Ludwig Hätzer, der Ketzer - ein Vortrag im Rahmen des Zwinglijahrs

Ludwig_Haetzer_Stich aus dem 17. Jhdt<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>553</div><div class='bid' style='display:none;'>7603</div><div class='usr' style='display:none;'>68</div>
Anlässlich des Zwinglijahrs beleuchten wir in einer dreiteiligen Vortragsreihe anhand von drei Persönlichkeiten verschiedene Facetten der Zürcher Reformation. Der erste ist Ludwig Hätzer, einer Figur am radikalen Rand der Reformation gewidmet. Die weiteren dann Huldrych Zwingli (2. Mai, 19.15 Uhr, "Im Gässli" in Magden, mit Pfrn. Stefanie Schmid) und seinem Nachfolger Heinrich Bullinger (12. September, 19.15 Uhr im Kirchgemeindehaus Rheinfelden, mit Pfr. Andreas Fischer)

Ludwig Hätzer (1500-1529), in Bischofszell geboren, war zunächst ein Anhänger Zwinglis und mit gerade mal 23 Jahren, Protokollführer der Zürcher Disputation (1523). Später schloss er sich der Zürcher Täuferbewegung an und wurde deshalb aus der Stadt verwiesen. Mit 29 Jahren wurde er in Konstanz wegen angeblicher Unzucht hingerichtet. Hätzer hat in seinem kurzen Leben mit verschiedenen Ausprägungen des Täufertums sympathisiert: der biblizistischen der Schweizer Brüder, der apokalyptischen von Hans Hut und der spiritualistisch-mystischen von Hans Denck. An seinem Werdegang lassen sich diese verschiedenen Ausprägungen des „linken Flügels“ der Reformation darstellen.

Herzliche Einladung zu dem Abend mit Vortrag und anschliessendem Apero!

Pfr. Andreas Fischer

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Mit dem spiritualistisch-mystischen Flügel, der mir persönlich nahe ist, habe ich mich schon in zwei Predigten befasst, die unten nachgelesen werden können.


Im Zusammenhang mit der Vortragsreihe zum Zwinglijahr begegnen einem Persönlichkeiten des sog. „linken“, „spiritualistischen“, „mystischen“ Flügels der Reformation. Sie wurden verketzert, starben jung und gingen vergessen. In einer zweiteiligen Predigtreihe in Rheinfelden habe ich versucht, sie – ihre Überzeugungen, ihre Sprachkraft, ihre Aktualität – zu Wort kommen zu lassen.

Da ist, zum Beispiel, Ludwig Hätzer (1500-1529). Sein kurzes, bewegtes, gewaltsam zu Ende gegangenes Leben wird Thema des Bildungsabends am 28. März (19.15 Uhr im Kirchgemeindehaus Kaiseraugst) sein. Hätzer wiederum war befreundet mit Hans Denck (ca. 1500-1527), der im selben Jahr zur Welt gekommen war und 27-jährig in Basel an der Pest starb.

Die beiden jungen Männer fielen bei den Mainsstream-Reformatoren in Ungnade. Zwingli etwa wetterte, diese Rädelsführer von Sekten und Rotten hätten mehr Unruhe gestiftet als das gesamte Papsttum. Sie würden die Gottheit Christi verneinen und die Allversöhnung lehren, die auch die Gottlosen selig spricht.

Ja, hmm, fragt man sich: Wo liegt das Problem?

Ich kann meine Sympathie für die Denkart Dencks und des Ketzers Hätzer nicht leugnen. In zwei Predigten versuche ich, der message der geschmähten Schwärmer zu lauschen!

Die erste Predigt befasste sich mit der kritischen Sicht von Hätzer und Denk auf das reformatorische Schriftprinzip befasst: Nicht um das äussere Wort der Bibel, sondern um das innere Wort geht es. Es wird der Seele durch den Heiligen Geist unmittelbar, "ohne Feder und Papier", eingeschrieben.

