Ein moderner Totentanz

bild-plakat (Foto: fru)
Königin, Krämer, Kind – der Tod verschont niemanden: Das ist die Message der mittelalterlichen Totentanzdarstellungen. Der Kaiseraugster Künstler fru (Beat Frutiger; Porträt und Link zur früheren Ausstellung "12 Levels" siehe unten) hat sich davon inspirieren lassen für sein neustes, rechtzeitig auf den Totenmonat November hin erschienenes Buch mit Bildern, die Body Painting und japanische Tuschmalerei verbinden.
Andreas Fischer,
frus Kunst führt Welten zusammen. Die Bilder sind aus dem Spannungsfeld von „Realismus und Idealismus, Naturalismus und Abstraktion“ entstanden, sie verbinden, unter technischem Gesichtspunkt, Fotografie und Zeichnung, Body Painting und japanische Tuschmalerei. Und auch die Texte stellen unerwartete Bezüge her. Dabei entstehen für fru typische humorvolle Konstellationen. Da ist, zum Beispiel, der Pfarrer, der sich selber öffentlich geisselt – nicht etwa im Mittelalter irgendwo in fernen Landen, sondern vor ein paar Jahren hier ganz in der Nähe, in Sissach.

Die Verknüpfungen von früheren Seuchen und gegenwärtiger Pandemie generieren Komik. Doch nicht nur. Sie weiten den Horizont, sie relativieren und machen nachdenklich. Da werden mittelalterliche Schilderungen von Höllenqualen als „Verschwörungstheorie gigantischen Ausmasses“ bezeichnet, und die im Mittelalter nach dem Heiligen Veit, dem Schutzpatron der Tanzenden, bezeichneten „Veitstänze“ erinnern an manche – wie fru sie treffend nennt – „Tanzwutausbrüche“ in Coronazeiten: Sie „tanzten allenthalben herum, mit grossen Sprüngen und vielem Geschrei und schämten sich dessen gar nicht.“

Die historischen Bezüge sind nicht die einzigen. Biografische kommen hinzu. Passend zum Totentanz erzählt fru archetypische Nahtod-Situationen – das Ertrinken, den Fall, die Grippe usw. –, mehrfach taucht die Formulierung auf: „Das war knapp“.

fru spielt Legendarisches ein wie die Begegnung feuchtfröhlicher Jugendlicher mit den trockenen Gerippen auf dem Friedhof, erwähnt Anekdotisches wie die Rutschbahn für tote Nonnen im Kloster Santa Maria Assunta bei Claro und Phänomenologisches wie die Bestattungspraktiken der Menschheit, die von der Einmauerung in Pyramiden im alten Ägypten bis zum Vogelfrass in Zentralasien reichen.

Die Texte sind voll von Transformationen. Der Tod verwandelt sich vom petit mort, wie die Franzosen dem Orgasmus sagen, zum endgültig-difinitiv-ewigen Finish. Und umgekehrt. Alles ist im Fluss, „alles fliesst“, panta rei, wie Heraklit einst sagte und fru heute sagt, obwohl er das Flussschwimmen nicht mag. Er lebt allemal am Rhein, wie wir alle, in gewissem Sinn. Hinter, unter allem Wandel bleibt die Konstante des Todes. „Das Einzige, womit ich mit Sicherheit im Leben rechnen kann, ist der Tod“, schreibt fru. Und dann weiter: „Ich könnte ja noch einmal einen Versuch ins Leben machen.“

frus Totentanz-Bilder sind im November in Grossformat im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst zu sehen. Eröffnet wird die Ausstellung mit dem » Gottesdienst am Sonntag, 17. Oktober (Beginn: 10 Uhr). Besichtigung der Ausstellung ausserhalb der Gottesdienste nach Absprache. Kontakt: fru@fru.ch.

Link zur früheren Ausstellung: » 12 Levels

Der Bodypainter (Porträt von fru)

fru, wie er sich selber nennt, wuchs in Wabern bei Bern auf, im Schatten des Gurten, in einem Pfarrhaus mit grossem Garten, gleich neben dem Friedhof, oder, wie fru sagt, „vom Friedhof umzingelt“. Es ist jener Friedhof, dem Mani Matter sein Chanson „Die Strass, won i drann wone“ gewidmet hat.

Weggefährte seiner Jugend war ein italienischer Bub, der jeweils tagsüber bei Frutigers lebte und auch Wochenenden und Ferien mit ihnen verbrachte. „Er war das pure Gegenteil von mir“, erinnert sich fru, „er kletterte auf Bäumen rum, ich war introvertiert, häuslich, ein Stubenhocker.“

Ein Rehli fürs Poesiealbum

fru besuchte das Gymnasium Kirchenfeld in Bern und studierte danach zwei Jahre Medizin, doch das gefiel ihm nicht. Er bewarb sich an der Kunstgewerbeschule, von 32 wurden vier genommen, er gehörte dazu. Er hatte schon immer ein zeichnerisches Talent, als Jugendlicher gewann er die Gunst der Mädchen, indem er ihnen ein Rehli ins Poesiealbum eintrug. Yolanda Frutiger, seine Frau, die er im Gymnasium kennengelernt hatte, wurde Lehrerin in Tägertschi, „ja, der Ort ist so, wie er sich anhört, Gotthelf pur“. Sie arbeitete sechs Jahre dort, fru studierte, dann wurde er Kunstlehrer in Muttenz und blieb es bis zur Pensionierung, man zog nach Kaiseraugst, die Familie wuchs, Frutigers haben vier Kinder und inzwischen fünf Enkelkinder.

