Gottesdienst zum Ausklang der Sommerferien

Kirchgemeindehaus Kaiseraugst (Foto: Jutta Wurm)
Musik: Rani Orenstein
Kollekte: Cartons du Coeur
Das traditionsreiche Gemeindefest kann dieses Jahr coronabedingt nicht stattfinden. Doch ein kleiner Apero zum Abschluss der Sommerferien darf und muss sein! Herzliche Einladung dazu!

In der Predigt befasse ich mich noch einmal mit einem Text aus der Bergpredigt Jesu. Es ist, passend zur Renovation unseres Kirchgemeindehaus, das Gleichnis vom auf Fels bzw. auf Sand gebauten Haus:

"Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat. Da gingen Regengüsse nieder, Sturzbäche kamen, und Winde wehten und warfen sich gegen das Haus, und es stürzte nicht ein. Denn Fels war sein Fundament. Und jeder, der diese meine Worte hört und nicht danach handelt, ist einem törichten Mann gleich, der sein Haus auf Sand gebaut hat. Da gingen Regengüsse nieder, Sturzbäche kamen, Winde wehten und schlugen gegen das Haus, und es stürzte ein, und sein Sturz war gewaltig." (Mt. 7, 24-27)

Voilà das Manuskript der anderen Bergpredigt-Predigt in diesen Sommerferien (vom 11. Juli 2021):

Text: Mt. 6, 25-34:

Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. …
Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen - euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie? …
Und was sorgt ihr euch um die Kleidung? Lernt von den Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht, ich sage euch aber: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn Gott aber das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!
Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was werden wir essen? Oder: Was werden wir trinken? Oder: Was werden wir anziehen? Denn um all das kümmern sich die Heiden. Euer himmlischer Vater weiss nämlich, dass ihr das alles braucht. Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden. Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last.

Predigt:

Vor etwa einem Vierteljahrhundert verbrachte ich zweimal einen Monat in Slums am Rand von Manila, Ibayo hiess der eine, San Pedro Laguna der andere.

Die Menschen im Slum können sich tatsächlich nicht um den morgigen Tag kümmern, weil sie nämlich schauen müssen, woher sie heute ihr tägliches Brot bekommen. Und trotzdem und gerade so strahlen sie eine spontane Heiterkeit aus, die tatsächlich an die Sorglosigkeit der Vögel und Schönheit der Lilien im Text erinnert.

Das Lachen, die Lieder, die leuchtenden Kinderaugen bleibt unvergessen.

Nach der Rückkehr in die Schweiz, im Tram, kam mir das Lied von Mani Matter in den Sinn, zu dem ihn ein Satz inspirierte, das während der 68-er Unruhen an eine Wand in Paris gesprayt worden war: „Regardez vous! Vous êtes tristes!“

„Warum sit ir so trurig“, heisst der Chanson. Es ist einer seiner letzten, er ist nicht gereimt und gerade so irgendwie besonders berührend. Wenn ich das Lied jetzt, auf Züritüütsch übersetzt, zu singen versuche, dann vor allem für mich selber, als einem, der inzwischen versichert ist für alle möglichen Zufälle, der, wenn das Alter kommt, eine rechte Pension hat und dem es hier und da auch für ein kleines „Drüberii“ reicht…

Werum sind iir so truurig?
Momoll, mer gseets eu doch aa.
Söttid emaal eui Gsichter gsee,
wener sizzet im Büro.
Söttid emaal eui Gsichter gsee,
wener faared im Tram.

Werum sind iir so truurig?
S gaat eu doch soo, weners wänd.
Frau und Chind sind doch zwääg,
im Pruef gaats immer chli ufwärts.
Und s langt doch au öppemaal
für e chliises Drüberii.

Werum sind iir so truurig?
Händ er Angscht vor däm, wo chönnt cho?
Aber iir sind doch versicheret
gäge die mögliche Zuefäll.
Und wenn s Alter dänn chunnt,
händ er e rächti Pension.

