50 Jahre Kaiseraugster Kirchgemeindehaus

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Im Jahr 1967, also vor fünfzig Jahren, wurde das reformierte Kirchgemeindehaus in Kaiseraugst eingeweiht. Am Sonntag, den 13. August begingen wir das Jubiläum mit Gottesdienst und Grillfest.
Andreas Fischer,
Emil Aeschbach, der 95-jährige Architekt unseres Kirchgemeindehauses (vgl. Porträt unten: "Bauherr der Seelenabschussrampe") war zugegen. Desgleichen Willy Zinniker, einst Gemeindeschreiber und Kirchenpfleger, heute 96 Jahre alt. Esther Borer, meine Vorgängerin, die ein Vierteljahrhundert lang hier arbeitete. Sibylle Lüthi, die Gemeindepräsidentin und weitere Mitglieder des Gemeinderats. Täufling Elias Raphael Mann mit Eltern und Angehörigen. Und viele, viele mehr.

In der Predigt versuchte ich, im Geist meines Vorvorgängers Pfr. Jürg Fahrni (vgl. Artikel unten: "Nicht das Haus, der Haufe!") die Vorzüge einer Kirche anzupreisen, die durchlässig ist für den Alltag, für alle Wesen und die ganze Welt. Dabei bezog ich mich auf den 84. Psalm, in dem von den Vögeln die Rede ist, die sich in der Kirche einnisten. Auch wir Menschenkinder sind in gewissem Sinn Vögel, mehr oder weniger schräg – und finden, so Gott will, in der Kirche ein Nest.

Dann, nach grandiosen Klavierklängen von Rani Orenstein, der derzeit Marta Casulleras vertritt, und einem Tour d’Horizon von Urgestein Urs Wullschleger durch die Geschichte des Kirchgemeindehauses ging’s hinaus ins Freie. Oben am Himmel versammelten sich Jungstörche – als wollten sie vor dem Abflug gen Süden noch zum Jubiläum gratulieren. Unter den Bäumen gab‘s Bier und Weisswein, Würste und Steaks, Kaffee und Kuchen – alles bereitet durch eine unglaublich eingespielte Freiwilligentruppe. Es bleibt mir, auch im Namen des Vorstands des Gemeindevereins, allen Mitwirkenden und Mitfeiernden herzlichst zu danken!

Andreas Fischer

(siehe auch Bildgalerie unten)


Bauherr der Seelenabschussrampe

Auf der Suche nach Informationen über die Entstehung des Gebäudes findet man zunächst ein Predigtmanuskript des damaligen Pfarrers Jürg Fahrni. Darin beschreibt er das Konzept des Kirchgemeindehauses. Dieses sei in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgekommen und habe sich von „eigentlichen Kirchen mit Schiff und Chor und Glocken“ bewusst abheben wollen. „Es waren reine Zweckbauten, die in sich selber nichts Heiliges hatten“, schreibt Fahrni, oft seien sie „absichtlich hässlich“ gebaut worden. Davon sei man im Verlauf der folgenden Jahrzehnte aber glücklicherweise wieder abgekommen. Das Kaiseraugster Kirchgemeindehaus ist gemäss Fahrni eine gelungene Kombination aus Form und Funktion: „Ich meine, unser Kirchgemeindehaus ist ein schönes Haus und dient dem Zweck, Menschen zusammenzuführen zum Singen und zum Beten, aber auch zum Essen und sich Freuen.“

Den Architekten, der dieses Gebäude einst konzipiert hatte, findet man dank der Recherchen des Präsidenten des reformierten Gemeindevereins Kaiseraugst, Jos van der Marel, der selber Architekt ist, in Küttigen in der Nähe von Aarau. Emil Aeschbach, inzwischen 95-jährig, erfreut sich bester Gesundheit. Wir sitzen im Garten, es ist früher Nachmittag, „zum Anfang“, sagt er, „nehmen wir einen Weissen“. Kurz darauf tauchen seine ehemaligen Partner im Architekturbüro „Aeschbach Felber Kim“ auf. Beide wohnen in der Nähe, die drei sind seit der Kantonsschulzeit und weit über die Pensionierung hinaus miteinander befreundet. Eigentlich habe er immer allein arbeiten wollen, erzählt Aeschbach, „aber die beiden waren ausgesprochene Glücksfälle. Die waren vom KTV Aarau, dem Kantonsschüler Turnverein, unserer Studentenverbindung.“

Es waren andere Zeiten, damals, und es scheinen nicht die schlechtesten gewesen zu sein. Streit im Team gab es nicht, sagen die drei unisono. Das verbindende Prinzip des Büros lautete, „keine Prinzipien zu haben“. „Beziehungsweise“, präzisiert Aeschbach nach kurzem Nachdenken, „Ernsthaftigkeit und Konzentration bei der Arbeit, das waren natürlich schon gemeinsame Werte, und eben auch Freundschaft, Generosität, Humor.“ Bis heute spricht man sich nicht mit dem Vor-, sondern dem Cerevis-, dem Biernamen an. Der eine heisst Simba, der andere Tschupp, der dritte Tusch, weil er zu Gymizeiten gut zeichnen konnte.

