Sonntagsbrief

Mein Testament<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-rheinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>178</div><div class='bid' style='display:none;'>9203</div><div class='usr' style='display:none;'>42</div>
Ein Testament schreiben? Soll ich das tun? Und wenn ja, wann und wie? Melden sich solche Gedanken, so verdanken wir sie einem geschärften Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens. Ich nehme an, dass dieses Bewusstsein nicht mit der ersten Corona-Infektionswelle verschwinden wird, die wir gerade einigermassen glimpflich überstanden haben. Denn Vergänglichkeit ist ein Aspekt des Lebens, der zu jeder Zeit gilt. Und das Thema Testament ist mit dem Christentum sehr stark verflochten. Ich freue mich, wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich mit mir auf eine kleine Entdeckungsreise machen und die Bedeutung des Testaments erkunden wollen. Viele andere Reisen können Sie dieses Wochenende eh nicht unternehmen ;-)
Ihr Leszek Ruszkowski
Leszek,
Mein Wille geschehe

Mein Wille geschehe? Das ist nicht wirklich der Wortlaut einer Bitte aus dem bekanntesten Gebet dieser Welt. Beim Abfassen eines Testaments geht es jedoch genau darum: dass mein Wille in die Praxis umgesetzt wird.

Wohlverstanden: In diesem Sonntagsbrief finden Sie keine rechtlichen oder praktischen Tipps zur Anfertigung eines Testaments. Dafür gibt es andere, kompetente Stellen. Ich möchte vielmehr nach der philosophischen und religiösen Bedeutung eines Testaments fragen. Was geschieht denn eigentlich, wenn ich zu Füllfeder und Papier greife und handschriftlich eine letztwillige Verfügung niederschreibe?

Verlängerung der eigenen Existenz
So viel scheint klar: Wenn ich ein Testament aufsetze, nehme ich Einfluss darauf, was auf der Welt geschieht (im Kleinen oder im Grossen), über den Zeithorizont meines Lebens hinaus. Eine letztwillige Verfügung garantiert, dass meine Worte und Willensäusserungen noch gelten, wenn ich nichts mehr sagen kann. Irgendwie komisch. Ich bin tot, aber ich übe Macht aus. Damit überwinde ich ein Stück weit die Grenze des Todes. Das Testament ist demnach nicht nur ein Blatt Papier. Es ist ein Stück Existenzverlängerung des Erblassers. Und noch etwas scheint mir klar: Wer von Daseinsverlängerung spricht, betritt das ursprüngliche Terrain der Religionen. Darin sind sich ganz unterschiedliche Religionsphilosophen einig: "Die Religion arbeitet an der Überwindung des Todes" (Hartmut Böhme). Somit hat ein Testament nicht nur eine juristische Bedeutung, sondern im Kern auch eine religiöse.

Und was ist mit Gott?
Vielleicht brennt Ihnen diese Frage schon auf der Zunge, seit Sie den Titel dieses Sonntagsbriefs gesehen haben. Zum Stichwort „Testament“: Setzt sich die christliche Bibel nicht aus zwei Testamenten zusammen, aus einem alten und einen neuen Testament? Steckt da nicht die Vorstellung dahinter, dass auch Gott so etwas wie ein Testament geschrieben hat?

Das hätten doch die Vertreter der "Gott ist tot"- Philosophie genüsslich aufgreifen können, um über einen Gott zu spotten, der ein Testament hinterlässt und so quasi selber ihre These bestätigt, dass er sterben muss oder schon gestorben ist. Meines Wissens hat das aber keiner dieser Leute gemacht – ich habe sie jedoch nicht alle gelesen. Der Grund dafür mag simpel sein. Den Begriff „Testament“ für die heiligen Schriften des Christentums einerseits und für eine letztwillige Verfügung andererseits bringen wir eigentlich kaum je in Verbindung. Das war aber nicht immer so.

