Die fundamentale Menschlichkeit des Christus: Texte zum Markusevangelium

Evangelist Markus mit seinem Symbol, dem Löwen (Foto: Andreas Fischer)
In den kommenden Monaten werde ich über ausgewählte Abschnitte aus dem ältesten der vier Evangelien - jenem des Markus - predigen. In diesem Dossier stelle ich in loser Folge Kanzelreden, Vorträge, Impulse, Notizen zusammen.
Andreas Fischer,
Zur Einführung

Er schreibt wunderbare Rockballaden. Dass er auch eine Einführung ins Markusevangelium geschrieben hat, weiss ich erst seit kurzem. Ein anglikanischer Priester empfahl dem australischen Musiker und Dichter Nick Cave (* 1957), das Markusevangelium zu lesen, mit der Begründung, es sei kurz. Cave befolgte den Rat, und das Evangelium, schreibt er, „eroberte mich im Sturm“:

„Von allen Schriften des Neuen Testaments – angefangen bei den vier Evangelien, über die ‚Geschichte der Apostel‘ und die komplexen, zielbewussten Paulusbriefe bis hin zur erschreckenden, entsetzlichen ‚Offenbarung des Johannes‘ – hat mir allein das Markus-Evangelium wirklich Halt gegeben.“

Eindringlich schildert Cave den Konflikt, in dem Christus im Markusevangelium mit der Welt steht, das unerträgliche Gefühl der Einsamkeit, den Zorn, die Trauer. Die Wunder, die jene Welt vergegenwärtigen, aus der er kommt. Seine Verwandten, seine Freunde, die „durch einen Nebel des Nichtverstehens tappen“. Die Ausrichtung des Evangeliums von allem Anfang an auf das Kreuz:

„Der Taufritus – das Sterben des alten Ich, um neu geboren zu werden – deutet wie so viele Ereignisse in Christi Leben bereits symbolisch auf seinen Tod hin, und sein Tod am Kreuz ist es dann auch, was den stärksten und quälendsten Eindruck hinterlässt.“

Nick Cave hat in diesem Evangelium die Alternative gefunden zum „weichgespülten, allgütigen, blassen“ Christus der Kirche und deren „entkoffeinierte Version des Glaubens“. Der Christus des Markus zeichnet sich aus durch „fundamentale Menschlichkeit“. Nicht ihn zu verehren gilt es, sondern ihm nachzufolgen. Er wird uns „aus der Weltlichkeit unseres Daseins herausheben“. Am Schluss schreibt Cave:

„Christus ist als Befreier gekommen. Christus hat verstanden, dass wir als Mensch für immer von der Schwerkraft zu Boden gezogen werden – unsere Gewöhnlichkeit, unsere Mittelmässigkeit –, und durch sein Beispiel hat er unserer Fantasie die Freiheit gegeben, aufzusteigen und zu fliegen. Kurz: Christus ähnlich zu sein.“

Von der Schwerkraft zu Boden gezogen und mit der Sehnsucht zu fliegen - so, in diesem Spannungsfeld, versuche ich, Markus zu lesen und zu verstehen.

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Daten der nächsten Markus-Predigten:

» „Kein Brot, keine Tasche, kein Geld“: Silvester-Gottesdienst am Samstag, 31. Dezember, 19.15 Uhr, mit Predigt zu Mk 6, 1-13

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Gott taucht auf an den Rändern: Predigt zur Jüngerberufung (1, 16-20)

Einleitung

Das griechische Wort „Euaggelion“ bedeutet „gute Nachricht“, „Frohbotschaft“. In der Antike bezogen sich solche „Euanggelia“, solche Frohbotschaften auf den Cäsar, den römischen Kaiser.

Dieser galt als „theios anthropos“, als göttlicher Mensch. „Seine Macht erstreckt sich auf Menschen, Vieh, Erde und Mehr. Ihm gehorcht die Natur; Wind und Wetter sind ihm untertan. Und er vollbringt Wunder, er heilt Menschen. Er ist der Heiland der Welt und Retter aus der Not.“ (nach ThWNT 721)

Entsprechend war es ein Euangelion, wenn so ein Kaiser zur Welt kam. Oder wenn er das Alter der Mündigkeit erreicht hatte. Oder wenn er den Thron bestieg.

Dass im Christentum nun nicht den Auftritt eines Kaisers in Rom, sondern eines Wanderpredigers in Palästina als Evangelium verkündet wurde, das war in der damaligen Zeit ein Skandalon – so beschreibt es die Bibel selber: als Skandal, als Ungeheuerlichkeit.

Es bedeutet: Gott erscheint nicht in den Machtzentren dieser Welt, nicht in den Palästen, nicht im Kreml und nicht im Pentagon – Gott taucht auf an der Peripherie, an den Rändern der Gesellschaft und auch an den Rändern der Seele, in den unbewussten, halbbewussten Bereichen, die man in der Psychologie „Schatten“ nennt. Von dort her strahlt das göttliche Licht auf.

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Ungefähr im Jahre 70 nach unserer Zeitrechnung, also etwa vierzig Jahre nach Jesu Tod, macht sich der Evangelist Markus daran, Erinnerungen an Jesus von Nazareth aufzuschreiben. Was dabei herauskommt, ist nicht einfach eine Biografie von einem Menschen, der vor langer Zeit an einem fernen Ort lebte. Vielmehr ist es ein Text, der uns über alle zeitlichen und räumlichen Distanzen in sich hineinholt. Es ist, als würden wir Gleichzeitige. Walter Grundmann, einer der bedeutenden Ausleger des Markusevangeliums, schreibt:

„Indem Markus Taten und Worte Jesu … darstellt und dies Evangelium nennt, hebt er den Abstand zwischen der Vergangenheit … und der Gegenwart auf.“ (nach 2f.)

Was da erzählt wird über den Rabbi von Nazareth, der vor zweitausend Jahren in Galiläa lehrte und in Jerusalem starb, das geht mich unmittelbar an. Es ist eine Geschichte für mich, ich bin gemeint.

Das gilt auch für die kurze Story, die wir nun hören, in der Jesus seine ersten Jünger beruft. Es gilt, ich erlaube mir die kleine Pointe, für mich, weil es in der Geschichte um Andreas, den Fischer geht – es gilt für jede und jeden von uns.

Text: Erstes Auftreten in Galiläa, Berufung der ersten Jünger (Mk 1, 16-20)

Als Jesus den See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, auf dem See die Netze auswerfen; sie waren nämlich Fischer. Jesus sagte zu ihnen: "Kommt, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen." Sogleich liessen sie die Netze liegen und folgten ihm.

Als er ein paar Schritte weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, wie sie im Boot die Netze herrichteten. Sogleich rief er sie. Sie liessen ihren Vater Zebedäus mit den Tagelöhnern im Boot zurück und gingen fort, ihm nach.

Predigt

Gewiss: Es sind historische Persönlichkeiten, die vorkommen in der Geschichte, die wir zuvor gehört haben. Simon Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes, die gemeinsam den inner circle der Jünger Jesu bildeten, sie haben zweifellos gelebt, und auch Jesus von Nazareth ist nicht nur eine mythische Figur, eine Märchengestalt – auch er hat gelebt, die Eckdaten seiner Biografie können als gesichert gelten.

Und trotzdem: Die Geschichte, die wir gehört haben, ist nicht einfach nur historischer Bericht. Man bezeichnet sie in der Forschung als „ideale Szene“, das heisst, sie folgt wie ein Märchen oder eine Sage bestimmten Mustern. Wenn man sich im Alten Testament umschaut, findet man sehr ähnlich strukturierte Erzählungen, etwa jene der Berufung des Elisa durch Elia. Im 1. Buch der Könige heisst es, etwas verkürzt zitiert:

„Und Elia begegnete Elisa, dem Sohn des Schafat... Elia ging an ihm vorüber und warf ihm seinen Mantel über. Da verliess dieser die Rinder, … folgte Elia und diente ihm.“ (Nach 1. Kön 19, 19f.)

Die Strukturmerkmale dieser Erzählung stimmen genau überein mit den beiden Berufungsgeschichten im heutigen Predigttext:

Es findet 1. eine Begegnung statt. Dann folgt 2. die Berufung, sei es mündlich wie bei Jesus oder durch eine Zeichenhandlung wie bei Elia, der Elisa seinen Mantel überwirft. 3. lösen sich die Berufenen von ihrem sozialen und beruflichen Umfeld, sie verlassen die Fischernetze oder die Rinderherde und folgen 4. dem, der sie berufen hat.

Das sind die Essentials. Sie haben etwas „Holzschnittartiges“ (E. Schweizer). Dadurch lösen sie die Geschichte von ihrem historischen Ursprung ab und machen sie zu Literuatur, in der sich die eigene Seele wiederfindet. Eben: Wir werden Gleichzeitige, wir sind gemeint.

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Und auf noch eine literaturwissenschaftliche Beobachtung sei hingewiesen: Das Markusevangelium ist in sehr einfachem Griechisch geschrieben, nahe an der Umgangssprache. Nichtsdestotrotz: Die Szene, die wir gehört haben, ist sehr sorgfältig komponiert:

Da sind zweimal zwei Brüder. Die einen – Simon und Andreas – haben griechische Namen, die anderen – Jakobus und Johannes – hebräische. Jesus trifft die beiden Brüderpaare bei einer jeweils anderen typischen Tätigkeit des Fischereiberufs, die einen beim Auswerfen, die anderen beim Flicken der Fischernetze. Die eine Tätigkeit wird in der Nacht, die andere am Tag verrichtet. Von den einen heisst es, sie verlassen ihre Fischernetze, die anderen verlassen ihren Vater.

Bei einer derart sorgfältigen Komposition gilt es, hellhörig zu sein. Da ist nichts dem Zufall überlassen. Zum Beispiel nicht die Gegend, in der sich die Szene abspielt: Galiläa.

Galiläa ist, aus der Perspektive Jerusalems, das Niemandsland im Norden. Die Menschen in jener Gegend stehen im Ruf, unfromm zu sein. „Galiläa, Galiläa“, klagt ein Jerusalemer Rabbiner, „du hassest die göttliche Ordnung. Deshalb wird dein Ende das der Räuber sein.“ Der Messias wird in Jerusalem erwartet, nicht in Galiläa.

Doch Jesus Christus tritt in Galiläa auf. Erst am Schluss seiner kurzen Zeit als Wanderprediger geht er nach Jerusalem. Dort wird er, bekanntlich, gekreuzigt.

Und dann, ganz am Ende des Evangeliums erscheint den Frauen beim leeren Grab ein Engel und sagt zu ihnen: „Der Auferstandene geht euch voraus nach Galiläa.“ (Nach Mk. 16, 7)

Galiläa, nicht Jerusalem, der Rand, nicht das Zentrum ist also der Ort, wo der Messias erscheint. Von dort her taucht das Licht auf. Es ist dies die Trift, die Tendenz des ganzen Evangeliums. Es ist, eben, nicht die Frohbotschaft des römischen Kaisers, sondern dieses Rabbi, der gekommen ist, „das Verlorene zu suchen“.

Zu den Verlorenen gehören auch die Fischer. Sie stehen, wie die Hirten, im Ruf, gesetzlose Gesellen zu sein. Im Alten Testament verheissen Fischer nichts Gutes. Immer bringen sie Unheil.

Beim Propheten Jeremia etwa kündigt Gott selber die kommende Katastrophe der Zerstörung Jerusalems und der Verschleppung der Bewohner ins Exil mit dem Bild „vieler Fischer“ an:

„Sieh, nach vielen Fischern sende ich, Spruch des EWIGEN, und diese werden sie herausfischen.“ (Jer. 16, 16)

--- „herausfischen“ aus dem scheinbar sicheren Aquarium hinter den hohen Mauern der Stadt…

Und nun beruft Jesus also als seine ersten Jünger ausgerechnet vier Fischer, mit der Verheissung, er werde aus ihnen, Menschenfischer machen. Das Wortspiel ist geistreich, und wenn man Andreas Fischer heisst und verheiratet ist mit einer Frau, die Wurm heisst, dann hat man daran seine kleine, persönliche Freude. Allemal: Die Metapher ist problematisch. Sie ist gewalttätig und manipulativ. Die Fische zappeln im Netz oder am Haken, hilflos, wehrlos, ausgeliefert.

Das empfindet auch meine geschätzte Vorgängerin Esther Borer so. In einer Predigt, die sie kürzlich zu eben diesem Text gehalten hat, sagt sie:

„Das klingt doch irgendwie anrüchig!“

Das Korrektiv, das Esther Borer gibt, ist wichtig:

"Was es heisst, Menschen zu fischen, hat Jesus in der Art und Weise, wie er den vier Männern begegnet ist, selber vorgelebt: … Das Gegenüber dazu herausfordern, sich selber zu entscheiden, sich für ein Ziel einzusetzen. Jesus zwingt keinen zu einem übergestülpten Programm oder Weg, den er selber nicht gehen will. Mit ihm unterwegs zu sein meint, sich für die Liebe, die Menschlichkeit einzusetzen.“

In eben diese Richtung der „Menschlichkeit“ geht die Auslegung des Menschenfischer-Worts durch Eduard Schweizer, den grossen Basler Neutestamentler. Er vermutet, dass nicht das geistreiche Wortspiel mit Fischen und Menschenfischen Jesus zu seiner Aussage inspiriert hat, sondern die Absicht, den ursprünglich negativen Sinn ins Positive zu wenden, „vielleicht“, schreibt Schweizer, „sogar in dem Sinn, dass sie die Menschen dem Bösen ‚wegfischen‘ sollen.“ (21)

Sie spüren in den immer wieder neuen Anläufen mein Unbehagen gegenüber dem Menschenfischer-Wort – dieses Unbehagen wird nicht ganz weggehen. Einen letzten Deutungsversuch möchte ich trotzdem noch erwähnen, jenen des bekannten deutschen Theologen und Psychoanalytikers Eugen Drewermann. Er beschreibt, wie sich die Qualitäten, die es beim Fischen braucht, ins Menschliche übertragen:

„Die Fähigkeiten, die bis dahin während ihrer beruflichen Tätigkeit … gelebt wurden, verwandeln sich nunmehr in Weisen, einander menschlich zu begegnen: Geduld, Wachsamkeit, Ausdauer, Zielstrebigkeit, eine gewisse Langsamkeit der Bewegungen, ein Gespür dafür, den anderen nicht durch Unachtsamkeiten zu verschrecken; all das, was einen guten Fischer ausmacht, werden diese Jünger auch in Zukunft benötigen und brauchen; aber es wird Teil einer menschlichen Haltung…, es hört auf, nur eine berufliche Verfahrensweise zu sein.“ (167)

Ich habe schon hingewiesen auf den sorgfältigen Aufbau unseres Predigttextes mit diesen beiden Berufungsszenen, die ähnlich sind und sich aber auch ergänzen.

Eugen Drewermann hat subtil beobachtet, dass in der ersten Szene Simon Petrus und Andreas die Fischernetze liegen lassen, in der zweiten Szene hingegen Jakobus und Johannes ihren Vater, den Zebedäus zurücklassen.

Im Griechischen steht für „Liegenlassen“ und „Zurücklassen“ jeweils dasselbe Wort. Das verstärkt den Bezug zwischen dem, was jeweils verlassen wird: dem Netz und dem Vater.

Und nun wird es in Drewermanns Auslegung existenziell: Was Simon Petrus und Andreas zurücklassen, ist der Beruf. Was Jakobus und Johannes zurücklassen, ist die Familie. Es sind mithin ganz tiefe Bindungen, aus denen die Jünger hinaustreten.

Was den Beruf anbelangt, äussert sich Drewermann radikal:

„Eines ist es, etwas zu machen …, wovon man leben kann; aber etwas anderes ist es, was uns als Menschen ausmacht und wofür zu leben sich lohnt. Einzig dies ist … entscheidend, wie man die Bestimmung findet, die im eigenen Wesen beschlossen liegt.“ (167)

Auf diese Frage wirft uns der heutige Predigttext zurück: Was ist die Bestimmung, „die im eigenen Wesen beschlossen liegt“?

Die Frage stellt sich in Bezug auf meinen Beruf und sozialen Stand. Sie stellt sich auch in Bezug auf die familiären Bindungen. Auch hier formuliert Drewermann radikal:

„Wir sind nicht berufen, Kindern von Menschen zu sein und zu bleiben; wir besitzen die Fähigkeit, Kinder Gottes zu werden…“ (168)

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Im heutigen Predigttext kommen nur Männer vor. Sogar die Nebenfiguren, der Vater Zebedäus und seine Taglöhner – sogar sie sind männlich. Doch das Thema der Individuation und Emanzipation, das der Text aufwirft – dieses Thema ist ein allgemein menschliches. Es geht uns alle an.

In welchem Ausmass es gerade Frauen betrifft, ist mir in diesen Tagen bewusst geworden, als ich das wunderbare Buch „Der Duft der Blumen bei Nacht“ der zeitgenössischen marokkanisch-französischen Schriftstellerin Leila Slimani las. Sie schreibt im Rückblick auf ihre Adoleszenz:

"Unabhängig werden hiess fliehen, aus diesem Gefängnis ausbrechen, das mein Zuhause war. Spricht man nicht von der Familie als Keimzelle der Gesellschaft? … Weil ich eine Frau war, hatte ich immer Angst, dass das familiäre Schneckenhaus mich erdrücken würde. Angst, Wurzeln zu schlagen… Mir scheint, unser Dasein ist ein einziges Bemühen, unsere Wildheit zu zerstören, uns zur Ordnung zu rufen, unsere Triebe zurechtzustutzen.“(nach 78, 82)

Entsprechend haben die Frauengestalten in Slimanis Romanen oft ein ähnliches Profil:

„Sie leiden darunter, dass sie ein Nest bauen müssen, einen behaglichen und sicheren Ort für ihre Kinder, ein Puppenhaus, dessen lächelnde Gefangene sie sein werden. Man muss für sie ‚da‘ sein, sagt man uns. Eine Frau sollte ‚wissen, wo ihr Platz ist‘.“ (83)

Der Ruf in die Nachfolge führt „hinaus aus dem Puppenhaus“, hinaus in die offene Weite. Man weiss nicht mehr, wo sein Platz ist. Jesus selber weiss es nicht, er sagt, dass Füchse ihre Höhlen und Vögel ihre Nester haben, er selber aber keinen Ort habe, wo er nachts sein Haupt hinlegen kann.

Im Hebräerbrief wird Jesus Christus beschrieben als der Mensch, der keinen Vater und keine Mutter hat, keinen Stammbaum, weder einen Anfang noch ein Ende des Lebens.

All dies schreibt der Autor des Hebräerbriefs – der, übrigens, vielleicht auch eine Autorin war –, obwohl er oder sie natürlich genau wusste, dass Jesus „Sohn des Zimmermanns“ und der Maria war und dass er ein genau datiertes Lebensende hatte.

Trotzdem und gerade so – in einer anderen Kategorie, einer anderen Dimension war er radikal frei von all diesen Bindungen, ist Gott von Gott und Licht von Licht in Ewigkeit.

Und wir, hineingerufen in die Nachfolge Jesu Christi, wir treten hinaus in dieselbe Freiheit, als Söhne und Töchter Gottes, „ihm gleichgestaltet“, christförmig.

All dies geschieht gleichsam en passant. Am Anfang der Lesung heisst es: „Als Jesus den See von Galiläa entlangging“. Der Satz ist völlig unauffällig, belanglos, alltäglich. Doch in dem Satz leuchtet eine der grossen Gotteserscheinungen der Bibel auf, dort im Buch Exodus, wo Mose den Lichtglanz Gottes sehen will.

Darauf antwortet der EWIGE, von Angesicht zu Angesicht könne er ihn nicht sehen. Doch er werde Mose in einen Felsspalt stellen und – wie Jesus dem See entlanggeht – an ihm vorübergehen. Und dann werde er ihn von hinten sehen, so wie die Jünger, denen Jesus sagt: Kommt, hinter mir her! (nach Ex 33, 18-33; Eckey)

Das also ist es, was die Fischer dazu gebracht hat, alles hinter sich zu lassen und aufzubrechen: Sie haben in diesem Menschen das göttliche Licht gesehen. Es leuchtet auch uns. Auch heute, im je eigenen Galiläa unserer Seelen. Folgen wir ihm!

Kaiseraugst, 7. August 2022

Wunder in Kafarnaum: Predigt über Mk 1, 21-34

Einleitung und Text

Es gibt zweifelsohne erstaunliche Phänomene zwischen Himmel und Erde. Eine Ahnung davon gewann ich während mehrwöchiger Aufenthalte in einem Slum in Manila, der Hauptstadt der Philippinen.

Dort hatte ich Gelegenheit, an Gottesdiensten einer Pfingstgemeinde teilzunehmen. Die Menschen, die in extremer Armut leben, sangen und tanzten sich in eine Ekstase der Glückseligkeit hinein, die sie aus dem Elend, der Perspektivenlosigkeit des Alltags heraushob.

Die Gesichter fingen an zu leuchten, und wenn der Pfarrer die Gemeinde mit lauter Stimme fragte: „Do you believe in supranatural miracles?“, „Glaubt ihr an übernatürliche Wunder?“, dann riefen sie unisono: „Yeah!“

In Brasilien wurde mir einmal erlaubt, an einem Ritual des Candomblé teilnehmen, einer faszinierenden synkretistischen Religion, in der afrikanische, von den Sklaven mitgebrachte Traditionen mit Überlieferungen der brasilianischen Indigenen zusammenfliessen.

Bei diesem Ritual versetzte sich der Priester in eine Trance, in der er wirkt, als wäre er betrunken. Dann kamen die Ratsuchenden zu ihm, er heilte, trieb Dämonen aus. Als ich an der Reihe war, fragte er mich, was mein Problem sei.

Ich antwortete, ich habe kein Problem, vielmehr interessiere mich, was er da eigentlich mache. Sogleich änderte sich sein Verhalten, er schien in einen anderen Bewusstseinszustand zu wechseln und erklärte mich sachlich und freundlich, wie er sich in diesem Trancezustand mit der Gottheit verbinde und diese durch ihn wirke. Dann entrückte er wieder in andere Sphären, und der nächste Ratsuchende kam an die Reihe.

Ich kann nicht leugnen, dass diese Erlebnisse eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt haben. Und ich zweifle nicht daran, dass viele dieser Priester und Prediger über so etwas wie „übernatürliche“ Gaben verfügen, Heilkräfte, Hellsichtigkeit usw. Das ist nicht alles Scharlatanerie.

Gerd Theissen, ein zeitgenössischer deutscher Neutestamentler, schreibt:

Wundergeschichten „setzen den Glauben an Geister und Dämonen voraus. Dämonen sind ein universales Erbe. Fast alle Kulturen glauben an sie. Die aufgeklärte europäische Kultur ist nur eine kleine Insel in einem Meer von okkultem Glauben.“ (241)

Doch nun bin ich, ob ich will oder nicht, ein Kind dieser „kleinen Insel“. Der Zugang zu diesen Zwischenwelten ist mir mehr oder weniger verschlossen.

Meine Situation als Kind der „aufgeklärten europäischen Kultur“ erinnert mich an jene der Nachgeborenen des grossen Baal Schem Tov. „Bescht“ ist die legendäre Gründerfigur des Chassidismus, einer mystischen Bewegung des Judentums in Ostpolen.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat die Geschichten der Chassidim gesammelt und in einem Buch herausgegeben.

In besagter Geschichte wird erzählt: Wenn dem Baal Schem Tow eine wichtige Aufgabe bevorstand, dann ging er an eine bestimmte Stelle im Wald, zündete dort ein Feuer an und sprach bestimmte Gebete. Dann heisst es:

„Und alles, was er dann unternahm, geschah, wie er es sich vorgenommen hatte.“

Eine Generation später ging der Nachfolger des Baal Schem Tov zur selben Stelle im Wald und sprach die Gebete. Doch er wusste nicht mehr, wie man das Feuer entfacht.

Wiederum eine Generation später gingen auch die Gebete vergessen, und in der vierten Generation schliesslich ging auch das Wissen um die bestimmte Stelle im Wald verloren.

Was zunächst betrüblich klingt, hat eine wunderbare Pointe: Der Rabbi der vierten Generation, als er wie einst seine Vorgänger ein wichtiges Werk tun sollte, setzte sich zuhause auf den Stuhl. Er sagte:

„Wir können kein Feuer machen, wir können die vorgeschriebenen Gebete nicht mehr sprechen, wir kennen auch den Ort im Wald nicht mehr, aber wir können die Geschichte davon erzählen.”

Und – und dies ist eben die Pointe –: Die Geschichte allein hatte dieselbe Wirkung wie das, was seine Vorgänger getan hatten.

