Eine Konfirmation an Karfreitag

Karfreitag youll never walk alone screeshot (Foto: Andreas Fischer)
An Karfreitag holten wir in Kaiseraugst die Konfirmation jener Konfirmandin nach, die coronaerkrankt nicht am Konfirmationsgottesdienst hatte teilnehmen können. Die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen kamen noch einmal, sie trugen Gebete und Texte vor, spielten in der Band mit, die noch einmal die Songs mit poppigen Melodien und modernen Texten begleiteten. Noch einmal stand das Thema im Zentrum, das die Konfirmandinnen und Konfirmanden für ihre Konfirmation ausgewählt hatten: „You’ll never walk alone“ Der Gottesdienst stand im Spannungsfeld der Worte Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und der Hymne, die ein Ad hoc-Chor sang: „You’ll never walk alone“. Ein Ad hoc-Chor sang die Hymne, Kirchenpflegepräsident Achim Roloff nahm in seiner Rede darauf Bezug (mit der Geschichte: „Spuren im Sand“, siehe unten), in der Predigt versuchte ich, das Thema zu den scheinbar gegensätzlichen Worten Jesu am Kreuz in Beziehung zu setzen. Unsere Pianistin Assel Abilseitova und die Cellistin Alma Hernan spielten ergreifende Musik, u.a. das Adagio aus dem Cellokonzert des britischen Komponisten Edward Elgar. Hier das Predigtmanuskript und ein Auszug aus der Rede von Achim Roloff.
Andreas Fischer,
Predigt

Einleitung:

„Eloi, Eloi, lema sabachtani“, „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – so schreit Jesus am Karfreitag am Kreuz.

Die Worte scheinen das pure Gegenteil zu sein vom Thema, das unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden für ihre Konfirmation ausgewählt haben, dem Thema auch der Konfirmation heute von Vivienne: „You’ll never walk alone“, „Du wirst nie alleine gehen“.

„Warum hast du mich verlassen?“ – „You’ll never walk alone“ --- Die beiden scheinbar gegenteiligen Aussagen haben einen tiefen inneren Zusammenhang. Das möchte ich versuchen, in einer zweiteiligen Predigt aufzuzeigen, zu Karfreitag und Konfirmation, zu „Warum hast du mich verlassen?“ – „You’ll never walk alone“.

Hören wir am Anfang, heute an Karfreitag, den Bericht der Kreuzigung Jesus nach dem Markusevangelium im Neuen Testament, ergänzt mit kurzen Erläuterungen.

Predigt I mit kommentierter Lesung Mk 15, 22-34:

22 Man brachte Jesus an den Ort Golgota, das heisst ‹Schädelstätte›.

Der Ort heisst deshalb so, weil die kleine Erhebung dort an die Form eines Schädels erinnert. Doch im Zusammenhang mit der Kreuzigung Jesu tönt Golgota nach Todesgrauen.

Golgota lag ausserhalb der Stadtmauern. Hinrichtungen mussten immer extra portam, ausserhalb der Tore stattfinden. Der Weg zur Exekution bedeutete zugleich die Exkommunikation der Verurteilten. Sie wurden aus der menschlichen Gemeinschaft hinausgestossen wie der Sündenbock in die Wüste.

23 Sie gaben ihm Wein, der mit Myrrhe gewürzt war; aber er nahm ihn nicht.

Jesus wird mit Myrrhe vermischter Wein dargereicht. Das ist eine humane Geste, denn Myrrhe hat betäubende Wirkung, der Rauschtrank würde die Schmerzen lindern. Doch Jesus nimmt ihn nicht ein – wohl deshalb, weil er seine Qualen mit wachem Bewusstsein erleiden will.

24 Sie kreuzigen ihn.


Man ist dem Evangelisten dankbar, dass er die Kreuzigung in maximaler Kürze erzählt – im griechischen Urtext mit gerade mal zwei Wörtern, auf Deutsch sind es drei: „Sie kreuzigen ihn“. Da ist nichts vom Pathos von The Passion of Christ und anderen solchen Jesusfilmschinken.

Sie teilen seine Kleider unter sich, indem sie das Los darüber werfen, wer sich was nehmen dürfe.