Werum sind iir so truurig?
Nei, ir wüssed kän Grund.
Vilicht, wen er en Grund hättet,
wäred er weniger truurig.
Mänge, wenn s Läben im weetuet,
bsinnt sich dur das wider draa…
Werum sind iir so truurig?
Momoll, mer gseets eu doch aa.

Die Frage, ob unser versichertes, verplantes, ver-sorgtes Dasein den Zugang zur ursprünglichen Lebensfreude eher verstellt als eröffnet, scheint nicht unberechtigt, wenn man die lachenden Menschen in ihren Blechhütten sieht oder eben: die Vögel des Himmels und die Lilien auf dem Feld.

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Allerdings könnte die Unbeschwertheit auch täuschen: Ich habe in den Slums auch ziemlich viele Situationen erlebt, in denen ich mir gewünscht hätte, die Menschen würden wenigstens ein My über den heutigen Tag hinausdenken. Würden zum Beispiel destilliertes Wasser statt hochprozentigen Alkohol trinken. Würden für ganz wenig Geld auf paradiesischen Märkten Reis und Gemüse und Fisch einkaufen, statt halbe Monatslöhne für Burger und Pepsi zu vergeuden. Würden ihren Kindern Zahnbürsten schenken statt Schleckwaren. Und würden sich selber ein gutes Bett erstehen statt noch einen dieser ewig flimmernden, allüberall dröhnenden Fernseher.

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Dasselbe Unbehagen, das ich im Slum empfand, empfinden manche Kommentatoren in Bezug auf unseren Text. Es gibt ansonsten sehr besonnene Theologieprofessoren, die angesichts dieser Passage in der Bergpredigt geradezu in Rage geraten:

Einer von ihnen (Johannes Weiss) sagte sinngemäss, die Rätschläge Jesu mögen vielleicht passen zu im sonnigen Süden herumvagabundierenden Singles, wie seine Jünger und er selber es waren.

Glücklicherweise biete die Bibel uns aber noch andere Vorbilder als Vögel und Lilien – echte, hilfreiche Vorbilder für Menschen, die sich bemühen, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen und auf ehrliche Weise das tägliche Brot zu verdienen für sich und ihre Kinder.

1) Zum Beispiel Josef, der als Flüchtling in Ägypten Aufnahme findet und vom Pharao zum Regierungschef über das ganze Land eingesetzt wird.

Grund für die Beförderung ist gerade dies: dass Josef sich um die Zukunft sorgt. Der Pharao träumt von sieben fetten und sieben mageren Kühen, die aus dem Nil herauf steigen. Josef versteht: Es werden sieben fette und dann sieben magere Jahre kommen. In den sieben fetten Jahren soll man sparen, damit das Volk nicht hungert, wenn anschliessend die grosse Dürrezeit folgt. Solch umsichtige Regenten, die sich sorgen fürs Volk und „in Scheunen sammeln“, wünscht man sich doch – auch heute.

2) Ein anderes Vorbild, das uns die Bibel alternativ zu den Vögeln und Blumen gibt, ist die Ameise. Der König Salomo, den Jesus in unserer Lesung mit den Lilien auf dem Feld vergleicht, hat eine Sammlung von Sprüchen geschrieben, zumindest werden sie ihm zugeschrieben: die „Sprüche Salomos“.

Mit einem dieser Sprüche hat mich mein Vater jeweils scherzhaft aus dem Bett geholt, wenn ich in meinen jungen Jahren seiner Meinung nach zu lang schlief. Der Spruch geht so:

„Geh zur Ameise, du Fauler,
sieh dir ihre Wege an, und werde weise.
Obwohl sie keinen Anführer hat,
keinen Aufseher und keinen Herrscher,
sorgt sie im Sommer für ihr Futter,
sammelt sie in der Erntezeit ihre Nahrung.
Wie lange, du Fauler, willst du liegen bleiben,
wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?“

(Darauf antwortet der Faule:)

Noch ein wenig schlafen, noch ein wenig schlummern,
noch ein wenig die Hände ineinander legen und liegen bleiben ---“

(Und nun kommt die Moralkeule, die auch den Faulsten noch aus dem Bett aufscheucht:)

„Da kommt wie ein Räuber die Armut über dich
und der Mangel wie ein bewaffneter Mann.“
(Sprüche 6, 6-11)

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Es gibt offenbar verschiedene – vernünftige, auch innerbiblische – Gründe, die Worte von Jesus in unserer heutigen Lesung zu relativieren. Josef, könnte man sagen, sei weiser als Jesus, und die Ameise das bessere Vorbild als die Vögel und Lilien.