(Quelle: https://www.bistum-magdeburg.de/upload/2013/JahrDesGlaubens/Blatt_02_Baustein_chassidische_Geschichte.pdf)

Die Geschichte allein wirkt. Hören wir aus dem 1. Kapitel des Mk die Verse 21-34. Es ist eine Geschichte von Heilung und Befreiung:

Ein Tag in Kafarnaum (Mk 1, 21-34)

Die Heilung eines Besessenen

1, 21 Und sie kommen nach Kafarnaum. Und sogleich ging er am Sabbat in die Synagoge und lehrte. 22 Und sie waren überwältigt von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten. 23 Und sogleich war da in ihrer Synagoge einer mit einem unreinen Geist, der schrie laut: 24 Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazaret! Bist du gekommen, uns zu vernichten? Ich weiss, wer du bist: der Heilige Gottes! 25 Und Jesus schrie ihn an und sprach: Verstumme und fahr aus! 26 Und der unreine Geist zerrte ihn hin und her, schrie mit lauter Stimme und fuhr aus. 27 Und sie erschraken alle so sehr, dass einer den andern fragte: Was ist das? Eine neue Lehre aus Vollmacht? Selbst den unreinen Geistern gebietet er, und sie gehorchen ihm. 28 Und die Kunde von ihm drang sogleich hinaus ins ganze Umland von Galiläa.

Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus

29 Und sogleich verliessen sie die Synagoge und gingen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und des Andreas. 30 Die Schwiegermutter des Simon aber lag mit hohem Fieber im Bett; und sogleich erzählten sie ihm von ihr. 31 Und er trat herzu, nahm ihre Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie bewirtete sie.

Weitere Heilungen

32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie alle Kranken und Besessenen zu ihm. 33 Und die ganze Stadt war vor der Tür versammelt. 34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und die Dämonen liess er nicht reden, weil sie ihn kannten.

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Der Stil des Markusevangeliums ist sehr einfach, ganz nahe beim Stil mündlichen Erzählens. Wenn man wörtlich übersetzen würde, hiesse es zum Beispiel:

Jesus sagte zum unreinen Geist: „Geh hinaus, und er ging hinaus…“

Und dann ein paar Zeilen weiter:

"Die Kunde von Jesus ging sogleich hinaus in die ganze Gegend von Galiläa. Und sogleich gingen sie aus der Synagoge hinaus und gingen in das Haus des Simon usw."

All dieses „Gehen“, „Hinausgehen“ und „sogleich Hinausgehen“ auf engstem Raum klingt stilistisch merkwürdig. Doch eben: Das ist mündliche Tradition, ihre Sprache ist einfach, reduziert, wesentlich – und das „sogleich“ gibt der Story etwas Drängendes, eine Präsenz.

Trotz und mit dieser Einfachheit: Der Text, den wir gehört haben, ist auf seine Weise hohe Literatur.

Er besteht aus drei Abschnitten. Sie erzählen von einer Dämonenaustreibung (einem Exorzismus) und einer Krankenheilung (einer Therapie). Der dritte Teil ist ein Sammelbericht (ein Summarium) – es ergänzt die beiden konkreten Geschichten durch die allgemeine Notiz von vielen weiteren Heilungen und Exorzismen.

Die Geschichten, die da erzählt werden, sind keine direkten Berichte, wie man sie der Zeitung entnimmt. Sie sind stilisiert, formalisiert, gestaltet nach den Regeln der Kunst des Erzählens von sogenannten „Einfachen Formen“, von Legenden, Märchen und Sagen.
Ich will Sie nicht mit Details langweilen, doch immerhin die Grundstruktur sei erwähnt: Jeder Abschnitt hat

• eine Exposition (in der die Akteure auftreten)
• ein Zentrum (in dem die Heilung vollzogen wird)
• und schliesslich einen Schluss, der von verschiedenen Reaktionen erzählt: der Zeugen in der ersten, der geheilten Schwiegermutter in der zweiten und der Dämonen in der dritten Geschichte.

Der Exorzismus wird an einem Mann vollzogen, die Heilung an einer Frau. Der Exorzismus geschieht öffentlich in der Synagoge, die Heilung im intimen, privaten Raum. Alles geschieht an einem Tag, einem Schabbat, an einem Ort, Kafarnaum, was „Dorf des Trostes“ bedeutet.

Überallhin breitet sich also die heilende Energie des Gottesreichs aus, hinaus in die Synagoge und auf den Dorfplatz, hinein ins stille Kämmerlein und bis in die Tiefe des Herzens.

„Luft, die alles füllet“, „Du durchdringest alles“ – so heisst es in dem Lied, das wir nun singen:

Lied: „Gott ist gegenwärtig“ (RG 162, 1.2.4.5)

Predigt

Wenden wir uns nun den drei Geschichten im Einzelnen zu. Meine Bemerkungen zu den Abschnitten klingen jeweils nach in Musik.

1. Die Heilung eines Besessenen

Jesus, heisst es in unserem Text, lehre wie einer, der Vollmacht hat. Das Wort für „Vollmacht“ im griechischen Urtext, „Ex-ousia“, bedeutet eigentlich: „Aus dem Sein“ (Grün 187). Jesus redet und handelt unmittelbar aus der göttlichen Sphäre heraus, nicht wie die Schriftgelehrten, die der grosse Basler Theologieprofessor Eduard Schweizer, bissig, mit den reformierten Pfarrern verglichen hat (Kommentar zur Stelle).

Andere (Drewermann, Grün) gehen noch weiter. Sie sagen, dass das moralische, von Gott, der Gnade und der Liebe abgeschnittene, dem wahren Sein entfremdete Gerede der Schriftgelehrten – dieses ganze Gerede sei die eigentliche Ursache für die „Besessenheit“ des Mann.

Was symbolisch als „Besessenheit“ von einem Dämon ausgedrückt wird, meine eigentlich nichts anderes als Entfremdung vom Sein Gottes, das zugleich Entfremdung von der eigenen Seele ist.

Der „unreine Geist“, der diese Entfremdung repräsentiert, sehnt sich nach dem „Heiligen Geist“, der in Jesus wirkt. Sehnt sich nach dem wahren Sein.

Es ist diese Sehnsucht, die den Dämon als ersten überhaupt das wahre Wesen Jesu erkennen lässt – lange vor seinen Jüngern und seiner Familie.

Jesus, krächzt der Dämon, ist der „Heilige Gottes“, er wirkt aus dem Heiligen, aus der Sphäre Gottes heraus. Wie in dem Lied, das wir zuvor gesungen haben, bringt der „Heilige Gottes“ alles zum Schweigen: „Gott ist gegenwärtig, alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge“, heisst es in dem Lied.

Dieses „Verstumme“ Jesu erinnert an entsprechende Befehle Gottes im Alten Testament. Da heisst es zum Beispiel:

„Vor deinem Schelten floh die Urflut,
vor deiner Donnerstimme wich sie zurück.“ (Psalm 104, 7)

Die Urflut, Tehom auf Hebräisch, ist im Alten Testament vorgestellt als ein mythischer Drache, eine Chaosmacht, die das Leben auf Erden bedroht.

Und hier, scheint mir, wird unser Text existenziell bedeutsam. Der unreine Geist repräsentiert eine Chaosmacht, die wiederum destruktive Energien im eigenen Leben meint, Zwänge, Abhängigkeiten usw., doch nicht nur: Es geht hier um Chaosmächte, die das Leben auf Erden bedrohen: Epidemien, Krieg, klimatische Veränderungen mit unberechenbaren Folgen. Von alldem sind wir vermutlich mehr betroffen als die Menschen der Antike,. Über all dies spricht Jesus Christus sein: „Verstumme!“

2. Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus

Dem Exorzismus-Drama im öffentlichen Raum der Synagoge folgt eine Heilungsgeschichte im privaten Raum. Sie ist ganz leise erzählt, völlig unspektakulär, es ist die kürzeste Heilungsgeschichte des Neuen Testaments, doch mit ein paar konkreten Details, die vermuten lassen, dass sie tatsächlich geschehen ist. Zum Beispiel erfährt man, dass Simon Petrus verheiratet ist.

Am Krankenbett fällt kein Wort. Es ist allein die Berührung, über die sich die heilende Kraft Jesu auf die kranke Frau überträgt. Auch diese Geschichte hat einen typischen Schluss. Diesmal sind es keine hektischen Gesprächsfetzen eines aufgewühlten Publikums. Diesmal heisst es schlicht:

„Da wich das Fieber von ihr, und sie bewirtete sie.“

Das entsprechende griechische Wort, „diakonein“, bedeutet eigentlich „dienen“. Damit scheint das patriarchale Klischee von der „dienenden Frau“ angedeutet zu sein.

Doch im Markusevangelium sind es an anderer Stelle die Engel, die dienen, in der Wüstenszene, die Markus so kurz und träf schildert:

„Und Jesus war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.“ (1, 13)

Und weiter ist es Jesus Christus selber, der dient. Er sagt von sich selbst:

„Ich bin nicht gekommen, um mir dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (10, 45)

Anders die Jünger – sie werden von Jesus mehrfach zum Dienen aufgerufen, ohne Erfolg. An einer Stelle ertappt sie Jesus:

„‘Was habt ihr unterwegs diskutiert?‘ Sie aber schwiegen. Sie hatten nämlich unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer der Grösste sei. Da setzte er sich und sagt zu ihnen: ‚Wenn jemand der Erste sein will, dann soll er der Diener aller sein.‘“ (nach 9, 33-35)

„Dienen“ im Markusevangelium meint also keine in patriarchalen Strukturen spezifisch „weibliche Tugend“, sondern eine Lebenseinstellung, die nicht ums Ego kreist. Die sich hingibt für Mitmenschen und Mitwesen, für die Heilung und Befreiung der Welt.

3. Weitere Heilungen

Es sind nicht nur die Dämonen, denen Jesus sein Schweigegebot auferlegt. In dem Moment, wo Petrus erkennt, wer Jesus ist – „Du bist Christus!“, sagt er –, da „schärft Jesus ihm ein, niemandem etwas über ihn zu sagen.“ (8, 29)

Das Wesen Jesu Christi ist durch das ganze Markusevangelium hindurch eingehüllt in einen Schleier des Geheimnisses. Erst ganz am Schluss, dort wo Christus am Kreuz laut schreit und stirbt – erst dort lüftet sich der Schleier, lichtet sich das Geheimnis. Dort spricht der römische Hauptmann das Bekenntnis aus:

„Ja, dieser Mensch war in Wahrheit Gottes Sohn!“

Ich habe eingangs gesagt, dass mir der Wunderglaube fremd ist, weil ich ein Kind der aufgeklärten europäischen Kultur bin. Doch es gibt noch einen anderen, tieferen Grund für die Fremdheit. Er liegt in meinem persönlichen Glauben:

Im Zentrum meines Glaubens steht Jesus Christus, der hinabgestiegen ist in die tiefsten Tiefen der Welt und meiner Seele. Von dort, vom Kreuz her, glaube ich, dass ich nie allein sein, dass ich immer geborgen, geliebt, gesegnet sein werde. Ich glaube an das Mit-Sein Gottes in Krankheit und Tod, auch in Krieg und Apokalypse.

Im Markusevangelium stehen Jesus Christus als aktiver Wundertäter und Jesus Christus, der radikal passiv gekreuzigt wird, in einer starken Spannung zueinander.

Wo sich der Glaube in diesem Spannungsfeld verortet, ist wohl eine persönliche Sache. Auch innerhalb eines Lebens gibt es wohl verschiedene Phasen. Dass mein Glaube mehr dem Gekreuzigten zugewandt ist, habe ich schon gesagt.

Doch bei meiner Beschäftigung mit dem heutigen Predigttext ist mir deutlich geworden: Auch der Glaube an Wunder hat seine Bedeutung.

Das Wunder an sich, von dem das Neue Testament erzählt, ist die Aufweckung Jesu Christi. In ihr zieht Gott die ganze Welt hinein in sein Licht.

Doch nicht erst im Himmel, im Jenseits soll jede Träne abgewischt werden und „kein Leid und kein Geschrei“ mehr sein, wie es am Ende der Bibel heisst. Jetzt schon, hier unten auf Erden soll das Leid überwunden werden.

Der schon erwähnte Neutestamentler Gerd Theissen fragt nicht ohne Humor:

„Sollte Markus wirklich 16 Wundergeschichten allein deshalb erzählt haben, um vor dem Mirakelglauben zu warnen?“

Natürlich nicht. Vielmehr:

„Die Botschaft des viel belächelten Wunderglaubens ist einer modernen Botschaft verwandt: There is a life before death!“ (vgl. 249f.)

Es gibt ein Leben vor dem Tod! In Leben und Tod: Bhüet eus, Gott!

Kaiseraugst und Magden, 21. August 2022

"Er begab sich an einen einsamen Ort": Meditation über Mk 1, 34b-35 anlässlich einer Taizéfeier

Bei der Lektüre des "Summariums" Mk 1, 32-34 (siehe oben) ist mir ein Detail aufgefallen, auf das ich in der Predigt nicht weiter eingegangen bin: Ganz zum Schluss und also mit dem sogenannten Achtergewicht – das heisst, mit besonderem Gewicht, besonderer Bedeutung – heisst es da:

„Und die Dämonen liess er nicht reden, weil sie ihn kannten.“

Es gibt verschiedene Erklärungen für dieses Redeverbot. Eine interessante bietet der bekannte zeitgenössische Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann:

Er geht aus von einem alten Wort für Dämonen: Diese wurden früher als „Aber-Geister“ bezeichnet, ein Wort, das uns vom „Aber-Glauben“ her noch vertraut ist:

"Abergeister sind „Stimmen der Opposition und der Verneinung in uns, die auf dem Weg zum Glück, zu uns selbst, zu unserer Wahrheit immer wieder mit mechanischen Gegenreden und Einwänden sich zu Wort melden.
• Kaum meinen wir, mit Händen greifen zu können, wozu wir berufen sind, da beginnen diese ‚Geister‘ in uns zu reden: ‚Aber man darf nicht.‘
• Kaum spüren wir, welch ein Traum in unserer Seele wach werden könnte, da gibt es Stimmen in uns, die sagen: ‚Aber so geht es nicht.‘
• Kaum glauben wir zu wissen, wie wir leben sollten, da beginnt es über uns mit Vorwürfen hereinzuregnen: ‚Aber bilde Dir nur nichts ein!‘“ (207)

Diese automatisch immer „Aber“ sagenden inneren Stimmen sind in der Geschichte symbolisch dargestellt als „Dämonen“ – sie bringt Jesus zum Verstummen.

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Er lässt sie nicht reden, heisst es weiter in dem Vers, „weil sie ihn kannten“. Auch für diese zunächst seltsam wirkende Begründung gibt Drewermann eine einleuchtende Begründung:

„Immer wieder im Markus-Evangelium muss Jesus sich dagegen verwehren, so etwas zu werden wie eine Berühmtheit am Ort, und gerade die ‚Abergeister‘ scheinen das wahre Wesen Jesu nur herauszuschreien, um es im Beifall der Menge und im Getöse einer äusserlichen Bekanntheit zu ersticken.“ (nach 207f.)

„Von einem bestimmten Punkt an“, schreibt Drewermann, vielleicht ja aus eigener Erfahrung, „muss man wählen zwischen Ruhm und Freiheit.“ (208)

Eben deshalb entzieht sich Jesus immer wieder der Menge: um der Versuchung des Ruhms nicht anheimzufallen, um die innere Freiheit zu bewahren. Direkt im Anschluss an das Redeverbot an die Dämonen heisst es:

„Und … er stand auf, ging hinaus und begab sich an einen einsamen Ort, und dort betete er.“ (V. 35)

Auch für uns, die wir in der Nachfolge von Jesus stehen, gilt es, uns immer wieder und je neu an jenen einsamen Ort zu begeben – dort, wo die Seele zur Ruhe kommt, wo sie Frieden findet in Gott und wo die leise Stimme Gottes hörbar wird, wenn das Stimmengewirr der Abergeister endlich verstummt.

Singen wir:

„Mon âme se repose en paix sur Dieu seul“ (Nr. 32 im Taizéheft)

Kaiseraugst, 26. August 2022

„Hört! Der Sämann ging aus, um zu säen“: Predigt zum Gleichnis vom vierfachen Acker und seiner Deutung (Mk 4, 3-9.14-20)

Text:

3 Hört! Der Sämann ging aus, um zu säen. 4 Und beim Säen geschah es, dass etliches auf den Weg fiel, und die Vögel kamen und frassen es. 5 Anderes fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde fand, und es ging sogleich auf, weil die Erde nicht tief genug war. 6 Und als die Sonne aufging, wurde es versengt; und weil es keine Wurzeln hatte, verdorrte es. 7 Anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen schossen auf und erstickten es, und es brachte keine Frucht. 8 Wieder anderes fiel auf guten Boden und brachte Frucht. Es ging auf und wuchs. Und das eine trug dreissigfach, das andere sechzigfach, das dritte hundertfach. 9 Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Kurz darauf ist Jesus allein mit seinen Jüngern. Sie fragen ihn nach dem Sinn des Gleichnisses, das er da erzählt hatte. Jesus antwortet:

14 Der Sämann sät das Wort. 15 Die auf dem Weg aber sind die, bei denen das Wort gesät wird, doch wenn sie es gehört haben, kommt sogleich der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät ist. 16 Und die auf felsigen Boden gesät sind, das sind die, welche das Wort, wenn sie es gehört haben, sogleich freudig aufnehmen. 17 Doch sie haben keine Wurzeln, sondern sind unbeständig. Wenn es danach zu Bedrängnis oder Verfolgung kommt um des Wortes willen, kommen sie gleich zu Fall. 18 Und wieder andere sind die, welche unter die Dornen gesät sind. Das sind die, welche das Wort gehört haben, 19 doch die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum und die Gier nach all den anderen Dingen dringen in sie ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. 20 Und die auf guten Boden gesät sind, das sind jene, welche das Wort hören und aufnehmen und Frucht tragen: das eine dreissigfach, das andere sechzigfach, das dritte hundertfach.

Predigt I:

Beginnen wir beim zweiten Teil, der Deutung des Gleichnisses.

Vier Typen von Menschen werden da unterschieden – vielleicht könnte man auch sagen, es seien Aspekte der Seele von jeder und jedem von uns.

1. Die ersten, jene, die auf den Weg fallen, sind die hoffnungslosen Fälle. Auf jenem harten Terrain wird jeder Gedanke an Gott sogleich „weggepickt von den Vögeln“ – so umschreibt der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann das, was bei ihnen geschieht. Und doch will er sie nicht fallen lassen – anders als der Bibeltext, bei dem diese Menschen zum Frass des Satans werden, stellt Drewermann fest:

„Wir alle sind mehr als der Staub der Erde; in einem jeden von uns atmet der Lebensodem Gottes… Doch wieviel an Liebe, an Verstehen und an Güte brauchen Menschen, um die Träume der Ewigkeit in ihrem Herzen wieder zu fühlen? Das ist das eigentliche Problem.“ (nach 330f.)

Das Bild vom Samen, der auf dem harten Trampelpfad landet, auf asphaltierter Strasse, betoniertem Boden… --- das Bild lädt ein, die Verhärtungen in der eigenen Seele zu erspüren – und das, was darunter liegt, der „Traum der Ewigkeit im Herzen“.

2. Der zweite Typ sind jene, die auf felsigen Boden gesät sind: Im Hui blühen sie auf, im Hui werden sie wieder versengt. Sie haben keine Wurzeln, sind „unbeständig“, oder, wie es in einer anderen Übersetzung schön heisst: Sie sind „Augenblicksmenschen“.

Diese Menschen, schreibt Drewermann, haben „Angst vor der Tiefe“. Das Bild vom Samen, der aufschiesst und versengt – es lädt ein, sich Zeit zu lassen, sich zu üben in Geduld und Gelassenheit. Drewermann schreibt:

„Ein ganz einfaches Gesetz des Lebens besagt, dass alles, was wahr ist und wachsen will, Zeit braucht und Zeit in Anspruch nehmen darf. Unser eigenes Leben verdient das Vertrauen, dass alles, was darin angelegt ist, ein Recht hat, zu reifen… Lassen wir es wachsen, wird es ein Teil von Gottes Ewigkeit.“ (nach 332)

3. Der dritte Typ sind jene, die unter die Dornen gesät sind. Sie scheinen etwas von dieser „Ewigkeit Gottes“ zu ahnen. Drewermann legt ihnen die folgenden Worte in den Mund:

„Es ist etwas Zauberhaftes um Jesu Botschaft von …, der Weitherzigkeit, der Güte, der Geduld im Einklang mit Gott; aber wir können es nicht leben – die Umstände hindern uns: all die Pflichten, all die Aufgaben, all die Erfordernisse des Alltags, all dieser Verschleiss und das Gehetze von früh bist spät – dagegen kommt man nicht an… – was soll man machen?“ (nach 232f.)

„Was soll man machen?“ Die Samen, die unter die Dornen gesät sind, haben keine Chance. Aber das ist nur ein Bild. „In Wahrheit“, betont Drewermann, haben wir eine Chance:

„In Wahrheit gibt es die objektiven Zwänge nicht; wohl aber gibt es in uns eine Angst, die Zwänge aller Art benötigt und erschafft.“ (333)

4. Wir sind frei, radikal frei von diesen Zwängen. Die ‚Disteln‘ und ‚Dornen‘ des Lebens – es gibt sie in Wahrheit, in der Tiefe meiner Seele gar nicht. Darum, schreibt Drewermann:

„Habe den Mut zur Schönheit deiner eigenen Reifegestalt. Fürchte weder die Tiefe deiner Seele noch die Einengungen deiner Umgebung.“ (333)

Die „Schönheit meiner eigenen Reifegestalt“ – das wäre dann der vierte Typ, jener, der auf guten Boden gesät ist und Frucht trägt. Ihn beschreibt Drewermann so:

„Du bist ein Kind Gottes, und selbst wenn es Stunden gibt, in denen du es kaum zu glauben wagst, vertraue darauf, dass Gott wusste, was er tat, als er dich schuf, als Wunderwerk in seinen Händen.“ (333)

Das scheint ein wunderbarer Predigtschluss zu sein: Ich bin, im Ursprung der Welt, ein Wunderwerk in Gottes Händen. Und wenn ich dieses Wunderwerk zur Entfaltung bringe, dann wird meine eigene „Reifegestalt“ von einzigartiger Schönheit sein. Ja und Amen, meint man hier sagen zu dürfen.

Doch es ist erst ein Zwischenfazit. Denn:

Durchwegs alle Neutestamentlerinnen und Neutestamentler sind sich einig, dass die Deutung des Gleichnisses nicht von Jesus stammt. Sie ist ihm nachträglich in den Mund gelegt worden ist. (vgl. z.B. Jeremias 75f.)

Persönlich bin ich über diesen Befund der Forschung nicht traurig. Denn diese Auslegung des Gleichnisses ist eine veritable „Kapuzinerpredigt“ (Eduard Schweizer), also eine drastische, volkstümliche, moralische Kanzelrede.

Sie ist voll von Drohungen, von Versengen, Ersticken, dem Satan ist da die Rede… Zurecht schreibt Drewermann:

„Diese Sprache der Drohung ist dem ursprünglichen Gleichnis zuwider“ (nach 331).

Wenn man das Gleichnis in seinem ursprünglichen Sinn verstehen will, tut man gut daran, die nachträgliche Deutung zu vergessen und sich dem Gleichnis selbst zuzuwenden. In diesem Gleichnis, auch da ist sich die Forschung einig, wird die ipsissima vox Jesu hörbar, die ureigene Stimme Jesu.

Das Gleichnis beginnt mit dem Aufruf: „Hört!“. Jesus nimmt hier Bezug auf das jüdische Glaubensbekenntnis, das im 5. Buch Mose im Alten Testament überliefert ist:

„Höre, Israel, der EWIGE, dein Gott, ist einer. Und du sollst den EWIGEN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deinem ganzen Leben und deinem ganzen Denken und deiner ganzen Kraft“ (Dtn 6, 4f.)

„Hören“ – das wird in diesem jüdischen Glaubensbekenntnis, im „Schma Israel“ deutlich – ist kein blosses „Zur-Kenntnis-Nehmen“. Hören bedeutet, dass mich etwas in meiner ganzen Existenz, in meinem ganzen Leben bis ins Innerste meines Herzens hinein berührt und betrifft.

Das, was mich so berührt und betrifft – auch das wird im jüdischen Glaubensbekenntnis deutlich – ist Gott. Es ist also Gottes Wirklichkeit, die im Gleichnis von Jesus wächst und Frucht bringt.