Als Lehrer war fru zwar Staatsangestellter, „doch ich hatte viel Narrenfreiheit, die Arbeit gefiel mir sehr gut, die Pubertät ist ein interessantes Alter, dieses ganze Chaos, dieses enorme kreative Potenzial.“ Er legte Regeln fest und setzte Grenzen, „ich weiss, man kann alles anders machen, aber hier sage ich, wo’s lang geht“, sagte er jeweils bei der Begrüssung einer neuen Schulklasse.

Ein optischer Quantensprung

Fürs Schultheater brauchte es jemanden, der die Schauspieler schminken konnte. Also machte fru eine Ausbildung bei „Die Maske“ in Köln, mit Schminken, Maskenbilden, Bodypainting. Letzteres hatte er schon an der Kunstgewerbeschule kennengelernt. Walter Kretz, sein Lehrer, organisierte einst ein Happening – „so nannte man das damals“ – im Marzili, der Berner Kultbadi. Etwa 1000 Leute malten sich an, es war ein Riesenevent. Einer war von zuoberst bis zuunterst grün bepinselt, das sei für ihn „ein optischer Quantensprung“ gewesen, erzählt fru, „was das ausmacht, wenn man sich so verändert“.

Den Ursprung des Bodypainting findet fru am Anfang der Bibel, beim Feigenblatt, mit dem Adam und Eva sich bedeckten, als sie realisierten, dass sie nackt sind. Das ist der Moment, in dem sie aus der ursprünglichen Einheit herauskatapultiert werden. Es gebe, sagt fru, auf der ganzen Welt keine Menschen, die nackt herumlaufen, auch Indigene tragen zumindest einen Gurt und bemalen sich. Bodypainting führt zurück zu jener Schwelle, wo der Mensch die paradiesische Einheit verlassen hat.

Eitergeschwüre, Hasenscharten

Und noch etwas verbindet fru mit dem Bodypainting, nämlich die Verwandlungen, die insbesondere im Theaterbereich von Bedeutung sind. „Es gibt das auch im Alltag“, sagt er, „es gibt Frauen, die fühlen sich füdliblutt, wenn sie keinen Lippenstift aufgetragen haben“. An der Schule stattete er einmal einen Schüler mit Vampirzähnen aus, das Publikum tobte. Anlässlich einer Lehrerfortbildung setzte er sich Eitergeschwüre auf die Haut und machte sich einen Spass daraus, dergestalt in einer Autobahnraststätte essen zu gehen. „Die Tische ringsum waren leer, für Corona wäre das eine super Methode“, erzählt er lachend. Einer Gesichtschirurgin modellierte er für einen interdisziplinären Kongress eine Hasenscharte auf die Lippen. Die Fotos machten Eindruck. Und wenn er im Theater Laienschauspielern einen Charakterzug einschminkte, kam es vor, dass sie sich wehrten. „Das sind tiefe Eingriffe in die Persönlichkeit. Gesichtsveränderungen haben einen starken Einfluss auf die Psyche.“

fru hat viele Ausstellungen gemacht, oft in der Buchhandlung pep + no name im Basler Gundeliquartier. Das Themenspektrum ist breit, von Stilleben über mythologische Frauengestalten bis hin zu Tarot, Träumen und Tugenden und Laster. Die Themen, sagt er, „schneit es mir ins Hirn“, er habe da keinen Plan. Seit der Pensionierung produziert er zudem Kalender und kleine Bücher mit kommentierten Zeichnungen, zu Corona und neuerdings zu den „12 Levels“, einem Stufenmodell spiritueller Bewusstseinsentwicklung, für das fru Inspirationen aus dem Zen-Buddhismus ebenso wie aus der christlichen Mystik erhalten hat.

fru befasst sich intensiv mit spirituellen Themen, schon als Jugendlicher faszinierten ihn die Träume des Josef in der Bibel und die Gabe Josefs, sie zu deuten. fru schildert merkwürdige Phänomene: „Man kann sich vornehmen, zu einem bestimmten Thema zu träumen, man kann sich in die Träume anderer einklinken, es gibt so etwas wie Traumkollektive, d.h. die Träume von Menschen, die in der gleichen Gegend leben, können irgendwie wesensverwandt sein“. Insgesamt sei der Traum ein Wahrnehmungskanal, der weit über das Alltagsbewusstsein hinausgehe und einem mit etwas Grösseren verbinde.

Das reine Sein

fru geht im spirituellen Bereich selbständige, eigenwillige Wege. Er befasst sich mit Schamanismus und gewandelten Formen des Familienstellens. Beim Coiffeur, sagt er, sei er das letzte Mal in der 2. Klasse gewesen. Einen tieferen Sinn habe es nicht, dass er seine Haare wachsen lasse, „sie wachsen einfach, sie sind Natur, so, wie sie ist, wenn man sie sein lässt.“ Das reine Sein ist frus tiefstes Thema. Die Essenz des Schamanismus heisst: „Wirken im Sein statt Wirken im Tun.“ Sein Leben seit der Pensionierung hat er in einem Kalender zum Ausdruck gebracht, dessen Thema lautet: „Wenn es nicht mehr wichtig ist.“ Und auf dem zwölften Level in seinem neuen Buch steht: „Da ist einfach nur Leben, keine Geschichte“. Das wäre, stellt man sich vor, dann die Rückkehr in die ursprüngliche Einheit, das Paradies, wo wir nackt sind und uns nicht schämen.