Also das Ober- und das Untergewand, den Gürtel, die Sandalen.

25 Es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.

Die dritte Stunde ist 9 Uhr vormittags.

26 Die Inschrift, die seine Schuld angab, lautete: König der Juden.

Bei den Römern gab es den Brauch, die Schuld des Täters auf eine Tafel zu schreiben und ihm diese beim Gang zum Galgen um den Hals zu hängen. Entsprechend ist am Kreuz, an dem Jesus hängt, ein Schild mit der ironisch-spöttischen Aufschrift „König der Juden“ fixiert.

27 Mit ihm kreuzigen sie zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

29 Die vorübergingen, verwünschten ihn, schüttelten den Kopf und sagten: Ha, der du den Tempel niederreisst und in drei Tagen aufbaust, 30 rette dich selbst und steig herab vom Kreuz! 31 Ebenso spotteten die Hohen Priester untereinander mit den Schriftgelehrten und sagten: Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. 32 Der Messias, der König Israels, steige jetzt vom Kreuz herab, damit wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, verhöhnten ihn.


Zusammen mit Jesus werden zwei Räuber gekreuzigt. Sie verhöhnen Jesus ebenso wie die Mitglieder des jüdischen Hohen Rates und Passanten, die mit einer archaischen Abwehr- und Ausstossungsgeste den Kopf schütteln. Der Kranke und sogar Tote gerettet hat, soll nun sich selber retten, spotten die Leute, wenn er nun vom Kreuz herabsteigen würde, dann wäre das ein glaubhaftes Zeichen, dass er Gottes Sohn ist.

Doch nichts dergleichen geschieht.

33 Zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

Also genau am Mittag, „auf der Höhe des helllichten Tags“ (Eckey), wenn die Sonne am höchsten steht, bricht die Finsternis herein.

34 In der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, eloi, lema sabachtani!, das heisst: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!

Jesus stirbt in absoluter Einsamkeit, nicht einmal seine Leidensgenossen wollen etwas mit ihm zu tun haben.

Und auch Gott selber scheint ihn verlassen zu haben. „Eloi, Eloi lema sabachtani“, ruft Jesus laut schreiend aus, „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Kurz darauf stirbt er.

„Eloi, Eloi lema sabachtani“ – diese Worte scheinen zu bezeugen, dass Jesus am Kreuz nicht nur von anderen verlacht, verhöhnt und verspeit, sondern auch selber resigniert, gescheitert und verzweifelt gestorben ist. Das ist schwer erträglich.

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Doch gilt es, glaube ich, eben hier, an diesem tiefsten Punkt zu verweilen. An diesem Punkt, glaube ich, offenbart sich Gott – Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Der zur Welt kam in einem Stall, am Rande der damaligen Welt. Über die ersten dreissig Jahre seines Lebens wissen wir kaum etwas. Vermutlich wächst er in einfachen Verhältnissen auf und lernt den Beruf seines Vaters, Zimmermann.

Dann, mit dreissig, bricht er auf und zieht er als Wanderprediger in Galiläa umher, dem Niemandsland im Norden Israels. Er preist die Armen und die Traurigen selig, heilt Lahme und Blinde, zecht mit Zöllnern und Sünderinnen, also Kleinkriminellen und Prostituierten.

Das Volk liebt ihn, seine Klarheit, seine Einfachheit, sein einzigartiges inneres Licht. Den römischen und jüdischen Machthabern ist er unheimlich. Seine „Vollmacht“, eine Macht, die nicht von dieser Welt ist, transzendent und unendlich viel mächtiger als alle Mächte und Gewalten dieser Welt – seine „Vollmacht“ bedroht sie.

Jesus wird Opfer eines Justizmords, er stirbt den grausamste Tod der Antike, ausserhalb der Mauern, verflucht, vertrieben, ausgestossen aus der Gemeinschaft nicht nur mit den Menschen, sondern auch mit Gott.

Das ist der Tod, den der menschgewordene Gott stirbt. Bis in die tiefsten Tiefen der Welt steigt Gott hinab, sogar bis in die Hölle, wie es in den alten Bekenntnissen heisst, und auch bis in die Abgründe meiner Seele. Fortan gibt es keinen Ort, der nicht vom göttlichen Licht erfüllt ist. Wohin immer ich gehe, ich werde nicht aus Gott hinausfallen.

