Fasnachtsgottesdienst mit den Grossschtadtchnulleri

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Musik: Kein Organist
Kollekte: Verein Oeku, Kirche und Umwelt
Schon zum 16. Mal findet im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst der Chaiseraugster Fasnachtsgottesdienst statt. Auch diesmal wird die lokale Gugge „Grossstadtchnulleri“ ihre diesjährigen Kostüme präsentieren und ihre neu einstudierten Stücke uraufführen. Das Thema ist tabu. Dies jedoch ist garantiert: Der Lärm wird ohrenbetäubend sein. Das Gaudi gross. Und Theobald wird seinen Afftritt äh Auftritt haben.

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Eine Bombenstimmung herrschte damals, als man anfangs des Jahrtausends an der Faschingfeier in Deutsch-Rheinfelden teilnahm, im eigentlichen Sinn: Man flüchtete vor einer Bombendrohung in die protestantische Kirche, die der Pastor freundlicherweise geöffnet hatte. Dann ging’s los. Die ersten Fasnächtler spielten auf, weitere kamen hinzu, zuletzt tanzten die Leute auf den Kirchbänken herum. Bald darauf, auf Initiative meiner Vorgängerin, Pfarrerin Esther Borer, fand der erste Chaiseraugster Fasnachtsgottesdienst statt.

Die Vorbereitungen der Chnulleri klingen, als wär das Roche-Management am Werk. Sie beginnen Ende Mai des vorhergehenden Jahrs. KoKo (Kostüm-Kommission) und MuKo (Musik-Kommission) bringen Ideen ein. Mit den Schneiderinnen, die zu einem Freundschaftspreis arbeiten, wird geschaut, was bezüglich der Kostüme machbar ist. Über das Thema wird demokratisch abgestimmt. Beides, Kostüme und Thema, bleibt bis zum Fasnachtsgottesdienst geheim. Hier, in den heiligen Hallen des reformierten Kirchgemeindehauses, wird beides präsentiert. Darum sind bei diesem Anlass alle nervös. Es herrscht Premieregroove, beim Major, Kimon Sorg. Und auch beim Pfarrer und dessen Frau. Cool ist einzig Theobald, em Pfaff sin Aff. Er wird in einem von den Schneiderinnen extra für ihn massgeschneiderten Kostüm auftreten und ex cathedra, von der Kanzel herab vorwitzig-altkluge Reden vortragen:

„Heut müsst ihr nicht auf Durchzug schalten! / Der Pfaff wird seine Schnuure halten. / ICH werde in der Kirche walten. / Drum, Leute, kommt in grosser Zahl! / Mich zu verpassen wär fatal.“


Im Namen von Theobald und allen anderen Beteiligten lädt herzlich ein:

Andreas Fischer, Pfarrer von und zu Chaiseraugst.

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Der Gugge-Major (Porträt des Dirigenten)

Kimon Sorg, der jüngste Major, den die Chaiseraugschter Gugge „Grossschtadtchnulleri“ je hatte, bereitet sich auf seine zweite Fasnacht in dieser Funktion vor. Nach einer Sitzung zur Planung des Fasnachtsgottesdienstes erzählt er dem Pfarrer sein Leben. Das Gespräch dauert zweieinhalb Stunden. „Ist viel gelaufen in den paar Jahren“, sagt er zum Schluss. Tatsächlich.

Vierundzwanzig Jahre lebe er nun schon in Kaiseraugst, sagt Kimon und fügt hinzu: „Damit habe ich auch gleich mein Alter angegeben“. Auch Fasnacht macht er, solange er auf der Welt ist. Im Januar wurde er geboren, im Februar nahm ihn die Mutter schon mit zum Umzug. Die Kindheit im oberen Teil des Dorfs war paradiesisch. Kimon wuchs mit Geschwistern und Cousins auf, auf einem grossen Gartenareal konnten die Kinder im Pool baden, Pingpong spielen, „und ein Fussballtor stand auch da“. Sein Vater, ein Fussballtrainer mit A-Diplom, hätte sich gewünscht, dass aus dem Buben ein Tschütteler wird. Doch das überliess Kimon lieber der Schwester. Er selber hatte eine andere Leidenschaft: Er zog die Fasnachtsgewänder der Mutter an und lief damit im Garten herum. Dieses Hineinschlüpfen in eine andere Haut, eine andere Rolle, das faszinierte ihn schon als Kind.