Die Griechen sind schuld
Das Alte Testament spricht kein einziges Mal von einem Testament. Oder etwas genauer gesagt: der hebräischen Bibel, die wir seit dem berühmten Bibel-Übersetzer Hieronymus (4./5. Jahrhundert) als Altes Testament bezeichnen, ist der juristische Begriff "Testament" nicht bekannt. Das hebräische Wort für Bund (berit) kommt darin aber knapp 290 Mal vor. Dabei geht es häufig um einen Bund zwischen Gott und seinem Volk. Aber auch Bündnisse, Verträge und Allianzen zwischen Völkern oder Individuen werden mit diesem Wort bezeichnet, zum Beispiel auch der Freundschaftsbund zwischen David und Jonathan (1Sam 18,3). Nun, bei der Übersetzung ins Griechische wurde dieses Wort für Bund in den allermeisten Fällen mit "diatheke" wiedergeben, mit einem Begriff, der auf Griechisch sowohl „Bund“ wie auch „Testament“ bedeuten kann. Im Neuen Testament dann, das ja auf Griechisch verfasst wurde, gibt es mehrere Stellen, bei denen sich die Deutsch-Übersetzer den Kopf darüber zerbrechen müssen, ob hier nun ein Bund oder ein Testament gemeint sei. Das griechische Wort ist ja das Gleiche. Gerade in den Abendmahlsworten Jesu schwanken die Übersetzungen. Luther übersetze Matthäus 26,28: "Das ist mein Blut des newen Testaments" – ähnlich King James Bible auf Englisch, weil die Abschiedssituation vor dem baldigen Tod ein Vermächtnis suggeriert, das einem Testament ähnelt. Die meisten modernen Übersetzungen für diesen und die Paralleltexte aber entscheiden sich für das Wort Bund, weil im Kontext vom Blut die Rede ist und das Blut eine wichtige rituelle Rolle bei der Schliessung eines Bundes im alten Israel spielte.

Der Unterschied nicht riesig aber bedenkenswert
Ob in einem Bund oder in einem Testament: der Wille für die Zukunft wird verbindlich festgelegt. Ein klarer Unterschied liegt natürlich darin, dass ein Bund im Normalfall von Gleichberechtigten geschlossen wird. Ein Testament wird hingegen einseitig verfügt. Welcher Begriff passt besser zum Verhältnis zwischen Mensch und Gott? Ein Vertrag zwischen Ebenbürtigen ist es eindeutig nicht, auch wenn der Begriff Bund schöner tönt als Testament. Der Bund, den Gott mit den Menschen schliesst, ist eher eine Verfügung - Gottes Plan für seine Menschen, eben ein Testament, wenn auch nicht ganz einseitig, weil es angenommen oder ausgeschlagen werden kann. Wer "Dein Wille geschehe" betet (und es auch so meint), nimmt das "Testament" an: Gottes Vermächtnis für unser Leben.

Das Testament wird mit dem Tod wirksam
Nein, Gott ist nicht tot. Davon ist mittlerweile wohl auch Nietzsche selbst überzeugt. Im Hebräerbrief wird aber eine geheimnisvolle Verbindung zwischen dem Tod und dem Bund mit Gott hergestellt. Ein Testament wird erst mit dem Tod wirksam, und ein Bund wird durch Blut besiegelt, schreibt der Autor dieses Briefes (Hebräer 9,17). Er verbindet darin die Gedankenwelten der Heiden und der Hebräer. Der neue Bund in Christus wurde durch sein Blut besiegelt und ist durch seinen Tod wirksam geworden. Christi Leben und Sterben ist ein Vermächtnis, dessen Bedeutung sich auch in unserer Welt entfalten kann und soll.

Und mein Testament?
Materielles zu regeln mag manchmal wichtig sein für die Nachkommen. Aber darauf kommt es letztlich im Leben nicht an. Viel wichtiger scheint mir, nicht bestimmte Güter, sondern Spuren der Güte und der Liebe zu hinterlassen. Das darf ich wohl als ein lohnenswertes Lebensziel bezeichnen. Es geht um eine gute Saat. Diese wird vielleicht erst aufgehen, wenn ich nicht mehr da bin. Ein Vermächtnis ist aber immer dazu bestimmt, mich zu überdauern.
Mir wird gerade bewusst: Diese Art Testament sollte ich jeden Tag schreiben. Ich brauche dazu weder Tinte noch Papier.

Dokumente

Hier kann man die Zustellung des Sonntagsbrief direkt bestellen

Ob per Post oder per Email: der Sonntagsbrief soll den Weg zu Ihnen finden!
Vorname*
Name*
Adresse
PLZ
Ort
Telefon
E-Mail
Bemerkung
Elektronisch oder per Post?*
Sagen Sie uns wie der Sonntagsbrief zu Ihnen soll kommen.
  * Pflichtfeld (Bitte alle Pflichtfelder ausfüllen)