Abendgottesdienst mit Predigt zum Johannesprolog: "Das WORT ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt"

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Musik: Marta Casulleras
Kollekte: Verein Anker
Die Predigt in diesem Gottesdienst bildet den Abschluss eines Zyklus zum Johannesprolog, dem Anfang des Johannesevangeliums (Joh. 1, 1-18). Die drei Teile des Zyklus folgen den drei Abschnitten des Prologs, der sich mit dem WORT (griechisch: LOGOS) befasst und in einem Prozess der Enthüllung des anfangs Verborgenen sichtbar macht: Der LOGOS ist identisch mit CHRISTUS, dem Messias Jesus.

Joh. 1, 1-5: Der Ursprung des LOGOS ("Im Anfang war das WORT"; Predigt siehe unten)
Joh. 1, 6-13: Das Geschick des LOGOS in der Geschichte ("Die Welt hat ihn nicht erkannt"; Predigt siehe unten)
Joh. 1, 14-18: Die "Einwohnung" (Schechina) des LOGOS in und unter uns ("Das WORT ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt"; Predigttext des Gottesdienstes am Sonntag, 14. Oktober um 19.15 Uhr! und Gesprächsgrundlage für das Bibelteilen vom 10. Oktober)

Johannes 1, 14-18:

14 Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir schauten seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat,
voller Gnade und Wahrheit.
15 Johannes legt Zeugnis ab von ihm, er hat gerufen: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Der nach mir kommt, ist vor mir gewesen, denn er war, ehe ich war.
16 Aus seiner Fülle
haben wir ja alle empfangen,
Gnade um Gnade.
17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. 18 Niemand hat Gott je gesehen. Als Einziggeborener, als Gott, der jetzt im Schoss des Vaters ruht, hat er Kunde gebracht.


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Prologpredigt I: Johannes 1, 1-4


Text:

1 Im Anfang war das Wort, der Logos,
und der Logos war bei Gott,
und von Gottes Wesen war der Logos.
2 Dieser war im Anfang bei Gott.
3 Alles ist durch ihn geworden,
und ohne ihn ist auch nicht eines geworden,
das geworden ist.
4 In ihm war Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.


Lied: „Gott hat das erste Wort“ (260, 1-5)

Predigt:


Faust in Goethes gleichnamiger Tragödie ist ein angesehener Wissenschaftler. Trotz seines Ruhms gerät er in eine Lebenskrise: Die Forschung erscheint ihm sinnlos, und er spürt, dass er das Leben nicht in seiner Fülle auskostet. Nun sucht er Trost in der Religion:

Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd'ger und schöner brennt
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängt's, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.


Faust öffnet die Bibel am Anfang des Johannesevangeliums – also an jener Stelle, die wir zuvor als Schriftlesung gehört haben:

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Er könne „das Wort“ unmöglich so hoch schätzen, sinniert also Faust, / er müsse „anders übersetzen“ – nämlich das griechische Wort „Logos“, das in der Regel mit „Wort“ übersetzt wird. Also versucht er es mit „Sinn“, mit „Kraft“ und schliesslich mit „Tat“.

Diese letzte Option, „im Anfang war die Tat“, lässt den Gelehrten einen Moment lang „getrost“ zur Ruhe kommen.

Doch dann kommt der Teufel, wie Karl Barth, der bedeutendste reformierte Theologe des letzten Jahrhunderts, mit bissigem Basler Humor konstatiert. Vielleicht ist die Tat und der ganze damit verbundene Aktionismus tatsächlich eine mephistophelische Versuchung der Neuzeit.

Zumindest die anderen beiden Übersetzungsversuche, die Goethes Faust da durch seinen unruhigen Geist gehen, Sinn und Kraft, sind aber nicht einfach aus der Luft gegriffen. Und die inneren Kämpfe des Doktoren finden ihre Fortsetzung in der Theologie bis zum heutigen Tag.

Eine pointierte Position besagt, dass das griechische Wort Logos, das in der Regel eben mit „Wort“ übersetzt wird, in Wirklichkeit „ziemlich alles ausser ‚Wort‘ bedeute“.

