12 Levels

frontcover 12 levels<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>553</div><div class='bid' style='display:none;'>9394</div><div class='usr' style='display:none;'>68</div>
Ein weiteres Mal dient das Kaiseraugster Kirchgemeindehaus derzeit als Galerie. Ausgestellt ist eine Bilderreihe des Kaiseraugsters Beat Frutiger (fru). Die Ausstellung wird begleitet durch eine Predigtreihe zum Hohelied.
Andreas Fischer,
Der Kaiseraugster Künstler » Beat Frutiger oder fru, wie er sich selber nennt, hat ein Buch mit dem Titel 12 Levels herausgegeben. Es beschreibt Stufen spiritueller Bewusstseinsentwicklung anhand von Bodypainting-Fotografien, bei denen die klassische Zen-Malerei mit modernen Techniken der Körpermalerei und der Fotografie kombiniert werden. Zu jeder der 12 Stufen hat fru auch einen eigenen Text verfasst.

Auffallend an diesen Texten ist ihr Bezug auf das Hohelied der Liebe im Alten Testament, diese geheimnisumwobene, dem König Salomo zugeschriebene Sammlung von Liebesliedern.

In einem kleinen Predigt-Zyklus, der bis zum Advent dauert, möchte ich jene Abschnitte im Hohelied auslegen, die fru in seinem Buch erwähnt:

9. August: „Krank vor Liebe“ (Hld. 5, 2-8)

23. August: "Ich suche ihn, den meine Seele liebt“ (Hld. 3, 1-5)

4. Oktober: „Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft hart wie die Unterwelt“ (Hld. 8, 6-7)

Hinter diesen poetischen Worten stehen die Mythen des Alten Orients. Sie erzählen von der Frau – ursprünglich eine Göttin – die auf der Suche nach ihrem Geliebten ins Totenreich hinabsteigt. Sie muss gefährliche Flüsse und gewaltige Ströme überqueren. Doch schliesslich überwindet sie all diese Hindernisse. Es siegt das Feuer der Liebe.

18. Oktober: „Er küsse mich mit Küssen seines Mundes“ (Hld. 1, 1-8)

„Wagemut“ nennt fru das entsprechende Bild (s.u.). Im Kommentar dazu schreibt er: „Dieser Kuss ist paradiesisch ohne Scham, ohne Wissen um Gut und Böse. Deshalb ist er ein Wagnis. Es ist das Wagnis, das Leben einfach zu leben. Dieser Kuss ist einfach nur SEIN.“

15. November: Hld. 3, 4-5 („Ich packte ihn, liess ihn nicht mehr los“)

---

Die Manuskripte der schon gehaltenen Predigten sowie einige Supplements zum „Lied der Lieder“ können unten nachgelesen werden. Jeweils vor und nach den Gottesdiensten besteht Gelegenheit, die Bilder zu betrachten und das Buch für 21 Franken zu erwerben.

Herzliche Einladung!

Andreas Fischer

„Krank vor Liebe“: Manuskript der Predigt vom 9. August 2020 über Hld. 5, 2-8

Text:

2 Ich schlief, doch wach war mein Herz
Horch, mein Geliebter klopft:
Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin,
meine Taube, meine Makellose!
Voll Tau ist mein Haupt,
meine Locken voll Tropfen der Nacht.
3 Ich habe mein Kleid abgelegt,
wie könnte ich es wieder anziehen?
Ich habe meine Füsse gewaschen,
wie könnte ich sie wieder beschmutzen?
4 Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung,
da bebte mein Inneres ihm entgegen.
5 Ich stand auf, meinem Geliebten zu öffnen,
und meine Hände troffen von Myrrhe
und meine Finger von flüssiger Myrrhe
an den Griffen des Riegels.
6 Ich öffnete meinem Geliebten,
doch mein Geliebter war gegangen, war fort. Ausser mir war ich, dass er sich weggewandt hatte.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht,
rief ihn, doch er gab nicht Antwort.
7 Mich fanden die Wächter,
die die Stadt durchstreifen.
Sie schlugen mich, verwundeten mich.
Meinen Überwurf nahmen mir weg
die Wächter der Mauern.
8 Ich beschwöre euch,
ihr Töchter Jerusalems:
Wenn ihr meinen Geliebten findet,
was sollt ihr ihm sagen?
Dass ich krank bin vor Liebe!

Predigt:

„Ich schlief, doch wach war mein Herz“ –

es ist dies einer der schönsten Verse der Bibel überhaupt. Das Herz in der Bibel ist nicht nur Ort des Gefühls, sondern auch des Denkens, auch des Willens, des Wünschens und Verlangens. Es ist das Zentrum meiner Person, die Mitte meines Seins. Sie bleibt wach, diese Mitte, immer, auch im Schlaf, auch in der Demenz, wer weiss, auch im Tod.

„Ich schlief, doch wach war mein Herz“ – was im Anschluss an diesen einleitenden Vers folgt, wird in der Forschung als Traumlied bezeichnet. Es ist eine Nachtszene, sie spielt sich im Inneren, in der Traumwelt der schlafenden Frau ab.

Jemand klopft. Noch bevor er etwas sagt, erkennt die Frau ihren Geliebten – nur an der Art, wie er klopft. Es ist, übrigens, nicht ihr Ehemann – das Hohelied spielt ausserhalb der gesellschaftlichen Konventionen, es bewegt sich in der Welt der Fantasie und Poesie.

Der Geliebte also klopft, und dann spricht er die Frau an, mit einem „Sturzbach von Anreden“ (Keel): „meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, mein Alles“,
viermal mit dem Possessivpronomen „mein“.

• „Schwester“ meint hier nicht die verwandtschaftliche Beziehung im eigentlichen Sinn, sondern metaphorisch die darin zum Ausdruck kommende tiefe Vertrautheit.
• Die Taube, im alten Orient, ist das Tier der Ischtar, der babylonischen Liebesgöttin. Hinter der Bezeichnung „Taube“ taucht also das göttliche Antlitz der Geliebten auf.

Oder ist es einfach Koketterie, was der Geliebte da sagt? Ist es blosse Schmeichelei, mit der er die Freundin bezirzt? Die nächsten Zeilen könnten darauf hindeuten:

„Voll Tau ist mein Haupt, meine Locken voll Tropfen der Nacht“. (V. 2c)

Weniger poetisch gesagt: Es nieselt, es regnet – und er will nicht nass werden. In einem Kommentar heisst es spitz, der Geliebte verlege sich nun „aufs Mitleid-Erregen“ – und darin zeige sich „etwas Narzisstisches, wie es sich allenthalben mit Eros und Sexus, mit Erotik und Sex verbindet“ (nach Müller 55).

Und auch die Antwort, die die Freundin nun gibt, ist reine Koketterie, was gemäss Duden „ein Aufmerksamkeit erzeugendes Verhalten“ bedeutet,
• „um bei jemandem erotisches Interesse zu erregen“,
• um „mit etwas nur [zu] spielen; sich nicht wirklich auf etwas ein[zu]lassen“
• oder um „auf etwas im Zusammenhang mit der eigenen Person hin[zu]weisen, um sich damit interessant zu machen“ (nach Wikipedia).

Die Freundin sagt:

„Ich habe mein Kleid abgelegt,
wie könnte ich es wieder anziehen?
Ich habe meine Füsse gewaschen,
wie könnte ich sie wieder beschmutzen?“ (V. 3)

Eigentlich gibt es für die Freundin nicht wirklich einen Grund, sich nicht kurz das Nachthemd überzustreifen und dem Geliebten zu öffnen. Stattdessen deutet sie an, dass sie nackt auf dem Bett liegt, was das Begehren des jungen Manns vor der Tür natürlich zusätzlich schürt.

Lyrisch, leicht und nicht ohne Humor bringt das Gedicht Spielformen zur Sprache, mit denen sich lockt und neckt, was sich liebt.

Der Geliebte hatte es mit bezirzenden und Mitleid erregenden Worten versucht – erfolglos. Nun geht er über von Worten zu Taten:

„Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung,
da bebte mein Inneres ihm entgegen.“ (V. 4)

Als wir uns am Mittwoch im kleinen Kreis über das Gedicht austauschten, sagte jemand in der Metaphorik des Gedichts selbst, dieses triefe vor Doppeldeutigkeiten.

Das ist tatsächlich so. Selbst in der abstrakt-wissenschaftlichen Sprache der Kommentare kommt die Doppeldeutigkeit eindeutig zum Ausdruck. Da heisst es zum Beispiel:

„Das Einführen der Hand in die Öffnung hat eine ausgesprochen erotische Konnotation, insofern die Vokabel ‚Hand‘ auf das männliche Glied und das ‚Loch‘ auf das weibliche Geschlechtsorgan hinweist.“ (Zakovitch 215)

All dies kommt aber nicht in platter Eindeutigkeit zur Sprache, sondern als eine Art Rätsel. Da ist die vordergründige Ebene: Der Geliebte versucht, die Tür zu öffnen, indem er mit der Hand durch eine Luke an den Riegel auf der Innenseite der Tür greift. Die erotische Anspielung ist subtil, sie schimmert nur hindurch durch das Vordergründige.

