"Du stellst meine Füsse auf weiten Raum" - Predigt zur Eröffnung der Fastenzeit

web_Hungertuch <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;https://sehen-und-handeln.ch/fuer-pfarreien-und-kirchgemeinden/hungertuch/)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>553</div><div class='bid' style='display:none;'>9942</div><div class='usr' style='display:none;'>68</div>
Das diesjährige Hungertuch trägt als Überschrift "Du stellst meine Füsse auf weiten Raum" (Psalm 31, 9). Die Predigt beschreibt das Hungertuch und kommentiert das Psalmwort im grösseren Zusammenhang von Psalm 31, 1-9.
Einleitung:

Vor sich sehen Sie ein » Fastentuch oder Passionstuch. Es wird mit einem lustig klingenden Wort auch Schmachtlappen genannt.

Die bekannteste Bezeichnung aber ist „Hungertuch“, man kennt das Wort von dem Ausdruck „am Hungertuch nagen“. Damit ist ursprünglich nicht nur materielle Armut gemeint, sondern auch der spirituelle Hunger jetzt in der Fastenzeit.

Das Hungertuch hatte ursprünglich die Funktion, den Altarraum der Kirche zu verhüllen – so wie der Vorhang im Jerusalemer Tempel einst das Allerheiligste verhüllte.

Am Karfreitag, heisst es im Evangelium, als Jesus schrie und verschied, da riss der Vorhang im Tempel entzwei von oben bis unten. Die Trennung zwischen heiligem und profanem Raum, Himmel und Erde, Gott und Mensch ist in diesem Augenblick aufgehoben für immer.

Doch bis dahin verbirgt sich die letzte Wirklichkeit hinter dem Schleier und der Verkleidung – symbolisiert eben durch das Hungertuch.

Dieses war ursprünglich ein einfarbiges Leintuch. Später wurde es als Kunstform entdeckt. Das erste bemalte Hungertuch sei im 12. Jahrhundert in Augsburg entstanden. Eben dort hängt auch das Original des Gemäldes auf dem Blatt.

Es stammt von Lilian Moreno Sánchez, einer 1968 in Chile geborenen Künstlerin, die heute in Süddeutschland lebt und wirkt. Das Hungertuch begleitet die diesjährige ökumenische Fastenaktion der drei kirchlichen Hilfswerke Brot für Alle, Fastenopfer und Partnersein. Es soll uns durch diesen Gottesdienst am Anfang der Fastenzeit begleiten.

Das Hungertuch von Lilian Moreno Sánchez ist dreiteilig, ein sogenanntes Triptychon. Bei diesen dreiteiligen Gemälden ist der Mitteilteil in der Regel der wichtigste. So auch bei diesem.
Das Gemälde basiert auf dem Röntgenbild einen Fuss, der mehrfach gebrochen ist. Die Brüche befinden sich im mittleren Teil, von der Künstlerin noch verstärkt durch Linien mit dem schwarzen Kohlenstift.

Der Fuss wurde im Oktober 2019 bei einer Demonstration in Santiago de Chile gebrochen. Damals hatte die Regierung beschlossen, den Preis für eine Fahrt mit der Metro um 30 Rappen zu erhöhen. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Unmut über niedrige Renten, schlechte Gesundheitsversorgung, ungleicher Zugang zu Bildung, Korruption usw. schlug sich nieder in Protesten, es kam zu Gewalt seitens der Demonstranten und der Polizei.

Chile gilt eigentlich als eines der stabilsten Länder Lateinamerikas, es hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen des Subkontinents. Man hatte auch von jenen Unruhen nicht viel gehört in unseren Medien. Solche Demonstrationen gibt es in vielen Ländern der Welt, und oft verlaufen sie viel gewalttätiger – wie derzeit in Burma, Belarus, Russland…

Lilian Moreno Sánchez reflektiert in ihrem Hungertuch nicht nur die politische Situation in ihrem Heimatland. Sie will existenzielles, universales Leiden zum Ausdruck bringen. Auch unser eigenes.

So verarbeitet sie im Hungertuch auch Bettwäsche aus Krankenhäusern in Deutschland. Lilian Moreno Sánchez hat die Bettwäsche auf drei Keilrahmen ausgespannt. Die Bettwäsche bildet die Fläche, auf die sie ihr Bild malt.

Die Fläche ist rau, nicht glatt. Die Künstlerin hat Staub darauf gerieben, den sie am Platz eingesammelt hat, auf dem die Demonstrationen in Santiago de Chile stattfanden.