„Höre, Israel, der EWIGE, dein Gott, ist einer.“ Wir singen das Bekenntnis in einem kleinen Ad hoc-Chor auf Hebräisch: „Schma Israel, Adonai Elonheinu, Adonai echad.“ Und hören im Nachklang das Gleichnis noch einmal, diesmal pur, ohne deutenden Anhang…

Chant: „Schma Israel“

Das Gleichnis von der wachsenden Saat: Mk 4, 3-8


3 Hört! Der Sämann ging aus, um zu säen. 4 Und beim Säen geschah es, dass etliches auf den Weg fiel, und die Vögel kamen und frassen es. 5 Anderes fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde fand, und es ging sogleich auf, weil die Erde nicht tief genug war. 6 Und als die Sonne aufging, wurde es versengt; und weil es keine Wurzeln hatte, verdorrte es. 7 Anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen schossen auf und erstickten es, und es brachte keine Frucht. 8 Wieder anderes fiel auf guten Boden und brachte Frucht. Es ging auf und wuchs. Und das eine trug dreissigfach, das andere sechzigfach, das dritte hundertfach.

Predigt II:

Da werden im Gleichnis zunächst drei Weisen geschildert, wie Saatgut verloren geht: Es fällt auf den Weg und wird von den Vögeln gefressen. Es fällt auf felsigen Boden, kann keine Wurzeln bilden und wird von der Sonne versengt. Es fällt unter die Dornen und erstickt.

Die Schilderung des dreifachen Scheiterns ist episch breit. Ganz am Schluss heisst es resigniert: „und es brachte keine Frucht“. Über dem ganzen Gleichnis, heisst es schön in einem Kommentar, liege eine „Wehmut“ (Thielicke bei Drewermann 324, A. 4)

Die Schilderung jenes Saatguts, das auf guten Boden fällt, ist demgegenüber denkbar knapp: Es brachte Frucht, es ging auf und wuchs, heisst es da kurz und bündig. Und dann, ganz am Schluss, folgen drei Zahlen: dreissigfach, sechzigfach, hundertfach trugen die Samen Frucht, heisst es da.

Auch wenn man keine Ahnung von Ackerbau hat, ahnt man, dass diese Zahlen übertrieben sind. Und tatsächlich sagen Fachleute, dass der normale Ertrag vier- bis siebenfach wäre, nicht dreissig-, sechzig-, hundertfach.

Diese fantastischen, diese – wie man in der Forschung sagt - hyperbolischen Zahlen sind nun aber nicht der Ahnungslosigkeit Jesu geschuldet. Jesus hat diese übertriebenen Zahlen bewusst gewählt, um den Kontrast zum ersten Teil zu betonen. Bewusst nennt er drei Zahlen (dreissig, sechzig, hundert) – das entspricht den drei Formen des Scheiterns, die zuvor in melancholisch-schwerer Ausführlichkeit geschildert werden.

Kehren wir noch einmal zu diesem ersten Teil zurück. Das Ermatten, die Müdigkeit, die Resignation nehmen zu mit jeder Form des Scheiterns, die da monoton geschildert werden: „Etliches fiel“, „anderes fiel“ und nochmals: „anderes fiel“ (vgl. dazu das Herbst-Gedicht von Rilke, Drewermann 326)

Drewermann hat diesen ersten Teil berührend, empathisch, tief seelsorgerlich paraphrasiert:

„All dies, was Jesus in seinem Gleichnis vom Sämann und seinem Acker erzählt, passt in die Perspektive eines Menschen, der von dunkler Entmutigung, von Aussichtslosigkeit und von endgültiger Verzweiflung heimgesucht wird… Da fällt ein Schwarm von Vögeln ein, und er kann es nicht hindern; innerlich ist er erregt, verängstigt und zornig – am liebsten möchte er die ganze Vogelbrut ausrotten; aber sie wird wiederkommen, stündlich und täglich. … Die Steine, die im Acker liegen, hindern die Saat zu wachsen, und man kann den Boden um und um gepflügt haben, so viel man will, es wird überall weiter Steine geben – schliesslich kann man nicht die Erdscholle abtragen bis zum Mittelpunkt der Welt. Je tiefer man kommt, desto härter wird der Felsen. Und das Unkraut gibt es, diesen lebendigen Widerspruch zu allem, was an Nutzpflanzen gesät wurde, und seine Kraft, sich zu vermehren und zu wuchern, ist so gross.“ (324f.)

Dem Psychoanalytiker Eugen Drewermann fällt auf, mit welcher Geduld und Seelenruhe Jesus dieser Weltsicht eines von Depressionen geplagten Menschen Raum gibt. Es gibt, sagt Drewermann, hundert Gründe, die Welt und das eigene Leben so zu sehen:

„Und all diese Gründe verdienen ernstgenommen zu werden; eben deshalb muss die Traurigkeit Worte finden, und die Resignation muss auf Verständnis hoffen können.“ (nach 325)

Der lange Atem Jesu ist zletscht am Änd der Atem Gottes. Zletscht am Änd, sagt Drewermann, sei es dies, was Jesus sagen will:

„‘Ihr könnt die ganze Welt immer wieder so betrachten; ihr könnt ständig darauf achten, … wieviel verlorene Mühe, wieviel an Scheitern, wieviel an Tragischem es in ihr gibt. Ihr werdet schliesslich, wenn ihr nur tief genug in den Abgrund schaut, noch einmal die Hand sehen, die alles trägt…“ (326)

Und dann zitiert er das wunderbare Herbst-Gedicht von Rilke, das mit diesem Motiv des Fallens an das Gleichnis von Jesus erinnert: „Wir alle fallen. Diese Hand da fällt… Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“

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Die Auslegung Drewermanns ist innerlich, intim, persönlich, und sie hebt die erdenschwer-schwermütige Atmosphäre des Gleichnisses hervor.

Man kann das Gleichnis aber auch völlig anders lesen, etwa so wie der grosse Berner Pfarrer und Dichter Kurt Marti (1921-2017). Er beginnt seine Predigt zu unserem Gleichnis mit der, wie ich finde, sehr lustigen Bemerkung, dass dieser Sämann „kein Berner Bauer“ gewesen sein könne.

Grund für die Annahme ist die verschwenderische Geste, mit der dieser Mann seine Saat verstreut: Manches fällt auf den Weg, anderes auf felsigen Boden, wieder anderes unter die Dornen.

Der Verschleiss scheint ziemlich gross zu sein. Marti sinniert, ob man dem Sämann „einen rationelleren, besseren Ackerbau beibringen“ müsste. Die Antwort lautet: Nein! Denn:

„So arbeitet Jesus, der Herr! … Er geht nicht kalkulierend, sondern spontan vor. Er verschwendet seine Worte...“

Kurt Marti gibt unserem Text den Titel „Gleichnis vom merkwürdigen Sämann“ und sagt träf, was es „uns alle, ob Beamte auf oder unter der Kanzel“ lehrt:

„Dass das Evangelium spontan und verschwenderisch ausgesät sein will. Was wir als unrationelles, unmethodisches Vorgehen ansehen, ist es nicht. Auch Verschwendung ist Methode.“ (76) „So arbeitet Jesus in Galiläa, in Bern und anderswo: ohne rationalisierte Organisation, ohne ausgeklügelte Strategie, ohne Anlegung von Kartotheken, ohne ausgeklügelte Werbetechnik…“ (nach 74)

Kurt Marti hielt diese Predigt vor mehr als einem halben Jahrhundert. Seine Kritik an der Kirche als Institution ist heute möglicherweise noch zutreffender als damals. „Die Spontaneität“, sagt Marti pointiert, „droht in Berechnung zu ersticken.“ (nach 76)

Das sind erfrischende Worte für „Kirchenträumer“ (Sölle), die sich nach einer Kirche sehnen, die einem leichten Zelt gleicht, durch die die Ruach weht, die göttliche Geistkraft, und einen tief und frei atmen lässt.

Indessen fragt man sich: Who cares? Wen kümmert es? Auch wenn einem die Kirche etwas bedeutet – es sind doch eigentlich andere Fragen, die einen beschäftigen.

Der französische Theologe Alfred Loisy stellte einst fest: „Jesus kündete das Reich Gottes an und gekommen ist die Kirche.“

Im Gegensatz zur Institution der Kirche ist das „Reich Gottes“ eine kosmische, das All umfassende Grösse. Sie umfängt all das, was einen wirklich umtreibt in der Zeit, in der wir leben: Pandemien, Kriege, die klimatischen Veränderungen mit unabsehbaren Folgen.

All dies ist enthalten im Gleichnis: in den Vögeln, die die Saatkörner fressen, in der Sonne, die die Körner versengt, in den Dornen, die sie ersticken. Doch all das hat nicht das letzte Wort.

Am Schluss des Gleichnisses, dort, wo mit dem sogenannten Achtergewicht das Letztgültige gesagt wird, sagt Jesus: „Anderes ging auf und wuchs und brachte Frucht, dreissig-, sechzig-, hundertfach“.

Die Ernte am Ende der Zeit wird überwältigend sein, auch wenn das, typisch für Jesu Gleichnisse, nur angedeutet ist. Nur leise spricht das Gleichnis von den letzten Dingen, der Vollendung der Welt, der Vollendung des eigenen Lebens.

Eugen Drewermann ahnt das unendlich grosse Ausmass dessen, das dieses kleine Gleichnis in sich trägt, und schwingt am Ende seiner Auslegung aus in hymnische Worte:

„Dem Sämann der Ewigkeit, dürfen wir zutrauen, dass er wusste, was er tat, als er uns dem Strom der Zeit auslieferte; bei ihm hat unser Leben Lohn, Ertrag und Wert, oft hundertmal mehr, als wir ahnen… Saatgut der Unsterblichkeit sind wir, Aussaat des Himmels, dazu bestimmt, mit allem Reichtum dieser Welt zurückzukehren zu den Sternen.“ (nach 327)

„Saatgut der Unsterblichkeit“ sind wir. Im Strom der Zeit und einst, wenn wir zurückkehren zu den Sternen: Bhüet eus, Gott!

Kaiseraugst, 28. August 2022

"Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden soll": Predigt über Mk 4, 22

Einleitung:

Am letzten Wochenende hatte ich Gelegenheit, an einem Meditations-Retreat in der Propstei Wislikofen teilzunehmen. Man war da durchgehend im Schweigen, sass viele Stunden am Tag auf einem Kissen auf dem Boden, nachts im Mondlicht entstand eine ganz besondere, monastisch-romantische Atmosphäre.

Meine Meditationslehrerin – die in Basel wohnhafte katholische Theologin Hildegard Schmittfull – gab mir ein „Schlüsselwort“, um in der Stille darüber nachzudenken, zu brüten – Ruminatio nennt man das in der christlich-spirituellen Tradition. Dieses lateinische Wort bedeutet „Wiederkäuen“, wie eine Kuh es tut. Martin Luther sprach von einem „Wiederkäuen des Herzens“.

Der Vers, mit dem ich mich da also befasste, steht in Markus 4, 22 und lautet:

"Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommen soll."

Der eine Vers begann in mir zu arbeiten, grub sich hinab in tiefere Schichten der Seele.

Zurück im Alltag, hat mich der Vers nicht mehr losgelassen. Und so habe ich angefangen, Predigten, Textmeditationen und wissenschaftliche Kommentare dazu zu lesen.

Bei dieser – nun durchaus auch intellektuellen – Auseinandersetzung mit dem Vers ist mir unter anderem Folgendes deutlich geworden:

Der Vers ist in den Evangelien mehrfach und in verschiedenen Zusammenhängen überliefert. Und je nach Zusammenhang verändert sich jeweils der Sinn.

Auf zwei dieser verschiedenen Überlieferungen (es gäbe noch mehr, insgesamt sind es vier) möchte ich mich in der heutigen Predigt konzentrieren.

Die erste Überlieferung steht im Lukasevangelium. Dort heisst es in Kapitel 12, 1-3:

Hütet euch vor dem Sauerteig - gemeint ist die Heuchelei - der Pharisäer! Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt, und nichts ist geheim, was nicht bekannt werden wird. Darum wird alles, was ihr im Dunkeln gesagt habt, im Licht gehört werden, und was ihr in den Kammern ins Ohr geflüstert habt, auf den Dächern ausgerufen werden.

Die zweite Überlieferung ist jene im Markusevangelium, Kapitel 4, 21f.:

Kommt etwa das Licht, damit man es unter den Scheffel oder unter das Bett stellt? Nein, damit man es auf den Leuchter stellt! Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommen soll.

Und noch etwas ist deutlich geworden bei dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Vers: Die meisten gängigen Übersetzungen, auch jene der Zürcher Bibel, sind ungenau bzw. geglättet.

Das ist verständlich, denn die genaue Übersetzung ist wirklich verwirrend. Sie lautet so:

„Es gibt nichts Verborgenes, ausser damit es offenbar werde, und nichts ward geheim, ausser damit es an den Tag komme.“

Das Seltsame ist dieses doppelte „DAMIT“. Eugen Drewermann, der bekannte zeitgenössische Theologe und Psychoanalytiker, bietet in seinem Kommentar zwar die genaue Übersetzung, schreibt aber nachher, der ursprüngliche Text sei hier „offenbar hoffnungslos verwirrt“. Nein, „so absurd“, konstatiert Drewermann, „kann es nicht geheissen haben“.

Doch wer weiss, vielleicht täuscht sich der grosse Drewermann hier für einmal. Jedenfalls – wir haben nun also dreimal denselben Text, aber je nach Zusammenhang und Übersetzung ergibt sich jeweils ein anderer Sinn. Diesem dreifachen Sinn werde ich anschliessend in einer dreiteiligen Predigt nachzuspüren versuchen.

Soviel vorweg: Der dreifache Sinn unseres Spruchs scheint mir dem dreifachen Weg zu entsprechen, den die christliche Spiritualität beschreibt. Auf lateinisch lauten die Wege:

Via Purgativa / Via Illuminativa / Via Unitiva

Auf Deutsch :

Weg der Reinigung / Weg der Erleuchtung / Weg der Einigung

• Auf dem Weg der Reinigung werden wir frei von der Heuchelei, von der die Version im Lukasevangelium spricht.
• Erleuchtung tritt ein, wenn das Licht unter dem Scheffel hervorgeholt wird.
• Und die Einigung geschieht, wenn sich der verborgene göttliche Grund in mir mit meiner Existenz zu einem neuen, einzigartigen Ausdruck des Lebens verbindet.

Das Gebet von Bruder Klaus bringt die drei Wege auf dichteste, konzentrierteste Art zum Ausdruck:

Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir,
was mich hindert zu Dir:


Via purgativa, Weg der Reinigung

Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich führet zu Dir:


Via illuminativa, Weg der Erleuchtung

Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen Dir:


Via unitiva, Weg der Vereinigung

Singen wir das Bruder-Klausen-Gebet bei Nummer 650 – dreimal.

Lied: „Mein Herr und mein Gott“ (650, 3x)

Predigt


1. Lk 12, 1-3: Via purgativa

Hütet euch vor dem Sauerteig - gemeint ist die Heuchelei - der Pharisäer! Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt, und nichts ist geheim, was nicht bekannt werden wird. Darum wird alles, was ihr im Dunkeln gesagt habt, im Licht gehört werden, und was ihr in den Kammern ins Ohr geflüstert habt, auf den Dächern ausgerufen werden.

Die Pharisäer im Neuen Testament sind nicht einfach identisch mit den historischen Pharisäern, also den Vertretern des gesetzestreuen Judentums. Die Pharisäer im Neuen Testament sind holzschnittartig überzeichnete literarische Figuren.

Als solche sind der Inbegriff einer rechthaberischen Instanz, die ganz genau weiss, was gut und richtig ist, die mit dem Finger auf jene zeigt, die sich nicht normgemäss verhalten, die Normen, Gesetze, Regeln für wichtiger hält als das Leben selbst.

Interessant wird so eine Figur erst, wenn ich sie zu mir selber in Bezug setze – was für uns alle gilt und für mich als Pfarrer vielleicht besonders.

Huldrych Zwingli etwa hat die Pharisäer direkt auf die Pfaffen bezogen, die er mit einer träfen Formulierung als „stolz wie Holz“ bezeichnet. Und er droht ihnen, er „drehe und drechsle dieses Holz so lange, bis man sieht, dass du ein Heuchler bist.“ (40)

„Fleischliche Geistliche“ seien sie, faule, fette Säcke, die im Gegensatz zu den normalen Bürgerinnen und Bürgern nichts arbeiten. Mit beissendem Spott sagt er ihnen und mir, der ich bis gestern gefastet habe:

„Weil du keiner Arbeit nachgehst, solltest du tatsächlich viel fasten und häufig auf Speisen verzichten, die dich zum Schlendrian verführen. Dem Arbeiter aber vergeht der Spass von selbst an der Hacke, am Pflug, auf dem Feld.“ (nach 39)

Mit dieser deftigen Priester-Kritik steht Zwingli in der Tradition der nicht minder deftigen Pharisäer-Kritik Jesu: Sie seien getünchte Gräber, sagt er, gegen aussen weiss gemalt und sauber gepützelt, innen aber modrig und stinkend.

Das, was sich da unten im Grab verbirgt, das, was der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung als „Schatten“ bezeichnet, das wird nun eben offenbar, es tritt an den Tag.

In ihrem spirituellen Kommentar zu unserem Vers schreibt die St. Galler Heilpädagogin und Meditationslehrerin Margrit Wenk-Schlegel, was dieses Offenbarwerden des Schattens konkret bedeuten kann:

„Verdrängtes, unter den Scheffel Gestelltes… kann sich plötzlich zeigen. Schutzmechanismen, die wir in unserem Leben aufgebaut haben, werden bewusst, und wir erkennen, dass sie wohl zum Schutz gedient haben, aber dass durch sie auch heute Wünschenswertes verunmöglicht wird. Alte Verletzungen können ans Licht kommen, und heftige Emotionen können dieses Auftauchen begleiten. So kann eine vergessene, in der Vergangenheit erlebte Situation plötzlich auftauchen, oft begleitet von intensiven Gefühlen…“ „Der Weg nach innen ist also eine intensive Selbstbegegnung mit allen Aspekten der Persönlichkeit.“ (nach 104f.)

Diese Selbstbegegnung, die Begegnung mit dem eigenen Schatten ist der erste der drei Wege, die „via purgativa“, der „Weg der Reinigung“.

Klavier-Improvisation über „Mein Herr und mein Gott“

2. Mk 4, 21f.: Via illuminativa


Kommt denn das Licht, damit man es unter den Scheffel oder unter das Bett stellt? Nein, damit man es auf den Leuchter stellt! Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommen soll.

Nun geht es nicht mehr um die Schattenseiten. Nun geht es darum, dass es im Grund meiner Seele etwas Verborgenes gibt, das offenbar werden will. Dieses Verborgene ist nichts anderes als: Gott.

Das kommt in den folgenden schönen Worten des deutschen Mönchs und Mystikers des Mittelalters Johannes Tauler zum Ausdruck:

„Die Gott-Suche besteht darin, dass der Mensch hineingeht in seinen eigenen Grund, in das Innerste und da Gott sucht; wer Gott finden will, der muss ihn da suchen, wo er ist: nämlich im innersten Grund, wo Gott dem Menschen näher ist als er sich selbst.“ (nach 179)

Das göttliche Licht ist in der Tiefe meiner Seele verborgen wie das Licht unter dem Scheffel – ein Scheffel ist übrigens ein Getreidemass.

Dass man eine Öllampe anzündet und unter ein Hohlmass stellt, ist natürlich absurd. Licht ist zum Leuchten da. Es gilt also, das Licht unter dem Scheffel hervorzuholen – und dasselbe gilt für unser eigenes, inneres Licht, den göttlichen Funken im Grund meiner Seele.

Der Weg zur Erleuchtung heisst in der christlichen spirituellen Tradition „Via illuminativa“. Diese Erleuchtung bezieht sich nicht nur auf den Scheffel meines Leibs und Lebens – der Scheffel ist auch die ganze Menschheit, er ist unsere Erde, das ganze Universum.

Überall, in allen Wesen, in der ganzen Welt sind sie verborgen, die Lichtfunken Gottes. Das deutet der folgende Text an, ein persönliches Gedicht der schon erwähnten St. Galler Meditationslehrerin Margrit Wenk. Sie nennt ihn „einen stammelnden Versuch, Unsagbares in Worte zu fassen“. Die Worte klingen nach in Musik.

„Namenloser Grund, Urquelle,
die ohne Du und jedes Du doch bist,
die sich gebiert in tausendfacher Art.
Du lebst, entfaltest dich in jedem Wesen
und stirbst die Millionen Tode – doch bleibst du unverändert da.
Ach, könnte ich dich je erfassen, Geheimnis, unergründlich tief!“

Klavier-Improvisation über „Mein Herr und mein Gott“

3. Via Unitiva


Die „Illuminatio“, die Erleuchtungserfahrung gilt es zu inkarnieren, gilt es, in Leib und Leben, hier unten auf Erden, im Alltag zu verwirklichen. Das ist der Weg, der in der christlich-spirituellen Tradition als „Via Unitiva“ beschrieben wird, als Weg der Vereinigung von Gott und Mensch, Mensch und Gott.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, unseren Vers im Urtext anzuschauen. Dann zeigt sich – wie eingangs schon erwähnt –, dass die Übersetzung der Zürcher Bibel hier ungenau ist. Dass sie den Text glättet, das Unverständlich-Sperrige verständlich macht, ihm damit aber auch die Tiefe nimmt. Die genaue Übersetzung des Verses lautet:

„Es gibt nichts Verborgenes, ausser damit es offenbar werde, und nichts ward geheim, ausser damit es an den komme.“

Zunächst denkt man mit Drewermann: Dieser Text ist „hoffnungslos verwirrt… So absurd kann es nicht geheissen haben!“ (nach 341).

Doch unter dem Gesichtspunkt der Via Unitiva scheint mir dieses „DAMIT“ tiefen Sinn zu gewinnen.

Um zu diesem Sinn zu gelangen, gilt es zurückzukehren zur ersten und grössten Frage der Philosophie: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“

Oder ins Theologische gewendet: Warum hat Gott die Schöpfung geschaffen? Warum genügte sich Gott nicht selbst?

Vielleicht, könnte man spekulieren, hatte Gott ja selber ein Interesse an dem, was dort draussen, ausserhalb seiner selbst geschieht. Vielleicht ging es ihm um eine Ausweitung seines eigenen Erfahrungshorizonts.

In diese Richtung gehen die Überlegungen, die der grosse deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich (1886-1965) formuliert hat.

Tillich unterscheidet zwischen Essenz und Existenz:

• Die Essenz ist die Welt Gottes, aus der wir herkommen, in die wir zurückkehren.
• Die Existenz meint unser Dasein auf Erden.

Diese Existenz, unser Erdendasein ist aber nicht ohne Bezug zur Essenz, zum Himmel. Vielmehr tragen wir unsere Erfahrungen hier unten auf Erden zurück in Gott hinein und erweitern so seinen Erfahrungshorizont. Tillich beschreibt diesen Prozess sinngemäss so:

„Das Neue, das wir hier in Raum und Zeit erfahren, fügt dem göttlichen Leben etwas hinzu… Man könnte von einer ‚Anreicherung‘ des göttlichen Lebens durch unsere irdischen Erfahrungen sprechen. Dieser Gedanke gibt den Geschöpfen in Raum und Zeit unendliches Gewicht.“ (nach 453)

All das, was wir hier unten erfahren, verlischt nicht, es geht nicht vergessen noch verloren. Es wird aufgehoben, aufbewahrt, geborgen sein im allumfassenden Gedächtnis Gottes. Es wird dort, in Gott, letztgültige Würdigung erfahren.

Denn, wie Tillich sagt: Es dient der „Anreicherung“ des göttlichen Gedächtnisses, der Aufweitung des göttlichen Erfahrungshorizonts.

Das göttliche Licht hat sich also gleichsam absichtlich unter diesen Scheffel verkrochen, den Scheffel meines Leibs, den Scheffel dieses Planeten, den Scheffel des Universums – „DAMIT“ (!) es hier Erfahrungen macht, die es im Licht nie und nimmer hätte machen können.

Diesen paradoxen Sachverhalt, der an die Grenze des Denkbaren und Sagbaren führt, schildert der US-amerikanische Autor Neal Donald Walsch in seinem spirituellen Bestseller „Gespräche mit Gott“, mit einer einfachen, rührend-kindlichen Geschichte:

„Es war einmal eine Seele, die sich als das Licht erkannte. Es war eine sehr neue Seele und deshalb auf Erfahrung erpicht. „Ich bin das Licht“, sagte sie. „Ich bin das Licht.“ Doch all dieses Wissen und Aussprechen konnte die Erfahrung davon nicht ersetzen. Und in dem Reich, aus dem die Seele auftauchte, gab es nichts ausser dem Licht. Jede Seele war grossartig, jede Seele war herrlich, und jede Seele erstrahlte im Glanz von Gottes ehrfurcht-gebietendem Licht. Und so war diese kleine Seele eine Kerzenflamme in der Sonne. Inmitten des grandiosesten Lichts – von dem sie ein Teil war – konnte sie sich selbst nicht sehen und auch nicht erfahren, wer-und-was-sie-wirklich-ist.