Ebenso entsteht überhaupt erst die erotische Wirkung, wie der zeitgenössische Berliner Philosoph Byung-Chul Han in seinem Essay „Agonie des Eros“ deutlich macht:

„Die direkte Zur-Schau-Stellung der Nacktheit ist nicht erotisch. Die … Ausstellung der hüllenlosen Nacktheit ist pornografisch. Ihr fehlt der erotische Glanz. Der pornografische Körper ist glatt. Er wird durch nichts verhüllt. Die Verhüllung erzeugt eine Ambivalenz, eine Doppeldeutigkeit. Diese … Unschärfe ist erotisch. Das Erotische setzt … Geheimnis und Verborgenheit voraus.“ (nach „Transparenzgesellschaft“)

Das Hohelied vermeidet diese total-nackte Ausstellung – wie übrigens auch die Kunst von fru, wenn ich recht sehe. Da ist ein Spiel von Verbergen und Entbergen. Da sind Konturen, da sind angedeutete Formen, da ist viel Leerraum, da ist das Geheimnis, das durchschimmert. Eben so entsteht eine Atmosphäre der Erotik.

Und diese Erotik bewirkt, dass wir uns „öffnen“, hin zu Höherem, Hellerem, hin zum Heiligen. Die Freundin im Traumgedicht öffnet die Tür:

„Ich stand auf, meinem Geliebten zu öffnen,
und meine Hände troffen von Myrrhe
und meine Finger von flüssiger Myrrhe
an den Griffen des Riegels.“ (V. 5)

Die Myrrhe im Hohelied symbolisiert beides, Sexualität und Spiritualität. Mit Myrrhe – in Form von Puder oder in Wasser oder Öl aufgelöst – werden Hochzeitskleider und Himmelbetten parfümiert, aber auch heilige Gegenstände und Priester gesalbt. Der schon erwähnte Schweizer Alttestamentler und Hoheliedspezialist Othmar Keel schreibt zur Myrrhe das Folgende:

„Die Myrrhe wirkt einerseits als erotisierender Duftstoff und andrerseits weckt er sakrale, heilige Gefühle. Wohlgeruch weist auf die Anwesenheit des Göttlichen hin.“ (nach 69f.)

Die Freundin öffnet also diesem göttlichen Geliebten die Tür. Doch dann geschieht etwas Ungeheuerliches:

„Ich öffnete meinem Geliebten,
doch mein Geliebter war gegangen, war fort.“ (V. 6a)

Die beiden Verszeilen können einen ins Grübeln versetzen über die Psyche des Mannes. „Was ist das für ein Mann, der die Frau zuerst bezirzt mit schönen Worten und dann, wenn sie ihm die Tür öffnet, verschwindet er“, sagte jemand in unserem Austausch.

Indessen möchte ich noch eine andere Sichtweise auf die Verszeilen einspielen. Die Freundin sagt:

„Ich öffnete dem Geliebten“.
Der Geliebte ist in diesem Satz Objekt. Dann, im nächsten Satz, wird er zum Subjekt:
„Mein Geliebter war gegangen, war fort“.

Das Objekt ist das, worüber ich verfüge, was ich ergreife, behandle, besitze.

Doch nun zeigt sich, dass der Geliebte eben nicht Objekt ist. Er ist Subjekt, er ist, wie Byung-Chul Han (bzw. Lévinas) sagt, DER ANDERE:

„Wenn man das Erotische durch ‚Ergreifen‘ und ‚Besitzen‘ charakterisieren will, muss es scheitern. … Wenn man den Anderen besitzen und ergreifen könnte, wäre er nicht der Andere.“ (nach Agonie 18f.; Zitat Lévinas)

Echter Eros entsteht im „Scheitern“ jenes egoistischen Eros, der Liebe als „Ergreifen“ und „Besitzen“ versteht. Die Erfahrung des Kontrollverlusts, das Loslassen von „Ergreifen“ und „Besitzen“ kann schmerzhaft sein.

Gerade noch hatte die Freundin im Hohelied gesagt – übrigens mit selbstbewusst doppelter Betonung:
„ICH, ich öffnete“.
Nun sagt sie:
„Ausser mir war ich, dass er sich weggewandt hatte.“

Dieses Ausser-sich-Sein ist viel mehr als Entrüstung. Es ist Verlust der Identität. Ich weiss nicht mehr, wer ich bin, der Boden geht weg, es zieht mir die Kraft ab, ich bin verloren.

Auf dem entsprechenden Bild in frus Buch liegt die junge Frau auf dem Sterbebett. Hinter ihr taucht ein Totenkopf auf. In einem kurzen Gedicht, einem sog. Haiku bringt die Todgeweihte ihren Zustand so zur Sprache:

„Es geht mir so schlecht.
Sucht einen Freund, der mir hilft,
bevor ich sterbe.“ (S. 12)

In unserem Gedicht folgt nun der Aufbruch zur Suche und die dunkel-abgründige Szene, in der die junge Frau durch die Stadt irrt, den Geliebten nicht findet und stattdessen von den Wächtern gefunden wird. Sie verprügeln sie, verwunden sie, reissen ihr ihr Gewand vom Leib.

Ich überspringe diese Szene heute, weil sie zum nächsten Level passt, mit dem ich mich im Gottesdienst in zwei Wochen befassen werde. Die Szene bildet also den Cliffhanger.

Für heute springen wir direkt zum letzten Vers. Er setzt das Thema des ersten Levels im Buch von fru, der überschrieben ist mit „Krankheit“. Der Vers lautet so:

„Ich beschwöre euch,
ihr Töchter Jerusalems:
Wenn ihr meinen Geliebten findet,
was sollt ihr ihm sagen?
Dass ich krank bin vor Liebe!“

Was ist das für eine Krankheit, unter der die Frau leidet? Ist es nur Liebeskummer? Nein, es ist mehr. Es ist eine Erschütterung in der Tiefe der Existenz.

Othmar Keel weist in seinem Kommentar darauf hin, dass sich die Liebe im Hohelied durchwegs „ausserhalb der engen Schranken der alltäglichen Wirklichkeit bewegt“. Sie spielt sich ab im Paradies-Garten, jener ursprünglichen Welt, in der wir nackt sind und uns nicht schämen. Sie spielt sich ab in der verschlossenen Kammer, hinter verschlossenen Türen. Sie spielt sich ab im Traumbewusstsein, ihre Zeit ist die Nacht. Dauernd transzendiert, überschreitet die Liebe die Normen, die unsere Gesellschaft normalerweise regulieren.

Insofern hat das Hohelied der Liebe und mit ihm die Liebe selbst „etwas Anarchisches“. Wer der Liebe folgt, schreibt fru im Anschluss an Dante, beschreitet einen „Irrweg in einem dunklen Wald.“ Er gerät in einen unangenehmen Zustand des „Ausser-sich-Seins“, einen Zustand der „Krankheit“, wie es im Hohelied heisst und wie fru schreibt:

„Je erfolgreicher wir sind, … umso mehr sind wir davon überzeugt, dass der Erfolg, … unser Verdienst ist…. Diese Selbstüberschätzung hat irgendeinmal ein böses Erwachen. Die Krise wird als Krankheit beschrieben, in der man sich bewusst wird, dass etwas Wichtiges im Leben fehlt.“

„Horch, mein Geliebter klopft.“

Was das Klopfen wohl bedeutet? Mit Worten von Dichterinnen gesagt:

Dass es mehr als alles gibt? (Dorothee Sölle)
Dass in allem etwas zu wenig ist? (Ingeborg Bachmann)
Dass alles mit der Sehnsucht beginnt? (Nelly Sachs)

„Horch, mein Geliebter klopft.“

Öffnen wir ihm!

Amen.

---

"Ich suchte ihn, den meine Seele liebt": Manuskript der Predigt vom 23. August 2020 über Hld. 3, 1-4

Heute wenden wir uns dem zweiten Level, der zweiten Stufe zu.

Auf der zweiten Stufe der Leiter fängt die Seele an, ohne Unterlass Gott zu suchen. Johannes vom Kreuz schreibt:

„Hier, auf dieser Stufe, sucht die Menschenseele in allen Dingen ihren Geliebten. In allem, was sie denkt, denkt sie sofort an den Geliebten; in allem, was sie spricht, spricht sie … von ihm. Wenn sie isst, wenn sie schläft, wenn sie wach ist oder irgendetwas tut, gilt all ihre Sorge dem Geliebten.“ (175)

Fru nimmt dieses Motiv der Suche auf der zweiten Stufe, dem zweiten Level auf und entfaltet es mit eigenen Gedanken:

„Es ist Suche nach etwas, von dem noch nicht klar ist, was es ist… Die Suche ist Ausdruck eines undefinierbaren Mangels, sei es auf materieller, intellektueller oder spiritueller Ebene. Man ist mit dem Leben unzufrieden… Ist der materielle Mangel gestillt, sucht man nach Erkenntnis, und wer weiss, wie die Welt funktioniert, sucht einen Sinn darin… Wenn alles Suchen und Finden vergeblich war, möchte man Gott suchen, finden und werden wie er.“

Beide, fru und Juan de la Cruz beziehen sich auf einen Vers im Hohelied der Liebe. Dort heisst es:

„Ich suchte ihn, den meine Seele liebt.“ (3, 1f.)

Das Lied, das wir nun singen, stammt ebenfalls von Juan de la Cruz. Es nimmt dieses Motiv der Suche auf, einer Suche, die ihr Ziel noch nicht kennt. Doch der Durst wird uns leuchten.

Lied: „De noche“

Wir befinden uns auf dem Weg in die Nacht.