Es bedeute vielmehr Plan, kosmische Ordnung, das Prinzip, das die Welt durchwaltet, den Weltgeist, welcher den Lauf des Universums steuert. Die Übersetzung von Logos mit „Sinn“ geht in diese Richtung. Der Logos wäre dann das, was die Welt im Innersten zusammenhält. So versteht ihn, pauschal gesagt, die griechische Philosophie.

Wer den Logos hingegen in seiner biblisch-jüdischen Tradition versteht, der bleibt bei der Übersetzung „Wort“.

Gott im biblischen Sinn ist nicht ordnendes Prinzip, sondern unverfügbare Kraft. Ist Feuer: „Feuer. Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten“, heisst es etwa im berühmten Mémorial des französischen Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal. Gott ist Wind, der weht, wo er will, ist Wort, das die Welt aus dem Nichts erschafft.

Das Wort im biblischen Sinn ist nicht nur Träger von Information, sondern Träger von Kraft – die Übersetzung von Logos mit „Kraft“ hat darum etwas für sich.

Es sind zwei verschiedene, ja einander entgegengesetzte Gottesvorstellungen, die da in dem einen Wort „Logos“ zusammenkommen. Gott als unwandelbares, weltdurchwaltendes Prinzip. Und Gott als die Wucht und Macht, die sich in Donner und absoluter Stille offenbart, erschütternd und unkontrollierbar, nicht zu berechnen und nicht zu begreifen.

Es sind zwei grundverschiedene Gottesvorstellungen, die sich beide auf den Logos berufen können. Karl Barth, der schon erwähnte reformierte Basler Theologe, hat noch eine andere Deutung vorgelegt, die ich besonders faszinierend finde:

An einer Stelle, in der Johannesapokalypse ganz am Schluss der Bibel, ist die Rede von einer geheimnisvollen Menschen, auf dessen Haupt ein Diamant prangt. Auf diesem Diamant stehe, heisst es, ein Name eingraviert, den niemand kennt als er allein.

Merkwürdigerweise wird der Name aber gleich anschliessend genannt. Er lautet: „Logos“, Wort Gottes. Der Name ist also offenbar für alle sichtbar, für alle lesbar. Aber für niemanden verständlich.

Eben so, sagt Barth, verhält es sich auch mit dem Logos in unserer Lesung. Niemand kennt ihn, keiner kapiert ihn. Bedeutet er nun Wort oder Sinn oder Kraft oder Tat? Who knows? Aber auch: Who cares? Denn der Logos ist nur Platzhalter. Er ist Leerstelle, die sich füllen wird in dem, was folgt.

„Dieser war im Anfang bei Gott“, heisst es im Johannesprolog weiter. „Dieser“, sagt Barth, bezieht sich auf den, der im weiteren Verlauf des Prologs auftauchen wird: Jesus Christus. In dem Ausmass, in dem ich selber leer werde, Leerstelle werde wie der Logos, wird der Messias auch in mir auftauchen. Jesus Christus, der Messias in mir – er wird den Platz des Platzhalters einnehmen.

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Weiter heisst es vom Logos in unserer Lesung:

Alles ist durch ihn geworden,
und ohne ihn ist auch nicht eines geworden,
das geworden ist.


Der Logos ist also bei der Weltschöpfung anwesend gewesen. Durch den Logos, im Logos ist die Welt entstanden, vollzieht sich die Ausdehnung des Alls, die Evolution des Lebens bis hin zu den Menschen.

Bei diesen Aussagen über den Logos fällt etwas auf: Es gibt im Alten Testament, also in früheren Schichten der Bibel, Texte, die ähnlich klingen. Einer, der, wie ich finde, schönste, steht im 8. Kapitel der Sprüche Salomos. Dort heisst es:

22 Gott, der EWIGE hat mich geschaffen am Anfang seines Wegs, vor seinen anderen Werken, vor aller Zeit.
23 In fernster Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, in den Urzeiten der Erde. (…)
27 Als er den Himmel befestigte, war ich dabei, als er den Horizont festsetzte über der Flut,
28 als er die Wolken droben befestigte, als die Quellen der Flut mächtig waren,
29 als er dem Meer seine Grenze setzte, und die Wasser seinen Befehl nicht übertraten, als er die Grundfesten der Erde festsetzte,
30 da stand ich als Werkmeisterin ihm zur Seite und war seine Freude Tag für Tag, spielte vor ihm allezeit.
31 Ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Freude an den Menschen.