Nun geschah es, dass diese Seele sich danach sehnte und verzehrte, sich selbst kennenzulernen. Und so gross war ihr Verlangen, dass Gott eines Tages zu ihr sagte: „Weisst du, Kleines, was du tun musst, um dein Verlangen zu befriedigen?“ „Oh, was denn, Gott? Was? Ich werde alles tun!“ sagte die kleine Seele.

„Du musst dich vom Rest von uns trennen“, gab Gott ihr zur Antwort, „und dann musst du für dich die Finsternis herbeirufen.“ „Was ist die Finsternis, o Heiligkeit?“ fragte die kleine Seele. „Das, was du nicht bist“, erwiderte Gott, und die Seele verstand.

Und so entfernte sie sich von Allem und machte sich auf in ein anderes Reich. Und in diesem Reich hatte die Seele die Macht, sämtliche möglichen Formen von Finsternis in ihre Erfahrung zu rufen. Und das tat sie auch.

Doch inmitten all der Finsternis rief sie aus: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“ So wie ihr das auch in euren dunkelsten Zeiten getan habt. Doch Gott hat euch nie verlassen. Er ist euch immer zur Seite gestanden, bereit, euch daran zu erinnern, wer-ihr-wirklich-seid; bereit, immer bereit, euch nach Hause zu rufen.

Parabel von der kleinen Seele und der Sonne
(nach Neal Donald Walsh, „Gespräche mit Gott“ Bd. 1, S. 63f.)


Wir werden also die Gotteskinder, die wir immer schon gewesen sind – und was wir unterwegs, in der „Finsternis“ erfahren, das bringen wir zurück, das tragen wir heim ins göttliche Licht.

Auf unserem Weg nach Hause: Bhüet eus Gott!

Klavier-Improvisation über „Mein Herr und mein Gott“

Rheinfelden, 16. Oktober 2022

"Keine Tangobeleuchtung, kein Zwielicht": Noch einmal zu Mk 4, 22, diesmal ein Vortrag

Ausnahmsweise betrachten wir heute keinen ganzen Abschnitt, keine ganze Heilungsgeschichte, kein ganzes Gleichnis, sondern einen einzelnen Vers, nämlich Mk 4, 22. In der Übersetzung der Zürcher Bibel lautet er:

Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommen soll.

Der Vers ist ein typisches Beispiel für einen Ausspruch Jesu, der in verschiedenen Zusammenhängen überliefert ist. Über den ursprünglichen Zusammenhang und Sinn kann man nur spekulieren. Hören wir den Vers zunächst in zwei der insgesamt vier Kontexte, in denen er im Neuen Testament vorkommt:

Mk 4, 21f.
Kommt denn das Licht, damit man es unter den Scheffel oder unter das Bett stellt? Nein, damit man es auf den Leuchter stellt! Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommen soll.

Die folgende Version, jene bei Lukas, ist der markinischen sehr ähnlich. Man kann davon ausgehen, dass Lukas sie schriftlich vor sich liegen und stilistisch etwas seinem gehobenen Griechisch angepasst hat:

Lk 8, 16f.
Niemand zündet ein Licht an und deckt es mit einem Gefäss zu oder stellt es unter ein Bett. Vielmehr stellt man es auf einen Leuchter, damit die Eintretenden das Licht sehen. Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht bekannt wird und an den Tag kommt.

Die sogenannte Zwei-Quellen-Theorie ist das in der Wissenschaft am weitesten verbreitete Modell zur Entstehung der drei synoptischen Evangelien Matthäus-Markus-Lukas. Gemäss dieser Theorie ist Markus das älteste Evangelium. Es lag Matthäus und Lukas vor, als sie die ihren verfassten. Ausserdem hatten die beiden noch eine Quelle – die sogenannte Quelle „Q“, ein hypothetischer Text, der die Gemeinsamkeiten von Matthäus und Lukas erklärt, die nicht auf Markus zurückzuführen sind. Der Spruch, den wir heute anschauen, ist offenbar auch in Q überliefert. Bei Matthäus findet sich nur die Q-Version. Jene von Markus hat er nicht übernommen, vielleicht, weil er die Doppelung vermeiden wollte. Bei Mt heisst es:

Mt 10, 26f.

Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt, und nichts geheim, was nicht bekannt werden wird. Was ich euch im Dunkeln sage, das sagt im Licht. Und was ihr ins Ohr geflüstert bekommt, das ruft aus auf den Dächern.

Hier geht es um die Verkündigung dessen, was die Jünger von Jesus empfangen haben, in die ganze Welt. Auch Lukas kennt diese Überlieferung – doch bei ihm bekommt der Sinn des Spruchs eine andere Nuance:

Lk 12, 1-3: Via purgativa


Vor allem hütet euch vor dem Sauerteig - gemeint ist die Heuchelei - der Pharisäer! Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt, und nichts ist geheim, was nicht bekannt werden wird. Darum wird alles, was ihr im Dunkeln gesagt habt, im Licht gehört werden, und was ihr in den Kammern ins Ohr geflüstert habt, auf den Dächern ausgerufen werden.

In den antiken Häusern, muss man sich vorstellen, gab es fensterlose Kammern. Was man sich dort drin im Dunkeln ins Ohr geflüstert hat, wird nun also auf den Dächern ausgerufen. Die Dächer der Häuser waren Teil des Lebensraums. Dazu gehörte auch die Konversation unter Nachbarn. Was dort oben ausgerufen wird, das ist nachher im ganzen Dorf bekannt.

Das nun könnte der Ausgangspunkt des Spruchs sein, der ursprünglich vielleicht ein Sprichwort war, so etwas wie das Gesetz des Dorfklatschs: „Nichts ist geheim, was nicht bekannt wird.“ Ein Kommentator (Eckey) erinnert an Sprichwörter, die bei uns im Umlauf sind:

„Die Sonne bringt es an den Tag.“
„Nichts wird so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen.“

Jesus nimmt dieses Gesetz des Dorfklatschs auf und überträgt es in die Eschatologie (die Lehre von den letzten Dingen in der Theologie). Das Motiv des Dachs, auf dem die Geheimnisse verkündet werden (Kirisso), geht hinüber in jenes des Jüngsten Gerichts (vgl. Schweizer, Lukas, S. 133), an dem alles Verborgene ans Tageslicht kommt.

Die Formulierung ist passivisch – vielleicht erinnert sich der eine oder die andere an das passivum divinum, das „göttliche Passiv“. Der Akteur in der passiven Formulierung ist Gott selber oder ein göttliches Wesen, ein Engel mit der Gerichtsposaune.

Derselbe Gedanke steht, übrigens, auch ganz am Schluss des Buchs von Kohelet – wobei der Schluss deutlich sekundär ist. Im allerletzten Vers, Koh 12, 14 heisst es dort:

„Denn alles Tun bringt Gott vor ein Gericht über alles Verborgene, es sei gut oder böse.“

Das belastete Theologumenon (theologische Konzept) des Jüngsten Gericht ist, glaube ich, mit Paul Tillich als Symbol zu verstehen, ebenso wie „Himmel“ und „Hölle“. Wenn diese Symbole wörtlich genommen und damit entstellt werden, generieren sie Neurosen und schaffen Stoff für die Psychotherapeuten. Tillich schreibt bissig:

„Er (der Stoff für die Psychotherapeuten) wäre geringer, wenn … die Predigten die abergläubischen Implikationen vermieden, die mit dem wörtlichen Gebrauch dieser Symbole verbunden sind.“ (473)

Als Symbol aber hat das Jüngste Gericht tiefe Bedeutung. Im Jüngsten Gericht wird das Ganze meiner Existenz offenbar – und dies, gemäss Tillich, nicht in einer fernen Zukunft auf der Zeitachse, sondern „hier und jetzt, in dem dauernden Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen“ (451).

Das heisst, wenn ich ausgerichtet bin auf Gott, wenn ich verbunden bin mit dem Ewigen, dann vollzieht sich das „Gericht“ an meiner Existenz im Hier und Jetzt.

Dann wird die „Heuchelei“ entlarvt. Das entsprechende griechische Wort meint Schauspielerei, also die Maske, die ich anziehe im gesellschaftlichen Spiel. Vom Sauerteig gilt, dass eine ganz kleine Menge genügt, um den ganzen Teig zu durchsäuern. Die Heuchelei ist mithin ein Gift, das sich in der ganzen Existenz ausbreitet.

Die Pharisäer – wohlbemerkt, nicht die historischen Pharisäer als die Vertreter des gesetzestreuen Judentums, sondern die Pharisäer als im Neuen Testament holzschnittartig dargestellte, überzeichnete literarische Figuren –sind der Inbegriff der rechthaberischen Instanz, die ganz genau weiss, was gut und richtig ist, die mit dem Finger auf jene zeigt, die sich nicht normgemäss verhalten, die Normen, Gesetze, Regeln für wichtiger hält als das Leben selbst.

Eine der lustig-komischsten Szenen in der Bibel ist jenes Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner (Lk 18, 9-14), wo es heisst:

„Der Pharisäer stellte sich hin und betete: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, wie Räuber, Beträger, Ehebrecher oder wie dieser Zöllner da…“

Interessant wird so eine Figur erst, wenn ich sie als literarische und archetypische wahrnehme und zu mir selber in Bezug setze – was für uns alle gilt und für mich als Pfarrer vielleicht besonders. Zwingli etwa hat den Pharisäer-Archetypen direkt auf die Pfaffen bezogen, die er mit einer träfen Formulierung als „stolz wie Holz“ bezeichnet. Und er droht ihnen, er „drehe und drechsle dieses Holz so lange, bis man sieht, dass du ein Heuchler bist.“ (40)

„Fleischliche Geistliche“ seien sie, faule, fette Säcke, die im Gegensatz zu den normalen Bürgerinnen und Bürgern nichts arbeiten. Mit beissendem Spott sagt er ihnen und mir, der ich derzeit faste:

„Weil du keiner Arbeit nachgehst, solltest du tatsächlich viel fasten und häufig auf Speisen verzichten, die dich zum Schlendrian verführen. Dem Arbeiter aber vergeht der Spass von selbst an der Hacke, am Pflug, auf dem Feld.“ (nach 39)

Mit dieser deftigen Priester-Kritik steht Zwingli in der Tradition der nicht minder deftigen Pharisäer-Kritik Jesu: Sie seien getünchte Gräber, sagt er, gegen aussen weiss gemalt und sauber gepützelt, innen aber modrig und stinkend.

Das, was sich unten, innen im Grab verbirgt, das wird nun eben offenbar, es tritt an den Tag.

„Keine Tangobeleuchtung, kein Zwielicht“, stellt der Berner Dichterpfarrer Kurt Marti in einer Predigt zu unserem Vers fest. Sondern „eine Sonne, die alle Finsternis auflöst!“ Die Sonne, sagt Marti, ist Jesus Christus. In seinem Licht werden „unsere höchsteigenen Hintergedanken aufgedeckt“. Mit unseren Seelen sei es wie mit dem Mond: Da ist immer nur die eine Hälft sichtbar. Die andere, die „dunkle Seite“ verbleibt im Dunkeln:

„Im martialischen Obersten versteckt sich ein Kind, das am liebsten Johanna Spyri liest; in der sittenstrengen Dame ein munteres Mädchen, das tanzen möchte.“

Doch nun erhellt das Licht der Christus-Sonne das Ganze. Was dabei sichtbar wird, kann ziemlich peinlich sein:

„Es zeigt sich der Gottlose, der sich im Frommen verbirgt; es zeigt sich hinter freundlichem Lächeln der heimliche Hass; im Glauben wird Unglaube sichtbar, in Züchtigkeit Unzucht, im Erfolg die Verzweiflung, in der Kirche der Atheismus.“

Im Licht der Christus-Sonne zeigt sich das, was C.G. Jung als „Schatten“ bezeichnet. In ihrem spirituellen Kommentar zu unserem Schlüsselwort schreibt die St. Galler Heilpädagogin und Meditationslehrerin Margrit Wenk-Schlegel, was dieses Offenbarwerden des Schattens konkret bedeuten kann:

„Verdrängtes, unter den Scheffel Gestelltes… kann sich plötzlich zeigen. Schutzmechanismen, die wir in unserem Leben aufgebaut haben, werden bewusst, und wir erkennen, dass sie wohl zum Schutz gedient haben, aber dass durch sie auch heute Wünschenswertes verunmöglicht wird. Alte Verletzungen können ans Licht kommen, und heftige Emotionen können dieses Auftauchen begleiten. So kann während der Meditation eine vergessene, in der Vergangenheit erlebte Situation plötzlich auftauchen, oft begleitet von intensiven Gefühlen…“ „Der Weg nach innen ist also eine intensive Selbstbegegnung mit allen Aspekten der Persönlichkeit.“ (104f.)

Der Weg nach innen wird in der christlich-mystischen Tradition als dreifacher beschrieben, als „via purgativa, illuminativa und unitiva“, als Weg der Reinigung, der Erleuchtung und der Einigung. Dieser Aspekt der Selbstbegegnung, der Begegnung mit dem eigenen Schatten, des „Gerichts“ ist der erste der drei Wege, die „via purgativa“, der „Weg der Reinigung“. Und weil Margrit Wenk in ihrem Kommentar meinen Lieblingsspruch von Johannes Tauler zitiert, den von den Bärenhäuten, sei dieser an den Schluss dieses ersten Abschnittes gestellt:

„Woher kommt das, dass der Mensch auf keine Weise in seinen Grund gelangen kann? Das ist daran schuld: Da ist so manche dicke, schreckliche Haut darüber gezogen, ganz so dick wie Ochsenstirnen, und die haben ihm sein Inneres so verdeckt, dass weder Gott noch er selber da hinein kann. Es ist zugewachsen. Manche Menschen können dreissig oder vierzig Häute haben, dicke, grobe, schwarze Häute, wie Bärenhäute.“ (105)

Wenn wir nun weiter gehen von dem Zusammenhang, in dem unser Vers bei Lukas steht, hin zu jenem bei Markus, dann zeigt sich hier die via illuminativa, der Weg der Erleuchtung. Das Licht kommt unter dem Scheffel hervor und wird auf den Leuchter gestellt:

Mk 4, 21f.: Via illuminativa

Kommt denn das Licht, damit man es unter den Scheffel oder unter das Bett stellt? Nein, damit man es auf den Leuchter stellt! Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommen soll.

Hier geht es also nicht um die Schattenseiten meiner Seele, die sichtbar werden, wenn im „Jüngsten Gericht“ die Ganzheit meines Lebens beleuchtet wird. Hier geht es darum, dass es im Grund meiner Seele etwas Verborgenes gibt, das offenbar werden will. Dieses Verborgene ist nichts anderes als: Gott selbst. Das kommt in den folgenden schönen Worten von Johannes Tauler zum Ausdruck:

„Das innerliche Gott-suchen besteht darin, dass der Mensch hineingeht in seinen eigenen Grund, in das Innerste und das den Herrn sucht; wie er uns auch selber angewiesen hat, da er sprach: ‚Das Reich Gottes, das ist in euch!‘ Wer dieses Reich finden will – das ist Gott mit all seinem Reichtum –, der muss es da suchen, wo es ist: nämlich im innersten Grund, wo Gott dem Menschen näher und inwendiger ist, weit mehr als er sich selbst.“ (179)

Der Spruch Jesu bezieht sich also bei Lukas auf den Schatten, hier bei Markus bezieht er sich auf das Licht, das göttliche Licht, das Christuslicht, das in der Tiefe meiner Seele verborgen ist, verborgen wie das Licht unter dem Scheffel oder dem Bett.

Wiederum ist ein palästinisches Haus vorausgesetzt, das keine Fenster hatte. Es wurde durch Lampen erhellt. Dass man nun eine Öllampe anzündet und unter ein Getreidemass stellt, ist eigentlich absurd. Licht ist zum Leuchten da. Es gilt, es unter dem Scheffel hervorzuholen. Auch unser eigenes, inneres Licht, den göttlichen Funken im göttlichen Grund, der der Grund meiner Seele ist.

Der Weg in diese Einheitserfahrung hinein heisst in der christlichen spirituellen Tradition „Via illuminativa“, Weg der Erleuchtung, der Vergottung. Wobei, jedenfalls meiner Überzeugung nach, die Vergottung sich nie vollendet, jedenfalls hier unten auf Erden. Es bleibt immer eine Distanz, es bleibt das Gegenüber, das grosse DU.

Zu diesem Gedanken zitiert Margrit Wenk eine, wie mir scheint, interessante und wichtige Überlegung des Pallottiner-Paters und Zen-Lehrers Johannes Kopp (1927-2016). Kopp bezieht sich dabei auf ein Koan. Es ist, wie viele Koans, nicht ohne Humor:

„Eine Kuh geht durch ein vergittertes Fenster. Hörner, Kopf und die vier Beine sind schon durch. Warum kann ihr Schwanz nicht auch noch durchkommen?“

Kopp deutet das Koan so:

„Ein Schwänzchen Ich-Bewusstsein bleibt. Deshalb kann keine und keiner sagen: Ich bin da vollkommen durch. Wenn jemand das nicht sieht, ist das sein bzw. ihr blinder Fleck… Das Bewusstsein, dass das noch nicht Erreichte unendlich grösser ist als das Erreichte, ist eine … notwendige Weise von Dualität.“ (nach 101)

Interessant auch die Folgerung Kopps, dass er deshalb beten kann, zu einer Wirklichkeit, die unendlich viel grösser ist als ich und die mir als DU gegenübersteht. Ich kann um Erleuchtung, Vergottung, Einswerdung bitten. Doch die Behauptung, schon dort, in der Einheit zu sein – diese Behauptung wäre vermessen. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, uns hier auf Erden gleichsam schon in den Himmel zu katapultieren. Unsere Aufgabe als ist es, Himmel und Erde zu verbinden. Das meint der dritte Weg, die Via Unitiva, der Weg der Einung, Vereinung, Vereinigung…

Via Unitiva

Die Erleuchtungserfahrung gilt es zu inkarnieren, in Leib und Leben, hier unten auf Erden, im Alltag zu verwirklichen. Das ist der Weg, der in der christlich-spirituellen Tradition als „Via Unitiva“ beschrieben wird, als Weg der Vereinigung des grossen Ich-Bin und meines kleinen Ich.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, unseren Vers im Urtext anzuschauen. Dann zeigt sich, dass die Übersetzung der Zürcher Bibel hier ungenau ist. Dass sie das Unverständlich-Sperrige verständlich macht, ihm damit aber auch die Tiefe nimmt. Die genaue Übersetzung des Verses lautet:

„Es gibt nichts Verborgenes, ausser damit es offenbar werde, und nichts ward geheim, ausser damit es ins Offenbare komme.“

Auch Eugen Drewermann schreibt, dass dieser Satz „offenbar hoffnungslos verwirrt“ sei. Er zieht die geglättete Version des Lukas vor, wo es auch im griechischen Urtext so heisst: „Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht … an den Tag kommt“. „Der entscheidende Punkt ist das ‚damit‘.

„So absurd“, schreibt Drewermann, kann es nicht geheissen haben“ (nach 341). Oder doch? Unter dem Gesichtspunkt der Via Unitiva scheint mir dieses „Damit“ tiefen Sinn zu gewinnen.

Um zu diesem Sinn zu gelangen, gilt es auszuschwingen zur grossen philosophischen Frage: „Warum ist nicht nichts, warum ist überhaupt etwas?“ (Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, deutscher Philosoph, 1854 in Bad Ragaz gestorben) Oder ins Theologische gewendet: Warum genügte sich Gott nicht selbst? Warum hat er die Schöpfung geschaffen?

Vielleicht, könnte man spekulieren, hatte er ja selber ein Interesse daran. Vielleicht ging es ihm um eine Ausweitung seines eigenen Erfahrungshorizonts. In diese Richtung gehen die Überlegungen, die Paul Tillich (1886-1965) im Anschluss an Schelling formuliert.

Tillich unterscheidet zwischen Essenz und Existenz. Die Essenz ist die Welt Gottes, aus der wir herkommen, in die wir zurückkehren. Die Existenz meint unser Dasein auf Erden. Dieses Erdendasein ist nicht ohne Bezug zur Essenz, zum Himmel. Vielmehr vollzieht sich eine dauernde „Essentifikation“, wie der zentrale Begriff von Schelling lautet: Existenz verwandelt sich in Essenz. Tillich beschreibt diesen Prozess so:

„Das Neue, das sich in Raum und Zeit verwirklicht hat, fügt dem essentiellen Sein etwas hinzu… Man könnte von einer ‚Anreicherung‘ des göttlichen Lebens durch die irdischen Prozesse sprechen. Dieser Gedanke gibt jeder Schöpfung in Raum und Zeit unendliches Gewicht.“ (nach 453)

Die Transformation dessen, was wir hier unten auf Erden leben und erleben in die Ewigkeit hinein vollzieht sich im Modus der Erinnerung. „Das Zeitliche“, schreibt Tillich, „wird in einem fortwährenden Prozess zu ‚ewiger Erinnerung‘“. All das, was wir hier unten erfahren, verlischt nicht, es geht nicht vergessen noch verloren. Es dient der „Anreicherung“ des göttlichen Gedächtnisses.

Und eben darum heisst es „damit“:

„Es gibt nichts Verborgenes, ausser damit es offenbar werde, und nichts ward geheim, ausser damit es ins Offenbare komme.“

Das göttliche Licht hat sich gleichsam absichtlich unter dem Scheffel verkrochen – um dort Erfahrungen zu machen, die es im Licht nie und nimmer hätte machen können. Und in dem Ausmass, wie wir das Licht unter unserem je eigenen Scheffel hervorholen und auf unseren je eigenen Leuchter stellen, in dem Ausmass tragen wir in das göttliche Gedächtnis hinein das, was wir selber, jede und jeder von uns, völlig einzigartig der Einheit zu geben haben, „ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben“, heisst es im schönsten aller Weihnachtslieder, Paul Gerhardts „Ich steh an deiner Krippen hier“. Doch das, was mir gegeben worden ist, gebe ich verwandelt zurück, in der Transformation, die es erfahren hat in diesem meinem Scheffel, dieser meiner Existenz.

Das, glaube ich, ist es, was die Via Unitiva meint.

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Mein Leben wird also im Modus der Erinnerung aufgehoben, aufbewahrt, geborgen sein in den Händen Gotts, in die unsere Namen eingezeichnet sind seit Anbeginn der Welt. Es wird dort letztgültige Würdigung erfahren. Dieser wunderbare Gedanke hat einen Haken, nämlich das Böse oder, wie Tillich es nennt, das Negative. Noch einmal gilt es zu erinnern an das Jüngste Gericht, das ein Prozess des Scheidens ist:

„Das griechische Wort für richten (krinein: ‚trennen‘) weist deutlich auf den universalen Charakter des Gerichts als eines Aktes hin, in dem das Gute vom Bösen, das Wahre vom Falschen und die Angenommenen von den Verworfenen geschieden werden.“

Das klingt finster. Doch in der Deutung Tillichs wird es licht:

Unser Dasein auf Erden, die Existenz im Gegensatz zur Essenz zeichnet sich dadurch aus, dass sich dadurch aus, dass das rein Positive, die Essenz, das Seiende, sich mischt mit dem Negativen. Doch dieses Negative hat gar kein eigenes Sein; es bedient sich beim Positiven und tut so, als wäre es selber Positives.

Als Beispiele für dieses Negative, das sich vom Positiven nährt und selber so tut, als wäre es ein Positives, nennt Tillich „Krankheit, Tod, Lüge, Zerstörung, Mord und das Böse im allgemeinen“.

Im Anblick des Ewigen aber löst sich die Erscheinung des Bösen als ein Positives auf. Es verbrennt, wieder symbolisch gesprochen, im göttlichen Feuer, es wird, wie Tillich sagt, in sein nacktes Nicht-Sein geworfen. „Das ist die Seite der Verdammung in dem, was symbolisch als Jüngstes Gericht bezeichnet wird.“ (alles nach 450-453)

Das Negative verlöscht in der ewigen Erinnerung. Und doch bleibt es nicht ohne Wirkung auf diese: „Es bleibt in der ewigen Erinnerung als das gegenwärtig, was überwunden ist.“ Als Überwindung, Befreiung von Sünde, Hölle und Tod. Das ist es eben, was wir Menschenkinder und alle Wesen der Welt zurück hinein in die Essenz tragen werden und damit den Erfahrungshorizont Gottes erweitern. Es ist das, was wir mit unseren menschlichen Stimmen einst zum Lobgesang der Engel beitragen – etwas, was jene himmlischen Wesen nicht kennen, die Erfahrung, dass wir, wie es im Psalter heisst, durch Feuer und Wasser gegangen sind und dass DU, Gott, uns ins Weite geführt hast. (nach Bernhard von Clairvaux)

Manuskript eines im Oktober 2022 per Zoom gehaltenen Vortrags

„Vome sälber“: Meditation über Mk 4, 26-29 anlässlich einer Taizéfeier

Das folgende Gleichnis überliefert nur Markus. Man fragt sich, warum die anderen Synoptiker, Matthäus und Lukas, es nicht übernommen haben. Vielleicht ist dies der Grund:

In den anderen Gleichnissen gibt es jeweils Trennungen: zwischen der Saat, die Frucht bringt, und jener, die keine Frucht bringt. Zwischen Unkraut und Weizen. Usw.

