte‘. Wer hinuntersteigt, wer eintaucht in den Teich, der wird dort nicht nur Schlamm und dunkle Mächte finden. Nein, auf dem Grund der Seele, da ist der Gesandte selber, da ist der Messias, da ist Christus, da ist Gott.

Diese ganze Symbolik vertieft sich noch einmal, wenn man sich vor Augen hält, dass „Schiloach“ nicht nur „der Gesandte“, sondern auch „der Kanal“ bedeutet, im Sinn von Wasser, das von der Quelle durch den Kanal in den Teich „gesandt“ wird.

Der Teich Schiloach, der die Wasserversorgung Jerusalems gewährleistete, wurde von der Gihon-Quelle ausserhalb der Stadt gespiesen.

Ein paar Kapitel früher im Johannesevangelium sagt Jesus zur Samaritanerin am Brunnen:

„Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst haben. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, der wird in Ewigkeit nicht mehr Durst haben, nein, das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben sprudelt.“ (4, 13f.; vgl. 7, 37)

Wenn der Blinde sich also im Teich Schiloach wäscht, dann kommt er in Kontakt mit der Quelle des Lebens, kommt in Berührung mit dem lebendigen Wasser, das ins ewige Leben hinüber sprudelt. Er wird in Ewigkeit nie mehr Durst haben.

Der Durst wird gestillt, dem Blinden gehen die Augen auf im Kontakt mit dem Messias, mit Jesus Christus:

„Da ging er und wusch sich und kam sehend zurück.“

Damit endet die erste Szene. Eine neue beginnt. Der Blinde hat das erlebt, was man in der Religionsphilosophie ein Mysterium tremendum et fascinans nennt, ein Geheimnis, das erschüttert und fasziniert. Es war ein religiöses Erlebnis, eine ausserirdische, überirdische Erfahrung.

Nun findet der Blinde sich zuhause wieder, es wird ziemlich alltäglich, die Nachbarn sind nicht weit. Sie hatten den ehemals Blinden als Bettler gekannt, wie denn sonst? Zwar waren in der Antike nicht alle Bettler Blinde, aber alle Blinden waren Bettler. Was hätten sie mit ihrer betrüblichen Existenz anderes tun sollen?

Die Nachbarn, heisst es in der Forschung mit einer lustigen Bemerkung, stehen für jene Menschen, „die sich keine ernsthaften Fragen stellen“ (Beutler). Was sie sagen, ist scheinbar oberflächlich, Klatsch halt:

„Ist das nicht der, der da-sass und bettelte? Die einen sagten: Er ist es. Die anderen sagten: Nein, er sieht ihm bloss ähnlich.“

Dann kommt der Blindgeborene selber zu Wort. Er sagt:

„Ich bin es“.

Das ist zunächst, vordergründig einfach die Antwort auf die Frage, die sich die Nachbarn stellen. Der Blindgeborene bezeugt seine Identität: Ich bin der Blinde, den ihr gekannt habt.

Doch in der Bibel sagt Gott von sich selbst:

„ICH BIN der ICH BIN“.

Und Jesus im Johannesevangelium sagt dauernd: „ICH BIN“.

„Ich bin das Licht der Welt“ ist eines von insgesamt sieben „Ich bin“-Worten. Weitere lauten zum Beispiel:

„Ich bin das Brot des Lebens“
„Ich bin die Tür“
„Ich bin die Auferstehung und das Leben“
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“

Wenn der Blindgeborene nun sagt: „Ich bin es“, dann ist er auf tiefster Ebene eins mit dem Messias, dann wird sein „ICH BIN“ deckungsgleich mit dem ICH BIN von Jesus Christus. Er selber, der Blindgeborene, ist nun Licht und Auferstehung und Brot und Tür. Weg und Wahrheit und Leben.

Der Weg dorthin ist weit. Und unbekannt. Die Nachbarn fragen: „Wo ist er?“ Der Blinde antwortet: „Ich weiss es nicht“.

Nicht-Wissen gilt allgemein als negative Qualität, als Defizit. Es gilt, Prozesse im Griff zu haben, die Situation zu kontrollieren. Wer nicht weiss, ist out.

Aber ist das wirklich so?

Nick Cave, ein australischer Sänger und Songwriter, den ich sehr schätze, hat kürzlich in seinem Blog einen Brief an ein paar jugendliche Freunde von ihm geschrieben (Cave selber ist 62 Jahre alt).

Darin sagte, als Songwriter und auch als Mensch gebe er sich der Ungewissheit und Unsicherheit hin. Er umarme das, was er nicht wisse – weil er spüre, dass dort, im Nicht-Wissen wahre Bedeutung existiere. In der Ungewissheit und Unsicherheit stecke kreative Power, schöpferische Kraft. Er sehne sich nach dem, was hinter der Sicherheit verborgen sei, auch hinter dem, was man verstandesmässig erfassen könne. Auf diese Weise, glaube er, nähere er sich dem Göttlichen.

Die Antworten, sagt Cave, sie liegen im undurchdringlichen Dunkel des Waldes, in der unergründlichen Tiefe des Meers.

Oder, mag man im Nachklang der heutigen Lesung hinzufügen, in der Tiefe des Teichs, der See, der die eigene Seele symbolisiert.

Im Traum jenes protestantischen Theologen, den C.G. Jung erzählt, steigt der Mensch hinunter zu einem dunklen See. Dann huscht ein Windstoss über die Wasseroberfläche.

Das erinnert an die Worte Jesu im Johannesevangelium: Der Wind, der Geist, die göttliche Geistkraft weht, wo sie will. Du hörst ihr Sausen, das Rauschen der Ruach – aber du weisst nicht, woher dieser Wind kommt und wohin er geht.

So, glaube ich, ist das mit Gott. Möge der göttliche Geist uns berühren, wenn wir hinabsteigen zum Teich. Mögen uns die Augen aufgehen. Und mögen wir Nicht-Wissende bleiben, weit offen, lauschend.

Kaiseraugst, Sonntag, 10. November 2019


Kontakt: Pfr. Andreas Fischer