Das erste Hochhaus und le Choix du Roi

Nach Aktivdienst, Abschluss des ETH-Studiums, Praktika, ersten Anstellungen und einer Studienreise in den Norden Europas machte sich Emil Aeschbach selbständig. Nun wollte er, von den Filmen Marcel Pagnols fasziniert, nach Südfrankreich auswandern. Die Lebensweise und das Klima dort, vermutet er, hätten ihm besser behagt. Doch just jetzt, kurz vor der Abreise, gewann er den Wettbewerb für das Schwesternhaus des Kantonsspitals und baute, gerade mal 34-jährig, das erste Hochhaus in Aarau. „Mach nöd s Chalb“, sagte er am Telefon, als er den Zuschlag bekam, „wer bisch eigentli?“ Er sei der Adjunkt des Kantonsbaumeisters, antwortete der andere. Schliesslich konnte er ihn davon überzeugen, dass er keinen Chabis erzähle. Aeschbach blieb in der Schweiz, heiratete, wurde Vater eines Buben, eines Meitli, wieder eines Buben und nochmals eines Meitli. Le choix du Roi nenne man diese Reihenfolge.

Nach dem Zuschlag für’s Schwesternhaus kaufte Emil Aeschbach kurz vor Ladenschluss eine Schweizerfahne und entrollte sie aus dem Bürofenster im 3. Stock an der Bahnhofstrasse. Wenn die Fahne fortan dort raushing, fragten die anderen Architekten: „So, was händ er wieder gwunne?“ Das Architekturbüro hat bis heute Bestand, nur die Namen haben zum Teil gewechselt, statt „Aeschbach Felber Kim“ heisst man heute „Felber Widmer Schweizer“.

Dass Emil Aeschbach das Kaiseraugster Kirchgemeindehaus baute, hatte ebenfalls mit Aarauer Beziehungen zu tun. Der Vorschlag eines lokalen Architekten befriedigte die hiesige Baukommission nicht. Da erinnerte sich Willy Zinniker, damals Kaiseraugster Gemeindeschreiber und Kirchenpfleger, an den ehemaligen Schulkollegen aus der Bezirksschule in der Kantonshauptstadt. Emil Aeschbach reichte dann auch ein Modell ein. Auch dieses fand keinen Anklang, jedenfalls nicht in seiner professionellen Version aus Balsaholz. Also bastelte man für die Baukommission ein sogenanntes Laienmodell, „mit einer Umgebung mit Blüemli und einem Dach, das mit Papierziegeln beklebt war“. Nun war die Baukommission begeistert, und Herr Felber alias Tschupp, damals noch Praktikant bei Aeschbach, meint sich sogar noch an „etwas Mysteriöses“ zu erinnern, eine Art Beweis dafür, dass der liebe Gott selber wollte, dass das Büro den Zuschlag erhielt: Das Modell fiel nämlich vom obersten Tablar im Schrank runter und landete unbeschädigt auf dem untersten Tablar. Das sei quasi ein Wunder gewesen, das Projekt schien wirklich in Gottes Hand zu liegen, erzählt Felber lachend. Er habe davon nichts mitgekriegt, lautet Aeschbachs lakonischer Kommentar.

Ein Direktauftrag von oben

Der Bau orientierte sich, wie das damals en vogue war, an der Architektur der nordischen Länder. Das Pultdach gefiel der Baukommission – „sonst stünde es ja nicht hier“ –, aber nicht der ganzen Bevölkerung. Eine „Seelenabschussrampe“ sei das, knurrten manche. Vielleicht sei es nicht so schlecht gewesen, dass „einer von weiter weg“ das Gebäude zu verantworten hatte. Der Kirchturm aber, betont Aeschbach, sei später dazugekommen und von einem anderen Architekturbüro entworfen worden.