• Dazu passt das Lied, das wir gesungen haben: „De noche iremos“, „Des Nachts ziehen wir“.
• Dazu passt auch das Gedicht aus dem Hohelied, dem wir uns heute zuwenden. Es ist ein sogenanntes Traumlied. „Des Nachts auf meinem Bett“ – so beginnt das Lied. Was dann folgt, wirkt, wie vieles im Hohelied, schwebend, nicht real, unwirklich. Das Gedicht trägt einen hinüber in ein Änedraa von Raum und Zeit:

Text: Hld. 3, 1-4

"1 Des Nachts auf meinem Lager suchte ich,
den meine Seele liebt.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
2 Ich will aufstehen und die Stadt durchstreifen,
die Strassen und Plätze,
will suchen, den meine Seele liebt.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
3 Mich fanden die Wächter, die die Stadt durchstreifen.
Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt?
4 Kaum war ich an ihnen vorüber,
da fand ich ihn, den meine Seele liebt."


Das Gedicht ist geprägt durch zwei Leitworte: „Suchen“ und „finden“, sowie durch ein Leitmotiv: „Den meine Seele liebt“. Sowohl die Leitworte als auch das Leitmotiv kommen je viermal vor in dem Gedicht, das seinerseits aus vier Versen besteht. Jeder der Verse bildet in sich eine eigene Szene:

In der ersten befindet sich die junge Frau in ihrem Bett, in der zweiten durchstreift sie die Stadt, in der dritten begegnet sie den Wächtern. Und schliesslich, in der vierten Szene, findet sie „ihn, den ihre Seele liebt“.

Vier – das ist die Weltzahl, die Zahl der kosmischen Ganzheit. Es gibt vier Elemente, vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten. Es ist die Zahl der Urzeit und der Endzeit, des Paradieses und der himmlischen Vollendung. Im Paradies, heisst es am Anfang der Bibel, fliessen vier Ströme, und am Ende der Bibel heisst es von der himmlischen Stadt, sie habe die Form eines gleichseitigen Vierecks, eines Quadrats.

Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung weist darauf hin, dass die Zahl Vier „Vollkommenheit und Ganzheit“ symbolisiert:

„Daher die Quaternität, die sich in der Stadt als Quadratur, beim Paradies in den vier Strömen, bei Christus in den vier Evangelisten und bei Gott in den vier Lebewesen ausdrückt“, die seinen Thron umgeben. (nach 285f.)

Diese durch die Zahl Vier symbolisierte Ganzheit und Vollkommenheit kommt gemäss Jung in der Heiligen Hochzeit zustande, dem Hieros Gamos, der Vereinigung von Himmel und Erde, von Gott und Göttin. Es sind solche Vorstellungen aus den Mythen des Alten Orient, die in unserem Gedicht und im ganzen Hohelied anklingen.

Fru schreibt dazu in seinem Buch:

Es handelt sich beim Hohelied um eine grosse Metapher „für die Heilige Hochzeit, die Vereinigung vom göttlichen Eros und der menschlichen Psyche. Eros bedeutet Liebe, Sinnlichkeit, Beziehung, Sexualität, aber auch All-Verbundenheit, Einheitserfahrung und Ekstase… Der Anfang des Prozesses ist das Bewusstsein des fehlenden Eros, das Ziel ist der Zustand der Einheit und All-Verbundenheit.“ (nach 10)

Es ist kein Zufall, dass unser Gedicht geprägt ist von der Vierzahl. Darin kommt symbolisch dieser ultimative „Zustand der Einheit und All-Verbundenheit“ zum Ausdruck. Er ist von allem Anfang an da.

Beginnen wir beim ersten Vers:

1 Des Nachts auf meinem Lager suchte ich,
den meine Seele liebt.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

Im Hoheliedkommentar des Schweizer Alttestamentlers Othmar Keel findet sich eine Reihe von Abbildungen altorientalischer Zeichnungen. Auf einer ist eine junge, nackte Frau zu sehen, die mit ihren Händen nach dem Mann greift, der unter dem Bett liegt.

So etwa hat man sich die erste Szene unseres Lieds vorzustellen: „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt.“

Das hebräische Wort für „Suchen“, sagt Keel, meint etwas Umfassenderes als sein deutsches Äquivalent, es meint auch „Verlangen“, „Sich sehnen“.

Das Gleiche gilt für „Seele“ – das hebräische Wort für „Seele“ meint ursprünglich „Kehle“, damit verbunden sind heftiges Atmen, Verlangen, Begehren. Es geht also nicht nur um Seelenverwandtschaft, geistige Verbundenheit, platonische Liebe, es geht auch um erotisch-körperliche Anziehung.

Der Geliebte in unserem Gedicht befindet sich nicht neben ihr im Bett. Die Sehnsucht hat eine solche Wucht, dass die Frau etwas tut, was sie im Alten Orient niemals tun dürfte: Sie verlasst nachts ihr Haus und durchstreift allein die Stadt:

2 Ich will aufstehen und die Stadt durchstreifen,
die Strassen und Plätze,
will suchen, den meine Seele liebt.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

Im Buch der Sprüche, das ebenfalls in der Bibel steht und ebenfalls dem König Salomo zugeschrieben wird, gibt es eine Sequenz, die stark an unser Gedicht erinnert:

Ein Mann, heisst es da, geht „in der Dämmerung, am Abend des Tages, in der Stunde der Nacht und des Dunkels“ durch die Stadt.

„Sieh, da kommt ihm eine Frau entgegen, gekleidet wie eine Hure und mit listiger Absicht.
Unruhig ist sie und zügellos, zu Hause finden ihre Füsse keine Ruhe.“

Die Füsse sind an dieser Stelle wie häufig in der Bibel ein Euphemismus für die Genitalien.

„Bald auf der Strasse, bald auf den Plätzen, und an jeder Ecke lauert sie.
Und sie packt ihn und küsst ihn, mit dreister Miene spricht sie ihn an:
… Ich bin ausgegangen, dir entgegen, ich wollte dich suchen, und ich habe dich gefunden.“

Auch hier ist die Frau auf Strassen und Plätzen unterwegs, auch hier begegnen die Leitworte vom „Suchen“ und „Finden“.

Sie verführt den Mann mit süssen Worten, er folgt ihr, heisst es weiter, wie ein Rind zur Schlachtbank läuft.

Man fragt sich, was für ein Männerbild sich eigentlich in dieser Metaphorik verbirgt. Wie dem auch sei – es gibt einen auffallenden Unterschied zwischen dem Buch der Sprüche und dem Hohelied der Liebe.

Das Verhalten der Frau ist beide Male dasselbe: Sie durchstreift die Strassen auf der Suche nach dem Geliebten. Doch im Hohelied wird dieses Verhalten positiv gewertet, im Buch der Sprüche hingegen wird es scharf verurteilt (Z 52; vgl. den ganzen Abschnitt Sprüche 7, 11-27)

Das Buch der Sprüche, könnte man sagen, vertritt die konventionelle Moral – jene Moral, die gehütet wird von den Wächtern der Nacht, der Stadtpolizei, die durch die Strassen patrouilliert, um zwielichtige Gestalten wie die Frau aufzugreifen:

3 Mich fanden die Wächter, die die Stadt durchstreifen.
Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt?

Der Vers ist kunstvoll gestaltet: Zuvor hiess es, die Frau haben den Geliebten nicht gefunden. Nun wird sie stattdessen von den Wächtern gefunden. Das Wort „finden“ steht zweimal direkt nacheinander, doch das Subjekt wechselt, nun sind die Wächter Subjekt, die Frau ist Objekt, ihnen ausgeliefert. Es entsteht eine beklemmende Szene.

Weiter: Zuvor war es die Frau, die „die Stadt durchstreifte“, nun sind es die Wächter – die Formulierung ist zweimal die gleiche. Man vermutet in der Forschung, dass das hebräische Wort, das hier mit „umherstreifen“ übersetzt ist, nicht eher „patrouillieren“ bedeutet. Es würde dann aus der militärischen Welt stammen. So wie die Polizei auf Befehl des Königs durch die Stadt patrouilliert, so würde die Frau auf Geheiss der Liebe die Strassen durchstreifen. Auch die Liebe, ist eine höhere Macht, wie der König, ja, mächtiger als dieser. Sie ist eine göttliche Macht, im Alten Orient wird sie repräsentiert durch Göttinnen wie Astarte, Anat, Aphrodite. Der Dienst an der Liebe, heisst es in einem Gedicht, mache kühn. „Niemals wohnt die Liebe in feigen Herzen.“ (nach K 116)

Bernhard von Clairvaux, der Gründer des Zisterzienserordens und einer der begnadetsten Prediger der Christenheit – hat ein tausend Seiten umfassendes Werk mit Predigten über das Hohelied geschrieben. Er ist, übrigens, nur bis zu diesem Vers Hohelied 3, 3 gekommen.

In einer der letzten Predigten zu eben diesem Vers besingt Bernhard die Liebe mit ekstatischer Wucht:

„O Liebe, unbesonnen, heftig, lodernd, stürmisch! Du bringst jede Ordnung durcheinander, hältst dich an keinen Brauch, kennst kein Mass; über alles, was die Leute für Vorteil, Vernunft, Schamgefühl, guten Rat oder Urteilskraft halten, triumphierst du.“ (II 559)

Tatsächlich bringt die Liebe die Ordnung durcheinander. Eigentlich wäre es die Stadtpolizei, die hier die Fragen zu stellen hätte.