Die zweite Predigt setzte sich mit dem Konzept des stellvertretenden Sühnetods auseinander, wie es die Mainstream-Reformatoren vertreten haben. Es geht nicht an, dass wir auf Christi Kreide zechen, sagt Hätzer in einer Liedstrophe scharfsinnig und nicht ohne Humor. Vielmehr geht es darum, dass Christus in uns Raum nimmt, dass wir „christförmig“ werden.

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Predigt I: Biblische Buchstaben und das Wort Gottes

Ich bin nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern zu retten.
Joh. 12.
Ich bin zum Gericht in die Welt gekommen.
Joh. 9.

Bittet, und ihr werdet empfangen.
Matth. 7.
Ihr bittet, und empfanget nicht.
Jac. 4.

Gott will, dass alle Menschen selig werden.
1. Timoth. 2.
Wenige sind auserwählt.
Matth. 20

Gott versucht nicht.

Jac. 1.
Gott hat Abraham versucht.
Gen. 22.

Niemand hat Gott je gesehen.
Joh. 1.
Ich habe den EWIGEN gesehen von Angesicht zu Angesicht.
Mose in Gen. 32.

Ich will bei euch bleiben bis an das Ende der Welt.
Matth. 28.
Mich habt ihr nicht allezeit bei euch.
Matth. 26.

„Wer die Wahrheit wahrlich lieb hat“ heisst die Schrift, aus der diese Zusammenstellung von in sich widersprüchlichen Bibelzitaten stammt. Hans Denck hat diese Schrift im Jahr 1526 geschrieben, als 26-Jähriger, ein Jahr vor seinem Tod im November 1527 in Basel an der Pest starb.

Insgesamt vierzig solche Widersprüche zeigt er in der Schrift auf, er könnte, sagt Denck, die Liste beliebig ergänzen. Manche der Widersprüche sind, finde ich, ziemlich lustig, zum Beispiel dieser:

Predigt das Evangelium allen Kreaturen.

Marc. 16.
Werfet die Perlen nicht vor Schweine.
Matth. 7.

Die Schrift „Wer die Wahrheit wahrlich lieb hat“ verärgerte die schriftgläubige protestantische Obrigkeit von Augsburg. Denck wurde aus der Stadt verwiesen.

Doch seine Überlegungen sind bedenkenswert. Er sagt nicht, dass in der Bibel Blödsinn steht. Im Gegenteil: Er halte, sagt Hans Denck, die Heilige Schrift „über alle menschlichen Schätze“. Er findet es aber betrüblich, dass die Menschen bei einem äusserlichen Schriftverständnis stehenbleiben, das stur darauf beharrt, dass das, was in der Bibel steht, wahr ist.

Dann werden Zitate aus der Heiligen Schrift genommen, um die eigene Sichtweise zu belegen. Der Gegner (der „Widerpart“) aber hat auch seine Zitate, und es wird „des Zankens kein Ende sein“.

Es ist also unmöglich, sich am äusseren Buchstaben der Bibel festzuhalten. Nicht um das äussere Wort geht es, sondern um das innere, nicht um den Buchstaben, sondern um den Geist – im Sinn des Apostels Paulus, der schreibt:

„Gott hat uns befähigt, Dienerinnen und Diener des neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ (2. Kor. 3, 6)

Diese Ablösung vom Buchstaben gibt eine neue Freiheit im Umgang mit der Bibel. Die Schrift an sich ist nicht heilig. Sie kann es werden, insofern und insoweit, als sie durch das Wirken des Geistes im Inneren des Menschen dazu gemacht wird. ( nach Goldbach 73) Aber die Bibel ist kein heiliger Besitz, den ich habe, über den ich verfüge, auf dem ich mich ausruhen kann.

Weil die Bibel an sich nicht heilig ist, ist ein profaner Umgang damit erlaubt, erwünscht gar. Wer heute Theologie studiert, für den ist das eine Selbstverständlichkeit; der lernt, einen biblischen Text wie sonst irgendeinen literarischen Text zu analysieren.