In diesem Gleichnis ist es anders. Da gibt es keine Trennungen: Der Bauer sät, die Saat sprosst. That’s it.

Bevor irgendeine Trennung stattfindet, zwischen Erfolgreichen und Versagern, Gläubigen und Ungläubigen usw. --- lange vor jeder Trennung, im dunklen Mutterschoss, schlafend noch, bevor wir das Licht der Welt erblicken, sind wir geliebt, bedingungslos, „unabhängig von Rasse, Hautfarbe und Weltanschauung“, wie es im Gebet der Vereinten Nationen heisst.

Nicht undenkbar, dass diese Bedingungslosigkeit den Evangelisten Matthäus und Lukas nicht in den Kram passte. Wir auch immer ---

Hören wir aus Mk 4 die Verse 26-29 in einer Schweizerdeutschen Übersetzung:

Mit em Himmelriich isch es esoo, wie wänn en Puur de Saame uf d Erde streut. Dänn gaat er go schlaafe, dänn schtaat er wider uuf, Nacht und Taag. Und de Saame kiimet und wachst – wie das gaat, das wäiss de Puur sälber nööd. Vome sälber bringt d Erde Frucht… (Mk 4, 26-29)

„Von selbst bringt die Erde Frucht“, lautet also die Pointe des Gleichnisses. Mitten in einer Welt der Selbstoptimierung, des Enhencement, der Leistungs- und Effizienzsteigerung erinnert dieses Gleichnis an die Dimension des Nicht-Machbaren: Bevor wir irgendetwas machen, lange vorher, immer schon ist das Leben Geschenk.

Weiter heisst es im Gleichnis: Der Bauer weiss selbst nicht, wie die Erde Frucht bringt. In der Welt, in der wir leben, geht es darum, die Prozesse zu kontrollieren. Wir müssen wissen, was warum wie funktioniert. Doch der Bauer im Gleichnis weiss es nicht. Er verbringt einen grossen Teil seines Lebens schlafend.

Und noch etwas: Normalerweise sagen wir „Tag und Nacht“, im Gleichnis heisst es aber umgekehrt: „Nacht und Tag“, der Bauer schläft und steht auf, „Nacht und Tag“.

Diese Umkehrung ist nicht zufällig. Die Nacht steht vor dem Tag, so wie das Nicht-Wissen vor dem Wissen steht und das „Von selbst bringt die Erde Frucht“ vor dem „Ich kann und schaffe es selber“.

Dieses Gleichnis lehrt jenes Vertrauen, das Jesus gelebt hat – bis ins Sterben hinein, als er sagte: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“. „In manus tuas, Pater, commendo spirtum meum“.
Singen wir dieses Lied:

Lied: “In manus tuas, Pater” (30)

Text zum Schluss:


Wir hören zum Schluss Worte des mittelalterlichen Mönchs und Mystikers Heinrich Seuse. In ihnen kommen zwei Motive zusammen, die auch im Gleichnis Jesu bedeutsam sind: Das Nicht-Wissen und das Nicht-Tun – am Ort der „Unwissenheit“ gibt es „kein Streben noch Mühen“, sagt Seuse. Diesen Ort des Nicht-Wissens und Nicht-Tuns nennt Jesus das Reich Gottes, Seuse nennt ihn in mystischer Sprache den Abgrund der Einheit:

„Die Stille nimmt dem menschlichen Geist Bild und Form und alle Vielheit ab. Er gelangt in eine Unwissenheit seiner selbst und aller Dinge. Auf diese Weise wird er in den Abgrund der Einheit hineingetragen, wo er höchste Glückseligkeit erfährt. Dort gibt es kein Streben noch Mühen, denn Anfang und Ende sind eins geworden, und der Geist ist – sich selbst entsunken – eins mit dem göttlichen geworden.“ (nach 23)

Kaiseraugst, 16. September 2022

Das Gleichnis vom Senfkorn (Mk 4, 30-32): Predigt anlässlich des ökumenischen Gottesdienstes am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag

Einleitung:

Man kennt die Adventszeit vor Weihnachten und die Fasten- bzw. Passions-Zeit vor Ostern. Die SchöpfungsZeit im September ist weniger bekannt, doch umso aktueller:

„Der 1. September gilt der der Römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen als der Tag der Schöpfung. Der 4. Oktober ist der Gedenktag des Schöpfungsheiligen Franz von Assisi. Zwischen diesen beiden Daten liegt die SchöpfungsZeit – sie schliesst das Erntedankfest und den Bettag mit ein.“

So hören wir heute, am Bettag, ein Gleichnis, das Jesus tief aus der Schöpfung hervor holt:

Text (Mk 4, 30-32):

4, 30 Und er sprach: Wie sollen wir das Reich Gottes abbilden? In welchem Gleichnis sollen wir es darstellen? 31 Es ist wie ein Senfkorn, das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden, das in die Erde gesät wird. 32 Ist es gesät, geht es auf und wird grösser als alle anderen Gewächse und treibt so grosse Zweige, dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.


Predigt:

Was antwortet man, wenn man gefragt wird, wie man sich das Himmelreich vorstellt?

Die meisten, die ich in den letzten Tagen mit dieser Frage konfrontierte, sagten, das sei ein Geheimnis. Das könne man sich nicht vorstellen, dazu lasse sich nichts sagen.

In einem der rätselhaftesten, faszinierendsten Texte der Bibel deutet der Apostel Paulus an, er sei in den dritten Himmel, ins Paradies entrückt worden und habe dort unsagbare Worte gehört, die kein Mensch aussprechen dürfe.

Man sagt, im Himmelreich seien ewiger Friede und ewige Freude. Die himmlischen Chöre sängen überirdisch schön. Und ennet des Tunnels leuchte ein überlichtes Licht.

Doch Jesus, ausgerechnet er,

• von dem es heisst, er sei von göttlichem Wesen,
• sei Licht vom unerschaffnen Lichte, das vom Himmel hoch herkommt in die Niedrigkeit der irdischen Existenz,
• er, der eingeborene Sohn Gottes, der als einziger wissen müsste, wie es ausschaut dort oben, dort drüben –

er erzählt von alledem nichts.

Vielmehr vergleicht er das Himmelreich mit einem Samenkorn.

Oder, bei anderer Gelegenheit, mit einem Stück Hefe, einem Fischernetz, mit einem verlorenen Schaf, einem verlorenen Geldstück.

Das Inventar der Geschichten, die Jesus erzählt, stammt aus der einfachen Welt der Fischer und Bauern Galiläas.

Diese Zuneigung zum Alltäglichen ist gleichsam die Trift der Gleichnisse. Sie erzählen von der Zuwendung des Himmels zur Erde.

Das Himmelreich ist demnach nicht irgendwann am Ende der Zeit irgendwo in einer fernen Welt zu lokalisieren. Das Himmelreich ist DA, gegenwärtig, präsent, in uns und mitten unter uns.

Wem die Augen dafür aufgehen, der geht staunend durch die Welt – gleichsam wie die Kinder, von denen Jesus gesagt hat, ihnen gehöre das Himmelreich. Man gewinnt eine unmittelbare, unverstellte, neue und offene Sicht auf die Welt.

Überall entdeckt man jene Wirklichkeit, in einem vom jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber überlieferten chassidischen Lied wird diese Wirklichkeit so besungen:

"Wo ich gehe - du!
Wo ich stehe - du!
… Ergeht‘s mir gut - du!
Wenn's weh mir tut - du!

Himmel - du, Erde - du,
Oben - du, unten - du,
Wohin ich mich wende, an jedem Ende
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!"

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Des grosse Schweizer Theologe Leonard Ragaz (1868-1945) hat ein interessantes Buch geschrieben mit dem Titel: „Die Gleichnisse Jesu“.

Das Buch beginnt mit der Bemerkung:

„Nichts scheint unnötiger zu sein als eine Erklärung der Gleichnisse Jesu… Sie erklären sich jedem Kinde, und dem Kinde sogar am leichtesten“ –

eben: die Kinder, denen das Himmelreich gehört, die eine offene Sicht auf die Welt haben – sie haben auch einen unverstellten Zugang zu den Gleichnissen.

Doch dann fährt Ragaz fort:

„Die Gefahr besteht und hat sich nur zu sehr verwirklicht, dass man sie (die Gleichnisse) zu stark bloss den Kindern überlässt.“

Die Gleichnisse werden dann volkstümlich-idyllisch, sie werden harmlos, das Kindliche rutscht ab ins Kitschige. Und die Gleichnisse verlieren ihre prophetische Kraft.

In Wahrheit aber gilt gemäss Ragaz:

Die Gleichnisse sind „die tiefste und radikalste Umwälzung der Welt: nämlich die Umwälzung der Welt durch Gott.“

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Lesen wir das Gleichnis also noch einmal, gleichsam aus der prophetischen Perspektive von Leonard Ragaz:

Das Senfkorn galt in der Antike als das sprichwörtlich kleinste Samenkorn. Der Same des schwarzen Senfs hat gerade mal einen Durchmesser von ca. 1 mm und ein Gewicht von gerade mal 1 mg.

Dieses Korn soll gemäss dem Gleichnis nun auswachsen zu einem Baum, in dessen Zweigen die Vögel nisten.

Die Senfstaude wächst in Wirklichkeit aber nur etwa in eine Höhe von 1.5 m, bei idealen klimatischen Bedingungen können es 2.5 m sein.

Man könnte also zurecht sagen: Jesus übertreibt. Doch diese Übertreibung beruht nicht auf botanischer Unkenntnis. Sondern auf Bibelkenntnis:

Der Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten, das ist in der Bibel der mythische Weltenbaum. Beim Propheten Daniel zum Beispiel heisst es von diesem Baum:

„Ich schaute, und sieh, ein Baum, im Mittelpunkt der Welt, und seine Grösse war gewaltig! Der Baum wuchs und wurde stark: Sein Wipfel reichte bis an den Himmel und seine Krone bis ans Ende der ganzen Erde. Seine Blätter waren schön, und er trug reiche Frucht, und Nahrung war an ihm für alle. Die Tiere des Feldes suchten Schutz unter ihm, und in seinen Zweigen wohnten die Vögel des Himmels, und von ihm ernährte sich alles Fleisch.“ (Dan. 4, 7-9)

Aus dem sprichwörtlich kleinsten Samen wird also nicht nur eine stattliche Staude, sondern der mythische Weltenbaum, der bis an den Himmel und bis an die Enden der Erde reicht.

Leonard Ragaz sieht in dieser Spannung zwischen Senfsamen und Weltenbaum „eine Grundordnung Gottes“. Er sagt:

„Es ist geradezu eine Grundordnung Gottes: Alles, was gross werden soll, muss klein beginnen."

Wie sich diese „Grundordnung Gottes“ nach Ansicht von Leonard Ragaz konkretisiert, zeigt sich zunächst an Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger:

Das waren „einige weltlich kleine Menschen in einem unbekannten oder verachteten Winkel des römischen Weltreichs. Und doch ist ihre Sache sehr viel grösser geworden als das römische Weltreich.“

Hier, bei Jesus, hat sich also die Grundordnung exemplarisch gezeigt. Sie zeigt sich noch heute:

Wenn wir Landeskirchen, wie die Soziologen prognostizieren, „kleiner, älter und ärmer“ werden, dann ist das, wer weiss, ganz im Sinn des Reiches Gottes. Das Wachstum des Reiches Gottes ist möglicherweise kein lineares, sondern ein paradoxes. Je kleiner wir sind, desto grösser sind wir. Und je ärmer wir werden, desto reicher werden wir sein.

Der entscheidende Punkt, folgert Ragaz aus diesem paradoxen Prinzip, sind die Methoden: Wir dürfen unsere Methoden nicht ausrichten auf das, was Erfolg genannt wird. Ragaz sagt (und wird dabei beissend ironisch):

In dieser Welt „fängt man gross an. Je grösser man anfängt, denkt man, desto grösser wird der Erfolg sein. Aber die Wahrheit ist genau umgekehrt. Wenn man eine Sache, die geistiger Art ist, von vornherein dem baldigen Verwelken und Zerfallen weihen will, dann muss man nur recht gross und prächtig anfangen. Etwa mit viel Geld, viel Reklame, viel Empfehlung von 'Prominenten' und viel offizieller Protektion… Dann wird sich bald die Fäulnis einstellen..."

Fortschreitende Fäulnis hinzuweisen – in der Finanzwelt, in der Politik, auch in der Kirche.
Dass aus dem Kleinsten das Grösste wird, das macht einen nachdenklich in Bezug auf das, was wirklich zählt. Leonard Ragaz sagt, es gelte vor allem „auf eins zu achten: auf die Anfänge:

„Die Anfänge vor allem sollen rein gehalten werden. Sie müssen und sollen nicht gross sein, aber sie müssen und sollen rein sein. Soweit das nur menschenmöglich ist… Sie müssen so sein, dass darin heilige Kräfte aufgespeichert sind, aus denen die Sache immer wieder schöpfen darf, wenn sie matt und schwach zu werden droht.“

Und dann, sehr schön, zitiert Leonard Ragaz einen Grossen der Geistesgeschichte, der vor Jesus Christus, ausserhalb des christlichen Kulturkreises gelebt und gewirkt hat, aber nicht ausserhalb des Himmelreiches:

Der chinesische Weise Laotse hat gesagt, es gelte, die „Keime“ zu beachten, zu hüten. Hüter und Hüterinnen der Keime zu sein – Keime in meiner Seele, Keime in der Kirche, Keime in der Welt –, das ist unsere Aufgabe hier unten auf Erden. Bei unserem „Hütedienst“ behüte uns Gott! Amen.

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Der Baum, der aus dem Keim erwächst, ist kosmisch gross. Dazu passt die Musik, die wir nun hören. Der zeitgenössische estnische Komponist Urmas Sisask, habe ich mir sagen lassen, beziehe seine Inspiration wesentlich aus der Astronomie. Die „kosmische Harmonie“ sei ein wiederkehrendes Thema… Wir hören „Surrexit“, einen Auferstehungsgesang von Urmas Sisask, vorgetragen von der Vox Raurica…

Kaiseraugst, Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag, 18. September 2022

Der Mann, der aus den Gräbern stieg: Predigt über den Besessenen von Gerasa (Mk 5, 1-20)

Einleitung:

Heute befassen wir uns mit der merkwürdigsten, am ausführlichsten erzählten, buntesten ausgemalten Wundergeschichte der ganzen Bibel, der Geschichte des Besessenen von Gerasa (Mk 5, 1-20).

Es gibt darin Elemente, die übertrieben und dadurch grotesk-komisch wirken. Das hat manche Fachleute zu einer Vermutung geführt, die mir gut gefällt: Hinter der Geschichte stehe ursprünglich einen deftiger, burlesker Schwank, der vom prahlenden Satan handelt, der dann übertölpelt wird.

Ich habe diese Schwank-These unserem Kaiseraugster Psychotherapeuten Christoph Frutiger erzählt. Er hat darauf nachdenklich-kritisch reagiert. Er hat mir Folgendes geschrieben, mit der Erlaubnis, es zu zitieren:

„Ich sehe darin nicht nur eine schwankige Geschichte über einen prahlenden Satan, sondern auch viel Tiefe und Tragik. Im psychotherapeutischen Kontext erlebe ich es immer wieder (z.B. in Gesprächen mit der IV), dass tragische Situationen als Schwank um einen “prahlenden Satan” abgetan werden. Menschen mit starken psychischen Störungen sind von aussen gesehen oft so grotesk, dass es viele Menschen gar nicht so ernst nehmen können. Über die Leute und ihre Geschichten wird gelacht. Ihre übertrieben anmutenden Handlungen (wie schreien, sich Haare ausreissen, sich selbst verletzen) werden als symbolisch, bewusst zu manipulativen Zwecken gesteuerte Handlungen oder unerklärliches wirres Zeug abgetan. Dabei steckt viel Schmerz und tiefes Leid dahinter.“

Es gilt also, das, was in dieser Geschichte erzählt wird, tief ernst zu nehmen. Es geht hier nicht um einen Sketch an den Fotzelschnitte. Es geht um die Heilung, das Heimkommen einer verlorenen Seele.

Hören wir die Geschichte:

Text: Der Besessene von Gerasa (Mk 5, 1-20)

5, 1 Und sie kamen ans andere Ufer des Sees in das Gebiet der Gerasener. 2 Und kaum war er aus dem Boot gestiegen, lief ihm sogleich von den Gräbern her einer mit einem unreinen Geist über den Weg. 3 Der hauste in den Grabhöhlen, und niemand mehr vermochte ihn zu fesseln, auch nicht mit einer Kette. 4 Denn oft war er in Fussfesseln und Ketten gelegt worden, doch er hatte die Ketten zerrissen und die Fussfesseln zerrieben, und niemand war stark genug, ihn zu bändigen. 5 Und die ganze Zeit, Tag und Nacht, schrie er in den Grabhöhlen und auf den Bergen herum und schlug sich mit Steinen.

6 Und als er Jesus von weitem sah, lief er auf ihn zu und warf sich vor ihm nieder 7 und schrie mit lauter Stimme: Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht! 8 Er hatte nämlich zu ihm gesagt: Fahr aus, unreiner Geist, aus dem Menschen! 9 Und er fragte ihn: Wie heisst du? Und er sagt zu ihm: Legion heisse ich, denn wir sind viele. 10 Und sie flehten ihn an, sie nicht aus der Gegend zu vertreiben. 11 Nun weidete dort am Berg eine grosse Schweineherde. 12 Da baten sie ihn: Schick uns in die Schweine, lass uns in sie fahren! 13 Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Schweine. Und die Herde stürzte sich den Abhang hinunter in den See, an die zweitausend, und sie ertranken im See.

14 Und ihre Hirten ergriffen die Flucht und erzählten es in der Stadt und auf den Gehöften. Und die Leute kamen, um zu sehen, was geschehen war. 15 Und sie kommen zu Jesus und sehen den Besessenen dasitzen, bekleidet und bei Sinnen, ihn, der die Legion gehabt hat. Da fürchteten sie sich. 16 Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, wie es dem Besessenen ergangen war, und die Sache mit den Schweinen. 17 Da baten sie ihn immer dringlicher, aus ihrem Gebiet wegzuziehen.

18 Und als er ins Boot stieg, bat ihn der Besessene, bei ihm bleiben zu dürfen. 19 Aber er liess es nicht zu, sondern sagt zu ihm: Geh nach Hause zu den Deinen und erzähle ihnen, was der Herr mit dir gemacht hat und dass er Erbarmen hatte mit dir. 20 Und der ging weg und fing an, in der Dekapolis kundzutun, was Jesus mit ihm gemacht hatte. Und alle staunten.


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Die Geschichte hat, wie alle Wundergeschichten, drei Teile:

• Eine Exposition, bei der die Hauptfiguren in Erscheinung treten.
• Ein Zentrum, in dem die Heilung geschieht.
• Und schliesslich werden die verschiedenen Reaktionen erzählt, die die Wunderheilung auslöst, in unserer Geschichte jene der Dorfbewohner und jene des Geheilten.

Die Predigt wird dreiteilig sein, entsprechend diesem Muster von Exposition / Zentrum / Reaktionen. Jeder der drei Teile wird mit einem Teil aus einer Pavane des französischen Komponisten Maurice Ravel ausklingen.

Diese Pavane wurde später berühmt, Ravel schaffte mit ihr den internationalen Durchbruch als Komponist. Doch anfangs sagten die Musikkritiker, das Werk sei zu „anarchistisch“ (nach Wikipedia). Gerade so passt es zu der anarchistischen Gestalt, der wir heute begegnen.

Ganz am Anfang der Geschichte überquert Jesus den See (V. 1). Am Schluss kehrt er wieder zurück auf die andere Seite des Ufers. Dieses Überqueren symbolisiert einen psychischer Übergang: Wir gehen hinein in Bereiche, die dem Alltagsbewusstsein verschlossen sind. Vermutlich bedarf das Alltagsbewusstsein dieser Verschlossenheit. Sonst würde es nicht mehr funktionieren. Der, der da drüben auftaucht aus den Gräbern, dieser Mann ist definitiv dysfunktional…

Singen wir, bevor wir ihm begegnen, das wunderbare Vertrauenslied des Schweizer Pfarrers und Religionswissenschaftlers Georg Schmid: „Wir wären von Feinden umlauert uns selbst der gefährlichste Feind“ heisst es darin. Und umrahmt sind diese Abgründe von den Worten: „Geborgen, geliebt und gesegnet, gehalten, getragen, geführt“

Lied: „Geborgen, geliebt und gesegnet“ (39, 1-6)

Predigt I


Hören wir aus dem ersten Teil noch einmal die Verse 3-5:

3 Er hauste in den Grabhöhlen, und niemand mehr vermochte ihn zu fesseln, auch nicht mit einer Kette. 4 Denn oft war er in Fussfesseln und Ketten gelegt worden, doch er hatte die Ketten zerrissen und die Fussfesseln zerrieben, und niemand war stark genug, ihn zu bändigen. 5 Und die ganze Zeit, Tag und Nacht, schrie er in den Grabhöhlen und auf den Bergen herum und schlug sich mit Steinen.

Es sind zwei Motive, die da dichtgedrängt mehrfach vorkommen: Das der „Gräber“ und das der „Fesseln“. Zwischen beiden Motiven besteht eine innere Verbindung. Die „Gräber“ symbolisieren die seelische Befindlichkeit des Geraseners, die „Fesseln“ symbolisieren das, was sein Umfeld, seine Mitmenschen damit zu tun haben.

Zu ersterem, der Befindlichkeit des Geraseners, schreibt Christoph Folgendes:

„Dieser Mensch hat Schreckliches erlebt in seiner Geschichte, zu viel, um damit klar zu kommen. Die Seele versucht verzweifelt, sich zu schützen, um in einem furchtbaren Umfeld irgendwie überleben zu können. Sie beginnt, eigene Anteile abzuspalten, …. Diese entwickeln ein Eigenleben, … die Person verliert sich gänzlich in der Wut, der Verzweiflung, dem Nacherleben eines traumatischen Ereignisses, wie wenn es nur noch das geben würde. Dissoziation nennt sich das.“

In Bezug auf unseren Gerasener vermutet die Forschung, dass die bösen Geister, die diesen Mann besetzen, Totengeister sind, die in den Gräbern gefallener Widerstandskämpfer hausen und nicht zur Ruhe kommen. Er selber war ein solcher Widerstandskämpfer, seine Seele war zerbrochen an den römischen Legionen, die nun wie ein Dämon auf seiner Seele hocken.

Soviel zum Motiv der „Gräber“. Nun folgen die „Fesseln“, welche das Umfeld des Geraseners symbolisieren. Dazu schreibt Christoph:

"Das Umfeld – wir, die Mitmenschen bezeichnen diese Leute dann als gestört, spinnend, ver-rückt, grenzen sie aus. Gerade die, die unseren Schutz am meisten brauchen würden, müssen in den Grabhöhlen leben, weil wir ihr Geschrei der Verzweiflung nicht verstehen und nicht aushalten."

Ich verstehe sie alle, die dieses Geschrei der Verzweiflung nicht aushalten. Ich gehöre selber zu ihnen. Nichtsdestotrotz: Ich bin part of the game. Ich bin Teil des Spiels. Der Gerasener ist Teil meiner Seele. Es geht nicht an zu sagen: Ich bin gesund, und jener ist krank. Wir sind, in der Tiefe der Seele, eins. Wir, er und ich, haben eine gemeinsame Geschichte. Spüren wir ihr nach, wenn die Worte nun nachklingen in der „anarchistischen“ Musik von Ravel…

Musik

Predigt II


Gehen wir weiter zum Teil zwei, dem Zentrum:

6 Und als er Jesus von weitem sah, lief er auf ihn zu und warf sich vor ihm nieder 7 und schrie mit lauter Stimme: Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht! 8 Er hatte nämlich zu ihm gesagt: Fahr aus, unreiner Geist, aus dem Menschen! 9 Und er fragte ihn: Wie heisst du? Und er sagt zu ihm: Legion heisse ich, denn wir sind viele. 10 Und sie flehten ihn an, sie nicht aus der Gegend zu vertreiben. 11 Nun weidete dort am Berg eine grosse Schweineherde. 12 Da baten sie ihn: Schick uns in die Schweine, lass uns in sie fahren! 13 Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Schweine. Und die Herde stürzte sich den Abhang hinunter in den See, an die zweitausend, und sie ertranken im See.