Doch die Frau geht offensiv auf die Wächter zu, „so wie eine Streife die andere fragt, ob sie etwas Verdächtiges gesehen habe“ (K 116), so fragt sie, ob sie den gesehen haben, den ihre Seele liebt.

Die Frage ist ziemlich merkwürdig. „Hat er denn keinen Namen?“, hat schon Bernhard von Clairvaux gefragt. Seine Erklärung für das seltsame Gebaren der Frau leuchtet ein, die Liebe, sagt Bernhard, macht geradezu autistisch:

„Du, Liebe, lässt ausser dir nichts anderes in den Sinn kommen, … alles ausser dir verachtest du, mit dir allein bist du zufrieden.“ (ebd.)

Das kommt nicht immer gut. Jene, die beim letzten Hohelied-Gottesdienst dabei waren, erinnern sich vielleicht an die parallele Stelle: Auch dort wird die Frau von den Wächtern gefunden, die die Stadt durchstreifen. Dann heisst es:

„Sie schlugen mich, verwundeten mich.
Meinen Überwurf nahmen mir weg
die Wächter der Mauern.“ (5, 7)

Mit den Mauern sind die Stadtmauern gemeint, doch nicht nur. Mauern symbolisieren das Leben innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung (vgl. 8, 8f.; Z 219). Die Wächter sind Tugendwächter.

Verhalten out of the box, ausserhalb der Mauern wird sanktioniert. Es gibt in altorientalischen Gesetzbücher Schilderungen von solchen Sanktionen, die ich Ihnen und mir selber ersparen möchte (K 183).

Es gibt noch eine andere Deutung dieser Wächter. Sie führt aus der realen wieder zurück in die mythische Traumwelt, in der sich das ganze Gedicht abspielt.

Und zwar gibt es im Alten Orient den Mythos von einem Gott, der in der Unterwelt gefangen ist, und einer Göttin, die aufbricht, ihn zu befreien.

Sie muss dafür an den Wächtern der Tore der sieben Sphären vorbeikommen (M 35). Unterwegs wird sie ihrer Kleider beraubt (Ringgren 281) und verwundet.

Der Weg der Göttin erinnert an den „Chor der Wandernden“ der jüdischen Dichterin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs. An dessen Anfang heisst es:

„Wir Wandernde, / … Mit einem Fetzen des Landes, darin wir Rast hielten, / Sind wir bekleidet“,

und ganz am Schluss:

„Wir zeigen in ein Geheimnis / Das mit der Nacht beginnt“. (29f.)

Der Weg der Göttin erinnert an das Anthem des jüdisch-kanadischen Liedermachers Leonard Cohen:

„There is a crack in everything
That's how the light gets in“,

„Es gibt in allem einen Bruch –
auf diese Weise kommt das Licht hinein“.

Und dann weiter, ganz am Schluss:

„Every heart
To love will come
But like a refugee“

„Jedes Herz
wird zur Liebe gelangen,
doch als Flüchtling“

Zur Liebe gelangt die Frau in der letzten, der vierten Szene:

4 Kaum war ich an ihnen vorüber,
da fand ich ihn,
den meine Seele liebt.

Ich habe schon darauf hingewiesen, dass das hebräische Wort für „Seele“, Nefesch, ursprünglich „Kehle“ bedeutet, damit verbunden ist intensives Atmen und leidenschaftliches Begehren. Auch die ursprüngliche Bedeutung von „Suchen“ geht in diese sinnlich-erotische Richtung.

Gleichzeitig verweist dieses Suchen in die göttliche Welt. Sexualität und Spiritualität kommen da zusammen, werden eins, verschmelzen.

Othmar Keel, der schon erwähnte Schweizer Alttestamentler und Hoheliedspezialist, weist auf altorientalische Texte hin, in denen die Göttin den Gott sucht. Von der ägyptischen Göttin Isis auf der Suche nach dem verschwundenen Osiris etwa heisst es:

„Isis, die ihn suchte, ohne zu ermüden,
die dieses Land durchlief in Trauer
und nicht ruhte, bis sie ihn gefunden hatte.“ (nach 115)

Der, den meine Seele liebt, ist also in Wahrheit Gott. Bei all meinem Suchen ist es in Wahrheit mein göttliches Wesen, welches Gott sucht. Gott sucht Gott. Ich suche ihn, den meine Seele liebt. Bei all unserem Suchen: Bhüet eus, Gott!

Amen.

Der heutige Predigttext wird als Traumlied bezeichnet. Im Nachklang der Predigt nun spielt Marta „Reverie“ des französischen Komponisten Claude Debussy. „Reverie“, auf Deutsch: „Träumerei“.

---

Einführung ins Hohelied (Manuskript eines Referats)

„Wir beklagen freilich, dass uns die fragmentarisch durcheinander geworfenen, übereinander geschobenen Gedichte keinen vollen reinen Genuss gewähren… aber gerade das Rätselhaft-Unauflösliche gibt den wenigen Blättern Anmut und Eigentümlichkeit“ –

so schreibt Goethe im West-östlichen Divan (nach K 20).

In eine ähnliche Richtung weist die Metapher, die der jüdische Kommentator Yair Zakovitch dem Hohelied entnimmt, um dieses zu beschreiben: Es sei ein „verschlossener Garten“ (Hld 4, 12). Umso grösser ist der Anreiz, einen Weg in diesen Garten hinein zu finden und von den exotisch-delikaten Früchten kosten zu können. (nach Z 31)

In der jüdischen und christlichen Mystik wird das Hohelied als das heiligste aller Bücher der Heiligen Schrift verehrt. Ein schönes rabbinisches Beispiel erwähnt wiederum Zakovitch:

R. Pinchas von Koretz pflegte zu sagen: „Für das Hohelied reicht unser Verständnis nicht hin, denn wenn alle biblischen Schriften heilig sind, dann ist das Hohelied hochheilig; wenn alle biblischen Schriften sich zwischen der Welt der Niedrigkeit und den oberen Welten erstrecken, dann erstreckt sich das Hohelied zwischen den oberen Welten und dem Unendlichen; daher verstehen wir es nicht.“ (nach Z 31)

Im Hohelied kommt „Gott“ kein einziges Mal vor. Überraschenderweise ist es eben dieser Sachverhalt, der die allegorische Deutung erleichtert: Die männliche Hauptfigur – der Geliebte – kann so mit Gott identifiziert werden.

Im Judentum wird das Hohelied gedeutet als Liebesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk, in der christlichen Tradition tritt an die Stelle von Israel je nachdem die Kirche, Maria oder die eigene Seele.

Der Schweizer Alttestamentler und Hoheliedspezialist Othmar Keel erwähnt einige besonders merkwürdige Blüten dieser allegorischen Lesart. Wenn es zum Beispiel heisst: „Ein Myrrhenbeutelchen ist mir mein Geliebter, das zwischen meinen Brüsten ruht“ (1, 13), dann behauptet ein Allegorist, damit sei Christus gemeint, der zwischen dem Alten und dem Neuen Testament ruhe.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: „Wenn je zwei Allegoristen zur gleichen Deutung eines Verses kommen, dann nur, weil sie einander abgeschrieben haben.“ (16f.)

Das einzige, was nicht sein darf, ist die sog. „natürliche“ Auslegung. So wies Kyrill von Jerusalem (313-387) seine Hörer an: „Du sollst nicht glauben, die Lieder seien erotisch und voller Leidenschaft, wie es der Meinung vieler entspricht, die die Worte dieses Buches aufnehmen, ohne sie ernsthaft zu bedenken.“ (K 17f.)

Die allegorische Lesart wurde auch noch von den Reformatoren betrieben. So hat Johannes Calvin den Humanisten Sebastian Castellio darum aus Genf vertrieben, weil dieser das Hld. „betrachtet als ein laszives und obszönes Gedicht, in dem Salomo seine schamlosen Liebesaffären beschreibt.“ (K 19)

Interessant ist eine Beobachtung des jüdischen Kommentators Zakovitch, der der allegorischen Auslegung insgesamt positiver gegenübersteht als etwa Keel: Viele der Lieder des Hld. haben einen Rätsel- und Gleichnischarakter. Sie tragen also in sich schon mehrere Bedeutungsebenen, was die zusätzliche Ebene der allegorischen Deutung dann nahelegt (nach Z 94).

Wegweisend für die wörtliche oder natürliche Auslegung des Hohelieds war Johann Gottfried Herder. Er schrieb:

„Ich ging nochmals zum Buche, zu sehen, was da war, und zog die ältesten und neuesten Ausleger zu Rath, nur keiner war mir lieber, als der von allen beleidigte klare Wortverstand.“ (nach Gerlemann 49)

Aber auch wenn wir mit Herder den „klaren Wortverstand“ zu Rate ziehen, bleibt vieles geheimnisvoll, in der Schwebe. Wie sind diese „wenigen Blätter“ (Goethe) zu verstehen?

Eine Lesart geht davon aus, dass das Hohelied als Drama zu deuten ist, dass es also einem Handlungsschema folgt.

Dabei wird grundsätzlich unterschieden zwischen einem Hochzeitslied, das als Dialog gestaltet ist zwischen der Geliebten und dem Mann. Oder, spannender, das Hohelied beinhaltet eine Dreieckskonstellation: Die schönste der Frauen in Salomos Harem liebt eigentlich einen Hirten und sehnt sich nach ihm. Salomo lässt sie von Wächtern bewachen und bezirzt sie mit vielen Geschenken. Doch eines Tages öffnete sie die Fesseln und schritt, duftend von Myrrhe, hinaus zum Geliebten, dem Hirsch, auf die Balsamberge (nach Z 37f.).