Es gibt dafür bestimmte methodische Schritte, und natürlich sollte man den Urtext einigermassen verstehen – das Alte Testament auf Hebräisch, das Neue auf Griechisch.

Hans Denck und Ludwig Hätzer waren in jungen Jahren in einer Art und Weise gelehrt, wie es das heute kaum mehr gibt. Ihre Freundschaft begann in Strassburg, von dort wurden sie wegen Bucer und Capito vertrieben.

Sie kamen nach Worms. Dort haben sie in einem halben Jahr alle Prophetenbücher des Alten Testaments zum ersten Mal überhaupt aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt. Das ist eine unglaublich kurze Zeit. Und die Übersetzung ist unglaublich gut.

Luther und Zwingli haben sie als Vorlage verwendet. Trotzdem schimpften sie über die sog. „Wormser Propheten“. Es müsse einem grausen ob dieser Verdolmetschung, wetterte Zwingli. Diese Rädelsführer von Sekten und Rotten hätten mehr Unruhe gestiftet als das gesamte Papsttum. Es war insbesondere ein Punkt, den Luther und Zwingli kritisierten: Dass sich Hätzer und Denck Hilfe bei jüdischen Gelehrten gesucht in Worms gesucht haben.

Aus heutiger Sicht gilt es dazu nicht nur zu sagen, dass die scheuklappenfreie Haltung von Denck und Hätzer gegenüber den Juden zu einer philologisch ausgezeichneten Übersetzung geführt hat. Darüber hinaus hätte man sich so eine Haltung auch ganz grundsätzlich für die Reformatoren gewünscht, insbesondere für Luther in seinen späten Jahren.

In dem scheusslichen Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ gibt Luther der Obrigkeit sieben konkrete Ratschläge, wie sie an den Juden eine „scharfe Barmherzigkeit“ ausüben sollen. Der erste dieser Ratschläge lautet:

„Erstens soll man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecken und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufen und zuschütten, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich…“


Wie tief unterscheidet sich von diesem Fanatismus die weltoffene und bescheidene Haltung der beiden jungen Männer Hans Denck und Ludwig Hätzer: Sie wussten, dass es in Worms ein paar Rabbiner gab, die besser Hebräisch können als sie selber. Warum nicht sie um Rat fragen, auch wenn ihr Glaube in mancher Hinsicht ein anderer ist als der eigene?

Kehren wir zurück zum ursprünglichen Gedanken: Das Wort der Bibel ist nicht per se heilig. Das Wort der Bibel, sagt Hans Denck, ist nicht deckungsgleich mit dem Wort Gottes. Vielmehr:
„Das Wort Gottes ist bei dir, ehe du es suchtest.“ (Goldbach 34)

Mit dem Wort Gottes ist also gemäss Hans Denck etwas anderes als der biblische Buchstabe gemeint. Das, was Denck als Wort Gottes bezeichnet, nennt er andernorts Licht oder Kraft oder, eben, Geist: göttliches Licht, göttliche Kraft, göttlicher Geist: DAS ist Gottes Wort:

„Das Licht, das Wort Gottes, das unsichtbar ist, scheint in aller Menschen Herzen, die in diese Welt kommen. Denn es ist von Anbeginn darin.“ (Goldbach 41)

Gott bzw. Gottes Geist, die göttliche Geistkraft wirkt gemäss Hans Denck „ohne alle äusseren Voraussetzungen. Weder die Schrift noch die Sakramente sind nötig – also die Bibel nicht und auch nicht die Taufe und das Abendmahl, sagt Denck in einer radikal reformierten Position: Es bedarf keiner Brücke, um zu Gott zu kommen, nichts Fremdes ist notwendig. Wir stehen in unmittelbarer Verbindung zu Gott, Gott wirkt von allem Anfang an im Inneren des Menschen (nach Goldbach 54).