Unterdessen hat’s angefangen zu regnen. Wir gehen ins Haus, dessen Pultdach ans Kaiseraugster Kirchgemeindehaus erinnert, die Wände sind behängt mit Gemälden. Eine Sammlung sei das aber nicht, sagt Emil Aeschbach, eine Sammlung hätte ein inneres Ziel und eine Begrenzung. Er habe alles durcheinander, auch hier drinnen gelte das Prinzip, keine Prinzipien zu haben. Das Haus kommt der Kunst zupass. Da sind hohe Fenster und Wände, da ist viel Licht und viel Luft, „raumhohe vertikale Fenster“ erläutert Aeschbach das Raumkonzept, „geben bei gleicher Helligkeit mehr Wandfläche für Bilder und Bücher.“

Ganz zum Schluss wagt man, die religiösen Fragen zu stellen. Was das Gebäude angeht, entspricht die Antwort jener, die nach Jürg Fahrnis Predigt zu erwarten war: Da war keine religiöse Botschaft beabsichtigt. Oder doch? Der Innenraum sollte „hell sein, aber nicht blenden“. Und: „Es wurde nicht gestritten“. Das wären doch, denkt man, durchaus religiöse Botschaften. Was den eigenen religiösen Bezug anbelangt, sagt Emil Aeschbach, sei er „weder Kirchgänger noch –sänger“. Er habe durchaus seinen Glauben, aber der sei chli anders. Schöne Kirchen schaue er gern an, wenn sie denn offen stehen. Und das Kirchgemeindehaus zu bauen, das sei eine schöne Aufgabe gewesen, gleichsam ein „Direktauftrag“ von oben.

Andreas Fischer

Nicht das Haus, der Haufe!

Kürzlich begingen wir, mit Gottesdienst und Grillfest, das 50-Jahre Jubiläum des Kaiseraugster Kirchgemeindehauses. Die Feier war für mich Anlass, mich mit den theologischen Überlegungen zu befassen, die dieser Art von Gebäude zu Grunde liegen.

Jürg Fahrni, der zur Zeit des Baus Pfarrer in Kaiseraugst war, äusserte sich mehrfach zum Thema. Seine Kernthese lautete: Ein Kirchgemeindehaus ist kein heiliger Ort. Eben so entspricht es der „grossen Wende“, die Jesus einleitete und die Fahrni mit träfen Worten beschreibt:

„Für Jesu Verständnis von Gott brauchte es keinen heiligen Ort mehr und keine heiligen Zeiten, keine heiligen Handlungen und keine heiligen Personen. Für sein Verständnis war Gott dort anwesend, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammenkamen.“

Es sei, jetzt im Reformationsjahr, darauf hingewiesen, dass Fahrnis Überlegungen nicht nur gut jesuanisch, sondern auch gut reformatorisch sind. Luther meinte, nur „die Einfältigen“ verstehen unter „dem Wörtlein Kirche“ ein „geweihtes Haus“. Nicht das Haus, sondern der „Haufe, der darin zusammen kommt“, mache die Kirche aus.

Dieser „Haufe“ ist das Ziel. Dass „der Haufe darin zusammen kommt“, ist, im Architektenslang gesprochen, die Funktion, der sich jede Form unterzuordnen hat. Form follows function.

Damals, in den Sechzigerjahren, boten die Christkatholiken uns Reformierten an, die uralte Dorfkirche mit ihnen zu teilen. Sie habe Platz für beide Konfessionen. Das Angebot hätte ich Nachgeborener niemals ausgeschlagen. Doch Jürg Fahrni – und mit ihm die reformierten Kaiseraugster – hielten am Prinzip fest. Dem Prinzip des Kirchgemeindehauses.

„Etwas stur“, schreibt Fahrni, sei er der Meinung gewesen, „wir wollten ein Haus, in dem man Gottesdienst feiern und essen und trinken und diskutieren und unterrichten, Bilder ausstellen und Musik hören - wir wollten eine Kirche, in der man ein Stück Alltag leben könne.“

Ja, so entstand das Kirchgemeindehaus, in dem sich heute noch „ein Haufe“ versammelt. Und bei Bedarf einen Haufen fantastischer Salate fürs Fest mitbringt. Das Konzept „Kirchgemeindehaus“ wird offenbar noch heute verstanden. Dass es damals verstanden wurde, sah Jürg Fahrni in der Äusserung eines kleinen Buben bestätigt:

„Als der Vater sagte: Morgen gehen wir in den Gottesdienst, da meinte der Kleine: Aber ich will in die Kirche, wo man Sauerkraut isst.“

Andreas Fischer
Jubiläum 50 Jahre Kirchgemeinde Kaiseraugst
42 Bilder
Fotograf/-innen Jutta Wurm / Astrid Baumgartner,...
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aktualisiert mit kirchenweb.ch
Erstellt von: Andreas Fischer     Bereitgestellt: 05.08.2017