Diese Lesart ist zwar fantasie- und humorvoll, doch ohne Anhalt am Text. Dieser kann kaum anders gelesen werden denn als lose Sammlung von Liebesliedern.

Für deren Deutung erwähnt Othmar Keel zwei Aspekte, die gegenläufig sind. Einerseits sind die Erfahrungen von Glück, Schmerz und Sehnsucht, die im Hld. zur Sprache kommen, allgemein menschlich. Deshalb spricht uns das Hld. über die zeitliche und kulturelle Distanz hinweg unmittelbar an.

Umgekehrt sind es aber Texte aus einer fernen und fremden Welt, deren sprachliche Codes nicht mit den unseren übereinstimmen. Deshalb ist es fürs Verständnis hilfreich, das Hld. im Kontext seiner Zeit zu lesen, umso mehr, als die Dichter jener Lieder viel mehr an sprachliche Konventionen gebunden waren, als das heute der Fall ist (nach K 35f.).

Diese fest geprägten Motive werden in der Auslegung der einzelnen Lieder und Liedfragmente zur Sprache kommen. Einige seien aber an dieser Stelle kurz erwähnt.

In den ersten paar Versen kommen der König (V. 4), die Gärtnerin (V. 5f.) und Hirten (V. 7f.) vor. Man nennt diese Figuren in der Literaturwissenschaft literarische Travestien, d.h.: das Liebespaar tritt in Verkleidungen auf. Es ist dies ein „strukturbestimmendes Motivschema“ des Hld. (Gerleman 61).

Es gibt zwei Typen von Travestien, nämlich die Travestie nach oben und die nach unten hin. Jene nach oben wird durch den König repräsentiert, jene nach unten durch die Hirten und Gärtner.

Dabei kommt der König nicht immer gut weg. An einer Stelle ist die Rede von der Sänfte, in der Salomo liegt. Er wagt sich nicht aus dem Bett – dieses wird von sechzig schwerbewaffneten Helden bewacht (Hld. 3, 7f.; nach Z 68, 88).

Humor ist ein wichtiges Element im Hohelied, manches wirkt, wenn man es sich vorstellt, wie ein Parodie, zum Beispiel, wenn die Nase der Geliebten mit dem Libanon-Turm verglichen wird (Z 84f.).

Traumhafte Elemente gehören zur Dichtung des Hohelieds, der Vers „Ich schlief, doch es wachte mein Herz“ (8, 2) deutet diese Traumebene an.

Als Orte der Liebe werden einerseits der geschützte Innenraum, andrerseits die freie Natur genannt – wobei auch der Garten als „verschlossener“ einen intimen Raum schafft.

Wegen der erotischen Assoziationen, die mit dem Garten verbunden sind, ist die Gärtner-Travestie die wichtigste. Der Garten und das Eintreten in den Garten „erlaubt es, sexuelle Vorgänge anzusprechen, ohne ins Vulgäre abzugleiten“ (Z 82). Die Garten-Metaphorik bewahrt vor der „Peinlichkeit, die mit der unverhüllten Darstellung von Sexuellem häufig verbunden ist“ (ebd.)

Doch da ist noch mehr: Der Garten weckt die Assoziation des Paradieses. Die Garten-Metaphorik schafft somit den Übergang von der Sexualität zur Spiritualität:

Im Liebesakt vollzieht sich die Rückkehr ins Paradies, Verbote verlieren ihre Gültigkeit, desgleichen gesellschaftliche Schranken und Hierarchien, im Paradies gibt es keinen Rangunterschied zwischen Frau und Mann. (Z 82, K 41)

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass im Hohelied manches positiv gewertet ist, was andernorts in der Bibel, besonders bei den Propheten und auch im Buch der Sprüche, als verdammenswert erscheint (nach K 39).

So wird im Hld. untern Zedern und Wacholder geliebt, während der Prophet Hosea entsprechende Praktiken im angenehmen Schatten von Eiche, Pappel und Terebinthe als „Hurerei“ bezeichnet (Hos. 4, 13f.; K 39f., vgl. Z 34f.)

Mit dieser Beobachtung verbindet sich ein grundsätzliches Problem: Das Alte Testament ist wesentlich durch heilsgeschichtlich-lineare Entwürfe geprägt. Die zyklisch-mythischen Konzepte der Naturreligionen ringsum im Alten Orient werden in der Tradition der Propheten scharf zurückgewiesen.

In der Spätphase des Alten Testaments aber, da scheinen solche Denkformen aufzutauchen, nicht als in sich geschlossenes religiöses Symbolsystem, aber in poetischen Anspielungen. Es ist, als würde hier in den Träumen und Gedichten das Verdrängte zurückkehren. (vgl. dazu Müller 8 und 9!)

Diese Rückkehr bewirkt erstens, dass gesellschaftliche Normen relativiert, ja überschritten werden. Noch einmal sei in diesem Zusammenhang auf den Sachverhalt hingewiesen, dass sich die Liebesszenen des Hohelieds in „menschenleeren Gegenden“ (K 42) abspielen, hinter verschlossenen Türen oder draussen auf dem freien Feld. Die Schulweisheit hingegen, von der das Buch der Sprüche handelt, hat ihren Ort auf den Hauptstrassen der Stadt (Spr. 8, 1-3; nach K 45).

Die Zeit der Liebe ist die Nacht, die Zeit der Arbeit hingegen, gemäss Psalm 104, der Tag: „Strahlt die Sonne auf, … geht der Mensch hinaus an sein Werk, an seine Arbeit bis zum Abend“ (V. 22; ebd.)

Dem Hohelied, schreibt Keel, eignet „etwas Anarchisches“ (46), es transzendiert die Normen, die die Gesellschaft normalerweise regulieren. Es ist geeignet, uns hin zu unserem Ursprung zu führen, zu unserem wahren Wesen, dorthin, wo wir nackt sind und uns nicht schämen.

Damit ist der zweite Punkt untrennbar verbunden: In jener ursprünglichen Welt, in unserem wahren Wesen sind wir eins mit Gott. Diese Vorstellung ist in den mythisch-zyklischen Religionen im Umfeld des alten Israel Gemeingut. Der Geliebte wird als Gott bezeichnet, die Geliebte als Innana-Ischtar, die Göttin der Liebe:

„Siehe, sie ist wie die Sterngöttin, die aufgeht zu Beginn eines glücklichen Jahres“, heisst es in einem Liebesgedicht, und weiter: „Wenn sie aus dem Hause tritt, ist es, als erblickte man jene, die Eine“ (nach K 25).

Diese Gottähnlichkeit der Geliebten deutet sich in den Gedichten des Hohelieds an, nicht als in sich geschlossener Mythos, aber als „lyrische Reproduktion des Mythischen“ (K 23, nach Müller; vgl. Psalm 45, einem Hochzeitslied, wo der König als „Elohim“, als Gott angesprochen wird (V. 7; K 26)).

Wenn vorher von der Travestie nach oben, der Königs-Travestie die Rede war, wird diese nun auf die Spitze getrieben. Was für den König gilt, gilt im Vollzug dieser Travestien, die nichts anderes als Transformationen sind, auch für mich. Othmar Keel zeichnet eine Spur vom Heidentum des Alten Orient bis hin zu Gedichten von Novalis:

„Kurzum ich sah, dass jetzt auf Erden
Die Menschen sollten Götter werden“.

Und von Mörike:

„Wenn ich von deinem Anschaun tief gestillt,
mich stumm an deinem heiligen Wert vergnüge,
dann hör ich recht die leisen Atemzüge
Des Engels, welcher sich in dir verhüllt.“ (K 26)

Am deutlichsten wird diese Andeutung des Göttlichen im Antlitz der Geliebten in den sog. Beschreibungsliedern. In einem ägyptischen Totenbuchspruch heisst es:

„Dein Gesicht ist leuchtender
als das Haus des Mondes.
Dein Oberteil ist Lapislazuli,
deine Locken sind schwärzer als
die Türen jedes Sterns am Tage der Verfinsterung…
Deine Lunge ist Nephtys,
dein Gesicht ist Hapi und seine Wasserflut…
Dein Schlund ist Anubis,
dein Leib ist breit mit Gold geschmückt…“ (nach K 29)

Im Anblick der Geliebten wird, in diesem Gedicht, Gott sichtbar. In dieser Tradition stehen die Beschreibungslieder im Hohelied der Liebe. Das berühmteste steht im 4. Kapitel:

„1 Du bist so schön, meine Freundin!
Du bist so schön!
Deine Augen sind Tauben
hinter deinem Schleier.
Dein Haar ist wie die Herde der Ziegen,
die vom Gebirge Gileads herabsprangen.
2 Deine Zähne sind wie die Herde geschorener Schafe,
die von der Schwemme heraufstiegen.
Sie alle werfen Zwillinge,
und keines von ihnen ist ohne Junge.
3 Wie ein Karmesinband sind deine Lippen,
und lieblich ist dein Mund.
Wie die Scheibe des Granatapfels ist deine Schläfe
hinter deinem Schleier.
4 Wie der Turm Davids ist dein Hals,
Schicht um Schicht gebaut.
Tausend Schilde sind daran aufgehängt,
alle Köcher der Helden.
5 Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze,
Zwillinge einer Gazelle,
die in den Lotosblumen weiden.