Kurz vor seinem Tod schreibt Hans Denck in einer Art Testament:

Die Heilige Schrift halte ich über alle menschlichen Schätze, aber nicht so hoch wie das Wort Gottes, das da lebendig, kräftig und ewig ist, welches aller Elemente dieser Welt ledig und frei ist. Denn wenn es Gott selber ist, so ist es Geist und kein Buchstabe, ohne Feder und Papier geschrieben, so dass es nimmer ausgetilgt werden kann. Darum ist auch die Seligkeit nicht an die Schrift gebunden, wie nützlich und gut sie dazu auch sein mag. (Aus: Widerruf)

Hier, bei Hans Denck, kommt der reformierte Geist zur Vollendung – anders als in der orthodoxen, der katholischen und der lutherischen Tradition lässt sich dieser Geist nicht binden. Er weht, wo er will. Die göttliche Geistkraft ist nicht auf biblische Buchstaben fixiert. Sie ist frei, unverfügbar. Sie kann mir von überall her entgegenwehen.

Aus der Bibel, zweifellos. Aber eben nicht nur. Das Schriftprinzip der Reformation – sola scriptura, allein dir Schrift – dieses Prinzip hatte am Anfang der Reformation emanzipatorische Kraft; es half zur Befreiung von Fastengeboten, Ablassregelungen etc, – dem ganzen Ballast der Tradition.

Doch das Schriftprinzip kann seinerseits wiederum zur Scheuklappe werden, zu einem Gefängnis. Es gilt in unserer Ecclesia reformata semper reformanda, unserer reformierten Kirche, die immer wieder und je neu zu reformieren ist, den ursprünglichen Impuls der Freiheit zu bewahren. Dieser kommt zum Ausdruck in Ludwig Hätzers Lebensmotto, das er auf jedes seiner Bücher schrieb. Es stammt aus Psalm 145 und lautet: „O Gott, erlös die Gefangenen“.

Dieses Lebensmotto gleicht jenem des grossen persischen Dichters, islamischen Mystikers und Gründer des Mevlevi-Ordens, Rumi (1207–1273):

„Warum, wenn Gottes Welt so gross ist, bist du ausgerechnet in diesem Gefängnis eingeschlafen?“ (nach Sölle, Mystik und Widerstand, 15)

Ich erwähne Rumi deshalb, weil ich am Anfang des Zwinglijahres einen Traum hatte, der mich seither begleitet. Darin ging ich hinaus auf eine grüne Wiese. Dann fing ich an, mich zu drehen, wie es die Derwische des Mevlevi-Ordens tun. Ich war unendlich frei in diesen Drehungen auf einer Kuhweide, as it is in heaven. So, wie es, glaube ich, einst im Himmel sein wird. Es gibt, glaube ich, eine Freiheit, die weiter geht, weiter ist als jene von Huldrych Zwingli. Wir haben, auch hier, in der reformierten Kirche, keine bleibende Stadt, um es abschliessend im Bekenntnisstil mit meinem eigenen Lebensmotto aus dem Hebräerbrief zu sagen:

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Auf dem Weg dorthin bhüet eus Gott!

Rheinfelden, 24. Februar 2019, Andreas Fischer


Predigt II: "Nicht auf Christi Kreiden zechen!"

Der Protestantismus beginnt mit einer grundsätzlichen Kritik an der Moral. Luthers Entdeckung am Ursprung war, dass wir nicht durch „gute Werke“ Gottes Zuneigung erlangen. Sondern dass ich so, wie ich bin, von Gott akzeptiert, angenommen, geliebt bin.

Das ist die reformatorische Urerfahrung. Das meint die „Rechtfertigung allein aus Gnade und nicht durch Werke des Gesetzes“, die als articulus stantis et cadentis ecclesiae gilt, als Grundsatz, mit dem unsere Kirche steht und fällt.