Legion heisst der Dämon, „denn wir sind viele“. Und tatsächlich gäbe es viel zu sagen zu diesem Abschnitt. Konzentrieren wir uns, im Anschluss an Christoph Frutiger, auf drei Punkte: den Widerstand, die Externalisierung und den Humor.

Beginnen wir mit dem Widerstand. „Und dann kommt Jesus“, schreibt Christoph. „Er läuft nicht weg, er grenzt nicht aus. – Und was passiert?“

„Der «Verrückte» bekommt Angst. Das ist etwas, was ich in der Therapie oft erlebe. Die Menschen, die seelisch so leiden, halten sich und ihr Leid selbst nicht aus, es ist so schrecklich, dass sie selbst wegschauen, sich ablenken mit allen Mitteln, Medikamenten, Drogen, Alkohol, sich von sich selbst entfernen, um nicht zu spüren, wie schrecklich sie sich fühlen.
Und wenn dann jemand von aussen genau hinschaut, sie wahrnimmt in ihrem Leid, beginnen sie selbst auch wieder zu spüren. Das schmerzt schrecklich und versetzt die Leidenden selbst in Angst und Schrecken.“

Der Dämon, der sagt: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus?“, ist also ein Symbol für diese eigene, innere Stimme, die sagt: „Lass mich in Ruhe! Quäle mich nicht mit meinem eigenen Leid!“

Heilung bringt das, was man in der Psychotherapie „Externalisierung“ nennt, also die Betrachtung von aussen. Christoph beschreibt dieses zweite Stichwort so:

„Die Externalisierung gibt uns Spielraum, uns zu verändern, uns von den ‚Dämonen‘ zu lösen.“

Von aussen betrachtet, wird alles irgendwie leichter, lustiger auch. Und das führt uns direkt zum dritten Stichwort, dem Humor:

„Dann kommt der Schwank mit den Schweinen. Eine lustige Wendung, die uns zum Schmunzeln bringt. Das ist eines der Elemente, weshalb ich meinen Beruf so liebe. Die Möglichkeit, im entscheidenden Moment der Situation eine Wende zu geben, die die ganze Tragik dahin schmelzen lässt. Oder trotz der Tragik die lustigen Elemente der Situation zu erkennen, was uns alles leichter nehmen lässt. Die Psychotherapie arbeitet oft mit solchen Elementen: Wenn die Angst eine Stimme hätte, wie würde sie klingen? …“

Und weiter, noch konkreter:

„Wie ernst würden Sie die Stimme nehmen, wenn sie bloss in Unterhosen dastehen würde? Interessanterweise können sich das viele Menschen so lebendig vorstellen, dass es wirklich etwas verändert. Menschen, die ins Burnout kamen, weil eine innere Stimme sie antrieb, ihnen sagte, sie müssten mehr arbeiten, sie hätten nicht das Recht zu geniessen, können es plötzlich ruhig angehen, weil eine Stimme in gepunkteten Unterhosen irgendwie nicht mehr so viel bewirkt.“

Am Schluss sind da gepunktete Unterhosen. Sie haben heilende Kraft – auch für mich selber. Ich stelle mir vor, diese innere Stimme, die sagt, ich sei extrem wichtig und müsse darum viel, ganzganzganz viel chrampfen – diese Stimme stehe da in gepunkteten Unterhosen. Und dann ist endlich Zeit für chli Musik von Ravel…

Musik

Predigt III


Abschliessend geht es um die Reaktion der Hirten, der Dorfbewohner und des Geraseners selbst:

14 Und ihre Hirten ergriffen die Flucht und erzählten es in der Stadt und auf den Gehöften. Und die Leute kamen, um zu sehen, was geschehen war. 15 Und sie kommen zu Jesus und sehen den Besessenen dasitzen, bekleidet und bei Sinnen, ihn, der die Legion gehabt hat. Da fürchteten sie sich. 16 Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, wie es dem Besessenen ergangen war, und die Sache mit den Schweinen. 17 Da baten sie ihn immer dringlicher, aus ihrem Gebiet wegzuziehen.

18 Und als er ins Boot stieg, bat ihn der Besessene, bei ihm bleiben zu dürfen. 19 Aber er liess es nicht zu, sondern sagt zu ihm: Geh nach Hause zu den Deinen und erzähle ihnen, was der Herr mit dir gemacht hat und dass er Erbarmen hatte mit dir. 20 Und der ging weg und fing an, in der Dekapolis kundzutun, was Jesus mit ihm gemacht hatte. Und alle staunten.


Es ist merkwürdig: Jesus hat diesen Verrückten, der in den Grabhöhlen von Gerasa herumirrt, geheilt. Er ist nicht mehr nackt, sondern bekleidet, und er schreit nicht mehr herum, sondern redet völlig vernünftig.

Doch statt Jesus zu danken, dass er ein Problem gelöst hat, das auch eines der Mitmenschen des Geraseners war – statt ihm zu danken, bitten sie ihn „immer inständiger“, aus dem Gebiet wegzuziehen – ähnlich wie zuvor der Dämon, der Jesus anschrie: „Was habe ich mit dir zu schaffen?“

Christoph hat für dieses seltsame Verhalten eine einleuchtende psychologische Erklärung:

„Es ist nicht nur für den Betroffenen selbst schwer, mit der Veränderung umzugehen. Auch die umstehenden, die Leute aus dem Dorf, beginnen sich zu fürchten. Dinge, die immer so waren, kommen ins Wanken. Jesus nimmt ihnen nicht nur die Schweine weg, er nimmt ihnen auch den Dorftrottel und damit die Sicherheit, dass alles so bleibt, wie sie es gewohnt sind.

Einer der das kann, was kann der noch? Was wird er als nächstes verändern? Festgefahrene Weltbilder geraten ins Wanken. Wir müssen fürchten, dass die Welt aus den Fugen gerät. Und das (selbst wenn sich die Welt dadurch zum Guten entwickelt) ist etwas vom Gefährlichsten für den Menschen, das es gibt. Wenn Menschen auswählen können, das bekannte Leid zu behalten oder im Unbekannten vielleicht Erlösung und Freude zu finden, wählen die meisten das bekannte Leid. Wir lieben – ja, wir brauchen die Sicherheit und Stabilität eines bekannten Alltags. Wir behalten unsere Übel, weil wir das Unbekannte, Unberechenbare fürchten.“

Es ist dies der Ruf der Bibel von allem Anfang an, seit Gott zu Abraham sagte: „Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde!“ (Gen 12, 1) – es ist der Ruf ins Unbekannte, Unberechenbare, nicht Versicherbare. Auch das Markusevangelium beginnt so – mit dem Ruf an Andreas, den Fischer und seine Freunde, die Fischernetze zu verlassen und mit Jesus aufzubrechen. Wohin der Weg führt, wissen sie nicht.

Doch nun, in unserer Geschichte, geschieht etwas Seltsames: Der Gerasener ist bereit aufzubrechen, alles hinter sich zu lassen, mit Jesus zu gehen. Und dieser --- verbietet es ihm. Auch für dieses merkwürdige Verbot gibt Christoph eine einleuchtende psychologische Erklärung:

„Therapeutisch gesehen kann ich es gut nachvollziehen. Nicht Jesus hat geheilt, sondern Gott. Und weil Gott in jedem von uns ist, hat der Gerasener sich in gewissem Sinn selbst geheilt. Es geht nicht darum, einem Idol/Therapeuten/Heiler hinterherzulaufen, es geht darum, selbst weiter zu geben, was man erlebt hat, gleichsam selbst zu einem Jesus zu werden.“

Christförmig zu werden, sagt man dem in der christlichen Mystik: Ganz transparent, ganz durchlässig werden für Gott. Man wird dann selber zum Heiler, zum geheilten Heiler.

Das, glaube ich, ist die tiefste Botschaft unserer Geschichte: Ich bin selber dieser Gerasener. Meine zersplitterte, zerrissene, in tausend Teile vergheite Seele formt sich in Gott zu neuer Ganzheit. Ich steige aus den Grabhöhlen meines eigenen abgespaltenen, ungelebten Lebens, steige auf in die unbegrenzte Lebendigkeit, ins göttliche Licht, das fortan durch mich leuchtet, auch durch mich, als heilende, befreiende Kraft.

Auf unserem je eigenen Auferstehungsweg bhüet eus Gott!

Musik

Kaiseraugst, 11. September 2022

Noch einmal: Der Mann, der aus den Gräbern stieg: Vortrag über den Besessenen von Gerasa (Mk 5, 1-20)

Es gibt bei den Evangelien eine Auffälligkeit, die bei den poetischen Texten des Alten Testaments, mit denen wir uns in letzter Zeit befasst hatten, keine grosse Rolle spielt: Die Texte der Evangelien sind, hat man den Eindruck, nicht aus einem Guss geschrieben, es keine in sich geschlossenen poetischen Kunstwerke. Sie enthalten Ungereimtheiten, die Vorstufen mündlicher und eventuell auch schriftlicher Art vermuten lassen.

Entsprechend unterscheidet man bei der Auslegung methodisch zwischen einer diachronen und einer synchronen Herangehensweise. „Diachron“ bedeutet, dass man versucht, Vorstufen des vorliegenden Textes zu eruieren, ein manchmal spekulatives, zuweilen langweiliges, zuweilen aber auch interessantes Unterfangen. „Synchron“ bedeutet, dass man den Text in seiner vorliegenden Gestalt erschliesst.

Beim „Besessenen von Gerasa“ gibt es Fachleute, die dahinter einen deftigen, burlesken Schwank, der vom prahlenden Satan handelt, der dann übertölpelt wird.

Und tatsächlich hat die Erzählung Züge, die übertrieben und dadurch humorvoll-komisch wirken: Die Selbstbezeichnung des Dämons mit dem Fremdwort „Legion“ (was die grösste militärische Einheit der römischen Besatzungsmacht meint), die Beschwörung des „Sohns des höchsten Gottes“ „bei Gott“ (!), ihn, den Dämon, nicht zu foltern. Der suizidale Sturz von zweitausend Schweinen ins Meer.

Diese komischen Elemente werden uns später noch einmal beschäftigen. Ob sie wirklich auf ein hinter der Geschichte liegendes Teufels-Märchen verweisen, bleibt Spekulation – eine, die ich persönlich reizvoll finde.

Weiter gibt es in der Geschichte ein paar Ungereimtheiten, zum Beispiel die seltsamen Nachträge in V. 8 und V. 16:

„Er hatte nämlich zu ihm gesagt: Fahr aus, unreiner Geist, aus dem Menschen!“

„Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, wie es dem Besessenen ergangen war, und die Sache mit den Schweinen.“


„Die Sache mit den Schweinen“, wird in der Forschung vermutet, sei ein Nachtrag in eine Geschichte, die den ganzen Part mit den Schweinen ursprünglich gar nicht enthielt. Gemäss Eduard Schweizer stand am Anfang „eine einfachere Erzählung von einer Austreibung“, die ungefähr so ausgesehen hat:

Ein Kranker auf Jesus zu (V. 1f.), der Dämon wehrt sich (V. 7), Jesus antwortet (V. 8, mit der Einleitung: „Er sagte zu ihm…“), der Dämon fährt aus, die Schweinehirten reagieren in irgendeiner Weise erschüttert.

Zu dieser Skizze der ursprünglichen Geschichte passt, dass „Gerasa“ gar nicht am See Genezareth liegt, sondern über 55km südöstlich davon. Der Schweinsgalopp ins Meer hätte ziemlich weit sein müssen.

Was da erzählt wird im Markusevangelium, ist also offenbar kein historischer Bericht. Es geht nicht darum, uns zu informieren über etwas, was vor zweitausend Jahren an einem Ort, der Gerasa hiess, vielleicht aber auch Gadara oder Gergesa (die Quellen sind da nicht eindeutig), geschehen ist oder vielleicht auch nicht geschehen ist. Die Geschichte, wenn sie für uns eine Bedeutung haben soll, muss als Geschichte interessieren, als Literatur, die berührt.

Wobei der Begriff „Literatur“ vielleicht nicht passt, insofern der Text, mit dem wir uns hier befassen, offenbar nicht aus einem Guss geschrieben ist. Er hat, wie angedeutet, Tiefenschichten, alte Sagenmotive, erzählerische, vielleicht mündlich überlieferte, vielleicht schon verschriftlichte Vorstufen, sie tauchen auf aus dem Unbekannten und sinken wieder dorthin zurück. Manches davon können wir vermuten, vielleicht sogar belegen, vieles, das meiste bleibt Spekulation.

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Dem literarkritischen Abtauchen und Wiederauftauchen entspricht ein seelischer Prozess:

Zu Beginn der Geschichte überquert Jesus den See (V. 1). Ganz am Schluss kehrt er wieder zurück auf die andere Seite des Ufers. Dieses Überqueren symbolisiert eine psychischer Übergang: Wir gehen hinein in Bereiche, die dem Alltagsbewusstsein verschlossen sind. Vermutlich bedarf das Alltagsbewusstsein dieser Verschlossenheit. Sonst würde es nicht mehr funktionieren. Der, der da drüben auftaucht aus den Gräbern, dieser Mann ist definitiv dysfunktional…

Die Geschichte ist dreiteilig. Sie hat in den V. 2-5 eine Exposition. Dann folgt das Zentrum: Die Auseinandersetzung mit dem Dämon in den Versen 6-13. Und schliesslich werden in den Versen 14-20 die verschiedenen Reaktionen erzählt, jene der Schweinehirten und Bewohner der Gegend (14-17) und jene des vom Dämon Erlösten (18-20). Alle drei Teile sind sehr ausführlich dargestellt. Es handelt sich hier für den Heiler Jesus offenbar um einen besonders komplizierten Fall.

Die Grundstruktur der Dreiteiligkeit aber ist eingehalten – sie ist ein literarisches Merkmal, das alle Wundererzählungen (Heilungsgeschichten (Therapien) und Dämonenaustreibungen (Exorzismen)) miteinander verbindet. Diese literaturwissenschaftliche Beobachtung macht noch einmal deutlich, was ich zuvor schon erwähnt habe: Es geht hier nicht um historische Berichte, es geht um sagenhafte Geschichten.

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Wenden wir uns den drei Abschnitten einzeln zu.

Im ersten Abschnitt wird die Befindlichkeit des Manns mit dem unreinen Geist, der Jesus von den Gräbern her entgegenläuft, in einem ausführlichen Exkurs geschildert.

Hören wir noch einmal die Verse 3-5:

3 Er hauste in den Grabhöhlen, und niemand mehr vermochte ihn zu fesseln, auch nicht mit einer Kette. 4 Denn oft war er in Fussfesseln und Ketten gelegt worden, doch er hatte die Ketten zerrissen und die Fussfesseln zerrieben, und niemand war stark genug, ihn zu bändigen. 5 Und die ganze Zeit, Tag und Nacht, schrie er in den Grabhöhlen und auf den Bergen herum und schlug sich mit Steinen.

Man hat subtil beobachtet, dass hier eine kleine „Ringkomposition“ vorliegt. Sie erinnert an die „Cercle de l’enfer“, als welche Albert Camus die Grachten von Amsterdam beschrieben hat. Die Ringe führen weiter, immer weiter in die Abgründe hinein. Da sind die Gräber im Vers 3. Sie erscheinen wieder im letzten, dem fünften Vers und bilden den äusseren Ring. Im mittleren Ring, in den Versen 3 und 4, wird erwähnt, dass niemand den Gerasener zu binden und bändigen vermag. Und in der Mitte, im V. 4, ist zweimal von den Hand- und Fussfesseln die Rede.

Die Ringkomposition ist kunstvoll gestaltet, doch es geht dabei nicht um blosse „art pour l’art“. Vielmehr besteht zwischen den in der „Ringkomposition“ kombinierten Motiven – „Gräber“ und „Fesseln“ – auch eine innere Verbindung. Eugen Drewermann schreibt:

„Es gibt Augenblicke der Verzweiflung, wo das Leben wie verschwistert mit dem Tod erscheint und man sich selbst wie etwas innerlich Verwestes und Verfaultes den anderen kaum noch zumuten möchte.“ (361)

Das wäre das Motiv der „Gräber“. Nun folgen die „Fesseln“:

„In seiner Angst erlebt er alle Menschen einzig wie drohende Zwinghalter und Einschnürer seiner Freiheit, gegen die er sich wehren zu müssen glaubt. Dieser allen anderen Unverständliche, dieser eben deswegen für ‚besessen‘ Gehaltene, erlebt jeden anderen, der in seine Nähe kommt, nur als Kettenträger und Fesselbringer.“ (ebd.)

Diese Wahrnehmung, dass die anderen „Kettenträger und Fesselbringer“ sind, ist möglicherweise nicht einfach falsch. Anselm Grün meint im Anschluss an Drewermann:

Die anderen fesseln den Gerasener, „indem sie ihn in ihre Normen einzwängen möchten. Aber er lässt sich nicht einordnen. Er geht seinen eigenen Weg… Die Umwelt ist mit beteiligt an seiner Dämonisierung. Sie kann das Unbekannte und Nicht-Einzuordnende des Kranken nicht aushalten und versucht ihn daher zu fesseln.“ (217)

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Gehen wir weiter zum zweiten Abschnitt, den V. 6-13. Er bildet das Zentrum, die Begegnung des Heilers Jesus mit dem Dämon:

6 Und als er Jesus von weitem sah, lief er auf ihn zu und warf sich vor ihm nieder 7 und schrie mit lauter Stimme: Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht! 8 Er hatte nämlich zu ihm gesagt: Fahr aus, unreiner Geist, aus dem Menschen! 9 Und er fragte ihn: Wie heisst du? Und er sagt zu ihm: Legion heisse ich, denn wir sind viele. 10 Und sie flehten ihn an, sie nicht aus der Gegend zu vertreiben. 11 Nun weidete dort am Berg eine grosse Schweineherde. 12 Da baten sie ihn: Schick uns in die Schweine, lass uns in sie fahren! 13 Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Schweine. Und die Herde stürzte sich den Abhang hinunter in den See, an die zweitausend, und sie ertranken im See.

Der Anfang der Szene in Vers 6 schliesst sich nicht flüssig an das zuvor Erzählte an: In V. 2 heisst es, dass der Mann Jesus „sogleich… über den Weg lief“. Nun heisst es, er habe ihn von weitem gesehen und sei dann auf ihn zugelaufen.

Auf Grund solcher Beobachtungen meinen spitzfindige Fachleute, ("diachron") bis zu fünf Vorstufen des uns heute vorliegenden Textes nachweisen zu können. Andere sind da vorsichtiger – zurecht, wie ich meine. Der Neutestamentler Joachim Gnilka etwa schreibt in seinem Kommentar zur Stelle: „Ausführlichkeit braucht nicht darauf zurückzuführen zu sein, dass eine Überlieferung überarbeitet und erweitert worden ist. Vielmehr zeigt sie, dass der Text der mündlichen Erzählung noch nahe ist.“ (nach 200) Wie dem auch sei, ob mündlicher Erzählstil oder schriftliche Vorstufen – wenden wir uns nun Inhaltlichem zu.

Anselm Grün weist auf eine Ambivalenz im Verhalten des Geraseners hin, die Ambivalenz von Anziehung und Abwehr:

„Als der Mann Jesus sieht, läuft er auf ihn zu und wirft sich vor ihm auf die Knie… Er fühlt sich offensichtlich von ihm angezogen… Doch zugleich schreit er Jesus an: ‚Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht!‘ Er möchte geheilt werden, und zugleich wehrt er sich dagegen.“ (nach 218)

Solche Ambivalenz, schreibt Grün, sei bei vielen Kranken festzustellen:

„Sie fühlen sich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, gesund zu werden, und dem Widerstand gegen die Heilung. Denn bei ihrer Krankheit wissen sie, wo sie im Leben stehen. Wenn sie gesund werden, wissen sie nicht, was da auf sie zukommt… Sie müssten ihr Leben selbst in die Hand nehmen.“ (ebd.; vgl. Drewermann 362)

Sich niederzuwerfen ist das, was man in der Antike vor einem König und einem Gott tut. Die Anrufung „Sohn des höchsten Gottes“ macht deutlich, dass der Dämon mit seinem übermenschlichen Wissen das wahre Wesen seines Gegenübers erkennt. Der „Höchste“ ist, übrigens, eine nichtjüdische Gottesbezeichnung. Auch Zeus wird, zum Beispiel, als „Höchster“ bezeichnet. Und die Abwehrformel „Was habe ich mit dir zu schaffen“ (mit der, übrigens, Jesus einmal seine Mutter zurückweist; vgl. Joh. 2) verweist in die Welt des Propheten Elija, des grossen Kämpfers gegen die fremden Götter. Das sind Anzeichen dafür, dass wir uns hier, am anderen Ufer des Sees, in eine aus der Perspektive von Jesus und seinen Freunden fremde, heidnische Welt hinein begeben. Darauf wird zurückzukommen sein.

Doch fahren wir zunächst weiter im Text.

Es folgt Vers 8:

8 Er (Jesus) hatte nämlich zu ihm (dem Dämon) gesagt: Fahr aus, unreiner Geist, aus dem Menschen!

Der Vers wirkt, wie schon erwähnt, merkwürdig hinterherhinkend. In der Regel wird er, auch das habe ich schon erwähnt, als Hinweis auf eine ältere Geschichte gewertet. Doch Eugen Drewermann hat eine textimmanente ("synchrone") Erklärung gefunden, die viel interessanter ist:

„Wir hören als erstes von dem Protest des Besessenen gegen Jesus; dann erst berichtet Markus, wodurch Jesus diesen Aufschrei veranlasst hat. ‚Fahre aus, unreiner Geist, aus diesem Menschen‘, habe er gesagt. Es ist eines der seltenen Beispiele…, dass Jesus einem Dämon befiehlt und er keine Macht besitzt, sich Gehorsam zu verschaffen. Jesus muss deshalb noch einmal von vorn beginnen, indem er sich nach dem Namen des ‚Besessenen‘ erkundigt.“ (362)

Es sei dies, sagt Drewermann, „die einzige Frage, die wirklich zu heilen vermag“:

„In der Psychoanalyse geschieht im Grunde nichts anderes, als dass diese eine Frage immer wieder mit anderen Worten und in jeweils anderem Zusammenhang beharrlich und geduldig gestellt wird, nicht: ‚Was muss ich tun?‘, oder ‚Wie muss ich sein?‘, sondern: ‚Wer bin ich selber?‘, ‚Was lebt in mir?‘, ‚Was geht in meiner Seele vor sich?‘, ‚Was ist mein Wesen?‘“ (363)

Das alles ist enthalten in der Frage nach dem Namen. Die Antwort ist, je nachdem, wie man sie liest, komisch oder erschütternd:

„Legion heisse ich, denn wir sind viele.“

Legion ist ein lateinisches Fremdwort – auch dieses verweist also in eine fremde, unheimliche, heidnische Welt. Eine Legion zählte 6000 Mann, dazu kamen noch Hilfstruppen in grosser Zahl. In der Forschung hat man die interessante Vermutung geäussert, dass die bösen Geister, die diesen Mann besetzen, Totengeister sind, die in den Gräbern gefallener Widerstandskämpfer hausen und nicht zur Ruhe kommen.

Die Legion symbolisiert die römische Besatzungsmacht, die ebenso wie der Dämon aus dem Gerasener nicht aus dem besetzten Gebiet abziehen will. Anselm Grün assoziiert Soldatenstiefel, die auf der Seele des geplagten Geraseners herumtrampelten (219). Der entscheidende Punkt aber, den wiederum Drewermann hervorhebt, ist, dass „Legion“ als Antwort auf die Frage nach dem Namen bedeutet: Dieser Mensch hat „überhaupt kein Ich“ (363).

„Stattdessen existiert in ihm eine Vielzahl von verselbständigten Handlungs- und Denkgewohnheiten, von abgeschnürten Komplexen“ (ebd.)

Darauf weist, rein sprachlich, der Wechsel von der Einzahl zur Mehrzahl: „Legion“, sagt der Dämon mit betont vorangestelltem Namen, „heisse ich, denn wir sind viele.“ Der Heilungsprozess führt hinein in eine Ganzheit, Integrität, Eindeutigkeit. Sie geschieht in der Begegnung mit Jesus, wie Grün schön schreibt:

Er, „der eins ist mit sich und mit Gott, ist für den in sich Zerrissenen wie ein Magnet, der all die auseinanderfallenden Seelenteile wieder zusammenfügt.“ (219)

Diesen Heilungsprozess schildert unsere Geschichte symbolisch als Exorzismus. Damit betreten wir ein Terrain, das mir nicht nur fremd und unheimlich, sondern auch zutiefst zuwider ist.