7 Alles an dir ist schön, meine Freundin,
und kein Makel ist an dir.“

---

Metaphern im Hohelied (Manuskript eines Referats)

Für die Deutung der Gedichte des Hohelieds erwähnt Othmar Keel zwei Aspekte, die gegenläufig sind. Einerseits sind die Erfahrungen von Glück, Schmerz und Sehnsucht, die im Hld. zur Sprache kommen, allgemein menschlich. Deshalb spricht uns das Hld. über die zeitliche und kulturelle Distanz hinweg unmittelbar an.

Andrerseits sind es Texte aus einer fernen und fremden Welt, deren sprachliche Codes nicht mit den unseren übereinstimmen. Deshalb ist es fürs Verständnis hilfreich, das Hld. im Kontext seiner Zeit zu lesen, umso mehr, als die Dichter jener Lieder viel mehr an sprachliche Konventionen gebunden waren, als das heute der Fall ist (nach K 35f.).

Othmar Keel hat der Metaphorik des Hohelieds ein ganzes Buch gewidmet. Die Aufschlüsselung der einzelnen Metaphern ist zum Teil überraschend und spannend. Ich möchte ein paar wenige erwähnen, bei denen in der Deutung die spirituelle Dimension sichtbar wird – nämlich in der Andeutung des Göttlichen im Antlitz des Geliebten. Im einführenden Referat habe ich geschlossen mit einem sog. Beschreibungslied. Darin heisst es in 4, 5:

"Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze,
Zwillinge einer Gazelle,
die in den Lotosblumen weiden."

Hier werden gleich zwei Metaphern verwendet – die Gazelle und die Lotosblume. Insbesondere die Kombination von beiden ist seltsam, desgleichen auch der Vergleich mit weiblichen Brüsten.

Um die seltsame Wortverbindung zu verstehen, gilt es den Grundsatz zu berücksichtigen, den Keel mehrmals erwähnt: „Art ist born of art not of nature.“

Beginnen wir bei der Lotosblume: Sie ist in der Bibel mehr ein Begriff der Kunst als der Natur. So heisst es in der Einleitung mancher Psalmen: „Nach der Weise der ‚Lotusblume‘“, was ein musikalischer terminus technicus sein muss, vielleicht eine Melodieangabe (z.B. Psl. 45, 1). Weiter ist Lotosblüte ein kunsthandwerklicher Begriff. An der Stelle, wo im Buch der Könige die Ausstattung des Tempels geschildert wird, heisst es zum Beispiel: „Die Kapitelle hatten lotosartige Verzierungen.“ (1. Kön. 7, 19; weitere Belege K65)

Es vollzieht sich hier also eine Ablösung der Schoschanim von der Botanik. Es geht um den Lotus nicht nur als Blume, sondern als Symbol – auch im Hohelied. Wobei die Symbolik mit der Botanik zu tun hat. Keel schreibt:

„‘Zusätzlich zum jährlichen Zyklus der Vegetation bietet die Lotosblüte … noch einen täglichen Zyklus des Verschwindens und Wiederkehrens an, indem sie sich abends im Wasser schliesst, am Morgen wieder auftaucht und öffnet‘. Auf diese Weise ist sie (die Lotusblüte) zum Symbol der Urentstehung geworden, zum Prinzip der Kosmogonie, aus dem das Sonnenkind als Schöpfergott hervorgegangen ist“ (nach K67).

Keel weist hin auf
• ein altägyptisches Gedicht, in dem es heisst: „Mein Gott, mein Lotus“ (70),
• einen Spruch aus einem Totenbuch, in dem es heisst, der Verstorbene nehme Gestalt an als Lotus (71).
• eine Gefässmalerei, auf der man den Lebensbaum in Gestalt eines Lotos sieht, der von zwei Cheruben bewacht wird. (68; Abb. 60)

Man nennt den Lotos in der Forschung ein „Regenerationssymbol“ – er symbolisiert die göttliche Kraft, die schöpferisch wirkt, die die Welt erschuf und die Lebenskräfte bringt und wiederbringt. Dieses Symbol nun wird im Hohelied mit den weiblichen Brüsten verbunden, denen mithin göttlich-schöpferisch-belebende Kraft zugesprochen wird.

Keel, der nie um eine passende orientalische Geschichte verlegen ist, verweist in dem Zusammenhang noch auf den alternden ägyptischen Schöpfer- und Sonnengott Re. Er will sich vom Weltregiment zurückziehen. Doch dann entblösst sich Hathor vor ihm und gibt ihm neue Kraft.

Übrigens werden auch die Lippen männlichen des Geliebten als Lotosblüten bezeichnet. Die Metapher: „Seine Lippen sind Lotusblüten“ übersetzt Keel etwas unpoetisch mit: „Seine Küsse sind Lebenserneuerer“ (74).

Gehen wir weiter zur anderen Metapher, jener der Gazelle: „Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle“.

Man hat in der Forschung vermutet, der Vergleich ziele auf die Kleinheit der Brüste. Kleine Brüste seien ein altorientalisches Schönheitsideal, die Liebesgöttin sei häufig mit sehr kleinen Brüsten dargestellt.

Dazu bemerkt Keel grundsätzlich:

„Masse und Proportionen, die in unseren Schönheitsvorstellungen eine so dominierende Rolle spielen, nehmen im Hohenlied, wenn überhaupt, einen sehr beschränkten Platz ein.“ (82)

Statt des statischen Aspekts stellt Keel den dynamischen in den Vordergrund: Die Behendigkeit der sich bewegenden Brüste, „die durch keinen Büstenhalter eingeengt sind“, sei der Vergleichspunkt, die betonte Zweiheit – die „Zwillinge“ – betone „die Parallelität der Bewegungen“ (83).

Das mag reizvoll sein – doch dies allein hätte mich nicht bewogen, Bezug zu nehmen auf die Gazellen-Metapher. Indessen assoziiert der Orientale mit der Gazelle noch mehr – und nun wird es wirklich interessant:

Gazellen, Hirsche, Steinböcke hausen in den Bergwüsten und Steppen. Diese werden im Alten Orient als Ort des Chaos, des Tohuwabohu angesehen:

Dort „vermochte der Mensch nicht zu überdauern, sondern war allen möglichen Bedrängnissen ausgesetzt und lief Gefahr umzukommen. Lebewesen, die in dieser feindlichen, existenzbedrohenden Einöde bestehen konnten, waren geeignet, zu einem Sinnbild der Todesüberwindung zu werden.“ (nach K84)

Es geht also nicht nur um das erotisch-reizvolle behende Wippen der Brüste. Sondern in diesen gazellengleich leichten Bewegungen offenbart sich die göttliche Kraft, die das Chaos und den Tod überwindet! Auch die Gazelle ist Regenerationssymbol – und nun wird auch deutlich, weshalb die Gazelle poetisch kombiniert wird mit der Lotosblüte:

"Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze,
Zwillinge einer Gazelle,
die in den Lotosblumen weiden."

Naturalistisch ausgerichtete Exegeten sahen in dem Vers ein „hübsches Naturbild“:

„Auf der blumenbedeckten Flur äsen zwei Kitzchen, nur ihr Rücken ragt über die hochgewachsenen Blumen heraus. Diesem runden, glatten, in der Sonne glänzenden Rücken der weidenden Jungtiere vergleicht der Dichter die wohlgeformten gleichmässigen Brüste.“ (81)

Keel bezeichnet dies spöttisch als eine „quasi photografische“ Charakterisierung des Vergleichs (ebd.). „Für denjenigen, der auf photographieartige Naturbilder aus ist, ist die Kombination von Gazelle und Lotosblume natürlich ein Unding.“ (nach 86).

Doch es geht hier eben nicht um Flora und Fauna, sondern um altorientalische Symbolik. Und da fällt auf, dass die Kombination von Gazellen (Capriden) und Lotosblumen über ein Jahrtausend hinweg konventionell, also üblich war! (S. 87f.; Abb. 89 und 91)

Und das hat seinen nicht naturalistischen, aber symbolischen Sinn:

„Die Lotusblume taucht als Lebenswunder aus dem dunklen Urwasser (Tehom) auf. Gazellen (Capriden) verkörpern Leben im chaotischen Bereich der Wüste. Zwischen Wasser- und Trockenwüste besteht für den Alten Orient im allgemeinen und den Hebräer im Besonderen kein wesentlicher Unterschied.“ (K88)

Am Anfang des ersten Schöpfungsberichts ist von der Urflut die Rede (Gen. 1, 2), also von der „Wasserwüste“, am Anfang des zweiten Schöpfungsberichts von der „Trockenwüste“, weil „Gott es noch nicht hatte regnen lassen auf der Erde“ (2, 5). Beide Motive werden verbunden in einer Art „Superlativ-Wüste“ in Jeremia 51, 42f.:

„Das Meer überflutet Babel.
Von seiner Wogen Schwall wird es bedeckt.
Seine Städte werden zur Wüste,
zu einem Gelände der Dürre und Steppe.“

Ja, was ist es nun, Flut oder Wüste? Beide sind eins, die Kombination ist eben nicht anschaulich-naturalistisch, sondern poetisch. Das Gleiche gilt für die Kombination von Gazelle und Lotosblüte. Sie bilden zusammen einen Superlativ des Lebens: Die durch die Brüste symbolisierte Liebeskraft der Geliebten überwindet die Macht des Todes. „Die Liebe siegt über das Chaos und schafft eine gedeihliche Ordnung und Leben.“ (nach K88)

Die Verbindung von Lotus und Capride hat also eine lange Tradition. Auf dem folgenden Amulett kommt noch ein weiteres Wesen dazu, nämlich ein Vogel, eine Taube (Abb. 91). Mit diesem Vergleich beginnt das Beschreibungslied:

„Deine Augen sind Tauben.“ (Hohelied 4, 1)

Die Zeile aus dem Hohelied der Liebe zeichnet sich aus durch äusserste Reduktion. Nicht einmal die Vergleichspartikel „wie“ hat da noch Platz. Geschweige denn eine Erläuterung, worin denn die Ähnlichkeit, die Einheit gar von Auge und Taube eigentlich bestehen soll. Der Satz „Deine Augen sind Tauben“ führt zurück in die ursprünglich-unmittelbare Sprach- und Vorstellungswelt des Kleinkinds. Man könnte ihn dort, im vorbewussten Raum einfach ruhen lassen.