Diese so genannte „Rechtfertigungslehre“ ist in ihrem Ursprung alles andere als eine „Lehre“. Sie ist Erfahrung von Durchbruch, Erleuchtung, Wiedergeburt: „Da fühlte ich mich“, schrieb Luther selber, „völlig neugeboren und als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies selbst eingetreten.“

Die Paradies-Erfahrung verhärtete sich allerdings bald zur Doktrin. Das in der „Rechtfertigungslehre“ zum Ausdruck kommende Ur-Erlebnis ging in Vergessenheit.
Stattdessen verkam die Rechtfertigungslehre zum religiösen Ruhekissen. Die Protestanten, beklagt sich Ludwig Hätzer, „zechen sie auf Christi Kreiden“.

Das heisst, wir zechen und Christus zahlt. Er ist ja, laut protestantischem Credo, für unsere Sünden gestorben. Ein „gepolstertes Evangelium“ sei das, wettert Hätzer.

Thomas Müntzer bezeichnet Luther als „geistloses, sanft lebendes Fleisch zu Wittenberg“, das einen „honigsüssen Christus“ verkünde.

Und Sebastian Franck, den ich eingangs erwähnte, auch er – wie Thomas Müntzer, Ludwig Hätzer, Hans Denck – ein Randständiger der Reformation, auch er übrigens, im Jahr 1542, in Basel gestorben –-- Sebastian Franck beschreibt den sittlichen Verfall bei der Protestanten mit folgenden Worten:

„Vor uns waren Werkheilige… jetzt sind wir Wortheilige und Maulchristen.“ „Wir sind satt und zufrieden, sicher und stolz, da ist kein Trauern, kein Fasten, ja wir spotten darüber, als ob es das Evangelium verbieten würde. Summa, wir leben im Saus nach dem Gott des Bauchs.“

Und dann fragt Sebastian Franck weiter: „Wann greifen wir das Evangelium einmal mit der Tat an?“ „Warum predigen wir das Wort so schläfrig?“ (nach Nigg 75f.)

Der grosse evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat Jahrhunderte später den Schwung dieser ethischen Empörung der radikalen Reformatoren aufgenommen. In einem seiner leidenschaftlichsten Texte kritisiert Bonhoeffer die „billige“ Gnade:

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. … Billige Gnade heisst Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten... Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben...

Hier ist es wieder, das Motiv der Rechnung, die schon gezahlt ist. Das Zechen „auf Christi Kreiden“.

„Christus zahlt für mich, das glaube ich“, parodiert Hätzer diese Sicht spöttisch. „Damit ist’s ausgerichtet.“
Und dann kommt in Reimform die Pointe:
„Der Teufel hat’s erdichtet.“

Der Teufel ist wohl Martin Luther.

Bei aller Faszination, welche die Flammenreden von Hätzer, Franck, Denck, Schwenckfeld und wie sie alle heissen, auch von Bonhoeffer auf mich ausüben – für meinen persönlichen Glauben ist der a-moralische, antinomistische, gesetzesfreie Ursprung des Protestantismus von existenzieller Bedeutung. Ich erlaube mir, an dieser Stelle etwas auszuholen und dabei auch persönlich zu werden.

Hans Denck schreibt in scharfem Gegensatz zu Luther: „Es ist eine dürre Lüge, dass Gottes Gebot unmöglich zu halten sei“.

Doch ist das wirklich so? „Gottes Gebot“ – das ist christlicher Konsens – ist an keiner Stelle so klar und deutlich formuliert wie in der Bergpredigt von Jesus.

Sie ist überliefert in den Kapiteln 5-7 des Matthäusevangeliums, Lichtgestalten wie Mahmatma Gandhi und Martin Luther King haben sich an ihr orientiert. Die Widertäufer entnehmen der Bergpredigt die Weisung, den Kriegsdienst und den Eid zu verweigern.