Im Messgewand vor dem Fernseher


Auch als Pfarrer habe er sich verkleidet, sagt er lachend in Anspielung auf den Beruf des Schreibenden. So, im Talar oder Messgewand, sei er dann vor dem Fernseher gesessen. Bis heute interessieren Kimon, obwohl er reformiert ist, die Päpste. Bei der Wahl von Papst Franziskus war grad Lämpe-Sitzig. So bezeichnen die Grossschtadtchnulleri die Resumée-Sitzung, in der noch einmal auf die Fasnacht zurückgeblickt und über Verbesserungsmöglichkeiten nachgedacht wird. Kimon war zwar physisch präsent, doch sein Geist war absorbiert vom Live-Stream der Papstwahl. Er wollte keinesfalls den Moment verpassen, wo der neugewählte Papst den Balkon betritt.

In Dingen, die ihm wichtig sind, ist Kimon kompromisslos. Einst, als Kind, musste er - „musste“, wiederholt Kimon noch einmal eindringlich – mit dem Grossvater nach Grindelwald in die Skiferien. Dabei war zuhause Fasnacht. Kimon jammerte, täubelte und nervte den Grossvater, bis dieser ihn ins Auto steckte und schnurstracks nach Kaiseraugst fuhr. Klein Kimon durfte am Umzug vorne mitlaufen. Am gleichen Abend ging’s, mit dem nun seligen Buben, wieder zurück ins Berner Oberland.

Als Besucher, sagt Kimon, würde er die Fasnacht langweilig finden. Am Strassenrand herumstehen, das sei nichts für ihn. Er wolle mitmachen, Teil des Ganzen sein, nicht nur an der Fasnacht selber, auch das Jahr über. In Bezug auf sein Majoren-Amt sagt er: „Vorne zu stehen ist ein gutes Gefühl“. Die Plakette vom Chaiseraugschter Fasnacht-Comité überreicht zu bekommen, das sei eine grosse Ehre.

Eine Ehre, die sich Kimon redlich erarbeitet. Die Liste der Jobs, die er für die Gugge schon übernommen hat, nimmt kein Ende. Animationsprogramm an der Kinderfasnacht, Festwirtschaft am Banntag, Absenzenliste, Preisliste, Einsatzliste an der Chilbi, Jugendförderung, Musikkommission, Arrangieren neuer Stücke, Aktualisieren der Chilbi-Homepage und Facebook-Seite. Und so weiter.

Und jetzt ist er also Major. „Es steckt“, sagt Kimon, „ viel dahinter bei diesem Job“. Bei Ausflügen an neue Orte – Laufenburg, Schwäbisch-Gmünd – machen die Chnulleri Party, während der Major die Gassen der Altstadt abläuft und sich überlegt, wie er mit der Truppe zur festgelegten Zeit bei der richtigen Bühne ist. Wenn der Abend fortgeschritten ist, gilt es, die Leute einzeln zusammenzusuchen und in den Zug einstehen zu lassen. Manchmal ist das einzige, was hilft, einfach loszulaufen. Und darauf zu hoffen, dass die Renitenten irgendwann auch hinterherkommen. Dauernd sei man am „luege, mache, tue und zittere“.