Doch ist es auch interessant, einen Blick auf die Erklärungen zu werfen, die in der Forschung gefunden worden sind für den seltsamen Vergleich:

Sind die Augen der Freundin schön wie jene einer Taube? Nein, denn diese sind eher matt.

Ist es die graublaue Farbe? Nein, denn die Augen der Orientalinnen sind dunkel.

Ist es die Form? Kaum. Es steht jedenfalls nirgends geschrieben, dass der Umriss einer Taube in der Antike als besonders schön empfunden worden wäre.

Othmar Keel weist darauf hin, dass der Vergleichspunkt zwischen Auge und Taube nicht in der Gestalt, sondern in der Dynamik liegt. Mit den Augen sind eigentlich die Blicke gemeint: „Deine Blicke sind Tauben.“

Die Taube wiederum ist in der Antike das Tier der Liebesgöttin, der Ischtar, der Astarte, der Aphrodite. Grund dafür ist wohl ihr Liebesspiel, ihr Schnäbeln, das ans Küssen erinnert (Abb. 39).

Weiter ist die Taube Botin, etwa bei Noah, dem sie das frische Ölblatt überbringt als Zeichen des Endes der Sintflut. „Deine Augen sind Tauben“ würde dann – sinngemäss und unter Verlust der Poesie – bedeuten: „Deine Blicke sind Botinnen der Liebe“.

Wir befinden uns, jetzt im September, in der Schöpfungszeit. Sie ist dieses Jahr dem Sehsinn gewidmet. Die amerikanische Religionswissenschaftlerin und Ökoaktivistin Joanna Macy (* 1929) plädiert dafür, die Erde nicht als Selbstbedienungsladen und Müllhalde, sondern als Geliebte zu sehen:

„Wenn du die Welt als Geliebte erfährst, kann alles Erscheinende Ausdruck dieses erotischen Impulses sein – sofern du ein kluges, sehendes Auge dafür hast. Er nimmt eben jetzt in jedem von uns Gestalt an, in allem und jedem, dem wir begegnen.“

Unsere Beziehung zur Erde würde eine andere, wenn wir sie mit Augen der Liebe betrachteten. Und ihren liebenden Blick in allen Wesen sähen. So können wir, wenn wir abschliessend das Beschreibungslied in Hohelied 4 hören, uns vielleicht vorstellen, wir sprechen es der Gaja, der Erde zu:

4, 1 Du bist so schön, meine Freundin!
Du bist so schön!
Deine Augen sind Tauben
hinter deinem Schleier.
Dein Haar ist wie die Herde der Ziegen,
die vom Gebirge Gileads herabsprangen.
2 Deine Zähne sind wie die Herde geschorener Schafe,
die von der Schwemme heraufstiegen.
Sie alle werfen Zwillinge,
und keines von ihnen ist ohne Junge.
3 Wie ein Karmesinband sind deine Lippen,
und lieblich ist dein Mund.
Wie die Scheibe des Granatapfels ist deine Schläfe
hinter deinem Schleier.
4 Wie der Turm Davids ist dein Hals,
Schicht um Schicht gebaut.
Tausend Schilde sind daran aufgehängt,
alle Köcher der Helden.
5 Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze,
Zwillinge einer Gazelle,
die in den Lotosblumen weiden.
… 7 Alles an dir ist schön, meine Freundin,
und kein Makel ist an dir.

---

„Deine Augen sind Tauben“: Manuskript der Predigt vom 20. September 2020 (Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag) über Hld. 4, 1-5.7

Einleitung zur Lesung

In den orthodoxen Kirchen wird der 1. September als Tag der Schöpfung begangen. Der 4. Oktober ist der Gedenktag des Schöpfungsheiligen Franz von Assisi. Die Zeit dazwischen hat sich weltweit und schweizweit als SchöpfungsZeit etabliert, in der Themen wie „nachhaltiger Lebensstil“ und „Bewahrung der Schöpfung“ bedacht werden. – Zur Schöpfungszeit gehört auch der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag, den wir heute feiern.

Die oeku, der ökumenische Verein für Kirche und Umwelt gestaltet die Schöpfungszeit 2016 bis 2020 mit einer Reihe zu den fünf Sinnen. Zum Abschluss dieses Zyklus steht dieses Jahr der Sehsinn im Fokus.

Aus diesem Grund möchte ich mich heute dem biblischen Vers: „Deine Augen sind Tauben“ zuwenden.

Der Vers stammt aus dem Hohelied, einer geheimnisumwobenen Sammlung von Liebesliedern im Alten Testament, die dem König Salomo zugeschrieben wird und zur Weltliteratur gehört.

„Deine Augen sind Tauben“ (Hohelied 4, 1) --- die Zeile zeichnet sich aus durch äusserste Reduktion. Es heisst nicht: „Deine Augen sind WIE Tauben“, sondern nur: „Deine Augen sind Tauben.“ Nicht einmal die Vergleichspartikel „wie“ hat da noch Platz. Geschweige denn eine Erläuterung, worin denn die Ähnlichkeit von Auge und Taube eigentlich bestehen soll.

A: In der Forschung hat man sich dazu viele Gedanken gemacht: Was ist der Vergleichspunkt zwischen Auge und Taube?

Sind die Augen der Geliebten schön wie jene einer Taube?

J: Nein, denn die Augen einer Taube sind eher matt.

A: Ist es die graublaue Farbe?

J: Nein, denn die Augen der Orientalinnen sind dunkel. Und ausserdem heisst es gar nicht: „Deine Augen sind wie die Augen einer Taube“, sondern: „Deine Augen sind Tauben“.

A: Ist es also die Form – haben die Augen die FORM eine Taube?

J: Kaum. Es steht jedenfalls nirgends geschrieben, dass der Umriss einer Taube in der Antike als besonders schön empfunden worden wäre.

---

Othmar Keel ist ein bedeutender katholischer inzwischen emeritierter Professor für Altes Testament, der an der Universität Fribourg lehrte. In seinem Kommentar zum Hohelied weist 1. darauf hin, dass der Vergleichspunkt zwischen Auge und Taube nicht in der Gestalt, sondern in der Bewegung liegt. Mit den Augen sind eigentlich die Blicke gemeint: „Deine Blicke sind Tauben.“

2. weist Othmar Keel darauf hin, dass die Taube in der Bibel jeweils Botin ist, etwa bei Noah, dem sie das frische Ölblatt überbringt als Zeichen des Endes der Sintflut.

Und 3., und das ist der wichtigste Punkt: Die Taube ist in der Antike das Tier der Liebesgöttin, der Ischtar, der Astarte, der Aphrodite.

„Deine Augen sind Tauben“ würde dann – sinngemäss und unter Verlust der Poesie – bedeuten: „Deine Blicke sind Botinnen der Liebe“. Und zwar der göttlichen Liebe, der Liebe der Gottheit, die weiblich gedacht ist.

Um Liebe geht es auch in dem Gesang aus der Deutschen Messe, den die Vox Raurica im Anschluss an die Lesung singt:

„Du willst für Deine Liebe ja nichts als wieder Lieb' allein;
und Liebe, dankerfüllte Liebe soll meines Lebens Wonne sein.“

„Deine Augen sind Tauben“ – wir hören das Liebeslied, in dem diese Zeile steht, als ganzes. Ein Mann beschreibt darin die Schönheit seiner Geliebten. Das Gedicht steht im 4. Kapitel des Hohelieds in den Versen 1-7.

Lesung: Hohelied 4, 1-5.7

4, 1 Du bist so schön, meine Freundin!
Du bist so schön!
Deine Augen sind Tauben
hinter deinem Schleier.
Dein Haar ist wie eine Herde von Ziegen,
die vom Gebirge Gileads herabspringen.
2 Deine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe,
die von der Schwemme heraufsteigen.
Sie alle werfen Zwillinge,
und keines von ihnen ist ohne Junge.
3 Wie ein tiefrotes Band sind deine Lippen,
und dein Mund ist hinreissend.
Wie ein Riss im Granatapfel ist dein Gaumen
hinter deinem Schleier.
4 Wie der Turm Davids ist dein Hals,
Schicht um Schicht gebaut.
Tausend Schilde sind daran aufgehängt,
alle Köcher der Helden.
5 Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze,
Zwillinge einer Gazelle,
die in den Lotosblumen weiden.
… 7 Alles an dir ist schön, meine Freundin,
und kein Makel ist an dir.