Auch wenn ich an jenen Punkt kommen sollte, wo ich sage: „Eli, Eli, lema sabachtani“, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ – auch da ist Gott mit mir. Da mehr denn irgendwo sonst. Denn er hat selber diese Worte gesprochen, damals am Karfreitag auf Golgota.

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Wir hören jetzt dann gleich im Nachklang des ersten Predigtteils das Adagio aus dem Klavierkonzert des britischen Komponisten der Spätromantik Edward Elgar (1857-1934), gespielt von Alma Hernan und Assel Abilseitova.

Das Cellokonzert stammt aus Elgars letzter Schaffensphase, es wurde 1919 uraufgeführt, ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs. Unter das Werk schrieb er die merkwürdigen Worte: "Finished. R.I.P." Also: „Beendet, requiescat in pace, rest in peace, ruhe in Frieden.“

Man sagt, die langsamen Passagen, die „schier endlosen Melodien des Cellos“ in diesem Konzert gehören zum Tiefst-Empfundenen, was je komponiert worden sei. Man vermutet, dass Elgar darin eine „Vorahnung kommenden Leidens“ zum Ausdruck bringt.

Der darauf folgende Sommer sollte der letzte sein, den er noch mit seiner geliebten Frau, der Schriftstellerin Caroline Alice Elgar verbrachte. Dann starb sie, seine eigene Schaffenskraft versiegte, er hörte auf zu komponieren, hatte mit Depressionen zu kämpfen, zog sich zurück, widmete sich seinen Hunden und der Betrachtung einzelliger Algen durchs Mikroskop.

Elgars Cellokonzert floppte übrigens bei der Uraufführung. Die Kritiken waren so vernichtend, dass der Solo-Cellist danach England fluchtartig verlassen habe, in die USA emigriert sei und nie mehr ein Cello angerührt habe.

Viele Jahre später, 1965, folgte gleichsam die Auferstehung des Werks. Die damals erst zwanzigjährige Cellistin Jacqueline du Pré spielte das Konzert. Seither gehört es zu den berühmtesten Werken für Cello überhaupt.

Jaqueline Du Pré sagt, das Werk sei das Destillat einer Träne.

Unsere Pianistin, Assel Abilseitova, sagt in Bezug auf das Cellokonzert, das ihr allerliebstes musikalisches Werk ist:

„Für mich ist dieses Concerto ein Beispiel dafür, wie eine menschliche Seele durch schwierige Zeiten, unermesslichen Schmerz und Trauer gehen kann und dennoch die Kraft hat, mutig und hoffnungsvoll weiterzuleben.“

Musik: Adagio aus dem Cellokonzert von Edward Elgar (Assel Abilseitova und Alma Hernan)

Predigt II

Das ist die Botschaft des Karfreitags: Gott steigt hinab bis in die tiefsten Tiefen. Wir sind nirgends und nie allein.

Die Botschaft des Karfreitags ist also mit dem Konfirmationsthema: „You’ll never walk alone“, „Du wirst nie alleine gehen“.

Und dann weiter: Am tiefsten Punkt ist es nicht fertig. Das Kreuz ist nicht das Letzte. Es geht weiter, immer weiter, der Weg führt in die Auferstehung hinein, die Nacht führt ins Licht eines neuen Tags.

„Die menschliche Seele kann durch schwierige Zeiten, unermesslichen Schmerz und Trauer gehen und dennoch die Kraft haben, mutig und hoffnungsvoll weiterzuleben“ – diese Aussage von Assel erinnert bis in den Wortlaut hinein an die Hymne „You’ll never walk alone“:

Wenn du durch einen Sturm läufst
Heisst es: Kopf hoch
Und fürchte dich nicht vor der Dunkelheit

Wenn der Sturm sich legt
Erstrahlt der Himmel im goldenen Licht
Und der liebliche, silberhelle Gesang der Lerche erklingt

Kämpf dich / Durch den Wind
Kämpf dich / Durch den Regen
Auch wenn deine Träume durchgerüttelt und gebeutelt werden
Geh weiter / Voller Hoffnung im Herzen
Dann wirst du niemals den Weg allein beschreiten
You’ll never walk alone...