Blaues Büchlein, schwarzer Humor

In den Viertelstunden vor und nach dem Auftritt gebe er nur schnippische Antworten. Das wissen die Chnulleri inzwischen. „Und geben Ruhe“. Dann ist Kimon in sein „Blaues Büchlein“ vertieft, in dem geschrieben steht, welche Stücke gespielt werden. Die Chnulleri bilden dann einen Kreis um ihren Major und schauen schweigend zu. Dass Kimon nachher auch mal etwas anderes spielen lässt, als in seinem Büchlein steht, gehört zu seinem, wie er es nennt, „schwarzen Humor“. „Dann müsstest du die Gesichter sehen“, sagt er lachend.

Es sind Momente, in denen ihm sein Grossvater väterlicherseits nahe ist, der, wie auch sein Vater, immer einen Witz auf Lager hatte. Zwei Tage vor Kimons achtzehntem Geburtstag starb er. Die geplante Party wurde um ein Jahr verschoben. Bei der Guggeprobe wenige Tage darauf wünschte sich Kimon den Song „What a Feeling“ aus dem Soundtrack des Films „Flashdance“. Nachher war Ruhe in der Gugge – „und das“, sagt Kimon, „kommt nicht oft vor“. Ein Jahr später, bei der nachgeholten Geburtstagsparty, trug Kimon eine Taschenuhr der Kleinbasler Ehrengesellschaft Vogel Gryff, ein seltenes Exemplar, das ihm sein Grossvater vermacht hat. Solche Symbole sind Kimon wichtig. „Es sind“, sagt er, „Erbstücke, die in der Familie weitergegeben werden“.

Eher Gugge als Clique

Es war dieser Grossvater, der ihn einst in die junge Garde der Clique Basler Beppi lotste. Dort spielte Kimon Piccolo. Doch merkte er bald, dass er „nicht so der Clique-Mensch, sondern eher der Gugge-Musiker“ sei. Schon als Vierjähriger war er im Vortrab der Chaiseraugster Chnulleri. Er blickte hoch zur Posaune und wollte selber Posaune spielen. Weil aber der damalige Major, Guido, Kimons grosses Vorbild, Trompete spielte und zuhause die Trompete der Mutter herumlag, fing Kimon an, Trompete zu spielen. Die Stunden an der Musikschule, sagt er, gurkten ihn an. Also brachte er sich das Trompetenspielen selber bei. „Und du kannst es?“, fragt man vorsichtig. Die Antwort lautet: „Man sagt, ich kann es gut, jedenfalls besser als die Mutter.“

Der Grossvater mütterlicherseits war Trompeter im Militär. Und Kirchenmusiker in der römisch-katholischen Pfarrei. Er starb jung, Kimon kannte ihn kaum. Doch seine Mutter bezeugt, dass er ihm ähnlich sei, und dass er beim Dirigieren die gleichen Bewegungen mache.

Damals, als Kimon als vierjähriger Knirps im Vortrab war, schraubte der Kaiseraugster Kultdrummer Cheese ein Trümmeli von seinem Schlagzeug ab und überreichte es ihm. „Du kannst doch nicht ohni nüüt vortraben“, sagte er. Seither ist viel gegangen, nicht nur in Bezug auf die Fasnacht. Kimon reist viel, sooft es die Zeit und das Budget erlauben. Und gern weit weg, auf andere Kontinente, Amerika, Asien. Thailand hat es ihm besonders angetan, die freundlichen Menschen, die buddhistischen Tempel. Beruflich machte Kimon zunächst eine Lehre zum Fachangestellten Gesundheit. Inzwischen ist er diplomierter Pflegefachmann und bereitet sich darauf vor, noch den Bachelor-Studiengang in Pflege anzuhängen. In Bezug auf den Beruf hat er also Zukunftspläne. Privat, sagt Kimon, eher nicht. Er lebe im Jetzt und schaue, wo es ihn hintreibt. Es sei interessanter, wenn man das Leben auf sich zukommen lässt. Doch, ein Ziel habe er, sagt er schliesslich lachend: Guido, der fünfzehn Jahre Major war, zu übertreffen.

Andreas Fischer

Kontakt: Pfr. Andreas Fischer
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