Indessen vermute ich, wenn wir hier stehen blieben, hätten wir die Worte von Jesus nicht in ihrer wahren Tiefe erfasst. Die Vögel des Himmels, die Lilien auf dem Feld – sie erinnern nicht einfach nur an einen Sonntagsspaziergang im Sommer. Nein, sie erinnern ans Paradies, an unseren Ursprung. Ans genuine Gutsein. An den grossen Segen.

Am Anfang der Bibel wird erzählt, wie die Menschenkinder aus dem Ursprung, aus dem Paradies vertrieben werden. Zur conditio humana, der menschlichen Situation hier draussen, east of Eden, jenseits von Eden, gehört die Arbeit. Damals, bei der Vertreibung aus dem Paradies, sprach Gott zum Menschen:

„Mit Mühsal wirst du dich von vom Erdboden ernähren dein Leben lang.
Dornen und Disteln wird er dir tragen,
und das Kraut des Feldes wirst du essen.
Im Schweiss deines Angesichts
wirst du dein Brot essen,
bis du zum Erdboden zurückkehrst.“

Nicht einmal eine Pensionierung ist also im biblischen Lebensplan vorgesehen –bis zur Rückkehr zum Erdboden, bis zum bitteren Ende soll der Mensch im Schweisse seines Angesichts chrampfen.

Die Worte Jesu weisen hinter die Vertreibung aus Eden zurück:

Die Vögel des Himmels säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, sagt Jesus mit Bezug auf die zu seiner Zeit typisch männliche Arbeit. – Die Lilien auf dem Feld weben und spinnen nicht – das war damals typisch weibliche Arbeit.

Die Worte Jesu weisen zurück in jenen Urzustand, in dem nicht gearbeitet wird. Sie öffnen die Tore zum Paradies. Dort waren wir hell und rein und unschuldig. Wir trugen ein Lichtkleid, waren wir nackt und schämten uns nicht. Wir ernährten uns von den Früchten der Bäume – sie waren schön anzusehen und gut zu essen – so heisst es in der Genesis. Völlig gratis waren diese Früchte, gratia gratis data, Geschenk allein aus Gnade. Wir mussten nichts dafür tun. Wir mussten nicht arbeiten.

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An diesen ursprünglichen Zustand erinnern die Worte Jesu, in ihn hinein führen sie. Der Weg geht über das Sehen: „Seht, schaut, lueged“, heisst es betont am Anfang unseres Textes.

Der zeitgenössische Jesuit und Meditationslehrer Niklaus Brantschen hat eine Betrachtung über den Sehsinn unter dem Titel „Sehen lernen heisst staunen lernen“ verfasst. Darin lädt er zu einer einfachen Übung ein:

„Formen Sie mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine Art Guckloch. Schliessen Sie das linke Auge, und schauen Sie durch das Guckloch. Ein ungewohnter Ausschnitt der Umgebung kommt in Ihr Blickfeld… Alltägliche Dinge erscheinen in ihrer Einmaligkeit und wie neu.“ (56f.)

Dann zitiert Niklaus Brantschen ein Haiku des japanischen Lyrikers Basho:

„Wenn ich aufmerksam schaue,
Sehe ich die Nazuna
An der Hecke blühen.“

Die Nazuna ist eine unauffällige Blume, ähnlich unauffällig wie dieses Gedicht, dieses Haiku von Basho. „In einer unauffälligen Blume“, schreibt Niklaus Brantschen, „erblicke ich das Ganze, Umfassende, Sinngebende – und lerne staunen.“ (57)

Das Gleiche geschieht mit den Lilien des Feldes in unserem Text. Diese sind, wohlbemerkt, nicht etwa Gartenpflanzen, sondern Gras des Feldes, das heute aufblüht und morgen in den Ofen geworfen wird.