Die Person, die da vor Gott spielt und in Ich-Form spricht, ist die Weisheit. Weisheit nicht als ein Charakterzug, eine Eigenschaft, sondern, eben, als Person, näherhin: als eine Frau. Griechisch heisst die Weisheit Sofia, hebräisch Chochma. In allen Sprachen ist ihr Name ein weiblicher.

In den Tiefenschichten des Logos schwingt also immer die Weisheit mit. Der Anfang ist nicht männlich, er ist männlich-weiblich, Logos und Sophia sind eins, der Messias hat eine Anima, eine Seele, die ihn zum ganzheitlichen Urmenschen macht.

Vom Logos, der nunmehr also vereint ist mit Sophia – von diesem Logos heisst es weiter:

„In ihm war Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.“


Das Leben, von dem da die Rede ist, sollte man nicht vorschnell als Ewiges Leben verstehen. Der Logos ist Schöpfungsmittler, die Evolution des Lebens geschieht in ihm und durch ihn. Hier geht es zunächst nicht um ewiges Leben, sondern um Entstehung von Leben überhaupt, in seiner ursprünglich vitalen, auch animalischen, auch sexuellen Kraft.

Und wenn es von der Sophia heisst, sie habe vor Gott gespielt, dann ist das eigentlich eine verniedlichende Übersetzung. Sophia hat getanzt. Und ihr Tanz war erotisch. Das hat der im letzten Jahr im hohen Alter verstorbene reformierte Pfarrer und grosse religiöse Dichter Kurt Marti intuitiv erfasst in seinem Gedicht „Die gesellige Gottheit am Werk“:

Von Ur an:
Gott in Geselligkeit,
Gott mit Sophia,
der Frau, der Weisheit,
geboren,
noch ehe alles begann.

Sie spielte
vor dem Erschaffer (Sprüche 8,22-31),
umspielte, was er geschaffen,
und schlug, leicht hüpfend von Einfall zu Einfall,
neue Erschaffungen vor:
Warum nicht einen anmutig gekurvten Raum?
Warum nicht Myriaden pfiffiger Moleküle?
Warum nicht schleierwehende Wirbel, Gase?
Oder Materie, schwebend, fliegend, rotierend?

So sei es, lachte Gott,
denn alles ist möglich,
doch muß auch Ordnung ins Ganze –
durch Schwerkraft zum Beispiel.

Dazu wünschte Sophia sich ebensoviel Leichtigkeit.
Da ersann Gott die Zeit.
Und Sophia klatschte in die Hände,
Sophia tanzte, leicht wie die Zeit,
zum wilden melodischen Urknall,
dem Wirbel, Bewegungen, Töne entsprangen,
Räume, Zukünfte, erste Vergangenheiten –
der kosmische Tanz,
das sich freudig ausdehnende All.
Fröhlich streckte Sophia Gott die Arme entgegen.
Und Gott tanzte mit.

Dieses Leben der spielenden Sophia, des tanzenden Gottes – dieses Leben ist das Licht der Menschen, heisst es ganz am Schluss unserer Lesung.

Es gilt also, sich mit jenem ursprünglichen Leben zu verbinden, das im Logos entsteht und in der Sophia tanzt.

Von dort her wird Licht aufscheinen, das heisst Orientierung für uns Menschenkinder, die nicht die Instinktsicherheit der Tiere haben. Die viel freier sind in unserer Lebensgestaltung als die Tiere.

Im Leben des Logos leuchtet uns Licht. In diesem Logos kommt alles zusammen, männlich und weiblich, Himmel und Erde, Geist und Materie, Gott und Mensch. Im Logos werden auch wir ganz, offen zum Himmel, mit einem guten Kontakt zur Erde. Das ist die Verheissung, die uns vom Licht des Logos her entgegenleuchtet. Vom messianischen Licht. Vom Licht dessen, der von sich sagt: Ich bin das Licht der Welt.