Der Platz trägt den schönen Namen „Platz der Würde“. Auch darin kommt unsere menschliche Existenz auf tiefster Ebene zum Ausdruck, ihre Grösse, ihre Würde, ihre Verletzlichkeit und Vergänglichkeit – „Staub bist du, zum Staub kehrst du zurück“, heisst es am Anfang der Bibel (Gen. 3, 19).

Weiter hat die Künsterlin Leinöl auf die Laken geschmiert. Das Öl hinterlässt gelblich-braune Flecken. Auch das Leinöl ist, wie der Staub, doppeldeutig: Es erinnert an Eiter und auch an Salbe, die aufgetragen wird zur Heilung von Wunden, zur Linderung von Schmerz.

Insgesamt ist die Bildsprache des Gemäldes karg – passend zur Passionszeit, erinnernd an die frühen Fastentücher, die, wie erwähnt, ganz kunstlos aus einfachem Leintuch bestanden.

Bei genauem Hinsehen sieht man, dass der Stoff zerschnitten und dann mit Fäden wieder zusammengenäht worden ist.

Die Fäden erinnern an Nähte und Narben, doch nicht nur. Die Farbe der Nähte ist golden, und Gold ist die Farbe der Ewigkeit. Sie weist hinüber ins Änedraa, in eine andere Welt.

Ausser den Fäden gibt es auch Blumen, die golden leuchten. Die Künstlerin nimmt hier das Blumenmotiv der Bettwäsche auf und verstärkt es. Die Blumen symbolisieren das neu erblühende Leben. Es sind ihrer zwölf – zwölf ist die Zahl der Ganzheit, der Vollendung.

Lilian Moreno Sánchez sagt von ihrer eigenen Kunst, dass sie mit ihrer Kunst die Oberflächen des Lebens durchbrechen will. Sie befasst sich mit Leiden, ausgehend oft von ihren eigenen Erfahrungen zurzeit der chilenischen Militärdiktatur, darüber hinausgehend mit existenziellem, universalem Leiden. Doch die Künstlerin bleibt nicht bei der Passion stehen: Über aller leidvollen Realität, ja in der Realität drin leuchtet in ihren Werken schon die Verklärung.

Das zeigt sich auch in ihrem Fastentuch. Im Zentrum steht der gebrochene Fuss. Die schwarze Farbe des Kohlestifts symbolisiert den Schmerz, verbindet den gebrochenen Fuss mit dem Zerbrochenen am Kreuz, dem „Schmerzensmann“, Jesus Christus, an dessen Leiden und Sterben wir denken, jetzt, in der Passionszeit.

Doch die Linien wirken irgendwie auch beschwingt und leicht, „auferstehungsleicht“, sie haben etwas Tänzerisches, „as it is in Heaven“, wie es im Himmel sein wird. Lilian Moreno Sánchez hat ihr Hungertuch mit dem schönen Psalmvers überschrieben: „Du stellst meine Füsse auf weiten Raum“.

Wir hören diese Worte in ihrem Zusammenhang Psalm 31, Verse 1-9. Die Worte klingen nach in dem Lied „Befiehl du deine Wege“ des deutschen Barockliederdichters Paul Gerhardt, der das Motiv vom Fuss aufnimmt:

„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuss gehen kann.“

Predigttext: Psalm 31, 1-9 ("Du stellst meine Füsse auf weiten Raum")

31, … 2 Bei dir, EWIGER, suche ich Zuflucht,
ich will nicht zuschanden werden auf ewig,
in deiner Gerechtigkeit rette mich.
3 Neige zu mir dein Ohr,
eile, mich zu befreien,
sei mir ein Fels der Zuflucht,
eine feste Burg, mich zu retten.
4 Denn mein Fels und meine Burg bist du,
um deines Namens willen
leite und führe mich.
5 Zieh mich aus dem Netz, das sie mir heimlich legten,
denn du bist meine Zuflucht.
6 In deine Hand befehle ich meinen Geist,
du hast mich erlöst, EWIGER, du treuer Gott.

8 Ich will frohlocken und mich freuen an deiner Gnade,
dass du mein Elend gesehen,
auf die Nöte meiner Seele geachtet hast.
9 Du hast mich nicht der Hand des Feindes ausgeliefert,
hast meine Füsse auf weiten Raum gestellt.

Lied: „Befiehl du deine Wege“ (680, 1.2.8)

Predigt:


„In deine Hand lege ich meinen Geist“, heisst es in dem Psalm. Jesus, für den der Psalter insgesamt das Gebetsbuch war, das ihn zeitlebens begleitete – Jesus hat diese Worte am Kreuz gesprochen. „Mit diesen Worten verschied er“, heisst es im Lukasevangelium – oder nochmals anders übersetzt: „Mit diesen Worten hauchte er seinen Geist aus“.