Ich bin sehr froh, beim grossen Heidelberger Neutestamentler Gerd Theissen ein paar grundsätzliche Bemerkungen dazu gefunden zu haben:

„Wer in unserer Zeit durch exorzistische Hoffnungen Menschen davon abhält, ärztliche Hilfe zu suchen, macht sich schuldig – zumal bei ausbleibenden Erfolgen der leidende Mensch noch depressiver werden könnte, weil er sich nun als ganz verworfen erlebt…“ (243, A 165)

Trotzdem kann Theissen den Exorzismen in der Bibel Sinn abgewinnen:

„Besessenheit ist eine dissoziative Störung… Die Opfer identifizieren sich mit dem Angreifer, mit dem misshandelnden und unterdrückenden Menschen. Wenn sie in ‚Flash-Backs‘ … die traumatisierende Situation immer wieder so intensiv erleben, als sei sie gegenwärtig und als seien sie ihr noch immer hilflos ausgeliefert, dann erleben sie sich wie von einer fremden Macht besetzt… Eine Therapie besteht hier nicht darin, diese traumatisierenden Introjekte anzueignen, sondern sie zu entfernen. Der traumatisierte Mensch muss darin unterstützt werden, die Abbilder der Peiniger und Folterer aus sich zu entfernen und sich ihnen gegenüber abzugrenzen.“ (243f.)

Das ist es, was im Exorzismus geschieht: Entfernung, Distanzierung, Abgrenzung.

Zum Exorzismus gehört – und nun kehren wir wieder zurück in die mir behaglichere Welt der Literatur- und Religionswissenschaft – oft das Motiv der Konzession. Der unterlegene Dämon verhandelt mit dem Exorzisten.

Es gibt geradezu rührende Beispiele von Konzessionen, die einem das Herz für die Dämonen öffnen. Ein ägyptischer Dämon, bevor er aus Prinzessin Bentresch abzieht, bittet den exorzierenden Gott: „Aber möge deine Majestät geruhen, mit mir noch einen Festtag zu feiern“, worauf der Gott ihm ein grosses Opfer bereiten lässt.

Und Rabbi Chanina ben Dosa soll im Jahr 70 unserer Zeitrechnung einer weiblichen Dämonin mit dem schönen Namen Agrath bath Machlath verboten haben, durch bewohntes Gebiet zu streifen. Diese habe darauf gesagt: „Ich bitte dich, lass mir etwas Raum!“ Der Exorzismus endet mit der Konzession: „Da liess er ihr die Nächte zu den Sabbaten und zu den vierten Tagen.“ (Pesch 289)

Auch unser Dämon bittet darum, nicht aus dem Land vertrieben zu werden. Das „Land“ steht im Gegensatz zur „Wüste“ als der Welt des Chaos und der Finsternis.

Diese Welt bzw. Unwelt wird in der Bibel – manche erinnern sich – durch düstere, drachenartige Gestalten wie Rahab und Leviathan repräsentiert, der Ozean, der im antiken Weltbild die geordnete, belebte Welt umgibt, sie bedroht und von Gott zurückgedrängt wird, symbolisiert dieses Chaos.

„Tohuwabohu“ lautet das entsprechende hebräische Wort, „und die Erde war Tohuwabohu“, heisst es am Anfang der Bibel, bevor Gottes Wort die Welt erschuf, „und Finsternis brütete über der Urflut“ – das hebräische Wort für „Urflut“, „Tehom“ ist verwandt mit der babylonischen Chaosgöttin „Tiamat“.

Schweine sind nach jüdischem Gesetz unreine Tiere, auch sie gehören der Welt des Chaos und des Todes an, in der die ganze gespenstische Szenerie verortet ist: Auf dem Friedhof, in den Grabeshöhlen.

Die Konzession, die sich die Dämonen-Legion ausbedingt, erweist sich – anders als das Festlein des ägyptischen Dämons – als Weg in den Abgrund, die totale Vernichtung. Der Schrei, den der Dämon zu Beginn der Geschichte im Anblick von Jesus ausstösst (V. 7, vgl. V. 5) erweist sich als Todesschrei. Auch Jesus Christus, als er verschied, stiess einen lauten Schrei aus.

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Dieser Bezug führt in die tiefsten Tiefen unserer Erzählung. Ich überspringe die Verse 14-19a und komme direkt zum Schluss des Textes (V. 19b-20). Da sagt Jesus zum Gerasener:

Geh nach Hause zu den Deinen und erzähle ihnen, was der Herr mit dir gemacht hat und dass er Erbarmen hatte mit dir. 20 Und der ging weg und fing an, in der Dekapolis kundzutun, was Jesus mit ihm gemacht hatte.

Das Markusevangelium ist aufgebaut auf der theologischen Konzeption des Messiasgeheimnisses. Dieses besagt, dass Jesus, der Wunder tut, der die Menschen heilt und mit seinen Worten begeistert, der als sogenannter „Theios Aner“, als göttlicher Mensch durch die Niederungen unseres Erdendaseins zieht und dieses hebt in eine andere Dimension – dass dieser messianische Jesus das ganze Evangelium hindurch eingehüllt ist von einem Schleier des Geheimnisses.

Wer sein wahres Wesen erkennt – es sind meist die Dämonen, nie die Angehörigen, einmal nur Petrus –, wird sogleich mit einem Schweigegebot belegt: „Verstumme“, „sag es niemandem“, so lauten durchwegs die Befehle Jesu.

Sein wahres Wesen erscheint – das ist die mächtige Message des Messiasgeheimnisses – nicht in den Wundern, sondern --- am Kreuz. Hier, am tiefsten Punkt, ganz unten zeigt sich die Gottheit Gottes. „Dieser Mensch war in Wahrheit Gottes Sohn“, lautet das Bekenntnis des römischen Hauptmanns unter dem Kreuzgalgen, an dem dieser Gescheiterte hängt.

Das ist das Evangelium Jesu Christi, die Frohbotschaft nach Markus, dem ersten und grössten der Evangelisten. Dass seine Sprache gehobenen griechischen Ansprüchen nicht genügt, passt zu dieser Message.

Doch nun gibt es im ganzen Evangelium eine einzige Ausnahme – nämlich unsere Geschichte: Der Gerasener soll gar nichts geheimhalten, heisst es da. Vielmehr soll er hinausgehen in die Dekapolis und „kundtun, was Jesus mit ihm gemacht hatte“.

Die Dekapolis, östlich des Jordan, ist nichtjüdisches Gebiet, ist Heidenland. Land der Fremde, des Chaos, der Gottferne. Der Gerasener ist, lange vor Paulus, der erste "Heidenmissionar". Er ist dafür der richtige Mensch. Denn er hat selber in den Gräbern gehaust, in den Höhlen, in den Abgründen der Seele, dem Ozean, dem Chaos, dem Tohuwabohu. Eben dorthin ist Jesus Christus gegangen. Hinüber ans andere Ufer, hinein in den Friedhof, hinab in die Grabhöhlen. Und hat alles, alles hineingeholt in sein göttliches Licht. Das, glaube ich, ist es, „was Jesus mit dem Gerasener gemacht hatte“. Und was er mit uns macht, hier, heute, jetzt.

Vortrag per Zoom im September 2022

„Kein Brot, keine Tasche, kein Geld“: Predigt über Mk 6, 1-12 im Übergang vom alten ins neue Jahr

Einleitung

Der Silvester steht am Ende des alten und am Anfang des neuen Jahres. Das ist ein geeignetes Datum, um Altes hinter sich zu lassen und aufzubrechen in Neues.

Davon handelt der Text, mit dem wir uns heute befassen – im Rahmen des Predigtzyklus zum Markus-Evangelium.

Der Text hat zwei Teile. Im ersten kommt Jesus in seine Heimatstadt, Nazaret. Seine Botschaft findet dort kein Gehör, was zur Folge hat, dass er Nazaret hinter sich lässt.

Im zweiten Teil sendet er seine Jünger aus, in Neues hinein. „Nichts sollt ihr mit auf den Weg nehmen, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel“, lautet die Weisung des Meisters.

Das Alte hinter sich lassen, in Neues hineingehen: Wir hören aus dem Markusevangelium Kap. 6 die Verse 1-12:

Text: Mk 6, 1-12

6, 1 Jesus kommt in seine Vaterstadt, und seine Jünger folgten ihm. 2 Und als es Sabbat geworden war, begann er, in der Synagoge zu lehren. Und viele, die zuhörten, waren überwältigt und sagten: Woher hat der das, und was für eine Weisheit ist das, die ihm gegeben ist? Und solche Wunder geschehen durch seine Hände! 3 Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria, der Bruder des Jakobus, des Joses, des Judas und des Simon, und leben nicht seine Schwestern hier bei uns? Und sie nahmen Anstoss an ihm. 4 Und Jesus sagt zu ihnen: Nirgends gilt ein Prophet so wenig wie in seiner Vaterstadt und bei seinen Verwandten und in seiner Familie. 5 Und er konnte dort kein einziges Wunder tun, ausser dass er einigen Kranken die Hand auflegte und sie heilte. 6 Und er wunderte sich über ihren Unglauben.

Dann zog er in den umliegenden Dörfern umher und lehrte.

7 Und er ruft die Zwölf herbei. Und er begann, sie zu zweien auszusenden, und gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister. 8 Und er gebot ihnen, nichts auf den Weg mitzunehmen ausser einem Stab, kein Brot, keinen Sack, kein Geld im Gürtel, 9 nur Sandalen an den Füssen, und: Zieht euch kein zweites Kleid an! 10 Und er sagte zu ihnen: Wo ihr in ein Haus eintretet, da bleibt, bis ihr von dort weiterzieht. 11 Wo ein Ort euch nicht aufnimmt und man euch nicht zuhört, von dort geht wieder weg und schüttelt den Staub von euren Füssen - das soll ihnen ein Zeichen sein!
12 Und sie zogen aus und verkündigten, man solle umkehren. 13 Und sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.

Predigt

Nazaret, die biografische Heimat von Jesus, ist heute die „bevölkerungsreichste arabische Stadt im Staat Israel“. Damals war es ein unbedeutendes Kaff, abseits der grossen Strassen, irgendwo in den Bergen. Ein paar hundert Bewohnerinnen und Bewohner aus ein paar wenigen Sippen lebten dort (nach Eckey 215). Die meisten waren Bauern, bauten Getreide, Wein, Feigen, Oliven an.

Welchen Beruf Jesus ausübte, ist nicht ganz klar. Vielleicht war er als Bauhandwerker beim Neuaufbau der Residenzstadt Sepphoris tätig. Im Vergleich zu Nazaret war Sepphoris eine boomende City, dort wurde im damals angesagten hellenistischen Stil gebaut, unter der Ägide des ehrgeizigen Landesfürsten Herodes-Antipas.

Vielleicht stellte Jesus aber auch bäuerliches Gerät wie Pflüge und Joche her für die Bedürfnisse der Bauern in Nazaret.

Jedenfalls gab er seinen Job in jungen Jahren auf. Seither verkündete er – so erzählt es die Bibel – als Wanderprediger das „Geheimnis des Gottesreichs“ (Mk. 4, 11) und verwirklichte es kraft seiner Wundertaten.

Nun kehrt er zurück in sein Heimatdorf. Er predigt, wie er das überall zu tun pflegt, am Sabbat in der Synagoge. Die Reaktion der Leute ist ambivalent.

Zunächst scheinen sie beeindruckt zu sein. Sie fragen sich, was das für eine Weisheit sei, die aus Jesus spricht. Und was das für Wunder seien, die mittels seiner Hände geschehen, körperliche Heilungen, auch psychische Heilungen, die im damaligen Weltbild als Austreibung von Dämonen beschrieben werden. Beides, Weisheit und Wunder, kommt nach antiker Überzeugung von Gott her.

Doch dann ändern sich die Fragen:

„Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria, der Bruder des Jakobus, des Joses, des Judas und des Simon, und leben nicht seine Schwestern hier bei uns?“

Diese „Familienforschung“ (Marti) führt zu folgendem Fazit:

„Sie nahmen Anstoss an ihm.“

Das entsprechende griechische Wort lautet: „Eskandalisonto“; da hört man das Wort „Skandal“ drin, übersetzt: Sie stolperten, sie fielen um.

Man fragt sich, warum das passiert. Eugen Drewermann, der bekannte zeitgenössische Theologe und Psychoanalytiker, dessen Kommentar zum Markusevangelium mich bei der Predigtreihe auf Schritt und Tritt begleitet, stellt zunächst fest:

Dass dieser Mann mit Charisma predigt und übernatürliche Wunder vollbringt – dagegen kann man doch eigentlich nichts haben. Offenbar ist er ein Mensch, der von Gottes Geist, der göttlichen Geistkraft durchdrungen ist. Dass es so etwas gibt, war in der Antike selbstverständlicher, als es das heute vielleicht ist.

Und weiter: Jesus ist der Zimmermann aus einer der Sippen im Dorf. Alle kennen ihn. Alle kennen seine Brüder und seine Schwestern, die inzwischen geheiratet haben. Alle sind im Dorf geblieben.

Auch dagegen ist doch eigentlich nichts einzuwenden. „Der wirkliche Skandal“, schreibt Drewermann…:

„Der wirkliche Skandal liegt darin, dass in der Gestalt Jesu beide Seiten zusammen kommen: die Person des Menschen, den man zu kennen glaubt, und gleichzeitig das Wunderbare und Unerhörte, wie es zu einem göttlichen Menschen gehört; diese Synthese des scheinbar völlig Unvereinbaren ist das, woran die Menschen Anstoss nehmen.“ (nach 377)

In der katholischen Dogmatik wird die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens postuliert. Doch hier ist von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede – sie sind allesamt dorfbekannt. Jesus ist wirklich einer wie du und ich.

Aber/und zugleich wirken durch ihn göttliche Qualitäten – die „Weisheit Gottes“ und die „Wunder-Kraft Gottes“. Da ist ein inneres Licht, das durch ihn leuchtet und die Seelen anrührt und erhellt.

Und dieses Licht, das ist eben das Irritierende – dieses Licht könnte auch durch uns leuchten:

„Wenn es möglich ist, dass jemand in den Gassen von Nazareth solche Gedanken zu denken wagt, solche Visionen zu träumen vermag, solche weitherzigen Gefühle in sich zu tragen sich getraut, heisst denn das dann nicht …, dass jeder in Nazareth zu etwas Ähnlichem imstande und berufen ist?“ (382)

„Ja, genau das heisst es“, sagt Drewermann, jede und jeder in Nazaret und überall auf der Welt:

„Ein jeder überall auf der Welt, jeder, einfach weil er ein Mensch ist, trägt in sich die wunderbarsten, die schönsten und grossartigsten Verheissungen. Im Herzen eines jeden wohnt ein Himmelreich.“ (382)

Doch von diesem Himmelreich wollen die Nazarener nichts wissen. Besser, es bleibt alles beim Alten:

„Vielleicht gibt es in uns keinen Hang, der gegenüber Gott so sehr versperrt wie die Neigung, einander einzuordnen und nach fertigen Mustern, Vorstellungen und Begriffen unter der Rubrik ‚Bekanntes‘ abzuhaken. Was wir im Grunde fürchten, ist das Neue, Unvertraute, Überraschende; es stört unsere Gewohnheit, es unterbricht den ‚normalen‘ Lauf der Dinge.“

Die Menschen in Nazaret nahmen Anstoss am Neuen, Unvertrauten, Überraschenden. Der normale Lauf der Dinge sollte nicht unterbrochen werden. Also hakte man den Rückkehrer ab unter der Rubrik „Bekanntes“: der Zimmermann, der Sohn der Maria.

Und er? Er „schüttelte den Staub von den Füssen“ und ging weiter.

„Dust in the Wind“, also „Staub im Wind“ – so heisst der Kult-Song der us-amerikanischen Rock-Band Kansas aus den 70-er Jahren, den wir in einem Ad hoc-Chor eingeübt haben und nun, als Überleitung zum zweiten Teil der Predigt, singen.

Song: „Dust in the Wind“ (Ad hoc-Chor)

In dem Song, den wir da gesungen haben, heisst es:

"Dasselbe alte Lied, nur ein Tropfen Wasser in einem endlosen Meer.
Alles was wir tun, zerbröselt am Boden, doch wir weigern uns, es zu sehen.
… Nichts hält für immer ausser Erde und Himmel.
Es verschwindet alles, und all dein Geld kann keine weitere Minute kaufen.
Staub im Wind, alles was wir sind, ist Staub im Wind."

Jesus hat aus dieser Einsicht radikale Konsequenzen gezogen – für sich selber und für seine Schülerinnen und Schüler. Sandalen und ein Stock, die Grundausrüstung für einen Wanderer, müssen genügen. Alles Weitere lässt man hinter sich: Kein Proviant, keinen Rucksack, kein Geld nimmt man mit auf den Weg.

Der grosse Berner Dichterpfarrer Kurt Marti sagt in einer Predigt über unseren Text:

Das Beispiel Jesu stellt uns „heftig in Frage: uns, die wir zentnerschwer behangen sind mit den Gewichten unserer Bindungen und Traditionen, Rücksichten und Besitztümer und die wir deshalb so immobil geworden sind.“ (114)

Ich erlaube mir, an dieser Stelle einen kurzen Moment aus der Studierstube drüben im Pfarrhaus zu plaudern:

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schreiben, dass einen die Worte Jesu (und jene Kurt Martis) nachdenklich machen, wenn man in einem Pfarrhaus lebt und einen guten Lohn hat.

Tatsächlich habe ich früher viel über diese Worte Jesu gegrübelt und mein eigenes Leben in seiner Behäbigkeit infrage gestellt. Doch am Ende dieses Jahres ist es anders. Ich bin unendlich dankbar, in relativer Sicherheit leben zu dürfen. Und dass das Pfarrhaus einer geflüchteten Familie Obdach bieten kann – auch das stimmt mich tief dankbar.

Das Jahr, das zu Ende geht, hat einem Sicherheiten entzogen wie keines zuvor, seit ich lebe – wenn ich am Ende dieses Jahres den Worten Jesu für mich selber einen Sinn abgewinnen will, dann einen symbolischen:

All das, was meine Identität auszumachen scheint, als Zimmermann oder als Pfarrer, all das gilt es loszulassen, so wie jene Wanderer rund um Jesus alles zurücklassen. Es gilt, offen und weit zu werden und einfach, ganz einfach.

Nur ein Kleid sollen wir tragen, kein zweites, sagt Jesus.

Im Gespräch über den Text hat mir jemand gesagt, für sie bedeute dies, dass wir authentisch sein sollen, dass wir nicht heute dieses und morgen jenes Kleid tragen, also im übertragenen Sinn nicht heute diese und morgen jene Rolle spielen sollen.

Nur ein Kleid zu haben bedeutet dann eben dies: Authentisch zu sein. Wesentlich.

Es gibt die Vorstellung, dass wir, als wir im Paradies lebten, ein Lichtkleid trugen. Dieses mussten wir zurücklassen, als wir aus dem Garten Eden vertrieben wurden hinein in diese Welt.

Wenn einst all unsere Leistungen am Boden zerbröselt sein werden, wenn alles Geld weg ist und unser Leib verweht wie Dust in the Wind, dann, glaube ich, dann wird dies das eine Kleid sein, das wir tragen, das Lichtkleid. Wir tragen es heute schon, vergessen vielleicht und versteckt unter den Fellen, die uns umhüllen hier draussen, East of Eden, Jenseits von Eden, wo es kalt ist. Das ist es, woran Jesus Christus uns erinnert: Dass dies unser wahres Wesen ist, wir sind wie er Licht von Licht und Gott von Gott.

Lassen wir also zurück, was wir nicht brauchen, jetzt im Übergang in das Neue hinein – auf dass das eine Kleid von innen her leuchtet.

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Etwas noch, ganz zum Schluss: Jesus ist in Nazaret offenbar gescheitert, ausgerechnet dort, wo er ein Heimspiel hatte. Doch das zieht ihn nicht runter. Er schüttelt den Staub von den Füssen und geht weiter, immer weiter.

Es ist etwas, was mich an der ukrainischen Familie, die mit uns zusammenlebt, tief beeindruckt: Hinter ihnen liegt das zerbombte Charkiw. Doch sie gehen weiter, immer weiter.

Es gibt, scheint es, eine Lebenskraft, die immer wieder hervorbricht. Wie die Blüten des Mandelzweigs im Gedicht des deutsch-israelischen Religionswissenschaftlers Schalom Ben-Chorin. Er hat es 1942 geschrieben, als Jude zur Zeit des Nazionalsozialismus:

„Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?“

Das ist es, was ich uns und der Welt, in der wir leben, von Herzen wünsche im kommenden Jahr: Dass der Mandelzweig wieder blüht, dass das Leben siegt, dass die Liebe bleibt. Bhüet eus, Gott! Amen.

Kaiseraugst, 31. Dezember 2022

Fünf Brote, zwei Fische (Mk 6, 30-44): Gottesdienst mit Abendmahlsfeier zum Abschluss der Schöpfungszeit

Einleitung, Eingangsgebet und -lied

Am 4. Oktober, dem Gedenktag des „Umweltheiligen“ Franz von Assisi, endet die SchöpfungsZeit. Man kennt den Advent vor Weihnachten und die Fastenzeit vor Ostern. Die ökumenische SchöpfungsZeit ist weniger bekannt, aber umso wichtiger in der Zeit, in der wir leben.

Sie beginnt jeweils vom 1. September, der in den orthodoxen Kirchen als Schöpfungstag begangen wird, und dauert bis zum 4. Oktober, dem Gedenktag des „Umweltheiligen“ Franz von Assisi.

Passend zur Schöpfungszeit wenden wir uns heute einem Schöpfungswunder in der Bibel zu: Der Speisung der Fünftausend mit fünf Broten und zwei Fischen. Die Geschichte wird im Markusevangelium erzählt, mit dem ich mich derzeit in einem Predigtzyklus befasse.

Brot und Fisch erscheinen in der frühen christlichen Kunst als Symbole des Abendmahls, das wir in diesem Gottesdienst endlich wieder einmal feiern.

Im Markusevangelium stehen viele Wunder – die meisten sind sogenannte Therapien und Exorzismen, also Heilungen und Dämonenaustreibungen. Inzwischen habe ich darüber schon mehrfach gepredigt.

Die Wundergeschichte von heute hat eine andere Qualität: Es ist, wie erwähnt, ein sogenanntes Schöpfungswunder; auch als Naturwunder und als Geschenkwunder wird sie in der Forschung bezeichnet.

Therapien und Exorzismen gehören vielleicht nicht zu unserer neuzeitlichen Lebenswelt, doch in der Antike gehörten sie zum Alltag. Bei den Geschenkwundern ist das anders. Der zeitgenössische Neutestamentler Gerd Theissen schreibt:

„Keine Gattung der Wundergeschichten ist so sehr der Phantasie entsprungen wie diese, keine hat so sehr den Charakter der Schwerelosigkeit, des Wunsches, der unbefangenen Märchenhaftigkeit.“ (Theissen 113)

Etwas von dieser paradiesischen Schwerelosigkeit klingt an in dem Schöpfungslied, das ich eingangs zitiert habe und das wir im Anschluss ans Eingangsgebet singen: „Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr“ – möge etwas von diesem ursprünglichen Ganzsein und Heilsein; möge davon etwas spürbar werden jetzt in dieser Feier. Wir beten und singen anschliessend bei Nummer 530 alle 6 Strophen.

Gebet:

Gott
Himmel, Erde, Luft und Meer
Mond und Sterne, Regen und Wolken der vergangenen Nacht
Die Sonne, die den Tag hell macht
Die Erde, die mich trägt
Die Tiere auf den Feldern, in den Wäldern,
Die Vögel des Himmels,
Das Strömen der Flüsse, das Rauschen des Meers ---
Alles singt dein Lied
Und ich, ich stimme ein mit meiner menschlichen Stimme:
„Ach, mein Gott, wie wunderbar nimmt dich meine Seele wahr.“
Ich danke dir für mein Leben.
Ich danke dir für den heutigen Tag.
Danke, dass du da bist – du, mein Gott. Amen.

Lied: „Himmel, Erde, Luft und Meer“ (530, 1-6)

Einführung zum Predigttext


Die Geschichte von der Speisung der 5000 mit fünf Broten und zwei Fischen ist eine sogenannte Wanderlegende. Allein im Neuen Testament wird sie in sechs verschiedenen Varianten erzählt.