Kaiseraugst, 16. September 2018

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„Und die Finsternis hat es nicht erfasst“: Impuls zu Joh. 1, 5 in einer Taizé-Feier

Text:

„Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat es nicht erfasst.“


Impuls:

Das Wort „erfasst“ ist interessant – es ist im griechischen Urtext ebenso doppeldeutig wie im Deutschen:

Es bedeutet einerseits: „packen“, „überwältigen“, auch „vernichten“, „auslöschen“.

Und andererseits bedeutet es: „annehmen“, „verstehen“, „begreifen“.

Also: Entweder ist es der Finsternis nicht gelungen, das Licht auszulöschen, zum Verlöschen zu bringen.

Oder: Die Finsternis hat das Licht nicht verstanden, nicht für sich angenommen, nicht in sich aufgenommen.

Beide Übersetzungen sind möglich.

Die Übersetzung: „Die Finsternis hat das Licht nicht ausgelöscht“ geht von einem dualistischen (einem zweiteiligen, zweigeteilten) Weltbild aus: Es gibt in der Welt Licht und Finsternis, es gibt helle und es gibt dunkle Mächte.

Doch letzteren – das wäre die Frohbotschaft dieser Version – wird es niemals gelingen, das Licht auszulöschen. Im Gegenteil: Die Finsternis wird zletscht am Änd vergehen, ihre Tage sind gezählt, denn heute schon scheint das wahre Licht (Thyem 74).

Die andere Übersetzung: „Die Finsternis hat das Licht nicht angenommen“ geht davon aus, dass die ganze Welt finster ist.

Mit dieser Finsternis sind aber nicht dunkle, widergöttliche Mächte gemeint, sondern das Tasten und Tappen im Dunkeln, die Orientierungslosigkeit, vielleicht auch die Angst, die zum Weg durchs Dunkel gehört.

Das Licht, das von der Finsternis nicht angenommen worden ist – dieses Licht ist der Christus, der Messias Jesus. Sein Licht – das wäre Frohbotschaft dieser zweiten Version – leuchtet nichtsdestotrotz, es hat schon im Anfang der Schöpfung, in der Entstehung des Universums geleuchtet. Und es leuchtet bis zum heutigen Tag, leuchtet auch jetzt und leuchtet bis ans Ende der Zeit. Von diesem Licht her wird unser Dasein erhellt, finden wir Orientierung für unseren Lebensweg.

Beide Übersetzungsvarianten sind möglich: „Die Finsternis hat das Licht nicht ausgelöscht." Und: „Die Finsternis hat das Licht nicht angenommen.“ So oder so gilt: „Das Licht scheint in der Finsternis.“

STILLE

„In dunkler Nacht wolln wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nur der Durst wird uns leuchten“ – so heisst das Lied, das wir nun singen.

Das lebendige Wasser, das Quellwasser ist ebenso wie das Licht eine Metapher für den Messias. Es ist der Messias selber, der Christus, der uns vom Ende des Tunnels her Orientierung gibt, uns hinzieht zum Ziel, uns heimholt in den Ursprung, Christus Alpha und Omega.

Singen wir das entsprechende Lied: „De noche iremos“.

Kaiseraugst, 21. September 2018


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Prologpredigt II: Joh. 1, 5.9-12

Text: Joh. 1, 5.9-12


5 Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat es nicht erfasst.

9 Er war das wahre Licht,
das jeden Menschen erleuchtet, der zur Welt kommt.
10 Er war in der Welt,
und die Welt ist durch ihn geworden,
und die Welt hat ihn nicht erkannt.
11 Er kam in das Seine,
und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12 Die ihn aber aufnahmen,
denen gab er Vollmacht,
Gottes Kinder zu werden.


Predigt:

M., der Vater unseres Täuflings, ist von Beruf „Lichtplaner“, sein Job ist es also, Räume auszuleuchten. Da passt, scheint mir, die heutige Lesung. Sie beginnt mit dem Vers:

„Er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der zur Welt kommt.“

Mit ER ist wiederum dieser geheimnisvolle LOGOS gemeint, von dem der Johannesprolog handelt. Der Logos, das Wort, das am Anfang in Gott ist, durch das die Welt entstanden ist und das sich dann inkarniert, in Jesus Christus, im Messias Jesus.

