20180823_RefRheinfelden_6_sRGB_finweb —  Leszek Ruzkowski
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Bereitgestellt: 25.10.2019

Betrachtung

Bibel im Kerzenlicht<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchenweb.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>203</div><div class='bid' style='display:none;'>1283</div><div class='usr' style='display:none;'>1</div>

Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde, Genesi

Die Menschen sollen sich vermehren. Klipp und klar tönt dieses Gebot in der Formulierung der Priester, die den ersten biblischen Schöpfungsbericht verfasst haben. Zur Entstehungszeit dieser Schrift kennen die biblischen Autoren bereits eine Vielzahl von fremden Völkern. Die meisten von ihnen sind grösser und mächtiger als ihr eigenes Volk Israel.

Die Verfasser der Schöpfungsgeschichte wissen also auch, dass durch das Bevölkerungswachstum Interessen verschiedener Menschen aufeinander prallen, dass sich Konflikte um Land und Ressourcen ergeben, dass Kriege und Versklavung der Schwächeren durch die Mächtigeren resultieren: das alles kennen sie aus eigener Erfahrung. Dennoch stellen sie die Aufforderung zur Fortpflanzung als Gottes ursprünglichen und universellen Willen dar. Das mag erstaunen.

Die einzelnen Sippen, Völker und Reiche haben seit unvordenklichen Zeiten das "Mehret euch und bevölkert die Erde" als eine Überlebensstrategie für die eigene Population angewandt. Auch die Israeliten.

Das Kinderkriegen hat einen „Versicherungsaspekt“ – bis in unsere Tage hinein, in denen wir um den Erhalt der Altersversorgung bangen müssen, da das Verhältnis zwischen Jung und Alt aus dem Lot gerät. Demografie zählt aber auch zu den ursprünglichsten Kriegsführungsmethoden. Nur wer zahlreichen Nachwuchs hat, kann seine Interessen erfolgreich durchsetzen: mit Gottes Segen – so die archaische Vorstellung, die bis heute nachwirkt. Der Ausdruck "Kindersegen" ist durchaus biblisch inspiriert. Das hier zitierte Gebot selbst wird durch einen Segen eingeleitet.

Und dennoch bleibt heute von den alten Gewissheiten wenig unangefochten bestehen. Angesichts der Überbevölkerung der Erde scheint vielen ein Verzicht aufs Elternsein nichts als konsequent, als ein Akt der Selbstlosigkeit. Auch das Klimaargument redet bei der Kinderlosigkeit ein Wort mit. "Ein Kind ist das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann", verkündete kürzlich eine Buchautorin und bekennende Nicht-Mutter. Die Migration – das andere prominente Thema unserer Zeit – hängt ganz offensichtlich ebenfalls mit dem Reproduktionsverhalten der verschiedenen Völker zusammen. Das Resultat ist augenscheinlich: viele reiche, überalterte Gesellschaften auf der nördlichen Halbkugel stehen kinderreichen, armen Familien in der südlichen Hemisphäre gegenüber. Wen kann es wundern, dass auf unserem Planeten ein riesiger Migrationsdruck entsteht?

"Das gleicht sich doch ganz schön aus" könnte ein Marsianer denken, der über diese Situation auf der Erde hört. Natürlich irrt er mit dieser Annahme. Denn uns ist nicht egal, wer wo lebt, wer wovon profitiert. Wir halten die demografische Entwicklung immer noch eine Waffe, die uns – und nicht anderen – Vorteile verschaffen muss.

Alles andere wäre doch eine Welt, in der die Menschen eine Gemeinschaft bilden und miteinander teilen, was sie haben. Eine Welt, in der es weder Griechen noch Juden gibt, sondern alle eins sind als Gottes Söhne und Töchter. Es wäre eine Welt, in der Kinder zu bekommen gleichermassen gesegnet wäre wie keine zu bekommen. Aber von so einer Welt haben wir noch nie etwas gehört. Oder?

Leszek Ruszkowski