Sie sind Unkraut, der Wortbezug von den „Lilien des Feldes“ zu den „Disteln und Dornen des Feldes“ bei der Austreibung aus dem Paradies ist nicht zufällig.

Doch wenn wir die Lilie des Feldes mit ungetrübten, lauteren Augen betrachten, gleichsam mit den Augen Gottes, dann sehen wir in ihr die Paradiesblume, die sie ihrem Wesen nach ist, in ihrer ursprünglichen, einzigartigen Schönheit.

Dasselbe gilt für die Vögel. Ganz bewusst bezeichnet sie Jesus als „Vögel des Himmels“. Der Wortbezug zum „himmlischen Vater“ macht deutlich, dass diese unauffälligen und gefährdeten Wesen, die hier in der Nachbarschaft von den Katzen gefressen werden, die im Mittelmeerraum mit Schlingen, Netzen, Leimruten gefangen werden und die in einem Kommentar zu unserem Text bissig als „Sonntagsbraten des kleinen Mannes“ (Weder) bezeichnet werden – dass diese Wesen eigentlich göttlich sind.

Dass jedes einzelne dieser Wesen von Gott ernährt, von Gott gesehen, in Gottes Hand geborgen ist.

Weiter: Der Einzigartigkeit dieser einen Blume, dieses einen Vogels entspricht die Einzigartigkeit dieses einen Tages. Darum geht es im letzten Vers:

„Sorgt euch nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last.“

Die Konzentration auf diesen einen Tag, diesen einen Atemzug, diesen einen Augenblick – das grosse Thema der Meditation – bringt ein Gedicht des Barockdichters Andreas Gryphius zum Ausdruck, das ich ebenfalls bei Niklaus Brantschen gelernt habe:

"Mein sind die Jahre nicht,
die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht,
die etwa mögen kommen;
der Augenblick ist mein,
und nehm ich den in acht,
so ist der mein,
der Zeit und Ewigkeit gemacht."

Also: Das Sehen, die Vögel des Himmels, die Lilien auf dem Feld, der heutige Tag – all diese Elemente unseres Textes führen hinein in die Dimension änedraa, in den Worten Jesu öffnet sich die Pforte zum Paradies. Das Tor zum Himmelreich geht auf.

Wenn Jesus am Schluss unseres Textes sagt: „Sucht zuerst das Reich Gottes“, dann meint er nichts anderes als dies: die Rückkehr zum Ursprung, zu diesem ursprünglichen Gutsein, das da ist und sichtbar wird, wenn wir das „Sorgen“ loslassen, das, was Mani Matter treffend als „Traurigkeit“ beschreibt. Das, was er in unseren Gesichtern sieht, wenn wir im Büro sitzen, wenn wir im Tram fahren.

Wir sind dazu bestimmt, frei zu sein wie die Vögel des Himmels und schön, wie die Lilie des Feldes. So sind wir gedacht. Im Slum, damals, hatte ich einen Traum. Darin giesst ein junger Mann, der sinnigerweise gleich heisst wie unser Pianist, Rani, Wasser über mir aus, aus einem Eimer, den wir sonst zum Spülen der Toilette brauchten. Ich weiss im Traum: Es ist „the water dignity“, das Wasser der Würde. Sie ist bedingungslos, diese Würde, gratis und absolut unverbrüchlich. Sie bleibt auch jetzt, wo es in meinem Leben hie und da für ein kleines Drüberii reicht, wo ich versichert bin gegen mögliche Zufälle und wenn das Alter kommt, eine rechte Pension wartet. Es gilt nur, sich an die Würde zu erinnern. Auf der Suche nach deinem Reich bhüet eus, Gott! Amen.

Kontakt: Pfr. Andreas Fischer