Auch der Reformator Martin Luther hat diese Worte gesprochen, immer wieder, in der Nacht, in der er starb, in der lateinischen Version, die ihm von Kindesbeinen an vertraut war:

„In manus tuas, Pater, commendo spiritum meum“. „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Im Psalm ist von Zuflucht die Rede, von der festen Burg, vom Fels. Die Metaphern beschreiben einen Ort letzter Geborgenheit für den Beter, die Beterin des Psalms, die sich selber als Tier beschreibt, das im Netz der Jäger gefangen ist.

Das Bild ist schwer erträglich, wenn man sich da hineinversetzt:

„Das Rotkehlchen flattert aufgeregt mit den Flügeln, seine Augen sind qualvoll und panisch aufgerissen. Die feinen Halsfedern reiben an dem Fangnetz, das ein Wilderer aufgestellt hat und das es am Weiterflug hindert.“
(https://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article150717190/Illegaler-Vogelfang-liefert-zweifelhafte-Delikatesse.html)

So heisst es in einem Text der Tierschutzorganisation Birdlife, in dem darauf hingewiesen wird, dass im Mittelmeerraum jedes Jahr geschätzte 25 Millionen Vögel mit Leimruten gefangen werden, in Fallen verenden, sich verstricken in Netzen.

So also fühlt sich der Beter des Psalms. Der „Faust des Feindes“ sei er ausgeliefert, sagt er. Dieser Feind kann ein militärischer Gegner sein, doch „Feind“ steht in der Bibel viel umfassender für alle Widerwärtigkeiten des Lebens, für Krankheit, Not und Tod.

Ja, der Tod wird in alten Kirchenliedern als der „altböse Feind“ bezeichnet, und die Pandemie, die wir derzeit durchleben – sie ist ein Paradbeispiel für einen „Feind“ im biblischen Sinn.

Vor diesem „Feind“ gilt es gemäss unserem Psalm Zuflucht zu nehmen auf dem Fels Gottes.

Damit ist ursprünglich der Jerusalemer Tempel gemeint. Das Heiligtum auf dem Berg Zion ist der Ort, wo ich Zuflucht finde, wo ich in Gott geborgen bin.

Der Fels, auf dem der Tempel gebaut ist, ist nach uralter, vorisraelitischer Vorstellung der hochragende Weltengrund. Die ganze Welt dort findet ihre Zuflucht.

Eigentlich ist dieser Fels also ein mythischer Ort. Das heisst, er ist nicht wirklich an den Jerusalemer Tempelberg gebunden. Auch sonst an keinen heiligen Berg, um den die Religionen sich streiten.

Der Fels ist Symbol für irgendein Ort der Zuflucht, den manche in der Natur finden, an einem Kraftort vielleicht, auf dem Gipfel ihres Lieblingsbergs, in einer Waldlichtung, in einer Krypta.

Jeder Ort kann „Fels“ sein – und zugleich ist der „Fels“ nirgendwo in der Aussenwelt zu finden. Zletscht am Änd befindet sich dieser Fels nirgendwo anders als „in mir“, in der Mitte meines Seins, wo Gott wohnt.

Das Gebot der Stunde, möglichst zuhause zu bleiben, hat das Potenzial, uns die Weisheit der Klöster zu lehren: „Geh in deine Zelle“, sagt der mittelalterliche Mönch und Mystiker Meister Eckehart, „sie wird die alles lehren“.

Sie wird mich Vertrauen lehren, die Zelle, wird mich lehren, meinen Geist in Gottes Hände zu legen.

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Mag sein, dass der Psalm im Vergleich zu anderen eher blass ist. Manche Kommentare sehen das so. Doch aus dieser Blässe hebt sich eben diese wunderbare Zeile ab. Sie ist ein biblischer Spitzensatz: „In deine Hand lege ich meinen Geist“.

Dann, mag sein, begibt sich der Psalm wieder ins sprachliche Flachland, ins Fahrwasser standardisierter Phrasen. Doch zum Schluss schwingt er sich noch einmal hoch hinauf. Würde ich heute konfirmiert, ich würde mir diese Zeile als Konfspruch wünschen:

„Du, Gott, stellst meine Füsse auf weiten Raum.“

Am Anfang des Psalms ist die Rede von der Zuflucht auf dem Fels, in der Burg, im Heiligtum. Der Geborgenheit in Gott. Nun verändert sich das Bild, die schützenden, aber auch einengenden Mauern sind weg, der Horizont wird weit, der Fels wird gleichsam zum Feld.

