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Bereitgestellt: 08.06.2020

Sonntagsbriefe-Sammlung

Foto Ihr seid ein Brief-GR<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>178</div><div class='bid' style='display:none;'>9211</div><div class='usr' style='display:none;'>42</div>
Liebe Leserin, lieber Leser
Hier der elfte und vorläufig letzte Sonntagsbrief. Inzwischen hat sich Gott sei Dank die Situation entspannt, und durch die Lockerungen der Corona-Massnahmen können die brieflichen und elektronischen Kontakte wieder mehr und mehr durch direkte, zwischenmenschliche Begegnungen abgelöst werden.

Für den letzten Sonntagsbrief habe ich eine Bibelstelle aus dem zweiten Korintherbrief gewählt, in dem Paulus zu seiner Gemeinde sagt: Ihr seid ein Brief Christi. Was kann das für uns heissen, gerade in dieser kommenden Pfingstzeit? Ich lade Sie ein, mit mir dieser Frage nachzugehen.

Von Herzen wünschen wir Ihnen frohe, geist-reiche Pfingsttage!

Im Namen des Pfarrteams und der Kirchenpflege
Christine Ruszkowski-Hauri
Christine RuszkowskiHauri,
Ihr seid ein Brief Christi
Wenn ich jeweils die Post aus dem Briefkasten hole, finde ich es immer schön, wenn ich mitten im Stapel von Zeitungen, Werbung und Rechnungen auch einen persönlichen Brief finde.
Bevor ich ihn öffne, schaue ich ihn mir gerne etwas genauer an, vor allem, wenn ich den Absender nicht sofort erraten kann. Meist verrät das Äussere des Briefes ja schon viel über dessen Inhalt. Ein Brief mit einer Hochzeitsanzeige sieht ganz anders aus als eine Todesanzeige, ein Geburtstagsbrief ganz anders als ein Austrittsschreiben.

Im 2. Korintherbrief verwendet der Apostel Paulus ein besonderes Bild: Er vergleicht seine Gemeinde mit einem Brief. Er schreibt:
3,2 Ihr selbst seid mein Empfehlungsbrief! Er ist in mein Herz geschrieben und alle können ihn sehen und lesen.
3 Für alle ist sichtbar: Ihr seid ein Brief von Christus, ausgefertigt und überbracht durch meinen Dienst als Apostel. Dieser Brief ist nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes. Er steht nicht auf Steintafeln, sondern in den Herzen von Menschen.


Diese Zeilen schreibt Paulus seiner Gemeinde in Korinth, weil seine Gemeindeglieder verunsichert sind. Fremde Missionare sind gekommen und versuchen, die junge Gemeinde gegen Paulus aufzuwiegeln. Sie behaupten, seine Lehre sei ohne Kraft, ohne Geist, sie selber hingegen würden den Korinthern nun die wahre Botschaft bringen.

In der Antike war es Brauch, dass sich ein Redner durch ein Empfehlungsschreiben legitimierte, um zu beweisen, dass er ein guter Rhetoriker mit einer wichtigen Botschaft war.
Offensichtlich haben die Gegner von Paulus Empfehlungsschreiben nach Korinth mitgebracht. Sie wollen den Christinnen und Christen damit imponieren und Paulus auf diese Weise ausstechen. Doch Paulus lässt sich nicht unter Druck setzen. "Ihr seid unser Brief, unser Empfehlungsbrief!“, schreibt er. Paulus hat es nicht nötig, sich von jemandem einen Empfehlungsbrief schreiben zu lassen, der bestätigt, dass er die Wahrheit über Jesus Christus erzählt. Er lässt sich in seinem Auftrag nicht beirren und stellt seiner Gemeinde die eindringliche Frage: Wie könnt ihr auf solche Empfehlungsbriefe hereinfallen? Was sagt schon ein Brief, von irgend jemandem geschrieben, darüber aus, ob diese Leute es ernst meinen mit euch oder nicht? Was sagen schon ein paar Worte, auf Papier geschrieben, darüber aus, ob diese Menschen euch auf den richtigen Weg führen wollen?
Ein Brief zählt nur etwas, wenn ihr den kennt, der den Brief geschrieben hat. Deshalb verzichte ich, Paulus, auf diese Art von Empfehlungsschreiben für meine Arbeit. Die einzige Empfehlung, die ich habe, das Einzige, woran man sieht, ob ich es ernst mit euch meine, seid ihr selbst und der, der mich zu euch gesandt hat. Ihr seid mein Empfehlungsschreiben. An euch, an eurer Haltung, an eurem Glauben, an eurem Leben soll offensichtlich werden, woran ihr glaubt und was es mit diesem christlichen Glauben auf sich hat.