Vox Raurica: Zum Offertorium

Predigt

Das Hohelied ist ein wenig bekannter schmaler Band von Liebesgedichten im Alten Testament. Das „Lied der Lieder“, wie sein Titel wörtlich übersetzt heisst, besingt die Liebe – und zwar nicht etwa die platonische, sondern die erotische Liebe zwischen Frau und Mann. Diese Liebe wird auf sehr sinnliche Art und Weise zum Ausdruck gebracht.

Kein einziges Mal taucht im Hohelied das Wort „Gott“ auf, und doch oder vielleicht: gerade so gilt das Hohelied in mystischen Kreisen im Judentum und im Christentum als das heiligste aller Bücher der Heiligen Schrift.

Über viele Jahrhunderte hinweg ist das Hohelied allegorisch interpretiert worden, das heisst, es wurde umgedeutet auf die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk, Gott und der Kirche, Gott und der menschlichen Seele.

Doch eigentlich ist es – wie schon erwähnt – eine Sammlung von Liebesliedern. In jenem Lied, das wir zuvor gehört haben, besingt ein Mann die Schönheit seiner Geliebten. Betrachten wir die Zeilen en détail!

"Dein Haar ist wie die Herde der Ziegen,
die vom Gebirge Gileads herabspringen.
Deine Zähne sind wie die Herde geschorener Schafe,
die von der Schwemme heraufsteigen.
Sie alle werfen Zwillinge,
und keines von ihnen ist ohne Junge."

Da sind die Geissböcke, ihr Fell ist schwarz wie die Haare einer orientalischen Frau, sie sind wild und witzig, vital und frech, sie springen von den Bergen herunter.

Und da sind die Schafe – ihre Bewegung führt umgekehrt aufwärts, sie sind frisch gewaschen und geschoren, ihre Zähne sind strahlend weiss und symmetrisch wie Zwillinge.

Die christliche Tradition wird später zwischen Schafen und Geissböcken trennen, ebenso zwischen Maria, der Mutter Jesu, und Maria von Magdala, zwischen der Heilig-Reinen und der Verführerin.

Hier, im Hohelied, ist beides nicht getrennt, sondern vereint in der einen Geliebten. Und noch ein weiterer in der Geliebten vereinter Gegensatz kommt im Gedicht zur Sprache:

"Wie ein tiefrotes Band sind deine Lippen,
und dein Mund ist hinreissend.
Wie ein Riss im Granatapfel ist dein Gaumen
hinter deinem Schleier.
Wie der Turm Davids ist dein Hals,
Schicht um Schicht gebaut.
Tausend Schilde sind daran aufgehängt,
alle Köcher der Helden."

Da ist zunächst die sinnliche Beschreibung des Munds der Geliebten. Der Riss im Granatapfel zeigt dessen Reife an, die Lippen sind halb geöffnet, die Zunge sichtbar, sie sehnt sich nach dem Kuss.

Und dann ist da der Hals – er wird verglichen mit einem hohen Turm, an dem Schutzschilde hängen. Der Turm symbolisiert Stolz, Distanz, Abwehrkraft.

Auch diese beiden gegensätzlichen Qualitäten von Anziehen und Abstossen vereinigt die eine Geliebte in sich. Eine alte Bezeichnung Gottes lautet: coincidentia oppositorum, Zusammenkommen, Zusammenfallen der Gegensätze. Insofern deutet sich hier ein göttlicher Glanz auf dem Angesicht der Geliebten an. Dieser Eindruck verstärkt sich noch beim letzten Vergleich:

"Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze,
Zwillinge einer Gazelle,
die in den Lotosblumen weiden."

Der Lotus, der aus dem Schlamm erblüht, symbolisiert das Leben, das aus der Urflut, dem Chaos, heraus entsteht, aus dem Tohuwabohu, wie es am Anfang der Bibel lautmalerisch heisst. Der Lotus, der sich am Abend im Wasser schliesst und am Morgen wieder auftaucht und sich öffnet – er ist ein Ursymbol für die Kosmogonie, die Entstehung der Welt und die schöpferische Kraft, die ihr zugrunde liegt, ein Symbol also für Gott selber.

Weiter heisst es: „Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle“.

Gazellen hausen in den Bergwüsten und Steppen. Auch diese werden in der Bibel – wie die Urflut – als Ort des Chaos, des Tohuwabohu angesehen:

Dort „vermag der Mensch nicht zu überdauern; er ist allen möglichen Bedrängnissen ausgesetzt und läuft Gefahr umzukommen. Lebewesen, die in dieser feindlichen, existenzbedrohenden Einöde bestehen können, sind geeignet, zu einem Sinnbild der Todesüberwindung zu werden.“ (nach K84)

So schreibt Othmar Keel. Auch die Gazelle ist also – wie der Lotus – Symbol für die Kraft, die Chaos und Tod überwindet, ein Symbol für Gott selber.

Und hier schliesst sich der Kreis vom letzten zum ersten Vers des Gedichts. Dort hat es geheissen: Deine Augen sind Tauben. Auch die Taube als Tier der Liebesgöttin verweist in die transzendente Welt. In der Geliebten, ihren Augen, ihren Brüsten, ihrem Leib und Leben und ganzen Wesen wird das Göttliche, die Gottheit, wird Gott selber sichtbar.

---

Ich habe eingangs die jahrhundertealte allegorische Auslegung des Hohelied im Judentum und im Christentum erwähnt. Die Geliebte wird in dieser Tradition als Volk Gottes verstanden oder als Kirche, oder als meine eigene Seele. Jetzt, in der Schöpfungszeit, sei es erlaubt, diese allegorische Tradition weiterzuführen.

Die amerikanische Religionswissenschaftlerin und Ökoaktivistin Joanna Macy (* 1929) plädiert dafür, die Erde nicht als Selbstbedienungsladen und Müllhalde, sondern als Geliebte zu sehen:

„Erfahre die Welt als Geliebte! Dann wird alles, was ist, Ausdruck jenes ursprünglichen göttlich-erotischen Impulses sein – sofern du ein kluges, sehendes Auge dafür hast. Jener ursprüngliche Impuls nimmt eben JETZT in jedem von uns Gestalt an, in allem und jedem, dem wir begegnen.“

Dieses kluge, sehende Auge wünsche ich uns allen. Dieses Gespür für den ursprünglichen göttlich-erotischen Impuls. Unsere Beziehung zur Erde wird eine andere, wenn wir sie mit Augen der Liebe betrachten. Und ihren liebenden Blick sehen, der uns in allen Wesen entgegenkommt. Die Erde als Geliebte. Alles atmet Liebe. Alles ist gottvoll, alles pulsiert von göttlichem Leben, ist gestaltet von göttlicher Ordnung, durchdrungen von göttlichem Licht. Im Gesang aus der Deutschen Messe, der nun erklingt, heisst es:

"Noch lag die Schöpfung formlos da, nach heiligem Bericht:
Da sprach der Herr: Es werde Licht! Er sprach's und es ward Licht.
Und Leben regt und reget sich, und Ordnung tritt hervor.
Und überall, all überall, tönt Preis und Dank empor."

Überall, all überall: Bhüet eus, Gott! Amen.

Myrrhenberg und Weihrauchhügel: Manuskript des Impulses zu Hohelied 4, 6 anlässlich der Taizé-Feier vom 18. September 2020

"Bis der Tagwind weht
und die Schatten fliehen,
will ich zum Myrrhenberg gehen
und zum Weihrauchhügel." (Hld. 4, 6)

Die Wortkombination von Berg und Hügel beschreibt in der Bibel eine göttliche, numinose, von geheimnisvollen Segenskräften erfüllte Landschaft.

Von der „Segensfülle der ewigen Berge“, den „köstlichen Gaben der uralten Hügel“ ist die Rede in einem Segenslied in der Genesis, dem 1. Buch Mose (49, 26).

Diese heilige Qualität der Landschaft wird noch intensiviert durch die Metaphorik von Myrrhe und Weihrauch:

Myrrhe ist kostbar, exotisch, wohlriechend. Man verwendet sie in Form von Puder oder ausgelöst in Wasser. Hochzeitskleider und Himmelbetten werden damit parfümiert. Die mit Myrrhe verbundenen Assoziationen sind im Wesentlichen erotisch.

Weihrauch hingegen verbreitet eine kultisch-sakrale Atmosphäre, auch heute noch werden in katholischen und orthodoxen Kirchen Weihrauchfässer geschwungen. Der Duft ist schwer und betäubend süss.

Die Kombination von beidem, von Myrrhe und Weihrauch, von Erotik und Sakralität, generiert eine Intensität, wie sie dem „ganz Anderen“, dem Heiligen eigen ist.

Die Berge und Hügel sind also erfüllt, durchdrungen vom Göttlichen.

Es ist kein Zufall, dass die Verse aus dem Hohelied in der Nacht spielen: Bis der Tagwind zu wehen beginnt und die Schatten fliehen, heisst es, will der Dichter zum Myrrhenberg und zum Weihrauchhügel gehen.

Die Nacht ist die Zeit, in der uns die Augen aufgehen dafür, dass die Erde „gottvoll“ ist, wie die jüdische Dichterin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs sagt, erfüllt von Gott.

Kaiseraugst, 18. September 2020