Es sind verrückte Zeiten, in denen wir leben. Die junge Autorin Nina Kunz, die wie ihr, liebe ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden, vom Fall der Berliner Mauer nur aus dem Geschichtsbuch weiss, hat kürzlich eine erschütternde Kolumne geschrieben. Darin sagt sie:

„Nukleare Bedrohung. Propaganda. Die Verlockung des Autoritären. Das alles scheint mir so unwirklich wie ein Fiebertraum. Ich habe keine Sprache für diesen Krieg. Obwohl ich nie dachte, die Zukunft werde rosig, hatte ich doch eine Art Grundvertrauen in die Gegenwart, das nun massiv erschüttert wurde.“

Die Zeit, in der wir drin sind, erinnert an jenes mythische Bild in der Bibel, dass die Sintflut die Welt überschwemmt. Dass die „Grundfesten der Erde“ einstürzen und das Tohuwabohu hereinbricht.

Es ist, als gingen wir durch Sturm und Dunkelheit, durch Regen und Wind, wie es im Song heisst.

Dass der Himmel im goldenen Licht eines neuen Morgens leuchtet und der Vogel singt und die Taube den Zweig bringt, der das Ende der Sintflut verkündet, das wünsche ich uns allen und besonders euch Jugendliche, denen die Zukunft gehört.

Ich wünsche uns, dass die Worte Gültigkeit bekommen, die Vivienne für sich als Konfspruch gewählt hat. Es sind die wichtigsten Worte für das menschliche Zusammenleben überhaupt:

Und wie ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um. (Lukas 6,31)
Der Satz geht zurück auf die Bergpredigt von Jesus. Aber nicht nur im Christentum kommt dieser Satz vor, auch im Hinduismus, im Buddhismus, im Judentum, im Islam usw. – in allen Religionen und auch bei Immanuel Kant, dem grossen Philosophen der Aufklärung, der mit Religion wenig am Hut hatte. Und auch als Sprichwort ist diese „Goldene Regel“ bekannt:

„Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Vivienne schreibt dazu die folgenden Zeilen:

„Weil ich menschenwürdig behandelt werden möchte, soll ich andere genau so behandeln. Wenn wir uns alle daran hielten, wäre das menschliche Zusammenleben viel ruhiger.“

Dass der Sturm sich legt und diese Worte als ein Silberstreifen des Friedens am Horizont sichtbar werden, das wünsche ich uns, und darauf hoffe und daran glaube ich auch. Denn Christus ist von den Toten auferstanden. Die Nacht ist vergangen, die Finsternis besiegt.

Gehen wir dem Licht entgegen, with hope in our hearts, mit Hoffnung im Herzen. We‘ll never walk alone. Bhüet eus, Gott! Amen.

Song: "We'll never walk alone" (Ad hoc Chor)

Zur Konfirmation von Vivienne Anderlohr (Auszug aus der Rede von Achim Roloff, dem Präsidenten der Kirchenpflege)

Liebe Vivienne, liebe ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden
Weil die lokalen Kirchenpflegerinnen Jenny Brodmeier und Gitte Niederberger verhindert sind, bin ich angefragt worden, als Präsident unserer Kirchgemeinde Region Rheinfelden ein paar Worte an euch zu richten – was ich gern tue.

Die Geschichte, die mir zu „You’ll never walk alone“ in den Sinn kommt, ist vermutlich vielen bekannt. Doch es ist eine Geschichte, die immer wieder neu berührt. Sie heisst „Spuren im Sand“ und stammt von der kanadischen Jugendbuchautorin Margaret Fishback Powers. Sie geht so:

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?"

Da antwortete er:
"Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen."

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Liebe Vivienne, liebe ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden
Ich wünsche euch, dass ihr, wenn ihr einst so alt seid wie ich heute, auf euer Leben zurück schaut und die Spuren erkennt, die ihr hinterlassen habt: Wo ihr Menschen und Dinge zum Guten bewegt und verändert habt.

Und ich wünsche euch, dass ihr euch auf eurem Lebensweg begleitet und manchmal auch getragen fühlt. Von eurer Familie, euren Freunden und der Gemeinschaft, in der ihr lebt, und von Gott.