Wenn ich aber diese extremen und zuweilen auch seltsamen Forderungen lese, die in der Bergpredigt stehen:

• Sich das Auge auszureissen, wenn es einer schönen Frau nachschaut,
• auch noch die andere Backe hinzuhalten, wenn man geohrfeigt wird,
• dem Bruder nicht Trottel zu sagen, weil man sonst in die Feuerhölle kommt

und so weiter bis hin zum Schluss, wo Jesus ausdrücklich sagt: „Geht weg von mir, die ihr das Gesetz missachtet!“ --- wenn ich das lese, dann muss ich zugeben: Das kann ich nicht. An diesem Anspruch scheitere ich. Die Messlatte ist mir zu hoch, oder nochmals mit der Bergpredigt gesagt: Dieser Weg ist mir zu schmal und diese Pforte zu eng. Ich, nein, ich komme da nicht rein.

Es gab in meinem Leben eine Zeit, in der ich die Bergpredigt nicht nur auswendig konnte, sondern auch ernsthaft danach zu leben versuchte. Es hat meiner Seele nicht gut getan. Ich war überspannt und verkrampft.

Nie zuvor und nie danach habe ich die Botschaft von Luther so gut verstanden, die erlösende Frohbotschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade und nicht durch Werke des Gesetzes wie in jener Nacht im Schwesternhaus des Spitals Rheinfelden, wo ich als 19-Jähriger ein Praktikum absolvierte:

Ich sass weinend über den ersten Kapiteln des Römerbriefs von Paulus, aus denen Luther seine Rechtfertigungslehre geschöpft hatte. Und ich verstand: Ich bin bedingungslos geliebt. Ob es mit meinem Leben obsi oder nizzi geht – ich bin geborgen, gesegnet, geführt und getragen. Diese Christus-Erfahrung war, ohne jede Ironie und Polemik, „honigsüss“.

Soweit mein Bekenntnis zum a-moralischen, antinomistischen, gesetzesfreien Ursprung des Christentums. Doch vielleicht tue ich den radikalen Reformatoren unrecht, wenn ich sie als Moralisten abstemple.

Hans Denck etwa betont, dass es ja nicht um ein äusseres Halten des Gesetzes geht. Es geht um das innere Wort, es geht um Christus, der in mir wirkt. Wer auf dieses innere Wort hört, sagt Denck mit einem Spitzensatz, „der hält das ganze Gesetz, ohne es je gelesen zu haben“.

Die Bibelstelle, die er dazu beizieht, ist eine der schönsten überhaupt. Beim Propheten Jeremia spricht Gott:

„Mein Gebot habe ich in ihr Inneres gelegt, und in ihr Herz werde ich es schreiben.“ (31, 33)

Diese Wendung nach innen – das ist das wirklich Interessante und Relevante bei den radikalen Reformatoren. Da ist die Rede vom inneren Abendmahl, von der inneren Taufe, vom inneren Wort und dem Gesetz im Herzen. „Das innere Licht“, sagt Hans Denck, „das Wort Gottes, das unsichtbar ist, scheint in aller Menschen Herzen, die in diese Welt kommen. Es ist von Anbeginn darin.“ (Goldbach 41)

Und Sebastian Franck schreibt:

„Wir sind göttlicher Art, das Licht ist in der Laterne unseres Herzens angezündet und der Schatz liegt schon in den Äckern. Ja, wer nur in sich selbst einkehrt und diesen Schatz sucht, der findet ihn nicht jenseits des Meeres und muss ihn nicht im Himmel suchen. Sondern IN UNS ist das Wort, das Bild Gottes.“ (nach Nigg 89)


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Nach Hätzer, Denck und Franck sei abschliessend auch noch Schwenckfeld erwähnt, Kaspar Schwenckfeld, dessen sogenannte Irrlehren in den lutherischen Bekenntnisschriften bekämpft werden. Dabei war er „einer der allersympathischsten Christen des Reformationszeitalters“ (Nigg).