Das wahre Licht ist also das göttliche Licht, das das Universum erhellt als eine Art kosmische Hintergrundstrahlung. Dieses Licht wird eindrücklich geschildert in einem Text, auf den mich ein Astrophysiker hingewiesen hat:

„Jenseits der Sonne und der Sterne, hinter allem, was du siehst und doch irgendwie vertraut, wölbt sich ein bogen goldenen Lichts, der sich, während du schaust, zu einem grossen, leuchtenden Kreis ausdehnt. …
Das Licht dehnt sich unendlich aus und leuchtet immerdar, ohne dass irgendwo eine Grenze oder Unterbrechung wäre. Darin ist alles in vollkommener Kontinuität verbunden. Und es ist unvorstellbar, dass irgendetwas ausserhalb sein könnte, denn es gibt keinen Ort, wo dieses Licht nicht wäre.“ (Aus: Ein Kurs in Wundern)


Dieses kosmische Licht, das heller leuchtet als tausend Sonnen, in dem jedes andere Licht gedimmt, abgeschattet erscheint – dieses Licht ist zugleich das messianische Licht, das Licht Jesu Christi, der sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“

Es ist ein Paradox, rational nicht zu erfassen: Das unbegrenzte Licht leuchtet zugleich einzigartig hell in dem real existierenden Menschen, dessen biografische Eckdaten bekannt sind: Jesus von Nazareth.

Dieser Gedanke findet am ehesten seine Entsprechung in der jüdischen Vorstellung, dass die ganze Welt Gottes Licht nicht fassen kann. Dass Gott sich deshalb gleichsam zusammenzieht, sich hinein verdichtet in den heiligen Raum des Tempels.

Eben dies geschieht gemäss christlichem Glauben in Jesus Christus: In ihm verdichtet sich, zieht sich das messianische Licht zusammen.

Die Botschaft des Messias Jesus ist lichtvoll auch in dem Sinn, dass sie Orientierung gibt, dass sie unser Dasein ausrichtet hin zum göttlichen Licht. Etwa die Botschaft der Feindesliebe, wie er sie in der Bergpredigt formuliert hat:

„Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, so werdet ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute.“

Das Licht im Ursprung der Welt und das messianische Licht, das von Jesus von Nazareth ausstrahlt, sind also ein und dasselbe.

Dieses Licht erleuchtet jeden Menschen, der zur Welt kommt, heisst es in unserer heutigen Lesung. Merkwürdigerweise ist Erleuchtung aber nicht der Grundzustand, nicht die Grundbefindlichkeit unseres Seins in der Welt. Im Gegenteil:

Die Welt wird im Johannesprolog als Finsternis beschrieben, in die hinein das Licht leuchtet. Und obwohl die Welt durch dieses Licht entstanden ist, erkennt sie es nicht.

Finsternis – als solche wird unser Dasein jenseits von Eden beschrieben. Unser Leben, nachdem wir aus dem Paradies vertrieben worden, aus der Einheit mit Gott hinaus gefallen sind. Hier, wo wir getrennt sind vom ursprünglichen Licht.

Gemäss einer alten Legende werden wir Menschenkinder, wenn wir zur Welt kommen, vom Engel des Vergessens geküsst. Nach diesem Kuss wissen wir nicht mehr, woher wir kommen. Es soll solche geben, die im entscheidenden Moment das Gesicht etwas abdrehen, so dass der Kuss die Lippen nicht voll trifft. Jene haben, wer weiss, eine teilweise, eine schatten- und schemenhafte Erinnerung an das ursprüngliche Licht.

Dieses Licht nun scheint in der Finsternis. Das Licht war in der Welt, und weil die Welt durch es geworden ist, ist die Welt sein Eigentum. Das Licht kam also in das Seine. Doch die Seinen, wir Menschenkinder, haben das Licht nicht erkannt, nicht begriffen, nicht in uns aufgenommen.