Damals, zur Zeit des Paulus, waren also die Gläubigen in Korinther der Empfehlungsbrief.
Heute, fast zweitausend Jahre später, sind wir als Christinnen und Christen dieser Brief, von dem Paulus spricht. In unseren Kirchen und Gemeinden lebt das Evangelium weiter, das Paulus gepredigt hat. So wie damals diese ersten Gemeinden als Gemeinschaft den christlichen Glauben zu leben versuchten, und damit den Menschen um sie herum zu einem Brief wurden, so sind wir heute so etwas wie ein Brief, den andere Menschen lesen, die das Christentum nicht kennen oder ihm distanziert gegenüber stehen.
Wir sind ein Brief, den Menschen in die Hände bekommen, den sie betrachten, mit Neugier oder mit Missmut, und den sie dann entweder öffnen - oder beiseite legen, weil sie ohnehin schon zu wissen glauben, dass sein Inhalt sie nicht interessiert.

Paulus geht noch einen Schritt weiter. Er bleibt nicht bei der Aussage stehen, dass die Korinther sein Empfehlungsbrief sind. Sondern er fährt weiter und schreibt:
Ihr seid ein Brief von Christus. ... Dieser Brief ist nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes. Er steht nicht auf Steintafeln, sondern in den Herzen von Menschen.

Paulus betont, dass der eigentliche Absender des Briefes Christus selbst ist – oder sein soll, und dass deshalb die Gemeinde ein Brief Christi ist.

„Ein Brief Christi“ – können wir das überhaupt sein? Ist es uns möglich, unser Leben so zu gestalten, dass wir, auch nur ansatzweise, Christus durchscheinen lassen durch die Art wie wir leben und glauben?
Ich glaube, wenn wir ehrlich sind mit uns selber, müssen wir diese Frage oft mit "nein" beantworten. Häufig gelingt es uns nicht, das zu verwirklichen, was wir gerne möchten. Es ist nicht einfach, das Einzigartige und Revolutionäre, aber auch das Bescheidene und Demütige, das Jesus Christus in diese Welt gebracht hat, im ganz praktischen Alltag umzusetzen. Wir kommen schnell an unsere Grenzen. Und auch die Situation unserer Kirche heute erfüllt uns nicht gerade mit Optimismus. Das Desinteresse, das viele Menschen dem Glauben und der Kirche entgegenbringen, zeugt nicht davon, dass es uns gelingt, ansprechende Briefe von Christus zu sein.

Doch besinnen wir uns zurück auf die Situation von Paulus: Auch damals, als er so stark angegriffen wurde, in einer Zeit, in der Glieder der Gemeinde in Korinth ihm den Rücken kehrten und sich anderen Predigern zuwandten, - auch in einer solchen Krisenzeit ist Paulus überzeugt: Ihr seid ein Brief Christi. Ihr seid es, ihr könnt es sein, weil nicht ich, Paulus, diese Botschaft in euch hineingelegt habe, sondern der, der mich berufen und gesandt hat, Jesus Christus selbst. Paulus hält unbeirrt daran fest: Auch wenn wir manchmal Briefe in einem unattraktiven, grauen Couvert, mit einer schwer leserlichen Schrift, mit einer wenig kraftvollen Sprache sind: Das Evangelium ist eine Botschaft voller Kraft, Liebe und Vergebung, die sich ihren Weg bahnt zu den Menschen. Es hat die Kraft, durch das Grau hindurch zu leuchten, Menschen anzusprechen und zu begeistern.

Aus uns selber heraus schaffen wir es nicht, Briefe Christi zu sein. Aber das müssen wir auch nicht. Wir brauchen Gottes Geist, den Geist von Pfingsten. Als Briefe von Christus haben wir die schöne, manchmal auch schwere Aufgabe, die Botschaft der Bibel zu übersetzen in unser Leben, hineinzubringen in die Welt, in der wir leben.
Paulus hat das Evangelium von Jesus Christus so „übersetzt“, dass die Gemeinde in Korinth es in ihrer besonderen Situation verstehen konnte. Unsere Aufgabe heute ist es, diese Botschaft so umzusetzen, dass wir selber sie verstehen können - und dass sie auch von anderen verstanden werden kann. Übersetzen ist keine einfache Arbeit. Übersetzen heisst Verantwortung übernehmen, deuten und interpretieren. Und wie bei jeder Übersetzung passieren manchmal Fehler. Es wird uns nie gelingen, perfekte Briefe Christi zu sein.
Aber ein unvollkommener Brief ist trotzdem viel besser als gar keiner. Ich glaube, wir dürfen uns von der Zuversicht von Paulus anstecken lassen und darauf vertrauen, dass Gottes Geist, seine Kraft, auch uns geschenkt wird und uns den Weg weist.
So gesehen ist es nur gut, dass wir nach der langen Corona-Zeit genug haben vom Briefe, Mails und Nachrichten schreiben. Nun dürfen wir uns wieder treffen, miteinander austauschen, uns erzählen, was uns bewegt. Nun dürfen wir wieder selber Briefe sein. Ich wünsche Ihnen Gottes Segen dazu!

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