Kaspar Schwenckfeld entstammte einem alten Adelsgeschlecht, studierte Rechtswissenschaften und hat eine „tiefsinnige Laienfrömmigkeit entwickelt“. So heisst es in dem Buch „Heimliche Weisheit“ des Schweizer Pfarrers Walter Nigg, das den mystischen Strom in den evangelischen Kirchen beschreibt und das mich bei der Vorbereitung dieser Predigt auf Schritt und Tritt begleitet hat. Diese Laienfrömmigkeit, schreibt Nigg weiter, sei „eine der tragfähigsten Wurzeln der evangelischen Mystik“.

Schwenckfeld betonte, dass man „nicht einen halben Christus, sondern den ganzen Christus predigen“ soll (67). Also nicht nur den Christus, der uns erlöst, sondern auch den Christus, der uns von innen her verwandelt, transformiert, christförmig werden lässt. Erst wenn Christus so von innen her wirkt, ist es der ganze Christus, in dessen Wirklichkeit ich hineingenommen bin.

Wohin es führen kann, wenn man dem Christus, dem ganzen Christus nachfolgt, das hat Kaspar Schwenckfeld in seinem eigenen Leben erfahren. Er warf den lutherischen Pfarrern in seiner Heimat Schlesien vor, sie kennen Christus nur dem Buchstaben nach und erfahren nicht seine geistliche Gegenwart. Die Geistlichkeit fühlte sich dadurch verletzt und vertrieb Schwenckfeld aus seiner Heimat. Wie einst Abraham zog er aus seinem Haus fort in ein Land, das Gott ihm zeigen würde.

„Hätte ich einen guten Ort auf Erden haben wollen“, bekannte Schwenckfled später, „so wäre ich in meinem Vaterland, in meinem eigenen Haus geblieben, wo ich meinen Stand und ein hohes Ansehen hatte.“

Stattdessen lebte Schwenckfeld – auch er, wie viele andere radikale Reformatoren – fortan auf der Flucht von Stadt zu Stadt, dreissig Jahre lang. Die Prädikanten hetzten ihn wie ein vogelfreies Wild. Seine Schriften wurden an vielen Orten verboten. Heinrich Bullinger etwa, der Nachfolger Zwinglis in Zürich, war stolz darauf, eine grosse Menge von Schwenckfelds Büchern konfisziert zu haben.

Als Schwenckfeld schliesslich – im Haus von Agathe Streicher, Deutschlands erster anerkannter Ärztin in Ulm auf dem Sterbebett lag, betete er:

„Herr Jesus Christus, so du mich jetzt in dein Reich rufst, befehle ich meinen Geist in deine Hände, wie ich mich dir befohlen habe vor dreissig Jahren, da ich auf deinen Befehl hin aus meinem Vaterland gezogen bin.“

Ich bin unendlich dankbar, in einer Zeit und Gesellschaft zu leben, die soweit tolerant ist, dass man nicht wegen seiner Glaubensüberzeugungen vertrieben wird. Aber auch als sanft lebende Geistlichkeit, die in einem gut gepolsterten Pfarrhaus lebt, sind mir die radikalen Reformatoren Vorbild im Leben und Glauben. Im Verlust aller äusseren Sicherheiten haben sie innere Gewissheit gefunden. Sie haben jenen Vers aus dem Hebräerbrief, den ich als mein Lebensmotto bezeichne: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ – sie haben dieses Motto wirklich gelebt. Und auf ihrer Flucht von Stadt zu Stadt die zukünftige Stadt tatsächlich gefunden, das himmlische Jerusalem, die wahre, ewige Heimat – und zwar im grundlosen Grund der eigenen Seele. Dorthin geht unsere Reise. Und auf dem Weg dorthin bhüet eus Gott!

Rheinfelden, 3. März 2019
Kontakt: Pfr. Andreas Fischer
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Autor: Andreas Fischer     Besuche: 16 Monat