Im Alten Testament verrichten die Propheten Elija und Elischa ähnliche Wundertaten, in der griechischen antiken Welt kursiert dieselbe Story, ebenso in China, in Indien usw. Im Nachklang des buddhistischen Sandmandala-Projekts interessiert den einen oder die andere vielleicht besonders, dass auch vom Buddha Shakyamuni ähnliches erzählt wird:

„Buddha sättigte mit einem einzigen Brot, das man in seine Almosenschale gelegt hatte, nach seinen 500 Jüngern auch noch alle Klosterinsassen. Die auch dann noch übriggebliebenen Reste füllten die 12 Körbe (!)“ (nach Eckey 236).

Auch in unserer Geschichte – das ist ein erstaunlicher Zufall – bleiben am Schluss 12 Körbe mit Brotbrocken übrig.

Die Zwölf symbolisiert die himmlische Welt, den Sternenhimmel mit seinen zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Tore des neuen Jerusalem, der himmlischen Stadt.

Am Anfang der Geschichte überqueren Jesus und seine zwölf Jünger den See. Diese Überfahrt symbolisiert den Übergang in eine andere Dimension, eine andere Welt – eine schwerelose, märchenhafte Welt, in der Wunder möglich sind. Es ist die paradiesische Welt des berühmten 23. Psalm besingt:

„GOTT isch miin hirt, mir fäälts a nüüt.
ER laat mi wäiden im saftige graas
und füert mi as wasser, won i cha trinke
und won i chan uusrue.
Deet git ER mer d seel wider zrugg“.
(Übersetzung nach Josua Boesch)

Wer die Geschichte von der wunderbaren Speisung der 5000 genau liest, hört darin Anklänge an diesen Psalm. Die Speisungsgeschichte nimmt Bezug auf diverse Motive wie jenes vom Hirten, vom grünen Gras, vom Ausruhen und Essen und Trinken.

Hören wir also die Geschichte – sie steht im Markusevangelium, Kapitel 6, in den Versen 30-44. Und singen wir anschliessend den 23. Psalm: „Der Herr, mein Hirte, führet mich“.

Text: Die Speisung der fünftausend (Mk 6, 30-44)

30 Und die Apostel versammeln sich bei Jesus. Und sie berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.

31 Und er sagt zu ihnen: Kommt, ihr allein, an einen einsamen Ort, und ruht euch ein wenig aus. Denn es war ein Kommen und Gehen, und sie hatten nicht einmal Zeit zum Essen.

32 Und sie fuhren im Boot an einen einsamen Ort, wo sie für sich waren. 33 Aber man sah sie wegfahren, und viele erfuhren es. Und sie liefen zu Fuss aus allen Städten dort zusammen und kamen noch vor ihnen an. 34 Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen, und sie taten ihm leid, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing an, sie vieles zu lehren.

35 Und als die Stunde schon vorgerückt war, traten seine Jünger zu ihm und sagten: Abgelegen ist der Ort und vorgerückt die Stunde. 36 Schick die Leute in die umliegenden Gehöfte und Dörfer, damit sie sich etwas zu essen kaufen können. 37 Er aber antwortete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und sie sagen zu ihm: Sollen wir gehen und für zweihundert Denar Brote kaufen und ihnen zu essen geben? 38 Er aber sagt zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sehen nach und sagen: Fünf, und zwei Fische. 39 Und er forderte sie auf, sie sollten sich alle zu Tischgemeinschaften niederlassen im grünen Gras. 40 Und sie lagerten sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. 41 Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis und brach die Brote und gab sie den Jüngern zum Verteilen, und auch die zwei Fische teilte er für alle.

42 Und alle assen und wurden satt. 43 Und sie sammelten die Brocken, zwölf Körbe voll, und auch die Reste von den Fischen. 44 Und es waren fünftausend Männer, die gegessen hatten.


Lied: „Der Herr, mein Hirte, führet mich“ (18, 1-5)

Predigt


Die Geschichte, die wir gehört haben, enthält eine Fülle von Zahlen: Von 200 Denar ist die Rede, von 5 Broten und 2 Fischen, von Tischgemeinschaften zu 100 und zu 50, von 12 Körben mit Brotbrocken und schliesslich von 5000 Männern.

Zahlen in biblischen Texten sind selten zufällig, sie haben symbolischen Sinn.

Dass die Zwölf die himmlische Welt symbolisiert, habe ich schon erwähnt. Sie kommt am Schluss vor, zusammen mit der 5000. Die Fünf, die in 5000 enthalten ist und in den 5 Broten, scheint so etwas wie die Leitzahl der Geschichte zu sein.

In der Forschung ist subtil beobachtet worden, dass das Gespräch zwischen Jesus und den Jüngern im Zentrum der Geschichte aus einer fünffachen direkten Rede besteht.

Und dass die Segenshandlung Jesu an den fünf Broten mit genau fünf Verben beschrieben ist: „Er nahm die fünf Brote, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis und brach die Brote und gab sie den Jüngern zum Verteilen“.

Die Fünf, schreibt der bekannte zeitgenössische Benediktinermönch und spirituelle Lehrer Anselm Grün, sei „die Zahl des Menschen“ (226).

Es tut sich also das Spannungsfeld auf zwischen der 12 und der 5. Es ist das Spannungsfeld zwischen Gott im Himmel und uns Menschen auf Erden.

In eben diesem Spannungsfeld bewegt sich unsere Geschichte. Der grosse, vor fünf Jahren verstorbene Berner Dichterpfarrer Kurt Marti sagt in seiner Predigt zu unserer Geschichte:

„Das Wunder signalisiert die Gotteswelt in ihren unbegrenzten Möglichkeiten mitten im Alltag mit seinen Ernährungsproblemen… Es öffnet sich Gottes Himmel zur Erde hin. Es vollzieht sich die Integration von Gotteshimmel und Menschenwelt“ (nach 123f.).

Marti zitiert das schöne irische Sprichwort:

„Gott hat den Himmel, aber er will auch die Erde.“

Das ganze Evangelium, das Leben und Sterben Jesu Christi, sagt Kurt Marti, sei „ein einziges Integrationsgespräch“ (123), ein Gespräch, in dem die Erde in den Himmel „integriert“, hineingeholt wird.

In unserer Geschichte verdichtet sich dieses „Integrationsgespräch“, welches das ganze Evangelium ist, in dem schon angedeuteten fünfteiligen Dialog:

Die Jünger sagten:

1. Abgelegen ist der Ort und vorgerückt die Stunde. Schick die Leute in die umliegenden Gehöfte und Dörfer, damit sie sich etwas zu essen kaufen können.

Er aber antwortete ihnen:

2. Gebt ihr ihnen zu essen!

Und sie sagen zu ihm:

3. Sollen wir gehen und für zweihundert Denar Brote kaufen und ihnen zu essen geben?

Er aber sagt zu ihnen:

4. Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach!

Sie sehen nach und sagen:

5. Fünf, und zwei Fische.

„Sollen wir gehen und für zweihundert Denar Brote kaufen und ihnen zu essen geben?“ – die Frage klingt ironisch-bitter. Eben erst hat Jesus ihnen verboten, auch nur ein paar Franken Taschengeld auf sich zu tragen. Nichts sollen sie mitnehmen auf den Weg, sagte er.

200 Denare sind defintiv jenseits des Budgets der Nachfolger Jesu. Sie haben gerade mal 5 Brote und 2 Fische.

Die Antwort der Jünger ist die des gesunden Menschenverstands. Und gerade so ist sie Ausdruck jenes grossen Missverständnisses, das sich durch alle Wundergeschichten zieht.

Das Missverständnis gehört essentiell zum Wunder, weil dieses „in einen Raum vorstösst“, der unser Alltagsbewusstsein weit überschreitet (nach Theissen). Jesus stösst vor in den Raum, aus dem er selber kommt: den Himmel. In seinen Wundern kommt der Himmel auf Erden.

Die 5000 Leute, die da assen und satt wurden, merkten davon vermutlich nichts. „Vielleicht“, sagt Kurt Marti in einer, wie ich finde, sehr lustigen Nebenbemerkung, „fallen anerkennende Worte über die gute Organisation der Massenverpflegung“.

Doch auch die Jünger, die nah am Geschehen sind – auch sie verstehen nicht. Der zeitgenössische Musiker und Dichter Nick Cave schreibt nicht nur wunderbare Rockballaden – er hat auch eine ganz kurze, sehr dichte Einleitung ins Markusevangelium verfasst, die mich während meiner Auseinandersetzung mit Markus dauernd begleitet. Nick Cave schreibt:

„Selbst seine Schüler, von denen wir hofften, dass sie ein wenig von Christi Glanz annehmen würden, scheinen nur durch einen Nebel des Nichtverstehens zu tappen, sie folgen Christus von einer Szene zur andern und begreifen doch wenig oder gar nichts von dem, was um sie her vorgeht… Seine göttliche Inspiration im Gegensatz zum dumpfen Rationalismus seiner Umgebung, dieser Abgrund des Missverstehens – das ist es, was Markus‘ Erzählung so rasant und spannend macht.“ (nach 12)

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Diesen Abgrund des Missverstehens, diesen Gegensatz zwischen göttlicher Inspiration und dumpfem Rationalismus überwindet das „Mitleid“ Jesu. Am Anfang der Geschichte heisst es:

„Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen, und sie taten ihm leid; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (V. 34)

Die Übersetzung „sie taten ihm leid“ ist vielleicht etwas schwach. Es geht um Erbarmen, um Mitgefühl, compassion. Das ist es, was Jesus empfindet. Wir würden die entsprechenden Gefühle vermutlich im Herzen situieren. Das entsprechende griechische Wort geht noch tiefer: Es leitet sich ab von den „Eingeweiden“, dieses Mitgefühl geht bis ins Innerste und Tiefste, bis in die Innereien hinein.

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Christus hat sich bis in die tiefsten Tiefen hinein mit uns verbunden. Nick Cave spricht von der „fundamentalen Menschlichkeit des Christus“. Zugleich ist dieses „Erbarmen“, dieses „Mitgefühl“ Ausdruck seines göttlichen Wesens. In der Bibel ist „Erbarmen“, „Mitgefühl“ eine Qualität Gottes.

„Gott dich krönt mit Gnade und Erbarmen“, heisst es in einem Psalm (103, 4). „Güte und Erbarmen werden mir folgen all meine Tage“, heisst es im 23. Psalm, den wir eingangs gesungen haben.

Das Erbarmen ist da verbunden mit dem Motiv des Hirten – der Hirt ist ein biblisches Bild für Gott, das dann auf Jesus Christus übertragen wird.

Die verirrte, verwirrte Herde symbolisiert eine Welt, die durcheinandergeraten ist, symbolisiert auch die zerstreuten Anteile meiner Seele – diese sammeln sich, ordnen sich, sie lagern gleichsam im grünen Gras und kommen zur Ruhe, wenn das Erbarmen Gottes sich über ihnen ausbreitet, entsprechend den wunderbaren Worten des 23. Psalms:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Auf grünen Auen lässt er mich lagern, zur Ruhe am Wasser führt er mich. Er stillt mein Verlangen".

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Einer Frage bin ich bislang ausgewichen. Ganz zum Schluss möchte ich mich ihr zuwenden, vorsichtig, tastend: Was geschieht eigentlich in unserer Geschichte? Wie vollzieht sich das Wunder?

In der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts wurde die Ansicht vertreten, „Jesus habe das Wenige, das er besass, so freudig verteilt, dass auch die anderen ihre Vorräte aus der Tasche zogen und alle satt wurden“ – so heisst es etwa im Buch „Das Leben Jesu als Grundlage einer reinen Geschichte des Urchristentums“ eines Theologen namens Heinrich Eberhard Gottlob Paulus.

Diese Sichtweise hat, wie mir scheint, einen weisen, wahren Kern: Sie ermutigt uns, die „Engstirnigkeit unseres Egoismus“ aufzugeben und „unsere Habe mit anderen zu teilen“ (nach Drewermann).

Und doch kann damit nicht alles gesagt sein. Zurecht sagt Anselm Grün, damit „würde die Erzählung reduziert auf die triviale Alltäglichkeit von Menschen, die ihr Butterbrotpaket vergessen haben“ (nach 225).

Es ist, mit Nick Cave gesagt, die Deutung eines „dumpfen Rationalismus“.

Ich glaube, dass das Reich Gottes bis tief in die materielle Welt hineingeht. Dass der Himmel die Erde durchdringt. Und hier Wunder bewirkt. Heilungen. Und grosse, ungeahnte Geschenke.
Ich glaube, dass wir auf diese Wunder angewiesen sind. Auch heute noch, und heute mehr denn je.

Wie sich das Wunder in der Geschicht vollzieht, weiss man nicht. Die Verbform im griechischen Urtext (Durativ) legt nahe, dass Jesus seinen Jüngern Brotstücke gibt und gibt und immer weiter gibt (nach Eckey und Schweizer).

Mehr wird da nicht gesagt. Was wirklich geschieht, bleibt Geheimnis.

Es heisst:

„Er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis und brach die Brote und gab sie den Jüngern…“.

Was Jesus da tut, das erinnert bis in den Wortlaut hinein an die Einsetzungsworte des Abendmahls, und das heisst:

Das Wunder endet nicht dort am See Genezareth, damals vor 2000 Jahren. Es geht weiter, immer weiter, durch die Jahrhunderte hindurch, bis hin zum heutigen Tag.

Eugen Drewermann, der zeitgenössische Theologe und Psychoanalytiker, dessen Kommentar zum Markusevangelium mich bei der Predigtvorbereitung auf Schritt und Tritt begleitet – Drewermann schreibt:

„Seit jenem Abend der Brotvermehrung hat das Wunder nicht aufgehört. Jede Abendmahlsfeier der Kirche besteht darin, dass wir uns Gott in die Hände geben im Wissen darum, dass wir nichts besitzen… Für die Sinne bleibt das Brot, was es ist, es verändert nicht seine Gestalt. Aber unter dem Anschein des Äusseren tritt Gott in unser Leben, und jenseits der Angst, jenseits der Enge … beginnt eine Weite des Herzens, wie wir sie niemals kannten. Wir werden leben, und die Macht des Todes wird gebrochen sein im Zeichen des Brotes...“ (nach 440)

Kaiseraugst, 2. Oktober 2022

Das tiefe Ja unter dem Nein Gottes hervorholen: Predigt über Mk 7, 24-30

Einleitung:

Der Text, mit dem wir uns heute befassen, ist einer der spannendsten der Bibel überhaupt. Er erzählt von einem Sinneswandel von Jesus – m.W. dem einzigen überhaupt.

Bewirkt wird er, was in jener patriarchalen und nationalistischen Gesellschaft höchst erstaunlich ist, durch eine Frau.

Text: Die Begegnung mit der Syrophönizierin: Mk 7, 24-30

24 Von dort aber brach er auf und begab sich in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus hinein und wollte, dass niemand es erfahre. Doch er konnte nicht verborgen bleiben, 25 sondern sogleich hörte eine Frau von ihm, deren Töchterchen einen unreinen Geist hatte. Die kam und warf sich ihm zu Füssen. 26 Die Frau aber war Griechin, Syrophönizierin von Herkunft. Und sie bat ihn, den Dämon aus ihrer Tochter auszutreiben. 27 Da sagte er zu ihr: Lass zuerst die Kinder satt werden, denn es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen. 28 Sie aber entgegnet ihm und sagt: Herr, auch für die Hunde unter dem Tisch fällt etwas von dem Brot ab, das die Kinder essen. 29 Und er sagte zu ihr: Um dieses Wortes willen geh, der Dämon ist aus deiner Tochter ausgefahren. 30 Da ging sie nach Hause und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der Dämon war ausgefahren.

Predigt

Jesus hat sich zurückgezogen in ein fremdes Gebiet, wo er unbekannt war, in ein Haus, vermutlich von Freunden. Hier hoffte er, sich von den Strapazen des öffentlichen Lebens als Prediger und Heiler erholen zu können.

Doch die Frau in unserer Geschichte überschreitet die Schwelle, dringt ein in sein Refugium, bedrängt ihn.

Die Reaktion Jesu ist ungeheuerlich. Sie ist, nach heutigen Massstäben, rassistisch. Er sagt zu der Frau:

„Lass zuerst die Kinder satt werden, denn es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen.“

Mit den Kindern sind die „Kinder Israels“ gemeint, mit den „Hunden“ die Heiden. In einem alten jüdischen Text heisst es, „die gehässigste Verachtung“ zeige sich darin, dass „man einen Menschen einen Hund nennt“ (nach Drewermann 480, A12).

War er einfach nur schlecht gelaunt, weil er in seiner Ruhe gestört worden war? Vermutlich nicht. Vermutlich ging es hier um Grundsätzliches. Um ein Konzept von Erwählung nämlich, dass Israel das von Gott erwählte Volk sei. Oder: dass wir Christen die von Gott Erwählten seien. Vielleicht auch nur wir Reformierten, weil wir den rechten Glauben haben im Gegensatz zu anderen.

Derartige Erwählungskonzepte finden sich allüberall, sie trennen zwischen Orthodoxie und Häresie, zwischen richtigem und falschem Verhalten, zwischen Gut und Böse, Mitglied und Nicht-Mitglied, denen, die dazugehören, und denen, die nicht dazugehören.

Eine meiner prägenden frühen Kindheitserinnerungen ist, dass ich mich in Winterthur, wo ich aufwuchs, allein ins Nachbarsquartier rüberwagte und dort von den Kids verprügelt wurde. Ich war, halt, keiner von ihnen.

Auch die Frau in unserer Geschichte ist keine „von ihnen“. Sie ist keine Jüdin – sie ist Griechin, also eine Andersgläubige, eine „Heidin“, und eine Ausländerin. Jesus zählt sie zu den Hunden, im Gegensatz zu den Kindern Israels. Unverhohlene Apartheid spricht aus den Worten des Meisters. Der menschgewordene Gott ist wahrlich menschlich, allzu menschlich geworden!

Doch nun erfolgt die möglicherweise überraschendste Wende in der ganzen Bibel. Dass etwas Grosses geschieht, zeigt im Text das plötzliche Präsens an. Sonst wird die Geschichte in der Vergangenheit erzählt. Doch nun heisst es:

„Sie entgegnet ihm und sagt“ –

also in der Gegenwartsform, im Präsens wird der Spitzensatz der Frau eingeleitet:

„Herr, auch für die Hunde unter dem Tisch fällt etwas von dem Brot ab, das die Kinder essen.“

Die Antwort ist unerwartet, sie ist schlagfertig, rhetorisch geschickt, sie zeugt von unglaublicher Geistesgegenwart. Schon Martin Luther hat das erfasst und staunend ausgerufen:

„Ist das nicht ein Meisterstück? Die Frau fängt Christus in seinen eigenen Worten. Er vergleicht sie mit einem Hund, und sie gibt’s zu und bittet nur, er wolle sie dann auch einen Hund sein lassen, wie er selbst urteilt. Wo wollte Christus da hin? Er war gefangen. Einem Hund lässt man ja die Brosamen unter dem Tisch; das ist sein Recht. Darum tut Christus sein Herz nun ganz auf und ergibt sich in ihren Willen, so dass sie nun nicht ein Hund, sondern auch ein Kind ist.“ (nach 510)

Es gibt im Markusevangelium eine ganze Reihe von Streitgesprächen; Jesus gewinnt sie jedes Mal, durchwegs, immer.

Ausser hier. Hier unterliegt er einer heidnischen Frau. Er muss sich, mit Luther gesagt, „ihrem Willen ergeben“. Er muss „sein Herz auftun“. Es ist dies, möglicherweise, die grösste Wende in der Geschichte Gottes mit seiner Welt. Die Wende ist aus tiefer Not geboren.

Eugen Drewermann schreibt:

„Die menschliche Not ist international, sie kennt und erlaubt keine Grenzen. Das menschliche Leid ist an jedem Ort der Erde länderüberschreitend gross. Im Grunde kann man nicht sagen: Israel liegt hier und Griechenland dort.“ (nach 490)

Das war damals schon so, vor zweitausend Jahren. Der Paderborner Drewermann skizziert nicht ohne Humor das Einzugsgebiet Jesu in der damaligen Zeit:

„Selten macht man sich hinreichend klar, wie winzig in Wirklichkeit der Raum gewesen ist, auf den Jesus sich einschränkte. Ein Gebiet nicht grösser als von Paderborn nach Geseke und Erwitte, das war die Welt, in der er lebte und die er nicht verlassen wollte.“ (489)

Doch eben: Die menschliche Not ist international. Das ist heute sehr viel deutlicher als damals, vor zweitausend Jahren. Die scheinbar ausweglos und jedenfalls völlig unberechenbar gewordene Zukunft unseres Planeten – sie lehrt einen beten. Für einen selbst und mehr noch für unsere Kinder und Kindeskinder und für alle Wesen, die unsere Erde bewohnen.

Die griechische Frau in unserer Geschichte – sie ist einem darin Vorbild. Sie ist Vorbild in der Fürbitte. Drewermann weist darauf hin, dass es Formen von Religion gibt, die die Fürbitte überhaupt ablehnen. Er erwähnt zum Beispiel den Buddhismus, dessen Meditationsweg in eine Tiefe führt, wo es keine Wünsche und Bitten mehr gibt, sondern nur noch Ruhe und Frieden in der Unendlichkeit mitten in der Zeit.

Auch im christlichen Raum gibt es diese Art von Religiosität, nämlich in der Mystik. Und wer mich kennt, der weiss, dass mir selber diese Denkformen nahe sind.

„Wer Gott um Gaben bitt‘ / der ist gar übel dran - / er betet das Geschöpf / und nicht den Schöpfer an“ – so etwa sagt der grosse Barockdichter und Mystiker Angelus Silesius.

Die Frau in unserer Geschichte lehrt uns etwas anderes. Gewiss, sie ist „gar übel dran“.
Aber nicht, weil sie „Gott um Gaben bitt‘“, sondern wegen der Krankheit ihrer Tochter. Es ist gerade umgekehrt: Weil sie „übel dran“ ist, fängt sie an zu beten. Und ihre Fürbitte bewirkt – was gemäss Silesius nicht zu erwarten wäre – einen Sinneswandel beim Gottessohn. Gegen sein anfängliches „Nein“ heilt er das Mädchen.

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Martin Luther zeigt in einer tiefsinnigen Predigt über unseren Text auf, wie Jesus die Frau gleich dreifach zurückweist – einen dreifachen Puff habe ihr Jesus gegeben, sagt Luther: Zuerst habe er geschwiegen „wie ein Stock“: „Siehe, das ist ein gar harter Puff, wenn sich Gott so hoch und tief verbirgt.“

Der zweite Puff, sagt Luther, sei noch härter: Dass Jesus nämlich ihre Bitte, das Kind zu heilen, schroff zurückweist.

Und der dritte Puff sei ein veritabler „Mordschlag“: „dass Jesus ihr nämlich ins Gesicht sagt, sie sei ein Hund.“ (nach 508f.)

Der dreifache Puff scheint Gottes Nein zu dieser Frau und ihrem Kind in aller Schärfe herauszustellen. Doch der Frau gelingt mittels ihres Gebets, das „tiefe heimliche Ja unter dem Nein“ hervorzuholen. Der Schein, sagt Luther, „weist auf lauter Nein“. „Und dennoch ist mehr Ja drinnen als Nein. Es ist sogar lauter Ja drin, aber tief und heimlich“.

Vielleicht ist dies unsere Aufgabe in der Zeit, in der wir leben, mit all ihren Abgründen und Ungewissheiten und der drohenden Apokalypse: Betend das tiefe und heimliche Ja Gottes hervorzuholen.

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Soweit die tiefen Gedanken des Martin Luther. Sie werden, wie mir scheint, wunderbar ergänzt durch den Humor des grossen Berner Dichterpfarrers Kurt Marti. In einer Predigt zu unserem Text sagt er zur Aussage der Frau:

„Das kommt nicht feierlich daher, sondern lächelnd, fast witzig, fast anmutig und elegant. Wir entdecken hier, dass der Heilige Geist auch ein Schalk sein kann, mit jenem Humor, der sich dann einstellt, wenn wir Gott heilig ernst, uns selbst dafür nicht mehr so wichtig nehmen.

Nun aber das Schönste, das Unerwartetste an dieser ganzen Geschichte: Jesus versteht den Schalk, versteht den Wink, er krebst zurück, er hat seinen Meister gefunden… Gott gibt Jesus Anweisung durch den Mund einer Heidin! Und dieser gehorcht: Er heilt ihr Kind!“

Möge Gott auch unsere Seelen heilen – und unsere Welt! Und der Heilige Geist, die Ruach, die göttliche Geistkraft halte uns wach für all die Überraschungen, die die Zukunft bereithält. Denn Gott, sagt Marti, „ist kein Prinzipienreiter, und sein Heilsplan folgt keinem Schema F. … Seien wir also auf dem qui-vive, auch nachher, wenn wir nicht mehr in der Kirche sind! Gott ist auch draussen.“

Drinnen und draussen: Bhüet eus, Gott! Amen.

Kaiseraugst, 13. November 2022