Es ist dies die grosse Verheissung am Ende des Psalms – sie mag auch uns gelten, die uns nach dem Ende der Pandemie sehnen. Dass wir wieder hinaustreten ins Weite, dass wir frei atmen können.

Es ist in unserem Psalm von der „Not der Seele“ die Rede. Die entsprechenden hebräischen Worte bedeuten ihrem ursprünglichen Sinn nach die „Enge der Kehle“ – das bringt die Befindlichkeit vieler von uns prägnant zum Ausdruck: „Not der Seele“, „Enge der Kehle“.

Allerdings wünscht man sich, dass die Erfahrungen der Pandemie nicht ganz vergessen gehen, wenn die Türen sich einst – hoffentlich bald – wieder öffnen.

Wahre Weite, glaube ich, erfahren wir nicht in exzessiver Mobilität, nicht im Konsum und nicht in der Zerstreuung. Wahre Weite erfahre ich, paradoxerweise, in der Zelle. „Sie wird dich alles lehren.“ „In der Enge schaffe mir Weite“, heisst es an einer Stelle im Psalter (4, 2). Da wird nicht gebeten, dass man endlich aus der Zelle befreit wird. Sondern dass man in der Zelle Freiheit erfährt.

Als wir uns vor ein paar Tagen in einem sogenannten Bibelteilen im virtuellen Raum über den Psalm austauschten, erzählte eine Frau, die als Körpertherapeutin arbeitet, dass der Hals, die Kehle, der Durchgang ist zum Himmel, zum Äther, zum weiten Raum. Der Durchgang öffnet sich, wenn wir achtsam atmen.

Das zu üben, atmen, einfach nur atmen, da sein, einfach nur da sein, zuhause „in der Zelle“, jetzt, solange die Pandemie noch dauert, jetzt, in der Fastenzeit, das ist eine spirituelle Praxis, die sich auswirkt. Das macht uns zufrieden im Hier und Jetzt. Das macht uns einfach, ohne dieses dauernde Drängen nach „mehr“ und „grösser“ und „schneller“. Das macht uns bescheiden in Bezug auf Konsum und Mobilität.

Wenn sich so, im Atem durch die Enge der Kehle hindurch der weite Raum öffnet, dann, hoffe ich, verhallt der Slogan der diesjährigen Fastenkampagne nicht ungehört: „Klimagerechtigkeit – jetzt!“

Dann, hoffe ich, verwirklicht sich Klimagerechtigkeit im JETZT, das die Ewigkeit atmet. Im JETZT, in dem wir stehen als einem unendlich weiten Raum.

Jetzt und in Ewigkeit: Bhüet eus, Gott! Amen.

When I am down and, oh my soul, so weary
When troubles come and my heart burdened be
Then, I am still and wait here in the silence
Until You come and sit awhile with me.

You raise me up, so I can stand on mountains
You raise me up to more than I can be.

So heisst es im Text des berühmten, x-fach gecoverten Popsongs von Secret Garden, den wir nun gleich im Nachklang der Predigt hören werden. Der Text passt perfekt zur Predigt:

Wenn ich ganz unten bin und meine Seele so müde
Wenn Sorgen kommen und mein Herz schwer ist
Dann bin ich ganz ruhig und warte hier in der Stille
Bis du kommst und eine Weile bei mir sitzt
Es gibt kein Leben ohne Lebenshunger
Jedes rastlose Herz schlägt so unvollkommen
Aber wenn du kommst und ich ganz vom Wunder erfüllt bin
Denke ich manchmal einen Blick in die Ewigkeit getan zu haben

Du hebst mich hoch dass ich auf den Bergen stehen kann
Du baust mich auf zu mehr als ich je sein kann

Dazu noch ein abschliessender Gedanke: Der mittelalterliche Mönch und Mystiker Bernhard von Clairvaux stellt in einer seiner Predigten fest, die Aufgabe der Engel sei es, Gott zu loben.
Doch es fehle etwas in ihrem Lob, wenn es nicht Wesen gibt, die sagen können: „Wir sind durch Feuer und Wasser gegangen, du aber hast uns ins Weite geführt“.

Jene, die, anders als die Engel, durch Feuer und Wasser gegangen sind – das sind wir Menschen mit unseren versehrten Körpern, unseren gebrochenen Füssen. Eben diese Füsse stellst DU auf weiten Raum. Eben uns führst DU hoch auf den Berg. Eben uns hebst du über uns hinaus. Eben wir sind es, die mit unseren menschlichen Stimmen den Lobgesang der himmlischen Heerscharen zur Vollendung bringen. You raise me up to more than I can be.

Song : "You raise me up"