Etwas an dem Hymnus, den wir gehört haben, fällt auf: Er ist Zeile für Zeile durch ein „UND“ verbunden, das im deutschen Sprachgebrauch ungewohnt und au chli unschön ist, das aber im biblischen Sprachgebrauch einen feierlichen Klang schafft:

UND das Licht scheint in der Finsternis.
UND die Finsternis hat es nicht erfasst.
UND die Welt ist durch ihn, den Logos, geworden.
UND die Welt hat ihn nicht erkannt.
UND die Seinen nahmen ihn nicht auf…


Dieses sich wiederholende UND, heisst es in einem Kommentar, „spricht mit seinem feierlichen Klang gleichsam ein göttliches Urteil aus“ (Bultmann 28). Dieses UND – wenn man dem erwähnten Kommentar folgt, der übrigens von Rudolf Bultmann stammt, dem bedeutendsten Neutestamentler des letzten Jahrhunderts –, dieses feierliche UND deutet an, dass Gott selber ein Interesse daran hat, dass wir Menschenkinder uns ins Dunkel, in die Finsternis hinein begeben.

Entsprechend dem Lied, das der jüdische Sänger Leonhard Cohen kurz vor seinem Tod vor einem Jahr noch gesungen hat: „YOU want it darker“. „DU, Gott, willst es dunkler.“

DU willst, dass wir dort unten verweilen, in der Finsternis, solange wir wollen. Solange es unser Wille ist. Wir sind da absolut frei.

Und wir fallen nie aus Gott heraus, auch ganz unten nicht, auch die Finsternis ist nicht finster für Gott, wie es in einem Psalm heisst. Die Nacht leuchtet wie der Tag.

Dann aber, in unserer Lesung, erscheint ein neues Wort, eines, das bis jetzt nicht aufgetaucht ist: Statt des Wortes UND, das Zeile für Zeile vorgekommen ist, heisst es plötzlich ABER:

Die ihn ABER aufnahmen,
denen gab er Vollmacht,
Kinder Gottes zu werden.


Dieses ABER markiert die Umkehr am Tiefpunkt. Hier, ganz unten, geschieht die Rückkehr zum Licht.

„Vollmacht geben“ ist ein juristischer Ausdruck. Er meint: Wir sind Kinder Gottes nicht, weil wir das im Moment grad einfach mal so spüren. Es ist gültig, es ist objektiv, es gilt bis ans Ende der Zeit: Wir sind Kinder Gottes, wir sind aus Gott gezeugt, wir sind Licht von Gottes Licht.

Um eben dies zu erfahren, sind wir in die Finsternis gegangen. Eben dies erzählt der US-amerikanische Autor Neale Donald Walsch in seinem spirituellen Bestseller „Gespräche mit Gott“, mit einfachen, eingängigen Worten:

„Es war einmal eine Seele, die sich als das Licht erkannte. Es war eine sehr neue Seele und deshalb auf Erfahrung erpicht. „Ich bin das Licht“, sagte sie. „Ich bin das Licht.“ Doch all dieses Wissen und Aussprechen konnte die Erfahrung davon nicht ersetzen. Und in dem Reich, aus dem die Seele auftauchte, gab es nichts ausser dem Licht. Jede Seele war grossartig, jede Seele war herrlich, und jede Seele erstrahlte im Glanz von Gottes ehrfurcht-gebietendem Licht. Und so war diese kleine Seele eine Kerzenflamme in der Sonne. Inmitten des grandiosesten Lichts – von dem sie ein Teil war – konnte sie sich selbst nicht sehen und auch nicht erfahren, wer-und-was-sie-wirklich-ist.

Nun geschah es, dass diese Seele sich danach sehnte und verzehrte, sich selbst kennenzulernen. Und so gross war ihr Verlangen, dass Gott eines Tages zu ihr sagte: „Weisst du, Kleines, was du tun musst, um dein Verlangen zu befriedigen?“ „Oh, was denn, Gott? Was? Ich werde alles tun!“ sagte die kleine Seele.
„Du musst dich vom Rest von uns trennen“, gab Gott ihr zur Antwort, „und dann musst du für dich die Finsternis herbeirufen.“ „Was ist die Finsternis, o Heiligkeit?“ fragte die kleine Seele. „Das, was du nicht bist“, erwiderte Gott, und die Seele verstand.

Und so entfernte sie sich von Allem und machte sich auf in ein anderes Reich. Und in diesem Reich hatte die Seele die Macht, sämtliche möglichen Formen von Finsternis in ihre Erfahrung zu rufen. Und das tat sie auch.

Doch inmitten all der Finsternis rief sie aus: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“ So wie ihr das auch in euren dunkelsten Zeiten getan habt. Doch Gott hat euch nie verlassen. Er ist euch immer zur Seite gestanden, bereit, euch daran zu erinnern, wer-ihr-wirklich-seid; bereit, immer bereit, euch nach Hause zu rufen.

Parabel von der kleinen Seele und der Sonne
(nach Neal Donald Walsh, „Gespräche mit Gott“ Bd. 1, S. 63f.)

Wir werden also die Gotteskinder, die wir immer schon gewesen sind. Auf unserem Weg nach Hause: Bhüet eus Gott!

Kaiseraugst, 30. September 2018

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Der Täufer schneit in die Ewigkeit hinein: Impuls zu Joh. 1, 6-8 und 15 in einer Taizéfeier

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott“, heisst es dort, in einem hochphilosophischen, hochspekulativen Text.

Dann geschieht etwas, was ein grosser Kommentator des Neuen Testaments (Wellhausen) nicht ohne Humor beschrieben hat als das Hineinschneien des Täufers in die Ewigkeit:

„Es trat ein Mensch auf, von Gott gesandt, sein Name war Johannes. Dieser kam zum Zeugnis, um Zeugnis abzulegen von dem Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kämen. Nicht er war das Licht, sondern Zeugnis sollte er ablegen von dem Licht.“

Nach diesem Einschub geht es wieder hochphilosophisch, hochspekulativ weiter. Und dann schneit der Täufer noch einmal hinein:

„Johannes legt Zeugnis ab von ihm, er ruft: ‚Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Der nach mir kommt, ist vor mir gewesen. Denn er war, ehe ich war‘.“

Dieses Hineinschneien des Täufers ist gerade so, als „rude interruption“, wie es in einem Kommentar heisst, als rüde, ruuche, rüpelhafte Unterbrechung, beabsichtigt. Der Johannesprolog, dieses hochgeistige Gedicht am Anfang des Evangeliums, bleibt so nämlich nicht abstrakt. Mitten drin tritt der Täufer auf, ein Mensch wie du und ich.

Bei diesen beiden Zeugnissen des Täufers fällt der Wechsel der Zeit auf: „Es trat ein Mensch auf“, heisst es zunächst in der Vergangenheitsform. Und dann weiter: „Johannes legt Zeugnis ab“ im Präsens, der Gegenwart.

Dieser Wechsel der Zeit ist kein Zufall, das ist bewusst so geschrieben. Johannes der Täufer ist einerseits eine Figur der Vergangenheit, ein Zeitgenosse Jesu.

Doch Johannes der Täufer das ist auch eine gleichsam gegenwärtige Gestalt, in die ich mich wie in einem Schauspiel hineinversetzen kann: Johannes der Täufer, das bin ich.

Was „ich“ als Täufer nun sage, sprengt den Zeitrahmen, in dem sich mein Leben abspielt: „Der nach mir kommt, ist vor mir gewesen“, sage „ich“ mit einer Aussage, die im Konzept der linearen Zeit nicht zu fassen ist.

Mein Leben wird zum Zeugnis, es weist über die eigene begrenzte Lebenszeit hinaus in die Ewigkeit, in den Ursprung, ins Ziel. Zeuge der Ewigkeit zu sein hier in der Zeit, das ist unsere Aufgabe, wenn wir die Welt aus der Sicht des Täufers, Auge an Auge mit dem Täufer, als „Gleichzeitiger“ (Kierkegaard) mit dem Täufer sehen…

Kaiseraugst, 12. Oktober 2018
Kontakt: Pfr. Andreas Fischer
aktualisiert mit kirchenweb.ch
Autor: Andreas Fischer